Goldene Regel ad absurdum

Auf der Seite Wofür PETA wirklich steht beschwören die Aktivisten unter dem Stichwort „Ethical“ die Goldene Regel: „Behandle andere so, wie du von anderen behandelt werden willst“. Unter dem Stichwort „Treatment“ beklagen sie, dass „wir“ von klein auf gelernt hätten, „verschiedene Lebewesen unterschiedlich zu behandeln“. Unter dem Stichwort „Animals“ findet sich die Aussage: „Wir alle sind Tiere“. Es sei „eindeutig ein Fehler“, liest man an dieser Stelle, „die Gedankenwelt der Tiere als weniger entwickelt, weniger rational, weniger ethisch oder weniger intelligent als unsere abzutun“.

Eindeutig ein logischer Fehler ist es, Tiere ethisch und kognitiv den Menschen gleichzustellen und dann von ersteren nicht die Befolgung der Goldenen Regel zu verlangen. Denn diese ist keine Einbahnstraße, sondern setzt Gegenseitigkeit voraus. Warum sollen also Menschen in ihrer Eigenschaft als Tiere nicht das Recht haben, andere Tiere „auszubeuten, zu misshandeln und zu verwerten“, wenn Tiere das Recht haben, andere Tiere einschließlich des Menschen zu „misshandeln, ausbeuten und verwerten“ (z.B. als Beute zu reißen oder als Habitat für Larven zu benutzen)?

Wenn Tiere das Recht haben, von Menschen mit Respekt und Achtung behandelt zu werden, warum haben dann – siehe Goldene Regel – Menschen nicht das Recht, von Tieren mit Respekt und Achtung behandelt zu werden? Wenn Tiere nicht weniger intelligent und „ethisch“ sind als Menschen, warum lassen die Aktivisten ihre Kinder nicht bei Nacktmullen Jura studieren oder von Plattwürmern erziehen? Wären Tiere genauso ethisch – also moral- und rechtsfähig – wie Menschen, müsste man sie für ihr Tun verantwortlich machen. Diese Konsequenz wird aber weder von Peta noch von den allermeisten Tierrechtlern gezogen. Im Gegenteil: Es wird ausdrücklich betont, dass Tiere unschuldig, also nicht zurechnungsfähig seien. Die Gedankenwelt der Tiere muss also auch von Peta als weniger ethisch eingestuft werden als die der Menschen. Andernfalls müsste die Goldene Regel nicht nur gegenüber Tieren gelten, sondern auch von Tieren befolgt werden. Da die Peta-Aktivisten dies nicht verlangen, widersprechen sie sich selbst und führen ihre eigene Forderung ad absurdum.

Es ist zwar richtig, dass die Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies als solche kein hinreichender Grund sein kann, einer bestimmten Spezies moralischen Vorrang zu gewähren. Doch der moralische Vorrang des Menschen ergibt sich gar nicht aus dieser Zugehörigkeit als solcher, sondern daraus, dass es prinzipiell möglich ist, ihm sein Handeln als „Verschulden oder Verdienst zuzuschreiben“ (Peter Janich). Dies ist bei Tieren grundsätzlich unmöglich bzw. sinnlos. Wenn Tierrechtler aus dem Tatbestand, dass Homo sapiens biologisch gesehen zur Familie der Primaten gehört, die Forderung ableiten, Mensch und Tier rechtlich-moralisch gleichzustellen, verwechseln sie Taxonomie mit Jurisprudenz und Ethik. Der Mensch ist rein physikalisch gesehen ein Körper. Daraus folgt aber nicht, dass er Würfel oder Murmeln wie Brüder und Schwestern behandeln müsse. „Die egalitäre Denkungsart taucht den Menschen tief in den evolutionären Lebensstrom zurück, und der ethische Impetus verlangt gleichzeitig, dass er als moralisches Subjekt seinen Kopf daraus erhebt“, schreibt der Philosoph und Theologe Peter Kunzmann.

Wenn Menschen nur Tiere wären, gälten nicht die Menschenrechte für Tiere, sondern die „Tierrechte“ für Menschen (also das Recht des Stärkeren). Dann dürfte sich eine Aktivistin nicht beschweren, wenn sie von einem Aktivisten zum Sex gezwungen oder am Spieß gebraten würde. Es wäre ja nichts anderes als „artgerechtes Verhalten“.