Tödliches Lebensrecht

Katze bricht Recht und Genick einer Ratte

Die Natur ist so wunderschön und jedes Tier hat schließlich auch ein Recht zu leben.
Heinrich Himmler

 

Positiv und negativ

Tierrechtler betonen mit großer Emphase, dass Tiere ein Recht auf Leben hätten. Was bedeutet Recht auf Leben?

Recht auf Leben ist im engen Sinn ein subjektives Abwehrrecht, das alle Menschen (Rechtsträger) vor Verletzungen ihres Lebens durch den Staat (Adressat) schützt. Der Staat hat darüber hinaus auch die Pflicht, das Leben der Menschen bei unmittelbarer Gefahr aktiv zu schützen (Anspruchsrecht). Deshalb gibt es zum Beispiel die Polizei und das Strafrecht. Recht auf Leben ist in erster Linie negativ konzipiert – der Staat darf das Leben nicht nehmen – und in zweiter Linie positiv: der Staat muss es schützen (Anspruchsrecht).

Wie schon bei oberflächlicher Betrachtung deutlich werden dürfte, ist es unmöglich, Tieren das vollständige Lebensrecht zu gewähren. Man müsste zum Beispiel Tiere vor anderen Tieren aktiv schützen. Schützte man das Zebra gegen den Löwen, verletzte man das Lebensrecht des Löwen.

Schützte man das Leben von Kaninchen oder Mäusen, müssten die Füchse verhungern. Außerdem würden diese Tiere sich so explosionsartig vermehren, dass irgendwann die Bestände einbrächen und die meisten Tiere verendeten (wie dies etwa in Feldmauspopulationen immer der Fall ist). Ferner müssten die Tiere gesundheitlich versorgt werden. Päppelte man allein alle Individuen der Ratten-, Mäuse und Karnickelpopulationen, würde es schnell ganz eng auf dem Planeten.

Wie sehr das Lebensrecht des Menschen durch das der Tiere gefährdet wäre, kann jeder erahnen, der sich zum Beispiel vorstellt, dass Schadnager nicht getötet werden dürften. Die Ernten würden schon auf dem Feld weggefressen. Homo sapiens sapiens würde sich im tatkräftigen Bemühen, das Leben der Tiere zu sichern, zielsicher selbst abschaffen. Auch wenn man nur die Wirbeltiere zu Rechtsträgern machte, würde die Wirksamkeit dieses Rechtes durch dessen Wirksamkeit vereitelt. 

Tierrechtler machen eigentlich nichts anderes, als zu überlegen, wie man den grotesken Konsequenzen ihrer Forderungen ausweichen kann, ohne auf jene Forderungen verzichten zu müssen. Da die Forderung nach einem positiven Lebensrecht für Tiere abwegig ist, proklamieren Tierrechtler das negative Lebensrecht. Das Leben der Tiere müsse nicht geschützt werden, dürfe aber von Menschen nicht genommen werden. So können Tierrechtler mit großer Geste das Lebensrecht für Tiere beschwören und dennoch Tiere getrost verrecken lassen.

Lebensrecht ohne Wirksamkeit?

Im Begriff des Rechts ist dessen Wirksamkeit enthalten. Recht ist ein System wirksamer Normen, deren Erfüllung staatlich gewährleistet wird. Ein Recht für Kreise auf ihre Quadrierung gibt es nicht, weil dieses Recht niemals wirksam werden kann. Man kann zwar ein entsprechendes Gesetz in die Verfassung schreiben, doch wie soll man die Bürger dazu motivieren, den Quadratstatus von Kreisen zu achten? Ähnliches gilt für die Forderung nach einem Lebensrecht für Tiere. 

Auch der Begriff negatives Lebensrecht ergibt überhaupt nur Sinn, wenn er in einer Rechtsordnung wirksam werden kann. Um in einer Rechtsordnung wirksam werden zu können, bedarf es einer Gemeinschaft von Rechtssubjekten, die motiviert sind, die entsprechenden Gesetze einzuhalten. Mit anderen Worten: Es bedarf einer Gemeinschaft von Lebewesen, die von von sich aus die Interessen anderer berücksichtigen können und wollen. 

In der Bundesrepublik halten sich zum Beispiel fast alle Menschen freiwillig ans Verbot, andere Menschen zu töten. Sie sehen nämlich ein, dass es für sie persönlich von Vorteil ist, wenn möglichst alle sich daran halten. Die Polizei muss nur in seltenen Fällen schützend eingreifen. Ferner sind die meisten Menschen gesundheitlich nicht unmittelbar mit dem Tod bedroht. Nur deshalb kann das Lebensrecht in erster Linie negativ und erst in zweiter Linie positiv bestimmt werden.

In einem vom Bürgerkrieg erschütterten Land wie Syrien sieht das schon ganz anders aus. Was nützt den Menschen dort ihr Lebensrecht, wenn keiner es schützt? Wo die Rechtsordnung zerfällt und nur noch das Recht der Stärkeren zählt, ist das negative Lebensrecht bedeutungslos. Deutschland dürfte keinen bedrohten Syrer aufnehmen, wenn für syrische Flüchtlinge nur das negative Lebensrecht gälte. Die Flüchtlinge dürften nicht vor dem Ertrinken gerettet, die lebensbedrohlich Verletzten nicht behandelt werden. 

Nun beklagen wir alle die Zustände in Syrien und machen dafür diverse Personen bzw. Personengruppen verantwortlich – Präsident Assad oder den Islamischen Staat zum Beispiel. Wir gehen also davon aus, dass sie anders könnten. Wir gehen von handlungsfähigen Subjekten aus. Selbst Assad wird prinzipiell zugetraut, einen Rechtsstaat herstellen zu können. Sonst würde man sein Handeln nicht verurteilen. 

Das animalische Gesetz der Straße

Es leuchtet ein, dass in einer Gruppe von Lebewesen, deren Mitglieder prinzipiell gar nicht anders können, als einander ans Leben zu gehen; in der es obendrein keinerlei Gesundheitssystem gibt, negatives Lebensrecht noch weniger Sinn hat als in Syrien. Es gäbe fast keine andere Aufgabe, als ununterbrochen das Leben der Mitglieder aktiv zu schützen. Menschen wären auf ewig zum militärischen UNO-Dauereinsatz für die Tiere verpflichtet. 

Deshalb lehnt es zum Beispiel Hilal Sezgin ab, ein aktives Lebensrecht für Tiere zu postulieren (wenn ich das richtig verstanden habe). In ihrem neuen Buch schreibt sie, dass Menschen nicht das Recht hätten, einen Frischling zu erschießen, denn: „Es ist sein gutes Recht weiterzuleben und zu versuchen, stark und gesund aufzuwachsen.“ Das klingt sehr generös. Doch was bedeutet dies de facto?

Die Chancen des Frischlings, sein Recht zu bekommen, stehen sehr schlecht. Weniger als 10 % der Wildschwein-Jungtiere erreichen das vierte Lebensjahr. Etwa die Hälfte stirbt in den ersten Wochen. Kaum ein Wildschwein schafft es, ganz erwachsen (ausgewachsen) zu werden. Sechs bis sieben Jahre ist das selten erreichte Maximum. Das Durchschnittsalter von Wildschweinen liegt deutlich unter dem von Zuchtsauen. In Gefangenschaft können sie bei guter Versorgung und Pflege zwanzig Jahre alt werden. 

Warum sind die Verluste wohl so hoch? Weil die Tiere bis zu ihrem Tod ein glückliches Leben haben? Oder weil sie Mangel und Not leiden, von Infektionen und Parasiten geschwächt sind und schließlich von Beutegreifern ohne Betäubung verspeist werden? Was nützt den Tieren hier ein negatives Lebensrecht?

Wer ein Lebensrecht für Tiere fordert und keine Probleme damit hat, dass sie fast alle schon als Kleinkinder sterben, dehnt jenen Begriff bis zur Unkenntlichkeit aus. Sezgin rührt keinen Finger für den Frischling, meint also cum grano salis: „Du hast keine Chance, also nutze sie“. 

Fazit

Recht auf Leben für Tiere kann weder als positives noch als negatives wirksam werden. Das Konzept ist daher in Bezug auf Tiere unbrauchbar. Wesentlich sinnvoller ist hingegen das klassische Konzept des Artenschutzes. Es ist nicht mit den Problem konfrontiert, Tiere als individuelle Rechtsträger behandeln und schützen zu müssen. Artenschutz hat auch ein klares Ziel, nämlich Erhaltung bestimmter Arten, und damit auch ein Kriterium, wie dieses Konzept an der Erfahrung scheitern kann (Aussterben einer geschützten Art).

Konzepte wie Recht auf Leben für Tiere setzen aufgrund ihrer Hypertrophie deren Befürworter dem Verdacht aus, mit ihren Forderungen andere Zwecke zu verfolgen als behauptet. Es ist sehr wohlfeil, Rechte zu verteilen wie Kamelle, ohne ein Kriterium zu nennen, inwiefern dieses Recht auch wirksam werden kann. Theoretisch könnten zum Beispiel die Wildschweine trotz ihres individuellen Lebensrechts kollektiv aussterben. Da sagen dann die Tierrechtler: Pech gehabt. Chance vertan.

Der eigentliche Zweck des tierrechtlichen Aktivismus ist es meinem Eindruck nach, den Menschen seiner fundamentalen Rechte zu berauben. Tierrechtler wollen einfach das Sagen haben. Wer Machtgelüste hat, versteckt sich gerne hinter „unschuldigen Kreaturen“, damit die Leute die Machtlüsternen mit ihren Knuddeltieren verwechseln und ihnen aus der Hand fressen.

 

3 Gedanken zu „Tödliches Lebensrecht

  1. Dazu kommt noch ein anderes Problem. Aufgrund der geringen Überlebenschancen ist die Fortpflanzungsrate bei fast allen Tierarten extrem hoch. Würde die Menschen lediglich versuchen, alle Frischlinge zu retten, wäre die Welt ziemlich schnell von Wildschweinen übervölkert. Man müßte dann natürlich die ungebremste Fortpflanzung der Wildschweine durch rechtswidrige Maßnahmen wie Kastration verhindern, um das Lebensrecht anderer Tierarten und das des Menschen nicht einzuschränken.

    • Mit derlei Gedanken plagen sich Tierrechtler ausführlich herum. Am Ende wird alles so lange steriliert, bis nur noch die paar Exemplare übrigbleiben, die bei Hilal Sezgin auf den Schoß passen.

  2. Pingback: Tödliches Lebensrecht – Nachtrag | Meinung Wahn Gesellschaft

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