Skeptiker in Bewegung 1

Skepsis und Wissenschaft

Skepsis ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Selbstverständnisses. Laut Robert K. Merton ist sie neben dem Universalismus, der Interesselosigkeit, der Gemeinschaftlichkeit (communality) eine der vier wissenschaftlichen „Kardinaltugenden“.[1] Die korrigierende Funktion der Skepsis gilt als Alleinstellungsmerkmal der Wissenschaft und Indikator ihrer höheren Rationalität. Ohne höhere Rationalität mangelt es jeglicher Wissenschaft an Verbindlichkeit. Bekenntnisse zur Wissenschaft werden selten formuliert, ohne zugleich die zentrale Bedeutung der Skepsis hervorzuheben.

Es gibt eine Skeptikerbewegung, zu der in Deutschland unter anderem die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP) und das Portal „Pseudowissenschaft, Irrationale Überzeugungssysteme, Alternative Medizin“ (PSIRAM) gehören. Die „Skeptiker“ verfügen über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und vertreten aggressiv das, was sie für Wissenschaft und Vernunft halten. Mit dem Coronaregime haben sie einen bedeutsamen Sieg erringen können. Ihr Koordinatensystem ist nun weitgehend das der öffentlichen Meinung, vor allem zahlreicher Multiplikatoren in Leitmedien sowie sozialen Netzwerken. Die bevorzugten Objekte ihrer Kritik – Esoteriker aller Art – sind heute öffentlich weitgehend diskreditiert, allen voran die Impfgegner. 

Die GWUP hat sich von Beginn an darauf festgelegt, dass Covid „eine beispiellose Bedrohung für die öffentliche Gesundheit in Deutschland, Europa und der ganzen Welt“ sei. Das Mythen ABC und Blog der GWUP zeigen, dass sie Lockdowns, Maskenzwang, Impfzwang, sogar die No-Covid-Strategie aggressiv befürwortet. Mit der Beispiellosigkeit von Covid wird zugleich die Alternativlosigkeit der genannten Maßnahmen postuliert.

Insgesamt bekommt man nicht den Eindruck, dass die GWUP tut, was ihr Name verspricht, nämlich Parawissenschaften wissenschaftlich zu untersuchen. Letzteres hatte wohl das ehemalige GWUP-Mitglied Edgar Wunder im Sinn: eine sachliche, faire, kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Parawissenschaft“ unter kritischer Beteiligung der Parawissenschaftler. Stattdessen wird Parawissenschaft wohl weniger untersucht, als in Abwesenheit moralisch zum Tode verurteilt. Die GWUP bietet sich als eine Art Wahrheitsagentur an, die Bürger vor dem Irrationalismus warnt. Aus ihrem Umkreis scheint sich ein Teil des Personals heutiger „Faktenchecker“ wie Correctiv oder Mimikama zu rekrutieren. Jedenfalls sind Gestus, Wortwahl und allgemeine Haltung identisch.

Merkmale des Skeptizismus

Auf den ersten Blick fällt auf, dass das missionarische Auftreten der „Skeptiker“ in Spannung zum Namen ihrer Bewegung steht. Man könnte sogar von einem „performativen Selbstwiderspruch“ reden, da ihre Performance nicht zu einer skeptischen Grundhaltung zu passen scheint. Bestimmende Merkmale des Skeptizismus[2] können besser im Kontrast zum methodischen Zweifel als im Kontrast zur rigiden Dogmatik verdeutlicht werden.[3]

Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist Teil seiner Mäuetik, mit welcher er der Wahrheit zur Geburt verhelfen will. Die Argumentationsstrategie besteht darin, Gesprächspartner an einen Punkt zu bringen, wo sie mit ihrem „Latein am Ende“ sind. Nach diesem Eingeständnis ist der Weg frei zum wahren Wissen. Ähnlich verhält es sich mit dem methodischen Zweifel im Sinne von René Descartes. In einer Art Great Reset wird alles bisher Gewusste auf null gestellt, um ein neues, diesmal unumstößliches Gebäude des Wissens errichten zu können. Die durch Zweifel erlangte erste Gewissheit der eigenen Existenz (cogito ergo sum) führt bei Descartes über den Dualismus von Denken (res cogitans) und Körper (res extensa) zur zweiten Gewissheit der Existenz Gottes. Bei Sokrates und Descartes fungiert Zweifel als Mittel der Gewissheit. Die Gefahr, den nächstbesten Strohhalm zu ergreifen, ist jedoch sehr groß, da man es mit dem Zweifel nicht lange aushält, wenn man sich nach Gewissheit sehnt.[4] Sören Kierkegaard meint, dass man verzweifeln wird, wenn man das Prinzip, an allem zu zweifeln, ganz ernst nimmt und radikal verwirklicht.[5]

Im Gegensatz zu Zweiflern bemühen Skeptiker sich nicht um Gewissheit, sondern bestreiten angesichts aller gescheiterten Versuche deren Möglichkeit. Als Gegenpart zu Sokrates kann zum Beispiel der Sophist Gorgias genannt werden. Dieser vertrat rhetorisch einen radikalen Skeptizismus, der inhaltlich dem entspricht, was Kierkegaard zufolge den Weg in die Verzweiflung ebnet. Skeptiker sind allerdings in der Regel nicht verzweifelt, denn extremer Skeptizismus wird nur selten vertreten. Sie betrachten die Dinge aus vielen Blickwinkeln unter allerlei Aspekten und lehnen die Vorstellung ab, dass es möglich sei, beweisbare Aussagen über die objektive Wirklichkeit zu machen. 

Skeptizismus wird nicht vom methodischen Zweifel bestimmt, dessen Funktion es ist, sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Er wird von der Vorstellung gleichwertiger Argumente („Isosthenie“) getragen: Zu jeder Behauptung gebe es mindestens eine gegenteilige Behauptung, die genauso plausibel begründet werden könne. Mit wissenschaftlichem Realismus ist der Skeptizismus schlecht vereinbar, da letzterer davon ausgeht, dass wissenschaftliche Theorien die Wirklichkeit erkennbar machen und sich der objektiven Wahrheit zumindest annähern.

Die Haltung eines Skeptikers ist neutral und zurückhaltend („Epoché“). Seine Gelassenheit ergibt sich nicht aus dem trügerischen Bewusstsein, nun endlich im Besitz der Wahrheit zu sein, sondern aus der Annahme, dass jedes Streben danach letztlich vergebens ist. Was die jeweilige Haltung betrifft, könnte man schablonenhaft sagen: Skeptiker sind eher entspannt, vergnügt und neigen zur Toleranz,[6] Zweifler sind eher verspannt, verzweifelt und neigen zum Fanatismus. 

Selbst der moderate Skeptizismus eines David Hume reicht immerhin aus, grundsätzliche Zweifel an der Validität der neuzeitlichen empirischen Wissenschaft zuzulassen. Hume hat gezeigt, dass die Induktion – der Schluss von der Vergangenheit auf die Zukunft – nicht ohne argumentativen Zirkel begründet werden kann. Daraus folge, dass auch Kausalität lediglich als ein Erfahrungswert gelten müsse.[7] Der „Zement des Universums“, wie Hume die Kausalität nennt, ist rissig und bröckelig. Diese Schlussfolgerung, dass alle moderne Wissenschaft auf unsicherem Grund steht, ist bis heute ein Stachel in ihrem Fleisch geblieben. 

Man sollte erwarten, dass die Fragilität, die Fehlbarkeit wissenschaftlichen Wissens in einer Skeptikerbewegung besonders betont und der wissenschaftliche Antirealismus dort prominent verfochten wird. Denn in letzterem hat die Isosthenie als Unterbestimmtheitsthese eine zentrale Bedeutung. Der Antirealismus bestreitet, dass erfolgreiche wissenschaftliche Theorien deren objektive Wahrheit verbürgen, ist skeptisch gegenüber den angewandten Methoden, aber nicht seinerseits Methode. Einen absoluten Standpunkt hat er nicht. Kennzeichnend für ihn ist die Pluralität von Perspektiven. 

Als Minimum müsste die auch von wissenschaftlichen Realisten geteilte Ansicht gelten, dass empirisch-wissenschaftliche Resultate niemals so eindeutig sein können, dass mit ihnen nur eine einzige Handlungsoption rational begründet werden kann. Es gibt auf Grundlage empirisch „bestätigter“ Theorien immer verschiedene rational ungefähr gleichwertige Handlungsmöglichkeiten. Aus der unterstellten Beispiellosigkeit von Covid-19 etwa folgt mitnichten die Alternativlosigkeit einer einzigen Strategie. Die „Skeptiker“ treten aber grundsätzlich so auf, als wären die von ihnen favorisierten praktischen Lösungen ohne jede rationale Konkurrenz. 

Was die Skeptikerbewegung selbst unter Skepsis versteht, ist Inhalt des nächsten Teils.


[1] Vgl. Robert K. Merton, The Sociology of Science, Chicago, London 1973, S. 267–278.

[2] Der Begriff wird im Folgenden bewusst nicht weiter differenziert. Wie bei allen Denkrichtungen gibt es starke, mittlere, schwache Ausprägungen. Es würde hier aber zu weit führen, das alles zu erläutern.

[3] Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um eine Stilisierung handelt. De facto lässt sich das alles nicht sauber auseinanderhalten. Mir geht es darum, Unterschiede in der Haltung deutlich zu machen. Ein differenziertes Schema mit Bezug auf die Skeptikerbewegung findet sich auf S. 71ff. des oben bereits verlinkten Beitrags Das Skeptiker-Syndrom von Edgar Wunder. 

[4] Da die Gottesbeweise von Descartes sich im Gegensatz zu seiner ersten Gewissheit nicht haben behaupten können, liegt der Verdacht nahe, dass die schwach begründete Existenz Gottes von vornherein als „Wahrheit“ feststand und via Zweifel mit der stark begründeten Eigenexistenz bewiesen werden sollte.

[5] Vgl. Sören Kierkegaard, Philosophische Brocken. De omnibus dubitandum est, Frankfurt am Main 1975.

[6] Beispiele wären Michel de Montaigne (1533–1592), David Hume (1711–1776) oder Odo Marquard (1928–2015). Humes Souveränität selbst im Angesicht seines langsamen Todes ist legendär. Sein Freund Adam Smith (1723–1790), der ihm beistand, bezeugt: „Obwohl er sich viel schwächer fand, verließ ihn sein heiterer Sinn doch nie.“ Marquard war geradezu die Inkarnation eines entspannt-heiteren Skeptikers.

[7] Vgl. David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Stuttgart 1982, S. 41–59.