Tiere, Sprache und Moral

Die Behauptung, Tiere hätten Sprache und Moral, wird seit einigen Jahrzehnten von vielen Philosophen nebst angelagerter Presse eiftig unters Volk gestreut. Die Menschen sind durch das Bambi-Syndrom, durch Biene Maja, Schweinchen Babe, Clownfisch Nemo bestens für diese Botschaft präpariert. Fällt das Wort „Tiere“, wird sofort „sind wie wir“ dazugedacht.

Dabei geht unter, dass Begriffe eine eigentliche Bedeutung und eine erweiterte Bedeutung haben. In der Rechtswissenschaft wird von Begriffskern und Begriffshof gesprochen. Die Arbeit jener Philosophen besteht seit vielen Jahren darin, alles Mögliche und Unmögliche aus dem Begriffs-Vorhof in den Hof einzulassen, wo es dann so lange gegen den Kern drückt, bis er gesprengt wird. Es bleibt dann nur noch eine Begriffshülle übrig, die man bequem mit der eigenen Willkür füllen kann.

Der Zweck dieses Unterfangens ist klar: Der Mensch soll vom Podest gestoßen werden, auf das er sich illegitim gestellt habe. Es nimmt daher nicht wunder, dass die Protagonisten aus ihren vermeintlich neuen Erkenntissen handfeste moralische und rechtliche Forderungen ableiten. Das gilt auch für Verhaltensforscher. Typisch ist zum Beispiel Jane Goodall, die bereits mit dem erklärten Ziel angetreten ist, zu „beweisen“, dass Schimpansen uns so ähnlich seien, dass wir ihnen Menschenrechte zugestehen müssen. Solche „Forschung“ ist im Grunde zirkulär, aber das ist gewissermaßen das Schöne daran. Denn unter der Voraussetzung, dass Tiere sind wie wir, sind sie es selbstverständlich auch. Und unter dieser Voraussetzung lässt sich viel „Aufregendes“ entdecken. Wenn es um Tiere geht, wird jeder noch so banale Sachverhalt mit dem großem Heureka begleitet, man habe entdeckt, dass Tiere auch …

Haben Tiere Sprache? Die Primatenforscherin Julia Fischer antwortet: „Nein, die haben keine Sprache. Und dazu haben wir auch die Daten geliefert. Wir können zeigen, wo Gemeinsamkeiten sind in der Kommunikation zwischen Affen und Menschen, nämlich auf dieser Verständnisseite, also dass Affen auch in der Lage sind, hunderte von verschiedenen Geräuschen richtig zu interpretieren, zu benutzen, um was vorherzusagen, auch als Symbole zu verstehen. Aber was sie eben nicht haben, ist die Freiheit, bestimmte Laute zu äußern, und die arbiträr, willkürlich mit Bedeutung zu belegen. Das haben sie eben überhaupt nicht. Und das hat auch kein anderes Tier.“

Haben Tiere Moral? Der Psychologe und Primatenforscher Thomas Suddendorf antwortet: „Menschen stellen selbstreflexible moralische Überlegungen an und treffen moralische Urteile. Wir bewerten die Absichten und Überzeugungen, die Handlungen zugrunde liegen, und allem Anschein nach tun Tiere nichts, was auch nur annährernd damit vergleichbar wäre.“ („Der Unterschied, Berlin 2014, S. 284) Genau das hat bereits Darwin als den bedeutsamsten Unterschied zwischen Menschen und „den unter ihnen stehenden Tieren“ betrachtet.

Halten wir also fest: Tiere haben keine Sprache und keine Moral im eigentlichen Sinn. Wichtig zu betonen ist hierbei, dass kein Forscher dies behauptet – auch nicht Frans de Waal oder Mark Bekoff . Seit Darwin hat sich an jenem Befund nicht das Geringste geändert.

Der eigentliche Sinn von Begriffen ist das, was sie beim Menschen bedeuten. Alles andere sind Übertragungen, Metaphern, Erweiterungen. Tiere haben dann allenfalls eine „Art Sprache“, eine „Art Moral“, eine „Art Kultur“, eine „Art Selbstbewusstsein“ usw. Doch daraus könnte man auch immer nur eine „Art moralischen Status“ ableiten. Im Grunde sind diese Übertragungen bei vielen nichts anderes mehr als freie Assoziationen und Phantasien.

Das hat weitreichende Folgen für Moral und Recht. Es wird so getan, als sei es rational nicht begründbar, moralischen Status lediglich an Vernunft- und damit an Moralfähigkeit allein zu binden und jenen Status de facto nur Menschen zuzuweisen. Letzeres ist aber die stringenteste Bestimmung, die es überhaupt geben kann. Statt dessen sollen Ethik und Recht sich vagen Analogien und nebulösen Begriffen wie „Empfindungsfähigkeit“ oder „Bewusstsein“ ausliefern, mit welchen Tierphilosophen ihre radikalen Forderungen verbinden. In einer Sprache der Uneigentlichkeit werden ganz eigentliche rechtliche und moralische Normen zu Gunsten von Tieren begründet. So etwas höhlt Moral und Recht auf Dauer aus. Und genau dies kann man ja auch seit Jahrzehnten beobachten