Glückliche Tiere?

»Milch von glücklichen Kühen«, »Eier von glücklichen Hühnern« – diese Schlagworte sind allgegenwärtig und prägen die Debatten um die Nutztierhaltung. Viele Konsumenten behaupten, es sei ihnen wichtig, dass Nutztiere nicht nur gesund und munter, sondern auch glücklich seien.

Gefühlsübertragung 
Wie bei allen Übertragungen menschlicher Regungen auf das Tier besteht auch beim Thema »Glück« das grundsätzliche Problem darin, dass die Tiere uns nicht in Worten mitteilen können, was sie empfinden. Man kann die Tiere nicht sinnvoll fragen: Seid ihr glücklich?

Jede Gefühlsregung ist uns nur aus dem Zusammenleben und der sprachlichen Kommunikation mit unserersgleichen bekannt. Sprache ist nicht einfach ein Abbild dessen, was im Inneren geschieht, sondern konstruiert dieses entscheidend mit. Schreiben wir anderen Lebewesen also bestimmte Gefühle zu, so handelt es sich hierbei immer um metaphorische Übertragungen. Wir wenden die entsprechenden Begriffe an, wie wir etwa einen Schraubendreher zum Büchsenöffnen anwenden (zur näheren Erläuterung siehe hier).

Wenn wir auch Kindern, die noch nicht sprechen können, Glücksempfindungen zuschreiben, liegt das daran, dass Kinder Menschen sind, die eine bestimmte Entwicklung durchleben, die der unsrigen gleicht. Man war schließlich selber mal Kleinkind und schließt als Erwachsener darauf zurück. Man war aber nie ein Ferkel oder ein ausgewachsenes Schwein – außer im übertragenen Sinn.

Deshalb sind die beliebten Vergleiche zwischen Kleinkindern und erwachsenen Tieren hier unangebracht. Dass erwachsene Schweine oder Hunde bestimmte kognitive Fähigkeiten haben, die denen von Kleinkindern ähneln, bedeutet nicht, dass sie dasselbe empfinden. Es gibt keine logische Brücke vom einen zum anderen. Es gibt auch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen evolutionären Homologien – zum Beispiel einem ähnlichen Nervensystem – und innerem Erleben. Denn 1. können schon kleine Unterschiede große Differenzen ausmachen und 2. ist das innere Erleben Dritten vollkommen unzugänglich, wenn die Vermittlung über eine Wortsprache inklusive Semantik fehlt (zur näheren Erläuterung siehe hier, Kapitel: »Von hinten durch die Brust ins Auge«)

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist qualitativer Art. Der Mensch ist ein anderes Lebwesen als ein Hund oder Schwein oder Schimpanse. So etwas muss man den Leuten heute erklären, da sie von der allgegenwärtigen Pseudowissenschaft und vom Disneykonzern dumm gemacht wurden.

Ein großes Wort
Will man Begriffe, die menschliche Regungen bezeichnen, auf Tiere anwenden, muss erst einmal geklärt werden, was sie beim Menschen selbst bedeuten. Dies nimmt sich beim Begriff »Glück« allerdings schwierig aus. Schon beim Menschen unterscheiden sich die Glücksvorstellungen beträchtlich. Aristoteles verstand darunter, als philosophierendes Wesen den Göttern nahezukommen. Vernunftlose Tiere seien daher zum Glück nicht fähig. Andere meinen hingegen, dass ausgerechnet seine Vernunftfähigkeit den Menschen unglücklich mache.

Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi glaubt wiederum, Glück bestehe in völliger Vertiefung in eine Tätigkeit (»Flow«). Nun kann man zwar sagen, dass Tiere weit mehr »im Augenblick vertieft« leben als Menschen. Dass sie deswegen glücklicher sind, kann indes bezweifelt werden. Sigmund Freud war gar der Auffassung, es sei im Plan der Schöpfung schlichtweg nicht vorgesehen, dass der Mensch – und damit wohl auch das Tier – glücklich sei.

Wenn der Hahn kräht …
Was nun die »glücklichen« Kühe oder Hühner betrifft, so haben die Leute beim Gedanken daran meist Haltungsbedingungen rückständiger Landwirtschaft von anno dazumal im Kopf: Hühner auf dem Mist, Kühe auf der Weide, Schweine auf der Koppel oder im Wald. Es ist offenkundig, dass die Menschen hier ihre eigene Verklärung der »guten alten Zeit« auf das Empfinden der Tiere übertragen.

Damals, so glauben sie, habe Landwirtschaft mehr im Einklang mit der Natur gestanden. Die früheren Haltungsformen seien »naturnäher« und deshalb besser gewesen als die modernen. Natur bedeutet aber in erster Linie Mangel und Tod. Da die natürliche Selektion umso mehr greift, je »natürlicher« die Tierhaltung ist, sind die Verluste und Krankheiten in solchen Haltungsformen größer als in der verpönten »Massentierhaltung«.

Man sieht, dass bei solchen unreflektierten Anwendungen dem freien Projizieren Tür und Tor geöffnet wird. Das »Glück« der Tiere ist das der Menschen, die Tiere betrachten. Die Tierrechtlerin Hilal Sezgin meint zum Beispiel, es sei schön für eine Schwalbe, durch die Gegend zu fliegen und Nahrung für ihre Jungen zu sammeln. Diese Äußerung sagt allerdings mehr über die Gefühle einer kinderlosen Feuilletonistin aus als über das Empfinden der Schwalbe selbst, die sich bis zur Erschöpfung für den gierigen Nachwuchs abrackert. Eine mit Kindern und Haushalt überforderte Mutter würde vielleicht eher beklagen, wie schrecklich das Dasein der armen Schwalbe doch sei.

Arttypisch = glücklich?
Zu solchen Projektionen zählt auch die Gleichsetzung von arttypischem Verhalten mit subjektiven Glücksempfindungen der Tiere. Arttypisches Verhalten ist jedoch nicht dasselbe wie artiges Verhalten. Liest man zum Beispiel das Jugendbuch von Hilal Sezgin, bekommt man den Eindruck, die Fauna sei eine große Heilsarmee, wo Schweine »nachweislich« schon zwei Menschenleben gerettet haben und alle nur knuddeln, suhlen, laufen oder spielen wollen. Mit keinem Wort werden dort unangenehme arttypische Verhaltensweisen geschildert.

Doch für viele Arten sind zum Beispiel die Tötung von Jungtieren (Infantizid) und Kannibalismus typisch – und zwar auch für die »knuddeligen«, wie Erdmännchen, Mäuse, Bären, Schweine, Affen, Vögel und viele andere mehr. Das typischste Verhalten für die meisten Tiere ist das Abwehrverhalten im Maul des Fressfeindes. Fluchtverhalten ist auch sehr typisch.

Um das Tierwohl zu gewährleisten, versucht man daher, eine ganze Reihe arttypischer Verhaltensweisen zu unterbinden, zum Beispiel Penisbeißen, Schwanzbeißen, Federpicken, blutige Rangkämpfe etc. Diese werden zu Unrecht der »Massentierhaltung« angelastet.

Man könnte also dieser Logik entsprechend folgendes behaupten: Es macht den Eber glücklich, wenn er in den Penis des Nachbarn beißt; es macht dem Mastschwein Freude, den Schwanz des Stallgenossen anzuknabbern; das Huhn zieht tiefe Befriedigung daraus, ein anderes Huhn von Innen aufzupicken; die Katze fühlt sich großartig, wenn sie mit ihrer Beute spielt. »Aus neutraler Forscherperspektive könnte Kannibalismus auch eine Form der Zuneigung sein«, heißt es in einem Artikel zum Thema. Na dann: guten Appetit!

Fazit

Es ist ebenso verführerisch wie verfehlt, einfach von seinen eigenen Befindlichkeiten auf die der Tiere zu schließen. Dies kann zu dramatischen Fehleinschätzungen führen, was zum Beispiel die Tiergerechtheit von Haltungsformen betrifft. In Debatten um Tierschutz wird die Gleichsetzung menschlicher und tierlicher Regungen von vielen Beteiligten bewusst als Kampfmittel benutzt. Motto: »Stell dir vor, du wärst ein Schwein … «. Man kann sich auch vorstellen, ein Dreieck zu sein, das neidisch auf die vielen Ecken des Dodekaeders ist.

Die Debatten ums »Glück« der Nutztiere sind von den irrationalen Vorstellungen dominiert, die Großstädter von der Natur haben. Durch diese verzerrte Wahrnehmung werden Tiere in »künstlichen« Haltungsformen als unglücklich bezeichnet, obwohl sie im Schnitt gesünder und nach messbaren Kriterien besser leben als in den »naturnahen«. Wie viele Tiere in der verklärten Haltung sterben und leiden, ist dann buchstäblich egal – Hauptsache, sie sind »glücklich« (also zum Beispiel an der frischen Luft).

Die Vorstellung, dass Tiere zufrieden oder »glücklich« sind, wenn sie arttypisches Verhalten ausleben, ist hochgradig naiv. Auf die Idee kann nur kommen, wer ein allzu idyllisches Bild von Natur und Tieren hat. Es wird auch nicht verstanden, dass die vermeintliche Freude des einen Tieres sehr häufig das Leid eines anderen zur Folge hat.

8 Gedanken zu „Glückliche Tiere?

  1. Im Schulunterricht käme man auch nicht auf die Idee, einem Dreieck mehr Platz als eine DIN-A-4-Seite einzuräumen. Warum wird für ein paar Hühner mehr Platz gefordert? Ohne jeden Beweis, dass Vieh überhaupt leiden können, und mit der Möglichkeit, dass ihnen Enge behagt. Wir bezahlen wegen der Tierwellnessvorschriften viel zu hohe Lebensmittelpreise. Dank grünlinker Menschenknechtungsagenda, Deutschen- und Deutschlandhasser!

    • Hohe Lebensmittelpreise in D ?Setzen Sie mal eine Brille auf, schalten Sie den Hirnschrittmacher ein und gehen Sie einkaufen. Dann googeln Sie mal, was die Lebensmittel vor 30 Jahren gekostet haben und wie lange Sie dafür arbeiten mussten.

      • nicht alle sind mit einem Einkommen gesegnet – es gibt Regionen, da haben die Menschen weder Aussicht oder Hoffnung auf ein erfülltes Leben noch Geld auf Tasch – da sagen die Leute schon das Butter, Brot und Milch zu teuer sind – traurig oder …

    • ….sie nutzen ja auch gleich den Artikel für ihre Deutschtümmelein – darum ging es aber garnicht … und obwohl ich den Zeilen oben zustimme finde ich Massentierhaltung trotzdem furchtbar und ekelhaft – genauso wie das Fressverhalten der von Ihnen so mitleidig ins Spiel gebrachten Landsleute. Fleisch sollte nicht tgl. gefressen werden – es sollte schon etwas besonderes sein – ist auch für den Geist besser — haha …. und im Übrigen schmeckt mir so eine auf dem Lande aufgewachsene Gans tausendmal besser als eine aus ner Anlage …. die sind viel zu zäh …. deshalb lieber linksgrün versifft und dafür aber mit Schmackes ….

  2. Vielen Dank für diesen Artikel. Ähnliches Gedankengut erlebe ich täglich bei den Spaziergängen mit meinen Hunden. Babysprache, Verhätscheln, Verzärteln, jedes noch so rüpelhafte und despektierliche Verhalten ggü. Mensch und Tier (Anknurren, Zähne zeigen, Stellen, Beißen, …) rechtfertigend. Gerade Frauen sind da ganz groß. Um des eigenen guten Gefühls wegen werden Hunde aus dem Ausland „gerettet“, obwohl in deutschen Tierheimen sowieso schon viel zu viele einsitzen. Und nach der „Rettung“ wird sich bestenfalls noch um das körperliche Wohl gesorgt. Nicht aber um das „seelische“ (mir fällt kein besserer Ausdruck ein). Ängstliche Hunde wie auch ziemliche Rabauken werden totgeredet, bemuttert, betreut, betüdelt und bemacht. Über 95 % der sog Hundetrainer befeuern dieses irrwitzige Verhalten der Hunde durch noch mehr Agility, durch noch mehr Futterbestechung. Aber keiner versteht, daß ein zufriedener Hund ist, der ruhig ist und reizneutral. Und das die meiste Zeit des Tages. Sehr viel mehr braucht er nicht (Futter, Bewegung, Disziplin, Zuneigung sehe ich nur als Selbstverständlichkeit an). Aber es wird „beschäftigt“ auf Teufel komm raus. Er müsse sich „auspowern“ und dergleichen Unsinn mehr. Oder man freut sich über einen „schönen“ Hund. Hunde interessiert „Schönheit“ absolut nicht, wie andere Tiere auch nicht. Das ist nur menschliches Kopfkino. Und eine der Folgen solch irrwitziger „Hundeliebe“ sind nicht nur steigende Beißvorfälle, sondern auch die sich häufenden Qualzuchten. Zuchten, bei denen nicht auf eine gesunde Hunderasse abgestellt wird, sondern eben auf ein irrationales Schönheitsideal. Oder will jemand ernsthaft meinen, daß stark verkürzte Nasen und folgend die verkümmerten Atemwege eines Mopses, einer franz. Bulldogge usw. tatsächlich keine permanenten Schwierigkeiten (wie Atemnot, Kurzatmigkeit, häufigere Krankheiten, etc.) bereitet? Einem Lebewesen, dessen wichtigster Sinn der Geruchssinn ist? Um nur mal ein Beispiel zu nennen.
    Daher ist meine Erfahrung: Hunde werden „totgeliebt“, gerade von den Städtern. Hunde sind zur Belustigung, Selbstbefriedigung und Selbstbestätigung da. Wen interessiert da noch was Hunde wirklich brauchen, was sie „wollen“, damit befaßt sich keiner.
    Den allermeisten Menschen ist ein „natürliches“ Gefühl zu Tieren längst abhanden gekommen. Das äußert sich dann eben auch so, wie von KA in seinem lesenswerten Artikel beschrieben.

    • mir begegnen aber auch ganz viele Männers – die ihren Butzie nicht sehen und keine Ahnung haben …. nicht reagieren wenn der Vierbeiner dominiert oder abdreht bzw. auch mit Hätschelein zu schlichten versuchen …. und ja – janz viele Frauen haben das auch – ansonsten finde ich super gut was sie zum Thema Hund schreiben …

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