Das Virus, das nicht verschwinden kann

Verschwörer haben’s gut

Wenn ich ein Verschwörer wäre, käme es mir sehr gelegen, dass die meisten Gebildeten Verschwörungstheorien für absurd halten. Ich würde solche Theorien sogar öffentlich anprangern und wäre Präsident einer internationalen Liga zur Bekämpfung derselben. Schließlich ist mir aus langjähriger Erfahrung bekannt, wie leicht man die geistige Elite manipulieren kann. Man braucht nur ihren Drang zu befriedigen, sich einem imaginären Pöbel intellektuell und moralisch überlegen zu fühlen, schon springen sie über jedes Stöckchen. Gibt man ihnen das Gefühl, gegen Verschwörungstheorien, Fake News, rechte Propaganda immun zu sein und fest auf dem Boden der Wissenschaft zu stehen, werden sie zutraulicher als Hundewelpen. Man muss ihnen nur ein einziges Mal zeigen, wie der Feind aussieht, schon stürzen sie sich bellend, knurrend und beißend auf alles, was ihm nur von Ferne ähnelt. Ihr kritischer Verstand kann allein mit der Furcht vor dem Verdacht stillgestellt werden, Verschwörungstheorien zu glauben und Sympathien für rechte Spinner zu haben. „Du sagst dasselbe wie Trump“ oder „Das meint auch die AfD“ sind gern gefällte Todesurteile. Jeder Einzelne ist stets auf dem Sprung, mit einem Anderem aus den eigenen Reihen kurzen Prozess zu machen, sobald dieser ein Versatzstück verwendet, das nicht gänzlich zum Konsens der Gruppe passt. Wer beim Thema Corona ohne gebührenden Abscheu Streeck oder Schweden erwähnt, muss mit ernsten Konsequenzen rechnen. Spricht jemand den Namen des Gottseibeiuns (Wodarg) aus, droht ihm sofortige Exkommunikation und ein schutzloses Leben als vogelfreier Corona-Leugner. Der Fluch, auf ewig mit Attila Hildmann verwechselt zu werden, erscheint vielen als derart schweres Los, dass sie von jeglichem Corona-Frevel weiten Abstand halten. Dafür habe ich im Prinzip großes Verständnis, aber in diesen Zeiten muss man eben über den eigenen Schatten springen. Andernfalls ist man wehrlos gegen die Willkürmaßnahmen, mit denen die Regierung seine Bürger seit Monaten traktiert.

Restlos aufgeklärte Individuen von heute müssen selbst mit Professoren- und Doktortiteln nicht wissen, was valide Daten sind, um eine feste Meinung zum Thema Corona zu haben. Viele von ihnen bringen es fertig, sich mit geheuchelter Bescheidenheit jegliche Kompetenz abzusprechen und zugleich heftig zu insistieren, dass Drosten und das Robert-Koch-Institut recht haben. Einen Widerspruch können sie darin nicht erkennen. Sie sind stolz darauf, exponentielles Wachstum zu „verstehen“, haben bisher allerdings nicht bemerkt, dass es hierzulande nie ein solches gegeben hat. Eins und eins zusammenzuzählen gehört nicht gerade zu ihren Stärken; eine auffällig flache Kurve in einer Grafik als solche zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, bereitet ihnen anscheinend unüberwindliche kognitive Schwierigkeiten.

Quelle: Dashboard des Robert-Koch-Instituts

Aus folgender Grafik mögen sie partout nicht schließen, dass SARS-Cov-2 keine so tödliche Seuche sein kann, wie allerorten behauptet wird:

Quelle: Our World in Data

Und sie glauben noch immer an einen dramatischen Anstieg der … der was eigentlich? Der Covid-Toten?

Quelle: Wikipedia

Sie würden im PISA-Test an den Statistikaufgaben krachend scheitern, halten aber alle für minderbemittelt, die aus dem Verhältnis von Testhäufigkeit und Testpositiven schließen, dass es in Deutschland keine epidemische Lage von nationaler Tragweite gibt. Kein Wunder, denn die Qualitätsmedien, auf die sie sich berufen, wissen bis heute nicht, was ein positiver PCR-Test aussagt. Ein positiver PCR-Test bedeutet nicht, dass die betreffende Person infiziert oder erkrankt ist. Er spürt nur RNA-Schnipsel auf, die genauso gut Trümmer zerstörter Viren sein können. Der Test gibt keine Auskunft darüber, ob sich Viren tatsächlich im Körper vermehrt haben. Jefferson et al bezeichnen die Beziehung zwischen positivem PCR-Test und Infektion als „unclear“. „If this is not understood, PCR results may lead to restrictions for large groups of people who do not present an infection risk.“ Überdies steigt die Anzahl falsch positiver Ergebnisse an, je geringer der Durchseuchungsgrad ist (vor einem Test wird sogar inzwischen wegen zu vielen falsch positiven Resultaten gewarnt). Hätten die öffentlich-rechtlichen Medien ihre Aufgabe erfüllt, wären diese Sachverhalte Allgemeingut. Jeder Bürger könnte zwischen Testpositiven, Infizierten, Erkrankten unterscheiden und die Sachverhalte richtig einordnen. Man würde merken, dass das Dashboard des Robert-Koch-Instituts die Täuschung schon im Namen hat:

Covid-19 ist die Krankheit. Das Virus heißt SARS-Cov-2. Das Dashboard zeigt nicht die Zahl der Erkrankten, nicht einmal die der Infizierten, sondern die der Testpositiven. Offiziell wird aber immer nur von Erkrankten geredet.

Wären Faktenchecker wie Correctiv oder Mimikama nicht total voreingenommen, müssten sie nahezu die gesamte Berichterstattung über das Ausmaß der „Infektionen“ und „Erkrankungen“ als Fake News klassifizieren, weil sie zumindest stark verkürzt ist und einen falsches, dramatisischen Eindruck erzeugt.

Typische Fake-News-Schlagzeile (im Berliner Tagesspiegel). Es handelt sich nicht um 1445 Neuinfektionen, sondern um 1445 Testpositive. Wie viele davon infiziert sind, gar neu infiziert sind, ist nicht gewiss.

Es liegt auf der Hand, dass die Pandemie nie endet, wenn man weiter Massentests macht und diese auch noch ausweitet. Unter normalen Umständen wäre die Epidemie in Deutschland längst für beendet erklärt worden. Dann wäre die Regierung gezwungen, alle Restriktionen im Zusammenhang mit Corona sofort aufzuheben. Das will sie anscheinend um jeden Preis vermeiden, hält an einer offenkundig rechtswidrigen Praxis eisern fest und lässt nun eine zweite Welle künstlich herbeitesten. Man kann über die Motive nur spekulieren. Ein Motiv ist sicher, die drakonischen Maßnahmen im Nachhinein zu legitimieren, damit niemand auf den Gedanken kommt, die Regierung könnte fahrlässig oder gar bewusst zum Schaden der Bevölkerung gehandelt haben. Also erweckt man täglich aufs Neue den Eindruck, das Virus sei besonders gefährlich. Und die Gebildeten fallen auf dieses durchsichtige Manöver mit Inbrunst herein.

Hier sieht man, was herauskommt, wenn man die Zahl der positiven Tests auf die Testhäufigkeit bezieht.

Quelle: CIDM.Online (Corona-Initiative des Deutschen Mittelstandes)

Das sind aussagekräftige Daten – im Gegensatz zu den kumulierten Zahlen, die von der Regierung und den Medien präsentiert werden.

Quelle: Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 12. August 2020
Quelle: CIDM.online

Die Positivenrate ist so gering, dass sie im Fehlerbereich der Tests liegt. Trotz massiver Ausweitung derselben sinken die Fallzahlen pro hunderttausend Tests, die Todeszahlen stagnieren auf nahezu null. Die Intensivstationen sind nach wie vor fast leer. Bundesweit befinden sich keine 300 Patienten mit einer Covid-Diagnose auf Intensivstationen:

Quelle: Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 12. August 2020

Das ist sogar der britischen Presse aufgefallen, während die deutsche sich mit Panikmeldungen überbietet. Unsere intellektuelle Elite schimpft unverdrossen auf jene Nichtswürdigen, die Forderungen stellen, gar ihre Grundrechte wiederhaben wollen, und dann auch noch alle auf einmal! Unerhört! Grundgesetz? Wo kommen wir denn hin, wenn die Grundrechte wieder für jeden gelten? Etwa in die alte Normalität? Bewahre! Das Virus verharrt hinterlistig in Lauerstellung und wartet nur auf eine Gelegenheit, sich sprunghaft zu vermehren. Ob es nun über Oberammergau oder Unterammergau kommt, das ist nicht gewiss. Aber es kommt, und zwar ganz schlimm, dafür steht Söder mit seinem guten Namen.

Verschwörungstheoretische Wirrköpfe meinen doch tatsächlich, es gebe Akteure, die Panik schüren, um damit eigennützige Interessen durchzusetzen. Lächerlich! Bill Gates ist zwar milliardenschwer und von der fixen Idee besessen, alle Menschen solange zu impfen, bis der Palliativarzt kommt. Aber dass er nennenswerten Einfluss auf die globale Coronapolitik haben könnte, ist finsterster Aberglaube. Zahlreiche Regierungen sind kraft reinen Verstandes unisono auf denselben Gedanken gekommen, die Pandemie sei erst vorüber, wenn alle Menschen geimpft sind. Und nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Schon jetzt hockt die nächste Generation tödlicher Viren in den Startlöchern, die wiederum nicht locker lässt, bis es auch gegen sie hinreichend ungeeignete Impfstoffe gibt. Das ist wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen und so selbstevident alternativlos wie die deutsche Energiewende. Wer etwas anderes behauptet, ist dumm oder lügt! Fake News! Hass! Hetze! Aluhut! Rechte Sauftouristen vom Verschwörungs-Ballermann verspielen durch ihren Leichtsinn alles, wovor uns unsere großartige Regierung mit ihrer umsichtigen Kanzlerin und ihren großartigen Beratern bisher nur mit knapper Not hat bewahren können.

Wirkung ohne Ursache

So lautet ungefähr das Narrativ der intellektuellen Stützen unserer Gesellschaft. Da ich weiß, wie sie ticken, habe ich es stets vermieden, sie beim Thema Corona mit Fragen nach dem cui bono zu indignieren, und auf sich selbst verstärkende kollektive Prozesse verwiesen. Letzteres ist keineswegs originell oder schwierig zu begreifen. Wahrscheinlich wird es genau deshalb von vielen Intellektuellen nicht zur Kenntnis genommen. Einfachheit ist jedoch kein Mangel. Den Durchblick hat nicht, wer Girlanden des Weithehrgeholten flicht, um sich darin zu verheddern und hernach zu verkünden, es sei alles unendlich komplex. Man sollte jedenfalls nicht aus purem Snobismus die am weitesten hergeholte Hypothese bevorzugen. Anstatt im Stile eines Louis de Funès vor Drosten zu buckeln, während man nach dem Wodarg tritt, sollte man sich als Laie verhalten, wie es gute Journalisten oder Juristen idealerweise tun: die richtigen Fragen stellen, zwischen erwiesenen Tatsachen, Vermutungen und Hörensagen klar unterscheiden, Widersprüche aufspießen. Zur Orientierung leistet das einfache Schema von Arbeitshypothese und Nullhypothese gute Dienste. Wenn es beispielsweise um die Frage geht, ob Lockdowns etwas bringen, würde das Schema so aussehen:

Arbeitshypothese = Lockdowns wirken in gewünschter Weise.
Nullhypothese = Lockdowns wirken nicht in gewünschter Weise.

Nun testet man, ob die Arbeitshypothese mit validen Daten besser gestützt ist und widerspruchsfreier vertreten werden kann als die Nullhypothese. Die Begründungslast liegt ausschließlich auf der Arbeitshypothese. Es wäre sehr unpraktisch, wenn man zum Beispiel nachweisen müsste, dass es in fernen Galaxien keine weiteren Eiffeltürme gibt. Die Arbeitshypothese muss nach oben genannten Kriterien überzeugender sein als die Nullhypothese. Ist sie gleich oder weniger überzeugend, muss sie verworfen werden, und es gilt weiter die Nullhypothese. Alle vernünftigen Menschen gehen bis zum Beweis des Gegenteils von keinem weiteren Eiffelturm in fernen Galaxien aus. Kurz und gut: Wer mir den Entzug meiner Rechte schmackhaft machen will, indem er verkündet, diverse Maßnahmen würden wirken, muss mir anständige Begründungen liefern. Moralischer Druck sowie Naseweisheiten über exponentielles Wachstum, Zustände in x oder Leichenberge in y reichen nun einmal nicht. Jemand, der solche rhetorischen Mittel verwendet, will die Begründungslast demjenigen aufladen, der seine Behauptungen anzweifelt.

Wenn man mit der beschriebenen Heuristik an die Sache herangeht und alle Daten der verschiedenen Länder betrachtet, kann man die pauschale Aussage, dass Lockdowns positive Wirkung haben, mühelos zurückweisen. „Wenn Lockdowns wirken würden, gäbe es keine derart enorme Variabilität der gemeldeten Sterblichkeitsraten“, meint der Statistiker William Briggs. Es müsste ein sehr viel stärkeres Signal in den Daten zu sehen sein, um der Nullhypothese gefährlich zu werden. Man müsste bei einer vergleichenden Grafik ohne Länderangabe nicht raten, welches Land keinen Lockdown gemacht hat. Wäre das Virus so hochansteckend und tödlich wie behautet, müssten sich Länder ohne Lockdown mit Fall- und Todeszahlen von den anderen deutlich nach oben absetzen. Aber dort stehen Länder mit Lockdown. Schweden steht in Europa nicht ganz oben, Brasilien steht in Südamerika nicht ganz oben, Uruguay (ohne Lockdown) sogar weit unten (siehe hier). Das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass sich die Arbeitshypothese nicht gerade aufdrängt. Die Nullhypothese hätte zumindest als wissenschaftlich legitim zu gelten. Wer sie aber öffentlich vertritt, wird als Verharmloser und Leugner beschimpft. Allein daran sieht man, was für eine Schieflage vorliegt. Unter normalen Umständen, bei anderen Themen, würde jeder vernunftbegabte Mensch die Nullhypothese als plausibel und legitim ansehen. Doch unter Bedingungen der Massenpanik gelten andere Gesetze. Leute aus dem Bereich der Landwirtschaft haben zum Beispiel vollkommen zu recht darauf verwiesen, dass es keinerlei Nachweis (Nullhypothese) für die Behauptung gibt, Glyphosat verursache bei sachgemäßer Anwendung Krebs (Arbeitshypothese). Doch dieselben Leute verhalten sich beim Thema Corona exakt wie ihre Gegner beim Thema Glyphosat und halten im Panikmodus stur an einer haltlosen Arbeitshypothese fest.

Naiv wäre allerdings die Vorstellung, die Lockdown-Arbeitshypothese sei falsifiziert und vom Tisch. Anhand der Diskussion um Lockdowns kann wieder einmal gezeigt werden, was in der Wissenschaftstheorie mit „Unterbestimmtheit durch empirische Daten“ gemeint ist (Duhem-Quine-These). Es gibt immer Wege, einer Falsifikation auszuweichen, indem man potenziell falsifizierende Beobachtungen vom Kern ablenkt und auf die Randbedingungen schiebt. Da aus der Vogelperspektive betrachtet nichts für Lockdowns spricht, klamüsert man aus zahllosen Details die Rosinen heraus und kombiniert sie so lange, bis sie zum gewünschten Ergebnis passen. Ob ein solches Vorgehen nun unwissenschaftlich ist oder nicht, spielt keine entscheidende Rolle. Es ist schlicht fragwürdig. Das britische Imperial College hat zum Beispiel berechnet, dass durch den Lockdown in Europa 3,1 Millionen Menschenleben gerettet worden sein könnten.[1] Aus diesem College stammt auch das berüchtigte Modell von Neil Ferguson, welches eine riesige Anzahl von Toten prognostiziert und zum Lockdown in Großbritannien geführt hat. Im Jahr 2005 hat dasselbe College den nämlichen Herrn Ferguson 200 Millionen Tote durch die Vogelgrippe prognostizieren lassen (am Ende waren es nur 455). Ferguson ist auch als Autor an der Studie beteiligt, die sein eigenes Modell bestätigt. Das ist im Hinblick auf die geforderte Neutralität nicht gerade eine optimale Konstellation, würde ich sagen. Die eigenen Modelle mit den eigenen Modellen zu bestätigen kommt mir vor wie Inzucht.

Der Statistiker Gerd Antes verweist genau wie sein Kollege Briggs auf die große Variabilität, die man nicht wegmodellieren kann: „Schaut man sich die Zahlen an, sieht man, dass sie eine enorme Schwankungsbreite haben – das verdeutlicht die Unsicherheiten, die mit solchen Analysen einhergehen.“ Unsicherheiten werden von den betreffenden Wissenschaftlern aber de facto nur dann betont, wenn man letztere festnagelt. Dann geben sie sich bescheiden und sagen: Das sind doch alles nur Modelle. In der Außendarstellung werden Schwankungsbreiten aber gerne vergessen. Der Leiter einer anderen Studie ist jedenfalls restlos begeistert, denn er hat mit seinen Kollegen 530 Millionen durch Lockdowns verhinderte Infektionen errechnet. „Ich denke, kein anderes menschliches Unterfangen hat jemals in so kurzer Zeit so viele Leben gerettet“, frohlockt er. Faszinierend. Wie jeder Freund von Computerspielen weiß, kann man in der virtuellen Welt schnell eine Menge Leben verlieren, aber mit entsprechendem Geschick ganz viele Leben erhalten.

Andere Autoren kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass Lockdowns viel kosten und nichts bringen; dass eben schlicht kein Einfluss von Maßnahmen erkennbar ist, der das gewünschte Resultat zeitigt. Meinem Eindruck nach sind Modelle, die eine positive Wirkung von Lockdowns zu erweisen vorgeben, nach folgendem Muster gestrickt:

§ 1 Alle Schotten sind geizig.
§ 2 Ein spendabler Schotte ist gar kein richtiger Schotte.

§1 Der Lockdown wirkt.
§2 Ein Lockdown, der nicht wirkt, ist gar kein richtiger Lockdown.

Lockdowns, die nicht wirken, sind zu spät oder zu früh gekommen, zu inkonsequent durchgeführt worden, sind zu kurz, zu klein, zu groß, zu dick, zu hässlich. Wenn man das alles falsifizieren will, wird man damit nie zu einem Ende kommen. Hat man einen Kopf abgeschlagen, wachsen an derselben Stelle drei neue. Selbst wenn eine zirkuläre Argumentation nachgewiesen wird, ist das noch lange kein Todesurteil.[2] Stefan Homburg und Christof Kuhbandner haben zum Beispiel die Zirkularität in der erwähnten Studie des Imperial College offengelegt. Aber die beiden sind als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Sie können die Party der Selbstbeweihräucherung nicht merklich stören, weil sie des Saales vewiesen wurden.

Sind zur Zeit der Vogelgrippe 199.999.545 Menschenleben gerettet worden, weil Ferguson 200 Millionen Tote modelliert hat? Wenn man sich die Einlassungen der Lockdowner anhört, könnte man meinen, dass sie auch das glauben würden. Denn von den Covid-Toten, die im Modell existieren, braucht man bloß die realen Covid-Toten abzuziehen, um aus der Differenz ein Millionenheer geretteter Leben zu erzeugen. Mit demselben Recht kann aber auch Folgendes behauptet werden: Für Schweden wurden hunderttausend Tote modelliert, es sind aber nur ein paar tausend geworden, also hat die schwedische Regierung dem Rest das Leben gerettet, weil sie den Lockdown vermieden hat.

Quelle: Swiss Policy Research

Wer also Schweden kritisiert, weil es ohne Lockdown mehr Coronatote pro Million Einwohner hat als beispielsweise Deutschland mit Lockdown, kann genauso gut Belgien dafür kritisieren, dass es einen Lockdown hatte. Denn Belgien ist früh in selbigen gegangen und hat damit „alles richtig gemacht“, aber mehr Coronatote pro Million Einwohner zu verzeichnen als Schweden. Belgien müsste eine flachere Kurve haben als Schweden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Vergleich Schwedens mit dem Lockdown-Land Großbritannien ist ebenfalls aufschlussreich.

Quelle: Paul Yowell
Quelle: Covid-19 in Proportion

In der neuen Normalität ist Richtig anscheinend das neue Falsch. Ungeachtet aller wissenschaftstheoretischen Spitzfindigkeit würden in der alten Normalität solche Ergebnisse dafür sprechen, dass der vermutete Zusammenhang sehr schwach ist oder gar nicht existiert. Mit mehr Recht kann man den Daten eine negative Wirkung von Lockdowns entnehmen. In vielen Ländern stieg die Gesamtsterblichkeit (kurzfristig) erst unmittelbar nach dem Lockdown an. Denis Rancourt geht sogar so weit zu sagen, dass die erhöhten Sterblichkeitsraten auf den Massenmord („Mass Hominicide“) zurückzuführen ist, Infizierte in Pflegeheime zwangseingewiesen zu haben.

Quelle: John Pospichal

Doch hierzulande behaupten Merkel, Drosten und Wieler trotz gegenteiliger Belege munter weiter, die Zahlen seien bei uns nur deswegen so niedrig, weil die Maßnahmen gegriffen hätten. Drosten preist sich als Lebensretter: „Wenn wir nicht so früh hätten testen können, wenn wir Wissenschaftler nicht die Politik informiert hätten – ich glaube, dann hätten wir in Deutschland jetzt 50.000 bis 100.000 Tote mehr.“ Sein Glaube versetzt offenbar Leichenberge. Denn den realen Daten könnte man auch entnehmen, dass das Corona-Elend erst mit Drostens Test angefangen hat. Allein die Anzahl der aufgrund des Lockdowns zuzsätzlich zu erwartenden Tuberkulose-Opfer wird immens sein. Auch hier gilt: Nach den Kriterien von Faktencheckern wie Correctiv oder Mimikama müsste die Behauptung, dass die Maßnahmen gegriffen hätten, klar als Fake News klassifiziert werden.

Quelle: CIDM.online

Wie kann ein Mensch von Verstand angesichts der Daten auf den Gedanken kommen, die Maßnahmen hätten uns vor Schlimmerem bewahrt? Wie können Richter nicht auf den ersten Blick sehen, dass diese Behauptung keinerlei Grundlage in den Daten (des RKI) hat? Warum können sie nicht schon in Eilverfahren die Rechtswidrigkeit der Zwangsmaßnahmen feststellen? Weil das RKI im krassen Widerspruch zu den eigenen Daten behauptet, die Gefährdung sei nach wie vor sehr hoch. Doch wie kann man umgekehrt glauben, Großevents wie die Anti-Corona-Demo in Berlin seien verantwortungslos, wo doch selbst nach Black Lives Matter kein Effekt erkennbar ist?

Quelle: Twitter (unbekannter User)

Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, die Coronakurve unter die Kurve der Influenza-Daten der letzten Jahre zu legen, die der Arbeitsgemeinschaft Influenza aus etwa 600 repräsentativ ausgewählten Arztpraxen gemeldet werden. Auch ohne Massentests ist die Influenza-Kurve sehr ähnlich. Niemand hat allerdings in den letzten Jahren von einer zweiten Influenza-Welle geredet:

Grafik von SecondOpinion auf Twitter. Quelle: Influenza-Monatsbericht

Ich selber habe schon Ende April vorgeschlagen, wahllos irgendwelche Grafiken mit entsprechender Zeitskala aus den vergangenen Jahren zu nehmen, die eine ähnliche Gestalt haben, und anhand dieser Grafiken sozusagen die „Rückwirkung“ der Anti-Corona-Maßnahmen zu „beweisen“. Folgendes habe ich seinerzeit aus einem Influenza-Bericht des RKI entnommen und bearbeitet:

Quelle: Klaus Alfs

Man sollte so etwas auf breiter Front tun, um die Thesen der Lockdowner ad absurdum zu führen. Eine reductio ad absurdum scheint mir der aussichtsreichste Weg zu sein, sie in leicht fasslicher Weise entscheidend zu schwächen. Dann muss man sich nicht ständig mit deren Ad-Hoc-Hypothesen herumschlagen. Motto: „Schweden hat eine geringe Bevölkerungsdichte“ oder „In Schweden sind die Leute vernünftiger als in Deutschland“.[3] Man kann natürlich ad hoc zurückschießen und sagen, dass Schweden zwar eine geringere Bevölkerungsdichte, dafür aber einen deutlich höheren Urbanisierungsgrad (Platz 32) hat als Deutschland (Platz 59). Dort, wo überhaupt Menschen leben, herrscht also in Schweden mindestens die gleiche Dichte wie in Deutschland. Den höchsten Urbanisierungsgrad in Europa hat übrigens Belgien. Man könnte einfach behaupten, dass es deswegen in Belgien so viele Covid-Tote gebe. Inwieweit diese Sachverhalte wirklich eine Rolle spielen, ist unklar. Aber man sieht, dass man endlos Ping Pong spielen kann, wenn man das Wesentliche aus dem Blick verliert (Gesamtsterblichkeit unter Absehung von Todesursachen).

Kommen wir nun zurück zu meinem Schema von Arbeitshypothese und Nullhypothese. Können die beobachteten Phänomene erklärt werden, ohne von einer besonderen Gefährlichkeit des Virus auszugehen, hat die Nullhypothese zu gelten. Sie muss daher jeder Politik zugrunde liegen, die den Anspruch erhebt, rational zu sein. Soweit ich sehe, hatte nur Schweden von Anfang an die Maxime, ausschließlich evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, statt panisch auf ungelegte Eier zu reagieren. Deshalb gibt es in Schweden zum Beispiel keine Maskenpficht.[4] Es ist den Verantwortlichen dort hoch anzurechnen, dass sie der Versuchung widerstanden haben, sich durch Aktionismus aus der Affäre zu ziehen und als „Macher“ in die Unangreifbarkeit zu retten.[5]

Ich frage ich mich ohnehin, was man eingenommen haben muss, um zu glauben, in Schweden sei die Lage außer Kontrolle. Das Medianalter der Covid-Toten beträgt dort 86 Jahre. Würde in diesem Land eine überaus tödliche Epidemie wüten, wären viel mehr jüngere Menschen unter den Toten. Das kann man Gebildeten aber einfach nicht erklären. Sie fangen sofort an zu moralisieren und meinen, solche Gedanken seien „zynisch und menschenverachtend“. Doch in Schweden war das Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt überlastet. 1993, 1996 und 2000 starben dort in einem Monat mehr Menschen als im Covid-Peak-Monat-April 2020, und zwar aufgrund von Influenzawellen, die niemanden besonders interessiert haben. Die Zynischundmenschenverachtend-Fraktion hatte damals allerdings noch keine Krokodilstränen für die Alten und Schwachen im Reservoir. Viele alte und schwerkranke Menschen sind aufgrund der Coronamaßnahmen einsam und isoliert gestorben. Hat man sie gefragt, was sie wollen? Ich glaube, jene Leute wissen überhaupt nicht, was Menschlichkeit ist. Nur wenige von ihnen dürften – wie ich im Zivildienst – täglich Schwerkranke und Sterbende gepflegt haben. Sie können daher auch nicht ermessen, wie unmenschlich es ist, Angehörige von Moribunden abzuweisen und letztere einsam sterben zu lassen. Ich hätte das niemals übers Herz gebracht.

Fazit: Wenn überhaupt, dann hat Schwedens Maßnahme gegriffen, Maßnahmen zu vermeiden, die nicht evidenzbasiert sind. Was die Lockdown-Staaten veranstaltet haben, war hingegen ein Griff ins Klo, aus dem sie ihre Griffel nun einfach nicht mehr herausbekommen (wollen).

Schaden durch Kaskaden

Wer die Nullhypothese vertritt, muss keine alternative Erklärung anbieten. Er kann die Arme in den Schoss legen und alles abweisen, was die Vertreter der Arbeitshypothese vortragen, sofern es nicht stichhaltig ist. Hat man sich vorab auf Kriterien dessen geeinigt, was als stichhaltig gilt, und ist man bereit, stichhaltige Argumente anzuerkennen, kann ein fruchtbarer Diskurs entstehen, mit dem konkrete Probleme gelöst werden können. In der Realität sieht es jedoch ganz anders aus. Mit meiner Haltung erzeuge ich im besten Fall Irritation, meist aber heftige Aggression. Ich verbringe die gesamte Zeit solcher Diskussionen damit, den Leuten vergeblich klarzumachen, dass sie diejenigen sind, die mir gegenüber in der Rechtfertigungspflicht sind, weil sie etwas behaupten und weil sie etwas von mir fordern. Sie haben das Konsistenz-Problem, nicht rational begründen zu können, warum ihnen die Toten der vergangenen starken Grippewellen vollkommen gleichgültig waren und sie nicht damals schon Lockdowns befürwortet haben. Ich habe keinerlei Konsistenzproblem, weil ich angesichts von Corona genauso denke wie in den Jahren zuvor angesichts der üblichen Grippewellen. Ich bin trotzdem so freundlich, eine alternative Erklärung anzubieten, die ohne verschwörungstheoretische Partikel auskommt:

Menschen haben die Neigung, Informationen so auszuwählen, dass sie den eigenen Erwartungen entsprechen. Dies wird in der Kognitionspsychologie „Bestätigungsfehler“ (Confirmation Bias) genannt. Ist ein Bestätigungsfehler von Panik motiviert, führt er nicht selten genau das herbei, was verhindert werden soll. Man stelle sich einen Artisten vor, der plötzlich von düsteren Prognosen geplagt wird und auf dem Hochseil nur noch nach Zeichen für sein kommendes Scheitern sucht. Wahrscheinlich wird er irgendetwas anstellen, was ihn abstürzen lässt, und sich beim letzten Atemzug in seinen Befürchtungen bestätigt fühlen. „Wenn intensive Emotionen im Spiel sind, tendieren Menschen dazu, den möglichen nachteiligen Ergebnissen viel, ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit hingegen nur wenig Beachtung zu schenken“, stellt Cass Sunstein in seinem Buch „Gesetze der Angst“ fest. „Sie können nur wenig mit der Frage anfangen, welche Wahrscheinlichkeit einem bestimmten Schaden zukommt, und betonen Worst-Case-Szenarien“. Dies beeinflusst alle Handlungen der Beteiligten und erhöht die Eintrittswahrscheinlichkeit des nachteiligen Ergebnisses.

Sich selbst verstärkende kollektive Prozesse werden „soziale Kaskaden“ genannt. „In sozialen Kaskaden schenken Menschen den von anderen geäußerten Ängsten eine so große Aufmerksamkeit, dass sich die (eventuell falsche) Überzeugung, ein Risiko sei äußerst gravierend, schnell ausbreitet“, erläutert Sunstein und liefert selbst eine Menge Beispiele dafür. Prägnante Exempel hat auch Walter Krämer in seinem Buch „Die Angst der Woche“ zusammengestellt. Über den „Dioxinskandal“ etwa schreibt er im Jahr 2011: „Erinnern Sie sich noch? Nur neun Monate ist es her, da wurden mehrere tausend Bauernhöfe in der Republik gesperrt, Dutzende von Existenzen zerstört, zahlreiche gesunde Firmen wegen mikroskopischer Dosen von Dioxin in Schweinefleisch und Eiern in den Ruin getrieben. Die vermeintliche Gefahr stellte sich bald als Fantasieprodukt heraus. Die erlaubten Höchstwerte von 3 Billionstel Gramm Dioxin pro Gramm Fett im Ei oder 12 Billionstel Gramm pro Gramm Fett im Schwein wurden hier und da überschritten, aber Gefahren für Gesundheit, Leib und Leben waren nie vorhanden. Real war nur der erzeugte Schaden.“ Wie der Name schon andeutet, gehen in sozialen Kaskaden die Dinge stufenweise den Bach herunter. Ist die Kaskade erst einmal im vollen Lauf, bleiben sachliche Einordnungen, begründete Entwarnungen, abgewogene Urteile wirkungslos. Experten, die keine Panik verbreiten, werden nicht gehört, Politiker, die „nichts machen“, werden geächtet. Es schlägt die große Stunde der niederen Instinkte, die sich erfolgreich als hohes Verantwortungsbewusstsein tarnen können.

Betrachtet man im Lichte dessen die Corona-Krise, könnte man zu dem Schluss kommen, dass sie auf einer sozialen Kaskade globalen Ausmaßes beruht, die offenbar nicht enden kann, bis alles darnieder liegt. Aus dieser Perspektive erscheinen alle Kaskaden vergangener Jahrzehnte wie beschaulich tröpfelnde Rinnsale und bloßes Vorgeplätscher zu dem, was nun wie ein Fluch auf der gesamten Menschheit lastet. Man wird dieses Virus einfach nicht mehr los, obwohl es sofort aus dem Blickfeld verschwände, wenn man nur das vermaledeite Testen ließe. John Ioannidis schreibt: Hätten wir nichts von diesem neuen Virus da draußen gewusst und hätten wir keine Menschen mit PCR getestet, wäre uns die Anzahl der Gesamt-Todesfälle durch grippale Infekte in diesem Jahr nicht ungewöhnlich erschienen. Wir hätten höchstens beiläufig bemerkt, dass die Grippe-Saison in diesem Jahr etwas schlimmer als üblich schiene. (zit nach Reiss/Bhakdi 2020). Doch inzwischen scheint die ganze Welt besessen davon zu sein. Corona ist wie ein Fingernagel, an dem zwanghaft gekaut, gekratzt, gerissen wird, obwohl dadurch Wunden entstehen, die nicht verheilen können, solange man weiter daran herumpopelt.

Das riesige Ausmaß der Krise hält viele von dem Gedanken fern, dass letztere vollständig oder zum größten Teil mit einer Krise des menschlichen Verstandes erklärt werden kann, der sich ohne echte Not in den kollektiven Bestätigungsfehler geflüchtet hat. Die Maßnahmen müssen doch eine rationale Grundlage haben, ist man geneigt zu denken. Wir leben schließlich in aufgeklärten Zeiten. Denkste! Die Rationalität, die hierbei im Spiel ist, hat allenfalls partikulären Charakter in dem Sinne, dass einige Akteure im Hinblick auf ihren Nutzen innerhalb des ganzen Unheils rational handeln. Es fehlt aber weitgehend eine übergeordnete, alle Variablen abwägende Rationalität, die dafür sorgt, dass die ergriffenen Maßnahmen auf ein klar definiertes Ziel hin geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sind. Stattdessen sieht es so aus, als wolle man mit trüber Diagnostik und opaken Kriterien möglichst viele „Corona-Kranke“ und Covid-19-Tote statistisch erzeugen, um ausgerechnet damit zu verhindern, dass es immer mehr Corona-Kranke und Covid-19-Tote gibt.

Doch der rationale Sinn der Sache ist es wohl kaum, alles zum Coronafall zu erklären, was nicht rechtzeitig fliehen kann. Selbst George Floyd, der in den USA von einem Polizisten getötet wurde, müsste nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts als Coronatoter gelten, weil er ein positives Testergebnis hatte. Statt solchen Unfug anzustellen, sollte man sich um Präzision, Strenge und Einheitlichkeit bei der Datengenerierung bemühen, zum Beispiel in Bezug auf Testverfahren oder Differentialdiagnostik. Würden weltweit standardisierte Verfahren nach strengen Kriterien verwendet, wäre die angeblich so schlimme Pandemie schnell beendet. Doch in der Praxis herrscht methodische Anarchie. Belgien ist zum Beispiel sehr großzügig, was die Zählweise betrifft. Dort „erscheinen nicht nur jene Toten in der Statistik, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Sondern auch all jene, bei denen nur ein Verdacht besteht, es könnte einen Zusammenhang mit dem Virus geben. So waren von den 178 Heimbewohnern, die am Mittwoch neu in der Statistik auftauchten, lediglich 13 Prozent Corona-positiv. Der Rest wurde nicht getestet, aber trotzdem mitgezählt. Manche, weil sie Symptome hatten, die zu Corona passen könnten. Andere, weil in ihrer Einrichtung vorher ein anderer an dem Virus gestorben war. (…) Premierministerin Sophie Wilmès sagt, die belgische Art zu zählen sei schlicht transparenter.“ Es braucht also niemanden zu wundern, dass Belgien bei den Covid-Toten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung auf einem Spitzenplatz rangiert. Die korrekte Bestimmung von Todesursachen ist generell eine heikle Angelegenheit. Rechtsmediziner können davon ein Liedchen singen. Schätzungsweise die Hälfte aller Todesfälle durch Fremdeinwirkung bleibt zum Beispiel unerkannt. Es ist also leicht vorstellbar, dass der Bestätigungsfehler bei der Bestimmung von Todesursachen sehr weit um sich greift, wenn die ganze Welt ebenso manisch wie panisch auf Covid-19 fixiert ist.

Drei Affen als Zwölf Geschworene

Erstaunlich daran ist einzig und allein, dass man so etwas überhaupt erklären muss. In zahlreichen Diskussionen mit hochgebildeten Menschen musste ich feststellen, dass sie für diesen Aspekt nicht im Geringsten empfänglich waren. Sie schienen von solchen Mechanismen noch nie etwas vernommen zu haben und bestritten vehement, dass sie in der Coronakrise auch nur irgend eine Rolle spielen könnten. Dabei war das Buch Schnelles Denken, Langsames Denken von Nobelpreisträger Daniel Kahnemann immerhin ein populärwissenschaftlicher Bestseller. Dort werden solche einschlägigen Mechanismen ja anschaulich beschrieben. Doch ich wurde nur spöttisch gefragt; „Glaubst du etwa, die Menschen sterben an der Angst vor Corona?“ Meine Diskussionspartner hielten es für den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit, so etwas auch nur in Betracht zu ziehen, obwohl der bekannte Rechtsmediziner Michael Tsokos bereits Fälle von Selbstmord aus Angst vor Covid-19 beschrieben hatte. Aufgrund dieses ungewöhnlichen Freitod-Motivs schlug er sogar „Corona-Suizid“ als neuen medizinischen Terminus vor. Solche Fälle indes, bei denen die Menschen Selbstmord aus Angst vor der Krankheit begehen, werden stets nur einen geringen Anteil der Gesamtopfer ausmachen. Die Anzahl Menschen, die trotz ernster Symptome aus Angst vor Corona nicht zum Arzt gehen und deshalb wenig später sterben, wird schon deutlich höher sein. Und noch höher ist die Zahl derer, die Opfer indirekter Folgen der Angstdynamik werden.

Ich versuchte darüber aufzuklären, welch gravierende Wirkung soziale Kaskaden entfalten und wie stark sie die Einstellung aller Involvierten beeinflussen können. Man muss doch, so argumentierte ich, die Ursachen von Schäden kennen, um geeignete Maßnahmen dagegen ergreifen zu können. Wäre die Ursache in erster Linie sozialpsychischer Natur, hätte es wenig Sinn, Milliarden von Tests zu machen, Impfstoffe eilig zusammenzubrauen, Infektionsketten zu verfolgen, Tracking-Apps zu installieren, Schulen und Kitas zu schließen und die Menschen auf unabsehbare Zeit mit Maskenzwang sowie bizarren Hygienekonzepten zu drangsalieren. Dann müsste man alles daransetzen, die Panikwelle zu verflachen, anstatt die Corona-Curve zu flatten. Aber nein, es half alles nichts. Ich wurde als überführter Corona-Leugner direkt ins Lager der Covidioten geschickt, obwohl mein Erklärungsversuch keinerlei Verschwörungstheorie enthielt.

Dabei ist das alles kein Hexenwerk. Es müssen nur einige Faktoren ungünstig zusammenkommen, um Kaskaden in Gang zu setzen, die sich selbst verstärken. In einem solchen Erklärungsmodell spielen egoistische Interessen von Akteuren zwar eine große Rolle. Es zeigt aber, dass eine solche Krise nicht notwendig von ein paar Superschurken am Reißbrett entworfen sein und im Einzelnen gesteuert werden muss, um verheerend zu wirken. Ich nenne im Folgenden nur einige Faktoren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Man wird schnell erkennen, wie banal und trivial sie sind. Genau das ist ja der Witz daran.

T(rivialität) 1: Medien haben ein Interesse an Aufmerksamkeit, hohen Klickzahlen, hoher Auflage und produzieren daher gerne Horrormeldungen. Wenn sie für letztere belohnt werden, gibt es für sie keinen Anlass, damit aufzuhören.

T 2: Politiker wollen wiedergewählt werden, möglichst weit aufsteigen und lange am Drücker bleiben. Wenn sie umso beliebter werden, je restriktiver sie agieren, haben sie kein Motiv, Restriktionen aufzuheben.

T 3: Pharmaunternehmen wollen ihre Produkte möglichst ohne Risiko mit möglichst hohem Gewinn verkaufen. Etwas Besseres als staatliche oder überstaatliche Abnahmegarantien gibt es für sie nicht. Selbstverständlich versuchen sie immer, eine Nachfrage nach künftigen Produkten künstlich zu erzeugen und die Entwicklungskosten auf andere abzuwälzen. Diese Nachfrage erzeugt man am besten durch Horrorszenarien. Pharmafirmen haben also keinen Grund zu beschwichtigen.

T 4: Labore sind daran interessiert, möglichst viel zu testen. Auch hier gilt, dass allgemeine Panik die Nachfrage erzeugt und nach oben treibt.

T 5 Wissenschaftler und Institutsleiter müssen ihren Forschungszweig möglichst bedeutend aussehen lassen, um möglichst viele Forschungsgelder zu bekommen. Klappern gehört auch hier zum Handwerk. Man klappert am Lautesten, wenn man Panik verbreitet. Auch hier fehlt jegliche Motivation zur Deeskalation.

T 6 Viele Übersättigte aus den gebildeten Schichten sehnen eine neue Weltordnung herbei und verklären dabei das allgemeine Elend der Menschen zum Heil des Planeten. Sie sind in Interessengruppen, Parteien, Medien, Administrationen, Kultur, Bildungswesen tätig und haben viel Gelegenheit, ihre Auffassung unters Volk zu bringen. Sie haben keinerlei Interesse, die Bevölkerung zu beruhigen und malen ständig die Apokalypse an die Wand. Das Virus ist für sie ein willkommener Anlass, die Welt endlich in ihrem Sinne umzugestalten.

Tu alles zusammen!

Das vermeintliche Killervirus bündelt nun all diese Parikularinteressen. Unterm Banner des Infektionsschutzes werden sie in einer Weise durchgesetzt, die zuvor nicht möglich war, weil es engere rechtliche Grenzen gab. Ist die Kaskade erst einmal im Gange, werden in der Folge immer mehr Anreize geschaffen, die Katastrophe herbeizuführen und zu „bewirtschaften“. Keiner will sich mehr vorwerfen lassen, zu wenig oder gar nichts getan zu haben. Der Bestätigungsfehler wird universal. Im Falle von Corona kommt es auf medizinischer Ebene zu massenhaften „Überdiagnosen“, denn lieber zählt man einen Kranken zu viel zu den Coronafällen als einen zu wenig. Man will sich schließlich keine Fahrlässigkeit nachsagen lassen. Ferner kommt es zur systematischen Überbehandlung, an der viele Menschen sterben, die es zum Beispiel ohne Intubation womöglich geschafft hätten. Doch der behandelnde Arzt kann sagen, dass er alles getan hat, was in seiner Macht stand. Kliniken profitieren von materiellen Fehlanreizen, bekommen Geld für freigehaltene Intensivbetten und Covid-Diagnosen sowie umso mehr Zuwendungen, je intensiver sie die Covid-Patienten behandeln. Dadurch entsteht eine riesige Menge von Menschen, die wegen anderer Gebrechen nicht behandelt werden, obwohl sie dessen dringend bedürften. Diese Menschen werden durch Anti-Corona-Maßnahmen in den Tod getrieben wie die Säue in den See Genezareth, aber niemanden stört’s. Alle haben nur noch Covid im Kopf.

Was sich im medizinischen Bereich abspielt, gilt für die ganze Gesellschaft. Es werden große Leichenberge an Kollateraltoten aufgehäuft, die man aber dem Virus selbst anlastet und nicht den Maßnahmen. Denn ohne diese, so meint man, gäbe es noch viel mehr Opfer. Die Verantwortlichen überbieten sich im Aktionismus. Niemand will als Verharmloser an den Pranger gestellt werden. Am Beispiel Schweden sieht man, wie stark die Angriffe werden, wenn an einer rationalen Politik festgehalten wird. Anstatt dass Europa hoffnungsvoll unterstützend auf Schweden schaut und sich freut, dass die Katastrophe dort nicht eintritt, wird es mit allen propagandistischen Mitteln niedergemacht.

Ich weiß nicht, wo die Grenzen der Modellierungskunst liegen, meine aber, dass man so etwas längst als Szenario hätte modellieren können. Man hätte zum Beispiel modellhaft annehmen können, dass SARS-CoV-2 nicht gefährlicher ist als die Schweinegrippe. Dann hätte man die oben genannten selbstverstärkenden Mechanismen operationalisiert, deren Schäden berechnet und geschaut, wie viele Tote allein auf die Angstdynamik zurückzuführen sind. Und erst die Totenzahlen, die darüber hinausgehen, dürften dann dem Virus selbst zugeschrieben werden. Ich habe nicht systematisch nach solchen Modellen gesucht, nehme aber an, dass sie nicht existieren. Und selbst wenn es sie gäbe, würde sie wohl niemand zur Kenntnis nehmen.

Warum gerade jetzt?

Ich vermute, das bewusste Planung und Orchestrierung der Pandemie eine Rolle spielen. Viele Akteure machen ja auch gar kein Geheimnis aus ihren Absichten (globale Impfung, neue Weltordnung). Bei allem Segen, den moderne Medikamente bringen, darf man zudem nicht übersehen, wie mächtig die großen Pharmafirmen sind und wie gleichgültig ihnen Menschenleben mitunter sein können. Ich halte mich jedoch an Newtons Sparsamkeitsprinzip, nicht mit mehr unbewiesenen Hypothesen zu arbeiten, als zur Erklärung eines Phänomens notwendig sind. Das Geschehen kann in meinen Augen mit sich selbst verstärkender Angstdynamik hinreichend erklärt werden. Ich verwende diese Erklärung aber vor allem aus dem taktischen Grund, den Corona-Alarmisten nachzuweisen, dass sie das Argument gegen Verschwörungstheorien und rechte Spinner bloß vorschieben. In Wirklichkeit dulden sie von vornherein keinerlei abweichende Meinung, selbst wenn diese weder verschwörungstheoretisch noch „rechts“ ist. Ich bekam als Antwort auf meine Zweifel immer nur zu hören: „Was soll es denn sonst sein?“ Oder: „Was soll denn sonst gewirkt haben, wenn nicht der Lockdown?“ Ich fühlte mich dabei wie Henry Fonda im Filmklassiker „Die zwölf Geschworenen“, wo die anderen keine Bereitschaft zeigen, nach Entlastendem zu suchen, sondern bloß fragen: „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“ Selbstverständlich werden formal Hochgebildete nicht gerne der Ignoranz und Vorurteilsbeladenheit überführt. Sie schalten die Ohren dann nur noch mehr auf Durchzug und intensivieren ihre Rufmordaktivitäten gegen alle, die ihnen qualifiziert widersprechen. Diese Dummheit der Gebildeten ist der Zündstoff des Weltenbrandes. Kaskaden von beträchtlichem Ausmaß werden niemals von Ungebildeten angestoßen, sondern immer nur von übermütigen Gebildeten.

Interessant ist bei allem die Frage, warum die Coronapanik sich so erfolgreich auf dem Globus hat ausbreiten können, obwohl es doch schon andere Kaskaden dieser Art gab, die weit glimpflicher ausgegangen sind –, man denke nur an die Schweinegrippe. Es wäre eine lohnende Aufgabe der vergleichenden Panikforschung, einmal zu ermitteln, was genau die Ursachen dafür sind, dass die Flamme damals erstickt ist und heute weltweit lodert. Herr Drosten hat schließlich schon damals genau das Gleiche erzählt, die Medien haben ordnungsgemäß Panik verbreitet, die WHO hat ihre Pandemiedefinition geändert, Pharmafirmen sind mit ihren Produkten am Start gewesen. In den letzten elf Jahren hat sich offenbar viel geändert. Yoram Lass, ehemaliger Direktor des israelischen Gesundheitsministeriums, sagt zum Beispiel, dass Corona die erste Epidemie der Geschichte sei, die von einer weiteren Epidemie begleitet werde: dem Virus der sozialen Netzwerke. Es liegt auf der Hand, dass soziale Netzwerke soziale Kaskaden enorm begünstigen und beschleunigen. Facebook, Twitter und Co. gab es zwar schon im Jahr 2009. Sie hatten aber noch nicht die alles umspannenden Ausmaße von heute. Auch war der Markt noch nicht so monopolisiert, der Blick der Leitmedien noch nicht so verengt wie heute. Heute sind die sozialen Netzwerke Shitstorm- und Prangerforen, in denen alles niedergemacht wird, was nicht dem Konsens der Schwarmidiotie entspricht. Es gab noch keine „Rechercheagenturen“, die alles streng in Wahrheit hier und Fake News dort unterteilen. Zusammen mit diesen Agenturen sind die sozialen Netzwerke ein mächtiges Instrument zur Disziplinierung. Zudem scheint die Presse vor elf Jahren noch nicht so gleichförmig auf einem bestimmten Kurs gewesen zu sein wie heute.

Besonders fällt jedoch ins Gewicht, dass die Gebildeten damals offenbar noch Reste einer liberalen, toleranten Geisteshaltung vorweisen konnten, die heute fast vollständig verschwunden ist. Heute ist das manichäische Weltbild Standard. Die Jüngeren sind im totalitären Geist des Ökologismus aufgewachsen, der jeden Widerspruch, jede Regung freien Denkens und Handelns mit der Apokalypse zum Schweigen bringen will. Es sind nun schon zwei Generationen Erwachsener da, die neben der tiefen Verachtung für die eigene Spezies gar nichts anderes mehr kennen als unablässige Panik aufgrund herbeiphantasierter Risiken. In der Klimapolitik zum Beispiel gilt im Grunde jede noch so absurd hohe Summe für den Klimaschutz als gerechtfertigt. Denn das Worst-Case-Szenario wird als so schlimm beschrieben, dass heute jede Maßnahme angebracht erscheint, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Worst Case eintritt, minimal ist. Als Vorsorgeprinzip gilt hier: in dubio pro malo (Hans Jonas). Zukünftige Kinder in 100, 200, 300, 1000 Jahren vor einer etwaigen Flutkatastrophe zu retten, hat die gleiche Priorität, wie reale Kinder heute vor Malaria zu bewahren. Aberhundert Milliarden werden gegen imaginäre Probleme weit entfernter Generationen ausgegeben. Eine mit undurchsichtigen Modellen errechnete Katastrophe am Sankt Nimmerleinstag mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit ist Richtschnur der Weltpolitik. Die Klimakatastrophe wird so dargestellt, als befänden wir uns bereits mitten in ihr. Und nun befinden wir uns noch zusätzlich auf unabsehbare Dauer „am Anfang der Pandemie“ oder „mitten in der Pandemie“, aber auf keinen Fall am Ende derselben. Wen wundert es dann, dass die Menschen das Risiko eines Grippevirus nicht richtig einschätzen können. Professor Drosten hat im Jahr 2010 über die Schweinegrippe gesagt: „Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann.“ Mag man damals noch die Nase gerümpft haben, gilt diese Art zu denken heute als Inbegriff des Verantwortungsbewusstseins.

Wir leben im Zeitalter des totalen Vorsorgeprinzips. Und mit diesem wird alles zu Brei geschlagen, was sich nicht der Willkür derer fügt, die es beschwören. Das Virus ist tatsächlich ein Killer. Ein Auftragskiller. Die Intellektuellen scheinen mir allerdings nicht einfach nur Angst vor der angenommenen Katastrophe zu haben, sondern auch irgendwie geil darauf zu sein. Das erinnert mich an den Vorabend des Ersten Weltkriegs, wo die intellektuelle Elite es nicht erwarten konnte, die Welt endlich in einem Krieg zu sehen. Freud meinte, dass man oft insgeheim herbeisehne, was man am meisten fürchte. Wenn ich mir das törichte Verhalten der Gebildeten anschaue, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er in diesem Fall ins Schwarze getroffen hat.

Irgendwann in nicht allzu naher Zukunft wird man sich fragen, wie ein solcher Rückfall möglich sein konnte, obwohl es doch niemals zuvor in der Geschichte so leicht möglich war, sich selber ein Bild von der Lage zu machen und alle zentralen Aussagen infrage zu stellen, mit denen die Abschaffung der freiheitlichen Ordnung begründet wurde. Ich glaube allerdings nicht, dass ich das noch erleben werde.


[1] Man ist immer fein heraus, wenn man seine Ergebnisse in Wahrscheinlichkeitssaussagen präsentiert. Diese sind nicht falsifizierbar, aber trotzdem wissenschaftlich. Wenn man also sagt, dass Maßnahme x mit einer Wahrscheinlichkeit von y gewirkt hat, ist man auf der sicheren Seite. Ja, der Lockdown könnte 3,1 Millionen Menschenleben gerettet haben. Wer kann das hundertprozentig ausschließen?

[2] Willard Van Orman Quine (1908–2000) meint sogar, dass man Zirkelschlüsse grundsätzlich nicht vermeiden könne.

[3] Das meinte Jörg Kachelmann auf Twitter. Doch diese Ad-Hoc-Hypothese wurde von anderen Twitteren anhand der Google-Bewegungsdaten erschüttert. Die Schweden waren im Land insgesamt recht munter unterwegs. Von staythefuckhome konnte dort keine Rede sein. Kachelmann war not amused.

[4] Das Vorsichtgste und Höflichste, was man über die Maskenpflicht sagen kann, ist, dass sie nicht evidenzbasiert ist. Denis Rancourt drückt sich weniger dezent aus und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die Maskenpflicht ist eines der vielen Staatsverbrechen, die derzeit begangen werden. Motto: No Evidence? Let‘s do it!

Quelle: Our World in Data

[5] Wie zum Beispiel Markus Söder, der zunächst den Fasching in Bayern zuließ, um dann den Hardliner herauszukehren, nachdem der mediale Druck zu groß geworden war. Wendehälse sind in Deutschland nach wie vor sehr beliebt, wenn sie nur dreist genug vorgehen.