Skeptiker in Bewegung 2

Wissenschaftlicher Skeptizismus?

Die Skeptikerbewegung reklamiert einen „modernen“, „wissenschaftlichen Skeptizismus“ für sich, der darin besteht, genau das Gegenteil dessen zu vertreten, was den in Teil 1 skizzierten Skeptizismus ausmacht. „Wissenschaft und rational-kritisches Denken sind die einzigen verlässlichen Methoden, mit denen wir unsere Welt objektiv und nachprüfbar erforschen und verständlich erklären können“, verkündet die GWUP auf ihrer Website. Sie behauptet, mit verlässlichen Methoden den sicheren Boden der Objektivität gewonnen zu haben, fühlt sich dem wissenschaftlichen Realismus verpflichtet und entzieht das, was sie für Wissenschaft hält, per definitionem jeglicher Skepsis. 

Vom gleichrangigen Objekt derselben mutiert Wissenschaft zu ihrem erhabenen Subjekt und wird damit zum Richter über alle etwaige Konkurrenz. „Wissenschaftlicher Skeptizismus“ bedeutet im Klartext, den eigenen Standpunkt, die eigenen Methoden absolut zu setzen und Skepsis nur noch gegenüber anderen zuzulassen. Es liegt auf der Hand, dass nichts und niemand gegen ihn gewinnen kann. Was ihm nicht hinreichend gleicht, gilt als Parawissenschaft, Pseudowissenschaft, Aberglaube, Verschwörungstheorie – gar als „Pseudoskepsis“ – und wird moralisch verurteilt, weil es „der Gesellschaft schadet“. Nahezu alles, was in Teil 1 als Skeptizismus beschrieben wurde, müsste folgerichtig unter das Verdikt der „Pseudoskepsis“ fallen, namentlich der wissenschaftliche Antirealismus. Letzterer ist jedoch eine starke wissenschaftstheoretische Position und echte Herausforderung für den Realismus. Man kann ihn nicht einfach beiseiteschieben – schon gar nicht als Skeptiker.

Obige Definition des „wissenschaftlichen Skeptizismus“ ist selbstreferenziell und zirkulär. Denn die Voraussetzung, besagte Methoden als verlässlich anzuerkennen, ist es, sie als verlässlich anzuerkennen. Wie wird aber deren Verlässlichkeit geprüft? Mit den Methoden. Wer praktiziert diese Methoden? Die Wissenschaftler. Wer überprüft sie? Die Wissenschaftler. Es ist also nicht überraschend, dass diese in ihrem eigenen System stets als rational beste aller möglichen Menschen erscheinen. 

Im Netz gefangen

Der „wissenschaftliche Skeptizismus“ kann in keinerlei Hinsicht mit Skeptizismus, aber in jeder Hinsicht mit seinem Gegenteil in Verbindung gebracht werden. Bei Wikipedia heißt es: „Pseudoskepsis […] ist eine philosophische oder wissenschaftliche Position, die anscheinend Skepsis oder wissenschaftliche Skepsis ist, in Wirklichkeit aber nicht.“[1] Dies trifft exakt auf die Skeptikerbewegung zu. Sascha Lobo, der von GWUP-Autor Bernd Harder begeistert zitiert wird, liefert eine unfreiwillige Selbstbeschreibung, wenn er anmerkt, dass Pseudoskepsis an allem zweifele, außer an sich selbst.[2]

Dazu passt, dass die GWUP gebetsmühlenartig den „wissenschaftlichen Konsens“ und den „Stand der Forschung“ bemüht. Bloße Intersubjektivität – der Konsens von Personen – wird rhetorisch mit Objektivität ineins gesetzt, obwohl beides logisch nichts miteinander zu tun hat. Man braucht nur wahllos auf der Website zu suchen – überall stößt man auf gleichlautende Formulierungen, so zum Beispiel bei den Referenten der Konferenz Skepkon 2021. Ein ganzer Themenblock befasst sich dort mit „Wissenschaftsleugnung“ und „Wissenschaftsskepsis“. Die Ironie, dass letztere in einer Skeptikerbewegung eigentlich begrüßt werden müsste, fällt dort niemandem mehr auf.

„Effektive Strategien im Umgang mit Wissenschaftsleugnern – Eine psychologische Perspektive. Impfungen sind sicher und effektiv. Menschen verursachen globale Erderwärmung. Die Evolutionstheorie erklärt die Vielfältigkeit von Lebensformen. Keiner [sic] dieser Fakten ist in wissenschaftlichen Fachkreisen umstritten. Dennoch zweifeln Wissenschaftsleugner den Wahrheitsgehalt dieser Erkenntnisse öffentlich an“. Dr. Philipp Schmid

„Die Ethik des Klimawandels – ein skeptischer Blick. Die Wissenschaft des Klimawandels ist extrem kompliziert. Deswegen würde kaum ein Laie ernsthaft behaupten, sie verstehen zu können. Dennoch kann sich jeder sicher sein, dass der menschengemachte Klimawandel real ist. Schließlich gibt es einen überwältigenden Konsens in der Expertengemeinschaft.“ Dr. Nikil Mukerji

„Astronomisch angehauchte Klimamärchen. […] Auch wenn es an der Umsetzung des internationalen Pariser Klimaabkommens in den meisten Ländern noch hakt, so ist der breite wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Konsens, dass der Mensch für die globale Erwärmung in den letzten 100 Jahren hauptverantwortlich ist und daher auch ihre Bekämpfung bewältigen muss. Wie so oft hindert die wissenschaftlich unzweideutige Studienlage einige wenige aber nicht daran, falsche Fakten und Lügenmärchen zu erzählen.“[3] Dr. Leonard Burtschner

Welch ein Frevel, möchte man kommentieren, da zweifeln Menschen die Mehrheitsmeinung an! Die zitierten Formulierungen wirken geradezu infantil, vor allem die des Psychologen und des Philosophen. Das Unangenehme ist aber, dass es sich hier um Erwachsene handelt, die andere Menschen dazu zwingen wollen, zu denken und zu tun, was sie für wahr und richtig halten. Aus der Kompliziertheit einer Materie wird unmittelbar geschlossen, dass Laien aufgrund des überwältigenden Konsenses einer „Expertengemeinschaft“ sicher sein können, dass Phänomen x „real“ sei. Realität ist aber ein weites Feld. Dort hat sich schon mancher verirrt.

Gemeint ist, dass Laien sicher sein müssen, wenn sie nicht von der Skeptikerbewegung oder anderen Wahrheitsbesitzern erkennungsdienstlich verfolgt und behandelt werden wollen. Man könnte aber aufgrund der Komplexität (nicht „Kompliziertheit“) einer Materie auch zu dem Schluss kommen, dass überwältigende Übereinstimmungen von Experten eher unwahrscheinlich sind, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, also kein Gruppendruck herrscht. Zustimmungsraten, die höher sind als Ergebnisse von DDR-Wahlen, sollten bei einem derart komplexen System misstrauisch machen. Es sollte doch wenigstens ein Gegenmodell geben, das nicht in Bausch und Bogen verworfen wird.

Gemäß der Wissenschaftstheorie von Imre Lakatos darf ein einziges Forschungsprogramm niemals alle alternativen Forschungsprogramme vollständig verdrängen, da letzteren andere Paradigmata zugrundeliegen, die ausgearbeitet sein müssen, um sofort an die Stelle des herrschenden Paradigmas treten zu können, sobald dieses nicht mehr trägt. Das gilt laut Lakatos selbst für alternative Ansätze, die vorerst falsifiziert worden sind. Es gibt also nicht den geringsten Grund, Wissenschaftskollegen als „Märchenerzähler“ zu diskreditieren, selbst wenn diese auf der falschen Fährte sein sollten. Denn – ob es Dr. Burschner glaubt oder nicht – der „breite Konsens“ könnte sehr wohl auf fundamentalem Irrtum beruhen.

Für den Physiker und GWUP-Mitglied Florian Aigner ist so etwas gänzlich ausgeschlossen[4]: Wissenschaft als solche sei ein Netz verlässlicher Informationen und Methoden, das im Laufe der Geschichte immer enger geknüpft und robuster geworden sei. In diesem Netzwerk sei wenig Platz für korrumpierte oder verblendete Gedanken. Der Mechanismus der Selbstkorrektur sei so wirksam, die Schwarmintelligenz so ausgeprägt, dass Manipulation, Betrug, systematischer Irrtum immer nur vorübergehend und unbedeutend sein können. Aufgrund dieser robusten Netzstruktur mit „unendlich vielen Knoten“ sei es für Laien die rationalste Option, zu glauben, was eine Mehrheit von Experten und Fachwissenschaftlern sage, und ihren Empfehlungen zu folgen.[5] Die Netzstruktur der Wissenschaft scheint zu erzwingen, Experten ins Nirwana des No Covid oder Zero Carbon zu folgen.

Der Verweis auf dicht geknüpfte Netze, die kein Laie durchschaut, hat zur Folge, dass die eigene Zunft faktisch als unfehlbar gilt. Laien haben hier außer ihrer Gefolgschaft nichts Legitimes beizutragen. Die Kontrolle und Selbstkorrektur übernehmen die Fachleute selbst. Was deren Mehrheit verkündet, ist Gesetz. Alle anderen müssen ihnen einfach glauben, sonst werden sie mit der Diagnose Dunning-Kruger zu Aluhutträgern und Schwurblern erklärt. Diese Diagnose gilt dann auch für alle Wissenschaftler mit abweichender Meinung. Dabei hatte einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Welt, John Ioannidis, bereits 2005 dargelegt, dass fast alle in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten Resultate falsch sind. Da er aber die Panikmache rund um Covid nicht mitmacht, gilt er heute selbst als Schwurbler und muss sich von Ikonen der Skeptikerbewegung über seine Pseudoskepsis aufklären lassen. So schnell geht das.

Im nächsten Teil wird erörtert, wie der wissenschaftliche Konsens aus skeptischer Perspektive beurteilt werden müsste. Spoiler in einem Wort: skeptischer.


[1] Gemeint ist hier „scheinbar“, nicht „anscheinend“.

[2] Lobo erwähnt Descartes und Popper, weiß aber ersichtlich nicht, wovon er schreibt. Ausgerechnet er und die GWUP wollen eine „neue Aufklärung“ ins Werk setzen, die darin besteht, im Zeitalter digitaler Vernetzung „falsche Skepsis von der richtigen zu unterscheiden“. Der Artikel ist aus dem Jahr 2015. Die Utopie Lobos ist für alle eigenständig Denkenden eine Dystopie, die sich inzwischen leider verwirklicht hat. Unter „Aufklärung“ versteht Lobo mit den Skeptikern ungefähr das, was der Legionär Taubenus in „Asterix der Gallier“ unter „psychologischer Kriegsführung“ versteht: alle „Feinde“ mit grober Keule niederstrecken. 

[3] Mit den „astronomischen Klimamärchen“ ist hier die Forschung von Henrik Svensmark, Nir Shaviv und Ján Veizer gemeint – drei Wissenschaftler, die Achtung verdient haben, ganz unabhängig davon, ob sie richtig liegen. Zum Thema settled climate science vgl. Steve E. Koonin, Unsettled?, Dallas 2021. Vgl. auch Fritz Vahrenholt/Sebastian Lüning, Unerwünschte Wahrheiten, München 2020.

[4] Vgl. Florian Aigner, Wissenschaft ist kein Bauchgefühl, Wien 2020.

[5] Eine originär skeptische Gegenposition hingegen vertritt zum Beispiel Nobelpreisträger Richard Feynman, der Naturwissenschaft als „Glauben an das Nichtwissen von Experten“ definiert.