»Mitgeschöpf«

Die Schlagworte »Mitgeschöpf« und »Mitgeschöpflichkeit« erfreuen sich in der Debatte um Tierrechte und Tierschutz größter Beliebtheit. Das »Mitgeschöpf« ist Anfang 1987 ins deutsche Tierschutzgesetz eingewandert (§ 1, 1) und treibt dort seitdem sein Unwesen. Die juristischen Kommentare betonen, dass das deutsche Tierschutzgesetz im Zeichen der Mitgeschöpflichkeit stehe. Ob sie damit dem Tierschutz sowie den Menschen einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden.

Schaffe, schaffe, G’schöpfle baue … 

»Mitgeschöpf« ist eine Wortschöpfung des Pietismus; die »Mitgeschöpflichkeit« wurde vom Schweizer Theologen Fritz Blanke erfunden und meint so etwas wie »artübergreifende Menschlichkeit«. Das hört sich schön an, besagt aber nichts. Um es kurz zu machen: Theologisch betrachtet ist alles, was existiert, »Geschöpf« – mit Ausnahme von Gott selbst. Aus dem Geschaffensein als solchem folgt daher moralisch und rechtlich nicht das Geringste.

Warum sollten wir Tiere nur deshalb moralisch berücksichtigen, weil sie nicht Gott sind? Das trifft auf uns selber ebenso zu wie auf Pflanzen, Pilze, Steine, Schneeflocken oder Sternenstaub. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man der profanen Geschöpflichkeit feierlich die Silbe »Mit« voranstellt.

Wer ein Schwein als Mitgeschöpf bezeichnet, muss auch dessen Lungenwürmer als Mitgesch(r)öpfe bezeichnen. Entscheidet man sich, die Würmer zu töten, um das Schwein zu retten, etabliert man damit eine Hierarchie der Lebewesen, die sich aus der Tatsache ihres Geschaffenseins in keiner Weise ergibt. Das seitenlange Kleingedruckte macht den ganzen Mitgeschöpf-Vertrag zur Makulatur. Am Ende bleiben doch immer nur die paar Lieblinge des Menschen übrig. »Mitgeschöpflichkeit« ist also nichts weiter als eine Lizenz zum Heucheln.

Geschöpf ohne Gott?

Ganz zu schweigen von dem Tatbestand, dass man an einen Gott glauben muss, der alles geschaffen hat. Wer die Mitgeschöpflichkeit propagiert, müsste streng genommen erst einmal die Existenz eines Schöpfers rational beweisen oder zumindest plausibel machen, sodann zeigen, dass dem Schöpfer irgend etwas an seinen Geschöpfen gelegen ist.

Denn es spricht ja alles dagegen, dass Gott sich um’s Wohlergehen seiner Geschöpfe besonders sorgt. Ein allgütiger Gott hätte die Welt schließlich so schaffen können, dass zumindest unkompensiertes Leid darin nicht vorkäme, oder er hätte auch gleich eine Welt voller Wonneproppen basteln können. Hat er aber nicht. Außerdem müssten die Mitgeschöpfianer noch das Medium benennen, mittels dessen Gott den Geschöpfen seine Wünsche mitteilt. Derlei Mühe spart man sich heute gerne und geht lieber gleich zum gemütlichen Teil über: der willkürlichen Proklamation von diesem und jenem.

In ihrer Stellungnahme zum Tierschutzgesetz machen die Rechtsphilosophen Julian Nida-Rümelin und Dietmar von der Pfordten denn auch kurzen Prozess mit der Mitgeschöpflichkeit: »Einem wenig rationalen Dezisionismus in Normierungs- und Abwägungsfragen erscheint hier Tür und Tor geöffnet.« Mit anderen Worten: »Sechs, setzen!« Oder: Fuck ju, Mitgeschöpf! 

Absolution durch Evolution?

Warum ein derart religiös aufgeladener Begriff überhaupt für die Gesetzgebung eines Staates verbindlich sein soll, der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, steht in den Sternen bzw. in den juristischen Kommentaren zum Tierschutzgesetz. Im Kommentar von Kluge et. al. wird zur Begründung die haarsträubende Behauptung aufgestellt, Mitgeschöpflichkeit könne auch mit der Evolution und der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen begründet werden.

Evolution im modernen Sinne ist jedoch ein unbewusster, subjektloser Prozess. Aus der Tatsache, dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickelt haben, folgt ebenfalls moralisch und rechtlich nicht das Geringste – zumal bei dieser Interpretation die unbelebten Geschöpfe vollends unter den Tisch fallen. Hier werden stillschweigend wertfreie biologische Fachtermini moralisch interpretiert. »Genetische Verwandtschaft« bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die Hefepilze, mit welchen wir 40 % der Gene gemeinsam haben, als unsere Kinder betrachten müssen, die nach unserem Tode Anspruch auf einen Pflichterbteil von 40 % unserers Erbes hätten. Da überdies auch Pflanzen mit uns genetisch verwandt sind, müsste das Tierschutzgesetz auf diese ausgedehnt und damit ad absurdum geführt werden.

Der Versuch, die Mitgeschöpflichkeit pseudowissenschaftlich mit Hilfe der Evolution zu retten, kann nicht gelingen. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen und solche Nonsens-Begriffe aus der Gesetzgebung zu tilgen, werden ihnen dort Heiligenscheine verpasst.

Nonsens ist übrigens auch der beliebte Imperativ, die Schöpfung zu bewahren. Er ist theologisch schlicht Blasphemie, denn nur Gott selbst hat die Macht, seine Schöpfung zu zerstören. Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.

4 Gedanken zu „»Mitgeschöpf«

  1. Pingback: »Würde der Kreatur« | Meinung Wahn Gesellschaft

Schreibe einen Kommentar zu Jens Knobloch Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.