»Unser Umgang mit Tieren ist widersprüchlich.«

Von ethischen Vegetariern wird gerne behauptet, es sei ein Widerspruch, Hunde oder Katzen zu verhätscheln, aber zugleich Schweine oder Rinder zu essen. Sodann wird darauf verwiesen, dass zum Beispiel Schweine genauso »sozial und intelligent« seien wie Hunde und ähnliches.

In Deutschland ist jene Anklage durch die Bestseller-Autorin Melanie Joy besonders populär geworden. Sie hat hierfür den Begriff Karnismus erfunden, der ein »unsichtbares Glaubenssystem« bezeichne, »das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen«.

Zum Mäusemelken!

Es gibt viele Erklärungsversuche, warum bestimmte Nahrungsmittel tabuiert wurden und werden. So richtig überzeugend ist keiner. Dass wir nicht Katzen, sondern Kühe melken, hängt aber offenkundig mit dem Nutzen der betreffenden Tierarten für menschliche Zwecke zusammen – zum Beispiel mit dem Nährwert. Ein Schwein taugt unter bestimmten Bedingungen besser zum Fleischlieferanten als ein Hund oder Meerschweinchen. Eine Katze taugt gut zum Mäusefangen.

Prinzipiell könnten wir aber ebenso Hunde oder Meerschweinchen oder Katzen (»Dachhasen«) essen. Und in anderen Kulturen wird dies ja auch getan. In tropischen Regionen werden zum Beispiel Insekten gegessen, vor denen sich hierzulande die meisten Menschen ekeln. »Warum eine Tierart nicht gegessen und warum sie gehätschelt statt gemieden wird, ist stets davon abhängig, wie sie sich in das Gesamtsystem der betreffenden Kultur einfügt, das die Nahrungsmittelproduktion und die Erzeugung anderer Güter und Dienstleistungen determiniert«, meint der Ethnologe Marvin Harris.

Vom Karnismus zum Herbismus?
Veganer sind nicht zum Verzicht auf Blumenkohl oder Veggieburger verpflichtet, wenn sie Geranien auf dem Balkon haben und ihnen Gute-Nacht-Lieder singen. Der Fehler in obiger Anklage liegt darin, dass dem Gegner hier vorab etwas als innerer Widerspruch unterstellt wird, was lediglich eine unbegründete Meinung desjenigen ist, der die Anklage formuliert. Widersprüchlich wäre das beschriebene Handeln nämlich nur dann, wenn man davon ausginge, dass eine Person entweder zum Veganismus verpflichtet ist, sobald sie ein Tier knuddelt, oder sich mit dem Genuss von Fleisch dazu verpflichtet, keine Tiere zu hätscheln.

Ohne diese abwegige Grundannahme gibt es den behaupteten Widerspruch ebenso wenig, wie es ein Widerspruch ist, dass man diesen Menschen zum Geschlechtspartner und jenen zum Geschäftspartner wählt oder dieses Tier zum Hausgenossen und jenes zur Hausmannskost macht.

»Wenn ich einer Frau treu bin, begehe ich ein Unrecht an allen anderen«, meint Don Giovanni, der Verführer aus Mozarts gleichnamiger Oper. Man mag ihm seine Untreue vorwerfen, aber man kann nicht behaupten, dass er sich selbst widerspricht, wenn er versucht, möglichst viele Frauen zu beglücken. Im Gegenteil: Er handelt streng nach seiner selbst gewählten moralischen Maxime. Wäre er treu, würde er widersprüchlich handeln. Man muss also die individuellen moralischen Prinzipien erst kennen, bevor man daran irgendwelche Widersprüche feststellen kann.

Wenn jemand heute zwanzig Liegestütze macht und morgen stattdessen zwanzig Kniebeugen, widerspricht er sich nicht. Er würde sich widersprechen, wenn er behauptete, jeden Tag zwanzig Liegestütze zu machen, und zugleich sagte, dass er dienstags statt Liegestütze Kniebeugen absolvierte. Außer Sprechhandlungen können weder Handlungen noch Verhaltensweisen als solche widersprüchlich sein.

Dass Schwein und Hund vergleichbar intelligent oder »sozial« sind, tut überdies nichts zur Sache. Wer Hunde verzärtelt, muss nicht mit Kraken unter Wasser Gassi gehen, bloß weil diese ebenfalls intelligent sind. Und er muss auch keine Ameisen oder Bienen kraulen, bloß weil es »soziale Tiere« sind.

Schizophrene Viehhalter?

Landwirte, die Tiere zu Ernährungszwecken halten und irgendwann zum Schlachter schicken, werden von ethischen Vegetariern ebenfalls gerne der »Schizophrenie« geziehen. Es sei doch ein Widerspruch, Tiere zu versorgen, eine persönliche Bindung zu ihnen aufzubauen und sie dann »trotzdem« töten zu lassen. Der Widerspruch ist allerdings ungefähr so groß wie der, sein Auto zu pflegen, eine persönliche Bindung zu ihm zu entwickeln und es »trotzdem« zu fahren und irgendwann verschrotten zu lassen.

Aus einer persönlichen Bindung zu einem Tier folgt nicht unbedingt ein Tötungsverbot. Selbst auf »Lebens«- oder »Gnadenhöfen« werden die Tiere nicht selten durch Einschläfern getötet. Der Unterschied besteht im Zweck der Haltung: hier Nahrungsmittelproduktion, dort menschliches Vergnügen, das sich gerne einen moralischen Anstrich gibt. Hilal Sezgin schildert in ihrem Buch »Artgerecht ist nur die Freiheit«, wie sie nach langem Hin und Her ein Huhn namens Keira schließlich einschäfern lässt. Wie konnte sie dieses Tier halten und es dann trotzdem töten lassen? Ist doch total schizophren, oder?

Fazit

Die moralische Anklage, man handele widersprüchlich, wenn man Tier x streichele, aber Tier y esse, hat den Zweck, sich davor zu drücken, die eigene Auffassung stichhaltig zu begründen. Die unterschwellige Botschaft (Subtext) lautet: Du widersprichst dir selbst, weil du mir widersprichst – ein leicht zu erkennender rhetorischer Trick.

Quellen

Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Münster 2013.

Marvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen. Stuttgart 1988.

Klaus Alfs: Das Tier ist nicht der Freund des Menschen. NovoArgumente online. 9. Februar 2015.