Finde den Fehler!

Nun gibt es Leute, die sagen: die anderen mögen tun und lassen, was sie wollen, ich für meine Person ertrage es nicht, wenn Tiere mißhandelt werden. Es ist wichtig zu sehen, daß, wer so spricht, keine moralische Position vertritt. Eine moralische Position vertritt nur derjenige, der von den anderen fordert, dasselbe zu finden (dazu gebraucht er die Worte „gut“ und „schlecht“).

Ernst Tugendhat

In einem Facebook-Kommentar zu dem Artikel Unter Heuchlern von Udo Pollmer, der sich mit der Scheinheiligkeit des Vegetarismus befasst, schreibt eine Dame:

Uäääähhh…. wieder ein völlig unsachlicher, schwachsinniger Bericht von Udo Pollmer, dem größten Fleischlobbyisten der Gegenwart… ich könnte kotzen! Ich bin übrigens seit über dreißig Jahren Vegetarier. Aus ethischen Gründen. Und mir geht es gewaltig auf den Senkel, dauernd so eine Scheiße zu lesen!!! Ich missioniere niemanden in Sachen Fleischfressen, […] und ich erwarte nichts mehr, als dass man meine Einstellung respektiert. 

Dies ist eine durchaus typische Reaktion vieler Vegetarier. Sie fühlen sich gröblich missverstanden, wenn sie von „Fleischfressern“ aufgrund ihrer moralischen Haltung kritisiert oder verspottet werden, und verweisen gerne darauf, dass sie lediglich eine private Entscheidung getroffen hätten, die zu respektieren sei.

Sie übersehen dabei jedoch, dass Moral per se keine Privatsache ist. Dies unterscheidet moralische Positionen grundsätzlich von bloßen Geschmacksurteilen. Es „gehört gerade zu den Eigentümlichkeiten der Moral, dass der Grundsatz ‚de gustibus non est disptandum‘ auf sie nicht anwendbar ist“, schreibt der britische Philosoph Bernard Williams in seinem Klassiker Der Begriff der Moral.

Wer z. B. die Todesstrafe ablehnt, empört sich in der Regel zugleich über diese und damit auch über deren Befürworter. Wenn jemand aber sagt: „Ich ertrage die Vorstellung nicht, dass Menschen hingerichtet werden, deshalb bin ich gegen die Todesstrafe“, vertritt er keine moralische Position. Er hat eben nur für sich entschieden, die Todesstrafe abzulehnen und damit implizit zugegeben, dass es moralisch eine exakt gleichwertige Position wäre, sie zu befürworten. Seine Aussage hat denselben Charakter eines Geschmacksurteils wie die eines Menschen, der die Todesstrafe nur deshalb ablehnt, weil sie sein ästhetisches Empfinden stört.

Eine Moral, die keinerlei Anspruch auf Verallgemeinerung erhebt, ist also ein Widerspruch in sich. Entweder ist der Genuss von Fleisch moralisch schlecht oder nicht. Wenn das Fleischessen schlecht ist, muss es auch getadelt werden. Moralisch wäre es dann jedenfalls geboten, andere über ihr schlechtes Tun aufzuklären und zur Besserung zu bewegen. Wenn man es z.B. für Mord hält, Tiere zu töten, sollte man doch wohl irgendwie versuchen, die Mörder sowie deren Auftraggeber von ihrem Tun abzuhalten.

Ist der Fleischkonsum jedoch in keiner Weise tadelnswert, entfällt selbstverständlich jede moralische Verpflichtung zum Vegetarismus. Es gibt dann keinerlei „ethische Gründe“, auf Fleisch zu verzichten. Die Einstellung, für welche jene empörte Dame Respekt fordert, kann inhaltlich also gar nicht akzeptiert werden, weil sie vollkommen widersinnig ist. Der Verdacht der Heuchelei liegt nahe und bestätigt sich auch bei Lektüre des Kommentars:

Die Kommentatorin bezeichnet Udo Pollmer gleich zu Anfang mit abwertender Intention als „größten Fleischlobbyisten der Gegenwart“. Abgesehen davon, dass diese Bemerkung sachlich falsch ist: Was wäre grundsätzlich an diesem speziellen Lobbyismus auszusetzen, wenn Fleischproduktion und -konsumtion nicht als tadelnswert bzw. verwerflich angesehen würden? Gar nichts. Er wäre genauso gut oder schlecht wie der Lobbyismus für Gemüse. Die Kommentatorin „argumentiert“ also zirkulär. Dass Fleischkonsum schlecht sei, setzt sie begründungslos voraus. Sie will sich „ethisch“ aus dem Fenster lehnen, schreckt aber vor dem Wind zurück, der ihr entgegenschlägt, und ist daraufhin verschnupft.

Vegetarier sind beleidigt, wenn Fleischesser sich durch die bloße Tatsache des praktizierten Fleischverzichts herausgefordert fühlen. Doch letztere werden ja objektiv ins Unrecht gesetzt, sobald der Vegetarismus „ethisch“ begründet wird. Wer z.B. glaubt, Tiere hätten ein Recht auf Leben, lässt sich selber keinen Spielraum für Toleranz gegenüber denjenigen, die unbekümmert Fleisch konsumieren. Einen gemäßigten Kannibalismus kann es nicht geben, sagt Gilbert K. Chesterton.

Toleranz gebietet es, auch widersinnige Einstellungen zu dulden und niemandem deshalb den Mund zu verbieten. Moral gebietet es aber, sie zu kritisieren. Und dies hat Udo Pollmer in seinem Artikel mit guten Argumenten getan.