Skeptiker in Bewegung 4

Was wäre gewesen?

Die Überzeugung des Philolaos, dass die Erde nicht im Zentrum stehe, sondern sich um ein ruhendes Feuer im Mittelpunkt drehe, – sogar der Gedanke der Erdbewegung als solcher – wurde schon von Aristoteles und später von Ptomlemäus als „unglaublich lächerliche“ Anschauung der Pythagoräer bezeichnet.[1] Ptolemäus war nach heutigen Maßstäben schlicht ein Plagiator; die Pythagoräer waren eine Art Sekte, die noch dazu den Fleischverzicht praktizierte. Hätte es damals schon die Skeptikerbewegung gegeben, hätte sie das heliozentrische Weltbild als esoterisches Blendwerk vegetarischer Esoteriker abgetan und sich dabei auf einen „Wissenschaftsbetrüger“ berufen. Die Dominanz des ptolemäischen Weltbildes bewirkte, dass sich das wenig später von Aristarchos von Samos vertretene heliozentrische Weltbild 1300 Jahre lang nicht durchsetzen konnte. 

Für die Skeptikerbewegung mag das alles Schnee von gestern sein – Zeichen einer unausgereiften „Protowissenschaft“. Man schmückt sich heute unverdrossen mit den Ikonen der Wissenschaft, obwohl man damals zu deren Erfolg gewiss nicht das Geringste beigetragen hätte. Wie wäre die Skeptikerbewegung mit Leuten wie Ignaz Semmelweis oder Alfred Wegener umgesprungen? Wegener war Meteorologe, kein Geologe, und hatte schon allein deswegen einen schweren Stand bei den zuständigen Experten. Seine Kontinentaldriftthese wurde noch zu seinen Lebzeiten im Jahr 1928 durch Arthur Holmes plausiblel gemacht. Letzterer führte die Bewegung der Erdplatten auf Konvektionsströmungen zurück. Trotzdem wurde Wegener von der Scientific Community bekanntlich wie Unrat behandelt. Erst 1960 wurde seine Theorie schließlich anerkannt. Wissenschaftsenthusiasten erklärten Fälle wie diesen gerne zu Ausnahmen. Doch selbst wenn dies zuträfe, wären sie Grund genug, weniger breitbeinig aufzutreten. Vor hundert Jahren gab es immerhin schon eine voll professionalisierte Wissenschaft. 

Hätte sich die Skeptikerbewegung vor hundert Jahren an allgemein anerkannten Methoden sowie am wissenschaftlichen Erkenntnisstand orientiert, wären ihre Mitglieder aus heutiger Sicht Rassisten[2] und Eugeniker gewesen[3], und damit mitverantwortlich für die umfangreichen Programme zur Sterilisation und Ausrottung „genetisch Minderwertiger“. Dass Werk Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens von Alfred Hoche und Karl Binding war 1920 erschienen. Die theoretischen Grundlagen von Eugenik und Rassenhygiene werden heute von vielen als „pseudowissenschaftlich“ bezeichnet. Doch das ist falsch. Es waren allgemein anerkannte wissenschaftliche Theorien. Man wusste zwar noch wenig über das Genom, aber dafür umso genauer, dass die Welt untergeht, wenn nicht getan wird, was dem „breiten wissenschaftlichen Konsens“ entspricht. 

Die Eugenik lebt denn auch bis heute weiter und wird eifrig betrieben. Ihre Grundidee lautet, dass der Mensch „weg muss“ und nur als Übermensch eine Existenzberechtigung habe, welcher wiederum ein Heer von Untermenschen befehligen müsse. Sie hat sich erfolgreich ins Gewand des Umweltschutzes und des Ökologismus gekleidet. Organisationen wie der „Club of Rome“ oder das Weltwirtschaftsforum sind von diesem Ungeist beseelt. Dessen „eliminatorischer Algorithmus“[4] bestimmt auch die Klimawissenschaft. Nur das mit den „minderwertigen Menschenrassen“ wird heute weniger deutlich ausgesprochen.

Auch damals waren Wissenschaftler international gut vernetzt und die Wissenschaft in Disziplinen differenziert, die einander ergänzten und stützten. Auch damals hieß die Devise „Follow the Science“. Erst nachdem die Nationalsozialisten damit allzu bitteren Ernst gemacht hatten und gescheitert waren, kam allgemeine Katerstimmung auf. Sie dämpfte in der Folge den Wissenschaftsoptimismus gewaltig, der bereits durch die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs beträchtlich heruntergedimmt worden war. 

Heutige „Skeptiker“ hätten aufgrund ihrer Anbetung des wissenschaftlichen Konsenses die Wenigen zu Pseudowissenschaftlern erklären müssen, welche bestritten hatten, dass die Menschheit genetisch unaufhaltsam degeneriere und dies zum Untergang derselben führe, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen würden. Sie hätten diesen „Aluhutträgern“ vielleicht vorgehalten, für Abermillionen Tote verantwortlich zu sein, weil sie mit ihrem „Geschwurbel“ das Nichtstun rechtfertigen. Die Parallelen zum aktuellen Klima- und Coronakatastrophismus liegen auf der Hand.

Außer dies auf der faktischen Ebene rundheraus zu bestreiten, könnten „Skeptiker“ darauf erwidern, dass dergleichen nicht mehr passieren könne, da Wissenschaft heute so viel klüger sei. Oder sie behaupten, es sei eine singuläre Entgleisung gewesen. Beides sind sehr schwache Einwände. Schließlich würde eine einzige weitere Entgleisung von dieser Größenordnung ausreichen, um die Welt wieder an den Abgrund zu führen (wir sind übrigens mittendrin). Zweitens spricht – siehe Teil 3 – schon aus grundsätzlichen Erwägungen wenig dafür, dass Wissenschaftler tatsächlich so viel schlauer und ihre Mechanismen der Selbstkorrektur so viel besser geworden sind. Genau genommen spricht gar nichts dafür. Die aktuelle Wissenschaftspraxis spricht sogar deutlich dagegen.

Unter Primaten

Schon Pierre Duhem stellte Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts fest, dass die von Wissenschaftsphilosophen postulierten Methoden wenig Ähnlichkeit mit den Methoden haben, die Wissenschaftler tatsächlich anwenden.[5] In den 1970er Jahren betonte Paul Feyerabend eindringlich, dass Wissenschaftler ihre Methoden allenfalls als Daumenregeln verwenden, die bedenkenlos ignoriert oder modifiziert werden, sobald sie nicht das gewünschte Ergebnis zu liefern drohen.[6] In den 1980er Jahren legte Karin Knorr-Cetina aus der Innenperspektive dar, wie in der experimentellen Praxis Erkenntnis erzeugt wird.[7] Dies geschieht mittels Improvisation aufgrund von internem und externem Druck. Die Methoden werden opportunistisch gewählt und gewechselt, um passende Ergebnisse zu erzielen.[8] In den wissenschaftlichen Papers wird die Sache ex post so dargestellt, als wäre man streng einer Methode gefolgt. Ganz analog dazu erscheint der wissenschaftliche Fortschritt nur durch die voreingenommene Darstellung der Wissenschaftsgeschichte als Resultat eines rationalen Prozesses.[9]

Bestimmend für die von Knorr-Cetina dargestellte Laborpraxis ist das Menschlich-Allzumenschliche: Geld, Status, Anerkennung, nicht etwa das Bestreben, Hypothesen auf Herz und Nieren zu testen. Messinstrumente werden folgendermaßen ausgewählt: „‚Es stand hier `rum, daher war es das Einfachste.‘“ Oder: „‚Was ich ursprünglich wollte, hat nicht funktioniert, daher hab ich was Neues probiert.‘“[10] Die Validierung durch die Community erfolgt, indem „Wissenschaftler im Labor ihre Entscheidungen und Selektionen ständig auf die vermutliche Reaktion bestimmter Mitglieder der Wissenschaftsgemeinde, die als ‚Validierende‘ in Frage kommen, beziehen, ebenso wie auf die Politik der Zeitschrift, in der sie zu publizieren vorhaben. Entscheidungen werden danach getroffen, was gerade in und was out ist, was man machen und nicht machen ‚kann‘, mit wem man dabei in ‚Clinch‘ gerät und mit wem man sich durch diese Entscheidungen in eine Koalition begibt. Kurz, die discoveries werden im Labor im Hinblick auf riskierte Anfeindungen und Allianzen ebenso wie im Hinblick auf erhoffte Anerkennung und Kooperationen gemacht.“ Die Scientific Community ist ein Zusammenschluss von Produzenten und Kunden, die wechselseitig ihre Dienstleistungen brauchen. Zugleich sind sie Konkurrenten um finanzielle Mittel und Reputation. Beurteiler und Produzenten wissenschaftlicher Studien sind in keiner Weise voneinander unabhängig.[11]

Folgende Sichtweise wäre ernsthaft als mit den Tatsachen kompatible alternative Sichtweise zu erwägen: Wissenschaftlicher Konsens wird vor allem in politisch relevanten Gebieten durch eine dominierende Clique besonders rücksichtsloser Individuen erzeugt, die gut netzwerken, intrigieren und Drittmittel beschaffen können. Alle anderen müssen ihnen folgen, dürfen ihnen zumindest nicht grundsätzlich widersprechen, sonst sind ihre Karrieren vorüber bzw. finden erst gar nicht statt. Wie realistisch diese Sichtweise auf den ersten Blick erscheint, spielt keine Rolle. Ich persönlich halte sie für äußerst realistisch. Für eine Betrachtung des wissenschaftlichen Komplexes aus skeptischer Perspektive genügt jedoch bereits, dass sie nicht aufgrund offensichtlicher Absurdität ausgeschlossen werden kann. 

Es ist methodisch reizvoll, das Treiben der Wissenschaftler aus dem Blickwinkel der Ethnologie zu beobachten, die es mit einer fremdartigen Kultur zu tun hat. Vielleicht genügen auch schon die Methoden der Primatenforschung, um das Verhalten der Scientific Community hinreichend zu erklären. Entscheidend ist, dass hierbei die höhere, spezifische Rationalität des ganzen Unterfangens nicht bereits vorausgesetzt wird. Es könnte auch eine andere Logik am Werk sein, die sich gegen den offiziellen Zweck der Wahrheitsfindung rigoros durchsetzt. Die Hinweise darauf sind – um in der Sprache der „Skeptiker“ zu bleiben – überwältigend.

Jenseits der Illusionen

In seinem Buch „Science Fictions“ weist der Psychologe Stuart Richie an zahlreichen Beispielen nach, dass die Replikation von Experimenten – das Herzstück empirischer Wissenschaft – zusammen mit dem Peer Review als Kontrollmechanismen auf ganzer Linie versagen.[12] Das gesamte wissenschaftliche System sei „badly broken“, allen voran die klinische Forschung in Medizin und Pharmakologie.[13] Einschlägig bekannte Verzerrungen wie Publication BiasSampling BiasConfirmation Bias sind die treibenden Kräfte. Hinzu kommt die Tendenz zum „Hype“, also zu massiven Übertreibungen kleiner Effekte.[14] In Abstracts, Presserklärungen oder populärwissenschaftlichen Bestsellern werden Resultate meist derart aufgebauscht, dass die anschließend durch die Medien verbreiteten Botschaften kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind. Das alles wird von den Strukturen systematisch begünstigt, geradezu erzeugt. 

Wissenschaft will vor allem Neues herausfinden, nicht Bekanntes wiederholen. Wer in der Wissenschaft etwas werden will, achtet tunlichst darauf, Studien von vornherein daraufhin zu konzipieren, dass sie positive Resultate liefern, weil die Publikationschance für solche Studien weit höher ist als für Studien, die einen unterstellten Zusammenhang nicht nachweisen können oder andere Studien bloß replizieren. Wissenschaft bedeutet vor allem: publizieren, bis der Arzt kommt – publish or perish. Es werden ohne Unterlass Berge von Papier vollgeschrieben, die niemand bewältigen kann. Dieser Anreiz, positive Resultate in möglichst vielen Publikationen zu produzieren, führt aufgrund seiner Eigenlogik zu einer Explosion von schlechten Studien mit falsch-positiven Ergebnissen. 

In ihrem Artikel The natural selection of bad science stellen die Autoren ein Modell vor, in welchem von den genannten Anreizen ausgegangen wird. Labore, die mehr publizieren, „reproduzieren“ sich in der Simulation mit höherer Rate, weil mehr Graduierte aus diesen Laboren neue Labore gründen und so die gelernten Methoden verbreiten. Falsch-positive Resultate sind leichter zu erzielen als echt-positive, werden aber mit gleicher Wahrscheinlichkeit publiziert. Labore, die methodisch nachlässig sind und damit viele falsch-positive Resultate liefern, sind also weit im Vorteil. Irgendwann gibt es keine anderen mehr: „natürliche Selektion schlechter Wissenschaft“.[15] Dies bestätigt wiederum die Ergebnisse von John Ioannidis (Siehe Teil 2).

Je mehr ein Wissenschaftler publiziert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er von anderen zitiert wird. Je häufiger er zitiert wird, desto höher sein Rang. Es gilt die Devise: Zitierst du mich, dann zitiere ich dich. Nun ist es aber üblich, dass Institutsleiter oder Lehrstuhlinhaber wenig bis gar nichts mehr selbst verfassen, sondern die Arbeiten ihrer Untergebenen lediglich mit ihrem Namen versehen und damit als Hauptautoren firmieren[16]. Es kann sogar vorkommen, dass Personen für Leistungen oder Entdeckungen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden, die in Wahrheit ihre Assistenten erbracht oder gemacht haben. 

Der Immunologe Robert A. Good war zum Beispiel ein Meister darin, andere für sich forschen zu lassen und bloß seinen Namen auf deren Paper zu setzen. Er brachte es binnen fünf Jahren auf mehr als 700 wissenschaftliche Publikationen. „Über einen Zeitraum von vierzehn Jahren wurden Arbeiten mit Goods Namen von anderen Wissenschaftlern mehr als 17 600 mal zitiert – und Good dadurch zum meistzitierten Autor der Forschungsgeschichte.“[17] Dabei wusste er in der Regel kaum, was in den Arbeiten stand. Im Wikipedia-Eintrag wird nur ganz am Schluss ein Betrugsfall eines seiner Mitarbeiter erwähnt. In ihrem Buch „Betrug und Täuschung in der Wissenschaft“ berichten William Broad und Nicholas Wade ausführlich darüber. Sie schildern den Frust des Mitarbeiters, der die gesamte Arbeit zum Ruhm seines Vorgesetzten erledigte und dafür keinerlei Würdigung erfuhr. Im Gegenteil. Good setzte ihn immerzu unter Druck und bezeichnete ihn als Versager, weil er keine Arbeiten von Bedeutung liefere.[18] Der Ruf des Mitarbeiters war ruiniert, der seines Chefs blieb weitgehend unangetastet. 

Diese Konstellation dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. „Wenn der Nachwuchswissenschaftler gedrängt wird, Aufsätze zu veröffentlichen, bei denen er als kleines Licht im Sternbild eines erfahrenen Wissenschaftlers erscheint, kann er der Versuchung, es nicht so genau zu nehmen, die Ergebnisse zu schönen oder sogar Daten frei zu erfinden, häufig schwer widerstehen“[19], resümieren Broad und Wade. Es kann sich sogar eine regelrechte Sabotagehaltung herausbilden, vor allem auf der untersten Ebene der „hired hands“, also der wissenschaftlichen Hilfsarbeiter, deren Namen nicht auf den Publikationen erscheinen. Diese verrichten oft sehr anstrengende, konzentrierte Arbeit, bei der es auf Genauigkeit ankommt. Da solche Mitarbeiter nicht offiziell gewürdigt und oft auch nicht gut behandelt werden, kann sich bei ihnen der Eindruck verfestigen, für andere die Drecksarbeit zu machen. Sie geben sich dann „keine Mühe mehr, sorgfältig, genau oder exakt vorzugehen. Sie kürzen ab, um Zeit und Energie zu sparen. Sie fälschen Berichte“, [20] analysierte der Soziologe Julius A. Roth bereits 1966. 

Der ganz normale Wahnsinn

Das wissenschaftliche Milieu selbst erzeugt also das, was offiziell gerne als bloße Anomalie abgetan wird. „In einem solchen Milieu sind Betrug und Fälschung eine immanent angelegte und oft nur allzu konsequente Erscheinung. […] Manche betrügen nur für sich und ihr eigenes Fortkommen im Milieu, andere treibt die existenzielle Abhängigkeit ganzer Arbeitsgruppen vom nächsten Forschungserfolg zur gewissermaßen fürsorglichen Fälschung[21], beschreiben Marco Finetti und Armin Himmelrath die deutschen Verhältnisse. Sie kommen zu dem Schluss, dass „die Orientierung an einer immer kalkulierbareren Förderpraxis zum Sieg des wissenschaftlichen mainstrams über wissenschaftliche Originalität führt und Forscher ihre Kreativität den Antragsbedingungen unterordnen.“[22] Wissenschaftler versuchen vor allem, ihre Geldgeber nicht zu vergrätzen und möglichst weitere Forschung finanziert zu bekommen, um Karriere zu machen. Diese Finanzierung übernehmen immer häufiger Stiftungen von „Philanthrokapitalisten“. Bill Gates will nun einmal das Klima retten und die ganze Menschheit impfen. Forscher, die von seinen Stiftungen finanziert werden (wollen), tun also gut daran, keine Entwarnung zu geben. 

Was ist daran nun so schwer nachzuvollziehen? Man muss wohl schon der Skeptikerbewegung angehören, um dies als absurde Verschwörungstheorie verwerfen zu können. Die beschriebenen strukturellen Defizite sind einschlägig bekannt und keine Neuigkeiten. Sie wurden nicht beseitigt, sondern vergrößern sich von Tag zu Tag. Es ist bemerkenswert, dass sie in einer Skeptikervereinigung nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. Stattdessen werden Liebeserklärungen an die Wissenschaft formuliert und das Loblied des „breiten wissenschaftlichen Konsenses“ gesungen. Dies müsste jedem sauer aufstoßen, der sich etwas intensiver mit der Materie befasst. 

Edgar Wunder berichtet, welchen Methoden und welchem Konsens die „Skeptiker“ tatsächlich verpflichtet sind: „Ich habe innerhalb der GWUP Gremiumssitzungen erlebt, bei denen sich alle Teilnehmer gegenseitig versicherten, dass eine bestimmte Studie ‚Unsinn‘ und ‚widerlegt‘ sei, ohne dass nur ein einziger Teilnehmer jene Studie gelesen hätte, relevante Argumente oder eine ‚Widerlegung‘ hätte anführen können. Sogar entdeckte, teils peinliche nachweisliche Fehler und Falschbehauptungen von einzelnen Mitgliedern werden organisationsintern kaum kritisiert (und schon gar nicht öffentlich!).“ (S. 75ff.)  Diese Methoden sind in der Tat sehr verlässlich, wenn es gilt, die eigene Gruppenmoral, statt der Argumente zu stärken.[23]

Zwischenfazit

Bevor ich im nächsten Teil auf die wissenschaftstheoretische Fundierung der Skeptikerbewegung eingehe, möchte ich schon einmal ein Zwischenfazit formulieren: Vom herrischen Auftreten her erinnert mich die Skeptikerbewegung an den frühen Positivismus von Auguste Comte, der die ganze Welt wissenschaftlich durchorganisieren wollte.[24] Wissenschaft sollte ohne jeden Rest die Sinnstiftungsfunktion und den absoluten Wahrheitsanspruch der Religion übernehmen. Die Skeptikerbewegung scheint auch von Comtes Drei-Stadien-Lehre durchdrungen zu sein, wonach die Menschheit sukzessive zur wissenschaftlichen Weltanschauung heranreife. Mit ähnlichem Gestus vertraten die Logischen Positivisten des Wiener Kreises in den 1930er ihre Auffassung.[25] Der Deutsche Monistenbund, strebte Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts nach einer „neuen, auf naturwissenschaftlicher Grundlage ruhenden einheitlichen Weltanschauung.“ Sie ernannte 1904 Ernst Haeckel zum „Gegenpapst“. Die Skeptikerbewegung wirkt ein wenig so, als wären die damaligen Protagonisten ihren Gräbern entstiegen und würden nun unbeirrt ihr Programm der Weltherrschaft verwirklichen, als wäre unterdessen nichts vorgefallen. Das mutet tatsächlich etwas gruselig an.

Warum nennen sich „Skeptiker“ nicht einfach „Positivisten“ oder „Realisten“? Weil sie dann selbst Objekt der Skepsis sein könnten. Der Kniff besteht darin, die Skepsis zu monopolisieren, um sich gegen jegliche Kritik zu immunisieren. Im vollendeten Doppelsprech können sie dann verkünden: Deine Skepsis befiehlt dir, niemals anzuzweifeln, was wir sagen. Im Lichte der zu Beginn formulierten Vermutung ist diese Strategie nachvollziehbar. Unter falscher Flagge wird ein totalitäres Programm vorangetrieben. 


[1] Vgl. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1991, S. 57. 

[2] Vgl. Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten, 2. Aufl., Frankfurt am Main/New York 2014.

[3] Vgl. Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene, Frankfurt am Main 1992. Vgl. auch mein Beitrag Ich vertraue den Experten bei Novo-Argumente online.

[4] Vgl. Drieu Godefridi, The Green Reich, Lovain-la-Neuve 2019.

[5] Vgl. Pierre Duhem, Ziel und Struktur der physikalischen Theorien, Hamburg 1998. Vgl. Larry Laudans Aufsatz The Demise of the Demarcation Problem (S. 116). 

[6] Vgl. Feyerabend, Wider den Methodenzwang, passim.

[7] Vgl. Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2016.

[8] Vgl. Ebd., S. 90 f.

[9] Vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 13. Aufl., Frankfurt am Main 1996. Der kumulative Fortschritt der (Natur-)Wissenschaft besteht laut Peter Janich im steten Zuwachs des technischen Handlungswissens, der besseren Messtechnik und Experimentierkunst. Vgl. Peter Janich, Kleine Philosophie der Naturwissenschaften, München 1997, S. 191. Das sollte aber meiner Meinung nach nicht als Zuwachs an „objektiver Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ gedeutet werden. Vgl. Knorr-Cetina, Fabrikation von Erkenntnis, S. 21f.

[10] Knorr-Cetina, Fabrikation von Erkenntnis, S. 32.

[11] Vgl. Ebd., S.29f.

[12] Vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020.

[13] Vgl. Ebd., S. 5.

[14] Vgl. Ebd., Kap. 6.

[15] Vgl. Richie, Science Fictions, S. 195f.

[16] Schon zu den Zeiten, als mein Vater (1925–1975) als Physiker und Mathematiker an der RTWH Aachen und Uni Bochum arbeitete, war dies üblich. Ein persönlicher Bekannter – ein hochbegabter Physiker – studierte und promovierte in Japan. Bis er 2009 endlich seinen Doktor erhielt, musste ein Jahr länger als geplant in Japan bleiben, weil ihn der Lehrstuhlinhaber und Doktorvater schlicht erpresste, immer noch mehr für ihn zu arbeiten. 

[17] William Broad/Nicholas Wade, Betrug und Täuschung in der Wissenschaft, Basel, Boston, Stuttgart 1984, S. 180.

[18] Vgl. Ebd., S. 184.

[19] Ebd., S. 177.

[20] Zit. nach Broad/Wade, ebd. Vgl. dazu Roths Studie Hired Hands Research.

[21] Marco Finetti/Armin Himmelrath, Der Sündenfall, Berlin 2012, S. 142.

[22] Ebd., S. 148.

[23] Ich halte Wunders Bericht deshalb für glaubwürdig, weil sich das beschriebene Verhalten genau mit dem öffentlichen Auftreten von „Skeptikern“ deckt. Es deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen mit Personen aus dem Umfeld der GWUP. 

[24] Vgl. Auguste Comte, Katechismus der positiven Religion, Leipzig 1891. Vgl. dazu Wolf Lepenies, Auguste Comte, München 2010.

[25] Vgl. Das Manifest Wissenschaftliche Weltauffassung – der Wiener Kreis aus dem Jahr 1929.