Strohkopf-Rezension

Unser Buch Don’t Go Veggie ist nun auch vom Humanistischen Pressedienst der Giordano-Bruno-Stiftung mit einer Rezension bedacht worden. Darin meint der Politikwissenschaftler und Herausgeber des Jahrbuches für Extremismus- und Terrorismusforschung, Armin Pfahl-Traughber, die wahren Absichten von Udo Pollmer, Greorg Keckl und mir erkannt zu haben. Seiner Auffassung nach ist unsere Intention nicht aufklärerisch, sondern manipulativ.

Ans Bein gepinkelt?

Sein erster „Beweis“ hierzu ist, dass das Buch mit „Gehässigkeiten“ und „Herabwürdigungen“ voll sei. In der Tat äußern wir uns bisweilen gnadenlos spöttisch über selbsternannte Moralapostel und die salbungsvollen Floskeln, mit denen viele Vegetarier, Veganer und Tierrechtler sich selber menschliche Spitzenqualität („Empathie“) bescheinigen. Warum unsere Wortwahl aber einer aufklärerischen Intention entgegenstehen soll, erklärt der Rezensent nicht. Eine ehrfurchtslose und bissige Ausdrucksweise kann man mögen oder nicht – sie steht als solche jedenfalls nicht im Widerspruch zu einer aufklärerischen Haltung.

Wer anderen eine Grube gräbt …

So ist zum Beispiel die Kapitelüberschrift „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“ zwar respektlos, aber doch treffend. Und ohne es zu bemerken stimmt der Rezensent darin sogar zu! Er meint nämlich, die Autoren hätten „einschlägige Manipulationstechniken“ verwendet, zum Beispiel das Strohmann-Argument. „Dabei“, so erläutert er, „schreibt man dem Andersdenkenden eine besonders absurde Auffassung zu, welche dann um so einfacher widerlegt werden kann.“

In besagtem Kapitel geht es darum, die praktischen Konsequenzen deutlich zu machen, die es hätte, wenn Menschenaffen (und nach ihnen auch weitere Tierarten) Grundrechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freizügigkeit zugestanden würden. Dies würde zu Lasten der Menschen in den Gebieten gehen, in denen diese Tiere leben. *

Der Rezensent meint dazu: „Die Bejahung von Grundrechten für Tiere erhebt indessen nur eine Minderheit von Tierethikern.“ Aha. Ist die Forderung nach Grundrechten für Tiere nun eine besonders absurde Auffassung oder wird sie nur von einer Minderheit vertreten? Für den Rezensenten ist beides offenbar identisch. Das Strohmann-Argument soll laut Pfahl-Traughber darin bestehen, dass die Autoren sich „auf einzelne oder randständige Meinungen von Andersdenkenden“ bezogen hätten, die – siehe oben – eine „besonders absurde Auffassung“ vertreten.

Nun ist die Besprechung im Humanistischen Pressedienst erschienen, die wiederum eng mit der Giordano-Bruno-Stiftung verbunden ist. Man sollte doch erwarten, dass der Rezensent darüber informiert ist, welchen Humanismus-Begriff die Giordano-Bruno-Stiftung hat, und worin eine ihrer wichtigsten Forderungen besteht. Es ist nicht schwer zu erraten: Grundrechte für Menschenaffen. Michael Schmidt-Salomon fordert sie ebenso seit Jahren wie Volker Sommer, Colin Goldner, Dieter Birnbacher, Peter Singer, Paola Cavalieri sowie zahlreiche prominente und namhafte Persönlichkeiten. Das Great Ape Project ist international durchaus einflussreich und hat bereits Gesetzesänderungen bewirkt. So randständig scheint diese Auffassung nicht zu sein.

Der Rezensent erklärt Singer, Schmidt-Salomon und viele andere kluge Köpfe kurzerhand zu Strohmännern, nur um Pollmer, Keckl und mir Manipulation nachsagen zu können. Damit ist er aber selber in die Grube gefallen, die er uns gegraben hat. Denn darauf, dass die Forderung nach Grundrechten für Menschenaffen „eine besonders absurde Auffassung“ (eben total Banane) ist, könnten wir uns mit dem Rezensenten sofort einigen. Seine Behauptung aber, diese Forderung werde nur von (verwirrten?) Einzelnen erhoben, ist schlichtweg falsch. Pfahl-Traughbers Verhalten ist das eines Kleinkindes, das gar nicht wahr! schreit und die Augen feste zudrückt.

Spargelmanipulation?

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Rezension scheint in manipulativer Absicht geschrieben worden zu sein. Was der Autor selbst praktiziert, unterstellt er uns. So behauptet er, eine weitere Manipulationstechnik entdeckt zu haben, „die darin besteht, dass man einen einzelnen Aspekt durchaus zutreffend beschreibt und kommentiert, dann aber aus diesem Detail eine grundlegende Negierung ableitet.“

In Kapitel 27 von „Don’ Go Veggie“ wird am Beispiel des Spargels gezeigt, dass der Anbau von Pflanzen mit niedrigem kalorischen und Eiweiß-Ertrag Verschwendung von Fläche und Ressourcen ist. Denn die Nährstoffdichte von Pflanzen ist nun einmal im Schnitt bedeutend geringer als die von Fleisch. Wie wir darlegen, ist nicht nur der Spargel, sondern eine große Anzahl weiterer Pflanzen sehr nährstoffarm: Salat, Gurken, Zucchini, Auberginen, Tee, Kaffee, diverse Obstsorten usw. Wenn man jenen Ertrag in Rechnung stellt, ist die Fläche und Energie, die für den Anbau solcher Pflanzen verbraucht wird, größer als die Fläche und Energie, die zur Erzeugung mancher tierischer Produkte benötigt wird. Das alles hängt selbstverständlich von vielen weiteren Parametern wie zum Beispiel dem Klima und der Bodenbeschaffenheit ab. Im Allgäu wächst beispielsweise vor allem Gras. Gras können Menschen nicht verdauen. Also lässt man im Allgäu vernünftigerweise Kühe grasen, von deren Milchprodukten und Fleisch man sich dann ernährt. Das ist eigentlich nicht schwer zu verstehen.

Was Pfahl-Traughber nicht weiß: Futterpflanzen werden intensiver angebaut als Speisepflanzen. Sie geben also einen höheren Ertrag. Wenn man dazu noch weiß, dass beispielsweise Schweine einen viel effizienteren Stoffwechsel haben als Menschen, also wesentlich bessere Futterverwerter sind, kann man Eins und Eins zusammenzählen. Der hohe Nutzen der Viehhaltung springt dann ins Auge. Es ist effizienter, Schweine zu füttern, als Schweinefutter zu essen. Abgesehen davon, dass die Tiere den notwendigen Dünger liefern, um die Pflanzen gedeihen zu lassen. Wie viel Ertrag hätte man wohl ohne den organischen Dünger des Viehs? Und wie effizient wäre dann wohl eine rein pflanzliche Ernährung? So etwas Veganern zu erklären ist allerdings ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Rezensent schreibt: „Selbst wenn die jeweiligen Angaben so hoch wären, würde dies nicht gegen Vegetarismus sprechen. Denn Spargel ist weder das alleinige noch primäre Ersatznahrungsmittel für die Anhänger fleischfreien Essens.“ Aber eine Pflanze ist Spargel schon, oder? Welches Pflanzerl hätten’s also gern? Pfahl-Traughber verweist auf den hohen Eiweißgehalt von Pellkartoffeln. Sind Pellkartoffeln das primäre Ersatznahrungsmittel der Anhänger des fleischfreien Essens? Wohl kaum. Beliebte Ersatznahrungsmittel sind zum Beispiel Soja sowie verschiedene aus Weizenkleber zusammengepappte Produkte (z.B. Seitan). Welche Probleme der Genuss solcher Produkte auf gesundheitlicher und ökologischer Ebene mit sich bringt, wird im Buch ebenfalls erläutert.

Nicht mal über den Spargel weiß der Rezensent bescheid. Allein in der Bundesrepublik werden 25 300 Hektar für den Anbau von Spargel ver(sch)wendet! Laut Statistischem Bundesamt ist Spargel damit „weiterhin das bedeutendste Gemüse in Deutschland mit einem Anteil von 22 % an der gesamten Freilandfläche“. Weltweit findet eine gigantische Vergeudung wertvoller Ressocurcen für Null-Kalorien-Pflanzen statt.

Dass Vegetarier alle möglichen Pflanzen konsumieren, die kaum kalorischen Ertrag haben und – was viel wichtiger ist – kaum Eiweiß liefern, spricht sehr wohl gegen den Vegetarismus, sofern er die bessere Alternative zum Fleischkonsum sein will. Wer das Fleisch bewusst durch nährwertarme Pflanzen ersetzt, verschwendet vorsätzlich Ressourcen und schiebt dazu noch Kohldampf, was bekanntlich aggressiv macht.

Die Tatsache des Fleischverzichts allein besagt hier überhaupt nichts. Man könnte ebenso den Tulpenliebhaber gegen den Karoffelfreund ausspielen, sofern es möglich wäre, auf den Tulpenfeldern Speisekartoffeln anzubauen. Und ebenso kann man den Spargelfreund gegen den Schnitzelfreund ausspielen. Über den Pflanzenkonsum lässt sich daher dasselbe sagen wie der Rezensent über den Fleischkonsum: „ethische und gesundheitliche, ökologische und wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen.“ Kurz: Es wird von Vegetariern grundsätzlich mit zweierlei Maß gemessen. Dass Pflanzenkost die bessere Variante sei, steht a priori fest. Das ist pure Ideologie.

Die pauschale Behauptung, Vegetarismus führe zur Einsparung von Fläche und Energie, ist falsch. De facto ist das Gegenteil der Fall, wie man am Beispiel der Bundesrepublik auch belegen kann (die entsprechenden Statistiken stehen ebenfalls im Buch). Es gehört zu einer Art Aberglaube der vegetarischen Bewegung, dass „wir“ einfach diejenigen Pflanzen essen können, welche die Nutztiere fressen. Schaut man sich aber an, was bei den hiesigen Vegetariern und Veganern auf die Teller kommt, sieht man dort niemals Futterkartoffeln, Futtergerste, Obstschalen, Orangenschalen, Nussschalen, Heu, Grassilage, ganze Mais- und Getreidepflanzen, Rapsschrot, Schlempe usw. Statt dessen konsumieren sie mit besonderer Vorliebe jene ertragarmen sowie exotische Pflanzen, die importiert werden müssen. Denn Vegetarier und Veganer legen sehr viel wert darauf, schlank zu sein. Auch das wird im Buch genau dargelegt.

Hitler und Co.

Vollkommen befremdlich sind dann die folgenden Bemerkungen: „Man ahnt in diesem Kontext, was noch kommen muss: Denn auch Adolf Hitler aß kein Fleisch. Doch was besagt dies? Er trank auch keinen Alkohol und rauchte keine Zigaretten. Was ergibt sich aus dieser Einsicht? Hier soll derartigen Gedankengängen gar nicht weiter gefolgt werden.“

Derartigen Gedankengängen hätte der Antisemitismus-Experte Pfahl-Traughber aber besser folgen sollen. Dass sich fortschrittlichster Tierschutz, Vegetarismus und die ethische Aufwertung des Tieres mühelos in den Dienst der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie stellen ließen, scheint ihn nicht zu interessieren. Ebenso wenig nimmt er die Holocaust-Relativierungen und volksverhetzenden Kampagnen vieler Tierrechtler zur Kenntnis. Das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt allemal, dass Tierliebe und engagierter Tierschutz keineswegs für eine moralisch hohe Gesinnung sprechen (was ich hier und hier ausführlich erläutert habe). Letzteres wird aber von Vegetariern und Tierrechtlern immer wieder behauptet oder implizit unterstellt.

Im Buch sind dem Thema „Tierschutz und Nationalsozialismus“ übrigens mehrere Kapitel gewidmet. Dazu hätte der Rezensent als Fachmann ruhig etwas differenzierter Stellung nehmen dürfen. Aber wer wie Pfahl-Traughber naiv fragen muss, was das Keuschheitsgelübde Gandhis mit „der Frage des Vegetarismus“ zu tun habe, will gar nicht, dass man ihm auf die Sprünge hilft. Die Antwort gibt Gandhi in seinen Schriften selbst. Man muss sie nur lesen.

Vegetarismus war geschichtlich stets mit Keuschheit und Enthaltsamkeit von sinnlichen Freuden verbunden. Er ging immer mit Ablehnung von Alkohol, Rauchen, Sexualität, Maßlosigkeit, Triebbefriedigung einher. Hitler konnte an jene asketische Ideologie direkt anknüpfen. Vorstellungen von der „Verunreinigung des Blutes“ durch Fleischkonsum gab es schon bei Gustav von Struve (1805-1870), dem deutschen Pionier des Vegetarismus. Es gehörte nicht viel dazu, diese Vorstellungen antisemitisch zu interpretieren, da die Juden als besonders tierfeindlich galten. Laut Richard Wagner ist der Genuss von Fleisch ein verdammungswürdiges „semitisches Erbe“ der Menschheit. Mit welchen absurden Gedanken der Vegetarismus Gandhis und weiterer Ikonen der Bewegung noch verbunden war, zeigt das Buch.

Resümee

Zu behaupten, dass in den 75 Kapiteln Strohmänner aufgebaut werden, ist hanebüchen. Die Ahnungslosigkeit des Rezensenten in Bezug auf die zum Teil haarsträubenden Behauptungen, die den vegetarischen Wahn grundieren, kann eigentlich nur vorgetäuscht sein. Er verwechselt offenbar absichtlich, was logisch zu einer Sache gehört und was ideologisch dazu gehört.

Das ist genauso, als würde er behaupten, alle Kritik an den bizarren Dogmen und teilweise menschenfeindlichen Praktiken vieler Religionsgemeinschaften sei Strohmann-Kritik, weil sie nichts mit der prinzipiellen Frage zu tun habe, ob das Universum von einer bewussten Wesenheit geschaffen worden ist. Er könnte dann auch die Religionskritik der GBS mit der Behauptung abtun, diese hätte nichts mit der Religion als solcher zu tun. Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ zielte demnach vollkommen ins Leere. Ich bezweifele stark, dass Pfahl-Traughber diesen Standpunkt vertritt.

Der „ethische Veganismus“ ist argumentativ zirkulär und politisch totalitär. Er lässt kraft seiner eigenen Logik keinen Spielraum für bürgerliche Freiheitsrechte. Seine Anhänger tun alles, um ihren Einfluss zu vergrößern. Themen wie moderne Tierhaltung, Klimaschutz, Umweltschutz sind schon erfolgreich von dieser Ideologie besetzt worden. Sie bietet sich aufgrund ihrer geistigen Schlichtheit als Patentlösung für alle Lebensprobleme an. Welche negativen Folgen dies hat, kann man in Don’t Go Veggie lesen.

Anmerkungen

* Ursache hierfür ist u.a. das Ungleichgewicht, dass Affen zwar Grundrechte bekämen, aber keinerlei Pflichten gegenüber Menschen hätten. Wenn also ein Schimpanse ein Menschenbaby tötete, würde er nicht belangt. Tötete ein Mensch aber ein Affenbaby, käme er vor Gericht. Für Menschen in Afrika sind Affenbabys aber durchaus begehrte Nahrung – wie übrigens auch für die Affen selber. Was macht man, wenn Schimpansen Jungtiere ihrer eigenen Art verspeisen wollen? Was wäre mit deren Lebensrecht?

Wenn Schimpansen ein Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit haben, dann müssen sie voreinander geschützt werden. Dies wäre aber nur auf Kosten des Grundrechts auf „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ möglich, weil es zum arttypischen Verhalten von Schimpansen gehört, andere Schimpansen und Affen zu töten. Man sieht auch hier: Es kommt Nonsens heraus, wenn das Konzept „Recht“ auf Tiere angewendet wird.

Der Sinn unseres Arguments ist es zu zeigen, dass man hierzulande viel fordern und schwatzen kann, weil es für uns keine Konsequenzen hat. Die praktische Verwirklichung jener Forderung wäre allerdings für viele Menschen vor Ort sehr unerfreulich. Daraus ergibt sich die Frage, ob es tatsächlich wünschenswert sein kann, ausgewählten Tierarten Grundrechte zuzugestehen.