Goldene Worte

Thomas Schäfer (2016), Methodenlehre und Statistik, Kapitel 2, Grundbegriffe der Datenerhebung:

Doch die Daten und Zahlen, mit denen man bei der Auswertung arbeitet, kommen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern müssen zunächst gewonnen werden. In der Datenerhebung – gewissermaßen der „Umwandlung“ des Menschen, seines Verhaltens und Erlebens in Zahlen – liegt deshalb eine große Herausforderung. Als Statistiker sollte man den Prozess der Datenerhebung nie aus den Augen verlieren – denn allzu leicht verfällt man sonst dem Trugschluss, dass die Zahlen, mit denen man arbeitet, objektive und zweifelsfreie Aussagen über den Menschen erlauben. Tatsächlich aber wird der Transformationsprozess vom Mensch zur Zahl an vielen Stellen durch die Entscheidungen des Forschers beeinflusst, ob nun bei der Operationalisierung (…) oder bei der Wahl der Stichprobe.

Anhand dieses kleinen Auszugs kann man das ganze Elend der theoretischen Einschätzung von SARS-CoV-2 sowie der praktischen Maßnahmen deutlich machen. Denn es kommt bei der Datenanalyse nicht in erster Linie darauf an, mit vorhandenem Zahlenmaterial gut rechnen zu können und zum Beispiel „exponentielles Wachstum zu verstehen“. Eine empirische Analyse kann immer nur so gut sein wie ihre theoretische Vorbereitung und die Datengenerierung. Je präziser sie im Vorhinein durchdacht und je sauberer die Daten gewonnen wurden, desto besser ist sie.

Das Zitat bestätigt persönliche Erfahrungen während meines Studiums. Die Statistik-Professoren interessierten sich kaum dafür, wie die Zahlen zustande gekommen sind. Hauptsache, sie hatten Zahlen zum Jonglieren. Mit sichtlicher Freude und erkennbarem Spieltrieb führten sie vor, was man damit alles machen kann. Mir kamen die Lehrveranstaltungen eher wie Auftritte von Illusionisten vor, die alles Erdenkliche aus dem Datenpool zu zaubern vermochten.* Allerdings war der Mathematik dahinter schwer zu folgen, sodass sich das Ganze am Ende doch ziemlich dröge ausnahm. Aber man war schließlich nicht zum Spaß da.

Gespeichert habe ich bis heute: Datengenerierung = ungeliebtes Stiefkind. Es ist irgendwie da, man kann es nicht ganz ignorieren, lässt es aber verkümmern. Und so behandelt man Zahlen wie etwas objektiv und zweifelsfrei Gegebenes, ungeachtet dessen, auf welche Weise sie entstanden sind. Eine Zahl, die erst einmal geschrieben steht, hat nun einmal sehr suggestive Wirkung, weil sie so hübsch abstrakt ist.

Seit Beginn des Corona-Wahns habe ich vergeblich versucht zu erklären, dass die vollmundigen Behauptungen über das Virus auf bloßem Datenschrott beruhen. Dazu musste ich nicht erst John Ioannidis‘ bahnbrechenden Artikel vom März lesen. Das spang jedem unbefangenen Betrachter mit Grundkenntnissen sofort ins Auge. Der Statistiker Gerd Bosbach sprach vollkommen zu Recht vom „fürchterlichen Umgang mit statistischen Daten“. Viele andere Experten haben dies seitdem immer wieder bekräftigt, zuletzt Matthias Schrappe im ZDF. Er spricht die einfache Wahrheit aus, dass alle Zahlen, mit denen die grundrechtseinschränkenden Maßnahmen begründet werden, nichts wert sind. Ich fand es von Beginn an geradezu bestürzend, dass solche naheliegenden Einwände selbst bei den mit mir „befreundeten“ Wissenschaftlern keinerlei Gehör fanden. Und ich bin nach wie vor baff, wie zäh an offenkundigem Unsinn festgehalten wird.

Man lässt sich lieber von irgendwelchen Modellierern hypnotisieren und an der Nase herumführen, die in ihren fabelhaften „Projektionen“ im Zweifel einfach noch ein paar Millionen Tote drauflegen. Denn sie können die Differenz zu den realen Todeszahlen einfach als gerettete Leben verbuchen. Sterben statt einer Million nur eintausend Menschen, hat man eben mit Lockdown und Maskenpflicht 999.000 Leben gerettet. Und die intellektuelle Elite ist so unfassbar dämlich, diesen Trick seit nunmehr acht Monaten nicht zu durchschauen. Sie durchschauen auch nicht, dass die Definition derjenigen, die als „Covid-Tote“ gezählt werden, nicht dieselbe ist wie die der Influenzatoten vergangener Jahre und daher die Zahlen auch nicht vergleichbar sind, zumal man ja nun eigentlich mit der neuen Grippesaison wieder bei Null zu zählen anfangen müsste, statt von einer Zweiten Welle zu faseln. Aber ich komme schon wieder ins Ratschen. Ist eh für die Katz …

Adorno hat einmal geschrieben (aus dem Gedächtnis zitiert): „Immer wieder wundere ich mich über den Scharfsinn, den noch die Stumpfesten aufbringen, wenn es gilt, Schlechtes zu verteidigen.“ Ich würde dieses Zitat folgendermaßen abwandeln: „Immer wieder wundere ich mich über den Stumpfsinn, den noch die Scharfsinnigsten aufbringen, wenn es gilt, schlechte Zahlen zu verteidigen.“

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* Auf sehr anschauliche Art machen das übrigens Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff in ihrem Buch Lügen mit Zahlen.