Ich bin so schön, ich bin so toll

Verschärfter Blick oder Tunnelblick?

Bernd Ulrich hat im ZEIT-Magazin einen langen Text über seine Veganwerdung verfasst. Darin kommen alle Standardfloskeln und –anekdoten vor, die unzählige ähnliche Texte ebenfalls enthalten. Der »personal touch« ist hierbei besonders wichtig: Man beginnt mit den eigenen Kindern, Hunden oder Katzen und startet dann einen passiv-aggressiven Sermon der Selbstbeweihräucherung. Das wirkt auf die ähnlich gestrickte Leserschaft erhebend und erspart dem Autor die Mühen der Argumentation.

Es ist ja auch alles ganz rührend. Ulrich hat einen Sohn, der Philosophie studiert. Und was machen junge Leute heute, wenn sie Philosophie studieren? Sie werden Veganer. Da hat sich der Vater gesagt: das kann ich auch. Und siehe da! Es ist alles »leichter als gedacht«. Die Ärzte gratulieren ihm, er strotzt vor Gesundheit, erstrahlt im Glanze moralischer Reinheit. Das Frühstück ist für ihn ein Fest: »geschrotetes Getreide, nachts eingeweicht, köstlicher Joghurt aus Kokosmilch, frische Früchte, gehackte Nüsse, vielleicht zwei getrocknete Datteln, ein Schluck Leinöl.« Indes: »fast alles schmeckt übrigens nach Wurst, wenn man Senf draufschmiert.« Manche denken jetzt vielleicht igitt oder würg. Der Autor ist jedoch durch den Genuss von Getreideschrot und Senf mit alles so welthellsichtig geworden wie Parsifal durch den Kuss der Kundry.

Sein Blick sei nun »verschärft«. Er schaut nicht mehr weg, kann nicht mehr verdrängen, sieht überall Tierleid – jedenfalls überall dort, wo es ihm passt. Wo es ihm nicht passt, sieht er auch nichts. Zum Beispiel bei seinem Frühstück. Die Zutaten können nicht geerntet werden, ohne Myriaden Schädlinge unsanft ins Jenseits zu befördern – darunter viele possierliche Nager. Bei seinen Arztbesuchen, von denen er ausführlich berichtet, ist sein Blick ebenfalls getrübt. Nahezu alle Verfahren und Medikamente der modernen Medizin sind bekanntlich mit Hilfe von Tierversuchen entwickelt worden.

Die verschärfte Moraloptik war auch bei der Produktion eines Videos offline, das er zu seinem Text bei Facebook veröffentlicht hat. Denn elektronische Geräte enthalten allesamt Kupfer, welcher mit Knochenleim aus Schlachtabfällen bearbeitet worden ist. Benutzeroberflächen enthalten Schweine-Cholesterin. Vom Tier wird alles verwertet. Allein aus dem Schwein werden mindestens 185 verschiedene Produkte hergestellt. Ähnliches gilt für‘s Rind. Die Beispiele könnte man ad infinitum fortsetzen. Moderne Zivilisation ist nicht ansatzweise ohne Tiernutzung zu haben. Zu schweigen vom Leben der »Naturvölker«. Der Mindestanteil tierischer Kost beträgt hier 44 % (bei den Efe in Afrika). Ulrichs verschärfter Blick entpuppt sich als typisch veganer Tunnelblick.

Wer im Glashaus sitzt …

So darf man dem Autor aber nicht kommen! Wer ihn darauf aufmerksam macht, dass er das postulierte Gebot »Nichts vom Tier!« selber nicht einhält, begeht gewissermaßen Veganerlästerung: »Es ist ein wenig so als wenn jemand zum Christentum übertritt und dann von allen gefragt wird, ob er denn von Stund an auch ganz genauso lebt wie Jesus Christus«, beklagt sich Ulrich. »Die Logik dabei ist klar: Wer nicht ganz konsequent ist, der ist ein Heuchler. Wer ganz konsequent ist, der ist ein Fanatiker.«

Mit Logik hat er es allerdings nicht. Die geht nämlich so.

Prämisse 1: Wer Tiere nutzt, handelt unmoralisch.
Prämisse 2: Bernd nutzt Tiere.
Konklusion: Bernd handelt unmoralisch.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht an dieser Stelle nicht um die Frage, ob Prämisse 1 sinnvoll, richtig oder falsch ist. Es geht hier nur um Logik und die Selbstverständlichkeit, dass man moralische Normen, deren Missachtung man bei anderen beklagt, auch selber einhalten muss.

Legt man diesen Maßstab an, spricht der Volksmund: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Andernfalls drohen nämlich Heuchelalarm und K.o. in der ersten Ethik-Runde. Denn laut Immanuel Kant führt die »Unredlichkeit, sich blauen Dunst vorzumachen«, also der Selbstbetrug, irgendwann zum manifesten Betrug und verhindert die Ausbildung einer »echten moralischen Gesinnung«. Der einzige Trost, der Ulrich daher bleibt, ist die unberechtigte Annahme, trotzdem irgendwie besser zu sein. Doch was veranlasst ihn nach welchen Kriterien zu dieser Annahme? Seine ethische Grundposition verrät er ja nicht. Das ist bedauerlich. Denn so muss man sie irgendwie erschließen.

Nehmen wir an, er hält es für die Aufgabe der Moral, das unkompensierte Leid in der Welt zu reduzieren. Wo gibt es auch nur die Spur eines Hinweises, dass durch seine ganze Existenz weniger Tiere sterben, weniger Leid produziert würde als durch die Existenz irgend eines x-beliebigen Fleischessers? Er isst geschrotetes Getreide, treibt das Restaurant-Personal in den Wahnsinn und fühlt sich supertoll. Schön und gut. Derlei Lifestyle-Verrenkungen jedoch als erste Schritte zur Rettung des Planeten und zum Weltfrieden hochzustilisieren, wie Ulrich es tut, ist schon ziemlich lächerlich.

Als Chefredakteur wird er ein sehr hohes Gehalt beziehen und wahrscheinlich auch ausgeben. Je mehr Produkte er konsumiert, desto mehr Tierleid produziert er, weil die meisten Produkte in irgend einer Weise Tierleid und –tod verursachen. Allein dadurch, dass Ulrich drei Kinder gezeugt hat, die ihrerseits wieder alle Vorteile der modernen Zivilisation nutzen, steht er gegen kinderlose Durchschnittsverdiener oder Geringverdiener schlecht da.

Nehmen wir nun an, er vertritt eine Ethik, in der es nur auf die Folgen von Handlungen ankommt (Konsequentialismus), nicht auf Gründe oder Motive. Dann reicht es eben nicht, dass er von den unzähligen »Tierleidprodukten« einige meidet. Denn auch Fleischesser nutzen in der Regel nicht alle Produkte, die mit Hilfe von »Tierleid« hergestellt wurden. Motive und Gründe spielen ja keine Rolle. Ulrich hätte mit seiner prächtigen Gesinnung keinen Blumentopf gewonnen.

Wenn er nun eine Ethik vertritt, in der es nicht nur auf die Folgen ankommt, sondern darauf, das »intrinsisch Richtige« zu tun (Deontologie), steht er erst recht dumm da. Dann hätten Tiere nämlich ein Lebensrecht und das Recht, nicht als Besitz instrumentalisiert zu werden, das er trotz veganer Kapriolen jeden Tag mit Füßen träte. Es wäre auch gleichgültig, ob man ohne Tiernutzung gut oder weniger gut leben könnte. Hätten die Tiere solche Rechte, verböte sich deren Tötung und Nutzung zu medizinischen Zwecken und zu Nahrungszwecken, auch wenn man als Mensch dann eben nicht so gut leben könnte. Genau das ist ja die Forderung von Tierrechtlern wie Tom Regan oder Gary Francione.

Wie gesagt, man weiß nicht, was der Autor für eine ethische Grundposition hat. Bei solchen feuilletonistischen Texten fischt man leider oft im Trüben. Doch auch diese sollten den fundamentalen Regeln der Logik entsprechen. Nicht mit Logik, sondern nur mit Trotz ist folgende Bemerkung zu erklären: »Jeder (gesunde und muntere) Veganer ist ein lebender Beweis dafür, dass man Tiere nicht töten oder quälen muss, um zu leben – und zwar gut zu leben.« Dummerweise hat er aber weiter oben im Text implizit eingestanden, dass er als gesunder und munterer Veganer keineswegs ein Leben führt, das ohne Tötung und Qual von Tieren auskommt. Er hat ja gerade beklagt, dass die bösen Fleischesser ihn an diesem Ideal messen. Vegane Wonneproppen wären also bestenfalls Beweise dafür, dass sie gut bei der Lebensweise nassauern können, die sie mit großer Geste verbal ablehnen.

Fleischesser sind sowieso doof!

Nun bleibt nur noch das Manöver, Fleischesser prinzipiell für nicht satisfaktionsfähig zu erklären. Er berichtet von einem Dialog mit einer Dame, die ihn auf seine Inkonsequenz aufmerksam macht. Darauf antwortet er, dass er das lieber mit anderen Veganern diskutiere und eben nicht mit einer Fleischesserin. Das soll jetzt ein Argument sein? »Mit Leuten wie Ihnen rede ich erst gar nicht«? Dabei fordert er doch von allen, die Tiernutzung zu unterlassen – nicht nur von Veganern. Das ist ja der Sinn von Moral: Man fordert implizit alle anderen auf, es einem gleichzutun. Moral muss verallgemeinerbar sein. Eine Moral, die nur für Person x gilt, kann es nicht geben. Moral ist per definitionem keine Privatsache.

Ulrich spielt zwar die verfolgte Unschuld, ist aber durchaus der Aggressor, auch wenn er »Konflikten lieber aus dem Weg geht«, also keine Lust hat, seine moralische Position auf konkrete Nachfrage hin zu verteidigen. Diese Position beinhaltet aber nun einmal vehemente Anklagen: Fleischkonsum sei Irrsinn, sei verantwortlich für mehr oder weniger alle Übel der Welt. Der Autor unterstellt Fleischessern, Schuld zu verdrängen, also schuldig zu sein, »Selbstermächtigung«, »Selbstmissionierung« und ähnlich nebulös Böses. Dann sollte er auch dazu stehen und nicht jammern, wenn die Angeklagten sich angeklagt fühlen. Sie wissen ja in der Regel, was Veganismus bedeutet. Und daher wissen sie auch, dass ein Bernd Ulrich, wenn er sich »Veganer« nennt, die Nutzung von Tieren moralisch verurteilt. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie in Gegenwart eines solchen Menschen ein gewisses Unbehagen empfinden.

Man fragt sich allerdings, was er eigentlich meint, wenn er von den »katastrophalen Auswirkungen des Fleischkonsums« schreibt. Die Fleischproduktion ist von 1960 bis heute von 71 auf 320 Millionen Tonnen Schlachtgewicht gestiegen. Im selben Zeitraum ist die Welt in fast allen messbaren Wohlfahrtsparametern deutlich besser geworden, auch in den ökologischen. Die Fleischproduktion hat dieser Entwicklung offenbar nicht sonderlich im Wege gestanden. Dass alles besser wäre, wenn es keinen Konsum tierischer Produkte gäbe, ist hingegen nichts weiter als eine vegetarische Fieberfantasie – bar des geringsten empirischen Belegs.

Fazit

Wenn Ulrich es – wie behauptet – für moralisch geboten hielte, ein Leben zu führen, ohne Tiere zu töten und zu quälen, wäre er mindestens auf eine Art Jainismus verpflichtet. Die Mönche dieser Religion tun immerhin ihr Möglichstes, damit Tiere durch ihre Lebensweise nicht zu Schaden kommen. Sie zeigen also, dass man auf diese Weise gut leben kann. Denn »gut« kann alles Mögliche bedeuten, zum Beispiel: »im Einklang mit meinen moralischen Prinzipien.«

Alles Herumgeeier und Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen nützt den Veganern hier gar nichts. Sie sind diejenigen, die diese reichlich schwachsinnige Norm aufstellen, also müssen sie sich auch daran halten. Sie haben ein Rechtfertigungsproblem – nicht die »Fleischesser«. Es ist grotesk, den Konsum von Fleisch oder Milch als schändlichen und vermeidbaren Genuss hinzustellen und zugleich etwa moderne Kommunikationstechnik als lebensnotwendig zu deklarieren, nur damit man die Konsequenzen aus seinen moralischen Forderungen selber nicht ziehen muss.

An Texten wie denen von Ulrich wird deutlich, dass die Essenz dieser Pseudomoral Selbsterhöhung ist. Es ist eben sehr berauschend, wenn man sich einer simplen Idee verschreibt, die das Heil der Welt verheißt. Das, was man an Gedankenarbeit spart, kann man in Selbstverliebtheit investieren. Man fühlt sich so erhaben und überlegen, dass man das lästige Kleinklein guten Gewissens ignorieren kann. Man hat schließlich eine höhere Moral gefunden. Man gehört zur Elite, zur Avantgarde. An die niedere Moral sollen sich gefälligst diejenigen halten, die die Erleuchteten füttern müssen.

Dieser Manichäismus ist zum Fürchten. Und am schauderhaftesten ist er, wenn er sich tarnt als Einsatz für die Erniedrigten und Beleidigten.