Tödliches Lebensrecht – Nachtrag

Peilungsprobleme

Ich habe indirekt ein paar Reaktionen von Tierrechtlern und Veganern auf meinen Artikel mitbekommen. Sie reagieren wie üblich mit Geschichten von zwangsgeschwängerten Kühen oder gefolterten Schweinen und bekunden dann, dass es doch um diese Tiere gehe, wenn vom Lebensrecht die Rede sei.

Dass es Veganern und Tierrechtlern vor allem darum geht, die Nutztierhaltung abzuschaffen, ist jedoch alles andere als ein Geheimnis. Der Mensch hat insgesamt vierzehn Arten domestiziert. Die Tierrechtler könnten also einfach diese paar Arten aufzählen und das animalische Lebensrecht entsprechend eingrenzen. Dann würden aber die Willkür und das zirkuläre Denken, welche den veganen Ungeist beflügeln, noch deutlicher zutage treten.

Ko(s)mische Gründe

Es ist so: Tierrechtler haben irgendwie das Gefühl, man müsse aufgrund von diversen Missständen die Nutztierhaltung („Tierausbeutung“) ganz abschaffen und die „Tiere befreien“. Dieses Gefühl reicht ihnen auch schon als Begründung aus, denn ihre Gefühle sind für sie nun einmal der ganze Kosmos. Wer widerspricht, verstößt gegen kosmische Gesetze.

Dummerweise kann man sich denjenigen, die nach rationaler Begründung fragen, nicht ganz entziehen. Man hält den Nebel im eigenen Kopf schließlich für das Licht der Aufklärung. Deshalb muss man sich eben notgedrungen etwas einfallen lassen, zum Beispiel das negative Lebensrecht für Tiere. Es dient hauptsächlich dem Zweck, Nutztierhalter anzuprangern und die damit verbundene Heuchelei zu verdecken.

Mit Hilfe des negativen Lebensrechts, so meinen Tierrechtler, kann man wunderbar im Schweinekostüm gegen den menschlichen Tiermord protestieren, ohne im Kitzkostüm gegen den Bambimord von Wölfen protestieren zu müssen. Man kann sogar aktiv die Ansiedlung von Wölfen, Bären oder Luchsen fordern, obwohl diese sich als Massenmörder von Rehlein, Hirschlein, Lämmlein, Zicklein, Kälbchen betätigen. Typischer Fall von denkste.

Lebensrecht als Transportmittel

Das Recht auf Leben ist nämlich – wie Schopenhauer sagen würde – kein Fiaker, aus dem man aussteigen kann, wann es einem beliebt. Um den Nutztieren durch deren weitgehende Abschaffung zu ihrem Lebensrecht zu verhelfen, musste man nolens volens auch den Wildtieren das Lebensrecht zusprechen. Da negatives Lebensrecht in der Wildnis aber wirkungslos ist, wären die Tierrechtler nun einmal verpflichtet, das Leben der Tiere aktiv zu schützen – und zwar das jedes einzelnen Individuums. Die Pointe am Lebensrecht ist ja dessen Unverrechenbarkeit. Das Lebensrecht des Frischlings gegen das des Wolfswelpen aufzurechnen, wäre dann unzulässig.*

Tierrechtler können generell schlecht zwischen ihrer wahren Motivation und einem rationalem Grund unterscheiden. Eine rationale Begründung, Tieren Lebensrecht zuzugestehen, kann nicht sein, dass es Nutztiere gibt, die man gerne abschaffen würde. Die tierrechtlichen Begründungen sind denn auch, dass Tiere Interessen haben oder dass ihr Leben ein subjektiver Wert für sie selber sei etc. Dies träfe aber für Nutz- und Wildtiere gleichermaßen zu. Sie müssen strikt gleich behandelt werden, da ihnen aus identischen Gründen Recht auf Leben zugestanden wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass Wildtiere fast durchweg ein gefährdeteres Leben führen als Nutztiere. Entgegen den manipulativen Darstellungen von Tierrechtlern haben Wildtiere in der Regel eine sehr kleine Chance, das übliche Schlachtalter vieler Nutztierarten zu erreichen. Die „Kindersterblichkeit“ in der Wildnis ist zum Beispiel um ein Mehrfaches höher als in der Nutztierhaltung.

Haben nun Tiere ein Recht auf Leben und gilt obige Bedingung, müssen Wildtiere viel intensiver geschützt werden als Nutztiere, damit das Recht wirksam sein kann. Aufs negative Lebensrecht darf man sich hier eben gerade nicht herausreden, wie ich in meinem ersten Artikel zum Thema gezeigt habe.

Es gibt auch Tierrechtler, die eine Befriedung der Tierwelt durch den Menschen fordern (policing nature). Dies wollen sie zum Beispiel durch Abschaffung der Raubtiere bewerkstelligen. Es ist gewiss kein Zufall, dass die großspurigen Forderungen nach einem Lebensrecht für Tiere oft mit Forderungen nach weitreichenden Tierabschaffungsmaßnahmen verbunden sind. Tiere stören nämlich bei der Verwirklichung ihrer Rechte bloß.

Fazit

Tierrechtler und Veganer nehmen die verwendeten Begriffe nicht als solche ernst, sondern malträtieren sie wie ein tyrannischer Gutsherr seine Mägde und Knechte. Die Gewalt, die sie Begriffen und Sprache – also dem Denken – antun, spiegelt sich in ihrer tyrannischen Art, Diskussionen zu führen. Diese verlaufen fast immer nach dem Muster missglückter Beziehungsgespräche:

ierrechtler behauptet x.
ritiker widerlegt es.
T antwortet: Ich meinte doch y.
K fragt: Warum behauptest du dann x?
T antwortet: Weil ich y meine, habe ich doch gesagt!

Es ist eigentlich egal, anhand welcher konkreten Fragen sich immer wieder erweist, wie zirkulär das tierrechtliche Denksystem ist. Die Botschaft ist immer nur: Ich ich ich. Und diese Leute haben die Stirn, von anderen einen ergebnisoffenen Diskurs zu fordern! Der Diskurs ist bei diesen Leuten so offen wie ein zugekniffener Hintern.

 

* Selbst wenn man das Recht auf Leben als Prima-facie-Recht versteht, kommt man bei Tieren damit nicht weit. Prima-facie Rechte sind Rechte, die gelten, solange ihnen nichts entgegensteht (pro tanto). Das Recht auf Leben kann zum Beispiel unter bestimmten Umständen aufgehoben werden (Notwehr, Todesstrafe, Krieg).
Im Tierreich wäre ein Prima-facie-Recht auf Leben ebenso unwirksam wie ein negatives Lebensrecht. Denn im Tierreich gilt das Recht des Stärkeren, Gewitzteren usw. Das Recht auf Leben wäre absurderweise in diesem Fall der „Widerruf“ zur weitgehend kriegerischen und gewalttätigen Praxis. Das funzt also auch nicht.