Gedankenexperiment Menschenfleisch

In seinem Aufsatz »Killing for food« (1971) schreibt der Tierrechtler John Harris:

Angenommen, morgen würde eine Gruppe von Wesen von einem anderen Planeten auf der Erde landen, Wesen, die sich Ihnen gegenüber für so überlegen halten wie Sie sich gegenüber Tieren. Würden Sie sagen, dass diese Wesen das Recht haben, Sie so zu behandeln, wie Sie Tiere behandeln, die Sie züchten, halten und zu Ernährungszwecken töten?

Der Philosoph Richard David Precht hat diese Geschichte im Buch »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?« aufgegriffen und im Buch »Warum gibt es alles und nicht nichts?« für seinen Sohn Oskar ausgeschmückt, dem er dort »die Welt erklärt«. In der Version von Precht rechtfertigen sich die Außerirdischen vor einem Menschen, den sie schlachten wollen und der ihnen deshalb Vorwürfe macht. Sie antworten, dass sie nun einmal eine überlegene Art von Wesen seien, Vernunft und eine hohe Kultur hätten. Das Leben von Menschen sei dagegen jämmerlich und habe kaum einen Wert. »Außerdem«, so lässt Precht einen Alien sagen, »selbst wenn unser Verhalten nicht ganz in Ordnung sein sollte, wegen eurer Schmerzen und eurer Ängste – eines ist doch viel wichtiger für uns: Ihr schmeckt uns halt so gut.«

Das Gedankenexperiment ist ziemlich populär geworden. Der Schweizer Sender SRF hat daraus sogar ein Zeichentrick-Video gemacht. Precht selbst hatte Gelegenheit, es in seiner eigenen TV-Sendung mit dem Philosophen Robert Spaemann ausführlich zu besprechen. Kein Wunder also, dass Veganer und andere Kritiker des Fleischkonsums gerne damit auftrumpfen.

Intelligent oder vernünftig?

Bei Harris ist nicht ganz klar, in welcher Hinsicht sich die Außerirdischen für überlegen halten. Wären sie bloß in irgendeiner Weise besonders intelligent, ohne zugleich moralfähig zu sein, wäre ihnen ihr Tun so wenig vorzuwerfen wie Ameisen, die Blattläuse »züchten«, »melken« und töten. Die Frage, ob jene Wesen das Recht hätten, uns auszubeuten, wäre sinnlos, da sie selber gar nicht wüssten, was Recht ist. Insofern hätten sie nur im ganz wörtlichen Sinne »kein Recht«. Man würde sie als überlegene Spezies fürchten und mit allen Mitteln bekämpfen, aber keine moralischen Appelle an sie richten.

In Prechts Version rechtfertigen sich die Außerirdischen vor ihrem Opfer, das sie moralisch anklagt. Die Aliens sind hier ganz offensichtlich genauso vernunft- und moralfähig wie Menschen. Sie haben einen Begriff von Gut und Böse. Daher muss man ihnen ihr Handeln auch als Verschulden zuschreiben. Was sie mit den Menschen machen, ist moralisch verwerflich. Spätestens in dem Moment, in dem das potenzielle Opfer ihnen mittels einer für sie verständlichen, hochdifferenzierten Wortsprache moralische Vorhaltungen macht, müssten sie innehalten und ihre Einstellung überdenken.

Anerkennung als Gleiche

In dem kurzen Gespräch sind Mensch und Alien in ein Verhältnis der Symmetrie eingetreten. Der Mensch argumentiert, und das fremde Wesen argumentiert in seiner Erwiderung ebenfalls. Alien x rechtfertigt sich nicht etwa vor seinen Artgenossen, sondern direkt vor dem Menschen. Damit anerkennt er ihn als gleichberechtigten Gesprächspartner. Er zieht sogar in Erwägung, dass sein Tun moralisch falsch könnte.

Da die Aliens so überaus klug und glücklicherweise auch moralische Akteure sind, ist nicht einzusehen, warum sie für gute Argumente und moralische Appelle des Menschen nicht empfänglich sein sollten. Es ist durchaus möglich, dass er sie davon überzeugen kann, mit den Menschen zu kooperieren. Auch wenn sie sich Menschen gegenüber weit überlegen fühlen mögen, bedeutet das nicht, dass sie nicht weise genug sein können, Ratschläge von ihnen zu beherzigen, und ethisch konsequent genug, ihnen fundamentale Rechte zuzugestehen.

Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass die Kluft zwischen Alien und Mensch im Gedankenexperiment Prechts nicht annähernd so groß sein kann wie die Kluft zwischen Mensch und Tier. Die Außerirdischen haben zwar weitaus mehr Macht als Menschen. Doch sie haben die Menschen durch ihren Rechtfertigungsversuch bereits als Gleiche anerkannt. Es ist deshalb zumindest gut möglich, dass sie bereit wären, ihre Macht den Menschen gegenüber einzuschränken. Moralisch sind die Menschen den Aliens anscheinend ohnehin nicht unterlegen.

Man stelle sich aber eine Insel vor, auf der moralbegabte und vernünftige Pinguine leben, die ständig von Seeleoparden bedroht sind – oder gleich veranlagte Mäuse, die stets Gefahr laufen, von Katzen gepackt zu werden, die ohne Not mit ihnen »spielen« und sie töten. Was nützte es den Pinguinen, wenn sie die Seeleoparden bäten, nur Fische zu fressen, weil diese wahrscheinlich weniger schmerzempfindlich seien als Pinguine? Was nützte den Mäusen der Appell an Katzen, diese mögen doch bitte mit Wollmäusen spielen, da letztere keine Empfindungen hätten? Nichts. Robben, Katzen oder sogar Orcas würden trotz hoher Intelligenz nicht begreifen, wovon die Pinguine und Mäuse reden. Zwischen moralbegabten und anderen Tieren verliefe ein unüberbrückbarer Graben – so wie zwischen Mensch und Tier. Da es außer Menschen keine vernunft- und moralbegabten Lebewesen auf der Erde gibt, hat Moral im eigentlichen Sinn des Wortes auch keinen Ort in der außermenschlichen Natur.

Tod und Sterben

Im Video »Gedankenexperiment Menschenfleisch« fragen die Aliens den Menschen am Schluss: »Macht ihr nicht das Gleiche mit den Tieren?« Die Antwort des Menschen müsste lauten: »Das mag sein, aber es ist nicht das Gleiche. Ihr könntet mich doch genauso fragen: Macht ihr nicht das Gleiche mit Pflanzen? Wir nutzen und essen andere Lebewesen, weil wir uns von anderen Lebewesen ernähren müssen.«

In seinem Buch »Tiere essen dürfen« macht der Autor Florian Asche darauf aufmerksam, dass in Prechts Gedankenexperiment Aliens und Menschen offenbar den gleichen Begriff von Leben, Lebenszeit und Tod haben. Dies ist aber bei Menschen und Tieren nicht der Fall. Das Tier weiß Asche zufolge nicht »dass es lebt, es weiß nicht, dass es eines Tages sterben muss.« Der Mensch hingegen sei »Opfer seines Todesbewusstseins, während er sich an die Idee vom Leben klammert.« Nur der Mensch müsse sich immer wieder trösten, dass Tod und Sterben doch gar nicht so schlimm seien. Der Tod spiele aber, so Asche, in der Lebenswelt von Tieren schlicht keine Rolle.

Der Punkt ist also nicht – wie im Gedankenexperiment behauptet –, dass das Bewusstsein der Tiere »minderwertig« sei, sondern, dass es für bestimmte Lebewesen Probleme gibt, die andere Lebewesen nicht haben. Und das Problem des Menschen ist sein stetiges Todesbewusstsein – sein Bewusstsein von der Endlichkeit aller Freuden und Leiden.

Argumente? Fehlanzeige

Precht möchte darauf hinaus, dass es die Leidfähigkeit sei, die Menschen dazu verpflichte, andere zu achten, sie nicht zu benutzen und zu verspeisen. In seinem Gedankenexperiment findet sich allerdings kein einziges Argument dafür. Ob Sohn Oskar durch das Experiment klüger geworden ist, darf daher bezweifelt werden. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein. Precht könnte seinem Kind doch gleich sagen: »Man darf leidfähige Lebewesen nicht nutzen und töten«? Dann hätte Oskar womöglich nach dem Warum gefragt.

Auf diese Frage verweigern jedoch viele Philosophen eine durch konkrete Argumente gestützte Aussage. »In der Diskussion über Tiere und deren schlechte Behandlung wurde ohne weiteres Argument einfach vorausgesetzt, dass Leidfähigkeit zureichend ist, um direkte moralische Pflichten gegenüber Tieren zu begründen«, resümiert der Philosoph Raymond Frey. Man meint eben, dass sich dies von selbst verstehe. Es ist also kein Zufall, dass Precht statt zu argumentieren seinen Sohn lieber mit einem schiefen Gedankenkonstrukt verwirrt, das keinerlei relevante Information zusätzlich enthält.

Doch selbst wenn man eine Begründung liefern würde – etwa, dass Leidfähigkeit die Voraussetzung sei, Interessen zu haben und diese wiederum moralisch von Belang seien – kommt man noch nicht zu einem Nutzungs- oder Tötungsverbot. Precht schließt aber von der Leidfähigkeit nicht auf irgendwelche Pflichten gegenüber Tieren, sondern direkt auf ein generelles Verbot, sie zu nutzen und zu töten. Er stellt also eine Maximalforderung auf, ohne auch nur eine minimale Begründung dafür zu liefern.

Das Gedankenexperiment enthält eine Reihe weiterer unbegründeter Annahmen. So legt Precht seinen Außerirdischen zum Beispiel die klägliche Rechtfertigung in den Mund, Menschen schmeckten nun einmal so gut. Damit unterstellt er, dass Menschen keine besseren Gründe hätten, Tiere zu essen. Der vorzügliche Geschmack des Fleisches ist aber gar kein Grund, sondern lediglich ein subjektives Motiv. Der Grund, Tiere zu essen, ist hingegen, dass sich deren Produkte hervorragend zur Ernährung eignen und schlichtweg hochwertige Lebensmittel sind.

Fazit

So gehaltvoll das Gedankenexperiment von Harris und Precht auf den ersten Blick erscheinen mag, so zirkulär ist es. Es soll zeigen, dass leidfähige Wesen nicht genutzt und getötet werden dürfen. Doch das tut es mitnichten. Vielmehr wird diese Position begründungslos vorausgesetzt, das Experiment bebildert sie lediglich.

Precht und viele Tierphilosophen tun so, als seien Vernunft- und Moralfähigkeit beliebige Eigenschaften, auf die Menschen sich aus purer Überheblichkeit etwas einbildeten. Leidfähigkeit ist in Bezug auf Moral aber ganz gewiss eine beliebigere Eigenschaft als Moralfähigkeit. Precht legt weder dar, warum er den Leidbegriff nicht auf alles Lebendige ausweitet, noch wie Leidfähigkeit mit direkten moralischen Pflichten logisch verbunden sein soll. Aus seinem Gedankenexperiment folgt in keiner Weise, dass Menschen Tiere nicht nutzen und töten dürfen.

Quellen

John Harris: Killing for food. In: Stanley Godlovitch, Rosalind Godlovitch, John Harris (Hrsg.): Animals, men, and morals. New York 1971. S. 97–110.

Richard David Precht: Warum gibt es alles und nicht nichts? München 2015.

Richard David Precht, Robert Spaemann: Dürfen wir Tiere essen? ZDF-Sendung »Precht«. 9. Dezember 2012.

Yves Bossart: Sind Menschen mehr wert als Tiere? SRF Kultur online. 26. Dezember 2017.
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/filosofix/gedankenspiel-menschenfleisch-sind-menschen-mehr-wert-als-tiere

Peter Carruthers: Animal mentality: its character, extent and moral significance. In: Tom L. Beauchamp, Raymond G. Frey (Hrsg.): The Oxford handbook of animal ethics. Oxford 2011. S. 373–406.

Timothy Hsiao: In defense of eating meat. In: Journal of Agricultural and Environmental Ethics. Vol. 28 (2). 2015. S. 277–291.

Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral. Berlin 2016.

Raymond R. Frey: Utilitarianism and animals. In: Tom L. Beauchamp, Raymond G. Frey (Hrsg.): The Oxford handbook of animal ethics. Oxford 2011. S. 172–197.

Florian Asche: Tiere essen dürfen. Melsungen 2015.