Kochen ohne … Hildmann

Dem Vater grauset’s 

Ich habe mal einen Blick auf die Homepage des populären veganen Kochbuchautors Attila Hildmann geworfen. Dort wird unter anderem Folgendes behauptet:


Als sein Vater vor 14 Jahren einen Herzinfarkt erlitt, war das ein Schock für ihn. Attila beginnt damit, sich intensiv mit dem Thema „gesunde Ernährung“ zu beschäftigen. Er findet heraus, dass ein zu hoher Cholesterinspiegel das Leben seines Vaters beendet hat und sagt dem Cholesterin den Kampf an.


Diese Aussage ist befremdlich. Kraft welcher Belege will Hildmann herausgefunden haben, dass sein Vater an einem zu hohen Cholesterinspiegel gestorben ist? Die behandelnden Ärzte werden ihm eine derartige Auskunft nicht erteilt haben; sie hätten guten Gewissens allenfalls Vermutungen in diese Richtung äußern können.

Doch selbst diese Vermutungen wären überaus gewagt gewesen, denn die Hypothese, dass vom Nahrungscholesterin – und darum geht es ja wohl – eine Gesundheitsgefahr ausgehe, konnte nie belegt werden. Deshalb ist auch die Behauptung, Cholesterin sei für koronare Herzkrankheiten verantwortlich, falsch oder zumindest sehr zweifelhaft. Die US-Regierung hat ihren Gesundheitsbehörden im Jahr 2015 empfohlen, alle Warnungen bezüglich Cholesterin künftig zu unterlassen.

In einem Interview mit der SZ merkt die Redaktion an, dass dem Herzinfarkt von Hildmann senior erhöhte Cholesterinwerte vorausgegangen seien. Daraus zu schließen, dass Cholesterin die Ursache für den Herzinfarkt war, ist selbstverständlich ein Fehlschluss der Marke  danach, also deswegen. Meinem zukünftigen Tod ist die Geburt vorausgegangen. Ich werde jedoch nicht an ihr sterben. 

Logische Folgerung: Hildmann kann überhaupt nicht wissen, dass sein Vater an einem zu hohen Cholesterinspiegel gestorben ist. Der Kampf gegen das Cholesterin erweist sich daher als Don-Quichotterie. Cholesterin ist unentbehrlich, um Nervenzellen und Gehirnzellen aufzubauen. Cholesterin-Mangel kann hingegen sehr gefährlich werden. Diesbezügliche Kampfhandlungen sollten also unterbleiben. Friede dem Hüttenkäse, Krieg den Seitanpalästen!

Die Geschichte über den Vater wirkt auf mich wie eine jener rührseligen Storys, die zwielichtige Personen an Wohnungstüren erzählen, um den Bargeldspiegel argloser Senioren zu senken.

Attila Hildmann beim insehen – mitfühl und sF

Dick & Dünn

Hildmanns Erfolg gründet wohl vor allem darauf, dass er früher dicklich war, jetzt dünn ist und behauptet, sein Gewichtsverlust sei die Folge veganer Ernährung. Darauf reagieren die Konsumenten heute mit gierigem Speichelfluss, denn kaum etwas ist für sie schlimmer, als dick zu sein. Dicke sind in diesem Land starker Diskriminierung ausgesetzt (siehe z.B. diese Dissertation, Kapitel 3. Und meinen Text). 

Zusätzlich zum herkömmlichen Schlankheitsversprechen bietet Hildmann der Kundschaft die typischen Veganer-Extras: Pseudomoral und Ökosprech („Veganismus ist das Beste für den Planeten“). So können die Kunden ihren schnöden Schlankheitswahn überhöhen und diverse Essstörungen als ethisch hochstehend rechtfertigen. 

Vielleicht ist Hildmann erfolgreicher als beispielsweise der Musikmanager Andreas Bär Läsker, weil dieser trotz veganer Kur noch immer irgendwie rundlich wirkt. Falls beide wieder aufquellen und am Ende so dick sein sollten wie vorher, können sie einpacken. Dann ist ihr Nimbus trotz Moralgewäsch und Tierleidgefasel dahin, die Kundschaft fühlt sich betrogen und wandert geschlossen zu Detlef D! Soost ab (I make you sexy).

Mit Gesundheit hat das alles nichts zu tun, denn „Übergewichtige“ leben im Schnitt länger als Dünne und haben auch bessere Chancen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu überleben. Der pummelige Attila hätte statistisch gesehen also eine längere Lebenserwartung als der dürre. 

Die gesundheitlichen Folgen des Schlankheitswahns werden hingegen weithin unterschätzt. Magersucht ist diejenige psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. 90 % der Magersüchtigen sind Mädchen oder Frauen. Jugendliche sind besonders gefährdet. Man könnte die Werbestrategie Hildmanns und anderer veganer Lifestyle-Apostel also durchaus als jugendgefährdend bezeichnen. Denn es wird hierbei moralischer Druck aufgebaut, der es jungen Menschen zusätzlich erschwert, den Veganismus aufzugeben, sobald sie Mangelerscheinungen bekommen. Motto: Was soll denn der arme Planet von mir denken? 

Vegane Kreislaufwirtschaft

Der Verdacht, dass die propagierte vegane Ernährungsweise nicht gesund sein kann, muss sich jedem skeptischen Betrachter doch schon allein deshalb aufdrängen, weil Hildmann parallel zu seinen Kochbüchern ein Präparat bewirbt, welches die Mängel der betreffenden Ernährungsweise auszugleichen verspricht. Zitat:

Wer aber auf tierische Lebensmittel verzichtet, sollte besonders auf die Zufuhr solcher Vitamine achten, die vor allem in Fleisch, Fisch & Co stecken. Das sind die Vitamine B12 und D3, die Spurenelemente Jod, Selen und Zink und Omega-3-Fettsäuren.

Wäre ihm vor allem an Gesundheit gelegen, würde Hildmann einfach Fleisch, Fisch und Co. empfehlen anstatt ein Nahrungsergänzungsmittel zu bewerben, in welchem die Zusatzstoffe recht wild zusammengerührt zu sein scheinen. Ich würde so ein Zeug niemals schlucken, und Kindern würde ich das schon gar nicht verabreichen.

Mangel an essentiellen Stoffen hat unweigerlich gesundheitsschädigende Auswirkungen. Dieser Mangel wird bei Veganern durch das Gebot verursacht, keinerlei tierische Nahrung zu konsumieren. Ein solches Gebot kann fatale Auswirkungen haben. Vegane Kost kann nur mit Hilfe von synthetischen Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt in die Nähe des gesundheitlich Verträglichen gerückt werden. Dies widerspricht schon rein logisch der Behauptung, vegane Kost sei als solche besonders gesund. 

Der oft geäußerte vegane Einwand, dass es auch „Fleischesser“ gibt, die z.B. an Vitamin-B-12-Mangel litten, verfängt nicht. Dazu folgendes Beispiel: Eine Lebensweise, deren Gebot es ist, keinen Sauerstoff zu sich zu nehmen, führt notwendig zum Erstickungstod. Dass andere Menschen aus vielerlei anderen Ursachen ebenfalls ersticken, ändert daran nichts. Normale Menschen würden im Zweifelsfall einfach atmen, bevor sie den Erstickungstod sterben; den Sauerstoff-Abstinenzlern wäre dies jedoch nicht erlaubt. 

Hildmanns Nachdenklichkeit

In einem Facebook-Post vom 22. Februar 2016 zitiert Hildmann sich selbst aus oben verlinktem SZ-Interview und versieht den Post mit dem Button nachdenklich.

Anfangs stand für mich die Frage im Raum: Kannst du einem Tier wehtun? Dann habe ich mir diese ganzen blutigen Videos angeschaut und wusste: Nur um jeden Morgen mein Leberwurstbrot zu essen, hätte ich einfach keinen Bock, ein Tier abzustechen. Ein Freund, der mich von der vegetarischen Idee überzeugt hat, wurde damals durch religiöse Themen angesprochen. Im Buddhismus gibt es die These, dass jedes Lebewesen Gottesatem hat. In der abendländischen Kulturgeschichte gibt es ähnliche Gedanken, zum Beispiel bei Schopenhauer.

Hier ist jeder Satz unfreiwillig komisch. Anstatt „diese ganzen blutigen Videos“ anzuschauen hätte er auch „jene ganzen unblutigen Videos“ anschauen können. So what? Er ist nicht bereit, für Leberwurst Schweine oder Kälber abzustechen. Wäre er denn bereit, alle Mäuse oder Ratten persönlich zu vergiften und qualvoll sterben zu lassen, die für seine Salat- und Gemüsegerichte dran glauben müssen? Viele Zutaten dieser Gerichte haben im Gegensatz zu Leberwurst so gut wie keinerlei Nährwert. Der Tod der Schadnager wäre also nicht nur qualvoll, sondern auch umsonst.

Die Bemerkung über den Buddhismus ist sinnfrei. Hildmanns Nachdenklichkeit reicht nicht so weit, zu erörtern, was daraus folgt, dass alle Lebewesen angeblich einen „Gottesatem“ haben. Ein Tötungsverbot scheint daraus jedenfalls nicht zu folgen, denn Pflanzen sind bekanntlich auch Lebewesen und hätten also ebenfalls einen eingebauten „Gottesatem“. Hildmann mag diesen Atem spüren, wenn er sich in die Ledersessel seines Porsches setzt. Denn dafür mussten Rinder ihren Atem aushauchen und auf eine Reise gehen, von der niemand zurückkommt.

Das Tötungsverbot gilt im Buddhismus nur für den Weisen. Der normale Buddhist darf sehr wohl Fleisch konsumieren. Aber:

Während der Konsument, der das Fleisch lediglich kauft, entlastet wird, werden die Produzenten, welche die Tötung durchführen (Fischer, Metzger usw.) verachtet und sozial diskriminiert,

schreibt der Indologe Lambert Schmidthusen und bezeichnet diese Haltung als ein „Manko“ der buddhistischen Lebensweise. Fischer, Metzger usw. haben vom Gottesatem nicht viel. Dass man diejenigen verachtet, die einen ernähren, kommt mir irgendwie bekannt vor. Das ist ja eine feine Moral!

Ich habe das Gesamtwerk Schopenhauers gelesen. Auf einen „Gottesatem“ wird dort nicht Bezug genommen. Schopenhauer lehnte den Vegetarismus ab. Außerdem ging seine Tierliebe mit ausgeprägter Menschenfeindschaft einher. Dass er von Hildmann vereinnahmt wird, hätte ihn sicher zu derben Kraftausdrücken veranlasst. Gedanken, die dem Buddhismus und Schopenhauers Philosophie entlehnt sind, finden sich auch bei Hitler, Himmler und Co. Was besagt also „Ähnlichkeit“ in diesem Fall? Und worin genau besteht sie?

Strenger Buddhismus und Schopenhauer fordern eine asketische Lebensweise. Sowohl für den Buddhismus als auch für Schopenhauer ist die Nichtexistenz das Erstrebenswerte (Nirwana). Protzerei und hedonistisches Gehabe müsste sich der „Starkoch“ also schon mal verkneifen. Porsche und Halligalli bei Let’s dance wären tabu. 

Fassen wir zusammen: Hildmann hat irgendwelche blutigen Videos gesehen (welche genau, teilt er nicht mit), will etwas nicht tun, wozu ihn niemand zwingt (Tier abstechen), hat Gerüchte über Buddhismus und Schopenhauer vernommen, kann aber nicht sagen, was sie bedeuten. Diese losen Gedanken und Assoziationen sollen tiefgründig wirken. Doch wie heißt es so schön in Otto Waalkes’ Wort zum Sonntag: „Sollte uns das nicht zu denken geben? Ich glaube, nein.“

Frage: Wenn das Hildmanns Nachdenklichkeit ist, wie sieht dann erst seine Gedankenlosigkeit aus?

Fazit

Attila Hildmann lässt keinerlei Urteilskraft erkennen. Sein ganzes Tun ist ebenso durchsichtig, wie es zum Lachen reizt. Leider bedeutet sein Erfolg, dass eine Form der Mangelernährung popularisiert wird, die vor allem für Kinder und Jugendliche von großem Schaden sein kann. Ferner wird eine Idee weitergetragen, die moralisch äußerst fragwürdig und im Kern totalitär ist (Veganismus). Da hört für mich der Spaß auf.