Artgerecht, selbstgerecht, ungerecht

In einem aktuellen Vortrag über Ethik und Ernährung erläutert der Philosoph Julian Nida-Rümelin etwa eine Stunde lang mit gedanklicher Klarheit und guten Argumenten, dass Menschen anderen Menschen in Fragen der persönlichen Lebensführung möglichst wenig reinreden sollten. Bezüglich der Ernährung macht er zu Recht auf den katastrophalen Zustand der Ernährungswissenschaft und die Sinnlosigkeit von Diäten aufmerksam. Ebenso wendet er sich gegen Versuche von Versicherungen, über Prämiensysteme die Menschen zu einem bestimmten Verhalten anzuhalten, das angeblich gesund ist. Seine Bemerkungen zu Puritanismus und Katholizismus sind ebenfalls erhellend.

Nida-Rümelin betont zu Beginn, es sei Aufgabe eines Philosophen, begriffliche Klarheit zu schaffen. Dies gelingt ihm etwa eine Stunde lang sehr überzeugend. Als es dann aber um die Frage des Fleischkonsums geht, vernachlässigt er plötzlich seine Aufgabe und verwendet unreflektierte Begriffe. Das Niveau des Vortrags sinkt rapide, und man gewinnt den Eindruck, dass Nida-Rümelin sich zu einseitig über das Thema informiert hat. Von Landwirtschaft und Tierhaltung scheint er tatsächlich wenig Kenntnis zu haben, kommt aber trotzdem zu sehr dezidierten Urteilen, die Anlass zur Sorge geben.

Ein Beispiel: Etwa ab 01:04:00 versucht Nida-Rümelin einen allgemeinen Konsens bezüglich der Tiernutzung zu formulieren. Er glaubt, alle könnten sich darauf einigen, dass „Fleischkonsum nur moralisch zulässig ist, wenn die Tiere, die dafür gehalten werden, artgerecht gehalten werden.“ Auch „begeisterte Fleischesser“ müssten zustimmen können, dass ihr Konsum nicht eine „grausame [Haltung], mit schrecklichen Verstümmelungen und permanenten Krankheiten und Antibiotikagaben jeden Tag und Anabolikagaben jeden Tag“ zur Voraussetzung haben dürfe, da die Tiere empfindungsfähig sowie zum Teil „hochsensibel und hochintelligent“ seien (Schweine).

Dass Pflanzen ebenfalls hochsensibel sind und auf Berührungen 100 bis 1000 mal empfindlicher reagieren als jedes Tier, scheint Nida-Rümelin nicht zu wissen. Und was das individuelle Schwein an Intelligenz aufbringt, toppen staatenbildende Insekten mit ihrer „sozialen Intelligenz“ locker.

Wieso ist Intelligenz überhaupt ein Kriterium? Wie wärs denn mal mit Dummheit? Je dümmer das Tier, desto schutzwürdiger. Schließlich ist es doch besonders gemein, ein dummes Individuum auszunutzen. Dass die Ameise unsensibler sei als das Schwein, ist übrigens ein menschliches Vorurteil. Es kommt uns nur so vor, weil Schweine und Menschen nun einmal viel gemeinsam haben.

Ich kann hier gar nicht auf die vielen problematischen Prämissen eingehen, die in jenen kurzen Sätzen enthalten sind. Ich konzentriere mich daher im Folgenden auf den Begriff „artgerecht“. In der Tat sind Antibiotika-Gaben nicht artgerecht. Wie Hilal Sezgin so schön sagt, ist nur die Freiheit artgerecht, genauer gesagt: die freie Wildbahn. Dort sind Grausamkeit, permanente Krankheiten und Verstümmelungen an der Tagesordnung, auch Sterblichkeitsraten bis zu 99 % vor Erreichen der Geschlechtsreife gibt es in der artgerechten Wildnis.

Die Individuen wilder Arten unterliegen der natürlichen Selektion, die Individuen der Nutztierarten unterliegen der künstlichen Selektion. Der Mensch züchtet sie zu seinen Zwecken. „Artgerechte Haltung“ ist ein Widerspruch in sich. Wie soll man aber über eine widersprüchliche Aussage einen gesellschaftlichen Konsens herstellen?

Der Fachbegriff, mit dem das Wohlergehen der Nutztiere erfasst wird, lautet „tiergerecht“. Es geht nämlich nicht darum, einer Art gerecht zu werden, sondern jedem einzelnen Individuum, das unter menschlicher Obhut gehalten wird. Das Wohl der Tiere wird daher in tiergerechter Haltung unter anderem mit Hilfe von Antibiotika gefördert. Antibiotika-Gaben zur Wachstumsförderung sind in Deutschland hingegen seit 2006 verboten.

Grausam wäre es, den Nutztieren Antibiotika zu verweigern, wie es zum Beispiel in der Biohaltung bisweilen geschieht. Denn dort gefährden Antibiotika-Gaben den Biostatus, so dass man die Tiere im Zweifelsfall eher krepieren lässt. Die höheren Sterblichkeitsraten und der stärkere Parasitenbefall in der Biohaltung sind tatsächlich deutlich „artgerechter“ als in der konventionellen. Auch hat Biogeflügel in Freilandhaltung öfter das Vergnügen, artgerecht von Fuchs oder Habicht verputzt zu werden. Aber das dürfte Nida-Rümelin nicht gemeint haben.

Ob er wohl einer von denen ist, die sich Biohhühner für 50 Euro aufschwatzen lassen und glauben, sie hätten damit ein gutes Werk getan und zugleich ein qualitativ hochwertiges Produkt erworben? Ich befürchte es fast. Wer annimmt, dass Fleisch aus „artgerechter Haltung“ teuer sein muss, sitzt schnell dem Fehlschluss auf, teures Fleisch müsse qualitativ besser sein als Billigfleisch. Doch das ist einfach Unsinn.

Gewiss sind bessere Haltungsbedingungen meist kostspieliger als schlechtere – das ist aber keineswegs immer der Fall. In der Biohaltung wird zum Beispiel deutlich mehr Futter pro Kilogramm Fleisch verwendet als in der konventionellen Haltung. Das Futter hat aber einen geringeren Eiweißgehalt, da es von den stickstoffarmen Bioböden stammt. Die Fütterung ist teuer, verschwendet Ressourcen und Fläche, erzeugt aber bei den Tieren, namentlich bei Schweinen, einen bedenklichen Eiweißmangel. Für die modernen Nutztierrassen bedeutet Biofutter chronische Unterversorgung. Die damit verbundenen höheren Todeszahlen der Biolhaltung können jedoch auf die Preise umgelegt werden, da Verbraucher wie Nida-Rümelin glauben, der höhere Preis ergebe sich aus „artgerechter Haltung“.

Im allgemeinen rechnen sich bessere Haltungsbedingungen eher in Betrieben mit großer Tierzahl als in Kleinbetrieben. Ein moderner Boxenlaufstall für Kühe ist sicher weit tiergerechter als ein kleiner Stall mit Anbindehaltung. Doch die Investition in einen Boxenlaufstall lohnt sich erst ab einer Tierzahl von mindestens 80. Die Betriebe werden auch deshalb immer größer, weil die Tierschutzauflagen immer strenger werden.

Nida-Rümelin unternimmt im Verlauf seines weiteren Vortrags keinen Versuch, den Begriff „artgerecht“ näher zu bestimmen und scheint nicht einmal das Problem zu erkennen. Wenn er eine Tierhaltung fordert, die nicht auf durchgängigen Qualen und ständigen Schmerzen beruht, so braucht man darüber keinen breiten Konsens mehr herzustellen. Diese Tierhaltung ist in Deutschland längst die Regel. Denn jener Konsens ist im hervorragenden deutschen Tierschutzgesetz rechtlich verbindlich geworden. Ziemlich weltfremd erscheint hingegen die Vorstellung, man müsse den Nutztieren jede Unannehmlichkeit ersparen – und das ausgerechnet mit dem Verweis auf Artgerechtheit.

Wenn Nida-Rümelin über „Verstümmelungen“ redet, meint er wahrscheinlich so etwas wie Schnäbelkürzen, Schwanzkupieren, Hornverödung, Kastration o.ä. Diese Maßnahmen dienen aber auch dem Ziel, Schmerzen und Unwohlsein zu verhindern. In der Biohaltung dürfen sich die Hühner mit ungekürzten Schnäbeln gegenseitig das Leben zur Hölle machen. In konventioneller Haltung können Schnäbel gekürzt bzw. behandelt werden, damit die Tiere einander nicht schlimm verletzen können. Die Verfahren werden dabei immer schonender. Auch in Schulen wird man nie ganz verhindern können, dass Kinder sich prügeln und einander Leid zufügen. Vom Verbot der Massenkinderhaltung in Lehrgebäuden habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Im Übrigen wären selbst schlimme Verstümmelungen sehr wohl „artgerecht“, eben deshalb, weil sie in der Wildnis oft vorkommen.

Wer aufgrund von Problemen wie Federpicken oder Schwanzbeißen soviel Platz fordert, dass die Tiere sich nur von Ferne guten Abend sagen und nicht in die Quere kommen können, fordert damit eine derart extensive Haltung, dass der organische Dünger knapp würde. Dies kann auch ein Nida-Rümelin nicht ernsthaft wollen, denn dann ginge es mit den Erträgen rasch in den Keller.

Man sieht: Nutztierhaltung kann grundsätzlich nichts anderes sein als ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des Menschen und denen des Tieres – und zwar auf Grundlage des Nutzens, den das Tier für den Menschen hat. Die Freiheit der Tiere muss eingeschränkt werden. Die Aufgabe besteht darin, sie so züchten, dass sie einerseits hohe Leistung bringen (denn alles andere wäre Verschwendung) und andererseits unter jener Einschränkung möglichst wenig leiden.

Ich finde es bedauerlich, dass ein so kluger, gebildeter und einflussreicher Mensch wie Julian Nida-Rümelin sich in Fragen der landwirtschaftlichen Produktion plötzlich einen Schritt weit dem Niveau des Bambi-Syndroms nähert. Dass manche Vorurteile selbst bei hochreflektierten Menschen nicht als solche erkannt werden, signalisiert, wie fest jene Vorstellungen bereits im allgemeinen Bewusstsein als „Wahrheiten“ verankert sind.

Vielleicht sollte man Julian Nida-Rümelin zu Stallbesuchen in gut geführten modernen Betrieben einladen?