Skeptiker in Bewegung 5

Alles Krampf

Wie in den vorangegangenen Teilen gezeigt, kann die Skeptikerbewegung ihrem Namen in keiner Weise gerecht werden. Auch ihre Berufung auf „den breiten wissenschaftlichen Konsens“ muss mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Die Dinge sind nun einmal nicht so eindeutig, wie es die „Skeptiker“ gerne hätten. Fast möchte man ihnen zurufen: „Gebt euch zufrieden und seid stille!“ Sie sind jedoch vom ruhelosen Fanatismus des erschlagenen Zweifels durchdrungen und wollen vom gelassenen Fatalismus der Skepsis nichts wissen. Anstatt nun einfach Angebote diverser Religionen anzunehmen, ihnen die gewünschte Seelenruhe zu verschaffen, sind sie geradezu manisch auf „Wissenschaft“ fixiert und wollen partout beweisen, dass sie glasklar von „illusorischen Erkenntnisweisen“ unterschieden werden kann. Letzteres könnte aber die größte Illusion von allen sein.

Alles klar?

Im Abschnitt „Was wir wollen“ schreibt die GWUP auf ihrer Website: „Die GWUP hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenze zwischen echter Wissenschaft und parawissenschaftlichen Behauptungen klar sichtbar zu machen.“ Das klingt markig. An anderer Stelle heißt es: „Was macht eine Interpretation zu einer parawissenschaftlichen und wo ist die Grenze zu einer wissenschaftlichen Deutung? Eine ganz klare Grenze gibt es nicht.“ Das klingt schon weniger markig. Das Wörtchen „ganz“ wirkt fast so, als hätte man es eingefügt, um einen glatten Selbstwiderspruch zu kaschieren. Denn wenn es zum Beispiel keinen klaren Grenzverlauf zwischen zwei Staaten gibt – wie will man ihn dann klar sichtbar machen, ohne ihn vorher erzeugt, also nach eigenem Gusto beispielsweise auf einer Karte eingezeichnet zu haben? 

„Wir wollen die Grenze zwischen Staat x und Staat y klar sichtbar machen.“
„Aber es gibt doch keine klare Grenze.“
„Dann zeichnen wir sie eben jetzt auf der Karte ein. So. Nun ist sie klar sichtbar.“

Wer nach einem solchen Willkürakt triumphierend seinen Bleistift schwingt, wird gewiss nicht ernst genommen. Das Wort „ganz“ kann also den Argwohn nicht beseitigen, dass die vielbeschworene Klarheit eine trübe Angelegenheit sein könnte.

In einem weiteren Artikel kommt die GWUP der Sache näher. Ein wissenschaftstheoretisch kompetenter Autor stellt fest: „Nun ist es jedoch unter Wissenschaftsphilosophen weitgehend Konsens [ohne Konsens geht es offenbar nicht, KA], dass es einen Satz notwendiger und zugleich hinreichender Abgrenzungskriterien nicht gibt. Mit anderen Worten: Es gibt kein Allzweckkriterium bzw. eine kleine Zahl von Allzweckkriterien, die auf alle Kandidaten für Parawissenschaften anwendbar sind und zu einer klaren und eindeutigen Abgrenzung führen.“

Das ist korrekt, steht allerdings in Spannung zu den zuvor zitierten Einlassungen. Wenn schon Abgrenzungsversuche unternommen werden, können sie nur über Familienähnlichkeit im Sinne Ludwig Wittgensteins, nicht über klare Definitionen erfolgreich sein. Das macht die Sache aber ziemlich kompliziert. „Eine Untersuchung, ob ein bestimmter Erkenntnisbereich eine Parawissenschaft darstellt, wird also auf einen vielfältigen Katalog von Kriterien zurückgreifen müssen, von denen in jedem Einzelfall andere zum Tragen kommen können.“ Der Autor des Artikels listet allein als Beispiele neun mehrdimensionale und bisweilen mehrdeutige Kriterien auf.

Alles verwirrend

Ein „vielfältiger Katalog von Kriterien“ ist unterm Strich wohl das Gleiche wie ein „Satz von Abgrenzungskriterien“. Auch ein Satz kann Vielfältiges enthalten. In einem Satz Werkzeuge beispielsweise können die unterschiedlichsten Utensilien enthalten sein: Hammer, Zange, Schraubendreher, Trennscheibe, Draht und anderes. So wie ich den Passus verstehe, meint der Autor, dass ein handliches Set zur Untersuchung von Erkenntnisbereichen nicht ausreicht. Stattdessen müsse stets mit ganz großem Besteck angerückt werden.

„Mithilfe dieser und weiterer [!] Kriterien lässt sich in aller Regel eine wohlbegründete Entscheidung treffen, ob ein Erkenntnisbereich den Parawissenschaften zuzurechnen ist oder nicht. Auch wenn eine solche Beurteilung nicht in jedem Fall zu einem eindeutigen Ergebnis führen mag, bleibt sie eine rational vertretbare und gut begründete Abgrenzung. Ein Erkenntnisbereich, der nur zu 70 bis 90 Prozent der zur Analyse genutzten Kriterien nicht erfüllt, kann immer noch zu Recht als Parawissenschaft betrachtet werden.“  

Ich habe bei dieser Passage Verständnisschwierigkeiten. Mir scheint aber, dass hier auf den Anspruch verzichtet wird, zugleich notwendige und hinreichende Bedingungen zu erfüllen. Denn rational vertretbar und gut begründbar ist „in aller Regel“ vieles. Das reicht aber nicht. Wenn das Ergebnis der Untersuchung ebenso gut rational bestreitbar ist, haben die Skeptiker nichts gewonnen. Da sie die Begründungslast tragen, hätten sie bei nominellem Gleichstand sogar verloren. 

Jede Untersuchung eines Erkenntnisbereichs müsste eine exakte Anzahl Kriterien enthalten, da andernfalls das prozentuale Ergebnis mit der Anzahl der Kriterien verändert und damit nach Wunsch manipuliert werden könnte. Solche Manipulation wäre auch schon im Vorhinein möglich, indem man die Kriterien so auswählt und gestaltet, dass sie voraussichtlich ein gewünschtes prozentuales Ergebnis zeitigt.

Die im Katalog enthaltenen Kriterien lassen viel Raum für subjektives Ermessen. Wie will man zum Beispiel von außen objektiv feststellen, ob Ergebnisse eines Erkenntnisbereichs „von vornherein feststehen“, wenn letzteres nicht explizit bekundet wird? Trifft die Analyse Knorr-Cetinas (siehe Teil 4) nur annähernd zu, kann man so etwas den wissenschaftlichen Veröffentlichungen gar nicht ansehen. Menschen können bewusst täuschen, sich irren, sich selbst betrügen. 

Ferner könnte jemand auf die Idee kommen, statt 70 bis 90 Prozent andere Margen für verbindlich zu erklären, wenn mit den 70 bis 90 Prozent mehr Erkenntnisbereiche als Wissenschaft anerkannt werden müssten, als den Skeptikern lieb ist. Das Verfahren müsste zudem auf eine große Anzahl von Erkenntnisbereichen in regelmäßigen Abständen immer wieder angewendet werden, da sich auch in parawissenschaftlichen Bereichen etwas bewegt, was ihren Status ändern könnte. Dies müsste obendrein im kritischen Austausch mit den Parawissenschaftlern und in voller Kenntnis der einschlägigen Literatur geschehen.

Alles egal

Die GWUP will besagte Grenze „klar sichtbar“ machen, um Parawissenschaftler und deren Spießgesellen – warum auch immer – voller Elan bekämpfen zu können. Nun müssen die wackeren Streiter mit einer langen Checkliste voller Kriterien aufs Schlachtfeld, von denen in jedem Einzelfall andere zum Tragen kommen, die auch nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis führen mögen, aber einen Erkenntnisbereich noch zu Recht als Parawissenschaft markieren können, jedoch nicht müssen, wenn sie zu 70 bis 90 Prozent erfüllt (oder nicht erfüllt?) sind. Wohl dem, der dann noch weiß, wer Freund und wer Feind ist!

Abgrenzungen dieser Art mögen trotz allem in zufriedenstellender Weise getroffen werden können. Doch als rein deskriptives Unternehmen sind sie ziemlich reizlos. Reizvoll werden sie erst als Waffen in einem Weltanschauungskampf. Es sieht für mich nicht so aus, als würde die GWUP regelmäßig solche Analysen durchführen. Noch weniger ist zu erkennen, dass die öffentlich aktiven Skeptiker solche diffizilen Untersuchungen zur Grundlage ihrer vehementen Kritik machen. Edgar Wunder bestätigt: „Eigene Untersuchungstätigkeit zu Parawissenschaften tritt in der Regel gar nicht auf, denn es sei ja ohnehin schon klar, dass alles ‚Quatsch‘ ist, was solle man denn noch untersuchen? Wenn überhaupt ,Untersuchungen‘ vorgenommen werden, dann nur, um einer breiten Öffentlichkeit zu demonstrieren, was man ohnehin schon für gesichert hält“. (S. 79f.)

Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nie ein Exemplar der GWUP-Zeitschrift Skeptiker gelesen habe. Es könnte also sein, dass dort präzisere Untersuchungen im oben genannten Sinn zu finden sind. Dies stünde aber in krassem Gegensatz zu allem, was Betrachtern auf der Website und im Blog entgegenspringt. Für Menschen, die nicht in starren Freund-Feind-Schemata denken, ist es schlechte, für diejenigen, die solche Schemata bestätigt haben wollen, gute Werbung. Wunder war selbst Redaktionsleiter der Zeitschrift: „Unzählige Male habe ich als verantwortlicher Redaktionsleiter des Skeptiker aus der Leserschaft und aus der Mitgliedschaft der GWUP Anfragen und Aussagen folgenden Sinngehalts bekommen: ‚Dass Parawissenschaften Quatsch sind, weiß ich ohnehin. Die GWUP brauche ich vor allem deshalb, um gut begründen zu können, warum es Quatsch ist‘.“ (S. 80) 

Die Autoren des GWUP-Blogs sind offenbar immer dann voll in ihrem Element, wenn sie sich an Witzfiguren wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann abarbeiten können. Naidoo hat wohl für diverse Verirrungen um Verzeihung gebeten (ich verfolge so etwas nicht). Die GWUP lässt ihn nicht vom Haken. Doch Naidoo hat immerhin etwas getan, wozu „Skeptiker“ konstitutionell unfähig zu sein scheinen, nämlich Fehler eingestanden und um Verzeihung gebeten. Wie wahrscheinlich ist es wohl beispielsweise, dass „Skeptiker“ irgendwann zugeben, sich in der Coronafrage hoffnungslos verrannt zu haben? Sehr unwahrscheinlich. Die praktischen Konsequenzen dieser Haltung zu Corona sind aber um Dimensionen schlimmer als das, was Statements eines Pop-Sängers anrichten können.

Wie man im Blog und Mythen ABC der GWUP sehr gut sehen kann, besteht ein erklecklicher Anteil ihrer „Aufklärung“ aus Kontaktschuld-Vorwürfen, Invektiven ad hominem und Argumenten, die nichts zur Sache tun („Bhakdi wird weniger zitiert als Drosten“). Das Niveau ist insgesamt erschreckend niedrig und entspricht dem wirren Wortschwall, den man von Faktencheckern gewohnt ist. Ich frage mich ernsthaft, ob irgend jemand im Team weiß, wie man logisch korrekt argumentiert. Geboten werden vor allem Parforce-Ritte über Stock und Stein, Engführungen, Kurz- und Zirkelschlüsse.

Immanent logische Beweisführung findet nicht statt. Stattdessen immerzu so etwas: Coronaleugner behaupten x – regierungsnahe Experten behaupten y. Y ist wahr, denn x bedeutet schließlich Coronaleugnung. Oder: Person x ist früher schon durch Coronaleugnung aufgefallen. Bei Studienergebnissen, die passen, wird nach deren Qualität nicht gefragt. Bei Studienergebnissen, die nicht passen, werden hingegen hohe Standards angesetzt. Dergleichen beleidigt die Intelligenz eines jeden unvoreingenommenen Lesers. Die GWUP scheint in dieser Hinsicht allerdings schmerzfrei zu sein (Näheres zu alldem in Teil 6).

Es besteht eine große Diskrepanz zwischen den ohnehin schon uneinheitlichen wissenschaftstheoretischen Erwägungen und dem, was man auf dem Weblog zu lesen bekommt. Erstere sollen das ganze Unternehmen rational rechtfertigen, stehen aber in keinem erkennbaren Zusammenhang mit den konkreten Beiträgen. Es mag für bestimmte Charaktere befriedigend sein, andere Menschen vorzuführen, um sich selbst zu erhöhen. Doch dazu braucht man keine wissenschaftstheoretischen Girlanden zu flechten. 

Im nächsten Teil wird das Wirken der Skeptikerbewegung im Lichte der „Corona-Krise“ betrachtet.