Haben Nutztiere zu kurzes Leben? – Nachtrag

Um der Deutlichkeit willen erläutere ich hier noch mal ein Argument des letzten Artikels ausführlicher. Es geht um die Aussage, dass das Leben der Nutztiere von Menschen vorzeitig beendet werde bzw. Nutztiere ein ungewöhnlich kurzes Leben hätten.

Eine solche Aussage hat nur dann Sinn, wenn zugleich ein geeigneter Maßstab angeben wird. Kritiker der Nutztierhaltung verwenden meist die Begriffe »Lebenserwartung« oder »natürliche Lebenserwartung«, und zwar falsch. Sie meinen »maximale Lebensdauer«. Wie das sinnfreie Schaubild des Vebu verdeutlicht, herrscht hierbei in der Regel vollständige Konfusion (was soll die Rubrik »Milchkuh …« oder »Masthuhn … « »in der Natur« bedeuten?). Gehen wir im Folgenden einmal davon aus, dass die Begriffe richtig verwendet werden:

Lebenserwartung
ist ein (prognostizierter) Durchschnittswert. Die Lebenserwartung der Menschen ist global zur Zeit 69 Jahre. Im Tschad haben Menschen eine Lebenserwartung von 50, in Monaco von 89,5 Jahren.

Man könnte nun theoretisch die Lebenserwartung aller Nutztiere weltweit ermitteln und dann schauen, ob z.B. in Deutschland oder in Großbetrieben (»Massentierhaltung«) die Lebenserwartung niedriger oder höher ist als im globalen Durchschnitt. Doch hierfür fehlt meines Wissens die Datenbasis. Deshalb kann man dazu keine einigermaßen zuverlässige Aussage treffen.

Natürliche Lebenserwartung
ist ebenfalls ein Durchschnittswert. Wenn Natur das ist, was ohne menschlichen Eingriff existiert, kann sich dieser Wert nur auf Lebewesen beziehen, die der natürlichen Selektion unterliegen. Auch hier gibt es selbstverständlich keine genauen Daten. Diese sind allerdings nicht so dringend erforderlich wie sie es wären, wenn die globale Lebenserwartung von Nutztieren ermittelt werden soll. Die künstliche Selektion findet nach menschlichen Zwecksetzungen statt, die um ein Vielfaches variabler sind als die Gesetze der natürlichen Selektion. Wer diese verstanden hat, kann sich ausrechnen, dass die Lebenserwartung von Wildtieren nicht höher sein dürfte als die von Nutztieren. Das Gegenteil ist sehr wahrscheinlich.

Maximale Lebensdauer
kann kein Maßstab sein, um zu beurteilen, ob ein Leben ungewöhnlich kurz oder lang ist. Denn wenn man etwas als ungewöhnlich bezeichnet, geht man vom Gewöhnlichen aus, also vom Durchschnitt. Wer in Monaco mit 50 stirbt, hatte ein ungewöhnlich kurzes Leben. Wer im Tschad 89,5 Jahre alt wird, hatte ein ungewöhnlich langes Leben. Theoretisch ist es zwar möglich, dass Lebenserwartung und maximale Lebensdauer identisch sind – wenn alle gleich alt werden. Dies ist jedoch in der Realität nicht der Fall und auch für die Zukunft nicht wahrscheinlich. Am ehesten trifft dies noch auf die Masttiere in der modernen Tierproduktion zu.

Andere Vorschläge?
Ein sinnvoller Maßstab könnte die Lebenserwartung aller Wildtiere (natürliche Lebenserwartung) sein, die man mit der Lebenserwartung aller Nutztiere vergleicht. Erstere ist aber wohl insgesamt nicht höher als letztere – sehr wahrscheinlich niedriger.

Der Maßstab könnte auch die jeweilige Lebenserwartung der jeweiligen Arten sein. Die meisten Nutztierarten gehören allerdings mit den Wildformen zu ein und derselben Art. Das Haushuhn (Gallus gallus domesticus) ist z.B. eine Unterart des Bankivahuhns (Gallus gallus). Hausschwein und Wildschwein heißen beide schlicht Sus scrofa. Man müsste also einen Mittelwert aus allen Exemplaren beispielsweise der Art Sus scrofa oder Gallus gallus bilden und diesen dann mit dem Mittelwert der jeweiligen domestizierten Form vergleichen. Wenn es zutrifft, dass die Wildformen eine geringere Lebenserwartung haben, müssten auch bei diesem Vergleich die (meisten) domestizierten Arten besser abschneiden.

Fazit

Nutztiere haben kein ungewöhnlich kurzes Leben. Dies gilt ganz unabhängig davon, wie man die Nutztierhaltung oder bestimmte Formen derselben bewertet. Wenn man diese kritisieren will, muss man sich etwas anderes überlegen als den Verweis auf Lebenserwartung oder -dauer.