Rechte und Schnitzel

Der Untertitel von Hilal Sezgins Jugendbuch Wieso? Weshalb? Vegan! enthält zwei Tatsachenbehauptungen: 1. Tiere haben Rechte und 2. Schnitzel sind schlecht für’s Klima.
Tiere haben jedoch keine Rechte und Schnitzel sind nicht schlecht fürs Klima.

Recht

ist ein staatlich gesichertes Normensystem, das die Handlungsfreiheit der Menschen begrenzt und sie zu gegenseitiger Rücksichtnahme verpflichtet.
Tiere sind nicht handlungsfähig und können daher die Interessen von Menschen nicht berücksichtigen. Sie können keine Normen befolgen und zu nichts verpflichtet werden. Dies gilt ohne Ausnahme für jedes einzelne Tier. Kein einziges Tier kann jemals Rechtssubjekt sein. Deshalb haben Tiere keine Rechte, sondern bleiben stets Objekte desselben.
Menschen haben alle Pflichten, deshalb auch alle Rechte. Tiere haben keine Pflichten, deshalb auch keine Rechte.

Menschen sind „von Natur aus“ (also üblicherweise) moral- und rechtsfähig. Sie schreiben einander ihre Taten als Verdienst oder Verschulden zu. Dass es sogenannte Nichtparadigmatische Fälle gibt, ändert nichts an der Sache. Wie Tibor R. Machan betont, haben Begriffe an den Rändern immer Unschärfen. Deshalb muss man nicht Affen zu Menschen erklären. Ein Baum bleibt für uns offenbar auch dann ein Baum, wenn er keine Äste mehr hat, morsch ist oder „verkrüppelt“ aussieht. Bäume müssen nicht deshalb zu Vogelscheuchen erklärt werden, weil manche Bäume diesen vielleicht ähneln.

Es gibt gute Gründe, Demente oder Schwerstbehinderte weiterhin als Menschen anzusehen, Schimpansen oder Schweine jedoch nicht. Letztere sind erkennbar andere Lebewesen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist so gewaltig, dass es eines ausgeprägten biologischen Tunnelblicks bedarf zu glauben, Menschen seien nichts als „nackte Affen“, „dritte Schimpansen“ oder ähnliches.

Mit moralischer und rechtlicher „Bevorzugung der eigenen Spezies“ (Speziesismus) hat das alles nichts zu tun. Die biologische Zugehörigkeit zur Art Homo sapiens ist nicht der Grund, Menschen Rechte zuzusprechen; sie ist nur ein pragmatisch höchst geeignetes Kriterium.

Der Versuch indes, Rechte für Tiere zu begründen, scheitert bei Sezgin und ihrer Gewährsfrau Martha Nussbaum besonders kläglich. Er besteht vor allem in der Aufzählung irgendwelcher vermeintlicher Fähigkeiten, von denen dann einfach gesagt wird, dass Tiere ein Recht hätten, sie auszuleben. Derlei Versuche, einen inneren Wert oder eine innere Würde aus beliebigen Eigenschaften zu destillieren, hängen – wie Norbert Hoerster sagen würde – begründungstheoretisch in der Luft.

Schnitzel

Schweinefleisch wird mit vergleichsweise wenig Kohlenstoff-Emissionen produziert. Reisanbau ist zum Beispiel viel klimaschädlicher. Der weltweite Methanausstoß durch Reisanbau beträgt etwa zwei Drittel der Metahnemission von Wiederkäuern. Würden die Menschen mehr Schweine- und Geflügelfleisch statt Wiederkäuerfleisch und Reis essen, könnte die Emission von Treibhausgasen drastisch gesenkt werden.

Ob das wünschenswert sein kann, ist eine andere Frage. Denn Wiederkäuer verwerten für Menschen gänzlich unverdauliche Nahrung. Schweine und Hühner sind wesentlich bessere Futterverwerter als Menschen, sodass die Nahrungskonkurrenz zum Menschen de facto nicht vorhanden ist. Die Produktion von Hochleistungsrassen in der Massentierhaltung ist klimafreundlicher als extensive Haltung von Rassen geringer Leistung.

Fazit

Die Wahrheit ist weitaus komplizierter als die einfachen Unwahrheiten, die Sezgin schon in der Überschrift präsentiert. Wäre Sezgin an Jugendlichen interessiert, würde sie berücksichtigen, dass sehr junge Menschen dazu neigen, in strikten Freund-Feind-Kategorien zu denken, weil sie moralisch noch nicht ausgereift sind.

Sezgin will Jugendliche aber auf ihren eigenen Infantilismus verpflichten, den sie auch mit noch soviel philosophischem Wortgeklingel nicht verbergen kann. Es ist ja in hohem Maße kindisch anzunehmen, dass die Übel der Welt beseitigt werden könnten, wenn Sezgins Lieblingstiere ein Recht auf Leben zugesprochen bekämen.

Aufklärerisch wäre es, den Jugendlichen mit einfachen Worten zu vermitteln, dass die Dinge so einfach nicht sind. Antiaufklärerisch ist es, die Jugendlichen um einer überwertigen Idee willen vorsätzlich dazu anzuleiten, sich selbst und anderen zu schaden.

5 Gedanken zu „Rechte und Schnitzel

  1. Kurz und knackig auf das Wesentliche destilliert. Dass eine Seite reicht, um den geistigen Unterbau eines ganzen Buches zu zerlegen, schaffte sonst nur Marcel Reich-Ranicki. Respekt!

  2. Ich bin kein Befürworter des anderen Buchs, aber es fehlt mir hier irgendwie an Argumentation…
    „Der Versuch indes, Rechte für Tiere zu begründen, scheitert bei Sezgin und ihrer Gewährsfrau Martha Nussbaum besonders kläglich. Er besteht vor allem in der Aufzählung irgendwelcher vermeintlicher Fähigkeiten, von denen dann einfach gesagt wird, dass Tiere ein Recht hätten, sie auszuleben. Derlei Versuche, einen inneren Wert oder eine innere Würde aus beliebigen Eigenschaften zu destillieren, hängen – wie Norbert Hoerster sagen würde – begründungstheoretisch in der Luft.“

    Das wäre genau der Punkt, wo man die eigene Argumentation ansetzen sollte. Zu sagen, dass Theorie A nicht gilt, sagt nicht automatisch, dass die Umkehrung (was auch immer diese sein mag 😉 ) gelten soll.

    • Nein, da sollte man nicht die eigene Argumentation ansetzen. Wieso sollte ich an dieser Stelle irgendwas tun, außer Kritik zu üben? Ich kann, wenn ich will, bin aber dazu diskurethisch in keiner Weise dazu verplichtet.
      Onus probandi: Sezgin und Nussbaum behaupten etwas, nämlich dass Tiere Rechte hätten. Sie leiten daraus ganz drastische moralische Forderungen nach Verhaltensänderungen anderer ab. Ich mache nichts dergleichen. Ich muss nicht beweisen, dass Tiere keine Rechte haben. Wenn Sie aber den Absatz davor gelesen haben, wissen Sie doch aber, warum ich der Ansicht bin, dass Tiere keine Rechte haben (nicht haben bedeutet für mich immer: kein sinnvolles Konzept).

  3. Pingback: Klimaschädliches Schnitzel? | Meinung Wahn Gesellschaft

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