Diagnose Hirntod

Dietrich Brüggeman, Regisseur der Aktion Allesdichtmachen, sieht sich allerlei Anfeindungen ausgesetzt, unter anderem von einer Ärztin namens Carola Holzner („Doc Caro“), die eine Gegeninitiative organisiert hat. Sie fordert Brüggemann auf, eine Schicht im Rettungsdienst oder auf einer Intensivstation zu machen.

Was könnte für die Ärztin argumentativ herausspringen, wenn Brüggemann dem Vorschlag folgen würde? Antwort: gar nichts. Auf einer Intensivstation würde er schwerkranke Patienten vorfinden. Die Station könnte besonders voll sein oder auch nicht. Ein Teil der Patienten wird möglicherweise die Diagonse „Covid-19“ bekommen haben, von dem wiederum ein Teil anwesend sein könnte, der (invasiv) beatmet wird. Das alles dürfte Brüggemann aber schon bekannt sein. Was könnte er dort sonst noch sehen? Pflegekräfte, die sehr strenge Hygieneregeln befolgen; die mit Schutzanzügen, Masken und dergleichen ihren Dienst versehen müssen. Vielleicht sieht er das Personal „am Limit“, vielleicht auch nicht. Mehr ist im Groben aus eigener Anschauung nicht zu erkennen, sofern man unvoreingenommen ist.

Holzner scheint aber zu glauben, dass eine Schicht auf einer Intensivstation Brüggemann irgend etwas über den Kausalzusammenhang zwischen der Situation auf Intensivstationen einerseits und Nichtpharmazeutischen Interventionen andereseits lehrt. Das ist aber nicht der Fall, siehe zum Beispiel hier und hier.

Will man etwas über die Gesamtsituation aussagen, hat man es mit aggregierten Größen zu tun. Man braucht Daten, die mit präzisen Messmethoden ohne kognitive Verzerrungen generiert werden. Ferner benötigt man das gedankliche Rüstzeug, um solche Daten in korrekte Verbindung mit den eigenen Annahmen zu bringen (Alternativhypothese vs. Nullhypothese).

Die Daten zeigen aber keine außergewöhnlich angespannte Situation und erst recht keinen Zusammenhang mit den Maßnahmen.

Im Jahr 2020 waren im Schnitt gerade mal vier Prozent der Intensivbetten mit Coronapatienten belegt. Im letzten Jahr wurden die Kapazitäten zu keinem Zeitpunkt durch Corona an ihre Grenzen gebracht. Aber gezetert wurde damals schon genauso wie heute.

Es wäre überdies leicht, einen Zusammenhang zwischen Covidpatienten- und Todeszahlen auf der einen Seite und Überdiagnosen, Übermedikation, Überbehandlung, Überlastung des Personals durch spezielle Hygienemaßnahmen (einschließlich Quarantäne) sowie finanziellen Anreizen für Kliniken auf der anderen Seite herzustellen. „Zu viele Tests vorzunehmen, ist sehr schädlich, weil das zu Überbehandlungen führen kann“, stellt der Medizinwissenschaftler Peter C. Gotzsche lapidar fest. Das exzessive Testen auf Covid in den Kliniken erhöht also schon als solches die Wahrscheinlichkeit von Überbehandlungen. Das „Verschwinden“ der Influenza auch in Ländern ohne strenge Maßnahmen weist zudem auf schlichte Umetikettierung der Diagnosen hin.

Ich habe selbst in der Krankenpflege gearbeitet, und was soll ich Ihnen sagen? Da gab es tatsächlich auf Intensivstationen Grippepatienten, die beatmet wurden, darunter auch ziemlich junge.

Auf unserer Inneren Station lagen schon vor über dreißig Jahren Patienten auf den Gängen. Es gab ein Behandlungszimmer, das kaum als solches genutzt wurde, weil dort fast immer bis zu drei Patienten in Krankenbetten lagen, und zwar vor allem die Sterbekandidaten.

Bestünden nun finanzielle Anreize, Influenza statt Covid zu diagnostizieren, würde aller Voraussicht nach Covid statt Influenza weitgeghend verschwinden. Kliniken müssen wirtschaftlich arbeiten, also tun sie es auch. Genauso richten sie die Anzahl der verfügbaren Betten nach diesen Anreizen. Leere Intensivbetten sind nur lukrativ, wenn es Prämien darauf gibt. Anstonsten sieht man zu, dass die voll sind.

Wenn nun zum Beispiel mit schrillem Gestus betont wird, wie viele Covid-Patienten invasiv beatmet werden müssen, stellt sich erstens die Frage, wie eine solche Diagnose zustande gekommen ist, und zweitens, ob die Patienten tatsächlich invasiv beatmet werden müssen, oder ob es nicht einfach gemacht wird. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem sagte zu diesem Thema vor einem Jahr:

Mit künstlicher Beatmung wird richtig viel Geld gemacht. Das ist ein Fehlanreiz des Fallpauschalensystems. Viele Kliniken reizen die Beatmungsmöglichkeiten aus. Aber man kann man da nicht schwarz-weiß denken. Wir stehen in der Corona-Krise relativ gut da, weil wir diese Fehlanreize zugelassen und heute viele Beatmungsbetten haben. Das ist pervers, aber das ist so.

Die damalige Schlussfolgerung Wasems kann heute allerdings nicht mehr gelten, da sich die frühe invasive Beatmung bei vielen Covid-Patienten offenkundig als Behandlungsfehler erwiesen hat. Das Perverse daran ist, dass er sich rechnet und – weil kontraproduktiv – zugleich die Covid-Todeszahlen nach oben treibt. Das alte Problem: Ein Arzt, der die Patienten zu Tode überbehandelt, kann immer behaupten, er habe alles getan, was in seiner Macht stand. Und genau nach diesem Muster funktioniert auch die Rechtfertigung für Lockdowns, Masken- und Impfpflicht: kein valider Nachweis der Wirkung, dafür aber massive Kollateralschäden, die man wiederum dem Virus selbst anlastet. Dieser Zirkel hat sich längst zum alles vernichtenden Strudel entwickelt. Denn die Nichtpharmazeutischen Maßnahmen sind das Übel, als dessen Heilung es präsentiert wird.

Auf einer Schicht in einer stark beanspruchten Station könnte Brüggemann also durchaus „mit eigenen Augen sehen“, was die Corona-Hysterie zusammen mit diversen Fehlanreizen anrichtet. Er interpretiert dann das, was er sieht, im Lichte einer anderen Grundannahme als die Ärztin. Die Grundannahme selbst wiederum kann durch diese Anschauung nicht rational widerlegt oder bestätigt werden.

Was ganz sicher entbehrlich ist, sind Anekdoten der Marke: „Ich bin Ärztin, lassen Sie mich durch!“ Warum sollte Holzners Wort mehr Gewicht haben als zum Beispiel das einer Pflegerin, welche sagt, die Menschen werden getäuscht und belogen? Oder das eines Rettungssanitäters, der sagt, dass er und viele seiner Kollegen von einer drohenden Überlastung nichts mitbekommen. Zitat:

Angespannt wurde die (sowieso seit Jahren prekäre) Personalsituation seit der Corona-Pandemie höchstens dadurch, dass immer wieder Kolleginnen und Kollegen für Wochen quarantänebedingt ausfielen – oft sogar trotz negativer Testergebnisse nach „bestätigtem Kontakt“ im Dienst.

Brüggemann könnte einfach im DIVI-Register nachschauen, welche Intensivstation in Deutschland zur Zeit am wenigsten ausgelastet ist bzw. die wenigsten Covid-Fälle hat, sich dort hinbegeben und nachher verkünden: nichts los auf deutschen Intensivstationen!

Die Aktion Allesdichtmachen stellt auf gekonnte Weise den Sinn der strengen Anticoronamaßnahmen infrage und verweist implizit auf die negativen Folgen derselben. Die Schäden jener Maßnahmen sind schwer abzustreiten. Man kann die Frage, ob Nutzen oder Schaden überwiegen, nicht nach einer Schicht auf einer Intensivstation klären. Die Einwände von „Doc Caro“ verpuffen im geistigen Nirwana. Sie begreift offenbar nicht, dass sie in ihren Einlassungen einfach voraussetzt, was sie zu beweisen glaubt (petitio principii), nämlich, dass die Maßnahmen in gewünschter Weise wirken.

Die Beweiskraft ihrer Aussagen wird auch nicht dadurch größer, dass so viele mit diesem Denkfehler operieren. Überall wird nur mit einem befürchteten Kollaps argumentiert. Befürchtungen und Modelle sind aber nun einmal keine Daten und haben somit null Evidenz. Trotzdem bettelte etwa der Direktor des DIVI, Professor Marx, öffentlich darum, dass die Abgeordneten bitte bitte der jüngsten Änderung des Infektionsschutzgesetzes zustimmen mögen, damit die Fallzahlen im Griff gehalten werden können. Als ob das eine mit dem anderen auch nur das Geringste zu tun hätte! Ich kann mir schwer vorstellen, dass Marx es nicht besser weiß. Ich vermute, er ist schlicht … sagen wir … der Regierung sehr zugetan.

Kurz und gut: Ob Brüggemann eine Schicht fährt oder nicht, trägt zur Klärung der Sache nichts bei. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wer nicht nur eine Schicht, sondern längere Zeit mit Schwerkranken und Sterbenden im Hospital arbeitet, wird feststellen, wie normal das alles ist – einschließlich des Pflegenotstands und temporär überfüllter Stationen.

Was mich persönlich betrifft: Würde ich in der Notaufnahme als Patient dieser “Doc Caro“ begegnen, wäre ich spontan geheilt und würde Fersengeld geben, bevor sie mich für ihre Selbstdarstellungszwecke missbraucht.