Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Die Sonne hat nicht den Zweck, die Kohlköpfe wachsen zu lassen.
Gustave Flaubert

Rache der Natur?
Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet. Statt dessen ist es schick, von der „Rache der Natur“ zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.

„Die industrialisierte Landwirtschaft“, behauptet Greenpeace beispielsweise, „erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel.“ Geboten sei daher eine „naturnahe Landwirtschaft“, die „natürliche Kreisläufe“ nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die „industrialisierte Landwirtschaft“ sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen „dauerhaft“ verschleiert. Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die NGO scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte „naturnahe Landwirtschaft“ endlich als Sieger dasteht.

Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich „von der Natur entfernt“ habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.

Von Zwecken gezwickt

Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.

Dieser offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler. „Kuhmilch ist nicht für Menschen da“, lautet ein typischer Satz von Veganern. „Die Milch erfüllt […] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses“, heißt es auf der Website von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nicht gestellt. Wer diese Frage nun naiv mit „die Natur“ beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person.

Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass es der objektive Zweck der Milch sei, dies zu bewirken, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Kälbchen auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass deren Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch erfülle den ganz gezielten Zweck, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern.

Verneint man einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als laktoseintolerante Ökopäpste.

Zwei Naturbegriffe

Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, welche man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte. Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) die Naturerscheinungen haben. Er geht im wesentlichen auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.

Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techné (Kunst). Natürlich ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. Künstlich ist alles, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom „unbewegten Beweger“, der Ursache aller Ursachen, festgelegt. Die Entelechie des Haferkorns wäre es beispielsweise, zur ausgereiften Pflanze zu werden. Hafer wäre also ebenso wenig für menschliche Vegetarier da wie Kuhmilch für menschliche Mischköstler. Denn wer das Korn an der Entfaltung seiner Vollkommenheit hindert, indem er es zerquetscht und ins Müsli rührt, handelt naturwidrig.

Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen nicht im Hinblick auf deren Zweckmäßigkeit, sondern unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht. Galileo Galilei (1564-1641) und andere „entdeckten“ die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern „erzeugten“ sie mit Hilfe von ausgeklügelten technischen Experimenten und Geräten „künstlich“. Der Gegensatz von physis und techné wurde damit aufgehoben. Natur kann nämlich nur erkannt werden, indem man technisch in sie eingreift. Egal ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine oder „Artefakte“ – alles unterliegt denselben Naturgesetzen.

Natürliche Landwirtschaft?

Vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft ist die Rede von einer „natürlichen Landwirtschaft“ streng genommen sinnlos, denn wo alles Natur ist, kann es nichts Naturwidriges geben. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen, biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den „Ökosystemen“ ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und „Artenvielfalt“ ist nicht der objektive Zweck des Regenwalds.

Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. „Natürliche Landwirtschaft“ wäre in diesem Begriffsrahmen ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Kultur“ vom lateinischen cultura ab, was soviel bedeutet wie „Ackerbau“. Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.

Der Senftenberger See in der Lausitz. Ein »Naturparadies«, entstanden durch Braunkohletagebau.

Dummerweise verwechseln die Bürger heutzutage meist Agrarlandschaft mit unberührter Natur. So ist beispielsweise die Lüneburger Heide „ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten“, wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. „Die oftmals nur unbewusste, teilweise aber bewusst initiierte Assoziation von landwirtschaftlicher Natur mit unberührter Natur muss folglich als zentrale Konfliktquelle erkannt werden“, resümiert der Philosoph Christian Dürnberger. Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen gleicht dem Versuch, seinen Pelz zu waschen, ohne nass zu werden. Die falschen Assoziationen erschweren als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen agrarwirtschaftlicher Probleme.

Reine Natur und menschliche Aliens

Definiert man Natur als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus der Natur herausnehmen und schauen, was übrigbleibt. Dadurch wird es möglich, den Menschen moralisch gegen die Natur auszuspielen. Er kann wie eine Art bösartiger Alien dargestellt werden, der von außen in die unschuldige Natur eindringt und sie zerstört.

Da Menschen der finalen Naturbestimmung zufolge gar nicht anders als naturwidrig handeln können, ist es leicht, sie als per se schuldig zu bezeichnen (Erbsünde). Die Menschen können ihre Schuld jedoch klein halten, indem sie möglichst wenig gegen die Natur handeln. Wenn es eine natürliche Landwirtschaft in diesem Denksystem schon nicht gibt, so scheint es immerhin machbar zu sein, eine weniger künstliche und damit „naturnähere“ Landwirtschaft zu betreiben.

Das Bestreben, möglichst „naturnah“ zu leben, erzeugt eine Art Sog zum „Urzustand“, zu einer Natur ohne Menschen. Je rückständiger die Art und Weise der Naturbearbeitung wirkt, desto näher steht sie dem Ursprung, desto weniger sündhaft ist sie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je fortschrittlicher und „künstlicher“ die Naturbearbeitung wirkt, desto sündhafter erscheint sie. Die moderne Zivilisation überziehe demnach ihr Sündenkonto so sehr, dass letzteres nur durch einen universalen Crash bereinigt werden könne.

Zurück zur Natur!

Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole „Zurück zur Natur“ kennzeichnend, welche vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.

Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der „unberührten Natur“ (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden. „Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält“, schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur nicht etwas Bedrohliches ist, sondern ihrerseits durch den Menschen bedroht werde und deshalb geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.

Vom Totschlagargument zum Totschlag

Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die bei solchen Prozessen entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt (Unstatthafte Entfernung vom Ursprung), und als Patentlösung wird gefordert, irgend einen „ursprünglicheren“ Zustand wieder herzustellen.

Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der „Lebensreformbewegung“ huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer „naturgemäßen Lebensweise“. Hier entstand der Mythos, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und dass deren Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.

Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner Kollath (1892-1970) zur offiziellen Doktrin. Kollath, Erfinder der Vollwertkost, teilte die Wertigkeit der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher deren Wertigkeit. Kollaths Lehre halten weite Teile der Bevölkerung auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von „Steinzeitdiät“ und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.

Die Landwirtschaftpolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische „Fett- und Eiweißlücke“ der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um Autarkie zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als „Neuadel aus Blut und Boden“ (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. „Landwirt“ galt als Schimpfwort, „Bauer“ als Ehrentitel. Der „knorrige“, „erdverbundene“ und „naturnahe“ Bauer wurde gegen den „feigen“, „kriecherischen“ und „naturfernen“ jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.

Wir scheißen auf die Natur!

„Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der ‚reinen Natur’ entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.

Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders „naturnah“, bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der „Urproduktion“ gezählt wird und „Rohstoffe“ produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.

Landwirte können den agrarfernen Bürgern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Schweinchen, Kälbchen oder Hühnchen. Doch sobald die Bürger „Natur“ hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zuviel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie den Landwirten nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind.

Ein Weg aus der Falle wäre die Flucht nach vorn. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar durchaus im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, das heißt sie erfordert eine Menge technisches Know-How, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Man sollte es einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf „Naturverbundenheit“ und „Natürlichkeit“ zu unterlassen.*

 

* Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im September 2015 in der Zeitschrift Agrarmanager erschienen

Tierethische Grenzkontrolle

Hund oder Baby?
Das Kerngeschäft der Tierrechtler ist es, erwachsene intakte Exemplare diverser Tierarten gegen nicht erwachsene, beeinträchtigte oder beschädigte Menschen auszuspielen. Ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sei unvergleichlich vernünftiger als ein menschliches Baby, meinte im achtzehnten Jahrhundert Jeremy Bentham (1748–1832).

Gäbe es triftige Argumente, die zeigten, dass es unzulässig ist, Tiere und Menschen auf diese Weise miteinander zu vergleichen, wäre das gesamte tierrechtliche Unterfangen gefährdet. Man wüsste dann nämlich gar nicht, wozu der ganze Aufwand veranstaltet wird – es sei denn zu dem Zweck, die Menschenrechte zu unterminieren und Tiere dafür lediglich einzuspannen. Ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier qualitativ, und ist es sinnvoll, den Begriff »Mensch« zu verwenden, gibt es keinerlei rationalen Grund, Tiere rechtlich in irgend einer Weise mit Menschen gleichzustellen.

Wer darf rein? 
Das Argument der Tierrechtler* ist das Folgende: Da es Menschen gebe, denen die Vernunft- und Moralfähigkeit ebenso abgehe wie den Tieren, brauchten sie entweder moralisch und rechtlich so wenig berücksichtigt zu werden wie Tiere, oder Tiere müssten die gleiche Berücksichtigung in Moral und Recht erfahren wie Menschen – aber auf anderer Grundlage.

Diese Grundlage ist bei Peter Singer die Empfindungsfähigkeit, genauer die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden: Nur was (Schmerz) empfinden kann, kann Interessen haben. Nur was Interessen hat, muss moralisch berücksichtigt werden. Gleiche (subjektive) Interessen sollen laut Singer unabhängig von der Spezieszugehörigkeit gleich berücksichtigt werden. Diesem Prinzip pfropft er noch eine objektive Unterscheidung zwischen unbewusstem, bewusstem und selbstbewusstem Leben auf. Selbstbewusste Lebewesen seien »Personen«  – zum Beispiel geistige gesunde Menschen, aber auch Menschenaffen und Delfine. Personen sollten nach Singer den Schutz der Menschenrechte genießen.

Bei Tom Regan ist es die Kategorie des Subjekt-eines-Lebens-Seins, welches den betreffenden Lebewesen »inhärenten Wert« verleihe – ebenfalls unabhängig von der Spezieszugehörigkeit.

Tierrechtler meinen, dadurch den Kreis derjenigen Entitäten zu erweitern, denen Rechte zugesprochen werden müssen. Doch auch sie ziehen enge Grenzen. Nicht jedes Tier oder gar Lebewesen wird einbezogen, sondern nur diejenigen Arten, welche die benannten Eigenschaften aufweisen.

Die meisten Tierrechtler sprechen diese Eigenschaften nur den Wirbeltieren zu (also lediglich 5 % der Fauna), plus ein paar Wirbellosen, zum Beispiel Kraken. Tom Regan zählt zu den Lebewesen mit inhärentem Wert Säugetiere und Vögel ab einem Jahr, bei den Fischen ist er sich nicht sicher. Wirbellose fallen ganz heraus.

Wer anderen eine Grube gräbt …
Der Vorwurf, den die Tierrechtler den »Speziesisten« machen, fällt indes auf sie selber zurück: Aus der Tatsache, dass manche Menschen bestimmte normale Eigenschaften ihrer Art nicht haben, konstruieren sie, dass diese Eigenschaften untaugliche Mittel seien, um auch diese Individuen unter den Schutz der Menschenrechte zu stellen. Doch auch innerhalb der definierten Gruppe »empfindungsfähiger Lebewesen«, »Personen« oder »Lebewesen mit inhärentem Wert« gibt es Exemplare, welche die ihrer Art zugeschriebenen Eigenschaften in geringerem Ausmaß oder überhaupt nicht haben.

Zum Problem innerartlicher Differenz kommt noch das generelle Problem hinzu, dass die Grenze zwischen schmerzempfindlichen und nicht schmerzempfindlichen Lebewesen auf empirischer Basis nicht genau bestimmbar ist. »Wenn ich einen Wurm mit einem Strickleiternervensystem zwicke, hat der natürlich einen Rückzugsreflex. Doch für diesen lokalen Spinalreflex braucht es kein Gehirn. Wir wissen nicht genau, wann ein Reiz tatsächlich als Schmerz empfunden wird«, betont der Neurophysiologe Wolf Singer.

Nacktmulle (Nagetiere) hätten trotz »reichem Sozialleben« bei Peter Singer als Spezies keine Chance, da sie angeblich nicht schmerzempfindlich sind. Doch jeder Tierfreund würde sich gegen die Konsequenz sträuben, dass man mit diesen Nagern deshalb machen könne, was man wolle. Wenn man sie mit heißem Wasser übergießt, bloß weil man sie hässlich findet, hätte Singer keine prinzipiellen Einwände dagegen parat.

Noch heikler ist die Kategorie Subjekt-eines-Lebens-Sein bzw. »inhärenter Wert«. Die hierfür laut Regan erforderlichen Eigenschaften Bewusstsein, Fühlen, Wünschen, Glauben (consciousness, feeling, desire, belief) stellen sich bei einem Lebewesen schwerlich erst ab dem ersten Geburtstag ein und können sehr wohl auch Fischen, Wirbellosen oder sogar Pflanzen zugesprochen werden, wenn man diese Begriffe nur schwach genug definiert.

Hinzu kommt, dass der »inhärente Wert« zwar irgendwie in jenen Eigenschaften gründen, aber zugleich von diesen unabhängig sein soll. Regan will genau das vermeiden, was Singer betreibt – den ethischen Perfektionismus (Stufenleiter). Er zieht daher eine nominell scharfe Grenze: Alle Säugetiere und Vögel ab einem Jahr haben unverlierbaren inhärenten Wert, die anderen nicht. Aber diese Grenze kann sich ja nur aus pragmatisch-praktischen Erwägungen heraus ergeben, nicht aus prinzipiellen. Sie beruht weit mehr auf bloßer Setzung (Dezisionismus), als Regan es den »Speziesisten« bezüglich der Kategorie »Mensch« vorwirft.

Singer und Regan betonen, dass es in der Moral nur aufs konkrete Individuum ankomme, nicht auf Gruppen (moralischer Individualismus). Dennoch benennen sie ganze Arten, die moralisch und rechtlich berücksichtigt werden sollen. Sie schließen nicht aus der Existenz beeinträchtigter Exemplare oder Jungtiere, dass es Speziesismus wäre, sie aufgrund ihrer Artzugehörigkeit den Wirbellosen vorzuziehen. Eine Biene ist aber vielleicht mehr Subjekt ihres Lebens, hat einen reicheren Erfahrungshorizont als ein neugeborener Bär oder ein neugeborenes Beuteltier.

Äpfel und Birnen
Die Probleme, die angeblich eine tierrechtliche Revision von Moral und Recht erzwingen, tauchen bei den Tierrechtlern selbst an anderer Stelle, aber in höherem Maße wieder auf. Ausnahmen machen eine Regel nicht ungültig, sondern bestätigen diese. Es ist weder beim Menschen noch bei anderen Arten sinnvoll, alle Exemplare ständig daraufhin abzuscannen, ob sie irgendwelche der Art zugeschriebenen Eigenschaften im Moment X auch wirklich in vollem Umfang besitzen. Tierrechtler schließen von den wenigen bekannten normalen erwachsenen Exemplaren auf alle. Sie schließen nicht vom Ausnahmefall auf den Normalfall, sondern umgekehrt. Und genau das tut man auch, wenn man sagt, dass Menschen zu praktischer Vernunft und Moral fähig sind.

Es bietet sich als Ausweg an, den Artbegriff als solchen zu verwerfen und zu behaupten, dass es nur Individuen oder Gene gebe oder ähnliches. Dann muss man ihn aber auch ganz verwerfen und darf nicht nur den Begriff »Mensch« als »speziesistisch« kritisieren, sondern auch beispielsweise den Begriff »Nacktmull«. Dann tappt man allerdings in die Reduktionismusfalle. Die Tierrechtler müssten sich zum Beispiel fragen lassen, warum sie denn Tiere noch von Pflanzen abgrenzen. Dies könnte man analog als »Regumismus« kritisieren – als Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem taxonomischen Reich. Schließlich gibt es auch hier Übergänge und Lebewesen, bei denen eine Zuordnung schwerfällt.

Viel Lärm um nichts
Menschen unterscheiden sich qualitativ von anderen Lebewesen. Sie haben eine spezifische Art des Denkens und Bewusstseins. Der Unterschied ist nicht einfach, dass Menschen über ein Mehr an Intelligenz verfügen, wie Singer unterstellt. Selbst wenn die qualitativen Differenzen aus einer bloßen Steigerung hervorgegangen wären, änderte dies nichts.  Wasser geht ab einer bestimmten Temperatur vom flüssigen in den gasförmigen Aggregatzustand über. Es ist nicht sinnvoll, diesen qualitativen Unterschied mit dem Hinweis zu leugnen, dass er auf einer Steigerung der Temperatur beruht. Die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Tieren sind zu gering, um beide auf Basis eines gemeinsamen Nenners rechtlich gleichzustellen.

In der Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen ist davon die Rede, Menschen seien mit Moral und Vernunft »begabt«. Was bedeutet »Begabung«? Wenn jemand zum Geigenspiel begabt ist, wird niemand verlangen, dass er auf Anhieb spielen kann wie Paganini. Er bringt nur die Voraussetzungen mit, die Kunst des Geigenspiels zu erlernen, anstatt das Instrument bis ans Ende seiner Tage zu traktieren und damit die Zuhörer zu quälen. Ein Schimpanse ist für das Violinspiel gänzlich unbegabt. Er wird auch nach Jahren keine noch so einfache Etüde spielen können.

Menschen sind in diesem Sinne zu Vernunft und Moral begabt. Kinder lernen, vernünftig zu handeln und selbstbestimmte Menschen zu werden. Ein erwachsenes Pferd oder ein anderes Tier ist in keiner Weise vernünftiger als ein menschlicher Säugling. Das Pferd ist gänzlich unbegabt, das Baby hingegen nicht. Kinder fangen sehr früh an, primitive physikalische oder psychologische Theorien aufzustellen und wieder zu verwerfen. Untersuchungen des Psychologen Andrew Meltzoff zeigen, dass sie dies von Geburt an tun. Meltzoff ist der Ansicht, dass schon Babys wie kleine Wissenschaftler agieren.

Da die Rationalität des Menschen sich qualitativ von den geistigen Fähigkeiten der Tiere unterscheidet, haben Menschen auch als einzige Spezies die Fähigkeit, moralisch zu handeln. Sie können nicht nur passiv von moralischen Regeln und juristischen Gesetzen profitieren, sondern diese selbst schaffen und aus Einsicht befolgen. Sie geben sich die Gesetze ihres Handelns selbst, weil sie die Wahl haben.

Vernunft- und damit Moralfähigkeit sind die prinzipielle Gründe, warum man Lebewesen Rechte zuspricht. Die Spezies Homo sapiens dient als pragmatisches Abgrenzungskriterium. Klarere Grenzen können auch Tierrechter nicht ziehen. Im Gegenteil. Ihre Forderungen sind gegenstandslos und gefährlich.

*Auf die Unterscheidung von Tierrechtler (Regan) und Tierbefreier (Singer) verzichte ich hier der Einfachheit halber.

Tiere sind eben so bürtig wie wir

Jens Tuider – ein im Uni-Gewächshaus herangezüchtetes Tierrechtler-Pflänzchen – hat eine eigene Seite: Tierrechte. Einfach gute Argumente.

Er geht als Tierrechtler »davon aus, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt, sondern dass Tiere uns moralisch ebenbürtig sind.«

Es gibt auch keinen grundlegenden Unterschied zwischen Tuider und einem Tofublock, denn beide bestehen hauptsächlich aus Wasser. Daher ist der Tofu dem Tuider moralisch ebenbürtig – oder gar überlegen, weil mehr Wasser drin. Tuider macht ihm folgerichtig auch Vorwürfe, wenn er sich an selbigem verschluckt. Oder nicht?

Meint Tuider, dass Tiere (welche?) »genauso moralisch« sind wie Menschen? Nein, das meint er nicht. Er meint, dass Tiere die gleichen grundlegenden Grundrechte wie Menschen haben sollen, kann es aber nicht so recht ausdrücken.

Wer jedoch verlangt, dass Menschen Tiere Rechte zusprechen, muss logischerweise davon ausgehen, dass Tiere Menschen moralisch nicht ebenbürtig sind, sofern er Tiere »grundlegend« von jeder moralischen und rechtlichen Pflicht entbindet.

Wären Tiere Menschen tatsächlich moralisch ebenbürtig, wären sie im Normalfall voll zurechnungsfähig, müssten Recht und Gesetz beachten sowie Handeln und Gedanken bei sich und bei anderen anhand von moralischen Normen beurteilen können. Dann gäbe es zum Beispiel Kakerlaken oder Zecken oder Nacktmulle auf Ethik-Lehrstühlen.

Affen gibt es dort ja schon eine ganze Reihe. Und es werden immer mehr.

Die Gefühle haben Schweigepflicht

 

Die Tiere könnten ja eben die Saiteninstrumente, die Pflanzen die Flöteninstrumente der Empfindung sein.

Gustav Theodor Fechner

 

Stumpfe Pflanzen?
Ich habe soeben ein neueres Buch der renommierten Tierethikerin Ursula Wolf erstanden (2012). Ich schlage es mittendrin auf und lese in einer Fußnote: »Die angeblichen Belege für das Fühlen von Pflanzen können inzwischen als widerlegt gelten.« Als einzigen Beleg für diese Behauptung weist Frau Wolf auf ein Werk der Biologin Marian Stamp Dawkins aus dem Jahre 1982 (!) hin. Was bedeutet hier also »inzwischen«? Dass Frau Wolf sich seit 1982 nicht mehr mit dem Thema befasst hat? Jedenfalls ist inzwischen die Pflanzenneurobiologie groß in Mode. Urvater: Charles Darwin.

So widerlegt, wie Frau Wolf meint, scheint die von ihr kritisierte Auffassung wohl nicht zu sein. Im Gegenteil. Die Vorstellung, dass ohne Nerven keine Empfindung sei, ist nichts als ein Dogma, das von Aristoteles, Stoa, Scholastik übernommen und in neurophysiologische Terminologie gebracht wurde: Pflanzen seien demnach keine „richtigen“ Lebewesen, weil sie keine Sinne bzw. kein Herz hätten.

Die zitierte Marian Dawkins betont übrigens in ihren Werken ausdrücklich, dass Hierarchisierungen nach Leidensfähigkeit oder Grenzziehungen zwischen höheren und niederen Tieren auf der Basis empirischer Daten unmöglich ist. 


 
Obwohl Tierethiker auf Kritik oft wie Mimosen reagieren, 
 wollen sie nicht glauben, dass Pflanzen Gefühle haben. 

Zarte Pflänzchen
»Nein. Pflanzen sind viel empfindungsfähiger als wir und besitzen neben unseren mindestens fünfzehn weitere Sinne,« schreibt der italienische Pflanzenphysiologe Stefano Mancuso in seinem Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« (2015). 
Dass Pflanzen nichts fühlen können, weil sie keine Nerven und Muskeln haben, ist eine neurozentrische und damit anthropozentrische Vorstellung, welche Tierethikern nicht gestattet ist, die sich ständig über den Anthropozentrismus und »Speziesismus« anderer mokieren. Wenn es um Pflanzen geht, fallen Tierethiker regelmäßig in die Grube, die sie anderen graben – genau genommen fallen sie schon bei den wirbellosen Tieren in diese Grube.

Die Empfindungsfähigkeit wird an das Zentrale Nervensystem nur zu dem Zweck gebunden, fast alle Lebewesen aus der angeblich antispeziesistischen Ethik auszuschließen. Das geht so: Moralisch berücksichtigen muss man nur, was Interessen hat. Interessen hat nur, was empfinden kann. Empfinden kann nur, was ein Zentrales Nervensystem hat. Fertig. Alle anderen müssen leider in die Röhre gucken.

Wer Gefühle hat, bestimmen wir!
Diese Ethik nennt sich selber hochtrabend Sentientismus. Die Sensibilität der betreffenden Ethiker macht aber vor den eigenen Widersprüchen konsequent halt. Man leugnet einerseits mit großem Pathos die Kluft, die den Menschen qua praktischer Vernunft von allen anderen Lebewesen trennt. Es gebe nämlich nur graduelle Unterschiede zwischen den Lebewesen. Zugleich postuliert man selber eine solche Kluft, einen scharfen Schnitt zwischen Lebewesen mit Zentralem Nervensystem und Lebewesen ohne ein solches. Die einen haben Empfindungen, die anderen haben keine. Töpfchen, Kröpfchen.

Etwa 95 % aller Tierarten fallen als „niedere Tiere“ ebenso heraus wie alle Pflanzen und Pilze. Das alles nur, weil sie eine kontingente Eigenschaft nicht aufweisen – den Besitz eines Zentralen Nervensystems. Entscheidend für die Empfindungsfähigkeit ist aber nicht, ob ein Lebewesen Nerven hat, sondern ob es Strukturen besitzt, welche eine analoge Funktion übernehmen.

Das ist bei Wirbellosen und Pflanzen zweifellos der Fall. Vor hundert Jahren glaubte man nicht, dass Pflanzen Hormone produzieren können. Man wurde eines Besseren belehrt. Die Ethiker, welche sich um ihres moralischen Klapperatismus willen taub und blind stellen, werden ebenfalls eines Besseren belehrt werden. Selbst Einzeller setzen Stressmarker. Je feiner die Messmethoden, desto enger wird es für den Sentientismus.

Mancuso: »Überraschenderweise ähneln die heutigen Argumente häufig denen der Antike. Sie gründen weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als vielmehr auf dem ‚gesunden Menschenverstand‘ und zahllosen Vorurteilen, die unsere Kultur seit Jahrtausenden prägen«. Alles fühlt, meint der Biologe und Philosoph Andreas Weber: »Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.«

Evolutionärer Unsinn
Geradezu rührend ist die allgemein unter Tierethikern beliebte Behauptung, Schmerz oder eine analoge Empfindung würde bei Pflanzen keinen „evolutionären Sinn“ haben, da letztere nicht zum Ortswechsel fähig seien. Das Argument stammt – ohne den Rekurs auf Evolution – ebenfalls von Aristoteles, der meinte Schmerz habe bei Pflanzen keinen „Zweck“.

Evolution hat bekanntlich generell keinen Sinn. Pflanzen könnten also ganz ohne Sinn und Zweck schmerzempfindlich sein. Dass die Evolution alles Nutzlose heraussiebe, muss ja nicht stimmen. Schließlich hat die Evolution selbst Tierethiker und Veganer verschont. Es könnte ferner eine bisher unbekannte Funktion geben, die schmerzanaloge Empfindungen sinnvoll erscheinen ließe.

Fest steht, dass Pflanzen starke aversive Reaktionen zeigen, wenn sie angeknabbert werden, sie verwenden Strategien der Abwehr wie die Tiere. Sie senden elektrische Impulse an die Wurzeln etc. Sie scheinen also etwas gegen ihre Malträtierung zu haben – ganz genau wie die Wirbellosen.

Wer behaupten will, dass Wirbellose keinen Schmerz empfinden, sollte tunlichst nicht Pflanzen mit dem Argument ausschließen, dass sie zum Ortswechsel unfähig seien. Denn die meisten Wirbellosen sind zum Ortswechsel fähig. Sie fliehen behände, sobald sie sich in Gefahr wähnen. Mit diesem Argument läge es also sehr nahe, ihnen auch Schmerzempfinden zuzuschreiben.

Bei irgend einem Schlaumeier habe ich sogar gelesen, Insekten und Krabbeltiere lebten nur kurz, daher lohne sich der Schmerz bei ihnen sozusagen nicht. Das erreichbare Lebensalter entscheidet? Manche Spinnen und Insektenköniginnen können über zwanzig Jahre Jahre alt werden, Ratten nur zwei. Sind Ratten deswegen vielleicht nur ein Zehntel so schmerzempfindlich wie Ameisenköniginnen? Grönlandwale schaffen über 200, Grönlandhaie 500 Jahre. Es gibt Schwämme, die 10.000 Jahre alt werden. Manche Polypen sind sogar unsterblich. Der älteste Baum ist übrigens 9550 Jahre alt. Wo soll da der Zusammenhang sein, zumal Dauer auch noch relativ ist? Was uns lang oder kurz erscheint, besagt doch nichts über den „evolutionären Sinn“ des Schmerzes!

Wenn schon, denn schon!
Mitgefangen, mitgehangen. Die einzig kohärente Position wäre, alle Lebewesen als moralisch gleichwertig zu betrachten, wenn man nicht anthropozentrisch sein will. Das Unangenehme an dieser Position ist allerdings, dass sie ethisch ins Absurde führt. Aber diese Absurdität muss man – wie Albert Schweitzer – dann eben aushalten und sich konsequenterweise vom rationalen Diskurs verabschieden. 

Absurd ist diese Ethik unter anderem deshalb, weil sie das Subjekt ohne Not in ein unauflösliches Dilemma führt. Haben auch Pflanzen Empfindungen, ist es moralisch problematisch, sie zu verzehren. Wenn wir nicht verhungern wollen, müssen wir also dauernd unmoralisch handeln. Eine Moral aber, die verlangt, was wir nur um den Preis unserer Selbstaufgabe leisten könnten; die das Verhungern als ideale moralische Handlung ansehen muss, taugt nichts. Anstatt nun den ethischen Ansatz wegen Idiotie zu verwerfen, steigern sich namentlich die Veganer ausgiebig in ihn hinein.

Vegane Verrenkungen
Das Pflanzenargument ist gegen Veganer schlagend, zumal, wenn diese aus der Empfindungsfähigkeit von Lebewesen Rechte ableiten. Sind Pflanzen empfindungsfähig, begeht man ständiges Unrecht an ihnen, wenn man sie nutzt. Was sollen beliebige Rechte, wenn sie nicht vom Recht auf Leben gestützt werden? Haben Pflanzen ein Recht auf Leben, begehen Veganer wie Nichtveganer täglich tausend Morde. Ein offenkundiger Nonsens. Wer aufgrund der Empfindungsfähigkeit von Tieren deren Befreiung fordert, muss aus demselben Grund ebenfalls die Befreiung der Pflanzen fordern.

Selbst wenn man nicht mit Rechten, sondern mit der gleichen Berücksichtigung von Interessen argumentiert, wie etwa Peter Singer, kommt man in die ethische Bredouille. Dann steht das Interesse des Baumes gleichberechtigt neben dem Interesse der Ranke, die ihn langsam tötet, und gleichberechtigt neben dem Interesse des Trappers, der eine Hütte bauen will und Brennholz braucht. Da kann man die Interessen abwägen, bis man schwarz wird.

Aus der Not versucht man sich zu befreien, indem man eine Hierarchisierung der Lebewesen vornimmt, die aber – siehe oben – rettungslos anthropozentrisch und speziesitisch ist. Singer meint: „Pflanzen haben kein zentral organisiertes Nervensystem wie wir.“ Weil Pflanzen nicht sind wie wir, zählen sie nicht. Nein, wir sind gar nicht anthropozentrisch, aber nicht doch!

Als letztes Mittel wird folgendes Scheinargument verwendet: Selbst wenn Pflanzen empfindungsfähig sein sollten, sind sie dies 1. wahrscheinlich schwächer als Tiere und Menschen. Außerdem würden ja 2. bei allgemein praktiziertem Veganismus viel weniger Pflanzen genutzt, weil der Umweg über die tierische Veredelung wegfiele. Es würde also 3. auf jeden Fall weniger Leid entstehen, Veganismus sei moralisch geboten.

1. Dass eine Pflanze irgend etwas subjektiv schwächer empfindet, sofern sie denn etwas empfindet, weiß kein Mensch. Darüber lässt sich keine Aussage treffen.

2. Dass bei allgemeinem Veganismus weniger Pflanzen verbraucht werden würden, ist graue Theorie. Wahrscheinlicher ist, dass man viele Planeten zusätzlich brauchen würde, um dort die Pflanzen für den Kompost anzubauen, der zur Düngung notwendig wäre. Bevor diese Planeten entdeckt wären, wären hienieden fast alle Menschen verhungert. Dann würden tatsächlich weniger Pflanzen getötet. Schöne Aussichten!

3. Der Philosoph Hans Werner Ingensiep antwortet in seinem Buch Geschichte der Pflanzenseele darauf folgendermaßen: Man kann sich durchaus vorstellen, das Vieh nur synthetisch, ohne Rückgriff auf pflanzliche Kost zu ernähren. Unter diesen Umständen wäre plötzlich der Fleischkonsum moralisch geboten und der Pflanzenkonsum moralisch verwerflich, „weil Vegetarier (oder Bücherleser) dann – auf die Zahl und das Gewicht der Individuen bezogen – wesentlich mehr Leid in die Welt brächten als Fleischesser.“ 

Fazit

Es bleibt schwierig, vor allem für Tierethiker.

 

 

Liebe Künstlergruppe »Dies irae«

Durch Ihre jüngste Aktion, bei der Sie an Bushaltestellen Werbeplakate heimlich durch Ihre eigenen ersetzt haben, sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Zu den Bildern von unvorteilhaft aussehenden Schweinen haben Sie folgenden Text formuliert:

Tierschutz à la CDU. Die CDU setzt sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben.

Wir möchten uns herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns in Fragen des Tierschutzes unterstützen. Denn mit Ihrer pfiffigen Aktion tragen Sie erheblich dazu bei, die Menschen für Tierschutzbelange zu sensibilisieren. Dies ist ganz in unserem Sinne. Dass Tiere sich verletzen und krank werden können, wissen leider immer weniger Bürger. Ebenfalls gerät immer mehr in Vergessenheit, dass Verletzungen und Krankheiten sehr übel aussehen können – zumal, wenn sie in ungünstigem Licht aufgenommen wurden. Ihre Plakate helfen, diesen alten Wissensschatz zu heben und der jungen Generation weiterzugeben.

Bedanken möchten wir uns auch für Ihre ausdrückliche Würdigung, dass wir die Legalität der gezeigten Zustände sicherstellen möchten. In der Tat sind wir im Einklang mit dem Tierschutzgesetz entschieden der Ansicht, dass kranke oder verletzte Tiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen, sondern einen Anspruch auf medizinische Versorgung auch dann haben, wenn letztere keine wundersame Spontanheilung bewirkt, als hätte Jesus persönlich seine Hand aufgelegt. Wir sind überdies der Meinung, dass Tiere nicht gleich abgeschafft werden sollten, weil sie krank werden oder einander verletzen können.

Liebe Künstlergruppe! Wir sind sehr interessiert an kreativem Input von außen und würden uns freuen, wenn wir in Zukunft eng mit Ihnen zusammenarbeiten dürften. Es wäre ganz wunderbar, wenn Sie uns bei der Konzeption, Produktion und Verbreitung ähnlich aufklärerischer Kampagnen helfen könnten. Denn es gibt bis zum Jüngsten Tag noch viel zu tun!

Wir stellen uns folgende Plakataktionen vor:

1. Schlimme Fotos aus dem Pschyrembel mit der Zeile: »Skandal! Menschenrechtler setzen sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben!«

2. Schlimme Fotos von Wolfsrissen: Lämmer, Fohlen, Kälber entweder skelettiert oder mit herausquellendem Gedärm.

Artgemäß ist nur die Freiheit!

Dazu die Zeile: »Naturschützer setzen sich dafür ein, dass diese Zustände Normalität werden!«

Appetit auf ein leckeres Lammsteak? Zu spät!

3. Schlimme Fotos von Gnadenhöfen, Lebenshöfen oder aus der Heimtierhaltung könnten das Bild abrunden und zur umfassenden Tierschutz-Bildung der Bevölkerung beitragen. Vielleicht schauen Sie sich einfach mal heimlich auf dem Hof Butenland oder bei Hilal Sezgin um. Wenn Sie dort wider Erwarten nichts Geeignetes finden, nehmen Sie einfach andere Bilder von irgendwo. Es interessiert niemanden, wo die Bilder wirklich gemacht worden sind. Hauptsache schön schrecklich! Aber das brauchen wir Ihnen ja nicht zu sagen. 

Das sind nur erste Ideen unsererseits. Wir sind sicher, das Ihnen noch viel kreativere Lösungen einfallen. Fotografieren Sie sich doch mal gegenseitig nach einer durchzechten Siegesfeier wider die „Tierausbeuter“! Da sehen Sie bestimmt auch ganz schön elend aus. Dann schreiben Sie dazu: Unendliches Leid – apokalyptische Zustände bei(m) Dies irae! und plakatieren das in ganz Deutschland. Gewiss wird die Mehrheit der Betrachter aus Mitleid für Ihre Abschaffung plädieren.

Wie wäre es? Möchten Sie uns unterstützen? Es soll Ihr finanzieller Schaden nicht sein. Und niemand braucht zu erfahren, dass das Geld von uns stammt. Wir übernehmen im Falle des Falles auch gerne die Anwalts- und Prozesskosten gegen die Wall-AG.

Bitte melden Sie sich! Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst

Ihre CDU

Sag nein zur Milch?

… selbst die ältesten Freundschaften zersintern zu Grus, die zivilisatorische Immunabwehr löchrig und fragil, und alles nur wegen eines verdammten Glases Milch.  (Martin Knepper)

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Als Folie dient mir eine Grafik der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch, die in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Wissenschaft und Skeptizismus“ zur Diskussion gestellt wurde. Diese Grafik hat den Titel Sag nein zu Milch. Die Organisation gibt Folgendes als Begründung für ihre Verzichtsforderung an:

1. Es gibt 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland. Stimmt. Na und?

2. Eine Kuh gibt etwa 8000 Liter Milch pro Jahr. Die Grafik zeigt, dass die Milchleistung der Kühe früher geringer war. Stimmt. Na und?

3. 27 % werden in Anbindehaltung gehalten, 62 % werden „im Laufstall mit Gülle“ gehalten. Kommt hin. Laufställe sind jedoch wesentlich besser als Anbindeställe. Je mehr moderne Ställe, desto weniger Anbindehaltung. In den „goldenen Zeiten“, als die Kühe noch weniger Milch gaben, standen viel mehr Kühe in Anbindehaltung. Vor allem Kleinbauern und Biobauern betreiben heute noch diese Haltungsform. Es gibt übrigens auch Anbindehaltung „mit Gülle“. Das scheint die Leute von Animal Rights Watch nicht zu interessieren. Sie nutzen das Reizwort „Gülle“ bloß, um ihre eigene Jauche unters Volk zu streuen.

4. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Kühe jedes Jahr künstlich befruchtet und sind fast ununterbrochen schwanger, damit sie permanent Milch geben können. Milchkühe werden ca. 8 Wochen vor dem Kalben trockengestellt, geben also keineswegs permanent Milch. Was daran schlimm sein soll, dass die Tiere „dauerschwanger“ sind, wird nicht mitgeteilt. Bekanntlich werden Wildrinder auch jedes Jahr vom Bullen gedeckt und sind dann neun Monate des Jahres trächtig. Der Bulle deckt sie sofort wieder, sobald sie wieder bullig sind, sodass in der Natur der zeitliche Abstand zwischen zwei Kalbungen kürzer ist als in der Milchviehhaltung. Dass Rinder geil darauf sind, vom Bullen gedeckt statt künstlich besamt zu werden, kann man allenfalls vermuten. Der Bulle ist nicht gerade ein einfühlsamer Lover und kopuliert auch mit Motorrädern (Motto: Love the one you’re with). Von Romantik keine Spur.

5. Die Kälber werden direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Weibl. Nachkommen werden evtl. zu neuen Milchkühen herangezogen. Die männlichen werden für Kalb- oder Rindfleisch leiden und sterben. Je eher das Kalb von der Mutter getrennt wird, desto besser (siehe z.B. hier Min. 1:25 bis 2:25). Eine Bindung wird gar nicht erst aufgebaut, und das Kalb hat deutlich höhere Überlebenschancen. Neugeborene haben noch kein funktionierendes Immunsystem und können sich rasch am Kot der Mutter infizieren. Im Kälberiglu sind sie an der frischen Luft, die Umgebung ist deutlich weniger mit Keimen belastet. Der Bewegungsdrang der Kleinen hält sich anfangs ohnehin in engen Grenzen. Sind die Kälber mit Kolostralmilch gestärkt und haben sie ein stabiles Immunsystem ausgebildet, kommen sie in Gruppenhaltung. Die männlichen Kälber werden in die Mast gegeben. Dass sie dort auch leiden, ist sicher richtig. Dass sie dort nur leiden, ist Unsinn. Am nachhaltigsten wird das Leid eines Tieres durch seine Nichtexistenz vermieden. Dumm nur, dass es nichts davon hat. Tierrechtler wollen Tiere „retten“, indem sie sie daran hindern zu existieren. Ganz schön beknackt!

6. Milchkühe hätten eine „natürliche Lebenserwartung“ von 30 Jahren, behauptet die Grafik. Lebenswartung ist jedoch „die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt“ (Wikipedia). Menschen haben keine Lebenserwartung von 122 Jahren, bloß weil es mal ein Mensch geschafft hat, so alt zu werden. Die im Durchschnitt zu erwartende Lebenspanne von Wildrindern liegt weit unter dem durchschnittlichen Schlachtalter von Milchkühen (5,3 Jahre). Die Kälbersterblichkeit ist bei Wildrindern wesentlich höher, ebenso die Häufigkeit von Erkrankungen. Mehr zu diesem Thema in diesem hervorragenden Facebook-Kommentar der Agraringenieurin Sabine Leopold.

Eine Milchkuh ist überdies ein domestiziertes Tier, das der künstlichen Selektion unterliegt. Es gibt daher keine natürliche Lebenserwartung für Milchkühe, sondern nur eine maximale Lebensdauer in menschlicher Obhut. 30 Jahre sind allerdings weit übertrieben. Demnächst wird noch behauptet, in der Natur seien Rinder unsterblich und könnten nur durch menschliche Hand ins Jenseits befördert werden.

7. Es gebe laut Grafik ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Milchkonsum. Das ist ein schöner Quatsch von Verschwörungstheoretikern. Nichts dergleichen kann nachgewiesen werden.

8. Eine Kuh belastet das Klima genauso stark wie ein moderner Personenwagen, der pro Jahr 18.000 Kilometer zurücklegt. Träumt weiter! Eine Kuh emittiert den Kohlenstoff, den ihre Futterpflanzen kurz zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Ein PKW emittiert den Kohlenstoff von fossilen Brennstoffen, die Abermillionen Jahre lang nicht Teil des Kohlenstoff-Kreislaufs waren.

Es ist keineswegs sicher, ob es überhaupt einen nennenswerten Beitrag der domestizierten Wiederkäuer zur Methan-Konzentration in der Atmosphäre gibt – im Vergleich zu den zahllosen wilden Pflanzenfressern, die durch sie „ersetzt“ worden sind (mehr Vieh, weniger Wild). Selbst in Bezug auf die letzten Jahrzehnte ist unklar (S.6), ob die Methan-Emission durch Wiederkäuer zugenommen hat. Und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass intensive Beweidung mit einem extrem hohen Viehbesatz einen sehr positiven Klimaeffekt hat.

9. Ein offenbar berühmter Kinderarzt wird zitiert: „Es gibt keinen Grund, jemals in Ihrem Leben Kuhmilch zu trinken. Sie ist für Kälber gedacht und nicht für Menschen.“ Einem Kinderarzt, der nichts von moderner Biologie versteht und glaubt, irgend etwas in der außermenschlichen Natur sei für irgend etwas anderes „gedacht“, sollte man nicht mal die Puppen der eigenen Kinder anvertrauen. Warum sein Statement hochtrabender Blödsinn ist, habe ich hier erläutert.

10. So. Und jetzt will ich erstmal zehn Jahre lang keinen Stuss mehr über Milch hören und lesen!

Unsinnsgrenze Precht

In einem ARD-Beitrag über sein neues Buch Tiere denken, sagt der Philosoph Richard David Precht:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine ‚Menschen‘  – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff ‚Tier‘ irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

In seinem Buch Noahs Erbe (1997) schreibt der Autor von der „Unsinnsgrenze zwischen Tier und Mensch“, die angeblich nur auf Mythen beruhe. Offenbar hat er seitdem nichts dazugelernt, denn er verbreitet in der modifizierten Neuauflage von Noahs Erbe (Tiere denken) offenbar haargenau denselben Unsinn wie damals.

Wer bestreitet, dass Menschen biologisch gesehen Tiere sind? 

Gäbe es in den Verlagen denkfähige Lektoren und in den Sendern denkfähige Journalisten, wäre diesen gewiss aufgefallen, dass – außer Verrückten – niemand Homo sapiens biologisch aus dem Tierreich ausschließt. Taxonomisch werden Blattlaus und Schimpanse zusammen mit Homo sapiens ordnungsgemäß ins Reich der Tiere und nicht ins Reich der Pflanzen eingeordnet.

Dass es zum Zwecke der biologischen Forschung Sinn hat, Schimpansen, Quallen, Blattläuse so zu klassifizieren, ist eine Trivialität. Selbstverständlich wäre es in diesem Zusammenhang Unsinn, eine absolute Grenze zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu postulieren. Unsinn wäre auch die Behauptung, der Mensch sei physikalisch gesehen kein Körper, hätte keine Ausdehnung, keine Masse, kein Gewicht. Menschen sind biologisch gesehen Tiere – das wusste schon Aristoteles. Was will uns Precht also sagen? Dass er nach langem Studium mit heißem Bemühen nun endlich auch entdeckt hat, was jedes Kind weiß? 

Man kann Lebewesen nach allen möglichen Aspekten klassifizieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Verdauungssystem. Da ähneln sich Schweine und Menschen weit mehr als Schimpansen und Menschen. Doch was folgt daraus? Haben Schweine nun ein Menschenrecht auf vegane Ernährungsberatung?

Philosophische Mogelpackung

Precht wechselt unvermittelt von der biologischen Sphäre zur rechtlichen, will Normen direkt aus der Taxonomie ableiten. Weil Affe und Mensch sich biologisch „ähneln“ oder genetisch „verwandt“ sind, sollen Affen Anwälte bekommen und Blattläuse nicht. „Wenn wir alle durch die Evolution verbunden sind, dann sollten wir auch moralisch verbunden sein“, schreibt der Tierrechtler Richard Ryder und formuliert damit Prechts Argument allgemeiner. Doch das ist offenbar ein Sein-Sollen-Fehlschluss. Wieso sollte die Evolution, ein blinder und subjektloser Prozess, moralisch von Belang sein?

Bemerkenswert ist nun der erste Satz des oben zitierten Statements:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Precht einigt sich hier mit sich selber auf eine handfeste Unsinnsgrenze. Schimpansen und Blattläuse sind nämlich keineswegs völlig verschiedene Dinge. Es sind beides Tiere und haben eine beträchtliche Anzahl von Genen gemeinsam. Durch Entdeckung der Hox-Gene sind alle Tiere noch einmal genetisch näher zusammengerückt. Wie kommt Precht dazu, hier eine vollkommene biologische Verschiedenheit zu postulieren?

Eng verbunden mit dem Menschen sind viele Tiere, auch wenn sie uns nicht ähnlich sehen. Kleiderläuse zum Beispiel sind in bestimmter Hinsicht mit dem Menschen als Kulturwesen sogar enger verbunden als Affen, denn sie evolvierten sich aus der Kopflaus, als die Menschen begannen, Kleider zu tragen. Parasiten sind generell sehr anhänglich. Und was wären wir ohne die Bakterien in unserem Darm?  Auch hier gilt: Man kann Lebewesen nach den unterschiedlichsten Kriterien klassifizieren und in Nähe oder Distanz zum Menschen bringen. Moral, Ethik und Recht springen aber aus solchen Klassifizierungen nicht von selber heraus.

Die wahre Unsinnsgrenze

Precht will in schlechter tierethischer Tradition bloß seine Lieblingstiere bevorzugen und kann nicht sinnvoll bestimmen, wo die Ähnlichkeit von Mensch, Tier und Pflanze denn nun aufhört. Wann ist die Ähnlichkeit gering genug, dass die Tiere keinen Anspruch mehr auf einen Pflichtverteidiger haben? Precht bezieht sich unbewusst auf die biologisch überholte Vorstellung einer großen Skala der Wesen, auf der Blattläuse unten und Schimpansen oben rangieren, weil letztere menschenähnlich sind. Eine Hierarchie nach Leidensfähigkeit oder eine Grenze zwischen höheren und niederen Lebewesen ist aber auf Basis empirischer Daten nicht möglich, wie u.a. die Zoologin Marian Stamp Dawkins immer wieder betont. Precht verlässt sich nur auf die Biologie, doch diese zeigt ihm die kalte Schulter.

Selbstverständlich ist die Unterscheidung von Mensch und Tier in moralischer und rechtlicher Hinsicht eminent sinnvoll. Precht setzt diesen fundamentalen Unterschied selbst voraus, indem er von Menschen verlangt, für Schimpansen den Anwalt zu spielen, und zwar in einem spezifisch menschlichen System, dem Rechtssystem. Von großen Menschenaffen verlangt er allerdings nicht, als Anwälte der Lemuren tätig zu werden – obwohl beide doch so eng miteinander verwandt sind. Er kann ja mal einem Schimpansen klarzumachen versuchen, wie unsinnig die Unterscheidung zwischen letzterem und Richard David Precht ist.

»Speziesismus«

»Speziesismus« bedeutet, dass Menschen andere Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminieren, also Lebewesen ungleich behandeln, bloß weil sie nicht zur Spezies Homo sapiens gehören. Der Begriff wurde Anfang der 1970er Jahre von dem britischen Psychologen Richard Ryder erfunden und vom australischen Bioethiker Peter Singer zur weltweit populären Kampfparole der »Tierbefreiungsbewegung« gemacht. Die Analogie zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus ist hierbei bewusst gewählt.

Grund und Kriterium

Die biologische Spezies war niemals der Grund, warum Menschen sich gegenüber ihresgleichen zur moralischen Rücksichtnahme, zum Tötungsverbot, zum Verbot von Diebstahl usw. verpflichtet haben. Dafür wurden in der Vergangenheit verschiedene Gründe angegeben, zum Beispiel die Gottebenbildlichkeit, die Vernunft, die Handlungsfähigkeit, die Moralfähigkeit.

»Mensch« ist nicht gleichbedeutend mit »Homo sapiens«, und ein Grund ist nicht dasselbe wie ein Kriterium. Wenn der Grund etwa die Handlungs- und Moralfähigkeit ist, braucht man ein Kriterium, das sich in der Praxis dazu eignet, diejenigen zu benennen, die den Schutz durch Moral und Recht genießen sollen. Dieses Kriterium kann die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Homo sapiens sein.

Alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens genießen den Schutz der Menschenrechte – unabhängig davon, ob jeder Einzelne konkret und aktuell diejenigen Eigenschaften tatsächlich hat, die Grund für die moralische Berücksichtigung und rechtlichen Schutz sind. Es genügt, dass Menschen – im Gegensatz zu anderen Lebewesen – im Allgemeinen und Normalfall diese Eigenschaften besitzen bzw. erwerben. »Mensch« bezeichnet hier die Mitglieder einer Moral- und Kommunikationsgemeinschaft. Hätten Kakerlaken jene Eigenschaften ebenfalls im Normalfall, würden auch sie mitsamt Larven, Komatösen, Behinderten einbezogen. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie uns genetisch ferner stehen als Schimpansen.

»Man schließt geistig Behinderte und Kinder aus der Rechtsgemeinschaft einfach deshalb nicht aus, weil eine aufgrund objektiver Kriterien praktikable klare Grenze zwischen möglicher und nicht möglicher Pflichtsubjektivität nicht gezogen werden kann. Um sich nicht beständig mit dem Rechtsunsicherheit schaffenden Problem auseinandersetzen zu müssen, Menschen möglicherweise ungerechtfertigt aus dem rechtlichen Verband auszuschließen oder nicht aufzunehmen, wird jeder Mensch uneingeschränkt als Rechtssubjekt betrachtet. Speziesistische Willkür liegt nicht vor, wenn Tieren die Rechtsfähigkeit nicht eingeräumt wird, weil diesen eben kraft ihrer Natur weder heute noch morgen Pflichten auferlegt werden können«, schreibt der Soziologe Franz Kromka.

Widersinn mit Methode

Der Speziesismus-Begriff ist selbstwidersprüchlich. Richard Ryder schreibt, Speziesismus sei »die Annahme, dass der Mensch allen anderen Arten von Tieren überlegen [superior] und damit berechtigt sei, sie zu seinem Vorteil auszubeuten.« Der Duden definiert den Begriff ähnlich als »Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln.«

Ryder und Co. gehen jedoch selber implizit davon aus, dass der Mensch dem Tier überlegen und sogar moralisch übergeordnet ist, denn sie fordern nur vom Menschen moralische Rücksichtnahme gegenüber Tieren. Damit diskriminieren sie aber Homo sapiens. Dieser macht biologisch gesehen das Gleiche wie andere Tiere. Die menschlichen Individuen sichern ihr Überleben und das ihrer Nachkommen, geben ihre Gene weiter wie alle anderen auch. Dabei nutzen sie – wie alle anderen auch – die Vorteile, welche ihnen durch die Evolution zugewachsen sind. Biologisch gesehen ist Homo sapiens anderen Tieren durch seine geistigen Fähigkeiten de facto überlegen. Vorwerfen kann man ihm das nur, wenn man mit zweierlei Maß misst.

Arten? Welche Arten?

Sehr beliebt ist auch die Behauptung, es gebe in der Realität gar keine Arten und deshalb zählten nur Individuen. Es gebe daher auch keinen Artenegoismus – weder beim Tier noch beim Menschen. Richard Ryder und der berühmte Soziobiologe Richard Dawkins argumentieren so. Hierbei tappen sie aber in die Reduktionismus-Falle. »Welches Prinzip erlaubt ihnen, die Ebene zu bestimmen, auf der die Elimination ihren Schlusspunkt gefunden hat«, fragt der Biologe Steven Rose Theoretiker wie Dawkins.

Wieso soll es also ausgerechnet Arten nicht geben, dafür aber Individuen. Man könnte in dieser Logik genauso gut sagen, es gebe keinen Richard Dawkins, sondern nur einen Zellverbund, der von Genen gesteuert werde. Und selbst von den Genen kann man behaupten, dass es sie »eigentlich« nicht gebe. Irgendwann landet man unweigerlich bei den Quarks. Über moralische Fragen braucht man sich dann nicht mehr zu unterhalten. Es sei denn, man erfindet den Quarksismus, die Diskriminierung der Quarks aufgrund ihrer Quarkszugehörigkeit. 

Rassismus, so die heute unter aufgeklärten Individuen verbreitete Ansicht, bestehe schon darin, überhaupt Menschenrassen zu postulieren. Im Gegensatz zu Religionen, Geschlechtern, politischen Anschauungen gebe es keine Menschenrassen. Wer also »Rasse« sage, sei bereits ein Rassist.

Man übertrage dies nun auf den Begriff der »Art«. Daraus, dass »Art« ein Oberbegriff in einem künstlichen System (Taxonomie) ist, wird geschlossen, dass Arten nicht existieren. Wer also Mensch sagt, wäre bereits ein Speziesist – ebenso wie jemand, der Spinne, Fisch oder Hund sagt. Speziesismus wäre überall und daher nirgends. Der Begriff taugt nur als suggestive Kampfparole, die gegen jeden geschwungen werden kann – einschließlich der Tierethiker, Tierrechtler und Veganer selbst.

Nun wollen Leute wie Peter Singer oder Tom Regan ja tatsächlich, dass der Begriff Mensch nicht mehr verwendet und stattdessen nur noch von Personen oder empfindungsfähigen Lebewesen gesprochen wird. Man freut sich schon, wenn bald alle Bücher umgeschrieben werden müssen. Dann heißt es nicht mehr „O Mensch, gib Acht“, sondern „O Person oder empfindungsfähiges Wesen, sei achtsam“. Schöne neue Welt.