Das vepönte Sekret

Bei den Gruppen auf dem Hochland essen und schlafen Frauen und Kinder zusammen in einer Hütte, aber nicht mit ihren Männern, sondern mit ihren Schweinen. […] Wenn ein Ferkel die Muttersau verloren hat, zögern die Frauen nicht, es zusammen mit einem menschlichen Baby zu säugen.
(Marvin Harris über „Naturvölker“ in Neuguinea)

Milch als Viagra

Mahatma Gandhi war der Ansicht, dass alles Leid aus dem sinnlichen Begehren resultiere. Tierische Produkte, so schloss er im Einklang mit den meisten Vegetariern seiner Zeit, weckten animalische Gelüste und seien daher möglichst zu vermeiden. Wer Fleisch esse, falle auch anderen „tierischen“ Lastern zum Opfer: der sexuellen Unzucht, dem Alkoholismus, der Trunksucht. Sobald jemand bei der Nahrungsaufnahme Genuss empfindet, „gewinnt“, so Gandhi wörtlich, „der Teufel“ und der Körper wird zur „Brutstätte des Lasters.“ 

Gandhi hielt Milch für ein Aphrodisiakum. Jahrelang hatte er versucht, ohne Milch auszukommen, da diese nicht zu einer strikt vegetarischen Diät passe (das Wort „Veganismus“ gab es damals noch nicht). „Milch macht müde Männer munter“, lautet ein immer noch geläufiger Werbespruch. Der Subtext des Spruches bestätigt die von Gandhi vertretene Ansicht, dass Milch nicht etwa müde, sondern lüstern mache. 

Der bloße Gedanke an das weiße Sekret bringt auch die heutigen Veganer um Schlaf und Verstand. Sie verteufeln es, wo sie nur können, und steigern sich in die wüstesten Behauptungen hinein („Milch besteht aus Eiter, Blut, Hormonen, Antibiotika“). Manche Aktivisten schwitzen bei diesem Thema aus jeder Pore ihre verdrückte Geilheit aus. Nichts scheint sie mehr anzuregen als die Vorstellung, an einer „artfremden“ Zitze zu saugen.

Der Affekt gegen den Milchkonsum hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Dennoch finden die gesammelten Milchfieberfantasien in den Medien ein erstaunlich großes Echo. Als gäbe es irgendeinen stichhaltigen Einwand gegen den Genuss von Milchprodukten, außer dem naheliegenden, dass Menschen, die Milchprodukte nicht vertragen, sie auch nicht konsumieren sollten!

Evolutionäre Erfolgsgeschichte

Die Fähigkeit, Lactose (Milchzucker) nach Beendigung der Stillphase aufzuschließen, verdankt sich einer Mutation des Lactase-Gens, welche dafür sorgt, dass der Körper ein ganzes Leben lang jenes Aufschlüsselungs-Enzym (Lactase) in ausreichender Menge bildet. In Nord- und Mitteleuropa können ca. 90 % aller Menschen Milchzucker verdauen.

Diese Mutation hat sich in einer – an Evolutionsmaßstäben gemessen – rasenden Geschwindigkeit von etwa 7500 bis 8000 Jahren in Europa durchgesetzt. Der Prozess vollzog sich zur selben Zeit wie die Entwicklung der Milchviehwirtschaft. Offenbar waren die Selektionsvorteile der laktosetoleranten Milchviehhalter enorm groß. Wo ist bloß das Problem?

Artfremd und pervers

Der Fehler liegt einmal mehr in einem verqueren Naturbegriff, demzufolge das Übliche das Natürliche, das Unübliche aber das Perverse sei. In dieses Naturbild passen Darwin und die moderne Evolutionstheorie jedoch nicht hinein. Dieser zufolge treibt gerade das Unübliche und scheinbar Perverse den Evolutionsprozess voran.

Unter bestimmten Umständen bietet eine Anomalie wie zum Beispiel die Mutation des Lactase-Gens den entscheidenden Überlebensvorteil. Die „Mutanten“ können sich häufiger fortpflanzen als die „Normalen“, sodass die „Mutanten“ innerhalb einer Population schließlich zu den „Normalen“ werden und die vormals „Normalen“ aussterben. Dieses Spiel ereignet sich überall auf der Erde unentwegt und wird von modernen Wissenschaftlern selbstverständlich nicht moralisch bewertet.

Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht prinzipiell nicht möglich, bestimmte Prozesse als „Perversionen“ darzustellen, weil gar kein normatives Maß zur Verfügung steht.* Es gibt zum Beispiel Schmetterlinge, die sich von Schweiß ernähren. Schweiß ist ein Sekret, genau wie Milch. Ist nun der Schmetterling pervers, weil er sich von einer Flüssigkeit ernährt, die doch eigentlich dem „Zweck“ dient, den Körper des Transpirierenden zu kühlen? Ist er pervers, weil die meisten Schmetterlinge sich von Nektar ernähren? Milchdrüsen sind entwicklungsbiologisch betrachtet modifizierte Schweißdrüsen. Sind Säugetiere also allesamt pervers, weil sie diese Drüsen zur Aufzucht ihrer Jungen „zweckentfremdet“ haben? In der Evolution ist es normal, dass Organe im Laufe der Zeit einen Funktionswandel erfahren.

Fazit

Das Naturverständnis, das den Affekt gegen den Milchkonsum grundiert, ist statisch. Bei vielen Veganern vernebelt die antiquierte und vom Christentum tradierte Naturvorstellung systematisch den Blick auf die Dinge. Veganer geben sich oft links und progressiv. Doch ihre Argumente gegen den Milchkonsum sind bisweilen genauso reaktionär wie die Argumente fundamentalistischer Christen gegen Homosexualität und alle Geschlechtsakte, die zum Vergnügen vollzogen werden.

Nimmt man die ideologische Brille ab, bleibt nicht viel übrig. Kühen die Kälber wegzunehmen, damit man erstere melken kann, erscheint dann nicht wie eine Sünde wider die Natur oder wider die Mutterschaft als solche. Man kann dann zwar immer noch herumgreinen, dass Kühe unter ihrem Kälberverlust angeblich mehr leiden als menschliche Kälber unter dem Verlust ihrer Smartphones. Aber man kann nicht mehr so tun, als hätte man damit irgendwelche Naturgesetze auf seiner Seite. 

Wer also weiter Milchprodukte genießt, muss keine Angst haben, irgendwann soviel Käse zu fabrizieren, wie es viele Veganer und Tierrechtler tun, wenn sie über Milch reden.

 

* Dass manche Biologen dazu neigen, die genetische Fitness oder die natürliche Selektion zu vergöttern, steht auf einem anderen Blatt. Es zeigt, dass auch nüchterne Zeitgenossen der Versuchung nicht widerstehen können, irgend etwas anzubeten.