»Anthropozentrismus«

In der Diskussion um Tierschutz und Tierrechte fehlt selten die wohlfeile Klage darüber, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt betrachte und sich eine besondere Stellung im Kosmos anmaße. Der Anthropozentrismus sei die Wurzel allen Übels und müsse überwunden werden, damit die Natur zu ihrem »Recht« kommen könne.

Eingebildeter Perspektivenwechsel

Leute, die so etwas behaupten, nennen sich gerne »Biozentristen« oder »Physiozentristen«. Erstere bilden sich ein, die Perspektive der belebten Natur einzunehmen, letztere glauben, die Stimme des gesamten Kosmos zu sein. Beide schwingen sich zu Interessensvertretern der außermenschlichen Welt auf. Doch egal, ob sie sich nun Tier-, Pflanzen-, Fluss- oder Planetenkostüme anziehen: Sie bleiben immer nur Menschen mit spezifisch menschlicher Wahrnehmung und Moral.

In Biozentrismus und Physiozentrismus offenbart sich »eine gesteigerte Anthropozentrik, die der Natur die menschlichen Vorstellungen unterlegt oder überstülpt“, bemerkt der Philosoph Lothar B. Schäfer. Das erinnert an Mister Bean, der sich selber ein Geschenk einpackt und beim späteren Auspacken überrascht über den Inhalt der Verpackung zeigt.

Was geht das schon den Kosmos an?

Wer hingegen ernsthaft versucht, eine außermenschliche Perspektive zu gewinnen, dem geht schon beim ersten Schritt die Ethik von der Fahne. Begibt man sich auf die Ebene des Tierreichs, sind dort nur sporadisch Verhaltensweisen erkennbar, die man mit viel Fantasie als Rumpfformen von Moral deuten könnte. Schon aus tierlicher Perspektive brauchten Menschen also nicht mehr moralisch zu sein, wenn unter Moral ein Kanon von Normen verstanden wird, nach denen Handlungen und Gedanken beurteilt werden.

Geht man nun weiter über das Pflanzenreich und die unbelebte Natur in die unendlichen Weiten des Universums, löst sich alles in reine Gleichgültigkeit auf. Aus kosmischer Perspektive ist es gänzlich einerlei, was auf der Erde mit irgendwelchen Wesen passiert. Dass sie entstehen, herumwuseln und vergehen, juckt das Universum kein bisschen.

Mit anderen Worten: Da mit dem Anthropozentrismus sogleich auch die Moral über Bord geht, ist es widersinnig, den Anthropozentrismus moralisch zu kritisieren. Er ist schlicht unhintergehbar, sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in ethischer Hinsicht. Selbst die sogenannte pathozentrische Ethik, die das Leiden aller (fühlenden) Lebewesen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt, ist aus dem Anthropozentrismus abgeleitet, da sie dem menschlichen Wunsch entspringt, alle leidfähigen Lebewesen moralisch zu berücksichtigen.

Man kann den Anthropozentrismus zwar nicht eliminieren, aber man kann prüfen, wie aufgeklärt Personen über genau diesen Tatbestand sind. Nicht nur die selbsternannten Biozentristen oder Physiozentristen sind diesbezüglich unaufgeklärt, sondern auch viele moderne Verhaltensbiologen, die wie im Wahn alle Tiere und Pflanzen unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie ähnlich sie dem Menschen sind. Kaum stochert der eine Affe anders mit dem Stock nach Termiten als sein Artgenosse in einer entfernten Population, haben beide schon »Kultur«. Diese manische Fixierung ist wissenschaftlich wenig fruchtbar und taugt vor allen zur ideologischen Herabsetzung des Menschen. »Das Tier wird als Naturgegenstand gerade nicht ernst genommen, sondern [...] in menschliche Kleider gesteckt und wie im Fernsehfilm zum albernen Vorturnen gezwungen«, kritisiert der Philosoph Peter Janich.

Höher entwickelt oder nur zu heiß gebadet?

Aus dieser zu »bahnbrechenden Erkenntnissen« aufgeblasenen verhaltensbiologischen Mode ziehen Tierrechtler ihren Vorteil. Sie können sich auf die unaufgeklärt anthropozentrische Rede von »höher entwickelten Tieren« berufen und an die wissenschaftlich überholte Skala der Wesen (scala naturae) mit dem Menschen als Fluchtpunkt anknüpfen. Ganz weit oben rangieren – wen wundert’s? – unsere nächsten Verwandten. Im offenen Selbstwiderspruch kritisieren viele Tierrechtler den Anthropozentrismus und fordern zugleich Menschenrechte für Menschenaffen, weil diese uns gleichen. Tierrechtler leugnen vehement jegliche Sonderstellung des Menschen und berufen sich im nächsten Atemzug auf sie, indem sie nur vom Menschen verlangen, andere Tiere moralisch zu berücksichtigen

Die Rede von höher entwickelten Tieren führt jedoch in die Irre: »Der verzweigte Baum der Evolution hat nicht nur einen, sondern Millionen Kulminationspunkte – nämlich je einen in jeder auf der Erde lebenden Art«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stephen Budiansky. »Die Vorstellung, dass die Fische momentan auf Stufe 21 festsitzen und mit aller Macht versuchen, auf Stufe 22 aufzusteigen, ist in evolutionsgeschichtlicher Sicht barer Unsinn. Die Fische sind durch Jahrmillionen währende Evolution ihrer eigenen, sehr speziellen ökologischen Nische angepasst. Dazu mussten sie sich ebenso lange entwickeln wie wir. Keineswegs sind sie bloß Beispiele einer halb fertigen Evolution, deren Kulminationspunkt der Mensch (womöglich gar der nordische) wäre.«

Gottopozentrismus?

Das Muster des übersteigerten Anthropozentrismus schlechthin ist der Glaube an einen Gott – das meinen zumindest religionskritische Autoren. Bereits der antike Philosoph Xenophanes von Kolophon (570–475 v. Chr.) äußerte den Verdacht, dass die Gottesvorstellungen bloße Projektionen menschlicher Eigenschaften seien. Baruch de Spinoza (1632–1677) formuliert diesen Gedanken folgendermaßen: »Denn ich glaube, dass ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, dass ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund.«

Es ist grotesk, wenn heute christliche Ethiker in die Klage wider den Anthropozentrismus einstimmen, obwohl das Christentum mit seiner Fixierung auf Jesus ohne Anthropozentrismus gar nicht auskommt. Christus ist eben Gott und Mensch zugleich. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch überdies eindeutig als Sonderanfertigung beschrieben. Manche christliche Theologen opfern sogar den Heiland selbst, um sich dem Zeitgeist gemäß mit tierethischen und naturethischen Phrasen zu profilieren.

 

3 thoughts on “»Anthropozentrismus«

  1. Warum sollte es mir schwer fallen, mich in die Perspektive eines anderen Säugetieres zu versetzen? Ich bin doch selbst ein Säugetier, das eine große Schnittmenge der Trieben und Bedürfnissen mit anderen Tieren teilt. Wenn ich Hunger habe, Spieltrieb verspüre, Ruhe genieße oder neugierig bin. Denken Sie nicht, dass die inneren Reaktionen sehr ähnlich ablaufen? Glauben Sie nicht, dass ähnliche Emotionen vorhanden sind? Es hat sich doch alles in einer weitgehend gemeinsamen Evolution entwickelt. Erst irgenwo kurz vor dem Schritt der Kulturschaffung heben wir uns ab. So kommt es, dass niemand ernsthaft ein Recht auf das eigene Bild für Affen fordert.

    Umgekehrt fällt es mir manchmal sogar schwer, mich in mein menschliches Gegenüber hereinzuversetzen (besonders vom anderen Geschlecht). Ganz zu schweigen von anderen Kulturen. Es sind und bleiben Mutmaßungen, was andere Menschen empfinden. Nichtsdestotrotz bin ich kein Egozentiker, sondern kann auch anderen Menschen Würde zusprechen und nicht nur mir selbst. Dies bräuchte ich jedoch nicht, wenn die kosmische Gleichgültigkeit mein Maßstab wäre.

    Ich gebe zu, je weiter andere Wesen von meiner Beschaffenheit entfernt sind, desto schwerer fällt die Empathie und driftet irgendwann ins Groteske ab. Aber ich mache diesen Schnitt mit Sicherheit nicht zwischen Mensch und Menschenaffen, wie jemand, der Entscheidungen streng anthropozentrisch fällt. Ich würde es z. B. nicht schaffen, einen verwendeten Primaten zu beobachten, ohne mich an das eigene Schmerzempfinden erinnert zu fühlen.

    • Aus evolutionär entwickelten Homologien ergibt sich kein »ähnliches Empfindungsvermögen«. Die Tatsache, dass Sie genau wie eine Spitzmaus oder ein Elefant als Jungtier ein Sekret zum Wachstum aufgenommen haben, bedeutet in diesem Zusammenhang nichts. Der Neokortex eines Schimpansen ist z.B. nur ein Fünftel so groß wie der des Menschen. Daraus könnte man mühelos ableiten, dass wir vom inneren Erleben der Schimpansen meilenweit entfernt sind.
      Wie Sie es auch drehen und wenden – Sie müssen immer schon voraussetzen, dass Ihre inneren Reaktionen und die der Tiere gleich bzw. »ähnlich« genug sind. Alle Begriffe innerer Zustände sind uns nur aus dem Zusammenleben miteinander bekannt – und zwar vermittelt durch unsere Sprache. Schon die Behauptung, dass Tiere »spielen«, ist eine metaphorische Übertragung (und damit notwendig anthropozentrisch). Eine junge Katze »spielt« ganz anders als ein Kind. Das Spiel von Kindern ist zu einem erheblichen Teil Rollenspiel und beruht auf Metarepräsentation. Davon ist bei Tieren nichts zu finden. Sicher »ähnelt« dieses Spiel dem der Tiere irgendwie. Aber der Analogischluss aufs innere Empfinden ist viel zu forsch und einfach unwissenschaftlich.

  2. Da fällt mir doch glatt eine alte chinesische Dummheit ein:

    [191] Dschuang Dsï ging einst mit Hui Dsï spazieren am Ufer eines Flusses.
    Dschuang Dsï sprach: »Wie lustig die Forellen aus dem Wasser herausspringen! Das ist die Freude der Fische.«
    Hui Dsï sprach: »Ihr seid kein Fisch, wie wollt Ihr denn die Freude der Fische kennen?«
    Dschuang Dsï sprach: »Ihr seid nicht ich, wie könnt Ihr da wissen, daß ich die Freude der Fische nicht kenne?«
    Hui Dsï sprach: »Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, daß Ihr nicht die Freude der Fische kennt.«
    Dschuang Dsï sprach: »Bitte laßt uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Ihr habt gesagt: Wie könnt Ihr denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wußtet Ihr ganz gut, daß ich sie kenne, und fragtet mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß.«

    Ich war elf Sommer lang auf Almen in Tirol und der Schweiz als Hirt und Senn zugange. Ich habe die Freude der Kühe und Kälber gesehen und verspürt, wenn sie im gestreckten Galopp die Weide runter galoppiert sind, Schwanz in der Höhe. Ich habe dabei selbst Freude empfunden. Ich wüsste nicht, wie ich als Mensch, dem die Sprache eignet (manche meinen ja umgekehrt, die Sprache ereigne sich gleichsam über und im Menschen) dies zur Sprache bringen könnte, wenn ich nicht das Wort Freude dafür verwenden dürfte. Können sich Kühe freuen? Ich weiß es freilich nicht und werde es nicht wissenschaftlich ernsthaft in Frage stellen, das heißt: gar nicht erst als Frage formulieren. Ich habe es erfahren. Das mag romantisch und läppisch anmuten und ist es wohl auch. Es kümmert mich dies aber nicht. Daraus Tierrechte abzuleiten, oder deshalb darauf zu vergessen meine Kühe zu melken, oder ihnen ein Recht auf Unversehrtheit bis an ihr “natürliches” Lebensende abzuleiten, wäre mir allerdings nicht im Traum eingefallen.

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