Auf dem Weg zum Agrarende

Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), am 29. September 2016

Landwirtschaft nur noch für’s Auge?

Landwirtschaft, die dem Zweck dient, alle Bürger mit erschwinglichen und zugleich hochwertigen Produkten zu versorgen, steht in Deutschland als solche zur Disposition. Wenn nicht noch Einschneidendes passiert, wird sie wohl Schritt für Schritt durch eine hoch subventionierte Mischung aus Agrarmuseum, Ökospielwiese und Streichelzoo ausgetauscht. Das sieht von Weitem schön aus, ist aber so wirtschaftlich und nachhaltig, wie wenn man Hochöfen mit Geldscheinen befeuert.

Da die Bürger einfach nicht machen, was sie in Umfragen behaupten zu tun – nämlich ökomoralisch unter tierethischen Klima-Gesichtspunkten einzukaufen –, werden sie nach der vielbeschworenen Agrarwende scharenweise zu preiswerter Importware greifen. Dies wird der sogenannten Zivilgesellschaft in Gestalt von Greenpeace, Heinrich-Böll-Stiftung, Hofreiter, Habeck, Hendricks und Co. sowie den öffentlich-rechtlichen Moralanstalten ein steter Dorn im Auge bleiben.

Futtermittelimport gilt ihr zum Beispiel als verwerflich, weil Futterhändler, wenn Sie Soja importieren – Achtung Ironie! – Dritte-Welt-Ländern wie den USA, Brasilien oder Argentinien die Fläche rauben. Das nennt sich virtueller Landraub. Und wenn zum Beispiel deutsche Schweinemäster künftig Jungtiere mit kupierten Schwänzen aus Dänemark beziehen, weil wir überstürzt ins Kupierverbot hineinstolpern, wird von Aktivisten sicher bald die Parole vom virtuellen Ringelschwanzraub ausgegeben.

Merke: Reiche Länder, die sich so schöne Dinge wie die Würde der Kreatur oder die Mitgeschöpflichkeit in ihre Verfassungen schreiben, die Agrarwenden ankurbeln und Tierhaltungswenden veranstalten, werden keine Moral,- sondern Importweltmeister. Oder es sie schotten sich vom Weltmarkt ab. Dann verwalten sie ihren selbstfabrizierten Mangel und drohen, zu Diktaturen zu werden.

Der pure Wahnsinn

Die hiesige Diskussion über Landwirtschaft und Ernährung ist hoffnungslos irrational. Es wird ihr auch künftig kaum Vernunft mehr einzublasen sein, denn sie steht unter einem unguten ideologischen Stern. Die verschiedenen Debatten treiben allesamt ganz von selbst auf ihren Fluchtpunkt zu: die Abschaffung der Landwirtschaft.

Die Idee, Landwirtschaft zu betreiben, meint der weltberühmte Biologe Jared Diamond, sei der schlimmste Fehler der Menschheitsgeschichte gewesen. Damit steht Diamond nicht allein, sondern spricht einen mehr oder weniger offen artikulierten Konsens aus: nämlich, dass der Mensch ein Schädling des Planeten, der Natur sei. Die Natur, verstanden als das, was ohne menschliches Wirken von selber existiert, gilt heute allgemein als Inbegriff des moralisch Guten. Die unbefleckte Natur ist nicht nur sauber, sondern rein wie die Jungfrau Maria.

Warum wohl fordern so viele Leute vehement eine ineffiziente Landwirtschaft ohne synthetischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, ohne Gentechnik selbstverständlich, gar ohne Viehhaltung? Weil die Leute das Gute wollen, und das Gute ist ihrer Meinung nach eben eine Welt mit möglichst wenig menschlichen Eingriffen in die Natur. Folgt man diesem Reinheitsgebot: Was wäre demnach der beste aller möglichen Weltzustände? Ein Weltzustand ohne Menschen. Logisch.

Da kaum jemand mehr Ahnung von Landwirtschaft hat, glauben die Leute, man könne die Weltbevölkerung allein mit unreifen Blütenträumen ernähren oder indem man den Weltverdauungsverkehr regelt. Wir brauchen doch die ganze Technik und Chemie nicht, denken sie. Und die armen Tiere müssen wir auch nicht essen. Wer braucht schon noch Erträge, wer braucht schon sichere Ernten? Niemand. Das Manna fällt vom Himmel, wenn wir nur der Naturgottheit das Opfer unseres eigenes Verstandes bringen. Außerdem essen wir sowieso zu viel und unser Tellerchen nicht leer. Und wenn wir das Tellerchen nicht leer essen, gibt es morgen kein schönes Klima.

Glorifikation des Mangels

Den Wenigsten dürfte allerdings bewusst sein, dass sie mit der puren Natur zugleich den puren Mangel glorifizieren. Denn Mangel ist der bestimmende Zustand der nicht vom Menschen modifizierten Natur. Nur der Mangel ermöglicht die Vielfalt. Artenvielfalt ist stets ein Indikator für Nährstoffmangel. Kein Wunder also, dass nährstoffarme Gebiete wie Regenwälder, Korallenriffe oder blütenreiche Wiesen als Naturparadiese verherrlicht werden.

Die Verklärung des Mangels drückt sich ökonomisch im allgegenwärtigen Malthusianismus aus, also jener zigfach widerlegten Theorie, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht mithalten könne. Diese Theorie ist die Krankheit, als deren Heilung sie sich ausgibt.

Zusammen mit der stets herbeiphantasierten Apokalypse entsteht die gefährlichste Mischung, die es überhaupt gibt. Der Historiker Timothy Snyder warnt: »Wenn sich am Horizont eine Apokalypse abzeichnet, scheint es sinnlos zu sein, auf wissenschaftliche Lösungen zu warten, dann muss natürlich gekämpft werden, dann kommt die Stunde der Blut-und-Boden-Demagogen.« Wenn nebenwirkungsblinde Theoretiker und Moralapostel das Ruder übernehmen, hat das letzte Stündlein des liberalen Rechtsstaats bald geschlagen.

Tierschutzlabels für die Katz

A propos arme Tiere: Dass die Viehhalter mit Tierwohl-Initiativen aus der Defensive herauskommen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Anti-Fleisch-Propaganda wird auch dann nicht aufhören, wenn wir ein milliardenschweres staatliches Tierschutzlabel haben. Die Folge ist nur, dass Menschen als minderwertig abgestempelt werden, die noch Standardware kaufen und produzieren. Dabei können sich bereits heute allein in Deutschland über sechs Millionen Menschen aus finanziellen Gründen nicht mehr ausreichend mit eiweißreicher Nahrung und tierischem Eiweiß versorgen, vier Millionen Menschen können ihre Wohnungen nicht mehr angemessen heizen.

Heutzutage setzen die von den Medien hofierten Tierrechtler den Maßstab. Tierrechtler wollen die Nutztierhaltung nicht verbessern, sondern komplett abschaffen. Die tierrechtliche Botschaft ist ebenso einfach wie scheinplausibel: Wir müssen keine Tiere essen, weil wir auch Pflanzen essen können. Wenn wir dennoch Tiere essen, sind wir Unmenschen, die nur um des Genusses willen moralisch hochwertige Mitgeschöpfe killen.

Verbesserte Haltungsbedingungen sind für Tierrechtler Theresienstadt, die Standardhaltung gilt als Eternal Treblinka. »Tieren auf dem Bauernhof mehr Raum, mehr natürliche Umwelt, mehr Gefährten zu geben, macht aus dem fundamentalen Unrecht kein Recht. Nur die völlige Abschaffung der Nutztierhaltung kann das wieder gutmachen«, schreibt der Philosoph Tom Regan. Er ist die Ikone der Tierbefreier, nicht irgend jemand: sondern hoch angesehener, berühmter Professor.

Während wir noch über den Ringelschwanz debattieren, sind im naturethischen Diskurs schon längst Pflanzenwürde und Ehrfurcht vor Ökosystemen, Flüssen, Wäldern und Meeren beschlossen worden. Tiere wurden bereits zu vollgültigen Staatsbürgern erklärt, mit Bürgerrechten und allem Drum und Dran.

Die Tierrechtsorganisationen und –autoren machen den öffentlichen Druck und berufen sich explizit aufs Tierschutzgesetz, das leider 1986 und 2002 entscheidend verunstaltet worden ist. 1986 kam das »Mitgeschöpf« hinein, dessen Leben und Wohlergehen zu schützen sei (§ 1, 1), 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Beides fatale Missgriffe – siehe hierzu den kritischen Artikel von Wolfgang Löwer ab S.31. Auch diesen Entscheidungen haben es die Landwirte zu verdanken, dass immer mehr selbsternannte Tierbefreier unangemeldet ihre Ställe »besuchen«.

Die populäre Tierrechtlerin Hilal Sezgin schreibt in ihrem neuen Buch »Wieso? Weshalb? Vegan!« zum Thema Tierwohl: »Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil es ganz lausige Lebensbedingungen sind, die man minimal verbessert, um sich dann so ein Siegel zu verdienen […] Es gibt sogar ein Siegel vom Deutschen Tierschutzbund, das angeblich dafür bürgt, dass es den Tieren dort etwas besser ergangen sei als in anderen Ställen – bis man sie tötete. Ich finde, keine Sorte Fleisch verdient ein Tierschutzlabel. Denn wenn ein Tier im Alter von wenigen Wochen oder Monaten auf einem Teller landet, wurde es offensichtlich nicht gut geschützt, sonst wäre es nicht tot.«

Tierschützer, die das menschliche Interesse an hochwertiger Nahrung noch mitberücksichtigen, haben in dieser Logik gar nichts mehr verloren, denn der Mensch ist nicht mehr Teil der Gleichung. Der soll ja zurück ins Glied und sich in der Nahrungskette gefälligst wieder hinten anstellen. Tierschützer, die zu eng mit der bösen Agrarindustrie zusammenarbeiten, werden als Kollaborateure wahrgenommen und bekommen weniger Spenden. Tierrechtler wirken einfach glaubwürdiger, weil sie konsequenter sind bzw. erscheinen.

Megaställe und Höfesterben

Die öffentlich-rechtlichen Sender werden nicht einfach aufhören, den Tierrechtlern ihr Horrorfilmmaterial abzunehmen. Auch in Tierwohl-Ställen lässt sich entsprechendes Material leicht finden bzw. fälschen. Glauben Sie, es werden keine Bürgerinitiativen mehr gegen Massentierhaltung gegründet, weil die Ställe statt für 40.000 nur noch Platz für 5000 Hühner bieten? Nein. Dann haben sie statt einer Bürgerinitiative acht Bürgerinitiativen gegen Tierfabriken am Hals.

Eine Mastanlage mit 40.000 Hühnern wird von den Aktivisten als »Megastall« bezeichnet. »Mega« bedeutet als Vorsatz für Maßeinheiten 10 hoch 6 also eine Million. Wenn 40.000 in der Wahrnehmung 40 Millionen entspricht, wissen Sie ja, wie viele Hühner es nach Adam Riese pro Betrieb geben darf: 40. Und diese Zahl entspricht ziemlich genau der Fernsehidylle naturnaher, bäuerlicher Landwirtschaft – mit anderen Worten, der verklärten Mangelwirtschaft. Es gibt bereits eine Bürgerinitiative gegen einen Biohof mit Auslauf für 250 Hühner. Dem Landwirt wird Geldgier und Massentierhaltung vorgeworfen.

Die Grünen und zahlreiche NGOs beklagen ebenso lautstark wie scheinheilig das sogenannte »Höfesterben«, obwohl sie es mit ihren Auflagen und der Förderung von Bioenergie selbst vorantreiben. Sie fordern kleine Einheiten, weil sie wissen, dass diese nicht einfach wiederkommen, wenn die großen Ställe verboten sind. »Dass die kleinen Ställe wieder rentabel werden, ist so unwahrscheinlich wie das Wiederauferstehen kleiner Tageszeitungen, des Bleisatzes samt Setzern und kleiner Druckereien«, schreibt der Agrarstatistiker Georg Keckl.

Und nun bitte ich Sie, hier einfach Eins und Eins zusammenzuzählen! Ein amtierender, grüner Landwirtschaftsminister, nämlich Robert Habeck, hat bereits öffentlich verkündet, dass es für den Konsum tierlicher Lebensmittel keine moralische Rechtfertigung mehr gebe. Zugleich ziehen er uns seine Parteifreunde gegen das »Höfesterben« zu Felde, in dem Wissen, dass die kleinen Höfe von Anno dazumal allenfalls noch als museale Spielzeughöfe zur Verschönerung der Landschaft taugen werden (das meinte ich vorhin mit »Agrarmuseum«). Die Schlussfolgerung ist glasklar: Am besten soll es in Deutschland nur noch Naturflächen geben. Der erste Schritt dazu ist, die Äcker im Dienste der vergotteten Biodiversität so verunkrauten und verschimmeln zu lassen, dass sie keine Erträge mehr liefern, und dies als Dienst am Gemeinwohl auszugeben.

Meine Damen und Herren! Sie haben es vielleicht noch nicht gemerkt oder wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber Sie sind bereits verurteilt. Sie brauchen sich nicht mehr zu rechtfertigen. Sie sind Objekte einer geschlossenen Ideologie, einer zirkulären Logik und Adressat von widersprüchlichen, paradoxen Forderungen der Kategorie »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«. In dieser Konstellation können sie nicht gewinnen. So lange Sie im Rechtfertigungsmodus bleiben, es recht machen wollen, werden Sie nicht aus der Defensive herauskommen. Schlimmer noch – Sie werden aufgerieben. Fassen Sie bitte ins Auge, dass das der Sinn der ganzen Veranstaltung ist.

5 Gedanken zu „Auf dem Weg zum Agrarende

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  2. Sie schreiben, dass sich Millionen von Menschen in Deutschland keine eiweißreichen tierischen Produkte leisten könnten. Haben Sie dafür Belege in Zahlen?

      • Vielen Dank für den interessanten Link.
        Allerdings bin ich bei diesen Zahlen sehr skeptisch. Ich bin Studentin mit eigener Wohnung. Ich muss sämtliche Haushaltsausgaben (Essen, Waschmittel etc.) von 100 Euro im Monat bestreiten. Das Geld ist immer knapp. Waschmaschine oder so darf nicht kaputtgehen, da ich auch keine hunderte von Euro aus dem Ärmel schütteln kann. Ich kann mir kaum meine Heizung leisten, von Urlausbreisen kann ich nur träumen. Ich würde mich deshalb aber nie als arm bezeichnen. Wenn ich einkaufen gehe, muss ich mit 20 Euro für eine Woche klarkommen. Das erste, was immer in mein Einkaufskörbchen wandert, sind Eier, Fleisch und Fisch. Erst danach kommt etwas anderes. Natürlich kann ich nur das billigste bei Aldi einkaufen, aber ich kaufe immer bewusst zuerst die tierischen Produkte. Hartz-4-Empfänger haben deutlich mehr Geld zur Verfügung als ich.
        Das Problem ist, denke ich, dass die Leute heute keine Haushaltsführung mehr beherrschen und auch nicht mehr kochen können. Ich jobbe in einem Supermarkt und wenn ich sehe, was die Leute kaufen, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Da wandern Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten und Fertigprodukte in den Einkaufswagen, aber dann heißt es, man könne sich kein Fleisch leisten. In Deutschland kann keiner mit der Ausrede kommen, er könne sich kein Fleisch leisten. Es kommt immer darauf an, wo man die Prioritäten setzt.

        • Ich möchte mal darauf hinweisen, damit diese Aussage man könne mit wenigen Euro sein Leben gestalten, nicht völlig unwidersprochen hier steht.

          Natürlich geht das für einen Studenten irgendwie für ein paar Jahre, da ist die Perspektive und der Lebensinhalt klar gereglt und der Sinn des Einkaufs ist das nackte Überleben um das Studium hinter sich zu bringen und dann Geld zu verdienen. Die Perspektive ist klar. Man will gar nicht gegen die gesetzten Grenzen aufbegehren, sondern nimmt diese als ein notwendiges Übel auf dem Weg dem Ziel entgegen. Die Einschränkungen werden nicht so stark als solche empfunden, sondern sind der Eingangspreis für die künftige Lebensperspektive mit Einkommen und warscheinlich etwas Wohlstand.

          Die Bedürfnissstruktur ist allgemein sehr individuell, auch vom Lebensalter und Lebensmittelpunkt getragen. Gerade Hartz4 Empfänger sind hier beste Beispiele. Es gab mal so eine Lektüre, eine Broschüre, die sollte angehende Hartz4 Empfänger auf die Zeit des Verzichts hinweisen. Es gab einen Aufschrei unter Linken, zu Unrecht wie ich meine. Es ist klug sich einzurichten wenn man plötzlich weniger Geld hat und nur das wurde in Broschüre angsprochen. Ich fand sie ganz ok.

          Hier müssen die Menschen nämlich verzichten. Sie stammen vielleicht aus ganz anderem Lebensmittelpunkt. Sind aber krank geworden oder haben meist ohne Selbstverschulden ihre Jobs verloren. Sind zu alt geworden, gehen vielleicht sogar schon auf die Rente zu oder hatten Suchtprobleme, vielleicht harte gesundheitliche Einschnitte und sind jetzt auf Hartz4 – meistens ohne Perspektive. Die Perspektive ist in aller Regel working poor. Aufsteigen aus dieser Ruine ist je nach Ursache für den Abstieg nicht mehr möglich bzw. schaffen das nur sehr wenige – wenige Prozent oder wenn ich mich recht entsinne sogar dauerhaft nur irgendwas im Promillebereich pro Jahr!.

          Insofern ist das schon etwas ganz ganz anderes. Das Verhaltensproblem mit der Ernährung von armen Menschen hat nicht immer nur mit der Bildung zu tun, aber definitiv auch damit. Es ist auch das einzige was sich diese Menschen oft leisten können um sich „etwas zu gönnen“. Ist nicht sinnvoll, nicht zielführend, aber manche Menschen ticken so. Es ist nicht selten ein Aufschrei nach einem mehr an Leben was sich die Menschen durch Lebensmittel bestimmter Art einverleiben. Es wirkt über das Belohnungszentrum auch, allerdings nicht dauerhaft.

          Man muss sich also sehr klar vor Augen führen, das es um keine homogene Gruppe geht, sondern ein bunt gemischter Haufen unter Hartz4 subsumiert wird. Langzeitarbeitslose mit Suchtprobletik, psychisch Kranke, die keine Verrentung bekommen, 55+ ohne große Chancen am Arbeitsmarkt. Alleinerziehende Eltern oder auch häufig sind zwei Eltern mit einem oder mehreren Kindern, die ergänzende Hartz4-Leistungen erhalten, weil die Verdienste schon längst nicht mehr reichen um eine Familie über Wasser zu halten.

          Studenten sind jedoch in ihrer Lebenssituation sehr homogen. Sie trennt selten allzuviel. Die meisten sind jung, manche wild, einige verwöhnt, viele müssen seit Bologna arbeiten um studieren zu können. Alle aber eint der Wille und das Ziel ein Studium abzuschließen und ihre Lebensgrundlage so gut sie können zu errichten. Die Perspektive steht, gewollter Verzicht für eine Weile.

          Bei Hartz4 steht keine Perspektive mehr, Verzicht ist Verlust des ursprünglichen Lebensmodells und oft das Ende der Träume.

          Wer meint, das Hartzler wuchern können mit ihrem Minihartz (Peter Hartz bzw. die Komission hatte zur Einführung von Hartz4 511 Euro empfohlen, davon sind wir jetzt 15 Jahre weiter immer noch sehr weit entfernt. Gerade einmal 409 Euro 2018 werden es 416 sein. Wohlgemerkt: Strom, Fahrtkosten, Telefon, Internet, Handykosten alles erstmal weg. Kleidung und kaputter Kühlschrank, Waschmaschine oder Renovierung. Alles wird davon finanziert, genauso wie Zuzahlungen zu Medikamenten oder andere medizinische Produkte, die selbst finanziert werden müssen.

          Ich hoffe der gemeine Student, der übrigens erstmal genauso viel bis zu einem vielfachen eines Hartz4 Empfängers während seines Studiums den Staat kosten kann, überlegt sich nach dieser Erläuterung noch mal das mit dem plumpen Vergleich von Sozialleistungsbeziehern und seinem Ausbildungsdasein.

          in besten Grüßen aus dem Land der Langeweile

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