Ernährung muss Privatsache bleiben!

Beinahe wehmütig liest man heute die Zeilen des Philosophen Kurt Bayertz aus dem Jahre 2004. Damals konnte Bayertz noch wie selbstverständlich schreiben:

Der weitaus größte Teil unserer Handlungen ist moralisch neutral. Ob ich zum Frühstück Tee oder Kaffee trinke, ob ich meine Einkäufe im Laden A oder B tätige, welche Produkte ich dort kaufe und welches Fernsehprogramm ich mir ansehe: Alles das hat normalerweise mit Moral (im engeren Sinne) nichts zu tun. Moral ist daher kein Korsett, das uns die Luft zum Atmen nimmt und unser Handeln auf unerträgliche Weise einschränkt. (Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein? München 2004, S.51)

Heute befindet man sich mit dieser Aussage beinahe schon in der Defensive, weil die Anzahl derer, die aus der Moral (wieder) ein Korsett machen wollen, anscheinend deutlich zunimmt. Die Frage etwa, ob man Kaffee oder Tee trinken soll, kann am Frühstückstisch Anlass zu heftigsten Konflikten geben. Es braucht z.B. nur jemand zu behaupten, der Genuss von Tee verursache mehr Umweltschäden als der von Kaffee, und schon hängt der Haussegen schief.

Der Trend geht eindeutig dahin, alle Handlungen moralisch zu deneutralisieren und damit Privatheit sowie Toleranz ganz abzuschaffen, anstatt an beiden Begriffen kritisch festzuhalten. Seit jeher werden vorzugsweise solche Handlungen bzw. Verhaltensweisen unter strenge moralische Kontrolle gebracht, die aus natürlichen Trieben resultieren. Wer Sexualität und Ernährung der Menschen zu kontrollieren vermag, hat zugleich eine sehr weitreichende Kontrolle über deren „Privatleben“. Da die Sexualität in unseren Breiten zumindest prima facie liberalisiert worden ist, wird die Art und Weise, wie Menschen ihren Hunger stillen, zunehmend Gegenstand moralischer (Selbst-)Zerfleischung. Essen, so heißt es überall, sei keine Privatsache.

Wie fadenscheinig mit dieser Behauptung Intoleranz und Herrschsucht als hohe moralische Gesinnung ausgegeben werden, sei an einem Beispiel demonstriert. Armin Rohm, der als „Tierrechtler und Verfasser ethisch-philosophischer Texte“ vorgestellt wird, möchte in einem Artikel zeigen, dass Essen keine Sache der persönlichen Entscheidung sei. Zu diesem Zweck stellt er folgende These auf:

Wenn ich behaupte, dass die Wahl zwischen omnivorer und veganer Ernährung jedem selbst überlassen werden sollte, dann unterstelle ich dabei unausgesprochen, dass es sich dabei um zwei moralisch weitgehend gleichwertige Alternativen handelt. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe, während vegane Ernährung Leid, wo immer möglich, vermeidet. Die omnivore Ernährung erfordert also Opfer, und spätestens dann endet die persönliche Entscheidungsfreiheit.

Genau genommen handelt es sich hier um nur eine Alternative, nämlich die zwischen omnivorer und veganer Ernährung. Denn „Alternative“ bedeutet die Möglichkeit, zwischen zwei Optionen oder Gegenständen entscheiden zu können. Doch diese sprachliche Ungereimtheit nimmt sich im Vergleich zur inhaltlichen harmlos aus. Vegane Ernährung, so will Rohm zeigen, sei moralisch prinzipiell höherwertig als omnivore Ernährung. Womit begründet er das? Nehmen wir zunächst nur folgende Aussage:

Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid

Dies ist inzwischen eine geläufige Phrase bei allen, die mit dem Veganismus sympathisieren. Doch wieso verursacht jemand, der Fleisch isst, unermessliches Leid? Welches unfassbar große Leid verursacht z.B. ein Jäger, der mit einem Blattschuss ein Wildtier erlegt und es anschließend verspeist? Wenn er das Tier gut getroffen hat, dürfte das durch den Jäger zugefügte Leid unfassbar klein, nämlich gleich null sein. Man könnte sogar argumentieren, dass der Schütze dem Tier künftiges Leid erspart. Denn Wildtiere haben ein sehr entbehrungsreiches Leben und sterben oft eines äußerst unangenehmen Todes.

Die Behauptung, dass jemand nur deswegen signifikant großes Leid verursacht, weil er Fleisch konsumiert, ist falsch. Leider scheint der Autor nicht viel von begrifflicher Präzision zu halten und ebenso assoziativ zu denken wie seine begeisterten Kommentatoren. Bei dem Wort „Fleischkonsum“ läuft in seinem Kopf wohl automatisch ein Peta-Video mit schrecklichen Szenen aus der „Massentierhaltung“. Wenn er aber z.B. folgendes meint:

„Wer heutzutage Fleisch isst, das aus einer  bestimmten, tierquälerischen Haltungsform stammt …“,

sollte er das auch schreiben. So, wie er den Satz formuliert, handelt es sich aber um einen Allsatz des Typs „Alle Menschen sind sterblich“. Bei solchen Sätzen reicht ein einziges Gegenbeispiel, um sie zu falsifizieren, d.h. als unwahr zu verwerfen. Es ließen sich hier aber tausende Gegenbeispiele finden. Würde Rohm hingegen den Geltungsbereich seiner Aussage einschränken, müsste er differenziert argumentieren, und dann wäre seine platte Gegenüberstellung von tadelnswertem Fleischkonsum und lobenswertem Fleischverzicht dahin. Ich vermute, dass hier keine bewusste Absicht vorliegt, sondern dass der Autor einfach zu unreflektiert ist.

Ganz streng genommen kann man seine Behauptung übrigens gar nicht falsifizieren. Falsifizieren kann man nur Aussagen, in denen mindestens ein klares Kriterium zur Falsifikation enthalten ist. Doch dieses fehlt in dem betreffenden Satz. Was heißt „unermessliches Leid“? „Unermesslich“ ist kein relationaler Begriff, und Leid kann man kaum sinnvoll quantifizieren. Der Autor versucht nicht einmal, den Leidbegriff näher zu bestimmen. Bei der Aussage Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid handelt es sich daher nur um einen Gemeinplatz, der im Hinblick auf die Intentionen des Autors wertlos ist. Denn man kann die Fleischesser durch beinahe jede Gruppe ersetzen, z.B. durch Eisenbahnfahrer, Autofahrer, Vielflieger, Veganer. Die Lektüre von tierrechtlichen Ergüssen verursacht jedenfalls unermessliches Leid bei allen, die ihren Verstand nicht verkehrt herum angezogen haben.

Im nächsten Halbsatz wird’s auch nicht besser:

… und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe

Dass „Ermordung“ nicht der korrekte Ausdruck für die Tötung von Tieren ist, sondern bereits eine üble Unterstellung beinhaltet, lasse ich einmal beiseite. Auch hier haben wir es wieder mit einem Gemeinplatz zu tun, der ganz genauso auf x-beliebige Gruppen angewendet werden könnte, insbesondere auf Veganer: Wer Pflanzen isst, verursacht („verantwortet“) immer die Tötung unschuldiger Geschöpfe. Pflanzen sind bekanntlich auch unschuldige Geschöpfe. Das scheint dem „Tierrechtler“ ebenso entgangen zu sein wie die Tatsache, dass für die Produktion von pflanzlicher Nahrung „unermesslich“ viele Tiere sterben müssen (siehe unten).

Bevor er sich über solche Spitzfindigkeiten Gedanken macht, flüchtet Rohm lieber zum nächsten Gemeinplatz:

…während vegane Ernährung Leid, wo immer möglich, vermeidet.

Eine Ernährung kann nichts „vermeiden“. Dieser weitere sprachliche Fauxpas macht den Vortrag des Autors noch trüber, als er ohnehin schon ist. Was will er uns eigentlich sagen, und was sagt er wirklich? Rohm meint wahrscheinlich: Das Leid, das durch omnivore Ernährung verursacht wird, ist größer als das Leid, das durch vegane Ernährung verursacht wird. Er sagt aber nur, dass das Leid bei omnivorer Ernährung „unermesslich“ sei und bei veganer Ernährung vermieden werde, wo immer dies möglich sei. Bei genauem Hinsehen muss man jedoch feststellen, dass hier gar kein Gegensatz besteht. Man könnte nämlich mit einigem Recht folgendes behaupten: Auch wenn wir das Leid vermeiden, wo immer dies möglich ist, bleibt das gesamte Leid in der Welt dennoch „unermesslich“. Unter der (zutreffenden) Prämisse, dass Menschen um ihrer Selbsterhaltung willen auf die Nutzung und Tötung von Tieren angewiesen sind, vermeiden sie mittels strenger Tierschutzgesetze bereits heute (Tier-)Leid, wo immer dies möglich ist.

Um seine implizite These zu stützen, dass vegane Ernährung weniger Leid verursacht als omnivore, müsste Rohm einigermaßen exakt das Leidquantum benennen können, welches jeweils bei omnivorer und veganer Ernährung entstünde, und von diesem dann ebenso exakt das jeweilige Lustquantum subtrahieren. Dazu müsste er wiederum alle relevanten Umstände kennen. Dies ist jedoch unmöglich. Mit anderen Worten: Der Begriff des Leides bleibt ebenso schwammig wie der des Möglichen willkürlich. Ohne nähere Bestimmungen kann man obigem Halbsatz daher nichts Substantielles entnehmen.

Vielleicht klappts ja im nächsten Satz:

Die omnivore Ernährung erfordert also Opfer, und spätestens dann endet die persönliche Entscheidungsfreiheit.

Der Autor geht hier offenkundig davon aus, dass vegane Ernährung keine „Opfer“ erfordert. Dies scheint ihm so selbstverständlich zu sein, dass er es nicht einmal explizit erwähnt. Eine Begründung für diese implizite Annahme liefert er jedenfalls nicht. Warum überdies aus der Tatsache, dass eine Handlung Opfer erfordert, das Ende der persönlichen Entscheidungsfreiheit folgt, bleibt ebenfalls ungeklärt. Auch hier verweigert sich der Autor jeder begrifflichen Reflexion. Er betreibt weder Philosophie noch Ethik, sondern lässt lediglich ein paar Phrasen auf Stelzen laufen.

Nimmt man nun beispielsweise die Anzahl der durch eine bestimmte Ernährungsweise erzeugten tierischen Todes-„Opfer“, ist keineswegs ausgemacht, dass Fleischesser immer schlechter dastehen als Veganer. Es könnte z.B. auch sein, dass ein veganer Obstliebhaber mehr tote Viecher zu verantworten hat als ein obstverschmähender Fleischesser. Denn Obst wird heute in Niederstammanlagen produziert. Dort stehen viele kleine Obstbäume in Beetpflanzungen. Die besonders zarten Wurzeln der Bäume würden von Myriaden Schermäusen vollständig abgenagt, wenn man die vermehrungsfreudigen Nager nicht regelmäßig mit Fallen, vergifteten Ködern und Giftgas ins Mäusejenseits beförderte. Die Anzahl der für den Bedarf des Obstliebhabers getöteten Nager könnte die Anzahl der für den obstverachtenden Fleischfreund getöteten Tiere bei weitem übersteigen. Wenn man nun auch noch die Todesart der betroffenen Tiere mit in die Rechnung aufnähme, würde es noch schlechter für den veganen Obstfreund aussehen. Denn die Mäuse sterben einen viel elenderen und langsameren Tod als fachgerecht geschlachtetes Vieh.

Letztlich kann niemand nur annähernd genau berechnen, wie viele Tiere bei bestimmten Ernährungsarten sterben müssen. Wenn aber z.B. Grasland in Ackerland umgebrochen wird, stirbt auf der fortan als Acker genutzten Fläche mit Sicherheit ein Mehrfaches an Tieren („Ackerschädlingen“), als wenn man auf dem Gras weiter Rinder oder Schafe weiden ließe (siehe meinen Artikel zu diesem Thema). Wie dem auch sei, auf jeden Fall gälte (in den Worten Rohms): Wer Obst isst, verursacht unermessliches Leid und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe.

Die Waage neigt sich endgültig zu Gunsten der Omnivoren, wenn man bedenkt, dass vegane Landwirtschaft unermessliches menschliches Leid in Form von Hunger und Mangel erzeugen würde. Würden die veganen Moraltrompeter statt tierethischer Erbauungsliteratur nur ein wenig Bodenkunde studieren, wüssten sie das. Selbst wesentlich intelligentere Tierethiker als Rohm versäumen es, sich mit den Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion näher zu befassen. Nur deshalb können sie ihre tierrechtlichen Luftschlösser bauen.

Fazit: Rohm ist ein typischer veganer Dünnbrettbohrer, der mit ein paar „ethisch-philosophischen“ Phrasen seiner Intoleranz freien Lauf lässt. Die säkularisierte Welt scheint sich immer mehr mit kleinen Großinquisitoren zu füllen, die jeden Menschen einer hochnotpeinlichen Befragung über seine Essgewohnheiten unterziehen wollen. Rohm ist diesbezüglich sehr eifrig, wie man in seinem Artikel Der omnivore Tierfreund nachlesen kann. Vegane Willkür ist aber nur der Anfang eines Krieges aller gegen alle. Prinzipiell kann jeder jeden in Ernährungsfragen der Unmoral bezichtigen, wie es ihm gerade in den Kram passt. Und dabei tun sich Leute wie Rohm besonders hervor, denen die Lust am Kujonieren aus jeder Zeile zu dringen scheint. Diesem Terror muss man sich widersetzen. Ernährung muss Privatsache bleiben!