Speziesismus

Unendliches Leid der Zungen

Der Ausdruck stammt vom Psychologen Richard Ryder, welchem laut eigenem Bericht in der Badewanne plötzlich die Erleuchtung kam, alle Welt mit einem neuen Zungenbrecher zu beglücken, obwohl diesbezünglich bereits Fischers Fritze und Co. hervorragende Dienste leisten. „Speziesismus“ ist also ein Geschenk von jemandem, der zu heiß gebadet hat, für Leute, die zu heiß gebadet sind

Inhaltlich handelt es sich dabei um einen schlichten Kategorienfehler, den jeder erkennen kann, der seinerzeit in der Sesamstaße „Eins von den Dingen ist nicht wie die anderen“ geschaut hat. „Speziesismus“ ist onomatopoetisch Begriffen wie Rassismus und Sexismus nachgebildet. Er soll so etwas bedeuten wie: Bevorzugung des Menschen nur aufgrund seiner Spezieszugehörigkeit. Das allerdings ist ein Strohmann. Die Spezieszugehörigkeit fungiert nämlich als Kriterium, nicht als Grund. Der Grund, warum Menschen moralischen Status und Menschenrechte haben, liegt in bestimmten Eigenschaften, die nur Menschen besitzen (dazu gleich mehr).

Lassen wir also den Strohmann weg, lautet das Argument der „Antispeziesisten“ folgendermaßen: So, wie (z.B.) Farbige und Frauen diskriminiert wurden und werden, würden auch bestimmte Tierarten diskriminiert – und zwar mit Hilfe eines Kriteriums, welches nur dem Zweck diene, ihnen moralischen oder gar rechtlichen Status vorzuenthalten. Dieses Kriterium ist die Vernunft. Für schlichte Gemüter ist das natürlich einleuchtend. Mit der Vernunft ist es auch bei ihnen nicht weit her; außerdem klingt „Speziesismus“ ähnlich wie „Sexismus“ und „Rassismus“, allerdings auch wie „Feminismus“. Die Probleme, das Wort korrekt auszusprechen, beanspruchen bereits die gesamte geistige Kapazität derjenigen, die „Speziesismus“ für ein Zauberwort halten, das alle Gegner in Acht und Bann schlägt. Sie sind so stolz darauf, dieses Wort überhaupt zu kennen, dass sie gar nicht verstehen, wie jemand davon nicht beeindruckt sein kann. 

Finde den Fehler

Rassismus und Sexismus sind als Begriffe auf Menschenwürde und die damit begründeten Menschenrechte bezogen. Worin besteht die Menschenwürde? Sie besteht darin, dass Menschen in der Lage sind, über ihre Belange selbst zu bestimmen. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, Wünsche zweiter Ordnung zu haben, also höherstufige Wünsche auf Wünsche niedrigerer Stufe beziehen und letztere damit neutralisieren zu können. 

Wichtig: Kein Tierphilosoph, kein Tierbefreier, kein Tierrechtler, kein Verhaltensbiologe behauptet, dass diese Fähigkeit bei Tieren nachgewiesen ist. Keiner! Das verwundert auch wenig, denn hätten Tiere diese Fähigkeit, könnten sie über ihre Belange selbst bestimmen und wären damit Urheber ihres Tuns. Dieses müsste ihnen dann nolens volens als Verdienst oder Verschulden zugeschrieben werden. Sie wären damit auch im juristischen Sinne voll verantwortlich.

Das Argument gegen Rassismus und Sexismus ist, dass sowohl (z.B.) Farbige als auch Frauen nachweislich oben genannte Fähigkeit durchschnittlich in gleichem Maße haben wie weiße Männer. Sie haben die gleiche Würde. Ihnen müssen daher Menschenrechte in gleichem Maße gewährt werden, wie sie auch weißen Männern gewährt werden. Diskriminierte Menschen werden in der Regel von außen daran gehindert, über ihre Belange selbst zu bestimmen. Andere Entitäten – Tiere, Pflanzen, Steine, Artefakte – werden von innen daran gehindert, da sie konstitutionell dazu gar nicht in der Lage sind. Ihnen wird also durch „Ungleichbehandlung“ nichts genommen. Im Gegenteil: Ungleiches ungleich zu behandeln, ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Nur Menschen können diskriminiert werden. Bei anderen Entitäten hat der Begriff keinen Sinn. 

Schwamm drüber?

Kommen wir zurück auf die Sesamstraße: Eins von den Dingen ist nicht wie die andern. Rassismus und Sexismus gehören, da sie auf benannte Fähigkeit bezogen sind, in ein und dieselbe Kategorie. „Speziesismus“ hingegen bezieht sich auf andere Fähigkeiten bzw. Eigenschaften, bei Ryder explizit auf die Leidfähigkeit. Der Begriff wird also uneigentlich, bloß in Analogie verwendet. Gleichwohl treten diejenigen, welche ihn verwenden, so auf, als wäre tatsächlich eine logische Äquivalenz vorhanden.

So etwas nennt man einen „performativen Selbstwiderspruch“. Der „Sprechakt“, also die sprachliche Performance, passt nicht zum Inhalt. Erst recht passen alle manifesten Aktivitäten von Tierbefreiern, Tierrechtlern und ähnlichen nicht zum Inhalt dessen, womit sie diese Aktionen begründen. Sie passen nur in dem Sinne dazu, dass umso lauter geschrien, umso brutaler gehandelt wird, je schlechter die rationale Begründung ausfällt.

Nun ist Leidfähigkeit eine weit schwammigere Bestimmung als die Fähigkeit zu Wünschen zweiter Ordnung. Letztere ist definitorisch klar und empirisch evident – also so offensichtlich, dass sie keiner expliziten Begründung bedarf. Alle unterstellen diese Fähigkeit im täglichen Leben, auch Tierrechter und Co. Andernfalls hätte es für sie keinen Sinn, die „bösen Fleischesser“ bekehren zu wollen. Diese könnten ihren Wunsch niederer Ordnung nach Fleisch gar nicht durch den Wunsch höherer Ordnung neutralisieren, den Fleischkonsum zu unterlassen. Aus rationaler Perspektive stellt sich also die Frage, warum man eine derart klare und trennscharfe Bestimmung durch eine unklare und unscharfe ersetzen sollte.  

Alle töten?

Diese Frage ist umso dringlicher angesichts des Umstands, dass die „Antispeziesisten“ mit ihren unklaren Bestimmungen in der Regel umfassende Tötungsverbote begründen wollen. Es ist aber gar nicht ohne Widerspruch möglich, aus der unterstellten Leidfähigkeit ein generelles Tötungsverbot abzuleiten. Schlimmer noch. Ist Leidvermeidung oberstes oder gar einziges Prinzip, kann der Konsequenz umfassender Tötungsgebote nur schwer ausgewichen werden (negativer Utilitarismus). Um dieser Konsequenz auszuweichen, sind umständliche Rechnungen über Nettoleid oder Durchschnittsleid vonnöten, die niemals so verbindlich sein können wie die auch von Tierrechtlern de facto anerkannte Menschenwürde im oben genannten Sinn.

Der Tatsache, dass Tiere leiden können, wird bereits im traditionellen Tierschutz Rechnung getragen. Der Tierschutz ist Ausdruck von Milde und Gnade, nicht von streng rationaler Ethik. Streng rational kann immer nur der moralische Status von Menschen begründet werden, einschließlich des Tötungsverbots bzw. des Lebensrechts. Wer es mit anderen bekannten Entitäten versucht, wird immer scheitern. Die geistigen Verrenkungen der „Antispeziesisten“ sind arguemtativ aussichtlos und – nennen wir das Kind beim Namen – unglaublich dumm.

Splitter und Balken – das geht ins Auge!

Nehmen wir nur für einen Moment an, der Grund, Menschen die gleichnamigen Rechte sowie moralischen Status zuzugestehen, sei tatsächlich willkürlich und diene nur dem Zweck, alle anderen Entitäten draußen zu halten. Inwiefern wären dann die „antispeziesistischen“ Versuche rational überlegen? Denn das Gleiche kann man von jedem Versuch behaupten, der nicht allem und jedem, was in der Welt existiert, moralischen Status sowie Lebens- und Existenzrecht zuweist. Bildet man aus der Gesamtheit eine Teilmenge, dann bedeutet dies stets, den Rest auszuschließen.

Die Versuche der „Antispeziesisten“, sinnvolle Teilmengen zu bilden, sind schon aus logischen Gründen kläglich. Man kann all ihr Tun ebenfalls unter den Begriff „Speziesismus“ subsumieren – und zwar mit weit mehr Recht, als das Tun der vermeintlichen Speziesisten. Werden nur „leidfähige“ Wesen berücksichtigt, lässt sich dies ohne Weiteres als Diskriminierung anderer Entitäten darstellen. Schließlich wird ein „Feature“ herausgegriffen, bloß um die vermeintlich zum Leid Unfähigen draußen zu halten. Warum? Wer am lautesten Aua schreit, kommt in den Club?

Ulkigerweise hat Richard Ryder selbst das schöne Wort „Painism“ erfunden – zu Deutsch wohl „Schmerzismus“. Damit ist aber nicht etwa die Diskriminierung aller schmerzunfähigen Entitäten gemeint – zum Beispiel von Nacktmullen oder Menschen mit angeborener Schmerzlosigkeit. Ryder benutzt das Wort, um seine ethische Theorie zu begründen, wonach es der Zweck von Moral sei, ganz allgemein den Schmerz möglichst zu beseitigen, weil Schmerz laut Ryder das Übel schlechthin sei. 

Darüber mag man streiten bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Und das ist als solches bereits ein Problem. Denn die traditionelle Ethik, gegen welche die „Antispeziesisten“ opponieren, arbeitet ja schon lange mit weitgehend unstrittigen Tatsachen. Nichts ist logisch so eng mit Moral verknüpft wie die Fähigkeit zu derselben. Diese Fähigkeit haben nach bisheriger Erkenntnis nur Menschen.

Lob und Tadel

Um auch hier für Klarheit zu sorgen: Moral bedeutet, nicht nur sichtbares Verhalten, sondern auch Absichten und Überzeugungen nach abstrakten Regeln zu bewerten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dies irgendein Tier könnte. Deshalb behauptet es auch kein Verhaltensbiologe. Eine kluge Tierrechtlerin wie Christine Kosgaard sagt klipp und klar, dass nur Menschen zur normativen Selbststeuerung fähig sind.

Das gestehen die „Antispeziesisten“ – siehe oben – selbst ohne Unterlass ein, da sie nicht auf die Idee kommen, ihre Lieblingstiere zu verklagen, wenn sie „Böses“ tun und Kapitalverbrechen wie Mord, Totschlag, Raub begehen. Diese Begriffe sind in Bezug auf Tiere genauso sinnlos wie die positiven Zuschreibungen, mit denen ethische Vegetarier nicht geizen. Der Schatten des Lobes ist aber der Tadel. Wo man nicht tadeln kann, kann man auch nicht loben.

Lange bevor die „Antispeziesisten“ mit ihrem Unfug anfingen, gab es bereits einen klaren Grund und ein klares Kriterium für moralischen Status und Menschenrechte. Grund ist die altbekannte Vernunft in Gestalt von Autonomie und Moralfähigkeit. Kriterium ist die Zugehörigkeit zu der einzigen Spezies, die dazu in der Lage ist: Homo sapiens.

Das von „Antispeziesisten“ gern geäußerte Argument der „Grenzfälle“ (marginal cases) wird hier nicht weiter besprochen. Nur so viel: Es trifft selbstverständlich auch auf alle denkbaren Entitäten zu, die außer Menschen moralischen Status bekommen sollen. Immer gibt es Exemplare, die Eigenschaft x oder y im Moment oder dauerhaft nicht haben. Menschen fehlt aber im Falle des Falles die Fähigkeit zur normativen Selbststeuerung nicht in identischer Weise, wie sie einem Tier oder einem Stein fehlt. Dazu mehr in meinem Buch.

Fazit

Wie immer und überall fallen Moralvegetarier in die Grube, die sie anderen graben. Ihr Tun besteht ausschließlich darin, ihre eigenen logischen und moralischen Probleme auf andere zu projizieren, anstatt sich einzugestehen, dass sie rational und moralisch auf verlorenem Posten stehen. 

Rechtfertige dich! – oder auch nich

Moralveganer sind oft der Ansicht, dass andere sich vor ihnen dafür rechtfertigen müssen, nicht „vegan zu leben“. Doch wieso sollte sich jemand, der die veganen Normen gar nicht anerkennt, dafür rechtfertigen, sie nicht einzuhalten?

Rechtfertigungsbedürftig ist vielmehr, warum Veganer die von ihnen postulierten Gebote ohne Unterlass brechen. Wenn sich jemand moralisch dazu verpflichtet, nach Möglichkeit alles zu unterlassen, was auf „Tierausbeutung“ und –tötung beruht, stellt sich die Frage, warum diese Person dennoch jeden Tag die Annehmlichkeiten der modernen technischen Zivilisation in Anspruch nimmt, die angeblich samt und sonders auf „Tierausbeutung“ und –tötung beruhen. Zum Beispiel die Nutzung des Internets, was ohne elektrische Geräte nicht möglich ist, die wiederum allesamt Kupfer enthalten, der mit Knochenleim inhibiert wird. 

Wie gesagt: Das moralische Problem haben nur Personen, die sich auf oben genanntes Gebot verpflichtet haben. Andere – die „bösen“ Fleischesser zum Beispiel – haben dieses Problem jedoch nicht. Da sich die Veganer nicht auf allgemein anerkannte Normen stützen können, um genau diese Normen gegen die „Normalmenschen“ in zu Stellung bringen, bleibt das Ganze allein ihre Sache. Allgemein gilt schließlich seit vielen Jahrtausenden, dass die Nutzung und Tötung von Tieren moralisch legitim sei.

An verbreitete „Intuitionen“ der Bürger können Veganer nicht anknüpfen. Das müssen sie auch nicht. Aber dann müssten sie einen erhöhten Begründungsaufwand betreiben, um andere überzeugen zu können. Davon kann aber keine Rede sein. Sie strampeln und schreien nur. Ihre „Argumentationen“ sind durchweg zirkulär, setzen immer schon voraus, was zu beweisen wäre – zum Beispiel die Gleichheit von Menschen und (bestimmten) Tieren in ethischer Hinsicht.

Entweder, unsere Gesellschaft ist – wie die meisten Moralveganer behaupten – von Tierausbeutung, Tierleid und „unnötigem Tiertod“ durchdrungen. Dann laden sich die Moralveganer selbst eine hohe Bürde auf, wenn sie ihre moralischen Prinzipien ernst nehmen. Dann müssten sie weitgehend ohne zivilisatorische Segnungen auskommen und ein zurückgezogenes Leben führen. Denn je mehr sie an einer von Tierausbeutung durchdrungenen Gesellschaft partizipieren, desto mehr Tierleid und –tod verursachen sie.

Da es ohne Weiteres möglich ist, auf niedrigem zivilisatorischem Niveau zu leben, müssten sie sich selbst immerzu die Frage stellen, warum sie es dann partout nicht tun. Stattdessen schlagen sie andere mit der Behauptung tot, man könne „ganz leicht“ auf Tierprodukte verzichten. Wenn es so leicht ist – warum tun es die Veganer dann nicht?

Ist nun die Gesellschaft nicht von Tierausbeutung usf. durchdrungen, dann erscheint das gesellschaftliche Problem nicht annähernd so groß, wie die Moralveganer behaupten. Damit aber hätten weder ihr Aktivismus noch ihre moralischen Anklagen noch ihre Gleichsetzungen von menschenverursachtem Tierleid mit Unrechtssystemen eine Grundlage. Sie müssten sich daher fragen, ob ihr Handeln verhältnismäßig ist. Vegane Gebote sind entweder zu unverbindlich („nach Möglichkeit …“) oder zu streng und damit unerfüllbar. Eine so strukturierte „Ethik“ taugt nicht zum praktischen Leben unter Normalbedingungen, sondern kommt erst im permanenten Ausnahmezustand des auf Dauer gestellten Fanatismus zu sich selbst.

Das alles würde bei einigermaßen rationalen Menschen zur Folge haben, die eigenen Normen zu überdenken und zu verwerfen. Moralveganer tun das Gegenteil und pflegen ihre Paranoia, indem sie ihre selbstgeschaffenen moralischen Dilemmata auf alle anderen projizieren. Es nimmt daher nicht wunder, dass nicht nur bösartige Dummköpfe, sondern vor allem psychisch Angeschlagene, narzisstisch Gestörte und ähnliche Personen vom ethischen Veganismus magisch angezogen werden.

Statt sich die eigene „Verrücktheit“ einzugestehen, wird alles dafür getan, die ganze Welt verrückt zu machen, damit man sich selbst für normal und moralisch vorzüglich halten kann. Leider ist zumindest die westliche Welt aufgrund allgemeiner Dekadenz dafür nur allzu empfänglich.

Das wird böse enden.

Lauterbach und Kant

Anfang des Jahres 2022 hatte Karl Lauterbach eine „philosophische Phase“, in welcher er kurz hintereinander Hegel und Kant bemühte, um die Coronamaßnahmen sowie im Speziellen die Impfpflicht zu begründen. Während er von Hegel lediglich einen Satz zitierte, den Hegel nie geäußert hatte, wurde er bei Kant etwas konkreter. Wer die Impfung verweigere, verstoße gegen den Kategorischen Imperativ. Gemeint ist die Gesetzesformel desselben, welche lautet:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde. 

Lauterbach erläutert diese Formel selbst in seiner Doktorarbeit auf Seite 33. Eine Maxime ist Kant zufolge ein Prinzip des Willens, nicht eine einzelne Handlung oder ein bloßer Wunsch. Verallgemeinerbar müssen die Maximen sein, die der jeweiligen Handlung zugrundeliegen. Maximen sind abstrakter als Handlungen. Nur so ergibt der Kategorische Imperativ Sinn. Wenn ich heute im 23 Uhr schlafen gehe, braucht diese Handlung nicht allgemeines Gesetz werden zu können, um moralisch korrekt zu sein.

Kategorisch oder hypothetisch?

Nun meint Lauterbach, dass eine Verweigerung des Impfangebots „nie die Maxime des Handelns für uns alle sein“ könne. „Wenn wir uns alle weigern würden, die gut erforschte und nebenwirkungsarme Impfung zu nutzen, um uns selbst vor Tod und schwerer Krankheit zu schützen, würden wir die Pandemie wahrscheinlich nie beenden können.“

Die Verweigerung eines konkreten Impfangebots kann tatsächlich nie die Maxime des Handelns für uns alle sein, und zwar deshalb, weil sie nicht abstrakt genug ist. Lauterbach müsste also erst einmal eine Maxime formulieren. Das tut er aber nicht. Statt eines kategorischen Imperativs formuliert er einen hypothetischen Imperativ. Mit der Impfung soll die Pandemie beendet werden. Der Imperativ des Gesundheitsministers lautet also schlicht: „Lasst euch impfen, wenn ihr die Pandemie beenden wollt.“

Mit Kant hat das überhaupt nichts zu tun. Denn laut Kant ist ein Imperativ nur kategorisch, wenn er frei von aller Empirie ist. Es geht nur darum, ob eine Maxime überhaupt zum Gesetz taugt, da sie andernfalls nicht verbindlich ist. Zum Gesetz taugt sie nur dann, wenn sie ohne logischen Widerspruch gedacht oder gewollt werden kann. Kann sie nicht gedacht werden, verletzt sie strenge Pflichten; kann sie nicht gewollt werden, verletzt sie minder strenge Pflichten.

Lauterbachs Maxime – die er uns nicht mitteilt – kann sich nur auf die weniger strengen Pflichten beziehen, denn er will ganz offenbar sagen, dass allgemeine Verweigerung von Covid-Impfstoffen nicht ohne logischen Widerspruch gewollt werden kann. Konsistent denken lässt sie sich allemal. Es wäre nun interessant zu erfahren, wo ein Widerspruch zur ungenannten Maxime vorhanden ist, der es unmöglich macht, die Covid-Impfung nicht zu wollen. Doch dazu schweigt der Minister.

Geht es lediglich um den Zweck, die Pandemie zu beenden, ist kein Platz für kategorische Imperative. Dann diskutiert man über diesen Zweck im Hinblick auf andere Zwecke sowie über geeignete Mittel. Was letzteres betrifft, gibt es sicher bessere Mittel als die Massenimpfung. Lauterbach könnte zum Beispiel zusammen mit der Regierung die Pandemie für beendet erklären oder sich auf präzisere Messmethoden stützen, was die Infektionsraten betrifft (siehe hier, S. 37 ff). Dann wäre die Pandemie sofort verschwunden. Lauterbach brauchte also nur die Resultate von John Ioannidis anzuerkennen, anstatt letzteren als „extrem umstritten“ abzuqualifizieren. Der Kategorische Imperativ ist jedenfalls das Abseitigste, was man in diesem Zusammenhang bemühen kann.

Bock und Melker

Man fragt sich also, was der Bezug auf Kant überhaupt soll. Denn um es für ein triftiges Argument halten zu können, dass die Impfverweigerung gegen den Kategorischen Imperativ verstößt, muss man erst einmal die Kant’sche Ethik für triftig halten. Um dies zu können, muss man Kants Ethik aus eigenem Studium kennen. Das dürfte aber nur bei sehr wenigen Bürgern der Fall sein. Wer keinen Schimmer hat, mag also zu Recht erwidern: „Kant? Kenn ich nicht. Mir doch egal, was irgendein Typ ausgebrütet hat!“ Unter den Sachkundigen wiederum gibt es viele, die der Kant’schen Ethik ablehnend gegenüberstehen. Dort kann ebenfalls keine große Fangemeinde rekrutiert werden. Die Behauptung Lauterbachs wäre also nur für diejenigen von Bedeutung, welche die Kant’sche Ethik sachkundig anerkennen.

Lauterbach wollte aber gewiss nicht das kleine Häuflein kompetenter Kantianer überzeugen, die es im Lande noch gibt. Diese würden aller Wahrscheinlichkeit nicht einmal müde lächeln. Schließlich ist seine Behauptung nichts anderes als das säkulare Pendant zum Spruch „Jesus hätte sich impfen lassen“, über welchen alle Hohlköpfe mit „rational-aufklärerischem Weltbild“ gerne die Nase rümpfen. Genau bei diesen Halbgebildeten will Lauterbach anscheinend Eindruck machen.

Gibt man dieser großen und medial präsenten Schar etwas, womit sie sich überlegen fühlen kann, fällt sie klügelnd über alle anderen her – vor allem in den sozialen Netzwerken. Das hat schon hervorragend mit dem „exponentiellen Wachstum“ funktioniert, von welchem „Coronaleugner“ vermeintlich nichts verstehen. Nun – o Sünde – verstehen sie noch nicht einmal etwas vom Kategorischen Imperativ. Untergang des Abendlandes! Dabei dürfte kaum einer von ihnen jemals nur eine Zeile aus einem Origninalwerk Kants gelesen haben. Der philosophierende Gesundheitsminister und seine imaginären Getreuen geben also – um Kant selbst zu zitieren – den „belachenswerthen Anblick […], daß einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andre ein Sieb unterhält.“ 

Niemals lügen!

Lauterbach hat den Kategorischen Imperativ nicht bemüht, um die Menschheit neutral darüber zu informieren. Er identifiziert sich auch verbal mit selbigem. Die Frage ist aber, wie er dies mit seinem eigenen Tun in Einklang bringen will. Berühmt-berüchtigt ist nämlich Kants vollständige Absage an das Lügen. Hier zeigt sich die unerbittliche Strenge des Kategorischen Imperativs. Eine Welt, in der alle lügen, ist im wörtlichen Sinne undenkbar. Der Begriff der Lüge setzt Wahrheit voraus. Lügen bedeutet, bewusst die Unwahrheit zu sagen. Wenn jeder lügt, gibt es keine Wahrheit mehr, womit es auch keine Lüge mehr gibt. Sein Ziel erreicht der Lügner nur, wenn er als Parasit der Wahrhaftigen agiert. Lügen kann man nur dort, wo es die Nichtlüge gibt. Weil es als Maxime nicht einmal gedacht werden kann, ist Lügen eine Verletzung strenger Pflichten. Kant zieht daraus die Konsequenz, dass Lügen niemals, unter keinen Umständen statthaft ist. Das gilt auch für jegliches „Lügen aus Menschenliebe“.

Allein durch seine Karriere als Politiker gerät Lauterbach in begründeten Verdacht, sich nicht wirklich mit dem Kategorischen Imperativ zu identifizieren, obwohl dieser beim Thema Lügen logisch am stringentesten ist. Auf die Frage eines Interviewers, was falsch daran sei, die Wahrheit zu sagen, antwortete Lauterbach:

Die Wahrheit führt in sehr vielen Fällen zum politischen Tod, ich bitte Sie!

Er spricht hier erfrischend ehrlich aus, was der Fall ist, ohne sich expressis verbis damit zu identifizieren. Das „Ich bitte Sie“ kann so etwas wie „Seien Sie doch nicht so naiv!“ bedeuten – vielleicht auch: Così fan tutteSo machen es alle. Es könnte zwar sein – und ich bin auch davon überzeugt – dass er sich damit selbst zum Lügen lizenziert. Doch das geht nicht eindeutig aus seinem Statement hervor.

Wenn die Wahrheit zu sagen nur in sehr wenigen Fällen nicht zum politischen Tod führt, erscheint aber erklärungsbedürftig, warum ausgerechnet Lauterbach zum Minister aufgestiegen ist, obwohl er immer und überall die Wahrheit sagen muss, wenn er dem Kategorischen Imperativ folgen will. Hat er einfach Glück gehabt? Schützt ihn der Torheit Schild? Oder hat er bisweilen geflunkert, um politisch zu überleben? Alle Lebenserfahrung und Menschenkenntnis spricht für letzteres. Würde Lauterbach mir weismachen wollen, er sei ohne eine einzige Lüge Minister geworden, würde ich ihm sein „Ich bitte Sie“ entgegenhalten. Alle „Aufgeklärten“ im Lande hingegen glauben ihm jedes Wort, denn er ist schließlich nicht nur der größte Mediziner und Epidemiologe, sondern auch der größte Kantianer aller Zeiten!

Das ist die Crux beim Kategorischen Imperativ: Er liegt leicht auf der Zunge, aber schwer im Magen. Ich hoffe, dass er Lauterbach eines Tages den Magen verderben wird.

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Out to see

Out to see ist ein Film über John Ioannidis, den weltweit meistzitierten medizinischen Forscher, der – so schreibt sein Freund und Kollege Peter C. Gotzsche – „einer der schlimmsten Hexenjagden in der neuen Medizingeschichte zum Opfer“ gefallen ist. [1]

Ioannidis‘ „Sünde“ war, dass er früh zu bedenken gab, Corona sei möglicherweise nicht das Killervirus, zu dem es bereits erklärt worden war. Er verwies vollkommen zu Recht auf die miserable Datenlage und warnte, dass die drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus schlimmer sein könnten als das Virus selbst. Unter normalen Umständen wäre das nichts Besonderes gewesen, denn dergleichen ist mit gesundem Menschenverstand ohne weiteres nachvollziehbar. Die Umstände waren aber nicht normal. Stattdessen wurden Dauerpanik und brachiale Betriebsamkeit zur neuen Normalität.

Da Ioannidis bis zu diesem Zeitpunkt als der weltweit führende Epidemiologe galt, schoss man sich ebenso rasch wie heftig auf ihn ein. Bringt man den König zu Fall – so schien das Kalkül zu sein – so fallen mit ihm auch alle Großfürsten aus dem Reich der Widerspenstigen, zum Beispiel die Initiatoren der Great Barrington Declaration. Jeder noch so dümmliche Faktenchecker mit abgebrochenem Filmwissenschaftsstudium wusste es plötzlich besser und bekam Gelegenheit, kübelweise Geifer über Ioannidis auszukippen. War dessen Ruf erst einmal durch Media und Social Media ruiniert, konnten Verantwortliche wie Karl Lauterbach sich genüsslich zurücklehnen und behaupten, Ioannidis sei „extrem umstritten“, daher würde nicht zählen, was er sage. So einfach ist das, und es funktioniert leider bis heute.

Der Film ist allerdings keine „Opferstory“, sondern ein bebildertes Interview, in welchem sich Ioannidis so äußert, wie er es immer tut: sehr freundlich, sehr diplomatisch, sehr sachlich. Keineswegs plaudert er aus dem seelischen Nähkästchen, gibt wenig von seinen Gefühlen preis. Doch genau das macht ihn so sympathisch. Er scheint ein taktvoller, uneitler Mensch zu sein, der andere nicht über Gebühr mit seinen Befindlichkeiten behelligen mag.

Daher muss man schon genau hinhören. Denn das Schlimme, das ihm widerfahren ist, erwähnt er fast en passant – so zum Beispiel Todesdrohungen oder dass seine Mutter aufgrund des Stresses infolge der Rufmordkampagne beinahe gestorben wäre. Ioannids sagt ziemlich zu Beginn des Films, dass er auf diese heftigen Kampagnen nicht im mindesten vorbereitet war. Sie müssen ihn wie ein Schlag getroffen haben.

Ein weiteres Opfer von Rufmord ist der Chemie-Nobelpreisträger Michael Levitt. Ähnlich wie Ioannidis hatte er im Frühjahr 2020 aus den Daten des in Quarantäne liegenden Kreuzfahrtschiffes Princess Diamond geschlossen, dass SARS-CoV-2 kein Killervirus sein konnte. Hier ist Levitts Youtube-Kommentar zum Film :

Obwohl also wenig Gefühliges im Film vorkommt, zeigt er doch, was für ein liebenswerter Mensch Ioannidis offenbar ist. Diesen Eindruck hatte ich allerdings schon durch seine vorigen Video-Interviews gewonnen, von denen sich das Interview im Film nicht wesentlich unterscheidet.

Was seine inhaltlichen Positionen betrifft, muss man auch hier sehen, dass er sich stets sehr abwägend und vielschichtig ausdrückt. Wichtige Dinge werden bei ihm oft im Nebensatz oder ohne besondere Betonung ausgesprochen. Ich bin der Meinung, dass er ein zu positives Bild der Wissenschaft hat. Dass sie dadurch gekennzeichnet sei, Fehler und Irrtümer in den Dienst des Wissensfortschritts zu stellen, halte ich schlicht für einen Mythos.

Gar nicht nachvollziehen kann ich seine Position zur Covid-„Impfung“. Er vermag anhand der Daten nicht zu erkennen, dass diese „Impfungen“ ein verheerendes Nebenwirkungsprofil haben. Mir hingegen ist nicht klar, wie man das übersehen kann. Da Ioannidis sich aber grundsätzlich gegen jeden Zwang und Druck ausspricht, könnte man dies offen mit ihm diskutieren. Einen kompetenteren und zugleich faireren Gesprächspartner wird man meinem Eindruck nach kaum finden.

Ich würde zum Beispiel gerne mit ihm über seine Behauptung diskutieren, die Anzahl von Nebenwirkungs-Meldungen sei im Falle der Covid-Impfung durch öffentliche Aufmerksamkeit (netto) nach oben verzerrt. Diese Behauptung bestreite ich – wie ich meine – mit guten Argumenten (siehe mein imaginärer Brief an den Gesundheitsminister, etwa in der Mitte des Textes).

Fazit: Der Film ist sehenswert. Wer allerdings auf ein Porträt der Marke „Ioannidis privat“ hofft, wird sicher enttäuscht sein. Für mich ist das filmische Drumherum entbehrlich – die Szenen mit Kindern, Jugendlichen und ähnliches. Knuffig finde ich die Szenen, in denen Ioannidis durch Berlin stapft oder es sich in Griechenland gut gehen lässt.

Mir hätte auch eine einzige Kameraeinstellung und ein pures Interview gereicht. Aber das wäre wohl zu puristisch gewesen.

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[1] Vgl. Peter C. Gotzsche, Impfen – Für und Wider, 2. Aufl., München 2021, S. 192.

Brief an den Gesundheitsminister

Das Folgende ist ein imaginärer Brief an den amtierenden Gesundheitsminister. Der Brief ist eine Reaktion auf ein „persönliches Schreiben“ Lauterbachs an meine kürzlich verstorbene Mutter, welches eine Impfempfehlung enthält.

Sehr geehrter Professor Lauterbach,

am 13. Oktober habe ich ein Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit in Empfang genommen, in welchem Sie meine Mutter persönlich ansprechen (siehe Fotos unten). Sie vermuten, dass meine Mutter sich bereits gegen SARS-CoV-2 hat impfen lassen; vielleicht, so schreiben Sie, „auch schon mit der sogenannten Auffrischungsimpfung“, dem „Booster“. Nun empfehlen Sie eine weitere Impfung, diesmal gegen die Omikron-Variante, sowie eine Grippe- und eine Pneumokokkenimpfung.

Meine Mutter ist am 24. September im Alter von 84 Jahren ihrem schweren Krebsleiden erlegen. Sie war weder gegen SARS-CoV-2 geimpft noch jemals an Covid erkrankt und daher auch nie davon genesen. Wenn es indes nach Ihrer Voraussage vom Oktober 2021 gegangen wäre, hätte meine Mutter mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens im März 2022 verstorben sein müssen. Dasselbe gilt für mich, denn auch ich habe mir aus guten Gründen (siehe unten) niemals diese Substanzen injizieren lassen, war nie an Covid erkrankt und kam daher nie in den Genuss, offiziell als Genesener zu gelten. Seit über drei Jahren hatten meine Mutter und ich keine Erkältung mehr, nicht einmal einen kleinen Schnupfen.

Ich schreibe Ihnen also als „untoter“, aber kerngesunder Sohn einer nicht rechtzeitig verstorbenen Mutter, die zu keinem Zeitpunkt Probleme mit SARS-CoV-2 hatte, obwohl sie zur vulnerablen Gruppe gehörte und ihre Lungen mit Metastasen voll waren. Meine Mutter würde sich gewiss darüber amüsieren, dass ein besessener Gesundheitsminister sie quasi mit der Spritze in der Hand noch bis ins Reich der Toten verfolgt. Doch von dort dreht sie Ihnen nun eine lange Nase und ruft: „Du kommst hier nicht rein!“ Jedenfalls noch nicht.

Ihre Voraussage vom Oktober wirkte auf uns wie eine manifeste Todesdrohung – als ob der Tod allen „Unvernünftigen“ und „Unsolidarischen“ recht geschehe. Es leuchtet Ihnen vielleicht ein, dass unser Vertrauen in Sie schon aufgrund der genannten Horrorprognose nicht besonders ausgeprägt war. Natürlich können Sie immer behaupten, es liege nur an den wirksamen Maßnahmen oder an purem Glück, dass wir und Millionen Ungeimpfter nicht bereits im März gestorben sind. Wahrscheinlichkeitsaussagen sind ohnehin nicht widerlegbar. Wenn Sie sich selbst mit diesem rhetorischen Trick täuschen, muss man jedoch an Ihrer Denkfähigkeit zweifeln. Denn selbstverständlich kann ich dagegen immer behaupten, dass ohne Maßnahmen „wahrscheinlich“ noch weniger Menschen gestorben wären (siehe dazu diesen Aufsatz der Medizinstatistiker Lars Hemkens und Gerd Antes).

Beide Behauptungen sind empirisch äquivalent. Das Ergebnis, dass meine Mutter und ich im März noch gelebt haben und es bis heute Abermillionen „überlebender“ Ungeimpfter sowie Personen ohne Genesenenstatus gibt, ist mit beiden Aussagen auf identischer Datenbasis vereinbar. Es stände für Sie also im Bestfall 1:1. Der Schluss aber, dass 1. Corona nicht ein solches Killervirus ist, wie Sie behaupten, und 2. die Impfungen nicht so wirksam sind, wie Sie es propagieren, liegt mindestens gleich nahe. Dafür spricht auch, dass die Kliniken insgesamt laut offiziellen Zahlen zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise überlastet waren.

Das Sterbealter meiner Mutter entspricht ungefähr dem Medianalter der an und mit Covid Verstorbenen. Allein dieser Wert ist ein starker Hinweis darauf, dass SARS-CoV-2 kein derart gravierendes Risiko für die Gesamtbevölkerung darstellt, dass außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen werden müssten. Das Leben meiner Mutter war durch Corona offenbar genauso viel oder wenig bedroht wie durch viele tausend andere Faktoren auch, die zum allgemeinen Lebensrisiko gehören. 

Hätte meine Mutter nun ein positives PCR-Testergebnis gehabt, wäre sie statistisch den „Covid-Toten“ zugeschlagen worden, die laut Robert Koch-Institut ohne dieses Ergebnis im Schnitt noch zehn Jahre länger gelebt hätten. Wie Sie wissen, abstrahiert das Robert Koch-Institut hier allerdings von allen Vorerkrankungen. Ohne Krebs wäre meine Mutter gewiss älter geworden, wahrscheinlich sogar zehn Jahre oder mehr. Um so etwas vorauszusagen, braucht man kein Robert Koch-Institut. 

Ein positiver PCR-Test hätte selbst mitsamt Erkältungssymptomen das Leben meiner Mutter nicht nennenswert verkürzen können, hat sie doch noch im Winter 2017/18 eine schwere, sehr langwierige Grippe unbeschadet überstanden. Hätte sie im Sterben liegend eine Lungenentzündung bekommen, wäre das eher ein Segen gewesen. Ich habe zwanzig Monate Zivildienst im Krankenhaus gemacht und viele Sterbende gepflegt. Die Lungenentzündung war meist ihr geringstes Problem, wurde oft sogar willkommen geheißen. Interessant wäre die Gegenrechnung, wie viele Lebensjahre Patienten mit der Diagnose „Covid“ zum Beispiel durch frühzeitige Intubation und andere Überbehandlungen verloren haben. Doch da herrscht bei Ihnen Schweigen im Walde.

Einen Wirkstoff, der bis heute nur eine bedingte Zulassung hat, als nebenwirkungsfrei zu bezeichnen, wie Sie es getan haben, widerspricht sowohl der Logik des Zulassungsverfahrens als auch allen Erfahrungen mit Arzneimitteln. Sogar die Daten des Paul-Ehrlich-Instituts zeigen, dass Ihre Behauptung nicht stimmen kann. Eine aktuelle Hochqualitäts-Studie von Peter Doshi et al. bestätigt dies ebenfalls anhand offizieller Daten. Dass nun diese Studie vom BR-„Faktenfuchs“ unter anderem mit dem Hinweis abqualifiziert wird, die Daten seien schlecht, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Denn mit Rekurs auf genau diese schlechten Daten wurden die Impfstoffe genehmigt und für hochwirksam erklärt. Sie selbst hatten anlässlich des Desasters rund um den Blutfett-Senker Lipobay im Jahr 2001 bemängelt, „dass bei der Einführung von neuen Medikamenten Langzeitstudien fehlten, mit denen sich der Nutzen, aber auch das Nebenwirkungsrisiko ermitteln ließen.“ Korrigieren Sie mich — aber hatten Sie Lipobay nicht zuvor empfohlen?

Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung waren im Jahr 2021 2,5 Millionen Patienten mit unerwünschten Wirkungen der Covid-Impfung beim Arzt. Die Versuche der KBV, diese Zahlen zu relativieren, sind zum Scheitern verurteilt:

Expertinnen und Experten haben immer wieder betont, dass die hohe öffentliche Aufmerksamkeit während der Pandemie auch zu mehr Meldungen möglicher Impfreaktionen und -nebenwirkungen führt.

So kann man als Befürworter der Impfungen nicht argumentieren, ohne sich ins Aus zu katapultieren. Denn auf identische Weise kann man alle Covid- und Long-Covid-Schäden relativieren. Beides ist logisch äquivalent. Man könnte also ohne Weiteres sagen: Durch die öffentliche Aufmerksamkeit schreiben Bürger und medizinisches Personal mehr Beschwerden Covid und Long Covid zu, als wenn es keine öffentliche Aufmerksamkeit gäbe (von finanziellen Fehlanreizen einmal ganz abgesehen). Wie die bizarre Performance der von Ihnen als Long-Covid-Opfer präsentierten Frau Stokowski zeigt, kommt diese Dame infolge öffentlicher Aufmerksamkeit nicht einmal auf die Idee, dass ihre Symptome auch auf die Impfung zurückzuführen sein könnten. Und das, obwohl diese Symptome angeblich erst nach dem „Booster“ auftraten.

Wenn im Fall der Impfnebenwirkungen mit dem Hinweis auf öffentliche Aufmerksamkeit gesagt werden soll, dass die Impfung insgesamt kein relevantes Gesundheitsrisiko darstellt, kann man mit gleicher Berechtigung dasselbe auch über Covid sagen. Dann wiederum entfiele jegliche Begründung für strenge Maßnahmen sowie für die Impfungen selbst.

Hinzu kommt, dass in den Leitmedien wenig über unerwünschte Impfwirkungen berichtet wird, während Covid dort dauerpräsent ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich also weit mehr auf Covid. Würde jeden Tag statt über Covid in reißerischer Manier über unerwünschte Wirkungen der Impfungen berichtet, gäbe es womöglich 25 statt 2,5 Millionen Patienten, die beim Arzt gegen Impfnebenwirkungen behandelt würden. Frau Stokowski hätte dann sicher keinerlei kognitives Problem, ihre Symptome auf die Impfung zurückzuführen.

In Wirklichkeit gibt es im Falle von Covid ein starkes gesellschaftliches Tabu, Impfschäden zu benennen. Ärzte haben keinen Anreiz, diese zu melden, sondern schon aufgrund des bürokratischen Aufwands nur Anreize, solche Meldungen zu unterlassen. Wer einen Impfschaden bekommt, gilt schnell als „Covidiot“ und wird geächtet. Hat man hingegen „Long Covid“, wird man geachtet und erhält viel narzisstische Zufuhr. Ich vermute, dass die Aussicht auf letztere Frau Stokowski dazu motiviert hat, sich für Ihre Kampagne zur Verfügung zu stellen.

Long Covid ging schon viral, als es noch viel zu früh war, um Langzeitfolgen feststellen zu können. Der Rest kann wohl zum großen Teil als Selfullfilling Prophecy verbucht werden. Das ist wie mit den Menschen, die Sport treiben und sich als unsportlich empfinden. Im Gegensatz zu Personen, die sich für sportlich halten, erleben sie jede Trainingseinheit als anstrengend und nehmen sie als Bestätigung ihrer Unsportlichkeit. Der Trainingserfolg fällt dementsprechend geringer aus. Wenn jemand sich als Opfer von Covid empfindet, wird er wahrscheinlich schlechter genesen, als wenn er meint, an einem normalen grippalen Infekt erkrankt zu sein. Long Covid bei Kindern ist ein noch größeres Phantasma und taugt vor allem als Rechtfertigung für Eltern mit Münchhausen-Syndrom, ihre eigenen Kinder durch Masken und Off-Label-„Impfungen“ krank zu machen. Wie sich gezeigt hat, scheint dieses Syndrom weit verbreitet zu sein.

Die Behauptung, Meldungen von unerwünschten Wirkungen der Covid-Impfung seien aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit nach oben verzerrt, entbehrt jeder Grundlage. Ganz sicher nach oben verzerrt sind Meldungen schwerer Langzeitfolgen infolge von Covid. Ich bin sogar der Ansicht, dass „Long Covid“ nichts anderes ist als ein zur Diagnose gehypter Bias.

Kurz und gut: Entweder, Sie nehmen alle Nebenwirkungsmeldungen genauso ernst wie alle Covid-Diagnosen – oder eben beide nicht. Das Resultat ist in jedem Fall, dass Massenimpfungen gegen Covid nicht rational begründet werden können. Wird beides nicht ernst genommen, entfällt die Begründung ohnehin; wird beides gleich ernst genommen, sind die unerwünschten Wirkungen so zahlreich und schwerwiegend, dass die Impfstoffe vom Markt genommen werden müssen.

Alles in allem sind Ihre Einlassungen derart ungereimt, dass schon allein deshalb kein Vertrauen in Sie entstehen kann. Ich könnte viele weitere Äußerungen von Ihnen zum Thema Corona zitieren, die bei mir den Eindruck Ihrer starken Übermotivation hinterlassen, welche dem Ziel, die Gesundheit der Gesamtbevölkerung zu erhalten und zu verbessern, im Wege steht. Von erwähnter Übermotivation ist nun auch Ihr Schreiben geprägt, denn es enthält – höflich ausgedrückt – eine Reihe gewagter Behauptungen, die strenger wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhalten und überdies der Plausibilität entbehren. 

Was letztere betrifft: In meiner Abhandlung Auf verlorenem Posten habe ich begründet, warum jegliches Befürworten von Anticoronamaßnahmen argumentativ aussichtslos ist, sofern Anspruch auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit erhoben wird (mit Bezug auf die Impfungen siehe besonders S. 41–44). Diesen Anspruch erheben Sie ostentativ immer wieder, können ihn aber nicht einlösen. Ihre Impfempfehlung ist schon allein aus diesem Grund haltlos.

Es heißt von Ihnen, dass Sie viele Studien lesen. Lesen und verstehen sind aber zweierlei. Ich habe ebenfalls unter anderem die Zulassungsstudien der Impfstoff-Hersteller BioNtech/Pfizer, Moderna, Astra Zeneca gelesen und muss Sie ernsthaft fragen, wie Sie von den Resultaten dieser Studien zu Ihren Impfempfehlungen kommen. Schon am 18. November 2020 stießen Sie mit dem Pianisten Igor Levit auf den „Durchbruch der Impfstoffe von Biontech und Moderna“ an. Anlass waren Erfolgsmeldungen der Hersteller über das Erreichen „aller primären Endpunkte“.

Solche Meldungen gehören aber zur Werbung und zum Marketing der Hersteller. Ein Gesundheitsminister sollte sie mit Vorsicht genießen, statt sie mit einem Glas Wein zu begießen. Wie jeder sehen konnte, bestanden diese „primären Endpunkte“ aus bloßen surrogate endpoints, die für eine Risikobewertung der geprüften Substanzen nebensächlich waren. Der Fremdschutz wurde ohnehin nie geprüft. Dies wurde jüngst bei einer Anhörung vor dem EU-Parlament von der Pfizer-Managerin Janine Small ausdrücklich bestätigt.

Selbst die Relative Wirksamkeit von etwa 95 Prozent – ein reiner Marketing-Parameter – musste mit einem großen Fragezeichen versehen werden, wie Peter Doshi, ehemaliger Mitherausgeber des British Medical Journal, bereits im November 2020 kritisierte. Doshi legte auch dar, warum das Studiendesign gar nicht dazu geeignet war zu zeigen, dass die Impfstoffe Leben retten. Aufgrund der geringen Fallzahl konnte zudem keine valide Aussage über „schwere Verläufe“ getroffen werden.

Wie in der Follow-Up-Studie zu sehen (Tabelle 4), zeigte sich beim einzig harten Parameter – der Gesamtsterblichkeit unter Absehung aller Todesursachen – schon rasch kein Vorteil, sondern ein Nachteil in der Interventionsgruppe. Führende Experten warnten unter anderem wegen der methodischen Mängel solcher Studien vor einer Impfpflicht. Von der nachgewiesenen Manipulation bei Pfizer ganz zu schweigen. 

Ihre Aussage, viele Menschen würden der Impfung ihr Leben verdanken, ist daher höchst irreführend. Es ist zwar theoretisch möglich, dass manche Einzelpersonen der Impfung tatsächlich ihr Leben verdanken. Niemand kann das Gegenteil beweisen. Doch für Sie als Gesundheitsminister muss ausschlaggebend sein, ob die Impfung insgesamt mehr nützt oder schadet. Wenn in der Interventionsgruppe mehr Menschen sterben als in der Kontrollgruppe, kann man mit Ihrer Logik behaupten, dass sie mehr Menschen das Leben kostet, als sie Menschen vor dem Tod bewahrt. Dies wiederum ist gewiss nicht der Zweck einer Impfung. Korreliert die Impfquote positiv mit erhöhter Gesamtsterblichkeit, taugt die Impfung offenbar nicht viel oder gar nichts:

Quelle: Destatis

Die Übersterblichkeit pro Woche ist in Deutschland seit Beginn der Impfkampagne deutlich höher als vorher (um 61 Prozent erhöht).

Die Herstellerstudien waren nicht nur irreführend konzipiert, sondern auch unzureichend verblindet und damit wertlos, denn unzureichende Verblindung verzerrt das Ergebnis um durchschnittlich 68 Prozent in Richtung des gewünschten Ergebnisses. Dass Pfizer die Kontrollgruppe de facto aufgelöst hat, dürfte Ihnen überdies nicht entgangen sein. Zitat Peter Doshi:

Nach durchschnittlich nur zwei Monaten Beobachtungszeit nach der zweiten Dosis wurde für beide Impfstoffe die Eilzulassung beantragt und gleichzeitig die Studien entblindet, das heißt: Den Teilnehmern der Placebogruppen wurde angeboten, sich impfen zu lassen. Sechs Monate nach Studienbeginn waren dann nur noch sieben Prozent der Studienteilnehmer verblindet. Damit wurden die Impfstoff- und Placebogruppen immer weniger vergleichbar.

Das ganze Verfahren war also eine Farce und ist es bis heute.

Nach all dem, was sich bereits vor fast zwei Jahren deutlich abzeichnete, ist es ziemlich eigenartig, dass Sie in dem Schreiben an meine Mutter behaupten: „Eines der wirkungsvollsten Mittel gegen SARS-CoV-2 bleibt die Impfung“. Vom Fremdschutz reden Sie klugerweise nicht, stattdessen von „schweren Verläufen“ und von „unterbrochenen Infektionsketten“. Eine solide empirische Grundlage haben diese Behauptungen nicht. 

War die Impfempfehlung für die vorigen Varianten schon ohne stichhaltige Begründung, so ist sie gegen die Omikron-Variante geradezu grotesk. Beispielsweise hat die Omikron-Variante laut einer Studie, die in Kalifornien durchgeführt wurde, nur eine Fallsterblichkeit (Case Fatalty Rate) von 0,007 Prozent, was wesentlich geringer ist als bei einer leichten Grippe. Warum sollte sich irgend jemand mit einer Substanz dagegen schützen, die überhaupt noch nicht am Menschen getestet worden ist? 

Das führt mich zu Ihren Empfehlungen der Influenza-Impfung. Die geringe Wirkung der Covid-Impfstoffe war nämlich von vornherein wahrscheinlich, da Impfungen gegen respiratorische Viren generell kaum Aussicht auf medizinischen Erfolg haben. Influenzaviren mutieren noch häufiger und wirkungsvoller, weil sie ganze Segmente vertauschen können. Die Impfung gegen Influenza hat jedoch keinerlei signifikanten Nutzen. Man muss 71 Personen impfen, um eine Person vor einer Ansteckung zu schützen. Es gibt keinen Effekt auf Krankenhauseinweisungen, Krankschreibungen und Todeszahlen.

Das sind die Ergebnisse eines Cochrane Reviews, welches 52 Studien einbezieht. Dieses Review hat eine weit höhere Evidenz als alle Studien, die von den Produzenten der Covid-Impfstoffe veröffentlicht worden sind. Erkennen Sie letztere an, müssen Sie die Resultate des Reviews erst recht anerkennen, sofern Sie nicht offen mit zweierlei Maß messen wollen.

Man sollte nun meinen, dass die Impfung gegen das weniger wandelbare Coronavirus besser ist. Trotzdem müssen laut Herstellerstudien bei Moderna 76, bei Astra Zeneca 78, bei Gamaleya 80, bei Johnson & Johnson 84 und bei BioNtech/Pfizer 117 Personen geimpft werden, um eine einzige Infektion zu verhindern. Und als „Infektion“ gilt bloß ein positiver PCR-Test plus ein bis zwei Symptomen, die auch typisch für eine große Anzahl anderer respiratorischer Viren sind, auf die aber wiederum nicht getestet wurde. 

Dass die STIKO angesichts solcher Unsicherheiten Substanzen empfiehlt, die keine oder nur geringe Wirkung haben, eindeutig kontraindiziert und zum Teil nicht einmal am Menschen getestet sind, zeigt wohl vor allem, dass sie keineswegs – wie Sie behaupten – unabhängig ist, sondern offenkundig unter starkem politischem Druck steht. 

Ich kann nur darüber spekulieren, was Sie persönlich antreibt. Alles was Sie tun, ist im Hinblick auf den Zweck, die Gesundheit der Gesamtbevölkerung zu erhalten, zweifelhaft bis kontraproduktiv. Eine nachweisbar positive Wirkung hat Ihr Tun immer nur im Hinblick auf den Profit bestimmter Unternehmen der Gesundheitsbranche, zum Beispiel Pfizer. Allein BioNtech konnte im Jahr 2021 zehn Milliarden Gewinn machen. Mit den geringen Standards, mit denen Sie die positive Wirkung der Covid-Impfstoffe als erwiesen betrachten, könnte man auch Ihre persönliche Motivation, im alleinigen Interesse jener Unternehmen zu agieren, als erwiesen betrachten.

Dieses Interesse ist mit dem Interesse der Bevölkerung, gesund zu bleiben, nicht deckungsgleich. Denn große Pharmafirmen können sich – den Gesetzen der Ökonomie folgend – eine weitgehend gesunde Bevölkerung gar nicht leisten, die kaum medizinische Behandlungen in Anspruch nimmt. Sie investieren sehr viel, und das muss sich auf Dauer rechnen. Ohne die Covid-Impfkampagne wäre zum Beispiel die mRNA-Technologie wahrscheinlich auf Eis gelegt worden. Firmen wie Moderna hatten damit zuvor nur Verluste eingefahren.

Das an sich legitime Gewinninteresse muss also im Gesundheitsbereich politisch eingeschränkt werden, damit es zum Wohle aller wirken kann. Zumindest sollten sich ein Gesundheitsminister, eine Regierung, eine EU-Kommision jenes private Profit-Interesse nicht hundertprozentig zu eigen machen. Ich kann aber bei den Genannten keinlerlei Distanz erkennen, sondern eher das Bestreben, alle „lästigen“ gesetzlichen Hürden zu umgehen oder gar zu beseitigen.

„Wer den Zweck will, muss auch die Mittel wollen“, sagt Immanuel Kant. Die von Ihnen verwendeten Mittel sind rational nur im Hinblick auf den erwähnten Zweck der Gewinnmaximierung. Als eines dieser Mittel interpretiere ich auch Ihr Schreiben an meine verstorbene Mutter. Es fügt sich nahtlos in die Reihe manipulativer, unlauterer Praktiken ein, mit denen die Menschen seit 2020 zur Covid-Impfung überredet und gezwungen werden sollen. Personen, die auf ihrem Recht bestehen, über ihren Körper selbst zu bestimmen, sind bis heute aggressiver, politisch gewollter und medial befeuerter Diskriminierung ausgesetzt.

Dies hat meiner Mutter schwer zu schaffen gemacht, da sie selbst davon betroffen war. Am Ende ihres Lebens musste sie sich wie ein Mensch zweiter Klasse behandeln lassen – brutal, rücksichtlos, unmenschlich. Sie hat im Streit um Corona auch noch Freunde verloren. Freunde sind für alte, kranke und immobile Menschen besonders kostbar, ihr Verlust ist umso schmerzlicher.

Ich mache Sie persönlich für diesen Verlust verantwortlich, da Sie es bis heute nicht unterlassen können, mit Hilfe geballter Medienmacht Öl ins Feuer zu gießen. Ein verantwortungsvoller Politiker würde das Gegenteil tun, würde beruhigend auf die Bevölkerung einwirken, anstatt sie mit immer neuen Horrorszenarien in Panik zu versetzen und sie damit gegeneinander aufzuhetzen.

Meine Mutter hatte ihren Verstand beisammen, ließ sich weder einschüchtern noch manipulieren und hielt bis zuletzt dem Druck stand. Ich bin stolz auf sie. Auch wenn Ihr Ministerium nicht wissen konnte, dass meine Mutter verstorben ist, mutet Ihr Schreiben wie ein makabrer Scherz an. Ich möchte daher mit meiner ersten spontanen Reaktion darauf schließen – einem abgewandelten Satz aus der Kultserie Breaking Bad:

„Shut the fuck up and let her rest in peace!“
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