Was Tiere wollen

Suhlt das Schwein im Glück?

In der Tierethik sind Ansätze, in denen gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen gefordert werden (Peter Singer), etwas in den Hintergrund gerückt. Zu deutlich wird hier Leben gegen Leben aufgerechnet, zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden. Die dankenswerte Klarheit, mit der Peter Singer die praktischen Konsequenzen seiner Ethik benennt, ist vielen Scheinheiligen ein Dorn im Auge. 

Man folgt lieber dem von Tom Regan eingeschlagenen Holzweg, den inneren Wert der Tierindividuen zu betonen. Das Recht auf Leben für Tiere wird zum Beispiel damit begründet, dass das eigene Leben angeblich ein subjektiver Wert für jedes Lebewesen sei. Gemeint sind dann aber meist nur “fühlende Lebewesen”, also diejenigen, die dem Menschen am meisten ähneln. 

Aus dieser These werden weitreichende Behauptungen abgeleitet. Hilal Sezgin etwa belehrt die jugendliche Leserschaft ihres neuen Buches, dass Tiere glücklich sein wollen, dass sie an der frischen Luft sein wollen, dass sie Kontakt mit Artgenossen haben wollen und vieles andere mehr. Sie beruft sich hierbei in erster Linie auf den “Befähigungsansatz” (Capability approach) der Philosophin Martha Nussbaum.

Capability to köttel

Nussbaum hat eine Gerechtigkeitstheorie entwickelt, wonach es elementare Grundbefähigungen gebe, die Voraussetzung für ein “gutes Leben” (Leben in Würde) seien. Dazu gehöre, dass Menschen ein Leben normaler Dauer führen, Nahrung aufnehmen, gesund sein, sich bewegen, Sex haben, denken können und vieles mehr. Nussbaum überträgt ihren Ansatz in dem Buch Die Grenzen der Gerechtigkeit auf Tiere. Diesen müsse ebenfalls die Chance auf ein “gelingendes” oder “gutes Leben” gewährt werden. Sie sollten “als das, was sie sind, gedeihen.”

Grundvoraussetzungen dafür seien ausreichend Nahrung, Gesundheit, körperliche Aktivität, Abwesenheit von Schmerz und Grausamkeit, positive Erlebnisse, Kontakt mit Artgenossen und dergleichen mehr. Weil “empfindungsfähige” Tiere angeblich nach Glück streben, hätten sie Anspruch auf Leben, Gesundheit, Sexualität, Spiel, Spaß, Kommunikation und und und. Es genügt laut Nussbaum, eine der aufgezählten Fähigkeiten zu besitzen, um einem Geschöpf eine Art dignity (Würde) zuzusprechen. Ob die Fähigkeit herumzulaufen oder die Fähigkeit zum Spiel oder die Fähigkeit zu denken – alle gelten gleich viel, sind nicht hierarchisch konzipiert.

Vielleicht habe da etwas missverstanden, aber nach dieser Logik müsste ein Gorilla, der “genüsslich” seinen eigenen Kot mampft, bereits dadurch Würde haben. Karnickel, die morgens freudig ihre Köttel als Frühstückskorinthen mümmeln, verdienten allein deswegen unsere ganze Achtung. Denn artgemäße Ernährung gehört doch wohl zu den Grundbefähigungen gelingenden Gorilla- und Kaninchenlebens.

Würde in Köttelform würde mir nicht schmecken. Frau Nussbaum begründet leider an keiner Stelle, warum jene zahlreichen Fähigkeiten Würde generieren und deshalb unverrechenbare Rechtsgüter werden sollen. Sie erläutert zwar, warum sie die traditionellen Würdekonzepte zu rationalistisch findet, aber ihr eigenes Angebot ist eben doch zu emotional, also beliebig. Diese Denkweise ähnelt ein wenig der Auffassung antiautoritärer Eltern, die glauben, ihre tyrannischen Gören hätten auf alles, was sie wollen, genau deswegen auch ein Recht. 

Außerdem könnte man durchaus auf die wohlbegründete Idee kommen, dass die Fähigkeit, Tiere zu nutzen und zu verzehren, Grundvoraussetzung des guten Lebens von Menschen sei. Aber diese Fähigkeit steht nicht auf der Liste.

Von hinten durch die Brust ins Auge

Bei Hilal Sezgin sieht die Begründung des animalischen Lebensrechts ungefähr so aus: Für Tiere ist ihr Leben ein subjektiver Wert. Tiere wollen glücklich sein. Glücklich sind sie, wenn sie arttypische Verhaltensweisen ausleben können. Schweine seien glücklich, wenn sie suhlten, Hühner wenn sie scharrten usw. usf. Woher Sezgin all das weiß, steht jedoch in den Sternen. Sie betont nämlich gegen Peter Singer ausdrücklich, dass Glück nur subjektiv, aus der Innensicht bemessen werden könne.

Die Innensicht eines anderen Individuums steht aber niemandem zur Verfügung. Das Kunststück, objektiv von außen das Glück der Tiere aus deren Innensicht zu bemessen, brächte außer Sezgin allenfalls noch Münchhausen fertig. Sezgin behauptet aus ihrer äußeren Innensicht heraus zum Beispiel, dass Tiere Freundschaften schließen und einander physisch nahe sein wollen (für Einzelgänger sicher eine neue Information).

Peter Janich hat aber mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass alle Seelenzustände, die wir Tieren zuschreiben, “keinem Menschen anders bekannt sein können als aus dem Zusammenleben der Menschen selbst.” Durch unsere Kommunikation (Sprache) vermitteln wir einander unsere Seelenzustände und konstruieren sie zugleich mit.

Zuschreibungen der Art, wie Sezgin sie macht, können nichts anderes sein als metaphorische Zuschreibungen. Wer einmal damit anfängt, sie für bare Münze zu nehmen, kommt aus der Nummer nicht mehr heraus.* In dem Bestseller Das geheime Leben der Bäume schildert Peter Wohlleben sehr anschaulich, dass Bäume Freunde finden, indem sie ihre Wurzeln miteinander verbinden. Was nun? **

Es nützt hier nichts, Analogieschlüsse zu machen und von der Ähnlichkeit des eigenen Nervenkostüms auf die innere Befindlichkeit eines Schweins oder Huhns zu schließen. Das alles ist nicht deren Innenperspektive. Sezgins vollmundige Behauptung “Tiere wollen das Leben genießen, indem sie sich bewegen“, ist daher unbegründet. Woher weiß sie, dass die Tiere ihr Glück in Bewegungseinheiten messen? Vielleicht messen sie es ja in Broteinheiten.

Sezgin kann ihren eigenen Prämissen zufolge nicht mal wissen, ob ein verhaltensgestörtes Tier in Gefangenschaft seinen Zustand nicht subjektiv dem Hunger und Parasitenbefall in der Wildnis vorzöge. Sie weiß ferner nicht, ob nicht jedes Tierindividuum sein Glück unterschiedlich bemisst? Woher will sie wissen, dass zum Beispiel alle Schweine identische Glücksvorstellungen haben, bloß weil sie Schweine sind? Sie kann ja nicht in die Individuen hineinsehen. 

Arttypisches Verrecken

Das arttypische Verhalten der Tiere besteht zu einem guten Teil darin, andere nicht nur am Gedeihen, sondern gleich ganz am Leben zu hindern. Wie unverrechenbar soll aber das arttypische Verhalten von Löwenpaschas sein, die Kinder ihrer Vorgänger zu killen? Schließlich rauben sie den männlichen Jungtieren damit deren unverrechenbare Fähigkeit, ihrerseits später Löwenjunge zu killen. Wie unverrechenbar ist die Fähigkeit der Erdmännchen-Frauchen, den Nachwuchs von Konkurrentinnen zu töten und zu fressen? Haben Tiere ein Recht auf den Infantizid? Macht das ihre Würde aus? Sollen wir sie dafür achten?

Orcas spielen in Freiheit nicht mit Bällen, sondern mit Robbenbabys, und fressen sie dann auf. Man könnte meinen, es mache den Schwertwalen großen Spaß, Pinguine auszusaugen wie Wassereis. Katzen spielen mit Mäusen und fühlen sich vielleicht großartig dabei.

Der Kontakt mit Artgenossen endet im Tierreich nicht selten tödlich, sexuelle Betätigung schwächt viele Tiere bis zur absoluten Erschöpfung. Die sexuelle Betätigung des Lachses ist das Laichen. Danach stirbt er. Sagt er sich nach endlosen Strapazen: “Es ist vollbracht! Damit ich werden kann, was ich bin, fehlt nur noch, dass ein Bär mich packt und verspeist, damit er gedeiht als das, was er ist”? 

Lachs wird das, was er ist, damit der Bär gedeihen kann, als das was er ist.

Wünscht sich der Hirsch, alle Hirschkühe zu begatten? Solche Fragen sind sinnlos, weil der Hirsch sich offenkundig nicht frei entschließen kann, dieses Jahr mal auf die stupide Popperei zu verzichten. Ob es für den Hirschen zum guten Leben oder Glück gehört, sich sexuell zu betätigen? Vielleicht ist der Hirsch ja glücklich, wenn man ihn durch Kastration daran hindert.

Überhaupt: Wieso sollten handlungsunfähige Lebewesen sich noch zusätzlich Tätigkeiten wünschen oder zum Ziel setzen, die sie ohnehin nicht unterlassen können? Sie machen eben, was sie machen. Es gibt einen Unterschied zwischen bloßem Wollen und Wollen mit Vorsatz. Auch Tierrechtler schreiben den Tieren Vorsatz de facto nicht zu, lassen die Leser darüber aber gerne im Unklaren. Immer wieder betonen Tierrechtler, dass ihre Lieblinge im Gegensatz zu Menschen nicht anders können. Daraus leiten sie ab, dass nur die Menschen gegenüber Tieren zur Rücksichtnahme verpflichtet sind, während die Viecher weiter auf jede Rücksichtnahme pfeifen dürfen. Könnten die Tiere anders, wären sie für ihr Tun verantwortlich. Und diese Konsequenz meiden Tierrechtler wie der Teufel das Weihwasser.

Tieren fehlt offensichtlich die Dimension höherstufiger Wünsche und Ziele. Hätten Sie diese jedoch, würden sie sich vielleicht wünschen, bestimmte Strebungen unterdrücken zu können – wie etwa ein Suchtkranker, der den Wunsch oder das Ziel hat, den Konsum des Suchtmittels zu unterlassen. Ob sie einen subjektiven Lebenswillen haben, ist sehr fraglich. Denn Tiere können nicht aus freiem Entschluss ihr Leben beenden, warum sollten sie es also vorsätzlich wollen?

Hirsch hat keinen Bock.

Die Forderung, Tiere sollten als “das gedeihen, was sie sind”, beruht zudem auf aristotelischem Aberglauben. Als ob es der vom unbewegten Beweger vorgegebene Zweck des Frischlings wäre, sich zur Bache oder zum Keiler zu vervollkommnen. Junge Wildschweine sind objektiv vor allem Nahrung für andere Tiere. Die meisten werden gefressen, von Krankheiten dahingerafft, von Kleinlebewesen zersetzt. Mit jener veraltet dogmatischen Argumentation ist es ein Leichtes zu sagen: Hausschweine haben ein Recht darauf, auf unseren Tellern zu landen. Denn sie gedeihen als das, was sie sind: Nahrung für uns. Exakt dies ist ja die aristotelische Lehre: Pflanzen sind für Tiere da, und beide sind wiederum für den Menschen da. 

Fazit

Die vermeintlich subjektive Innensicht der anderen Wesen, aus welcher viele Tierrechtler heute deren Glücksvorstellungen meinen erschauen zu können, erweist sich als Projektion ihrer eigenen Befindlichkeiten. Subjektive Befindlichkeiten sind aber unverbindlich. Damit kann man keinerlei objektive oder intersubjektive Geltung beanspruchen – und schon gar nicht derart drastische Forderungen wie einen universalen Fleischverzicht begründen.

Eine Ethik darauf zu gründen, dass manche Tiere einen immer so niedlich anschauen, ist keineswegs so human, wie Tierrechtler sich einbilden. Letztere prangern die vermeintliche Kälte des Rationalismus an und ersetzen diese durch die Hitze blindwütigen Eiferns. 

 

Anmerkungen

* Daniel Dennett sagt, dass das “Verhalten” von Dingen und Lebewesen gut prognostizierbar sei, wenn man es intentional interpretiere. Daraus zu schließen, dass es auch intentional ist, wäre jedoch ein Fehler. Setzt man nun wie Sezgin Beschreibung mit Zuschreibung gleich, ist nicht plausibel, warum sie die meisten Lebewesen aus ihrer Ethik ausschließt. Sie begründet letztere ja damit, dass die betreffenden Lebewesen subjektiv etwas wollen und deshalb sogar Zwecke an sich seien. Pflanzliches Leben kann aber ebenso sinnvoll als intentional beschrieben werden wie das von Insekten, Spinnentieren, Würmern etc. Sezgin müsste ihnen daher ihr Verhalten ebenso zuschreiben wie sie es bei ihren Lieblingstieren tut. Peter Singer hat offenbar inzwischen kapiert, dass Tierrechtler nicht vor der moralischen Berücksichtigung von Insekten ausweichen können. (Zum Unterschied von Zuschreiben und Beschreiben siehe das oben verlinkte Buch von Peter Janich).

** Welche geradezu hirnerweichenden Konsequenzen es hat, wenn man die aus Disneyfilmen gewonnene eigene Innensicht mit der Innensicht von Tieren verwechselt, führt Sezgin in ihrem Jugendbuch selbst vor. Sie macht dort ausgiebig Reklame für den Hof Butenland , einen “Gnadenhof”, auf dem ein paar Tiere herumlaufen, für die Leichtgläubige spenden und erblassen sollen. Sezgin schwärmt den Jugendlichen vom niedlichen Ochsen Mattis vor, der ein so inniges Verhältnis zu seiner Mutter habe. Wie schön es doch wäre, wenn alle Tiere so leben könnten!

Mattis ist jedoch kastriert. Sein Recht auf Sexualität ist ihm genommen worden. Hätte man ihn nicht kastriert, hätte er längst seine Mutter besprungen, anstatt an ihren Zitzen zu nuckeln. Er hätte auch Hilal Sezgin besprungen, wenn sie sich vor ihm gebückt hätte, denn Bullen springen auf alles, was die Form eines gebogenen Tores hat (Torbogenreflex).

Auf Gnadenhöfen werden Tiere gnadenlos vermenschlicht. Wer sich etwa den Nachruf des Hofes Butenland auf den kleinen Hahn Flauschi durchliest, muss als normaler Mensch den Eindruck gewinnen, nach Strich und Faden vergackeiert zu werden. So etwas können erwachsene Menschen doch unmöglich ernst meinen! Flauschi wurde von einem Greifvogel gepackt. So what? Wäre das nicht passiert, hätte Flauschi sich im Laufe seines Lebens viele kleinere Vögel gepackt und wie der unkastrierte Mattis seine Mutter besprungen. Immerhin konnte der Greif mit Hilfe des Flauschfleisches gedeihen als das, was er ist.

Betreiber von Gnadenhöfen stehen mit einem Bein in der Klapsmühle und mit dem anderen im Knast. Irrsinn und Geschäftssinn greifen hier ineinander. Gnadenhofbetreiber sind auf Spenden und Erbschaften angewiesen, was sie zu zwielichtigen Praktiken verführt. Viele Gnadenhöfe müssen aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen das Tierschutzgesetz geschlossen werden. Die Tiere haben es eben nicht gut dort. Sie sind Opfer von Menschen, die wie Sezgin in dem Wahn leben, Tiere seien “wie wir”.

 

2 thoughts on “Was Tiere wollen

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