Gedankenexperiment Menschenfleisch

In seinem Aufsatz »Killing for food« (1971) schreibt der Tierrechtler John Harris:

Angenommen, morgen würde eine Gruppe von Wesen von einem anderen Planeten auf der Erde landen, Wesen, die sich Ihnen gegenüber für so überlegen halten wie Sie sich gegenüber Tieren. Würden Sie sagen, dass diese Wesen das Recht haben, Sie so zu behandeln, wie Sie Tiere behandeln, die Sie züchten, halten und zu Ernährungszwecken töten?

Der Philosoph Richard David Precht hat diese Geschichte im Buch »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?« aufgegriffen und im Buch »Warum gibt es alles und nicht nichts?« für seinen Sohn Oskar ausgeschmückt, dem er dort »die Welt erklärt«. In der Version von Precht rechtfertigen sich die Außerirdischen vor einem Menschen, den sie schlachten wollen und der ihnen deshalb Vorwürfe macht. Sie antworten, dass sie nun einmal eine überlegene Art von Wesen seien, Vernunft und eine hohe Kultur hätten. Das Leben von Menschen sei dagegen jämmerlich und habe kaum einen Wert. »Außerdem«, so lässt Precht einen Alien sagen, »selbst wenn unser Verhalten nicht ganz in Ordnung sein sollte, wegen eurer Schmerzen und eurer Ängste – eines ist doch viel wichtiger für uns: Ihr schmeckt uns halt so gut.«

Das Gedankenexperiment ist ziemlich populär geworden. Der Schweizer Sender SRF hat daraus sogar ein Zeichentrick-Video gemacht. Precht selbst hatte Gelegenheit, es in seiner eigenen TV-Sendung mit dem Philosophen Robert Spaemann ausführlich zu besprechen. Kein Wunder also, dass Veganer und andere Kritiker des Fleischkonsums gerne damit auftrumpfen.

Intelligent oder vernünftig?

Bei Harris ist nicht ganz klar, in welcher Hinsicht sich die Außerirdischen für überlegen halten. Wären sie bloß in irgendeiner Weise besonders intelligent, ohne zugleich moralfähig zu sein, wäre ihnen ihr Tun so wenig vorzuwerfen wie Ameisen, die Blattläuse »züchten«, »melken« und töten. Die Frage, ob jene Wesen das Recht hätten, uns auszubeuten, wäre sinnlos, da sie selber gar nicht wüssten, was Recht ist. Insofern hätten sie nur im ganz wörtlichen Sinne »kein Recht«. Man würde sie als überlegene Spezies fürchten und mit allen Mitteln bekämpfen, aber keine moralischen Appelle an sie richten.

In Prechts Version rechtfertigen sich die Außerirdischen vor ihrem Opfer, das sie moralisch anklagt. Die Aliens sind hier ganz offensichtlich genauso vernunft- und moralfähig wie Menschen. Sie haben einen Begriff von Gut und Böse. Daher muss man ihnen ihr Handeln auch als Verschulden zuschreiben. Was sie mit den Menschen machen, ist moralisch verwerflich. Spätestens in dem Moment, in dem das potenzielle Opfer ihnen mittels einer für sie verständlichen, hochdifferenzierten Wortsprache moralische Vorhaltungen macht, müssten sie innehalten und ihre Einstellung überdenken.

Anerkennung als Gleiche

In dem kurzen Gespräch sind Mensch und Alien in ein Verhältnis der Symmetrie eingetreten. Der Mensch argumentiert, und das fremde Wesen argumentiert in seiner Erwiderung ebenfalls. Alien x rechtfertigt sich nicht etwa vor seinen Artgenossen, sondern direkt vor dem Menschen. Damit anerkennt er ihn als gleichberechtigten Gesprächspartner. Er zieht sogar in Erwägung, dass sein Tun moralisch falsch könnte.

Da die Aliens so überaus klug und glücklicherweise auch moralische Akteure sind, ist nicht einzusehen, warum sie für gute Argumente und moralische Appelle des Menschen nicht empfänglich sein sollten. Es ist durchaus möglich, dass er sie davon überzeugen kann, mit den Menschen zu kooperieren. Auch wenn sie sich Menschen gegenüber weit überlegen fühlen mögen, bedeutet das nicht, dass sie nicht weise genug sein können, Ratschläge von ihnen zu beherzigen, und ethisch konsequent genug, ihnen fundamentale Rechte zuzugestehen.

Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass die Kluft zwischen Alien und Mensch im Gedankenexperiment Prechts nicht annähernd so groß sein kann wie die Kluft zwischen Mensch und Tier. Die Außerirdischen haben zwar weitaus mehr Macht als Menschen. Doch sie haben die Menschen durch ihren Rechtfertigungsversuch bereits als Gleiche anerkannt. Es ist deshalb zumindest gut möglich, dass sie bereit wären, ihre Macht den Menschen gegenüber einzuschränken. Moralisch sind die Menschen den Aliens anscheinend ohnehin nicht unterlegen.

Man stelle sich aber eine Insel vor, auf der moralbegabte und vernünftige Pinguine leben, die ständig von Seeleoparden bedroht sind – oder gleich veranlagte Mäuse, die stets Gefahr laufen, von Katzen gepackt zu werden, die ohne Not mit ihnen »spielen« und sie töten. Was nützte es den Pinguinen, wenn sie die Seeleoparden bäten, nur Fische zu fressen, weil diese wahrscheinlich weniger schmerzempfindlich seien als Pinguine? Was nützte den Mäusen der Appell an Katzen, diese mögen doch bitte mit Wollmäusen spielen, da letztere keine Empfindungen hätten? Nichts. Robben, Katzen oder sogar Orcas würden trotz hoher Intelligenz nicht begreifen, wovon die Pinguine und Mäuse reden. Zwischen moralbegabten und anderen Tieren verliefe ein unüberbrückbarer Graben – so wie zwischen Mensch und Tier. Da es außer Menschen keine vernunft- und moralbegabten Lebewesen auf der Erde gibt, hat Moral im eigentlichen Sinn des Wortes auch keinen Ort in der außermenschlichen Natur.

Tod und Sterben

Im Video »Gedankenexperiment Menschenfleisch« fragen die Aliens den Menschen am Schluss: »Macht ihr nicht das Gleiche mit den Tieren?« Die Antwort des Menschen müsste lauten: »Das mag sein, aber es ist nicht das Gleiche. Ihr könntet mich doch genauso fragen: Macht ihr nicht das Gleiche mit Pflanzen? Wir nutzen und essen andere Lebewesen, weil wir uns von anderen Lebewesen ernähren müssen.«

In seinem Buch »Tiere essen dürfen« macht der Autor Florian Asche darauf aufmerksam, dass in Prechts Gedankenexperiment Aliens und Menschen offenbar den gleichen Begriff von Leben, Lebenszeit und Tod haben. Dies ist aber bei Menschen und Tieren nicht der Fall. Das Tier weiß Asche zufolge nicht »dass es lebt, es weiß nicht, dass es eines Tages sterben muss.« Der Mensch hingegen sei »Opfer seines Todesbewusstseins, während er sich an die Idee vom Leben klammert.« Nur der Mensch müsse sich immer wieder trösten, dass Tod und Sterben doch gar nicht so schlimm seien. Der Tod spiele aber, so Asche, in der Lebenswelt von Tieren schlicht keine Rolle.

Der Punkt ist also nicht – wie im Gedankenexperiment behauptet –, dass das Bewusstsein der Tiere »minderwertig« sei, sondern, dass es für bestimmte Lebewesen Probleme gibt, die andere Lebewesen nicht haben. Und das Problem des Menschen ist sein stetiges Todesbewusstsein – sein Bewusstsein von der Endlichkeit aller Freuden und Leiden.

Argumente? Fehlanzeige

Precht möchte darauf hinaus, dass es die Leidfähigkeit sei, die Menschen dazu verpflichte, andere zu achten, sie nicht zu benutzen und zu verspeisen. In seinem Gedankenexperiment findet sich allerdings kein einziges Argument dafür. Ob Sohn Oskar durch das Experiment klüger geworden ist, darf daher bezweifelt werden. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein. Precht könnte seinem Kind doch gleich sagen: »Man darf leidfähige Lebewesen nicht nutzen und töten«? Dann hätte Oskar womöglich nach dem Warum gefragt.

Auf diese Frage verweigern jedoch viele Philosophen eine durch konkrete Argumente gestützte Aussage. »In der Diskussion über Tiere und deren schlechte Behandlung wurde ohne weiteres Argument einfach vorausgesetzt, dass Leidfähigkeit zureichend ist, um direkte moralische Pflichten gegenüber Tieren zu begründen«, resümiert der Philosoph Raymond Frey. Man meint eben, dass sich dies von selbst verstehe. Es ist also kein Zufall, dass Precht statt zu argumentieren seinen Sohn lieber mit einem schiefen Gedankenkonstrukt verwirrt, das keinerlei relevante Information zusätzlich enthält.

Doch selbst wenn man eine Begründung liefern würde – etwa, dass Leidfähigkeit die Voraussetzung sei, Interessen zu haben und diese wiederum moralisch von Belang seien – kommt man noch nicht zu einem Nutzungs- oder Tötungsverbot. Precht schließt aber von der Leidfähigkeit nicht auf irgendwelche Pflichten gegenüber Tieren, sondern direkt auf ein generelles Verbot, sie zu nutzen und zu töten. Er stellt also eine Maximalforderung auf, ohne auch nur eine minimale Begründung dafür zu liefern.

Das Gedankenexperiment enthält eine Reihe weiterer unbegründeter Annahmen. So legt Precht seinen Außerirdischen zum Beispiel die klägliche Rechtfertigung in den Mund, Menschen schmeckten nun einmal so gut. Damit unterstellt er, dass Menschen keine besseren Gründe hätten, Tiere zu essen. Der vorzügliche Geschmack des Fleisches ist aber gar kein Grund, sondern lediglich ein subjektives Motiv. Der Grund, Tiere zu essen, ist hingegen, dass sich deren Produkte hervorragend zur Ernährung eignen und schlichtweg hochwertige Lebensmittel sind.

Fazit

So gehaltvoll das Gedankenexperiment von Harris und Precht auf den ersten Blick erscheinen mag, so zirkulär ist es. Es soll zeigen, dass leidfähige Wesen nicht genutzt und getötet werden dürfen. Doch das tut es mitnichten. Vielmehr wird diese Position begründungslos vorausgesetzt, das Experiment bebildert sie lediglich.

Precht und viele Tierphilosophen tun so, als seien Vernunft- und Moralfähigkeit beliebige Eigenschaften, auf die Menschen sich aus purer Überheblichkeit etwas einbildeten. Leidfähigkeit ist in Bezug auf Moral aber ganz gewiss eine beliebigere Eigenschaft als Moralfähigkeit. Precht legt weder dar, warum er den Leidbegriff nicht auf alles Lebendige ausweitet, noch wie Leidfähigkeit mit direkten moralischen Pflichten logisch verbunden sein soll. Aus seinem Gedankenexperiment folgt in keiner Weise, dass Menschen Tiere nicht nutzen und töten dürfen.

Quellen

John Harris: Killing for food. In: Stanley Godlovitch, Rosalind Godlovitch, John Harris (Hrsg.): Animals, men, and morals. New York 1971. S. 97–110.

Richard David Precht: Warum gibt es alles und nicht nichts? München 2015.

Richard David Precht, Robert Spaemann: Dürfen wir Tiere essen? ZDF-Sendung »Precht«. 9. Dezember 2012.

Yves Bossart: Sind Menschen mehr wert als Tiere? SRF Kultur online. 26. Dezember 2017.
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/filosofix/gedankenspiel-menschenfleisch-sind-menschen-mehr-wert-als-tiere

Peter Carruthers: Animal mentality: its character, extent and moral significance. In: Tom L. Beauchamp, Raymond G. Frey (Hrsg.): The Oxford handbook of animal ethics. Oxford 2011. S. 373–406.

Timothy Hsiao: In defense of eating meat. In: Journal of Agricultural and Environmental Ethics. Vol. 28 (2). 2015. S. 277–291.

Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral. Berlin 2016.

Raymond R. Frey: Utilitarianism and animals. In: Tom L. Beauchamp, Raymond G. Frey (Hrsg.): The Oxford handbook of animal ethics. Oxford 2011. S. 172–197.

Florian Asche: Tiere essen dürfen. Melsungen 2015.

 

»Unser Umgang mit Tieren ist widersprüchlich.«

Von ethischen Vegetariern wird gerne behauptet, es sei ein Widerspruch, Hunde oder Katzen zu verhätscheln, aber zugleich Schweine oder Rinder zu essen. Sodann wird darauf verwiesen, dass zum Beispiel Schweine genauso »sozial und intelligent« seien wie Hunde und ähnliches.

In Deutschland ist jene Anklage durch die Bestseller-Autorin Melanie Joy besonders populär geworden. Sie hat hierfür den Begriff Karnismus erfunden, der ein »unsichtbares Glaubenssystem« bezeichne, »das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen«.

Zum Mäusemelken!

Es gibt viele Erklärungsversuche, warum bestimmte Nahrungsmittel tabuiert wurden und werden. So richtig überzeugend ist keiner. Dass wir nicht Katzen, sondern Kühe melken, hängt aber offenkundig mit dem Nutzen der betreffenden Tierarten für menschliche Zwecke zusammen – zum Beispiel mit dem Nährwert. Ein Schwein taugt unter bestimmten Bedingungen besser zum Fleischlieferanten als ein Hund oder Meerschweinchen. Eine Katze taugt gut zum Mäusefangen.

Prinzipiell könnten wir aber ebenso Hunde oder Meerschweinchen oder Katzen (»Dachhasen«) essen. Und in anderen Kulturen wird dies ja auch getan. In tropischen Regionen werden zum Beispiel Insekten gegessen, vor denen sich hierzulande die meisten Menschen ekeln. »Warum eine Tierart nicht gegessen und warum sie gehätschelt statt gemieden wird, ist stets davon abhängig, wie sie sich in das Gesamtsystem der betreffenden Kultur einfügt, das die Nahrungsmittelproduktion und die Erzeugung anderer Güter und Dienstleistungen determiniert«, meint der Ethnologe Marvin Harris.

Vom Karnismus zum Herbismus?
Veganer sind nicht zum Verzicht auf Blumenkohl oder Veggieburger verpflichtet, wenn sie Geranien auf dem Balkon haben und ihnen Gute-Nacht-Lieder singen. Der Fehler in obiger Anklage liegt darin, dass dem Gegner hier vorab etwas als innerer Widerspruch unterstellt wird, was lediglich eine unbegründete Meinung desjenigen ist, der die Anklage formuliert. Widersprüchlich wäre das beschriebene Handeln nämlich nur dann, wenn man davon ausginge, dass eine Person entweder zum Veganismus verpflichtet ist, sobald sie ein Tier knuddelt, oder sich mit dem Genuss von Fleisch dazu verpflichtet, keine Tiere zu hätscheln.

Ohne diese abwegige Grundannahme gibt es den behaupteten Widerspruch ebenso wenig, wie es ein Widerspruch ist, dass man diesen Menschen zum Geschlechtspartner und jenen zum Geschäftspartner wählt oder dieses Tier zum Hausgenossen und jenes zur Hausmannskost macht.

»Wenn ich einer Frau treu bin, begehe ich ein Unrecht an allen anderen«, meint Don Giovanni, der Verführer aus Mozarts gleichnamiger Oper. Man mag ihm seine Untreue vorwerfen, aber man kann nicht behaupten, dass er sich selbst widerspricht, wenn er versucht, möglichst viele Frauen zu beglücken. Im Gegenteil: Er handelt streng nach seiner selbst gewählten moralischen Maxime. Wäre er treu, würde er widersprüchlich handeln. Man muss also die individuellen moralischen Prinzipien erst kennen, bevor man daran irgendwelche Widersprüche feststellen kann.

Wenn jemand heute zwanzig Liegestütze macht und morgen stattdessen zwanzig Kniebeugen, widerspricht er sich nicht. Er würde sich widersprechen, wenn er behauptete, jeden Tag zwanzig Liegestütze zu machen, und zugleich sagte, dass er dienstags statt Liegestütze Kniebeugen absolvierte. Außer Sprechhandlungen können weder Handlungen noch Verhaltensweisen als solche widersprüchlich sein.

Dass Schwein und Hund vergleichbar intelligent oder »sozial« sind, tut überdies nichts zur Sache. Wer Hunde verzärtelt, muss nicht mit Kraken unter Wasser Gassi gehen, bloß weil diese ebenfalls intelligent sind. Und er muss auch keine Ameisen oder Bienen kraulen, bloß weil es »soziale Tiere« sind.

Schizophrene Viehhalter?

Landwirte, die Tiere zu Ernährungszwecken halten und irgendwann zum Schlachter schicken, werden von ethischen Vegetariern ebenfalls gerne der »Schizophrenie« geziehen. Es sei doch ein Widerspruch, Tiere zu versorgen, eine persönliche Bindung zu ihnen aufzubauen und sie dann »trotzdem« töten zu lassen. Der Widerspruch ist allerdings ungefähr so groß wie der, sein Auto zu pflegen, eine persönliche Bindung zu ihm zu entwickeln und es »trotzdem« zu fahren und irgendwann verschrotten zu lassen.

Aus einer persönlichen Bindung zu einem Tier folgt nicht unbedingt ein Tötungsverbot. Selbst auf »Lebens«- oder »Gnadenhöfen« werden die Tiere nicht selten durch Einschläfern getötet. Der Unterschied besteht im Zweck der Haltung: hier Nahrungsmittelproduktion, dort menschliches Vergnügen, das sich gerne einen moralischen Anstrich gibt. Hilal Sezgin schildert in ihrem Buch »Artgerecht ist nur die Freiheit«, wie sie nach langem Hin und Her ein Huhn namens Keira schließlich einschäfern lässt. Wie konnte sie dieses Tier halten und es dann trotzdem töten lassen? Ist doch total schizophren, oder?

Fazit

Die moralische Anklage, man handele widersprüchlich, wenn man Tier x streichele, aber Tier y esse, hat den Zweck, sich davor zu drücken, die eigene Auffassung stichhaltig zu begründen. Die unterschwellige Botschaft (Subtext) lautet: Du widersprichst dir selbst, weil du mir widersprichst – ein leicht zu erkennender rhetorischer Trick.

Quellen

Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Münster 2013.

Marvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen. Stuttgart 1988.

Klaus Alfs: Das Tier ist nicht der Freund des Menschen. NovoArgumente online. 9. Februar 2015.

 

»Tiere wollen leben.«

Sprüche wie »Tiere wollen leben!« oder »Alle Tiere wollen leben« fehlen auf keiner Veganer-Demonstration oder Mahnwache vor Schlachthöfen. Der »Lebenswille« der Tiere scheint für jeden offenkundig zu sein. Deshalb wird er von Aktivisten so gerne bemüht, um »Tierausbeuter« an den Pranger zu stellen. Wenn Veganer »Tiere wollen leben« rufen, soll man sich »also darf man sie nicht töten« hinzudenken.

Quo vadis Lebenswille?

Streng genommen kann man lediglich feststellen, dass Tiere leben; der dazugehörige Wille ist hingegen nirgendwo auszumachen. Damit etwas als lebendig gelten kann, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein – wie Abgrenzung von der Außenwelt, Stoffwechsel, Selbstregulation, Fortpflanzung, Vererbung, Wachstum und Entwicklung. Hierbei gibt es auch Grenzfälle (zum Beispiel Viren). Was aber in all diesen Definitionen fehlt, ist ein zusätzlicher Wille, der gleich einem fünften Element als eigentliche Kraft wirkt, die den ganzen Apparat erst zum Laufen bringt.

Die Vorstellung, dass noch etwas zu den genannten Kriterien hinzukommen müsse, damit Leben sei, hat sich bis ins zwanzigste Jahrhundert gehalten (Vitalismus), ist aber mit der modernen Biologie nicht mehr gut vereinbar. Laut dem berühmten Naturwissenschaftler Isaac Newton ist stets diejenige Theorie vorzuziehen, welche mit den wenigsten unbewiesenen Annahmen auskommt (Sparsamkeitsgrundsatz). Die Biologie erzielt seit Darwin hervorragende Ergebnisse, gerade weil sie auf jenen Zusatz verzichtet.

Soll der Lebenswille der Tiere daran erkennbar sein, dass sie sich auf alle mögliche Arten dem Tod (Zerfall) entgegenstemmen, dann haben ihn auch Pflanzen, Pilze, Einzeller – kurz: sämtliche Lebewesen. Denn sie alle müssen sich mit einem gewissen Aufwand erhalten, sonst sterben sie. Genau das unterscheidet sie ja von unbelebter Materie.

Ein Stein ist derart tiefenentspannt, dass er sich keinerlei Mühe zu geben braucht, um als Stein zu existieren. Auf lange Sicht zerbröselt er einfach, ohne zu murren. Das arme Pantoffeltierchen dagegen muss sich schon erheblich mehr abstrampeln, um zu bleiben, was es ist. Damit es gepflegt zerbröseln kann, muss es umständlicherweise erst seine Existenz als Pantoffeltierchen beenden.

Der »Lebenswille« kann als solcher also kein Grund sein, Tiere nicht zu töten. Wenn man diesen unterstellt, müsste sich das Tötungsverbot logischerweise auf alle Lebewesen erstrecken.

Leben, das leben will …

Tatsächlich haben manche Denker diese Konsequenz gezogen, zum Beispiel Albert Schweitzer (1875–1965). Ihm zufolge haben Lebewesen ohne Ausnahme den gleichen Lebenswillen. Deshalb lehnt er auch jede moralische Rangordnung ab. Ob Affe oder Amöbe – ein Lebewesen zu töten ist stets gleich großes Unrecht. »Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will«, schreibt Schweitzer.

Er hat die absurden Konsequenzen seiner Auffassung dankenswerterweise nicht verschwiegen: Menschen machen sich permanent schuldig, weil sie es nicht vermeiden können, sich als Lebewesen auf Kosten anderer Lebewesen zu erhalten, sofern sie selbst leben wollen.

Was unvermeidlich ist, kann aber nicht Gegenstand der Moral sein. Man kann zum Beispiel die Verdauung nicht sinnvoll als unmoralisches Treiben verurteilen, bloß weil Menschen sich auch entschließen können, in den Hungerstreik zu treten, die Verdauung zum Erliegen zu bringen und daran zu sterben.

Schweitzers Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« ist in Deutschland sehr populär. Ob sie jedoch zu mehr taugt als zu fortwährender Zerknirschung, sei dahingestellt. Der Philosoph Norbert Hoerster bemerkt kritisch, auf Basis dieser Ethik gebe es »keine überzeugende Lösung für auch nur einen einzigen moralischen Konflikt«.

Trotzdem ist jeder, der aus dem »Lebenswillen« unmittelbar ein Tötungsverbot ableiten will, auf eine Ethik Marke Schweitzer verpflichtet. Wer in der Logik A sagt, muss auch B sagen – selbst wenn »B« dann »Blödsinn« bedeuten sollte.

Wie wir?

Oft hört man auch, dass Tiere leben wollen wie wir. Dies führt dann in die Irre, wenn damit gemeint ist, dass sie in der gleichen Weise wie Menschen etwas wollen. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen pflegen Menschen nämlich meist mit Vorsatz zu wollen. Was bedeutet das? Menschen sind ganz offensichtlich als einzige Spezies fähig, Wünsche zweiter Ordnung zu bilden, sich also zum Beispiel als Heroinsüchtige zu wünschen, keinen Wunsch nach Heroin zu haben.

Ein junges Paar kann beschließen, erst ein Studium zu absolvieren, bevor es sich den gemeinsamen Kinderwunsch erfüllt. Kann aber der Hirsch sich frei entscheiden, dieses Jahr auf anstrengende Rangkämpfe und zehrende Dauerbegattung zu verzichten, weil er lieber die schöne Natur genießen will?

Menschen können ihre Strebungen, Bedürfnisse, Wünsche und Ziele prüfen und im Hinblick auf höherstufige Wünsche oder Ziele unter Abwägung von Gründen verändern. Sie können sich die Erfüllung von Wünschen erster Ordnung ein ganzes Leben lang versagen – zum Beispiel durch Zölibat, eheliche Treue, Alkoholabstinenz – und sogar infolge einer negativen Lebensbilanz den Freitod wählen. Dass Tiere sich aus freiem Entschluss umgebracht hätten, ist zumindest nicht bekannt (auch von Lemmingen nicht). Es gibt keine Hinweise darauf, dass Tiere persönliche Lebensbilanzen erstellen.

Warum sollten sich Tiere also noch zusätzlich wünschen, was sie ohnehin nicht vermeiden können? Das wäre zwar theoretisch möglich, aber nicht sehr plausibel. »Um sich das Weiterleben zu wünschen, muss man ein Konzept der eigenen Sterblichkeit haben«, schreibt der Tierrechtler Tom Regan. Man muss wissen, dass man sterben wird.

Der Hirnforscher Wolf Singer glaubt, dass Tiere nicht in der Lage seien, ihren eigenen Tod zu antizipieren, weil ihnen die dazu notwendigen Frontalhirnstrukturen fehlen. Letzteres ist zumindest für diejenigen ein triftiger Einwand, welche moralischen Status von neurologischen Fakten abhängig machen. Und dies wiederum ist bei den vielen Tierrechtlern und Veganern der Fall.

Fazit

Man kann mit guten Gründen abstreiten, dass Tiere einen Lebenswillen haben. Mit noch besseren Gründen kann man bestreiten, dass Tiere in gleicher Weise etwas wollen wie Menschen. Menschen können aus freiem Entschluss ihr Leben beenden oder beenden lassen. Nur unter dieser Voraussetzung hat die Aussage »Ich will leben!« Nachdruck. Im anderen Fall wird man vom Leben gewissermaßen gar nicht erst gefragt. Tiere führen kein Leben, sondern werden vom Leben geführt.

Haben Nutztiere zu kurzes Leben? – Nachtrag

Um der Deutlichkeit willen erläutere ich hier noch mal ein Argument des letzten Artikels ausführlicher. Es geht um die Aussage, dass das Leben der Nutztiere von Menschen vorzeitig beendet werde bzw. Nutztiere ein ungewöhnlich kurzes Leben hätten.

Eine solche Aussage hat nur dann Sinn, wenn zugleich ein geeigneter Maßstab angeben wird. Kritiker der Nutztierhaltung verwenden meist die Begriffe »Lebenserwartung« oder »natürliche Lebenserwartung«, und zwar falsch. Sie meinen »maximale Lebensdauer«. Wie das sinnfreie Schaubild des Vebu verdeutlicht, herrscht hierbei in der Regel vollständige Konfusion (was soll die Rubrik »Milchkuh …« oder »Masthuhn … « »in der Natur« bedeuten?). Gehen wir im Folgenden einmal davon aus, dass die Begriffe richtig verwendet werden:

Lebenserwartung
ist ein (prognostizierter) Durchschnittswert. Die Lebenserwartung der Menschen ist global zur Zeit 69 Jahre. Im Tschad haben Menschen eine Lebenserwartung von 50, in Monaco von 89,5 Jahren.

Man könnte nun theoretisch die Lebenserwartung aller Nutztiere weltweit ermitteln und dann schauen, ob z.B. in Deutschland oder in Großbetrieben (»Massentierhaltung«) die Lebenserwartung niedriger oder höher ist als im globalen Durchschnitt. Doch hierfür fehlt meines Wissens die Datenbasis. Deshalb kann man dazu keine einigermaßen zuverlässige Aussage treffen.

Natürliche Lebenserwartung
ist ebenfalls ein Durchschnittswert. Wenn Natur das ist, was ohne menschlichen Eingriff existiert, kann sich dieser Wert nur auf Lebewesen beziehen, die der natürlichen Selektion unterliegen. Auch hier gibt es selbstverständlich keine genauen Daten. Diese sind allerdings nicht so dringend erforderlich wie sie es wären, wenn die globale Lebenserwartung von Nutztieren ermittelt werden soll. Die künstliche Selektion findet nach menschlichen Zwecksetzungen statt, die um ein Vielfaches variabler sind als die Gesetze der natürlichen Selektion. Wer diese verstanden hat, kann sich ausrechnen, dass die Lebenserwartung von Wildtieren nicht höher sein dürfte als die von Nutztieren. Das Gegenteil ist sehr wahrscheinlich.

Maximale Lebensdauer
kann kein Maßstab sein, um zu beurteilen, ob ein Leben ungewöhnlich kurz oder lang ist. Denn wenn man etwas als ungewöhnlich bezeichnet, geht man vom Gewöhnlichen aus, also vom Durchschnitt. Wer in Monaco mit 50 stirbt, hatte ein ungewöhnlich kurzes Leben. Wer im Tschad 89,5 Jahre alt wird, hatte ein ungewöhnlich langes Leben. Theoretisch ist es zwar möglich, dass Lebenserwartung und maximale Lebensdauer identisch sind – wenn alle gleich alt werden. Dies ist jedoch in der Realität nicht der Fall und auch für die Zukunft nicht wahrscheinlich. Am ehesten trifft dies noch auf die Masttiere in der modernen Tierproduktion zu.

Andere Vorschläge?
Ein sinnvoller Maßstab könnte die Lebenserwartung aller Wildtiere (natürliche Lebenserwartung) sein, die man mit der Lebenserwartung aller Nutztiere vergleicht. Erstere ist aber wohl insgesamt nicht höher als letztere – sehr wahrscheinlich niedriger.

Der Maßstab könnte auch die jeweilige Lebenserwartung der jeweiligen Arten sein. Die meisten Nutztierarten gehören allerdings mit den Wildformen zu ein und derselben Art. Das Haushuhn (Gallus gallus domesticus) ist z.B. eine Unterart des Bankivahuhns (Gallus gallus). Hausschwein und Wildschwein heißen beide schlicht Sus scrofa. Man müsste also einen Mittelwert aus allen Exemplaren beispielsweise der Art Sus scrofa oder Gallus gallus bilden und diesen dann mit dem Mittelwert der jeweiligen domestizierten Form vergleichen. Wenn es zutrifft, dass die Wildformen eine geringere Lebenserwartung haben, müssten auch bei diesem Vergleich die (meisten) domestizierten Arten besser abschneiden.

Fazit

Nutztiere haben kein ungewöhnlich kurzes Leben. Dies gilt ganz unabhängig davon, wie man die Nutztierhaltung oder bestimmte Formen derselben bewertet. Wenn man diese kritisieren will, muss man sich etwas anderes überlegen als den Verweis auf Lebenserwartung oder -dauer.

Haben Nutztiere ein zu kurzes Leben?

Wer nicht stirbt zur rechten Zeit …

»Nutztiere haben ein kurzes, qualvolles Leben« – diese Behauptung ist das Mantra aller, die sich gegen »Massentierhaltung« engagieren. Vom angesehenen Tierethiker über die vegane Aktivistin bis zum »kritischen Konsumenten« herrscht in dieser Frage allgemeiner Konsens.

Der Philosoph Jean-Claude Wolf schreibt: »Wenn Lebewesen empfindungsfähig sind, ist es falsch, sie ihrer Lebensdauer und Lebensfreude zu berauben. Wenn man sie tötet, verringert man wahrscheinlich die Summe ihrer Lebensfreude (außer wenn man sie tötet, um ihnen schwere Schmerzen zu ersparen). Ich nenne dies das Beraubungsargument.« Der berühmte Tierrechtler Tom Regan meint: »[…] ein vorzeitiger Tod ist ein Verlust von sehr fundamentaler und unumkehrbarer Art.« Deshalb dürften Menschen das Leben von Tieren nicht »verkürzen«.

Nun ist das Leben der meisten Tiere nach menschlichen Maßstäben im Ganzen recht unkommod. Überdies geht die Lebensfreude und Lebensdauer des einen auf Kosten der Lebensfreude und Lebensdauer des anderen. Tötet man ein Tier nach »kurzer« Lebensdauer, reduziert man die Summe der Lebensunfreude desselben drastisch. Ein am ersten Lebenstag getötetes Küken leidet insgesamt wahrscheinlich weniger als ein Huhn, das drei Jahre alt wird. Noch weniger leidet ein in die Pfanne geschlagenes Ei, und am wenigsten leidet ein Huhn, das gar nicht erst existiert. Lässt man das Ei zum Küken werden und dieses länger leben, vergrößert man die Summe seines Leides.

Um eine Lebensbilanz ziehen zu können, müsste man Freude und Leid miteinander verrechnen. Doch woher will ein Jean-Claude Wolf wissen, ob die Rechnung fürs Tier unterm Strich auch aufgeht? Vielleicht würde ein Wildtier, das in den Fängen eines Bären endet, den Jäger anklagen, der es ein paar Jahre zuvor nicht geschossen und damit eines schmerzfreien Todes »beraubt« hat. Motto: Hätte ich das nur vorher gewusst! Tiere pflegen allerdings höchstwahrscheinlich ohnehin keinerlei Lebensbilanzen zu ziehen.

Nur die Harten kommen in den Kindergarten 

In Büchern sowie auf unzähligen Internet-Portalen sind Tabellen zu finden, in welchen die durchschnittliche Nutzungsdauer der betreffenden Tierarten mit deren »natürlicher Lebenserwartung« kontrastiert wird. Man braucht bei Google bloß diesen Begriff einzugeben, schon kommt einem der grobe Unfug entgegen – z. B. dass Schweine im »Kindergartenalter« geschlachtet würden. Nun kommen Tiere bekanntlich nicht in Kindergärten und damit auch nie in ein Kindergartenalter. Warum nicht? Weil Kindheit ein spezifisch menschliches, kulturelles Phänomen ist, es deshalb auch keine Tierkinder oder Tierbabys gibt. Man kann das Schlachtalter von Schweinen auch auf das Maximalalter von Bäumen »übertragen« (10.000 Jahre). Dann sterben die Schweine nicht einmal im Samenalter.

Auf der Seite Sag nein zur Milch von Animal Rights Watch steht, dass »Milchkühe« eine natürliche Lebenserwartung von dreißig Jahren hätten. In einem Schaubild des Vegetarierbundes (Vebu) wird die natürliche Lebenserwartung von Kaninchen mit zwölf, von Schweinen mit fünfzehn, von Lämmern [sic!] mit zwanzig, von Gänsen mit vierzig Jahren angegeben usw. Ähnliches findet sich bei Vier Pfoten.

In der tierethischen Literatur wird der Begriff »(natürliche) Lebenserwartung« oft genauso unreflektiert verwendet, so zum Beispiel im Einführungsbuch von Markus Wild und Herwig Grimm oder in einem Buch der Mannheimer Ethikerin Ursula Wolf. Das ist für Hochschulprofessoren der Philosophie erstaunlich, da deren Geschäft doch eigentlich die präzise Verwendung von Begriffen sein sollte. Dahinter scheint jedoch Methode zu stecken, denn nur wenn man den betreffenden Begriff falsch anwendet, kann man in diesem Punkt zu einem negativen Urteil über die Nutztierhaltung kommen. Benutzt man ihn jedoch korrekt, bleibt von der Klage über das angeblich verkürzte Leben der Nutztiere nichts übrig. Im Gegenteil.

Das tragisch frühe Ende des Jopi Heesters

»Lebenserwartung« ist laut Wikipedia definiert als die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem bestimmten Zeitpunkt bleibt. Ein Durchschnittswert ist etwas völlig anderes als ein Maximalwert. Johannes Heesters starb mit 108 Jahren nicht vorzeitig, weil die höchste nachgewiesene Lebensdauer eines Menschen 122 Jahre beträgt. Hier werden also Äpfel mit Birnen verglichen.

Domestizierte Arten und die entsprechenden Wildformen erreichen solche Maximalalter nur in menschlicher Obhut bei optimaler Fütterung und medizinischer Versorgung – also unter künstlichen Bedingungen. In der Natur sieht das selbstverständlich ganz anders aus. Die Wildformen der domestizierten Arten haben keineswegs eine höhere Lebenserwartung als letztere, im Gegenteil.

Die Lebenserwartung eines Durchschnitts-Exemplars ist in der Natur ungefähr so hoch, wie es dauert, bis es durch ein Exemplar der nächsten Generation ersetzt wird. Je schneller die Generationenfolge, desto kürzer die Lebenserwartung. Im Schnitt zieht eine Kuh in der Wildnis etwas mehr als ein Kalb groß und wird durch dieses ersetzt. Eine Milchkuh hingegen schafft in Deutschland im Durchschnitt 2,9 Laktationen – knapp drei Kälber – und wird 5,3 Jahre alt.

Würden alle Milchkühe zwanzig oder gar dreißig Jahre alt, brächte jede von ihnen in ihrem Leben 15 bis 28 Kälber zur Welt, die ihrerseits wieder ein Alter von zwanzig bis dreißig Jahren erreichten und entsprechend viele Kälber produzierten. Dann wäre der Planet bald mit Rindern überfüllt. Laut Darwin vermehrt sich jede Tierart mit einer solchen Rate, dass der Erdball rasch mit den Nachkommen eines einzigen Paares bevölkert wäre, wenn nicht fast alle sterben würden, bevor sie sich fortpflanzen können (natürliche Selektion).

Ein kurzes, hartes Leben ist also bei Wildtieren ganz normal und – was dazukommt – ökologisch funktional. Bereits als Junges zu sterben oder als Ei gefressen zu werden ist für ein Wildtier das Normalste, Natürlichste der Welt. In den Worten des Vegetarierbundes: Es gibt nichts Natürlicheres für Tiere, als im »Babyalter« oder im »Kindergartenalter« einen äußerst unsanften Tod zu sterben. Die wenigen Tiere, die ein hohes Alter erreichen, fallen in der Regel nicht einfach um, sondern sterben ebenfalls einen qualvollen Tod durch Verhungern oder Fressfeinde.

Umgekehrt wird ein Schuh draus

Nutztiere unterliegen der künstlichen Selektion, Wildtiere der natürlichen Selektion. Soll die korrekt definierte natürliche Lebenserwartung als Maßstab dienen, käme hierfür nur die Lebenserwartung der jeweiligen Wildformen in Frage. Denn für Tiere, die der künstlichen Selektion unterliegen, gibt es per definitionem keine natürliche Lebenserwartung.

Legt man diesen Maßstab an, entfällt allerdings jeder Grund zur Klage, weil die Nutztierarten im Schnitt mindestens so alt werden wie ihre wilden Verwandten. Wer mit der natürlichen Lebenserwartung – überhaupt mit den natürlichen Bedingungen der betreffenden Arten – argumentiert, müsste sich sogar beschweren, sobald Nutztierarten durchschnittlich älter würden als deren Wildformen, da letzteres unnatürlich ist.

Es wäre demnach unmoralisch, Tiere länger und besser leben zu lassen, als es die Natur den Wildtieren vorgibt. Solche Kritiker müssten genau das für die Tiere fordern, was sie kritisieren: ein kurzes, qualvolles Leben. Tiere medizinisch zu versorgen, den Nachwuchs zu schützen, regelmäßig Futter bereitzustellen, Ställe zu beheizen und dergleichen wären moralisch verwerfliche Handlungen.

Bambi als Goldenes Kalb

Am Beispiel der fragwürdigen Behauptung, Nutztiere hätten ein (besonders) kurzes und qualvolles Leben, zeigt sich, dass die Kritiker der modernen Nutztierhaltung aus einem schiefen Blickwinkel heraus argumentieren. Das Leid der Wildtiere wird systematisch bagatellisiert, das Leid der Nutztiere wird systematisch dramatisiert.

Die natürlichen Übel herunterzuspielen und die durch Menschen verursachten Übel (moralische Übel) zu dramatisieren, ist eine besonders im Christentum verbreitete Angewohnheit. Der Zweck dieses Manövers besteht darin, einen als allmächtig und allwissendend vorgestellten Gott auch als Inbegriff des Guten darstellen zu können. Die Existenz schlimmster Übel in der Welt spricht aber dagegen. Deshalb konzentriert man sich auf die moralischen Übel, weil Menschen daran angeblich selbst schuld seien. Schließlich habe Gott sie mit freiem Willen ausgestattet. Angesichts der natürlichen Übel ist dies nicht leicht möglich. Für diese Übel ist Gott ganz direkt selbst verantwortlich. Daher die Neigung, die natürlichen Übel herunterzuspielen oder als Strafe Gottes hinzustellen. Allerdings hat man sich schon früher nicht beliebt gemacht, wenn man beispielsweise den qualvollen Seuchentod unschuldiger Kinder als Strafe Gottes bezeichnete.

Man muss nur »Gott« durch »Natur« ersetzen, dann sieht man die gleiche Struktur. Die Natur, die Tiere gelten als Inbegriff des Guten. Nur der Mensch ist schlecht. Was er mit den Tieren anstellt, ist Sünde und Frevel. Was die Naturwesen miteinander anstellen, unter welchen Bedingungen sie natürlicherweise leben, wird weitgehend ausgeblendet. Doch nach messbaren Parametern geht es Wildtieren im Schnitt weit schlechter als ihren domestizieren Verwandten in modernen Haltungsformen nach modernen Tierschutzstandards. Dass Wildtiere ein besseres Leben hätten, weil sie »frei« seien, »mehr Platz« hätten o.ä., ist eine sehr gewagte Behauptung, die vor allem auf Projektionen beruht.

Auch wenn sie es vehement bestreiten, haben viele Tierrechtler ein zu idyllisches Bild von Tieren in freier Wildbahn und können damit bei zahllosen Menschen Eindruck machen, die vom Bambi-Syndrom ergriffen sind. Selbst ein so skeptischer Geist wie der Philosoph Norbert Hoerster behauptet in seinem lesenswerten Buch zur Tierethik, Wildtiere hätten ein »im ganzen erfreuliches Leben.« Das ist grotesk. Damit schwächt Hoerster seine Argumentation ohne Not erheblich. Wer auf solcher Basis argumentiert, zieht notwendig falsche Schlüsse.

 

Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Die Sonne hat nicht den Zweck, die Kohlköpfe wachsen zu lassen.
Gustave Flaubert

Rache der Natur?
Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet. Statt dessen ist es schick, von der „Rache der Natur“ zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.

„Die industrialisierte Landwirtschaft“, behauptet Greenpeace beispielsweise, „erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel.“ Geboten sei daher eine „naturnahe Landwirtschaft“, die „natürliche Kreisläufe“ nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die „industrialisierte Landwirtschaft“ sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen „dauerhaft“ verschleiert. Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die NGO scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte „naturnahe Landwirtschaft“ endlich als Sieger dasteht.

Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich „von der Natur entfernt“ habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.

Von Zwecken gezwickt

Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.

Dieser offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler. „Kuhmilch ist nicht für Menschen da“, lautet ein typischer Satz von Veganern. „Die Milch erfüllt […] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses“, heißt es auf der Website von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nicht gestellt. Wer diese Frage nun naiv mit „die Natur“ beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person.

Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass es der objektive Zweck der Milch sei, dies zu bewirken, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Kälbchen auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass deren Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch erfülle den ganz gezielten Zweck, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern.

Verneint man einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als laktoseintolerante Ökopäpste.

Zwei Naturbegriffe

Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, welche man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte. Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) die Naturerscheinungen haben. Er geht im wesentlichen auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.

Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techné (Kunst). Natürlich ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. Künstlich ist alles, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom „unbewegten Beweger“, der Ursache aller Ursachen, festgelegt. Die Entelechie des Haferkorns wäre es beispielsweise, zur ausgereiften Pflanze zu werden. Hafer wäre also ebenso wenig für menschliche Vegetarier da wie Kuhmilch für menschliche Mischköstler. Denn wer das Korn an der Entfaltung seiner Vollkommenheit hindert, indem er es zerquetscht und ins Müsli rührt, handelt naturwidrig.

Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen nicht im Hinblick auf deren Zweckmäßigkeit, sondern unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht. Galileo Galilei (1564-1641) und andere „entdeckten“ die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern „erzeugten“ sie mit Hilfe von ausgeklügelten technischen Experimenten und Geräten „künstlich“. Der Gegensatz von physis und techné wurde damit aufgehoben. Natur kann nämlich nur erkannt werden, indem man technisch in sie eingreift. Egal ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine oder „Artefakte“ – alles unterliegt denselben Naturgesetzen.

Natürliche Landwirtschaft?

Vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft ist die Rede von einer „natürlichen Landwirtschaft“ streng genommen sinnlos, denn wo alles Natur ist, kann es nichts Naturwidriges geben. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen, biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den „Ökosystemen“ ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und „Artenvielfalt“ ist nicht der objektive Zweck des Regenwalds.

Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. „Natürliche Landwirtschaft“ wäre in diesem Begriffsrahmen ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Kultur“ vom lateinischen cultura ab, was soviel bedeutet wie „Ackerbau“. Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.

Der Senftenberger See in der Lausitz. Ein »Naturparadies«, entstanden durch Braunkohletagebau.

Dummerweise verwechseln die Bürger heutzutage meist Agrarlandschaft mit unberührter Natur. So ist beispielsweise die Lüneburger Heide „ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten“, wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. „Die oftmals nur unbewusste, teilweise aber bewusst initiierte Assoziation von landwirtschaftlicher Natur mit unberührter Natur muss folglich als zentrale Konfliktquelle erkannt werden“, resümiert der Philosoph Christian Dürnberger. Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen gleicht dem Versuch, seinen Pelz zu waschen, ohne nass zu werden. Die falschen Assoziationen erschweren als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen agrarwirtschaftlicher Probleme.

Reine Natur und menschliche Aliens

Definiert man Natur als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus der Natur herausnehmen und schauen, was übrigbleibt. Dadurch wird es möglich, den Menschen moralisch gegen die Natur auszuspielen. Er kann wie eine Art bösartiger Alien dargestellt werden, der von außen in die unschuldige Natur eindringt und sie zerstört.

Da Menschen der finalen Naturbestimmung zufolge gar nicht anders als naturwidrig handeln können, ist es leicht, sie als per se schuldig zu bezeichnen (Erbsünde). Die Menschen können ihre Schuld jedoch klein halten, indem sie möglichst wenig gegen die Natur handeln. Wenn es eine natürliche Landwirtschaft in diesem Denksystem schon nicht gibt, so scheint es immerhin machbar zu sein, eine weniger künstliche und damit „naturnähere“ Landwirtschaft zu betreiben.

Das Bestreben, möglichst „naturnah“ zu leben, erzeugt eine Art Sog zum „Urzustand“, zu einer Natur ohne Menschen. Je rückständiger die Art und Weise der Naturbearbeitung wirkt, desto näher steht sie dem Ursprung, desto weniger sündhaft ist sie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je fortschrittlicher und „künstlicher“ die Naturbearbeitung wirkt, desto sündhafter erscheint sie. Die moderne Zivilisation überziehe demnach ihr Sündenkonto so sehr, dass letzteres nur durch einen universalen Crash bereinigt werden könne.

Zurück zur Natur!

Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole „Zurück zur Natur“ kennzeichnend, welche vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.

Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der „unberührten Natur“ (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden. „Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält“, schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur nicht etwas Bedrohliches ist, sondern ihrerseits durch den Menschen bedroht werde und deshalb geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.

Vom Totschlagargument zum Totschlag

Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die bei solchen Prozessen entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt (Unstatthafte Entfernung vom Ursprung), und als Patentlösung wird gefordert, irgend einen „ursprünglicheren“ Zustand wieder herzustellen.

Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der „Lebensreformbewegung“ huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer „naturgemäßen Lebensweise“. Hier entstand der Mythos, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und dass deren Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.

Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner Kollath (1892-1970) zur offiziellen Doktrin. Kollath, Erfinder der Vollwertkost, teilte die Wertigkeit der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher deren Wertigkeit. Kollaths Lehre halten weite Teile der Bevölkerung auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von „Steinzeitdiät“ und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.

Die Landwirtschaftpolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische „Fett- und Eiweißlücke“ der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um Autarkie zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als „Neuadel aus Blut und Boden“ (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. „Landwirt“ galt als Schimpfwort, „Bauer“ als Ehrentitel. Der „knorrige“, „erdverbundene“ und „naturnahe“ Bauer wurde gegen den „feigen“, „kriecherischen“ und „naturfernen“ jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.

Wir scheißen auf die Natur!

„Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der ‚reinen Natur’ entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.

Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders „naturnah“, bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der „Urproduktion“ gezählt wird und „Rohstoffe“ produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.

Landwirte können den agrarfernen Bürgern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Schweinchen, Kälbchen oder Hühnchen. Doch sobald die Bürger „Natur“ hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zuviel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie den Landwirten nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind.

Ein Weg aus der Falle wäre die Flucht nach vorn. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar durchaus im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, das heißt sie erfordert eine Menge technisches Know-How, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Man sollte es einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf „Naturverbundenheit“ und „Natürlichkeit“ zu unterlassen.*

 

* Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im September 2015 in der Zeitschrift Agrarmanager erschienen

Tiere sind eben so bürtig wie wir

Jens Tuider – ein im Uni-Gewächshaus herangezüchtetes Tierrechtler-Pflänzchen – hat eine eigene Seite (Hinweis 13. März 2018: Die Seite ist anscheinend inzwischen offline).

Er geht als Tierrechtler »davon aus, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt, sondern dass Tiere uns moralisch ebenbürtig sind.«

Es gibt auch keinen grundlegenden Unterschied zwischen Tuider und einem Tofublock, denn beide bestehen hauptsächlich aus Wasser. Daher ist der Tofu dem Tuider moralisch ebenbürtig – oder gar überlegen, weil mehr Wasser drin. Tuider macht ihm folgerichtig auch Vorwürfe, wenn er sich an selbigem verschluckt. Oder nicht?

Meint Tuider, dass Tiere (welche?) »genauso moralisch« sind wie Menschen? Nein, das meint er nicht. Er meint, dass Tiere die gleichen grundlegenden Grundrechte wie Menschen haben sollen, kann es aber nicht so recht ausdrücken.

Wer jedoch verlangt, dass Menschen Tiere Rechte zusprechen, muss logischerweise davon ausgehen, dass Tiere Menschen moralisch nicht ebenbürtig sind, sofern er Tiere »grundlegend« von jeder moralischen und rechtlichen Pflicht entbindet.

Wären Tiere Menschen tatsächlich moralisch ebenbürtig, wären sie im Normalfall voll zurechnungsfähig, müssten Recht und Gesetz beachten sowie Handeln und Gedanken bei sich und bei anderen anhand von moralischen Normen beurteilen können. Dann gäbe es zum Beispiel Kakerlaken oder Zecken oder Nacktmulle auf Ethik-Lehrstühlen.

Affen gibt es dort ja schon eine ganze Reihe. Und es werden immer mehr.

Liebe Künstlergruppe »Dies irae«

Durch Ihre jüngste Aktion, bei der Sie an Bushaltestellen Werbeplakate heimlich durch Ihre eigenen ersetzt haben, sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Zu den Bildern von unvorteilhaft aussehenden Schweinen haben Sie folgenden Text formuliert:

Tierschutz à la CDU. Die CDU setzt sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben.

Wir möchten uns herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns in Fragen des Tierschutzes unterstützen. Denn mit Ihrer pfiffigen Aktion tragen Sie erheblich dazu bei, die Menschen für Tierschutzbelange zu sensibilisieren. Dies ist ganz in unserem Sinne. Dass Tiere sich verletzen und krank werden können, wissen leider immer weniger Bürger. Ebenfalls gerät immer mehr in Vergessenheit, dass Verletzungen und Krankheiten sehr übel aussehen können – zumal, wenn sie in ungünstigem Licht aufgenommen wurden. Ihre Plakate helfen, diesen alten Wissensschatz zu heben und der jungen Generation weiterzugeben.

Bedanken möchten wir uns auch für Ihre ausdrückliche Würdigung, dass wir die Legalität der gezeigten Zustände sicherstellen möchten. In der Tat sind wir im Einklang mit dem Tierschutzgesetz entschieden der Ansicht, dass kranke oder verletzte Tiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen, sondern einen Anspruch auf medizinische Versorgung auch dann haben, wenn letztere keine wundersame Spontanheilung bewirkt, als hätte Jesus persönlich seine Hand aufgelegt. Wir sind überdies der Meinung, dass Tiere nicht gleich abgeschafft werden sollten, weil sie krank werden oder einander verletzen können.

Liebe Künstlergruppe! Wir sind sehr interessiert an kreativem Input von außen und würden uns freuen, wenn wir in Zukunft eng mit Ihnen zusammenarbeiten dürften. Es wäre ganz wunderbar, wenn Sie uns bei der Konzeption, Produktion und Verbreitung ähnlich aufklärerischer Kampagnen helfen könnten. Denn es gibt bis zum Jüngsten Tag noch viel zu tun!

Wir stellen uns folgende Plakataktionen vor:

1. Schlimme Fotos aus dem Pschyrembel mit der Zeile: »Skandal! Menschenrechtler setzen sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben!«

2. Schlimme Fotos von Wolfsrissen: Lämmer, Fohlen, Kälber entweder skelettiert oder mit herausquellendem Gedärm.

Artgemäß ist nur die Freiheit!

Dazu die Zeile: »Naturschützer setzen sich dafür ein, dass diese Zustände Normalität werden!«

Appetit auf ein leckeres Lammsteak? Zu spät!

3. Schlimme Fotos von Gnadenhöfen, Lebenshöfen oder aus der Heimtierhaltung könnten das Bild abrunden und zur umfassenden Tierschutz-Bildung der Bevölkerung beitragen. Vielleicht schauen Sie sich einfach mal heimlich auf dem Hof Butenland oder bei Hilal Sezgin um. Wenn Sie dort wider Erwarten nichts Geeignetes finden, nehmen Sie einfach andere Bilder von irgendwo. Es interessiert niemanden, wo die Bilder wirklich gemacht worden sind. Hauptsache schön schrecklich! Aber das brauchen wir Ihnen ja nicht zu sagen. 

Das sind nur erste Ideen unsererseits. Wir sind sicher, das Ihnen noch viel kreativere Lösungen einfallen. Fotografieren Sie sich doch mal gegenseitig nach einer durchzechten Siegesfeier wider die „Tierausbeuter“! Da sehen Sie bestimmt auch ganz schön elend aus. Dann schreiben Sie dazu: Unendliches Leid – apokalyptische Zustände bei(m) Dies irae! und plakatieren das in ganz Deutschland. Gewiss wird die Mehrheit der Betrachter aus Mitleid für Ihre Abschaffung plädieren.

Wie wäre es? Möchten Sie uns unterstützen? Es soll Ihr finanzieller Schaden nicht sein. Und niemand braucht zu erfahren, dass das Geld von uns stammt. Wir übernehmen im Falle des Falles auch gerne die Anwalts- und Prozesskosten gegen die Wall-AG.

Bitte melden Sie sich! Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst

Ihre CDU

Sag nein zur Milch?

… selbst die ältesten Freundschaften zersintern zu Grus, die zivilisatorische Immunabwehr löchrig und fragil, und alles nur wegen eines verdammten Glases Milch.  (Martin Knepper)

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Als Folie dient mir eine Grafik der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch, die in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Wissenschaft und Skeptizismus“ zur Diskussion gestellt wurde. Diese Grafik hat den Titel Sag nein zu Milch. Die Organisation gibt Folgendes als Begründung für ihre Verzichtsforderung an:

1. Es gibt 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland. Stimmt. Na und?

2. Eine Kuh gibt etwa 8000 Liter Milch pro Jahr. Die Grafik zeigt, dass die Milchleistung der Kühe früher geringer war. Stimmt. Na und?

3. 27 % werden in Anbindehaltung gehalten, 62 % werden „im Laufstall mit Gülle“ gehalten. Kommt hin. Laufställe sind jedoch wesentlich besser als Anbindeställe. Je mehr moderne Ställe, desto weniger Anbindehaltung. In den „goldenen Zeiten“, als die Kühe noch weniger Milch gaben, standen viel mehr Kühe in Anbindehaltung. Vor allem Kleinbauern und Biobauern betreiben heute noch diese Haltungsform. Es gibt übrigens auch Anbindehaltung „mit Gülle“. Das scheint die Leute von Animal Rights Watch nicht zu interessieren. Sie nutzen das Reizwort „Gülle“ bloß, um ihre eigene Jauche unters Volk zu streuen.

4. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Kühe jedes Jahr künstlich befruchtet und sind fast ununterbrochen schwanger, damit sie permanent Milch geben können. Milchkühe werden ca. 8 Wochen vor dem Kalben trockengestellt, geben also keineswegs permanent Milch. Was daran schlimm sein soll, dass die Tiere „dauerschwanger“ sind, wird nicht mitgeteilt. Bekanntlich werden Wildrinder auch jedes Jahr vom Bullen gedeckt und sind dann neun Monate des Jahres trächtig. Der Bulle deckt sie sofort wieder, sobald sie wieder bullig sind, sodass in der Natur der zeitliche Abstand zwischen zwei Kalbungen kürzer ist als in der Milchviehhaltung. Dass Rinder geil darauf sind, vom Bullen gedeckt statt künstlich besamt zu werden, kann man allenfalls vermuten. Der Bulle ist nicht gerade ein einfühlsamer Lover und kopuliert auch mit Motorrädern (Motto: Love the one you’re with). Von Romantik keine Spur.

5. Die Kälber werden direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Weibl. Nachkommen werden evtl. zu neuen Milchkühen herangezogen. Die männlichen werden für Kalb- oder Rindfleisch leiden und sterben. Je eher das Kalb von der Mutter getrennt wird, desto besser (siehe z.B. hier Min. 1:25 bis 2:25). Eine Bindung wird gar nicht erst aufgebaut, und das Kalb hat deutlich höhere Überlebenschancen. Neugeborene haben noch kein funktionierendes Immunsystem und können sich rasch am Kot der Mutter infizieren. Im Kälberiglu sind sie an der frischen Luft, die Umgebung ist deutlich weniger mit Keimen belastet. Der Bewegungsdrang der Kleinen hält sich anfangs ohnehin in engen Grenzen. Sind die Kälber mit Kolostralmilch gestärkt und haben sie ein stabiles Immunsystem ausgebildet, kommen sie in Gruppenhaltung. Die männlichen Kälber werden in die Mast gegeben. Dass sie dort auch leiden, ist sicher richtig. Dass sie dort nur leiden, ist Unsinn. Am nachhaltigsten wird das Leid eines Tieres durch seine Nichtexistenz vermieden. Dumm nur, dass es nichts davon hat. Tierrechtler wollen Tiere „retten“, indem sie sie daran hindern zu existieren. Ganz schön beknackt!

6. Milchkühe hätten eine „natürliche Lebenserwartung“ von 30 Jahren, behauptet die Grafik. Lebenswartung ist jedoch „die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt“ (Wikipedia). Menschen haben keine Lebenserwartung von 122 Jahren, bloß weil es mal ein Mensch geschafft hat, so alt zu werden. Die im Durchschnitt zu erwartende Lebenspanne von Wildrindern liegt weit unter dem durchschnittlichen Schlachtalter von Milchkühen (5,3 Jahre). Die Kälbersterblichkeit ist bei Wildrindern wesentlich höher, ebenso die Häufigkeit von Erkrankungen. Mehr zu diesem Thema in diesem hervorragenden Facebook-Kommentar der Agraringenieurin Sabine Leopold.

Eine Milchkuh ist überdies ein domestiziertes Tier, das der künstlichen Selektion unterliegt. Es gibt daher keine natürliche Lebenserwartung für Milchkühe, sondern nur eine maximale Lebensdauer in menschlicher Obhut. 30 Jahre sind allerdings weit übertrieben. Demnächst wird noch behauptet, in der Natur seien Rinder unsterblich und könnten nur durch menschliche Hand ins Jenseits befördert werden.

7. Es gebe laut Grafik ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Milchkonsum. Das ist ein schöner Quatsch von Verschwörungstheoretikern. Nichts dergleichen kann nachgewiesen werden.

8. Eine Kuh belastet das Klima genauso stark wie ein moderner Personenwagen, der pro Jahr 18.000 Kilometer zurücklegt. Träumt weiter! Eine Kuh emittiert den Kohlenstoff, den ihre Futterpflanzen kurz zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Ein PKW emittiert den Kohlenstoff von fossilen Brennstoffen, die Abermillionen Jahre lang nicht Teil des Kohlenstoff-Kreislaufs waren.

Es ist keineswegs sicher, ob es überhaupt einen nennenswerten Beitrag der domestizierten Wiederkäuer zur Methan-Konzentration in der Atmosphäre gibt – im Vergleich zu den zahllosen wilden Pflanzenfressern, die durch sie „ersetzt“ worden sind (mehr Vieh, weniger Wild). Selbst in Bezug auf die letzten Jahrzehnte ist unklar (S.6), ob die Methan-Emission durch Wiederkäuer zugenommen hat. Und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass intensive Beweidung mit einem extrem hohen Viehbesatz einen sehr positiven Klimaeffekt hat.

9. Ein offenbar berühmter Kinderarzt wird zitiert: „Es gibt keinen Grund, jemals in Ihrem Leben Kuhmilch zu trinken. Sie ist für Kälber gedacht und nicht für Menschen.“ Einem Kinderarzt, der nichts von moderner Biologie versteht und glaubt, irgend etwas in der außermenschlichen Natur sei für irgend etwas anderes „gedacht“, sollte man nicht mal die Puppen der eigenen Kinder anvertrauen. Warum sein Statement hochtrabender Blödsinn ist, habe ich hier erläutert.

10. So. Und jetzt will ich erstmal zehn Jahre lang keinen Stuss mehr über Milch hören und lesen!