Vertrauen in die Landwirtschaft

Immer wieder wird öffentlich behauptet, dass die Bürger wenig Vertrauen in die Landwirtschaft hätten. Doch das Vertrauen ist insgesamt anscheinend größer, als es in den Medien dargestellt wird. Irgendwie fehlt jedoch das Zutrauen der Leute, diese positive Bewertung auch offensiv gegen Kritiker zu verteidigen. Kommen ihnen die Veggies oder Ökos krumm, knicken sie meinem Eindruck nach sofort ein.

In jedem Fall scheint das Vertrauen der Bürger zu einer bestimmten Form der Landwirtschaft überhaupt nicht gestört zu sein. Wenn nämlich dem Wort „Landwirtschaft“ ein „Öko“ oder „Bio“ vorangestellt wird, legen auch kritische Bürger ihr Misstrauen schnell beiseite. Wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, werden Biobetrieben folgende Eigenschaften zugeschrieben:

[…] fortschrittlich, ökologisch, umweltfreundlich, qualitätsbewusst, eher aufs Allgemeinwohl bedacht, wichtig und ausgesuchte Qualität. Im Vergleich zu den Betrieben, die vermeintlich „wie alle“ Betriebe sind, gestaltet sich das „bio“-Image außerdem als ehrlicher und tierfreundlicher. Im Vergleich zu den Betrieben, die ein „traditionelles“ Image haben, zeichnet sich das „bio“-Image durch eine deutlich „bessere Zukunft“ aus.

Bio und Konvi sind keine Brüder

Wenn überhaupt, sind von einer Vertrauenskrise also diejenigen Betriebe betroffen, die nicht nach festgelegten (Bio-)Richtlinien wirtschaften und daher konventionell genannt werden. Dies sind in Deutschland etwa 92 % aller Betriebe. Die Begriffe „Ökolandwirt“ und „Konventioneller Landwirt“ gehören jedoch logisch nicht in dieselbe Kategorie. Ökolandwirte grenzen sich mithilfe charakteristischer Verbote von den anderen ab. Die anderen werden erst durch Ökolandwirte zu Konventionellen gemacht – genau wie die „Fleischesser“ erst durch Vegetarier zu solchen gemacht werden.

Mit dieser Abgrenzung und der damit verbunden Begriffswahl ist eine Wertung verbunden: Landwirte, die bezüglich der verwendeten Produktionsmittel und –verfahren prinzipiell völlig offen sind, erscheinen nun als diejenigen, welche in Konventionen verhaftet bleiben. Landwirte hingegen, deren Selbstverständnis auf strengen Konventionen (Ökovorschriften) beruht, erscheinen als unkonventionell und fortschrittlich.

Wird die nichtökologische Landwirtschaft als „herkömmlich“ bezeichnet, liegt die Assoziation nahe, dass sie von gestern ist. Der Nimbus der ökologischen Landwirtschaft beruht jedoch darauf, dass sie noch viel „herkömmlichere“ Verfahren anwendet. Moderne Praktiken wie Mineraldüngung, synthetischer Pflanzenschutz und Grüne Gentechnik sind im Ökolandbau verboten. Dessen Modernität besteht vor allem darin, dass er demonstrativ von vorgestern ist.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts (seit Liebig) bis heute wird von den Vertretern des Ökolandbaus als eine Art Irrweg angesehen bzw. müsste von ihnen als solcher angesehen werden, sofern sie des logischen Denkens fähig sind. Dass es sich dabei um eine beispiellose Erfolgsgeschichte handelt, kann nur verdeckt werden, indem man die pure Befürchtung, sie könne kein gutes Ende nehmen, als ausgemachte Tatsache hinstellt. Voraussetzung dafür ist wiederum eine apokalyptische und kulturpessimistische Weltanschauung, die alle auftretenden Probleme a priori als Zeichen des Niedergangs und nahenden Untergangs interpretiert, welcher nur durch radikale Abkehr vom Sündenpfad verhindert werden könne.

Konvis haben das Nachsehen

Durch die Bezeichnung „konventionell“ werden alle Landwirte, die sich nicht den Ökovorschriften fügen, strukturell in die Defensive gedrängt. Sie stehen heute als diejenigen da, die so weiter machen wollen wie bisher, obwohl eine Umkehr dringend erforderlich sei. Doch die Annahme, eine grundlegende Wende zum ökologischen Landbau sei dringend geboten, ergibt sich keineswegs aus einer sachlichen Interpretation der Fakten selbst, sondern ist Ausdruck von Denkmustern, die den Blick auf die Fakten präformieren bzw. trüben.

Diese Denkmuster sind es, die infrage gestellt werden müssen, denn sie sind dafür verantwortlich, dass das Image der konventionellen Landwirtschaft leidet und das Vertrauen in sie schwindet. Das Image der konventionellen Landwirtschaft ist um so schlechter, je besser sie ist. Wenn es den Leuten sehr gut geht, fangen sie an zu mäkeln. Es treten dann Gruppen auf den Plan, die jenen Überdruss für sich ausnutzen und den Leuten Flausen in die Köpfe setzen.

Apokalypse No!

Es ist abenteuerlich, eine Landwirtschaft, die auf synthetischen Pflanzenschutz und Kunstdünger verzichtet, zum Goldstandard zu erklären. Allein 20 % aller Ernteverluste gehen aufs Konto mangelhaften Pflanzenschutzes. Effiziente landwirtschaftliche Produktion ist auch in Zukunft unabdingbar. Die Produktivität muss weiter steigen, um auf begrenzten Flächen die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren. Synthetischer Pflanzenschutz und Mineraldüngung stellen sicher, dass die Erträge kaum schwanken und weiter steigen. Grüne Gentechnik kann erheblich dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Die Lebensmittel hatten hierzulande noch nie eine so gute Qualität wie heute und konnten noch nie mit weniger Risiko genossen werden als heute. Dies verdanken wir weder dem Biolandbau noch Foodwatch noch Greenpeace, sondern einer modernen Landwirtschaft, die nicht stolz auf ihre Unterlassungen ist. Daran zu erinnern und den apokalyptischen Schleier zu lüften, der die Kritik an moderner Landwirtschaft bestimmt, wäre ein erster Schritt, Vertrauen zurückzugewinnen.

2 Gedanken zu „Vertrauen in die Landwirtschaft

  1. Ein sehr gutes Essay zu einem sehr wichtigen Thema.
    Ich neige auch eher zur These, dass nicht der 100%iger Umstieg auf Öko der Weisheit letzter Schluss wäre, sondern dass eher eine Abkehr von fehlgeleiteten Tendenzen der modernen Landwirtschaft (Massentierhaltung, Monokulturen, Gen-Panscherei, Ausbeutung) der Wegweise für die Zukunft sein muss. Dass kann (und muss wahrscheinlich) auch einen großen konventionellen Anteil beinhalten, denn um die ganze Menschheit aus kbA zu ernähren und versorgen gibt es einfach nicht genug Fläche auf der Erde! Genausowenig können wir 7 oder gar 10 Mrd. Menschen vegan ernähren! (vegetarisch würde wahrscheinlich sogar noch hinhauen…)

    Übrigens:
    Ich selbst gehöre eher zu den sog. »Ökos«, bestreite so weit es geht (von finanziellen, organisatorischen und natürlich auch Bequemlichkeits-Faktoren beeinflusst) meinen Konsum aus ökologischen Quellen. Dieses »so weit es geht« bedeutet bei mir also ca. 60-70% des Konsums an Lebensmitteln, Haushaltsartikeln, Kleidung etc.
    Und, ja: Zu Anfang meiner »Öko-Karriere« vor ca. 25 Jahren war ich auch der Ansicht, die Welt würde ein Paradies, wenn doch alle nur noch »bio« lebten…
    Und das wäre wahrscheinlich auch möglich, wenn wir statt >7 nur 1 Mrd. Menschen auf diesem immer enger werdenden Planeten zu versorgen hätten.
    Aber die Realität sieht nun mal anders aus.
    Das ist im Grunde dasselbe wie bei den Flüchtlingen: Natürlich kann (und soll und muss!) Deutschland die problemlos verkraften, aber da muss halt jeder demnächst ein winziges Bisschen von seinem Wohlstand abgeben – das ist eine Zukunftsentwicklung, die sich nicht mehr aufhalten lässt und mit der wir uns arrangieren müssen. Genauso wie es mit einer modernen, ehrlichen Landwirtschaft ja auch funktioniert!
     

  2. Pingback: There is no way to compromise! | Meinung Wahn Gesellschaft

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