Besser als moralische Selbstbefriedigung

Ich weiß, dass es Sibylle Berg gibt. Nun habe ich auch mal eine Kolumne von ihr ganz gelesen. Diese handelt von den moralischen Vorzügen des Fleischverzichts. „Und es geht nichts über das Gefühl, ein moralisch überlegener Mensch zu sein. Es ist eigentlich sogar das schärfste Gefühl, ein wenig wie Sex. Guter Sex. Ich weiß, wovon ich rede, denn kaum jemand fühlt sich mehr im Recht als ich.“ 

Ist das Satire oder kann das weg, fragte ich mich während der Lektüre der Kolumne fortwährend. Der gesamte Text besteht aus irgendwelchen lose zusammengestellten Behauptungen. Eine rationale Begründung für den Fleischverzicht wird nirgends ernsthaft versucht, statt dessen Nebulöses über die vermeintlichen Eigenschaften bestimmter Tierarten geschrieben – “nicht blöder als Babys”, “haben mehr Gefühle als manche Menschen“ –, und zum Schluss raunt die Autorin etwas vom Weltuntergang, der ausgerechnet durch universale Fleischabstinenz verlangsamt werden könne.

Die normative Kraft keiner Ahnung 

Sie habe “keine Ahnung, warum viele mit ihren Kindern in den Streichelzoo gehen und danach ein Lämmchen verzehren.” Ich schon: weil Lämmer nicht nur niedlich aussehen, sondern auch einen sehr hohen Nährwert für Menschen haben. Letzterer ist vielen Menschen unterm Strich wichtiger als der Knuddelfaktor.

Diese Haltung ist rational. Man mag sie unmoralisch finden, wenn man zum Beispiel vom Bambi-Syndrom infiziert ist. Sie ist jedoch weder rätselhaft noch widersprüchlich. Man weiß ja nicht, was die Leute jeweils für moralische Maximen haben. Wer ein Tier streichelt, hat sich damit keineswegs zum Veganismus verpflichtet.

Warum nur bewundern Menschen die Schönheit von Sonnenblumen und mampfen dabei seelenruhig ihr Sonnenblumenbrot *grübel*? Dabei haben Pflanzen doch “mehr Gefühle als manche Menschen” und sind nicht “blöder als Babys“. Sogar eine Würde haben sie und Grundrechte stehen ihnen zu.

Wer das Gefasel der Tierrechtler nachplappert, wird vom Strom ihres durchlaufenden Kategorienfehlers ergriffen und mitgerissen. Einmal “ich mein ja nur” gesagt – schon ist man zum Hungern, wenn nicht gar zum Verhungern verpflichtet. Für Magersüchtige ist das natürlich verlockend. Mutti fleht: Kind, jetzt iss doch endlich mal was! Tochter antwortet: Nein, ich achte die Würde der Kreatur und esse nicht mehr, als unbedingt nötig. Es gibt kein Recht auf Titten und Hüftpolster. 

Die Welt ist für die meisten Veganer und Tierrechtler nur deshalb voll von Rätseln, weil sie ihre Sicht der Dinge immer schon als einzig mögliche voraussetzen. Pure Egozentrik und Projektion. Die Tatsache, dass andere ihre Perspektive nicht übernehmen, deuten sie als objektiven Widerspruch. Motto: Warum sehen die Leute die Welt nicht so, wie ich sie sehe? Na wartet! Die Welt wird zur Strafe untergehen!

Angriff der Killerschnitzel

Zum Weltuntergangsgeschwafel von Frau Berg gesellt sich ihre Wahnvorstellung, Fleisch bringe uns um. Zur Bestätigung verlinkt die Autorin zielsicher auf das Zentrum der Gesundheit. Die Hamburger Verbraucherzentrale schätzt dieses Portal folgendermaßen ein: „Verkaufsinteresse: groß. Transparenz der Informationen zum Anbieter: schlecht. Objektivität der Ernährungsberatung: mangelhaft.“ Diese Quelle ist mit „unseriös“ noch höflich beschrieben. Aber bei Spiegel-Online kommen eben auch Trägerinnen von Aluhüten zu ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung.

Fleisch bringt uns selbstverständlich genau so wenig um wie Kohlsuppe oder Schweißfüße. Studien über den Zusammenhang von Fleischkonsum und Krebsgefahr bzw. –risiko ergeben jedenfalls nichts dergleichen. Ein seriöser Wissenschaftler würde niemals behaupten, Fleisch verursache Krebs (oder Diabetes o.a.). Doch die Kolumnistin liest aus mieser Datenlage, dürren Korrelationen und Mikrorisiken die Botschaft heraus, dass des Todes sei, wer Fleisch esse.

Sibylle Berg die Grundprinzipien der Datenanalyse beizubringen, dürfte vergeblich sein. Dabei hat sie laut eigener Aussage Ozeanographie und Politikwissenschaft studiert. Lernt man da keine Datenanalyse mehr? Jedenfalls gibt es sehr viele Lebensmittel, die mit Krebsgefahr in Verbindung gebracht werden können. Namentlich in Pflanzen befinden sich eine Menge Gifte zur Abwehr von Fressfeinden. Wer Kaffee oder Alkohol trinkt oder Zigaretten raucht, braucht sich über die Krebsgefahr von Fleisch nicht die geringsten Gedanken zu machen. Angesichts dessen müsste Frau Berg zu der Schlussfolgerung gelangen, dass nahezu jede Form der Nahrungs- und Genussmittelaufnahme „uns umbringt“.

Übermut tut selten gut

Schlicht Unfug ist auch die Behauptung, Menschen würden Fleisch essen, weil sie es können. Menschen beißen aus allerlei subjektiven Gründen und Motiven in die Bouletten. Objektive Ursache ist jedoch, dass Homo sapiens sich als heterotrophes Lebewesen von anderen Lebewesen ernähren muss. Die Ursache seines Fleischverzehrs ist dieselbe wie die seines Pflanzen- oder Pilzverzehrs: das allgemeine Selbsterhaltungsstreben von Lebewesen. Fleisch ist ein sehr gut geeignetes Mittel für Menschen, sich selbst zu erhalten. Dass Frau Berg den Fleischkonsum dennoch unmoralisch findet, ändert daran nicht das Geringste. 

Vegane Bremsklötze 

Universale Fleischabstinenz taugt auch nicht als retardierendes Moment des von der Autorin beschlossenen Weltunterganges. Im Gegenteil: Ohne Viehhaltung mit großen Beständen ist derzeit auf globaler Ebene ertragreiche und nachhaltige Landwirtschaft unmöglich. Es fehlte dramatisch an Dünger. An Bio wäre nicht einmal im Traum zu denken. Durch die mangelhafte Rückführung der dem Feld entnommenen Nährstoffe würden die Böden sukzessive bis zur vollständigen Degradierung auslaugen. Wie man mit solcher Mangelwirtschaft eine wachsende Erdbevölkerung ernähren will, bleibt ein Rätsel. Doch fragen Sie Frau Sibylle! Sie leitet Ihre Frage gerne an die Sekte ihres Vertrauens weiter.

Von 576 auf 0 

Die im Text gemachten Äußerungen zu den kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der Tiere sind wenig durchdacht. Frau Berg will zum Beispiel nach eigener Auskunft „576 Jahre alt“ werden, um möglichst viele Glücksmomente zu erleben. Dann behauptet sie: „Geht den Tieren ähnlich“ – was immer “ähnlich” hier bedeuten soll.

Nehmen wir trotz aller rationalen Einwände an, dass Tiere sich tatsächlich subjektiv wünschen oder sogar das Ziel haben, möglichst alt zu werden und möglichst viele Glücksmomente zu erleben – was zieht die Autorin denn daraus für eine Konsequenz? Tiere essen = No-Go! Was bedeutet dies wiederum? Dass unendlich viele Schweine, Rinder und Hühner das zarte Alter von Null niemals überschreiten werden, weil sie gar nicht erst zur Welt kommen. Wird kein Fleisch mehr gegessen und kein tierisches Produkt mehr konsumiert, sind auch die Nutztiere bis auf wenige Exemplare vom Planeten verschwunden. Wer außer traurigen Gestalten hält schon Vieh bloß zum Zwecke des emotionalen Missbrauchs?

Die Nutztierhaltung bietet also Milliarden Tieren die Möglichkeit, überhaupt irgend ein Alter zu erreichen, sogar oft ein höheres als die entsprechenden Wildformen. Im Vergleich zur Nulllösung aus falsch verstandener Tierliebe wäre das doch immerhin etwas!

Fazit

Sibylle Berg kann von mir aus autoaggressive Ernährungsmarotten praktizieren, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Wenn sie aber meint, diese Marotten seien moralisch geboten, irrt sie sich gewaltig. Würden ihre moralischen Forderungen von allen beherzigt, hätten wir die Hölle auf Erden.

 

7 thoughts on “Besser als moralische Selbstbefriedigung

  1. Eine sehr schöne Analyse von Ihnen. Ich frage mich, wie so jemand als Schriftstellerin durchgehen kann. Ich habe mir erlaubt, die Autorin, anhand des Unsinns, den sie geschrieben hat, zu psychchologisieren.
    Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten der sich gerne als Schweizerin ausgebenden Wahlschweizerin und ehemaligen DDR Bürgerin Sibylle Berg: wenn man sich Bilder von ihr anschaut, glaubt man kaum, daß an ihrem Gesicht irgend etwas noch nicht operiert wurde, und ihr Körper sieht stark ausgemergelt aus. Hier hat sich offensichtlich ein Kontrollwahn am eigenen Körper ausgetobt, wie er bei Anhängern extremer Ernährungsideologien oft beobachtet werden kann. Da sie über ausreichende Einnahmen verfügt, darf man gespannt darauf sein, wie sie sich noch weiter entstellen lassen wird.
    Die ihrem Kontrollwahn korrespondierende Lustfeindschaft, die sich etwa im Verzicht auf Fleisch, Zigaretten und Sex (auf ihrem twitter account heißt es: “kaufe nix, ficke niemanden”) ausdrückt, rationalisiert sie als Lust und Sieg über die “bösen” Bedürfnisse des eigenen Körpers. Die “Lust” entsteht bei ihr aber nicht durch den Biß ins Tofuschnitzel, sondern durch die Vergewisserung darüber, daß sie nicht in ein richtiges Schnitzel beißt. Dadurch, so glaubt sie, kann sie sich fleischessenden Menschen gegenüber moralisch überlegen fühlen. Diese moralische Selbsterhöhung läßt sich aber nur um den Preis der totalen Ignoranz gegenüber dem Herstellungsprozess veganer Lebensmittel wie Getreide oder Gemüse, bei dem schmerzempfindliche, warmblütige Tiere auf grausame Art getötet werden, aufrecht erhalten.
    Ein Blick auf ihre Biographie legt den Schluß nahe, daß ihr Unvermögen, den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse zu akzeptieren, dem Umstand geschuldet ist, daß sie in ihrer frühen Kindheit von ihrer alkoholkranken Mutter zu wenig geliebt wurde. Vielleicht neigt sie deshalb in besonderem Maße dazu, anderen Menschen in deren Lebensführung Vorschriften machen zu wollen oder diese moralisch zu diffamieren.
    Die Schäden, die sie durch die unsinnigen Operationen und ihrer Eßstörung ihrem Körper zufügt, sind unbewußt gewollt. Der eigene Tod wird angestrebt, weil er verspricht, das Problem der Unzufriedenheit mit sich selbst und seinem Körper endgültig zu lösen.
    Kurz gesagt: Sibylle Berg ist eine arme Sau.

  2. Wir alle sind arme Säue. Sie »psychologisieren« nicht anhand dessen, was sie geschrieben hat, sondern hauptsächlich aufgrund ihres Aussehens. Da greifen Sie in eine sehr untere Schublade. Sibylle Berg hatte mit 29 Jahren einen schweren Autounfall und mußte eine Vielzahl rekonstruktiver Gesichtsoperationen über sich ergehen lassen.

    • Dem stimme ich zu. Mit solchen Analysen sollte man sehr vorsichtig sein bzw. sie besser unterlassen. Ich mache so etwas grundsätzlich nicht. Mir geht es nie darum, Personen »fertigzumachen«, sondern immer nur um die Inhalte. Wer so hochmütig bar jeder Sachkenntnis moralische Forderungen stellt wie Frau Berg in betreffender Kolumne, braucht sich allerdings nicht zu wundern, wenn man ihr ebenfalls von oben herab kommt.

  3. @Grienhans. Vielen Dank für den Hinweis. Das mit dem Autounfall war mir natürlich nicht bekannt, sonst wäre ich nicht auf ihr Äußeres eingegangen. Das Schrägstellenlassen der Augen ist eine beliebte Schönheitsoperation und in ihrem Wikipediaartikel steht zwar einiges zu ihrer Biographie; der Autounfall wird aber seltsamerweise nicht erwähnt. Daher meine falsche Schlußfolgerung.
    Das Psychologisieren anhand von Äußerlichkeiten halte ich allerdings dennoch grundsätzlich für berechtigt und sinnvoll. “It is only shallow people who do not judge by appearances.” (Oscar Wilde) Es war ja gerade mein Punkt, nicht auf den Unsinn einzugehen, den sie geschrieben hat; denn das hat ja der Herr Alf schon wunderbar erledigt. Und ich habe mich übrigens ganz sicher nicht auf eine niedrigere Ebene begeben als Sibylle Berg, die Menschen aufgrund deren Ernährungsverhaltens als moralisch minderwertig diffamiert.

  4. Natürlich ist das alles sehr spekulativ, was ich geschrieben habe. Sibylle Berg macht ja keine Psychotherapie bei mir. Mir geht es auch gar nicht um Sibylle Berg selbst (ich habe 2 Texte ihrer Kolumne gelesen, um zu dem Schluß zu gelangen, daß diese Frau ziemlich irre ist; und ich halte es auch für fragwürdig, ob sie irgendetwas von dem, was sie schreibt, ernst meint), sondern um bestimmte Einstellungen, die sie in ihrem Text idealtypisch für eine bestimmte Gruppe von Menschen zum Ausdruck bringt und aufgrund ihrer Prominenz popularisieren kann: restriktive, diffamierende Moralvorstellungen in Verbindung mit zur Schau gestellter Lustfeindschaft, die als Lust propagiert wird. Diese Verbindung halte ich für sehr gefährlich, weil durch die versagte Lust Frustrationen erzeugt werden, für die dann Schuldige gefunden werden müssen. Daher kommt meines Erachtens auch der Hass der meisten Veganer auf die Normalesser. Der Normalesser erinnert die Veganer permanent an ihren Lustverzicht. Die sich daraus ergebende Unsicherheit ist der wahre Grund für das ständige Gerede der Veganer darüber, wie gesund vegane Ernährung sei und was für leckere vegane Gerichte es gäbe. Mit Tierliebe können die wenigsten militanten Veganer etwas anfangen.
    Man kann sich leicht vorstellen, was für ein Hölle auf Erden für Menschen und Tiere eine Organisation wie PETA, in deren Fahrwasser Berg mit ihrem Text schwimmt, errichten würde, wenn sie über die dazu notwendige politische Macht verfügen würde.
    @Grienhans – auf welche Quelle beziehen sie sich mit ihrem Hinweis auf den Autounfall. Ich habe bislang nur Sibylle Berg selbst als Quelle gefunden. Und diese Quelle halte ich nicht für seriös.

    • Ihrer allgemeinen Analyse stimme ich weitgehend zu. Und es kann natürlich theoretisch durchaus sein, dass Frau Berg einen kreativen Umgang mit mit ihrer Biographie pflegt. Letzteres ist für mich hier aber nicht relevant.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>