Kliniknotstand wegen Covid?

Ich habe von 1987 bis 1989 meinen Zivildienst auf der Inneren Station eines Krankenhauses im Bergischen Land absolviert. Damals gab es noch keine Fallpauschalen; die Kliniken wurden nach Liegedauer der Patienten bezahlt. Wer einmal aufgenommen wurde, blieb mitunter ziemlich lang. Das galt besonders für die vielen Menschen, die faktisch zum Sterben auf unsere Station verlegt wurden. Zu uns kamen unter anderem Patienten mit Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Magen-Darm-Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerorsa, Diabetes, Niereninsuffizienz, Leberzirrhose im Endstadium (not nice) und ganz allgemein fast alle, die andere Stationen nicht haben wollten, auch AIDS-Patienten, vor denen noch eine Heidenangst grassierte.

Ich mit 19 Jahren auf dem Balkon meiner Zivi-Wohnung.

Für unseren Stationspfleger waren nahezu alle betagten Neuzugänge bis zum Beweis des Gegenteils „total durch die Hecke“ und hatten grundsätzlich eine „Stuhlneurose“. Er war – zu unserer Erheiterung – mit seinen immergleichen Diagnosen zwar viel zu schnell bei der Hand, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie stimmten, war recht hoch. Der Anteil alter, multimorbider, geistig verwirrter Personen war immer groß. Damals war es noch nicht üblich, von Alzheimer oder Demenz zu sprechen. Tüddelige oder gänzlich Verwirrte im Seniorenalter hatten eine „Zerebralsklerose“, galten als „verkalkt“.

Es standen maximal etwa 50 bis 55 Betten zur Verfügung. Davon waren in Spitzenzeiten über zwanzig mit Vollpflegefällen belegt, die weder alleine essen, noch sich alleine waschen, geschweige denn aufstehen konnten. Viele waren darüber hinaus „total durch die Hecke“. Herzinfarkte wurden damals noch anders behandelt: Die Patienten blieben wochenlang liegen, durften das Bett auch für ihre Notdurft nicht verlassen, bekamen die Pfanne und mussten gewaschen werden. Auch Patienten mit Schlaganfall konnten sich oft nicht rühren.

Zu Beginn meines Zivildienstes waren wir pro Schicht manchmal noch sechs Pflegepersonen, später waren wir maximal vier, bisweilen nur zwei. Es gab auf der Station zwei Zivildienstleistende, eine Reihe PflegehelferInnen – mit gelbem Namensschild – und voll examinierte PflegerInnen mit blauem Namensschild. In der Frühschicht war eine Pflegekraft, meist eine „Blaue“, damit beschäftigt, die Visite zu begleiten und anschließend auszuarbeiten. Das dauerte Stunden. Diese Person fiel also für den Rest der Schicht als Pflegekraft wegen „Büroarbeit“ weitgehend aus. Ununterbrochen an der Patientenfront standen nur die Zivildienstleistenden. Denn auch die „Gelben“ mussten die Visite begleiten und ausarbeiten, wenn keine „Blauen“ zugegen waren.

Es dürfte jedem einleuchten, dass die Patienten bei dieser Personaldecke nicht optimal versorgt werden konnten. Man muss sich nur vorstellen, dass für eine Ganzwaschung de facto locker zwanzig Minuten und mehr benötigt wurden. Die Patienten zu füttern konnte ewig dauern. Ich hatte vor dem Zivildienst meine Landwirtslehre absolviert und ein Jahr lang im Schlachthof gearbeitet, war sehr jung und sehr gut trainiert. Die körperlichen Anforderungen des Pflegedienstes waren für mich daher lächerlich gering.* Psychisch war die Arbeit hingegen sehr anspruchsvoll.

Da ich es gewohnt war, sehr schwer zu heben, verkürzte ich die Waschzeremonie dadurch, dass ich die Patienten sanft aus dem Bett heraushob, ins Bad trug, sie dort auf einem Hocker unter der Dusche absetzte, schön warm abduschte und wieder zurücktrug. Die meisten stark Pflegebedürftigen waren im Prinzip in der Lage, einen Moment lang zu sitzen, aber einfach zu verwirrt, sich zu waschen, oder zu schwach, um sich aufzurichten. Mit meiner Methode konnte ich gut und gerne zehn Minuten oder mehr pro Patient einsparen.

Dennoch reichte die Zeit hinten und vorne nicht. Zum Glück gab es Angehörige. Diese überhahmen häufig das Füttern. Wir hatten auch ein paar ältere Damen im Haus, die ehrenamtlich mithalfen. Aber diese waren insgesamt viel zu rar gesät, um eine echte Entlastung zu bewirken. Bei Patienten ohne Angehörige wurde es kritisch. Nicht selten sprangen Zimmergenossen ein. Das war natürlich nicht ihre Aufgabe, denn schließlich waren sie selber krank. Wir kalkulierten ihre Hilfe dennoch recht schamlos ein.

Ich habe in der Zeit viele Menschen nicht nur sterben sehen, sondern sie während der Sterbephase begleitet und bis zum Ende gepflegt. Ich habe Patienten erlebt, die als vitale Menschen mittleren Alters eingewiesen wurden und innerhalb von sechs, acht Wochen zu hilflosen Greisen mutierten (aufgrund von Krebs, zum Beispiel). Viele Sterbende quälten sich ganz entsetzlich. Ihr geringstes Problem war dabei die Lungenentzündung. Wenn sie diese „obendrauf“ bekamen, war das oft sogar eine Erlösung. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Ärzte besonderen Ehrgeiz an den Tag gelegt hätten, offensichtlich Todgeweihte auf Biegen und Brechen am Leben zu erhalten. Ich entsinne mich auch nicht, dass Angehörige protestiert hätten, wenn in solchen Fällen nicht reanimiert wurde oder ähnliches.

Angesichts meiner Erfahrungen, die immerhin schon über dreißig Jahre zurückliegen, kann ich mich nur über die Debatten wundern, die zum Thema Covid geführt werden. „Kliniken am Limit“ sind etwas ganz Normales. Triagen sind etwas ganz Normales. Lungenentzündungen als Sargnägel sind etwas ganz Normales. Ich nehme doch stark an, dass der Personalschlüssel seit meiner Zivildienstzeit nicht besser geworden ist. Und schon damals war bei uns bisweilen Land unter. Wenn nun durch die schwachsinnigen Anticoronamaßnamhen auch noch alle Angehörigen wegfallen, die zur Genesung ihrer Verwandten oder Freunde beitragen und das Personal entlasten, braucht man sich über Engpässe nicht zu wundern. Der Personalmangel ist das Hauptproblem, nicht der Bettenmangel.

Eines ist klar. Hätte es damals von oben geheißen, dass wegen einer vemeintlich besonders gefährlichen Grippewelle keine Angehörigen zu den Patienten dürfen, hätte ich diese Order ganz sicher nicht befolgt. Es wäre mir vollkommen egal gewesen, ob ich dann ein „Disziplinarverfahren“ oder sonstwas bekommen hätte. Ein solches Verbrechen, Patienten isoliert verkümmern oder sterben zu lassen, hätte ich nicht mitgemacht. Es gibt ohnehin genug Menschen, die keinen Besuch bekommen und einsam sterben. Doch heute halten die Leute ausgerechnet dieses Verbrechen für den Ingegriff der Mitmenschlichkeit. „Die Alten und Schwachen schützen“ ist in Wirklichkeit nur eine üble Drohung. Genau wie dieses ewige „Bleiben Sie gesund!“ Das ist in der Tat zynisch. Es wird alles getan, um die Gesundheit der Menschen zu schwächen, und dann kommt man ihnen mit „Bleiben Sie gesund!“ Dazu sage ich nur: Eins in die Fresse, mein Herzblatt!