Liebe Künstlergruppe »Dies irae«

Durch Ihre jüngste Aktion, bei der Sie an Bushaltestellen Werbeplakate heimlich durch Ihre eigenen ersetzt haben, sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Zu den Bildern von unvorteilhaft aussehenden Schweinen haben Sie folgenden Text formuliert:

Tierschutz à la CDU. Die CDU setzt sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben.

Wir möchten uns herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns in Fragen des Tierschutzes unterstützen. Denn mit Ihrer pfiffigen Aktion tragen Sie erheblich dazu bei, die Menschen für Tierschutzbelange zu sensibilisieren. Dies ist ganz in unserem Sinne. Dass Tiere sich verletzen und krank werden können, wissen leider immer weniger Bürger. Ebenfalls gerät immer mehr in Vergessenheit, dass Verletzungen und Krankheiten sehr übel aussehen können – zumal, wenn sie in ungünstigem Licht aufgenommen wurden. Ihre Plakate helfen, diesen alten Wissensschatz zu heben und der jungen Generation weiterzugeben.

Bedanken möchten wir uns auch für Ihre ausdrückliche Würdigung, dass wir die Legalität der gezeigten Zustände sicherstellen möchten. In der Tat sind wir im Einklang mit dem Tierschutzgesetz entschieden der Ansicht, dass kranke oder verletzte Tiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen, sondern einen Anspruch auf medizinische Versorgung auch dann haben, wenn letztere keine wundersame Spontanheilung bewirkt, als hätte Jesus persönlich seine Hand aufgelegt. Wir sind überdies der Meinung, dass Tiere nicht gleich abgeschafft werden sollten, weil sie krank werden oder einander verletzen können.

Liebe Künstlergruppe! Wir sind sehr interessiert an kreativem Input von außen und würden uns freuen, wenn wir in Zukunft eng mit Ihnen zusammenarbeiten dürften. Es wäre ganz wunderbar, wenn Sie uns bei der Konzeption, Produktion und Verbreitung ähnlich aufklärerischer Kampagnen helfen könnten. Denn es gibt bis zum Jüngsten Tag noch viel zu tun!

Wir stellen uns folgende Plakataktionen vor:

1. Schlimme Fotos aus dem Pschyrembel mit der Zeile: »Skandal! Menschenrechtler setzen sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben!«

2. Schlimme Fotos von Wolfsrissen: Lämmer, Fohlen, Kälber entweder skelettiert oder mit herausquellendem Gedärm.

Artgemäß ist nur die Freiheit!

Dazu die Zeile: »Naturschützer setzen sich dafür ein, dass diese Zustände Normalität werden!«

Appetit auf ein leckeres Lammsteak? Zu spät!

3. Schlimme Fotos von Gnadenhöfen, Lebenshöfen oder aus der Heimtierhaltung könnten das Bild abrunden und zur umfassenden Tierschutz-Bildung der Bevölkerung beitragen. Vielleicht schauen Sie sich einfach mal heimlich auf dem Hof Butenland oder bei Hilal Sezgin um. Wenn Sie dort wider Erwarten nichts Geeignetes finden, nehmen Sie einfach andere Bilder von irgendwo. Es interessiert niemanden, wo die Bilder wirklich gemacht worden sind. Hauptsache schön schrecklich! Aber das brauchen wir Ihnen ja nicht zu sagen. 

Das sind nur erste Ideen unsererseits. Wir sind sicher, das Ihnen noch viel kreativere Lösungen einfallen. Fotografieren Sie sich doch mal gegenseitig nach einer durchzechten Siegesfeier wider die “Tierausbeuter”! Da sehen Sie bestimmt auch ganz schön elend aus. Dann schreiben Sie dazu: Unendliches Leid – apokalyptische Zustände bei(m) Dies irae! und plakatieren das in ganz Deutschland. Gewiss wird die Mehrheit der Betrachter aus Mitleid für Ihre Abschaffung plädieren.

Wie wäre es? Möchten Sie uns unterstützen? Es soll Ihr finanzieller Schaden nicht sein. Und niemand braucht zu erfahren, dass das Geld von uns stammt. Wir übernehmen im Falle des Falles auch gerne die Anwalts- und Prozesskosten gegen die Wall-AG.

Bitte melden Sie sich! Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst

Ihre CDU

Sag nein zur Milch?

… selbst die ältesten Freundschaften zersintern zu Grus, die zivilisatorische Immunabwehr löchrig und fragil, und alles nur wegen eines verdammten Glases Milch.  (Martin Knepper)

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Als Folie dient mir eine Grafik der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch, die in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen “Wissenschaft und Skeptizismus” zur Diskussion gestellt wurde. Diese Grafik hat den Titel Sag nein zu Milch. Die Organisation gibt Folgendes als Begründung für ihre Verzichtsforderung an:

1. Es gibt 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland. Stimmt. Na und?

2. Eine Kuh gibt etwa 8000 Liter Milch pro Jahr. Die Grafik zeigt, dass die Milchleistung der Kühe früher geringer war. Stimmt. Na und?

3. 27 % werden in Anbindehaltung gehalten, 62 % werden “im Laufstall mit Gülle” gehalten. Kommt hin. Laufställe sind jedoch wesentlich besser als Anbindeställe. Je mehr moderne Ställe, desto weniger Anbindehaltung. In den “goldenen Zeiten”, als die Kühe noch weniger Milch gaben, standen viel mehr Kühe in Anbindehaltung. Vor allem Kleinbauern und Biobauern betreiben heute noch diese Haltungsform. Es gibt übrigens auch Anbindehaltung “mit Gülle”. Das scheint die Leute von Animal Rights Watch nicht zu interessieren. Sie nutzen das Reizwort “Gülle” bloß, um ihre eigene Jauche unters Volk zu streuen.

4. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Kühe jedes Jahr künstlich befruchtet und sind fast ununterbrochen schwanger, damit sie permanent Milch geben können. Milchkühe werden ca. 8 Wochen vor dem Kalben trockengestellt, geben also keineswegs permanent Milch. Was daran schlimm sein soll, dass die Tiere “dauerschwanger” sind, wird nicht mitgeteilt. Bekanntlich werden Wildrinder auch jedes Jahr vom Bullen gedeckt und sind dann neun Monate des Jahres trächtig. Der Bulle deckt sie sofort wieder, sobald sie wieder bullig sind, sodass in der Natur der zeitliche Abstand zwischen zwei Kalbungen kürzer ist als in der Milchviehhaltung. Dass Rinder geil darauf sind, vom Bullen gedeckt statt künstlich besamt zu werden, kann man allenfalls vermuten. Der Bulle ist nicht gerade ein einfühlsamer Lover und kopuliert auch mit Motorrädern (Motto: Love the one you’re with). Von Romantik keine Spur.

5. Die Kälber werden direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Weibl. Nachkommen werden evtl. zu neuen Milchkühen herangezogen. Die männlichen werden für Kalb- oder Rindfleisch leiden und sterben. Je eher das Kalb von der Mutter getrennt wird, desto besser (siehe z.B. hier Min. 1:25 bis 2:25). Eine Bindung wird gar nicht erst aufgebaut, und das Kalb hat deutlich höhere Überlebenschancen. Neugeborene haben noch kein funktionierendes Immunsystem und können sich rasch am Kot der Mutter infizieren. Im Kälberiglu sind sie an der frischen Luft, die Umgebung ist deutlich weniger mit Keimen belastet. Der Bewegungsdrang der Kleinen hält sich anfangs ohnehin in engen Grenzen. Sind die Kälber mit Kolostralmilch gestärkt und haben sie ein stabiles Immunsystem ausgebildet, kommen sie in Gruppenhaltung. Die männlichen Kälber werden in die Mast gegeben. Dass sie dort auch leiden, ist sicher richtig. Dass sie dort nur leiden, ist Unsinn. Am nachhaltigsten wird das Leid eines Tieres durch seine Nichtexistenz vermieden. Dumm nur, dass es nichts davon hat. Tierrechtler wollen Tiere “retten”, indem sie sie daran hindern zu existieren. Ganz schön beknackt!

6. Milchkühe hätten eine “natürliche Lebenserwartung” von 30 Jahren, behauptet die Grafik. Lebenswartung ist jedoch “die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt” (Wikipedia). Menschen haben keine Lebenserwartung von 122 Jahren, bloß weil es mal ein Mensch geschafft hat, so alt zu werden. Die im Durchschnitt zu erwartende Lebenspanne von Wildrindern liegt weit unter dem durchschnittlichen Schlachtalter von Milchkühen (5,3 Jahre). Die Kälbersterblichkeit ist bei Wildrindern wesentlich höher, ebenso die Häufigkeit von Erkrankungen. Mehr zu diesem Thema in diesem hervorragenden Facebook-Kommentar der Agraringenieurin Sabine Leopold.

Eine Milchkuh ist überdies ein domestiziertes Tier, das der künstlichen Selektion unterliegt. Es gibt daher keine natürliche Lebenserwartung für Milchkühe, sondern nur eine maximale Lebensdauer in menschlicher Obhut. 30 Jahre sind allerdings weit übertrieben. Demnächst wird noch behauptet, in der Natur seien Rinder unsterblich und könnten nur durch menschliche Hand ins Jenseits befördert werden.

7. Es gebe laut Grafik ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Milchkonsum. Das ist ein schöner Quatsch von Verschwörungstheoretikern. Nichts dergleichen kann nachgewiesen werden.

8. Eine Kuh belastet das Klima genauso stark wie ein moderner Personenwagen, der pro Jahr 18.000 Kilometer zurücklegt. Träumt weiter! Eine Kuh emittiert den Kohlenstoff, den ihre Futterpflanzen kurz zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Ein PKW emittiert den Kohlenstoff von fossilen Brennstoffen, die Abermillionen Jahre lang nicht Teil des Kohlenstoff-Kreislaufs waren.

Es ist keineswegs sicher, ob es überhaupt einen nennenswerten Beitrag der domestizierten Wiederkäuer zur Methan-Konzentration in der Atmosphäre gibt – im Vergleich zu den zahllosen wilden Pflanzenfressern, die durch sie “ersetzt” worden sind (mehr Vieh, weniger Wild). Selbst in Bezug auf die letzten Jahrzehnte ist unklar (S.6), ob die Methan-Emission durch Wiederkäuer zugenommen hat. Und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass intensive Beweidung mit einem extrem hohen Viehbesatz einen sehr positiven Klimaeffekt hat.

9. Ein offenbar berühmter Kinderarzt wird zitiert: “Es gibt keinen Grund, jemals in Ihrem Leben Kuhmilch zu trinken. Sie ist für Kälber gedacht und nicht für Menschen.” Einem Kinderarzt, der nichts von moderner Biologie versteht und glaubt, irgend etwas in der außermenschlichen Natur sei für irgend etwas anderes “gedacht”, sollte man nicht mal die Puppen der eigenen Kinder anvertrauen. Warum sein Statement hochtrabender Blödsinn ist, habe ich hier erläutert.

10. So. Und jetzt will ich erstmal zehn Jahre lang keinen Stuss mehr über Milch hören und lesen!

Unsinnsgrenze Precht

In einem ARD-Beitrag über sein neues Buch Tiere denken, sagt der Philosoph Richard David Precht:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine ‘Menschen’  – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff ‘Tier’ irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

In seinem Buch Noahs Erbe (1997) schreibt der Autor von der “Unsinnsgrenze zwischen Tier und Mensch”, die angeblich nur auf Mythen beruhe. Offenbar hat er seitdem nichts dazugelernt, denn er verbreitet in der modifizierten Neuauflage von Noahs Erbe (Tiere denken) offenbar haargenau denselben Unsinn wie damals.

Wer bestreitet, dass Menschen biologisch gesehen Tiere sind? 

Gäbe es in den Verlagen denkfähige Lektoren und in den Sendern denkfähige Journalisten, wäre diesen gewiss aufgefallen, dass – außer Verrückten – niemand Homo sapiens biologisch aus dem Tierreich ausschließt. Taxonomisch werden Blattlaus und Schimpanse zusammen mit Homo sapiens ordnungsgemäß ins Reich der Tiere und nicht ins Reich der Pflanzen eingeordnet.

Dass es zum Zwecke der biologischen Forschung Sinn hat, Schimpansen, Quallen, Blattläuse so zu klassifizieren, ist eine Trivialität. Selbstverständlich wäre es in diesem Zusammenhang Unsinn, eine absolute Grenze zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu postulieren. Unsinn wäre auch die Behauptung, der Mensch sei physikalisch gesehen kein Körper, hätte keine Ausdehnung, keine Masse, kein Gewicht. Menschen sind biologisch gesehen Tiere – das wusste schon Aristoteles. Was will uns Precht also sagen? Dass er nach langem Studium mit heißem Bemühen nun endlich auch entdeckt hat, was jedes Kind weiß? 

Man kann Lebewesen nach allen möglichen Aspekten klassifizieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Verdauungssystem. Da ähneln sich Schweine und Menschen weit mehr als Schimpansen und Menschen. Doch was folgt daraus? Haben Schweine nun ein Menschenrecht auf vegane Ernährungsberatung?

Philosophische Mogelpackung

Precht wechselt unvermittelt von der biologischen Sphäre zur rechtlichen, will Normen direkt aus der Taxonomie ableiten. Weil Affe und Mensch sich biologisch “ähneln” oder genetisch “verwandt” sind, sollen Affen Anwälte bekommen und Blattläuse nicht. “Wenn wir alle durch die Evolution verbunden sind, dann sollten wir auch moralisch verbunden sein”, schreibt der Tierrechtler Richard Ryder und formuliert damit Prechts Argument allgemeiner. Doch das ist offenbar ein Sein-Sollen-Fehlschluss. Wieso sollte die Evolution, ein blinder und subjektloser Prozess, moralisch von Belang sein?

Bemerkenswert ist nun der erste Satz des oben zitierten Statements:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Precht einigt sich hier mit sich selber auf eine handfeste Unsinnsgrenze. Schimpansen und Blattläuse sind nämlich keineswegs völlig verschiedene Dinge. Es sind beides Tiere und haben eine beträchtliche Anzahl von Genen gemeinsam. Durch Entdeckung der Hox-Gene sind alle Tiere noch einmal genetisch näher zusammengerückt. Wie kommt Precht dazu, hier eine vollkommene biologische Verschiedenheit zu postulieren?

Eng verbunden mit dem Menschen sind viele Tiere, auch wenn sie uns nicht ähnlich sehen. Kleiderläuse zum Beispiel sind in bestimmter Hinsicht mit dem Menschen als Kulturwesen sogar enger verbunden als Affen, denn sie evolvierten sich aus der Kopflaus, als die Menschen begannen, Kleider zu tragen. Parasiten sind generell sehr anhänglich. Und was wären wir ohne die Bakterien in unserem Darm?  Auch hier gilt: Man kann Lebewesen nach den unterschiedlichsten Kriterien klassifizieren und in Nähe oder Distanz zum Menschen bringen. Moral, Ethik und Recht springen aber aus solchen Klassifizierungen nicht von selber heraus.

Die wahre Unsinnsgrenze

Precht will in schlechter tierethischer Tradition bloß seine Lieblingstiere bevorzugen und kann nicht sinnvoll bestimmen, wo die Ähnlichkeit von Mensch, Tier und Pflanze denn nun aufhört. Wann ist die Ähnlichkeit gering genug, dass die Tiere keinen Anspruch mehr auf einen Pflichtverteidiger haben? Precht bezieht sich unbewusst auf die biologisch überholte Vorstellung einer großen Skala der Wesen, auf der Blattläuse unten und Schimpansen oben rangieren, weil letztere menschenähnlich sind. Eine Hierarchie nach Leidensfähigkeit oder eine Grenze zwischen höheren und niederen Lebewesen ist aber auf Basis empirischer Daten nicht möglich, wie u.a. die Zoologin Marian Stamp Dawkins immer wieder betont. Precht verlässt sich nur auf die Biologie, doch diese zeigt ihm die kalte Schulter.

Selbstverständlich ist die Unterscheidung von Mensch und Tier in moralischer und rechtlicher Hinsicht eminent sinnvoll. Precht setzt diesen fundamentalen Unterschied selbst voraus, indem er von Menschen verlangt, für Schimpansen den Anwalt zu spielen, und zwar in einem spezifisch menschlichen System, dem Rechtssystem. Von großen Menschenaffen verlangt er allerdings nicht, als Anwälte der Lemuren tätig zu werden – obwohl beide doch so eng miteinander verwandt sind. Er kann ja mal einem Schimpansen klarzumachen versuchen, wie unsinnig die Unterscheidung zwischen letzterem und Richard David Precht ist.

»Speziesisimus«

»Speziesismus« bedeutet, dass Menschen andere Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminieren, also Lebewesen ungleich behandeln, bloß weil sie nicht zur Spezies Homo sapiens gehören. Der Begriff wurde Anfang der 1970er Jahre von dem britischen Psychologen Richard Ryder erfunden und vom australischen Bioethiker Peter Singer zur weltweit populären Kampfparole der »Tierbefreiungsbewegung« gemacht. Die Analogie zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus ist hierbei bewusst gewählt.

Grund und Kriterium

Die biologische Spezies war niemals der Grund, warum Menschen sich gegenüber ihresgleichen zur moralischen Rücksichtnahme, zum Tötungsverbot, zum Verbot von Diebstahl usw. verpflichtet haben. Dafür wurden in der Vergangenheit verschiedene Gründe angegeben, zum Beispiel die Gottebenbildlichkeit, die Vernunft, die Handlungsfähigkeit, die Moralfähigkeit.

»Mensch« ist nicht gleichbedeutend mit »Homo sapiens«, und ein Grund ist nicht dasselbe wie ein Kriterium. Wenn der Grund etwa die Handlungs- und Moralfähigkeit ist, braucht man ein Kriterium, das sich in der Praxis dazu eignet, diejenigen zu benennen, die den Schutz durch Moral und Recht genießen sollen. Dieses Kriterium kann die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Homo sapiens sein.

Alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens genießen den Schutz der Menschenrechte – unabhängig davon, ob jeder Einzelne konkret und aktuell diejenigen Eigenschaften tatsächlich hat, die Grund für die moralische Berücksichtigung und rechtlichen Schutz sind. Es genügt, dass Menschen – im Gegensatz zu anderen Lebewesen – im Allgemeinen und Normalfall diese Eigenschaften besitzen bzw. erwerben. »Mensch« bezeichnet hier die Mitglieder einer Moral- und Kommunikationsgemeinschaft. Hätten Kakerlaken jene Eigenschaften ebenfalls im Normalfall, würden auch sie mitsamt Larven, Komatösen, Behinderten einbezogen. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie uns genetisch ferner stehen als Schimpansen.

»Man schließt geistig Behinderte und Kinder aus der Rechtsgemeinschaft einfach deshalb nicht aus, weil eine aufgrund objektiver Kriterien praktikable klare Grenze zwischen möglicher und nicht möglicher Pflichtsubjektivität nicht gezogen werden kann. Um sich nicht beständig mit dem Rechtsunsicherheit schaffenden Problem auseinandersetzen zu müssen, Menschen möglicherweise ungerechtfertigt aus dem rechtlichen Verband auszuschließen oder nicht aufzunehmen, wird jeder Mensch uneingeschränkt als Rechtssubjekt betrachtet. Speziesistische Willkür liegt nicht vor, wenn Tieren die Rechtsfähigkeit nicht eingeräumt wird, weil diesen eben kraft ihrer Natur weder heute noch morgen Pflichten auferlegt werden können«, schreibt der Soziologe Franz Kromka.

Widersinn mit Methode

Der Speziesismus-Begriff ist selbstwidersprüchlich. Richard Ryder schreibt, Speziesismus sei »die Annahme, dass der Mensch allen anderen Arten von Tieren überlegen [superior] und damit berechtigt sei, sie zu seinem Vorteil auszubeuten.« Der Duden definiert den Begriff ähnlich als »Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln.«

Ryder und Co. gehen jedoch selber implizit davon aus, dass der Mensch dem Tier überlegen und sogar moralisch übergeordnet ist, denn sie fordern nur vom Menschen moralische Rücksichtnahme gegenüber Tieren. Damit diskriminieren sie aber Homo sapiens. Dieser macht biologisch gesehen das Gleiche wie andere Tiere. Die menschlichen Individuen sichern ihr Überleben und das ihrer Nachkommen, geben ihre Gene weiter wie alle anderen auch. Dabei nutzen sie – wie alle anderen auch – die Vorteile, welche ihnen durch die Evolution zugewachsen sind. Biologisch gesehen ist Homo sapiens anderen Tieren durch seine geistigen Fähigkeiten de facto überlegen. Vorwerfen kann man ihm das nur, wenn man mit zweierlei Maß misst.

Arten? Welche Arten?

Sehr beliebt ist auch die Behauptung, es gebe in der Realität gar keine Arten und deshalb zählten nur Individuen. Es gebe daher auch keinen Artenegoismus – weder beim Tier noch beim Menschen. Richard Ryder und der berühmte Soziobiologe Richard Dawkins argumentieren so. Hierbei tappen sie aber in die Reduktionismus-Falle. »Welches Prinzip erlaubt ihnen, die Ebene zu bestimmen, auf der die Elimination ihren Schlusspunkt gefunden hat«, fragt der Biologe Steven Rose Theoretiker wie Dawkins.

Wieso soll es also ausgerechnet Arten nicht geben, dafür aber Individuen. Man könnte in dieser Logik genauso gut sagen, es gebe keinen Richard Dawkins, sondern nur einen Zellverbund, der von Genen gesteuert werde. Und selbst von den Genen kann man behaupten, dass es sie »eigentlich« nicht gebe. Irgendwann landet man unweigerlich bei den Quarks. Über moralische Fragen braucht man sich dann nicht mehr zu unterhalten. Es sei denn, man erfindet den Quarksismus, die Diskriminierung der Quarks aufgrund ihrer Quarkszugehörigkeit. 

Rassismus, so die heute unter aufgeklärten Individuen verbreitete Ansicht, bestehe schon darin, überhaupt Menschenrassen zu postulieren. Im Gegensatz zu Religionen, Geschlechtern, politischen Anschauungen gebe es keine Menschenrassen. Wer also »Rasse« sage, sei bereits ein Rassist.

Man übertrage dies nun auf den Begriff der »Art«. Daraus, dass »Art« ein Oberbegriff in einem künstlichen System (Taxonomie) ist, wird geschlossen, dass Arten nicht existieren. Wer also Mensch sagt, wäre bereits ein Speziesist – ebenso wie jemand, der Spinne, Fisch oder Hund sagt. Speziesismus wäre überall und daher nirgends. Der Begriff taugt nur als suggestive Kampfparole, die gegen jeden geschwungen werden kann – einschließlich der Tierethiker, Tierrechtler und Veganer selbst. Da möchte man fast sagen: Wenn sie sich wenigstens nur gegenseitig damit totschlügen! Dann hätte die arme Seele irgendwann Ruh’.

»Anthropozentrismus«

In der Diskussion um Tierschutz und Tierrechte fehlt selten die wohlfeile Klage darüber, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt betrachte und sich eine besondere Stellung im Kosmos anmaße. Der Anthropozentrismus sei die Wurzel allen Übels und müsse überwunden werden, damit die Natur zu ihrem »Recht« kommen könne.

Eingebildeter Perspektivenwechsel

Leute, die so etwas behaupten, nennen sich gerne »Biozentristen« oder »Physiozentristen«. Erstere bilden sich ein, die Perspektive der belebten Natur einzunehmen, letztere glauben, die Stimme des gesamten Kosmos zu sein. Beide schwingen sich zu Interessensvertretern der außermenschlichen Welt auf. Doch egal, ob sie sich nun Tier-, Pflanzen-, Fluss- oder Planetenkostüme anziehen: Sie bleiben immer nur Menschen mit spezifisch menschlicher Wahrnehmung und Moral.

In Biozentrismus und Physiozentrismus offenbart sich »eine gesteigerte Anthropozentrik, die der Natur die menschlichen Vorstellungen unterlegt oder überstülpt“, bemerkt der Philosoph Lothar B. Schäfer. Das erinnert an Mister Bean, der sich selber ein Geschenk einpackt und beim späteren Auspacken überrascht über den Inhalt der Verpackung zeigt.

Was geht das schon den Kosmos an?

Wer hingegen ernsthaft versucht, eine außermenschliche Perspektive zu gewinnen, dem geht schon beim ersten Schritt die Ethik von der Fahne. Begibt man sich auf die Ebene des Tierreichs, sind dort nur sporadisch Verhaltensweisen erkennbar, die man mit viel Fantasie als Rumpfformen von Moral deuten könnte. Schon aus tierlicher Perspektive brauchten Menschen also nicht mehr moralisch zu sein, wenn unter Moral ein Kanon von Normen verstanden wird, nach denen Handlungen und Gedanken beurteilt werden.

Geht man nun weiter über das Pflanzenreich und die unbelebte Natur in die unendlichen Weiten des Universums, löst sich alles in reine Gleichgültigkeit auf. Aus kosmischer Perspektive ist es gänzlich einerlei, was auf der Erde mit irgendwelchen Wesen passiert. Dass sie entstehen, herumwuseln und vergehen, juckt das Universum kein bisschen.

Mit anderen Worten: Da mit dem Anthropozentrismus sogleich auch die Moral über Bord geht, ist es widersinnig, den Anthropozentrismus moralisch zu kritisieren. Er ist schlicht unhintergehbar, sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in ethischer Hinsicht. Selbst die sogenannte pathozentrische Ethik, die das Leiden aller (fühlenden) Lebewesen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt, ist aus dem Anthropozentrismus abgeleitet, da sie dem menschlichen Wunsch entspringt, alle leidfähigen Lebewesen moralisch zu berücksichtigen.

Man kann den Anthropozentrismus zwar nicht eliminieren, aber man kann prüfen, wie aufgeklärt Personen über genau diesen Tatbestand sind. Nicht nur die selbsternannten Biozentristen oder Physiozentristen sind diesbezüglich unaufgeklärt, sondern auch viele moderne Verhaltensbiologen, die wie im Wahn alle Tiere und Pflanzen unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie ähnlich sie dem Menschen sind. Kaum stochert der eine Affe anders mit dem Stock nach Termiten als sein Artgenosse in einer entfernten Population, haben beide schon »Kultur«. Diese manische Fixierung ist wissenschaftlich wenig fruchtbar und taugt vor allen zur ideologischen Herabsetzung des Menschen. »Das Tier wird als Naturgegenstand gerade nicht ernst genommen, sondern [...] in menschliche Kleider gesteckt und wie im Fernsehfilm zum albernen Vorturnen gezwungen«, kritisiert der Philosoph Peter Janich.

Höher entwickelt oder nur zu heiß gebadet?

Aus dieser zu »bahnbrechenden Erkenntnissen« aufgeblasenen verhaltensbiologischen Mode ziehen Tierrechtler ihren Vorteil. Sie können sich auf die unaufgeklärt anthropozentrische Rede von »höher entwickelten Tieren« berufen und an die wissenschaftlich überholte Skala der Wesen (scala naturae) mit dem Menschen als Fluchtpunkt anknüpfen. Ganz weit oben rangieren – wen wundert’s? – unsere nächsten Verwandten. Im offenen Selbstwiderspruch kritisieren viele Tierrechtler den Anthropozentrismus und fordern zugleich Menschenrechte für Menschenaffen, weil diese uns gleichen. Tierrechtler leugnen vehement jegliche Sonderstellung des Menschen und berufen sich im nächsten Atemzug auf sie, indem sie nur vom Menschen verlangen, andere Tiere moralisch zu berücksichtigen

Die Rede von höher entwickelten Tieren führt jedoch in die Irre: »Der verzweigte Baum der Evolution hat nicht nur einen, sondern Millionen Kulminationspunkte – nämlich je einen in jeder auf der Erde lebenden Art«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stephen Budiansky. »Die Vorstellung, dass die Fische momentan auf Stufe 21 festsitzen und mit aller Macht versuchen, auf Stufe 22 aufzusteigen, ist in evolutionsgeschichtlicher Sicht barer Unsinn. Die Fische sind durch Jahrmillionen währende Evolution ihrer eigenen, sehr speziellen ökologischen Nische angepasst. Dazu mussten sie sich ebenso lange entwickeln wie wir. Keineswegs sind sie bloß Beispiele einer halb fertigen Evolution, deren Kulminationspunkt der Mensch (womöglich gar der nordische) wäre.«

Gottopozentrismus?

Das Muster des übersteigerten Anthropozentrismus schlechthin ist der Glaube an einen Gott – das meinen zumindest religionskritische Autoren. Bereits der antike Philosoph Xenophanes von Kolophon (570–475 v. Chr.) äußerte den Verdacht, dass die Gottesvorstellungen bloße Projektionen menschlicher Eigenschaften seien. Baruch de Spinoza (1632–1677) formuliert diesen Gedanken folgendermaßen: »Denn ich glaube, dass ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, dass ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund.«

Es ist grotesk, wenn heute christliche Ethiker in die Klage wider den Anthropozentrismus einstimmen, obwohl das Christentum mit seiner Fixierung auf Jesus ohne Anthropozentrismus gar nicht auskommt. Christus ist eben Gott und Mensch zugleich. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch überdies eindeutig als Sonderanfertigung beschrieben. Manche christliche Theologen opfern sogar den Heiland selbst, um sich dem Zeitgeist gemäß mit tierethischen und naturethischen Phrasen zu profilieren.

 

»Würde der Kreatur«

Offene Grenzen

Das Pendant zur Mitgeschöpflichkeit ist die Würde der Kreatur. Seit 1992 steht sie in der Schweizer Verfassung. In der Schweiz hat konsequenterweise bereits die Pflanzenwürde tiefe Wurzeln geschlagen. Denn es ist unmöglich, aufgrund empirischer Eigenschaften zwischen moralisch zu berücksichtigenden und nicht zu berücksichtigenden Lebewesen eine genaue Grenze zu ziehen. Die Pflanzen sind also notwendigerweise auch drin.

Doch damit nicht genug. Da Würde hier an den Kreatur-Status gekoppelt ist, wird die Fluss- oder Bergwürde schon bald das Schweizer Gemüt erheben. Kraxler werden dann wohl reihenweise von den Bergen abgeworfen, sobald sie ihre Karabiner zu tief in deren Würde verankern; Schwimmer werden von Seen ertränkt, sobald sie beim Baden in selbige urinieren. Die Schweizer können irgendwann keinen Schritt mehr tun, ohne bei irgend einer Kreaturwürde anzuecken. Da bleibt nur noch die Flucht in die Käselöcher – sofern die Emmentalerwürde nicht verletzt wird.

Konfusion mit Methode

»Die menschliche Würde ist abwägungs- und eingriffsresistent«, schreibt der Rechtswissenschaftler Wolfgang Löwer. »Sie ist Höchstwert, der keine Relativierung für heteronom gesetzte Zwecke erlaubt. Würde beruht auf der Autonomie zum selbst gewählten Lebensentwurf. Dass alles dieses auf die kreatürliche Würde nicht übertragbar sein dürfte, liegt auf der Hand. Es ist folglich etwas anderes gemeint als das Versprechen einer unantastbaren Würde, suggeriert aber sprachlich das Gegenteil.«

Aus der Menschenwürde ergeben sich zumindest dem Ideal nach strikte Verbotspflichten. So ist es zum Beispiel mit der Menschenwürde nicht vereinbar, Menschen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion zu züchten oder sie in medizinischen Versuchen zu töten.

Bei den diversen Ansätzen, die »Würde der Kreatur« zu definieren, ist weitgehend freies Phantasieren angesagt. Wenn nicht einmal klar ist, warum allen Kreaturen Würde zugeschrieben werden soll und welche normativen Konsequenzen dies hätte, ist nicht verwunderlich, dass manche Autoren vollständig den Überblick verlieren und wahllos mit Würde-Bonbons um sich werfen wie Karnevalsprinzen mit Kamelle.

Es gibt Metzger, die wollen sogar dem Fleisch seine Würde zurückgeben. Wenn aber das Fleisch, die Wurst, die Boulette eine Würde hat, wieso nicht auch das Gekröse? Warum nicht auch der Hunde-Kot auf der Straße? Wer den Haufen ordnungsgemäß entsorgt, gibt ihm seine Würde wieder, da das arme Häuflein nicht mehr mit Füßen getreten werden kann, oder was? Fazit: Inflationärer Gebrauch des Würdebegriffes verursacht Hirnflatulenz.

Raison oblige

Das Gewürge mit der Würde beginnt, sobald man sie von der Fähigkeit zur praktischen Vernunft abkoppelt. Ein Würdebegriff, der nicht mehr auf Vernunft bezogen ist, wird inflationär und willkürlich. Bei Immanuel Kant kommt Würde nur solchen Wesen zu, die prinzipiell fähig sind, zwischen Handlungsalternativen frei zu wählen und sich selber moralische Gesetze zu geben. Dies reflektiert § 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948): »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.«

Tierrechtler wie zum Beispiel Tom Regan versuchen aufgrund dessen, die Begriffe »Autonomie« und »Handlungsfähigkeit« so zu erweitern, dass sie wenigstens auf (einige) Tiere passen. Diese Erweiterung geht aber – wie alle tierethischen Begriffserweiterungen – zu sehr auf Kosten der Bedeutung. Das Tun von Tieren kann nicht als Handlung gelten, wenn man sie nicht auch dafür verantwortlich macht; Tiere sind nicht moralisch autonom, solange sie moralische Maximen grundsätzlich nicht verstehen, formulieren oder befolgen können.

Während beim Menschen nur wenige Individuen aufgrund kontingenter Ursachen (Unfall, Krankheit, Gendefekt) oder absichtlicher Schädigung durch Dritte ihre Vernunft- und Gewissensbegabung nicht oder nur eingeschränkt entfalten können, sind alle nichtmenschlichen »Kreaturen« diesbezüglich hoffnungslos unbegabt. Es ist daher sinnlos, ihnen Würde zuzugestehen.

Heiße Luft = Aufwind für Fanatiker

Ähnlich wie die »Mitgeschöpflichkeit« hat die »Würde der Kreatur« aufgrund ihres hohen Anteils an heißer Luft vor allem den Effekt, die Aufgeblasenheit derjenigen zu vergrößern, die sie im Munde führen. Darüber hinaus ermutigt derlei heuchlerisches Wortgeklingel die Fanatiker dazu, den Würdebegriff in Bezug nichtmenschliche Kreaturen ebenso strikt auszulegen wie in Bezug auf Menschen.

Es ist daher folgerichtig, dass die Tierrechtler immer frecher werden und für Tiere exakt denselben Würdeschutz fordern, wie er für Menschen gilt. Wenn Tiere aber denselben oder annährend denselben Würdeschutz genießen sollen wie Menschen, dieser aber nicht gewährleistet wird, ist es nur logisch, dass Tierrechtler auch Gewalt anwenden, um den vermeintlichen Anspruch der Tiere durchzusetzen. Menschen, die zu Nahrungszwecken gezüchtet werden, müssten schließlich auch mit Gewalt befreit werden, wenn andere Mittel versagen.

»Mitgeschöpf«

Die Schlagworte »Mitgeschöpf« und »Mitgeschöpflichkeit« erfreuen sich in der Debatte um Tierrechte und Tierschutz größter Beliebtheit. Das »Mitgeschöpf« ist Anfang 1987 ins deutsche Tierschutzgesetz eingewandert (§ 1, 1) und treibt dort seitdem sein Unwesen. Die juristischen Kommentare betonen, dass das deutsche Tierschutzgesetz im Zeichen der Mitgeschöpflichkeit stehe. Ob sie damit dem Tierschutz sowie den Menschen einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden.

Schaffe, schaffe, G’schöpfle baue … 

»Mitgeschöpf« ist eine Wortschöpfung des Pietismus; die »Mitgeschöpflichkeit« wurde vom Schweizer Theologen Fritz Blanke erfunden und meint so etwas wie »artübergreifende Menschlichkeit«. Das hört sich schön an, besagt aber nichts. Um es kurz zu machen: Theologisch betrachtet ist alles, was existiert, »Geschöpf« – mit Ausnahme von Gott selbst. Aus dem Geschaffensein als solchem folgt daher moralisch und rechtlich nicht das Geringste.

Warum sollten wir Tiere nur deshalb moralisch berücksichtigen, weil sie nicht Gott sind? Das trifft auf uns selber ebenso zu wie auf Pflanzen, Pilze, Steine, Schneeflocken oder Sternenstaub. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man der profanen Geschöpflichkeit feierlich die Silbe »Mit« voranstellt.

Wer ein Schwein als Mitgeschöpf bezeichnet, muss auch dessen Lungenwürmer als Mitgesch(r)öpfe bezeichnen. Entscheidet man sich, die Würmer zu töten, um das Schwein zu retten, etabliert man damit eine Hierarchie der Lebewesen, die sich aus der Tatsache ihres Geschaffenseins in keiner Weise ergibt. Das seitenlange Kleingedruckte macht den ganzen Mitgeschöpf-Vertrag zur Makulatur. Am Ende bleiben doch immer nur die paar Lieblinge des Menschen übrig. »Mitgeschöpflichkeit« ist also nichts weiter als eine Lizenz zum Heucheln.

Geschöpf ohne Gott?

Ganz zu schweigen von dem Tatbestand, dass man an einen Gott glauben muss, der alles geschaffen hat. Wer die Mitgeschöpflichkeit propagiert, müsste streng genommen erst einmal die Existenz eines Schöpfers rational beweisen oder zumindest plausibel machen, sodann zeigen, dass dem Schöpfer irgend etwas an seinen Geschöpfen gelegen ist.

Denn es spricht ja alles dagegen, dass Gott sich um’s Wohlergehen seiner Geschöpfe besonders sorgt. Ein allgütiger Gott hätte die Welt schließlich so schaffen können, dass zumindest unkompensiertes Leid darin nicht vorkäme, oder er hätte auch gleich eine Welt voller Wonneproppen basteln können. Hat er aber nicht. Außerdem müssten die Mitgeschöpfianer noch das Medium benennen, mittels dessen Gott den Geschöpfen seine Wünsche mitteilt. Derlei Mühe spart man sich heute gerne und geht lieber gleich zum gemütlichen Teil über: der willkürlichen Proklamation von diesem und jenem.

In ihrer Stellungnahme zum Tierschutzgesetz machen die Rechtsphilosophen Julian Nida-Rümelin und Dietmar von der Pfordten denn auch kurzen Prozess mit der Mitgeschöpflichkeit: »Einem wenig rationalen Dezisionismus in Normierungs- und Abwägungsfragen erscheint hier Tür und Tor geöffnet.« Mit anderen Worten: »Sechs, setzen!« Oder: Fuck ju, Mitgeschöpf! 

Absolution durch Evolution?

Warum ein derart religiös aufgeladener Begriff überhaupt für die Gesetzgebung eines Staates verbindlich sein soll, der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, steht in den Sternen bzw. in den juristischen Kommentaren zum Tierschutzgesetz. Im Kommentar von Kluge et. al. wird zur Begründung die haarsträubende Behauptung aufgestellt, Mitgeschöpflichkeit könne auch mit der Evolution und der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen begründet werden.

Evolution im modernen Sinne ist jedoch ein unbewusster, subjektloser Prozess, also das glatte Gegenteil eines Schöpfungsaktes. Aus der Tatsache, dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickelt haben, folgt daher ebenfalls moralisch und rechtlich nicht das Geringste – zumal bei dieser Interpretation die unbelebten Geschöpfe vollends unter den Tisch fallen. Hier werden stillschweigend wertfreie biologische Fachtermini moralisch interpretiert. »Genetische Verwandtschaft« bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die Hefepilze, mit welchen wir 70 % der Gene gemeinsam haben, als unsere Kinder betrachten müssen, die nach unserem Tode Anspruch auf einen Pflichterbteil hätten. Das Hefeweizen ist nicht mal unser Schwippschwager.

Der Versuch, die Mitgeschöpflichkeit pseudowissenschaftlich mit Hilfe der Evolution zu retten, kann nicht gelingen. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen und solche Nonsens-Begriffe aus der Gesetzgebung zu tilgen, werden ihnen dort Heiligenscheine verpasst.

Nonsens ist übrigens auch der beliebte Imperativ, die Schöpfung zu bewahren. Er ist theologisch schlicht Blasphemie, denn nur Gott selbst hat die Macht, seine Schöpfung zu zerstören. Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.

Gott im Kochpott?

Die verzweifelte Frage aller Suchenden: Gott, wo bist du? Konnte jüngst geklärt werden. Wie die Erzdiözese Wien berichtet, hat man Gott zufällig in der Küche eines gewissen Karl-Heinz Steinmetz gefunden, der gleich nach seiner Erleuchtung einen Artikel mit der Überschrift Gott zwischen den Kochtöpfen – Ethik der Ernährung verfasste.

Aus den verkrusteten Herdplatten gebot Gott seinem Metz in die Tasten zu meißeln, dass der Mensch mit Hilfe von Fair Trade, Tierschutz und ökologischem Landbau einen gottgefälligen Weg einschlagen könne. Die nächsten Schritte zur Seligkeit seien dann unter anderem: „Der regelmäßige Besuch eines Wochenmarkts, der Kauf von Eiern aus Bodenhaltung“ sowie ein „paar Euro mehr für einen ehrlichen Winzer vor Ort.“

Das klingt zwar himmlisch einfach, doch auf Erden sind die Dinge teuflisch kompliziert: Ökologischer Landbau verschwendet weit mehr von Gottes schöner Fläche als der konventionelle. Im ökologischen Landbau werden oft stärkere Gifte eingesetzt, die Tiere haben oft einen schlechteren Gesundheitsstatus und krepieren häufiger. In der Bodenhaltung von Legehennen kann sich – im Gegensatz zur Haltung in ausgestalteten Käfigen – keine feste Rangordnung ausbilden, sodass es häufiger zu Rangordnungskämpfen mit teilweise schweren Verletzungen kommt.

Beim Fair Trade handelt es sich meist um glatten Betrug. Die Verbraucher stehen vorm Dickicht der Etiketten wie Moses vorm Dornbusch und grübeln verzweifelt, was den Besuch von Wochenmärkten gottgefälliger macht als den Besuch von Lichtspielhäusern oder Fußpflege-Studios. Auf der Suche nach einem Winzer vor Ort müssen sie länger pilgern als auf dem Jakobsweg, denn für 99 % der Weltbevölkerung dürfte selbst der Weg zu Gott erheblich näher sein.

Um all diese Gebote zu erfüllen, benötigen die Gläubigen daher neben einem überquellenden Zeitbudget auch ein überquellendes Bankkonto und ein überkandideltes Nervenkostüm. „Seien Sie kreativ und entdecken Sie den persönlichen Beitrag, den Sie im Alltag leisten möchten und auch können“, fordert Steinmetz, der eine Ausbildung in klassischer Homöopathie hat und die Venia legendi für das Fach Spiritualitätsforschung besitzt. Auf seiner Seite ArcAnime. Arche der Seele schreibt er unter anderem über „Rosenölsalbung“, „Wiederentdeckung der Bürste“ und „Zimtgeheimnisse in Bibel und Vatikan“.

Warum konnte er nur seine Zinnobergeheimnisse über ethische Ernährung nicht für sich behalten? Weil „die biblische Schöpfungsgeschichte [...] den Menschen darauf hin[weist], dass er für die ganze Schöpfung – seine Mitmenschen, Tiere und Natur – eine gewisse Mitverantwortung hat.“ Die Frage, wie der Christenmensch für die gesamte Schöpfung auch nur den Hauch einer Verantwortung haben kann, wo doch der Schöpfer allmächtig ist, hat der Kochpott-Gott seinem Entdecker nicht beantwortet.

Fazit: „Gott kann besser als wir denken, alle Not zum besten lenken“, heißt es in einem Bachchoral. Im Omnibus des Lebens sollten die Reisenden dem Fahrer also nicht ins Lenkrad greifen – sonst überschlägt sich der Karren und landet mitten im Quatsch.

Auf dem Weg zum Agrarende

Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), am 29. September 2016

Landwirtschaft nur noch für’s Auge?

Landwirtschaft, die dem Zweck dient, alle Bürger mit erschwinglichen und zugleich hochwertigen Produkten zu versorgen, steht in Deutschland als solche zur Disposition. Wenn nicht noch Einschneidendes passiert, wird sie wohl Schritt für Schritt durch eine hoch subventionierte Mischung aus Agrarmuseum, Ökospielwiese und Streichelzoo ausgetauscht. Das sieht von Weitem schön aus, ist aber so wirtschaftlich und nachhaltig, wie wenn man Hochöfen mit Geldscheinen befeuert.

Da die Bürger einfach nicht machen, was sie in Umfragen behaupten zu tun – nämlich ökomoralisch unter tierethischen Klima-Gesichtspunkten einzukaufen –, werden sie nach der vielbeschworenen Agrarwende scharenweise zu preiswerter Importware greifen. Dies wird der sogenannten Zivilgesellschaft in Gestalt von Greenpeace, Heinrich-Böll-Stiftung, Hofreiter, Habeck, Hendricks und Co. sowie den öffentlich-rechtlichen Moralanstalten ein steter Dorn im Auge bleiben.

Futtermittelimport gilt ihr zum Beispiel als verwerflich, weil Futterhändler, wenn Sie Soja importieren – Achtung Ironie! – Dritte-Welt-Ländern wie den USA, Brasilien oder Argentinien die Fläche rauben. Das nennt sich virtueller Landraub. Und wenn zum Beispiel deutsche Schweinemäster künftig Jungtiere mit kupierten Schwänzen aus Dänemark beziehen, weil wir überstürzt ins Kupierverbot hineinstolpern, wird von Aktivisten sicher bald die Parole vom virtuellen Ringelschwanzraub ausgegeben.

Merke: Reiche Länder, die sich so schöne Dinge wie die Würde der Kreatur oder die Mitgeschöpflichkeit in ihre Verfassungen schreiben, die Agrarwenden ankurbeln und Tierhaltungswenden veranstalten, werden keine Moral,- sondern Importweltmeister. Oder es sie schotten sich vom Weltmarkt ab. Dann verwalten sie ihren selbstfabrizierten Mangel und drohen, zu Diktaturen zu werden.

Der pure Wahnsinn

Die hiesige Diskussion über Landwirtschaft und Ernährung ist hoffnungslos irrational. Es wird ihr auch künftig kaum Vernunft mehr einzublasen sein, denn sie steht unter einem unguten ideologischen Stern. Die verschiedenen Debatten treiben allesamt ganz von selbst auf ihren Fluchtpunkt zu: die Abschaffung der Landwirtschaft.

Die Idee, Landwirtschaft zu betreiben, meint der weltberühmte Biologe Jared Diamond, sei der schlimmste Fehler der Menschheitsgeschichte gewesen. Damit steht Diamond nicht allein, sondern spricht einen mehr oder weniger offen artikulierten Konsens aus: nämlich, dass der Mensch ein Schädling des Planeten, der Natur sei. Die Natur, verstanden als das, was ohne menschliches Wirken von selber existiert, gilt heute allgemein als Inbegriff des moralisch Guten. Die unbefleckte Natur ist nicht nur sauber, sondern rein wie die Jungfrau Maria.

Warum wohl fordern so viele Leute vehement eine ineffiziente Landwirtschaft ohne synthetischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, ohne Gentechnik selbstverständlich, gar ohne Viehhaltung? Weil die Leute das Gute wollen, und das Gute ist ihrer Meinung nach eben eine Welt mit möglichst wenig menschlichen Eingriffen in die Natur. Folgt man diesem Reinheitsgebot: Was wäre demnach der beste aller möglichen Weltzustände? Ein Weltzustand ohne Menschen. Logisch.

Da kaum jemand mehr Ahnung von Landwirtschaft hat, glauben die Leute, man könne die Weltbevölkerung allein mit unreifen Blütenträumen ernähren oder indem man den Weltverdauungsverkehr regelt. Wir brauchen doch die ganze Technik und Chemie nicht, denken sie. Und die armen Tiere müssen wir auch nicht essen. Wer braucht schon noch Erträge, wer braucht schon sichere Ernten? Niemand. Das Manna fällt vom Himmel, wenn wir nur der Naturgottheit das Opfer unseres eigenes Verstandes bringen. Außerdem essen wir sowieso zu viel und unser Tellerchen nicht leer. Und wenn wir das Tellerchen nicht leer essen, gibt es morgen kein schönes Klima.

Glorifikation des Mangels

Den Wenigsten dürfte allerdings bewusst sein, dass sie mit der puren Natur zugleich den puren Mangel glorifizieren. Denn Mangel ist der bestimmende Zustand der nicht vom Menschen modifizierten Natur. Nur der Mangel ermöglicht die Vielfalt. Artenvielfalt ist stets ein Indikator für Nährstoffmangel. Kein Wunder also, dass nährstoffarme Gebiete wie Regenwälder, Korallenriffe oder blütenreiche Wiesen als Naturparadiese verherrlicht werden.

Die Verklärung des Mangels drückt sich ökonomisch im allgegenwärtigen Malthusianismus aus, also jener zigfach widerlegten Theorie, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht mithalten könne. Diese Theorie ist die Krankheit, als deren Heilung sie sich ausgibt.

Zusammen mit der stets herbeiphantasierten Apokalypse entsteht die gefährlichste Mischung, die es überhaupt gibt. Der Historiker Timothy Snyder warnt: »Wenn sich am Horizont eine Apokalypse abzeichnet, scheint es sinnlos zu sein, auf wissenschaftliche Lösungen zu warten, dann muss natürlich gekämpft werden, dann kommt die Stunde der Blut-und-Boden-Demagogen.« Wenn nebenwirkungsblinde Theoretiker und Moralapostel das Ruder übernehmen, hat das letzte Stündlein des liberalen Rechtsstaats bald geschlagen.

Tierschutzlabels für die Katz

A propos arme Tiere: Dass die Viehhalter mit Tierwohl-Initiativen aus der Defensive herauskommen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Anti-Fleisch-Propaganda wird auch dann nicht aufhören, wenn wir ein milliardenschweres staatliches Tierschutzlabel haben. Die Folge ist nur, dass Menschen als minderwertig abgestempelt werden, die noch Standardware kaufen und produzieren. Dabei können sich bereits heute allein in Deutschland über sechs Millionen Menschen aus finanziellen Gründen nicht mehr ausreichend mit eiweißreicher Nahrung und tierischem Eiweiß versorgen, vier Millionen Menschen können ihre Wohnungen nicht mehr angemessen heizen.

Heutzutage setzen die von den Medien hofierten Tierrechtler den Maßstab. Tierrechtler wollen die Nutztierhaltung nicht verbessern, sondern komplett abschaffen. Die tierrechtliche Botschaft ist ebenso einfach wie scheinplausibel: Wir müssen keine Tiere essen, weil wir auch Pflanzen essen können. Wenn wir dennoch Tiere essen, sind wir Unmenschen, die nur um des Genusses willen moralisch hochwertige Mitgeschöpfe killen.

Verbesserte Haltungsbedingungen sind für Tierrechtler Theresienstadt, die Standardhaltung gilt als Eternal Treblinka. »Tieren auf dem Bauernhof mehr Raum, mehr natürliche Umwelt, mehr Gefährten zu geben, macht aus dem fundamentalen Unrecht kein Recht. Nur die völlige Abschaffung der Nutztierhaltung kann das wieder gutmachen«, schreibt der Philosoph Tom Regan. Er ist die Ikone der Tierbefreier, nicht irgend jemand: sondern hoch angesehener, berühmter Professor.

Während wir noch über den Ringelschwanz debattieren, sind im naturethischen Diskurs schon längst Pflanzenwürde und Ehrfurcht vor Ökosystemen, Flüssen, Wäldern und Meeren beschlossen worden. Tiere wurden bereits zu vollgültigen Staatsbürgern erklärt, mit Bürgerrechten und allem Drum und Dran.

Die Tierrechtsorganisationen und –autoren machen den öffentlichen Druck und berufen sich explizit aufs Tierschutzgesetz, das leider 1986 und 2002 entscheidend verunstaltet worden ist. 1986 kam das »Mitgeschöpf« hinein, dessen Leben und Wohlergehen zu schützen sei (§ 1, 1), 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Beides fatale Missgriffe – siehe hierzu den kritischen Artikel von Wolfgang Löwer ab S.31. Auch diesen Entscheidungen haben es die Landwirte zu verdanken, dass immer mehr selbsternannte Tierbefreier unangemeldet ihre Ställe »besuchen«.

Die populäre Tierrechtlerin Hilal Sezgin schreibt in ihrem neuen Buch »Wieso? Weshalb? Vegan!« zum Thema Tierwohl: »Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil es ganz lausige Lebensbedingungen sind, die man minimal verbessert, um sich dann so ein Siegel zu verdienen [...] Es gibt sogar ein Siegel vom Deutschen Tierschutzbund, das angeblich dafür bürgt, dass es den Tieren dort etwas besser ergangen sei als in anderen Ställen – bis man sie tötete. Ich finde, keine Sorte Fleisch verdient ein Tierschutzlabel. Denn wenn ein Tier im Alter von wenigen Wochen oder Monaten auf einem Teller landet, wurde es offensichtlich nicht gut geschützt, sonst wäre es nicht tot.«

Tierschützer, die das menschliche Interesse an hochwertiger Nahrung noch mitberücksichtigen, haben in dieser Logik gar nichts mehr verloren, denn der Mensch ist nicht mehr Teil der Gleichung. Der soll ja zurück ins Glied und sich in der Nahrungskette gefälligst wieder hinten anstellen. Tierschützer, die zu eng mit der bösen Agrarindustrie zusammenarbeiten, werden als Kollaborateure wahrgenommen und bekommen weniger Spenden. Tierrechtler wirken einfach glaubwürdiger, weil sie konsequenter sind bzw. erscheinen.

Megaställe und Höfesterben

Die öffentlich-rechtlichen Sender werden nicht einfach aufhören, den Tierrechtlern ihr Horrorfilmmaterial abzunehmen. Auch in Tierwohl-Ställen lässt sich entsprechendes Material leicht finden bzw. fälschen. Glauben Sie, es werden keine Bürgerinitiativen mehr gegen Massentierhaltung gegründet, weil die Ställe statt für 40.000 nur noch Platz für 5000 Hühner bieten? Nein. Dann haben sie statt einer Bürgerinitiative acht Bürgerinitiativen gegen Tierfabriken am Hals.

Eine Mastanlage mit 40.000 Hühnern wird von den Aktivisten als »Megastall« bezeichnet. »Mega« bedeutet als Vorsatz für Maßeinheiten 10 hoch 6 also eine Million. Wenn 40.000 in der Wahrnehmung 40 Millionen entspricht, wissen Sie ja, wie viele Hühner es nach Adam Riese pro Betrieb geben darf: 40. Und diese Zahl entspricht ziemlich genau der Fernsehidylle naturnaher, bäuerlicher Landwirtschaft – mit anderen Worten, der verklärten Mangelwirtschaft. Es gibt bereits eine Bürgerinitiative gegen einen Biohof mit Auslauf für 250 Hühner. Dem Landwirt wird Geldgier und Massentierhaltung vorgeworfen.

Die Grünen und zahlreiche NGOs beklagen ebenso lautstark wie scheinheilig das sogenannte »Höfesterben«, obwohl sie es mit ihren Auflagen und der Förderung von Bioenergie selbst vorantreiben. Sie fordern kleine Einheiten, weil sie wissen, dass diese nicht einfach wiederkommen, wenn die großen Ställe verboten sind. »Dass die kleinen Ställe wieder rentabel werden, ist so unwahrscheinlich wie das Wiederauferstehen kleiner Tageszeitungen, des Bleisatzes samt Setzern und kleiner Druckereien«, schreibt der Agrarstatistiker Georg Keckl.

Und nun bitte ich Sie, hier einfach Eins und Eins zusammenzuzählen! Ein amtierender, grüner Landwirtschaftsminister, nämlich Robert Habeck, hat bereits öffentlich verkündet, dass es für den Konsum tierlicher Lebensmittel keine moralische Rechtfertigung mehr gebe. Zugleich ziehen er uns seine Parteifreunde gegen das »Höfesterben« zu Felde, in dem Wissen, dass die kleinen Höfe von Anno dazumal allenfalls noch als museale Spielzeughöfe zur Verschönerung der Landschaft taugen werden (das meinte ich vorhin mit »Agrarmuseum«). Die Schlussfolgerung ist glasklar: Am besten soll es in Deutschland nur noch Naturflächen geben. Der erste Schritt dazu ist, die Äcker im Dienste der vergotteten Biodiversität so verunkrauten und verschimmeln zu lassen, dass sie keine Erträge mehr liefern, und dies als Dienst am Gemeinwohl auszugeben.

Meine Damen und Herren! Sie haben es vielleicht noch nicht gemerkt oder wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber Sie sind bereits verurteilt. Sie brauchen sich nicht mehr zu rechtfertigen. Sie sind Objekte einer geschlossenen Ideologie, einer zirkulären Logik und Adressat von widersprüchlichen, paradoxen Forderungen der Kategorie »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«. In dieser Konstellation können sie nicht gewinnen. So lange Sie im Rechtfertigungsmodus bleiben, es recht machen wollen, werden Sie nicht aus der Defensive herauskommen. Schlimmer noch – Sie werden aufgerieben. Fassen Sie bitte ins Auge, dass das der Sinn der ganzen Veranstaltung ist.