Weniger Wirklichkeit wagen

Der folgende Artikel ist eine Kurzfassung meines Textes Auf verlorenem Posten. Die Achse des Guten wollte ihn nicht haben. Damit er nicht in meinem Dokumentenordner verschimmelt, veröffentliche ich ihn nun hier.

Unter Untoten

Jegliche Zustimmung für Anticoronamaßnahmen wie Lockdowns, Quarantäne, Masken- und Impfzwang ist argumentativ aussichtslos. Bei jeder Einzelfrage stehen Befürworter vor demselben Dilemma, entweder eine außergewöhnlich starke Pandemie zu postulieren oder Vernunftregeln und wissenschaftliche Prinzipien zu beachten. Beides zugleich ist nicht möglich. 

Kritiker der Maßnahmen könnten leicht bemerken, dass sie es mit argumentativ Untoten zu tun haben, wenn sie sich mit diesen nicht ständig darüber streiten würden, wer im Besitz der wirklicheren Wirklichkeit ist. Nicht die Korrespondenz mit einer ominösen Wirklichkeit ist Trumpf, sondern die Kohärenz von Aussagen untereinander. Daran scheitern die Befürworter garantiert. Und das kann man ihnen auch nachweisen.

Immanente Kritik ist der Königsweg. Man behauptet nicht selbst etwas, sondern weist nach, dass die Argumentation des Behauptenden gravierende Widersprüche enthält. Mit (starken) logischen Widersprüchen kann man laut Aristoteles alles und nichts begründen. Deshalb ist Widerspruchsfreiheit so wichtig. Entgegen anderslautenden Gerüchten ist es sehr wirkungsvoll, jemandem öffentlich zu überführen, dass er sich widerspricht und zu seinen Gunsten mit zweierlei Maß misst.

Ohne Regeln keine Vernunft

Ohne den Anspruch zu erheben, in Sachen Corona vernünftiger zu sein als die Skeptiker, können Befürworter ihre Position sowie ihre moralischen Forderungen nicht begründen. Es ist nicht überzeugend, wenn beispielsweise ein Impfzwang-Befürworter bekundet: „Ich bin für den Impfzwang, weil ich in dieser Frage unvernünftiger bin als die Impfskeptiker.“ Vernunft und Wissenschaft haben bestimmte formale Voraussetzungen, damit sie möglich sind. Dazu gehört vor allem eine korrekt angewandte Logik. 

Widersprüchliche, zusammenhanglose Rede kann nicht vernünftiger sein als widerspruchsfreie (konsistente) Rede und lückenlose (kohärente) Argumentation. Zweierlei Maß ist unzulässig, also zum Beispiel geringe Standards zu akzeptieren, wenn es die eigene Auffassung stützt, zugleich aber in derselben Sache von anderen Teilnehmern strenge Maßstäbe einzufordern. Können die genannten Maßnahmen nicht konsistent und kohärent gerechtfertigt werden, gibt es auch keinen Grund, ihnen zuzustimmen und sie zu befolgen. Das ist bereits die ganze Geschichte. Wirklichkeit hat darin allenfalls eine Statistenrolle.

Selbstdemontage de luxe

Dazu ein Beispiel aus der Welt der „Faktenchecker“. In einem Artikel von Patrick Gensing nimmt dieser den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen aufs Korn, weil letzterer ein impfkritisches Video von Sucharit Bhakdi verlinkt hat. Gensing kritisiert in diesem Zusammenhang eine Konferenz, auf der zwei Pathologen, eine Ärztin und ein Professor für Elektrotechnik die Resultate von Obduktionen an zuvor gegen Covid geimpften Personen (bzw. deren Leichen) präsentieren. 

Der „Faktenchecker“ schreibt über die Resultate der Konferenz: „Die Ausführungen von Burkhardt und die Schlussfolgerungen von Bhakdi erfüllen offenkundig keine wissenschaftlichen Mindeststandards. ‚Auch ohne pathologisches Wissen ist offensichtlich, dass die Er-gebnisse von Herrn Prof. Burkhardt aufgrund der geringen Fallzahl nicht repräsentativ sein können‘, teilte die Deutsche Gesellschaft für Pathologie mit.“

Indem er ihren Mangel kritisiert, fordert Gensing implizit Repräsentativität. Er ignoriert dabei allerdings, dass dieser Standard nicht nur für Personen gilt, die anderer Meinung sind als er. Indem er ihn einfordert, hat er ihn automatisch für sich selbst gesetzt. Das wird ihm zum Verhängnis. Denn er wird feststellen, dass alle Zahlen, auf die er sich bezieht, um eine außergewöhnlich starke Pandemie behaupten zu können, nicht aus repräsentativen Kohorten gewonnen worden sind, wie unter anderem Gunter Frank in seinem Buch Der Staatsvirus darlegt (1. Aufl., S.25–65). 

Gefährlich wird das Virus angeblich durch asymptomatische Übertragung. Doch wie viele Fälle genügten, um die Gefährlichkeit des Virus durch asymptomatische Übertragung in den Medien als erwiesene Tatsache darzustellen? Es waren deren zwei, wobei sich später herausstellte, dass die angeblich asymptomatische Überträgerin ihre Symptome mit Paracetamol unterdrückt hatte. 

Wenn gültige und verlässlichen Daten fehlen, dann verschwindet bei dem gesetzten Standard der Repräsentativität unweigerlich auch die außergewöhnlich gefährliche „Pandemie“ und der gesamtgesellschaftliche Notstand. Im Eilverfahren entwickelte Impfstoffe wären überflüssig. Die möglichen Schäden durch selbige würden weitaus bedeutsamer, als sie ohnehin schon sind. Es könnte keine einzige nichtpharmazeutische Maßnahme rational gerechtfertigt werden. 

Hat Gensing also damals für bewiesen gehalten, dass es eine schlimme Corona-Pandemie aufgrund asymptomatischer Übertragung gibt, dann muss er nach eigenen Standards auch für bewiesen halten, dass die Schädlichkeit der Impfung durch besagte Pathologen bewiesen worden ist. Wenn er aber deren Resultate für ungültig erklärt, weil sie nicht repräsentativ sind, muss er um der Widerspruchsfreiheit willen zugleich alle Ergebnisse für ungültig erklären, die eine Impfung erforderlich erscheinen lassen. Die entscheidende Frage wäre also nicht, ob Bhakdi und die Pathologen recht haben, sondern warum Gensing ihnen nicht beipflichtet. Würde der „Faktenchecker“ nun aus lauter Not seine eigenen Standards senken, wäre sein gesamtes Argument zerstört, welches gerade darin besteht, Bhakdi und den Pathologen unwissenschaftliche Standards nachzuweisen. 

Mitgefangen, mitgehangen

Es gibt eine als repräsentativ bezeichnete Umfrage, wo unter anderem nach den Nebenwirkungen der Impfungen gefragt wurde. Resultat: „15 Prozent der Befragten gaben an, dass sie an starken Nebenwirkungen litten; auf die 57,60 Millionen Geimpften hochgerechnet sind das 8,64 Millionen.“ 45 Prozent hatten leichte Nebenwirkungen. Das sind sehr hohe Zahlen. Wenn diese Umfrage tatsächlich repräsentativ ist, muss Gensing sie anerkennen, weil er Repräsentativität eingefordert hat. Er wird außerdem zugeben müssen, dass sich die Ergebnisse dieser Umfrage mit denen der Pathologen insofern decken, als sie darauf hindeuten, dass diese Impfungen ungewöhnlich toxisch sind.

Es würde Gensing auch nicht helfen, die Repräsentativität dieser speziellen Studie zu bestreiten, denn dafür müsste er strengere Standards geltend machen. Letztere müssten aber, wie erwähnt, auch eingehalten werden, wenn es gilt, die außergewöhnliche Schwere der Pandemie zu begründen. Mit strengen Standards kann dies jedoch nicht gelingen. Es gibt für Gensing also keinen Ausweg. Unter Rationalitätsbedingungen muss er kapitulieren.

Was lehrt uns das?

Die Pointe daran ist, dass die Frage, wie riskant die Impfungen wirklich sind, hier keinerlei Rolle spielt. Die Argumentation des „Faktencheckers“ wird nicht von außen, durch die „Wirklichkeit“ oder die „Fakten“ zunichte gemacht, sondern stranguliert sich aufgrund ihrer Inkonsitenz und Inkohärenz selbst. Es muss nur jemanden geben, der dies erkennt und den Journalisten darüber informiert. Man darf ihn dann aber nicht mehr vom Haken lassen. Eine beiläufige Bemerkung reicht nicht. Ihm muss immer und immer wieder sein Dilemma vorgehalten werden. Er muss aufgefordert werden, es zu lösen. Es ist nämlich nicht das Problem seiner Gegner.

Die Rechtfertigungslast liegt ausschließlich bei dem, der behauptet und fordert, niemals bei dem, der bestreitet: Onus probandi incumbit ei qui dicit, non ei qui negat. Befürworter von Maskenpflicht, Impfzwang und dergleichen sind unter Rationalitätsbedingungen die Dienstleister der Skeptiker. Die Bestreitenden hingegen haben nicht die geringste Rechtfertigungspflicht. Sie sind als Kunden die Könige, welche überzeugt werden müssen. Überzeugen kann man nur mit rationaler Begründung. Überreden, Überrumpeln, Zwingen sind keine rationalen Mittel.

Merkwürdigerweise schlagen die Kritiker daraus aber nicht das geringste Kapital. Stattdessen bekunden sie eilig, „keine Coronaleugner“ oder „keine Impfgegner“ zu sein und distanzieren sich von „Querdenkern“. Damit haben sie bereits verloren. Wer sich grundlos rechtfertigt, wird nun einmal für verdächtig gehalten. Wer bloße Kampfparolen übernimmt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er mit diesen erschlagen wird. Indem man sie verwendet, hat man bereits die Tabus akzeptiert, die von den Befürwortern gesetzt worden sind, um sich vor einer rationalen Begründung zu drücken. 

Wie wirkungsvoll es sein kann, jemanden auf seine Selbstwidersprüche festzunageln, zeigt der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz in einer öffentlichen Diskussionsrunde. Im Video – vor allem von Min. 0:55 bis Min. 3:11 – ist es ganz gewiss nicht Bolz, der schlecht aussieht. Er überführt denjenigen, der ihn zu verleumden versucht, des Selbstwiderspruchs, macht auf die logischen Konsequenzen aufmerksam und lässt nicht locker, die illegitimen Mittel des Gegners immer wieder zu benennen. So sollten es alle machen, wenn sie die Gelegenheit bekommen (meist wird man ja einfach niedergebrüllt).

In ungeregelten Diskussionen hat der Ankläger immer recht. Also muss man seinerseits die Befürworter anklagen, sie öffentlich immerzu an den Pranger stellen, weil sie zu feige sind, sich einem fairen Diskurs zu stellen, und nicht deshalb, weil sie sich „der Realität verweigern“.