Skeptiker in Bewegung 3

Liebeserklärungen und Verklärungen

Der Konsens ist für die Skeptikerbewegung eindeutig wichtiger als die Skepsis. Es wird zwar behauptet, ein Konsens herrsche erst, nachdem Theorien das Stahlbad unbarmherziger Fachkritik durch Kollegen überstanden hätten. Doch das muss man den Wissenschaftlern und ihren unkritischen Bewunderern einfach glauben. Bezweifelt man es, hat man eben „keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert.“ Viel berechtigter wäre aber die Frage, ob Wissenschaftsenthusiasten nicht eine rosarote Brille tragen.

Das erwähnte Buch von Florian Aigner ist zum Beispiel laut Untertitel eine „Liebeserklärung an die Wissenschaft“[1]. Der Ausdruck Liebeserklärung bezieht sich exklusiv auf romantische Liebe, nicht auf andere Formen. Wie unvoreingenommen mag jemand gegenüber dem Objekt seiner Verliebtheit sein? Wer es für nahezu makellos und wunderschön hält, reagiert auf Kritik entsprechend empfindlich. Der Button des Covers signalisiert, dass es allen schlecht ergehen wird, die am Liebesobjekt etwas auszusetzen haben: „100 % frei von Unsinn, Aberglauben und Fake News“. Auf Amazon wird das Buch als „Rüstzeug“ gegen „Pseudolehren und Fake News“ beworben. Zielgruppe sind alle, die sich without a cause und without a clue für „aufgeklärt-rational“ halten, aber ohne Anweisung von oben nicht einmal die einfachsten Argumente für ihre Haltung finden können.

Wer derart gerüstet ist, versteht selbstverständlich keinen Spaß. „Wenn wir heute über Ideen lachen, die vor zweihundert Jahren als wissenschaftliche Wahrheit galten, wird man dann nicht in weiteren zweihundert Jahren über die angeblichen Wahrheiten von heute lachen? Nein, das wird man nicht,“[2] ist sich Aigner sicher. Er tritt so selbstsicher auf, weil ihn in 200 Jahren niemand zur Rechenschaft ziehen wird. Wer sich schon kaum vorstellen kann, dass ganze Wissenschaftsbereiche korrumpiert sein oder Pharmariesen ihre Studien frisieren könnten, dürfte kaum der Lage sein zu imaginieren, dass spätere Generationen heutige Wissenschaft in beträchtlichem Umfang als illusionäre Pseudowissenschaft ansehen. 

Mir steht indes schon heute das mögliche Entsetzen ferner Generationen über unsere „wissenschaftlichen Wahrheiten“ plastisch vor Augen. Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass unser „wissenschaftliches Weltbild“ in ferner Zukunft einmal als bösartige Variante kollektiven Selbstbetrugs eingestuft wird. Im Moment wird jedenfalls hart daran gearbeitet, diesen Eindruck zu hinterlassen. Es spielt keine Rolle, für wie wahrscheinlich man solche Szenarien hält. Wichtig ist die Haltung. Wer so etwas kategorisch ausschließt, legt einen Hochmut an den Tag, welcher in der Gegenwart zwar vor dem sozialen Aufstieg stehen mag, aber in der Nachwelt zum tiefen Fall führen könnte.

Die Pointe besteht gerade darin, dass man sich vieles, was möglich ist, heute in keiner Weise konkret vorstellen kann. Nicht auszuschließen, dass in 200 Jahren über den „wissenschaftlichen Konsens“ so gelacht wird wie über diverse Kapriolen der fernen Vergangenheit, ist rationaler und humaner, als heute alle Menschen erbittert zu bekämpfen, die den „Stand der Wissenschaft ignorieren“. Die Geschichte der Wissenschaft ist voll von Dr. Aigners, Dr. Schmids, Dr. Mukerijs oder Dr. Burschners (siehe Teil 2), die mit dem Forschungsstand auf Stelzen laufen, aber aus der Rückschau bestenfalls noch milde belächelt werden, sofern sie nicht – was höchst wahrscheinlich ist – vollständig vergessen sind. 

The Wild Bunch – die Scientific Community

Warum dem so ist, kann gut mit der „transienten Unterbestimmtheit“ erklärt werden. Ich zitiere mich selbst: „Zu jeder Theorie sind zu jedem Zeitpunkt eine unbestimmte Anzahl radikal widerstreitender Theorien denkbar, die genauso gut oder besser zu den verfügbaren empirischen Daten passen. Sie ‚existieren‘ als konkrete Möglichkeit schon zu diesem Zeitpunkt. Wissenschaftler ziehen jedoch zum Zeitpunkt x stets nur eine sehr kleine Anzahl möglicher Theorien in Betracht. Da sich die Wissenschaftler bis heute in diesem Belang nicht geändert haben, kann durchaus bezweifelt werden, dass der heutige Stand der Wissenschaft dem damaligen bezüglich seiner Wahrheitsnähe oder Objektivität ontisch überlegen ist. 

Auch engere Vernetzung und größere Anzahl der beteiligten Wissenschaftler ändern an dem Befund nichts. Egal wie groß und vernetzt die Community auch sein mag – sie ist nicht in der Lage, den Umfang möglicher und bestens bestätigbarer Alternativen zu erfassen. Die Pointe dieser Variante der Unterbestimmtheitsthese ist, dass sie nicht direkt auf Theorien, sondern auf Personen zielt. Die Unterbestimmtheit resultiert aus einer konstitutionellen Beschränktheit von Wissenschaftlern. Liebeserklärungen, mit denen Wissenschaftler ihr Tun emotional erhöhen, dürfen diese Beschränktheit eher fördern.“[3] Auch Gruppendruck macht beschränkt.

„Skeptiker“ können nichts mit dem Gedanken anfangen, dass die Scientific Community in gravierendem Ausmaß auf dem falschen Dampfer sein, systematischen Bestätigungsfehlern unterliegen und massenpsychotischen Erscheinungen erliegen könnte. Sie sind nicht bereit, auch nur zu erwägen, dass das Netz an verlässlichem Wissen zwar eng geknüpft sein mag, aber trotzdem einem selbstreferenziellen System gleichen könnte, in welchem Personen sich sogar über Generationen hinweg gegenseitig vor allem darin bestätigen, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben, um daraus Herrschaftsansprüche abzuleiten. Niemand darf auf den Gedanken kommen, dass die Scientific Community nichts anderes oder besseres sein könnte als eine Kaste von Priestern.

Gerade die enge globale Vernetzung und interdisziplinäre Verbindung; die starke institutionelle Einbindung und Abhängigkeit der modernen Wissenschaftler könnte diese besonders anfällig für Gruppendynamik und Gruppenmoral machen, was wiederum kollektive Voreingenommenheit begünstigt. Zudem befinden sich heute fast alle Menschen in derselben medialen Matrix. Unabhängige Individualisten, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft prägten, hätten im professionalisierten, bürokratisierten und ökonomisierten Betrieb von heute nichts mehr verloren. Dies wiederum ist auch als Schwäche des wissenschaftlichen Komplexes interpretierbar.

Einem Fundamentalkritiker und Exzentriker wie Paul Feyerabend wurden damals aufgrund seiner schieren Brillanz die besten Professuren hinterhergetragen; er machte mehr oder weniger, was er wollte, und fand an der ETH Zürich schließlich sein Paradies: maximales Gehalt, minimale Lehrverpflichtung.[4] Heute hätte er im akademischen Betrieb nicht mehr die geringste Chance; er würde von Wokeness und Political Correctness in Stücke gerissen werden. Bis vor kurzem wurde solchen Persönlichkeiten bescheinigt, wertvolle „Querdenker“ zu sein, die „wider den Stachel löcken“. Es wurde ihnen eine wichtige korrigierende Funktion zugesprochen. Heute ist „Querdenker“ das Schimpfwort schlechthin, „Korrektiv“ wird mit zwei Cs geschrieben und ist der Name einer Orwellschen Wahrheitsagentur. 

Dogmen und Bulldoggen

Auf Grundlage eines nicht hinterfragten allgemeinen Kenntnisstandes, also eines Dogmas, mag man beherzt über Einzelfragen streiten und dies als „organisierten Zweifel“, „Selbstkritik“, „Peer Review“[5] bezeichnen. Innerhalb dieses Rahmens kann sich die „Skepsis“ als Drang austoben, Kollegen aus dem Feld zu schlagen. Um christliche Dogmen wurde im Vierten Jahrhundert auf derart hohem Niveau gestritten, dass moderne Wissenschaftler dagegen oft wie Kretins wirken.[6] Das war auch eine Art „Peer Review“, oft leider mit tödlichem Ausgang für diejenigen, die sich in der Minderheit befanden und daher als Häretiker galten. Die Wissenschaft ist gerade dabei, diese Tradition wieder einzuführen. Zum sozialen Tod werden schon jetzt viele verurteilt, die nicht der herrschenden Meinung, dem „breiten wissenschaftlichen Konsens“ folgen. Die Frage, was denn so überwältigend an diesem Konsens sei – die Argumente oder der soziale Druck – taucht im Universum der „Skeptiker“ nicht auf. Wer solchen Fragen stellt, erweist sich für sie bereits damit als Verschwörungstheoretiker.

Die interne Konkurrenz ist im wissenschaftlichen Betrieb groß, „und da in der akademischen Politik Macht und Einfluß die einzige frei konvertierbare Währung bilden, dürfte der Wettkampf um sie […] sogar noch schärfer sein als draußen.“[7] Man könnte auf die Idee kommen, dass der egoistische Geltungsdrang aller Beteiligten, deren starke Neigung zu Animosität und Intrige, sich als unerbittliche Kritik aneinander äußere und damit der „Wahrheitsfindung“ insgesamt dienlich sei. Wie in Bernard Mandevilles Bienenfabel erschienen dann die privaten „Laster“ der Wissenschaftler als kollektiver Vorteil. Doch wie in der Wirtschaft kommt es auch hier zu Monopolen und oligarchischen, quasi feudalen Strukturen. In internen Auseinandersetzungen wird zu allen denkbaren unlauteren Mitteln gegriffen, sodass mitunter weniger „Wahrheit“ produziert, als Macht perpetuiert wird.

Aufgrund der genannten Faktoren dürfte Mobbing im wissenschaftlichen Sektor nicht seltener vorkommen als woanders, wahrscheinlich häufiger. Ein Beispiel wäre die Geschichte der Hypothese, dass Alzheimer durch Ablagerungen von Beta-Amyloid in der grauen Hirnsubstanz („Plaques“) verursacht werde. Solche Ablagerungen kommen bei Alzheimer in großer Dichte im Hirn vor. Es konnte jedoch letztlich kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden. Die Reduktion des Amyloids hatte keinerlei positiven Effekt.[8] Wie ein ausführlicher Bericht darlegt, waren Wissenschaftler, die die „Amyloid“-Hypothese anzweifelten, heftigem Mobbing von mächtigen, sehr angesehenen Professoren ausgesetzt, die konzertiert handelten, indem sie bösartige Peer Reviews verfassten bzw. verfassen ließen und alle Versuche der missliebigen Kollegen vereitelten, Gelder für ihre Forschungen zu bekommen.

In diesem Fall war nicht einmal politischer Druck oder ideologische Verblendung im Spiel. Das Ganze beruhte nur auf kollektiver Voreingenommenheit, Platzhirschgebaren, Ehrgeiz und dergleichen. Wenn nun Politik und Weltanschauung mit ins Spiel kommen, wird die Neigung zu solchem Verhalten wohl kaum gemindert, sondern eher verstärkt.

Im nächsten Teil geht es um die Frage, ob es legitim ist, dieses Verhalten als bloße Anomalie zu bezeichnen, welche den rationalen Kern des wissenschaftlichen Unternehmens nicht berührt. Spoiler in einem Wort: nein.


[1] Diesen Titel mag sich der Verlag, nicht der Autor ausgedacht haben. Tatsächlich trifft er den Inhalt sehr gut.

[2] Aigner, Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl, Berlin 2020, Kap. „Widerlegt – na und?“.

[3] Vgl. Lawrence Sklar, „Methodological Conservatism “, in: Philosophical Review, Vol. 84 (3), 1975, S. 384–400. Vgl. Stanford, Exceeding our Grasp, Kap. 1.3. Vgl. Bas van Fraassen, The Scientific Image, Oxford 1980, S. 59–64. Stanford belegt die transiente Unterbestimmtheit am Beispiel wissenschaftlich etablierter Theorien.

[4] Vgl. Paul Feyerabend, Zeitverschwendung, Frankfurt am Main 1997, Kap. 13.

[5] Zum Peer Review, also einem Verfahren interner Qualitätskontrolle bei wissenschaftlichen Zeitschriften, siehe diese ausführliche Kritik von Heike Diefenbach.

[6] Vgl. zum Beispiel Adolf von Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, 3. Bände, 4. Aufl., Freiburg 1909/1910.

[7] Stephen Toulmin, Kritik der kollektiven Vernunft, Frankfurt am Main 1983, S. 313.

[8] Vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020, S. 114f.