Tierethische Grenzkontrolle

Hund oder Baby?
Das Kerngeschäft vieler Tierrechtler und -befreier ist es, erwachsene intakte Exemplare diverser Tierarten gegen nicht erwachsene, beeinträchtigte oder beschädigte Menschen auszuspielen. Ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sei unvergleichlich vernünftiger als ein menschliches Baby, meinte im achtzehnten Jahrhundert Jeremy Bentham (1748–1832).

Wer darf rein? 
Das Argument der Tierrechtler ist das Folgende: Da es Menschen gebe, denen die Vernunft- und Moralfähigkeit ebenso abgehe wie den Tieren, brauchten sie entweder moralisch und rechtlich so wenig berücksichtigt zu werden wie Tiere, oder Tiere müssten die gleiche Berücksichtigung in Moral und Recht erfahren wie Menschen – aber auf anderer Grundlage.

Diese Grundlage ist bei Peter Singer die Empfindungsfähigkeit, genauer die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden: Nur was (Schmerz) empfinden kann, kann Interessen haben. Nur was Interessen hat, muss moralisch berücksichtigt werden. Gleiche (subjektive) Interessen sollen laut Singer unabhängig von der Spezieszugehörigkeit gleich berücksichtigt werden. Diesem Prinzip pfropft er noch eine objektive Unterscheidung zwischen unbewusstem, bewusstem und selbstbewusstem Leben auf. Selbstbewusste Lebewesen seien »Personen«  – zum Beispiel geistige gesunde Menschen, aber auch Menschenaffen und Delfine. Personen sollten nach Singer den Schutz der Menschenrechte genießen.

Bei Tom Regan ist es die Kategorie des Subjekt-eines-Lebens-Seins, welches den betreffenden Lebewesen »inhärenten Wert« verleihe – ebenfalls unabhängig von der Spezieszugehörigkeit.

Tierrechtler meinen, dadurch den Kreis derjenigen Entitäten zu erweitern, denen Rechte zugesprochen werden müssen. Doch auch sie ziehen enge Grenzen. Nicht jedes Tier oder gar Lebewesen wird einbezogen, sondern nur diejenigen Arten, welche die benannten Eigenschaften aufweisen.

Die meisten Tierrechtler sprechen diese Eigenschaften nur den Wirbeltieren zu (also lediglich 5 % der Fauna), plus ein paar Wirbellosen, zum Beispiel Kraken. Tom Regan zählt zu den Lebewesen mit inhärentem Wert Säugetiere und Vögel ab einem Jahr, bei den Fischen ist er sich nicht sicher. Wirbellose fallen ganz heraus.

Wer anderen eine Grube gräbt …
Der Vorwurf, den die Tierrechtler den »Speziesisten« machen, fällt indes auf sie selber zurück: Aus der Tatsache, dass manche Menschen bestimmte normale Eigenschaften ihrer Art nicht haben, konstruieren sie, dass diese Eigenschaften untaugliche Mittel seien, um auch diese Individuen unter den Schutz der Menschenrechte zu stellen. Doch auch innerhalb der definierten Gruppe »empfindungsfähiger Lebewesen«, »Personen« oder »Lebewesen mit inhärentem Wert« gibt es Exemplare, welche die ihrer Art zugeschriebenen Eigenschaften in geringerem Ausmaß oder überhaupt nicht haben.

Zum Problem innerartlicher Differenz kommt noch das generelle Problem hinzu, dass die Grenze zwischen schmerzempfindlichen und nicht schmerzempfindlichen Lebewesen auf empirischer Basis nicht genau bestimmbar ist. »Wenn ich einen Wurm mit einem Strickleiternervensystem zwicke, hat der natürlich einen Rückzugsreflex. Doch für diesen lokalen Spinalreflex braucht es kein Gehirn. Wir wissen nicht genau, wann ein Reiz tatsächlich als Schmerz empfunden wird«, betont der Neurophysiologe Wolf Singer.

Nacktmulle (Nagetiere) hätten trotz »reichem Sozialleben« bei Peter Singer als Spezies keine Chance, da sie angeblich nicht schmerzempfindlich sind. Doch jeder Tierfreund würde sich gegen die Konsequenz sträuben, dass man mit diesen Nagern deshalb machen könne, was man wolle. Wenn man sie mit heißem Wasser übergießt, bloß weil man sie hässlich findet, hätte Singer keine prinzipiellen Einwände dagegen parat.

Noch heikler ist die Kategorie Subjekt-eines-Lebens-Sein bzw. »inhärenter Wert«. Die hierfür laut Regan erforderlichen Eigenschaften Bewusstsein, Fühlen, Wünschen, Glauben (consciousness, feeling, desire, belief) stellen sich bei einem Lebewesen schwerlich erst ab dem ersten Geburtstag ein und können sehr wohl auch Fischen, Wirbellosen oder sogar Pflanzen zugesprochen werden, wenn man diese Begriffe nur weit genug definiert.

Hinzu kommt, dass der »inhärente Wert« zwar irgendwie in jenen Eigenschaften gründen, aber zugleich von diesen unabhängig sein soll. Regan will genau das vermeiden, was Singer betreibt – den ethischen Perfektionismus (Stufenleiter). Er zieht daher eine nominell scharfe Grenze: Alle Säugetiere und Vögel ab einem Jahr haben unverlierbaren inhärenten Wert, die anderen nicht. Aber diese Grenze kann sich ja nur aus pragmatisch-praktischen Erwägungen heraus ergeben, nicht aus prinzipiellen. Sie beruht weit mehr auf bloßer Setzung (Dezisionismus), als Regan es den »Speziesisten« bezüglich der Kategorie »Mensch« vorwirft.

Singer und Regan betonen, dass es in der Moral nur aufs konkrete Individuum ankomme, nicht auf Gruppen (moralischer Individualismus). Dennoch benennen sie ganze Arten, die moralisch und rechtlich berücksichtigt werden sollen. Sie schließen nicht aus der Existenz beeinträchtigter Exemplare oder Jungtiere, dass es Speziesismus wäre, sie aufgrund ihrer Artzugehörigkeit den Wirbellosen vorzuziehen. Eine Biene ist aber vielleicht mehr Subjekt ihres Lebens, hat einen reicheren Erfahrungshorizont als ein neugeborener Bär oder ein neugeborenes Beuteltier.

Äpfel und Birnen
Die Probleme, die angeblich eine tierrechtliche Revision von Moral und Recht erzwingen, tauchen bei den Tierrechtlern selbst an anderer Stelle, aber in höherem Maße wieder auf. Ausnahmen machen eine Regel nicht ungültig, sondern bestätigen diese. Es ist weder beim Menschen noch bei anderen Arten sinnvoll, alle Exemplare ständig daraufhin abzuscannen, ob sie irgendwelche der Art zugeschriebenen Eigenschaften im Moment X auch wirklich in vollem Umfang besitzen. Tierrechtler schließen von den wenigen bekannten normalen erwachsenen Exemplaren auf alle. Sie schließen nicht vom Ausnahmefall auf den Normalfall, sondern umgekehrt. Und genau das tut man auch, wenn man sagt, dass Menschen zu praktischer Vernunft und Moral fähig sind.

Wie der Philosoph Tibor R. Machan betont, ist es abwegig, den Menschen von Grenzfällen her zu definieren. Um überhaupt zu erkennen, was ein Spezialfall sein könnte, müsse man vorher den Normalfall definiert haben. Ohne zu wissen, was zum Beispiel einen Baum im Normalfall ausmacht, kann man nicht erkennen, ob er beschädigt oder verkümmert ist. Man kann ihn nicht einmal von einem Strauch oder einer Blume unterscheiden. Wer aber beim Tier großzügig ist, sollte beim Menschen nicht pingelig sein. Das wäre nämlich »Speziesismus« zu Lasten der eigenen Artgenossen.

Es bietet sich als Ausweg an, den Artbegriff als solchen zu verwerfen und zu behaupten, dass es nur Individuen oder Gene gebe oder ähnliches. Dann muss man ihn aber auch ganz verwerfen und darf nicht nur den Begriff »Mensch« als »speziesistisch« kritisieren, sondern auch beispielsweise den Begriff »Nacktmull«. Dann tappt man allerdings in die Reduktionismusfalle. Die Tierrechtler müssten sich zum Beispiel fragen lassen, warum sie denn Tiere noch von Pflanzen abgrenzen. Dies könnte man analog als »Regumismus« kritisieren – als Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem taxonomischen Reich. Schließlich gibt es auch hier Übergänge und Lebewesen, bei denen eine Zuordnung schwerfällt.

Viel Lärm um nichts

In der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen ist davon die Rede, Menschen seien mit Gewissen und Vernunft »begabt«. Was bedeutet »Begabung«? Wenn jemand zum Geigenspiel begabt ist, wird niemand verlangen, dass er auf Anhieb spielen kann wie Paganini. Er bringt nur die Voraussetzungen mit, die Kunst des Geigenspiels zu erlernen, anstatt das Instrument bis ans Ende seiner Tage zu traktieren und damit die Zuhörer zu quälen. Ein Schimpanse ist für das Violinspiel gänzlich unbegabt. Er wird auch nach Jahren keine noch so einfache Etüde spielen können.

Um es etwas präziser auszudrücken: Der kommende Geigenvirtuose hat, bevor er die erste Lehrstunde beginnt, die Fähigkeit zweiter Ordnung zum (brillanten) Geigenspiel. Er hat dazu allerdings noch nicht die Fähigkeit erster Ordnung, das heißt, er kann jetzt noch keine Etüde spielen. Selbst »unbegabte« Menschen können mit viel Mühe durchaus lernen, eine Etüde auf einem Instrument zu spielen. Und es gibt einen erstklassigen Hornisten, der keine Arme hat und sein Instrument mit den Füßen spielt. Doch der Schimpanse besitzt weder die Fähigkeit erster noch zweiter Ordnung, eine Etüde auf welchem Instrument und auf welche Weise auch immer zu spielen. Er ist in diesem Punkt vollkommen unfähig. Ob mit Armen oder ohne. Im Vergleich zu ihm ist selbst ein »unbegabter« Mensch begabt.

Gewissen wird von Immanuel Kant (1724–1804) als »innerer Gerichtshof« beschrieben, in dem die Gedanken einander anklagen und verteidigen. Kant meint, dass der Mensch das Gewissen in sich vorfinde. Er habe keine Wahl, es sich zuzulegen oder nicht. Das Gewissen, meint Charles Darwin (1809–1882), »schaut zurück und dient zugleich als Führer in der Zukunft.« Moralisch ist ein Wesen laut Darwin dann zu nennen, wenn es imstande ist, »seine früheren und künftigen Handlungen oder Motive zu vergleichen und sie zu billigen oder zu verwerfen. Wir haben keinen Beweis zugunsten der Annahme, dass irgendein Tier diese Fähigkeiten besitzt.« An dieser Diagnose hat sich bis heute nichts geändert. Nur der Mensch ist Darwin zufolge »allein mit Bestimmtheit als moralisches Wesen zu bezeichnen«.

Menschen sind in diesem Sinne zu Vernunft und Moral begabt. Kinder lernen, vernünftig zu handeln und selbstbestimmte Menschen zu werden. »Ein Kind ist […] nicht nur ein ›potenzielles‹ vernünftiges Wesen in demselben Sinn, in dem ein Stück Ton ein ›potenzieller‹ Tontopf ist«, stellt die Philosophin Christine Kosgaard klar. Ein erwachsenes Pferd oder ein anderes Tier ist in keiner Weise vernünftiger als ein menschlicher Säugling. Das Pferd ist zur Vernunft gänzlich unbegabt, das Baby hingegen nicht. Da Kinder unter normalen Umständen zu vernünftigen Wesen werden, muss schon etwas da sein, das sich entwickeln kann. Kinder fangen sehr früh an, primitive physikalische oder psychologische Theorien aufzustellen und wieder zu verwerfen. Untersuchungen der Psychologen Andrew Meltzoff und Alison Gopnik zeigen, dass sie dies von Geburt an tun. Gopnik und Meltzoff sind der Ansicht, dass schon Babys wie kleine Wissenschaftler agieren.

Die Rationalität des Menschen unterscheidet sich qualitativ von den geistigen Fähigkeiten der Tiere. Weil das so ist, haben Menschen auch als einzige Spezies die Fähigkeit, moralisch zu handeln. Sie können nicht nur passiv von moralischen Regeln und juristischen Gesetzen profitieren, sondern diese selbst schaffen und aus Einsicht befolgen. Sie geben sich die Gesetze ihres Handelns selbst, weil sie die Wahl haben.

Zählt nur das Hier und Jetzt?

Die Tatsache, dass nicht jeder einzelne Mensch zu jedem Zeitpunkt die betreffende Fähigkeit hat, tut dem wie erwähnt keinen Abbruch. Denn dies kann als Abweichung von der Norm beschrieben werden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nur wenn durch Krankheit, Unfall, Verbrechen etwas schief läuft, können Menschen jene Fähigkeit verlieren oder sie gar nicht erst (voll) ausbilden.

Bei den »nichtparadigmatischen Fällen«, also den Ausnahmen, handele es sich »um vernünftige Wesen, deren Vernunft entweder noch nicht oder defekt ausgebildet ist«, schreibt Kosgaard. »Der Sinn, in dem so jemandem ›Vernunft fehlt‹, ist ein ganz anderer Sinn als der Sinn, in dem einem nichtmenschlichen Tier ›Vernunft fehlt‹, denn das nichtmenschliche Tier funktioniert auf seine spezifische Weise perfekt, ohne Vernunft zu besitzen.«

Tierrechtler und Tierbefreier meinen aber,  entscheidend sei nur, welche Eigenschaften ein Individuum im Hier und Jetzt habe. Ein erwachsener Schimpanse habe nun mal ein höheres Bewusstsein, sei leidfähiger als ein neugeborener oder dementer Mensch. Deshalb zähle der Affe im Hier und Jetzt mehr.

Alle müssten in dieser Logik streng genommen dauernd nachweisen, dass sie ganz auf der Höhe ihrer Möglichkeiten sind, denn sie könnten ja aus irgendeinem Grund zeitweise schwächeln oder ganz ausfallen. Dann wären sie vielleicht gegenüber einem gesunden Schwein im Hintertreffen. Vor einer solchen Ethik ist daher im Prinzip kein Mensch sicher. Selbst gesunde Babys und Kleinkinder könnten die Verlierer gegen erwachsene »höhere Tiere« sein.

Angesichts der geschichtlichen Erfahrungen mit Eugenik, Rassismus, Nationalsozialismus, Stalinismus scheint jene Ethik doch sehr bedenklich zu sein. Nicht ohne Grund begnügt man sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs damit, allen Menschen Menschenrechte zuzusichern, ohne dies ausdrücklich an bestimmte Eigenschaften zu binden. Diese Konvention schützt vor allen Versuchen, wertes gegen unwertes Leben aufzurechnen oder Menschenleben einem Zwangskollektiv, einer höheren Idee, dem Volk und ähnlichem zu opfern.

Fazit

Menschliche »Grenzfälle« sind Ausnahmen von der Regel. Kinder können im Normalfall zu selbstbestimmten Erwachsenen werden. Es ist sinnvoll und möglich, ihnen den Schutz der Menschenrechte zu gewähren. Weniger sinnvoll ist es, Gruppen von Lebewesen einzubeziehen, die allesamt nicht verstehen, was Moral und Recht bedeuten.

Quellen

Jeremy Bentham: An introduction to the principles of morals and legislation. Kitchener 2000.
https://socserv2.socsci.mcmaster.ca/econ/ugcm/3ll3/bentham/morals.pdf

Peter Singer: Praktische Ethik. Stuttgart 2013.

Tom Regan: The case for animal rights. Berkeley/Los Angeles 2004.

Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Berlin 2010.

Generalversammlung der Vereinten Nationen: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Paris 1948.
http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf

Eric Olson: The human animal. Oxford 1997.

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. In: Ders.: Werke in zehn Bänden (hrsg. von Wilhelm Weischedel). Band 7. Darmstadt 1983, S. 309–634.

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen. Stuttgart 2002.

Peter Kunzmann: Die Würde des Tieres – zwischen Leerformel und Prinzip. München 2007.

Peter Kunzmann, Nikolaus Knoeppfler. Primaten. Bern 2011.

Christine Kosgaard: Mit Tieren interagieren. Ein kantianischer Ansatz. In: Friederike Schmitz (Hrsg.): Tierethik. Berlin 2014, S. 243–286.

Elisabeth Anderson: Tierrechte und die verschiedenen Werte nichtmenschlichen Lebens. In: Friederike Schmitz (Hrsg.): Tierethik. Berlin 2014. S. 287–320.

Andrew N. Meltzoff: Origins of theory of mind, cognition and communication. In: Journal of Communication Disorders, Vol. 32 (4) 1999. S. 251–269.

Andrew N. Meltzoff, Alison Gopnik, Betty M. Repacholi: Toddlers’ understanding of intentions, desires, and emotions: Explorations of the dark ages. In: Philip David Zelazo, Janet Wilde Astington, David R. Olson (Hrsg.): Developing theories of intention. Mahwah, New Jersey/London 1999.

Alison Gopnik: Scientific thinking in young children. In: Science Vol. 337, 28. September 2012. S. 1623–1127.

Diana Mertz Hsieh: On the margins of humanity. Philosophy in Action online. 19. Dezember 2005.
http://www.philosophyinaction.com/docs/otmoh.pdf

Russell DiSilvestro: Capacities and moral status. Dissertation Bowling Green State University. Bowling Green, August 2006.
https://etd.ohiolink.edu/rws_etd/document/get/bgsu1149604647/inline

Roger Scruton: Animal rights and wrongs. London 2000.

Tibor R. Machan: Putting humans first. Lanham, Maryland, 2004.

Tibor R. Machan: Revisiting animal »rights«. AG-Tierethik.
http://www.ag-tierethik.de/archiv/blog/tibor_machan_revisiting_animal_rights.pdf

Carl Cohen, Tom Regan: The animal rights debate. Lanham, Maryland, 2001.

Tiere sind eben so bürtig wie wir

Jens Tuider – ein im Uni-Gewächshaus herangezüchtetes Tierrechtler-Pflänzchen – hat eine eigene Seite (Hinweis 13. März 2018: Die Seite ist anscheinend inzwischen offline).

Er geht als Tierrechtler »davon aus, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt, sondern dass Tiere uns moralisch ebenbürtig sind.«

Es gibt auch keinen grundlegenden Unterschied zwischen Tuider und einem Tofublock, denn beide bestehen hauptsächlich aus Wasser. Daher ist der Tofu dem Tuider moralisch ebenbürtig – oder gar überlegen, weil mehr Wasser drin. Tuider macht ihm folgerichtig auch Vorwürfe, wenn er sich an selbigem verschluckt. Oder nicht?

Meint Tuider, dass Tiere (welche?) »genauso moralisch« sind wie Menschen? Nein, das meint er nicht. Er meint, dass Tiere die gleichen grundlegenden Grundrechte wie Menschen haben sollen, kann es aber nicht so recht ausdrücken.

Wer jedoch verlangt, dass Menschen Tiere Rechte zusprechen, muss logischerweise davon ausgehen, dass Tiere Menschen moralisch nicht ebenbürtig sind, sofern er Tiere »grundlegend« von jeder moralischen und rechtlichen Pflicht entbindet.

Wären Tiere Menschen tatsächlich moralisch ebenbürtig, wären sie im Normalfall voll zurechnungsfähig, müssten Recht und Gesetz beachten sowie Handeln und Gedanken bei sich und bei anderen anhand von moralischen Normen beurteilen können. Dann gäbe es zum Beispiel Kakerlaken oder Zecken oder Nacktmulle auf Ethik-Lehrstühlen.

Affen gibt es dort ja schon eine ganze Reihe. Und es werden immer mehr.

Liebe Künstlergruppe »Dies irae«

Durch Ihre jüngste Aktion, bei der Sie an Bushaltestellen Werbeplakate heimlich durch Ihre eigenen ersetzt haben, sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Zu den Bildern von unvorteilhaft aussehenden Schweinen haben Sie folgenden Text formuliert:

Tierschutz à la CDU. Die CDU setzt sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben.

Wir möchten uns herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns in Fragen des Tierschutzes unterstützen. Denn mit Ihrer pfiffigen Aktion tragen Sie erheblich dazu bei, die Menschen für Tierschutzbelange zu sensibilisieren. Dies ist ganz in unserem Sinne. Dass Tiere sich verletzen und krank werden können, wissen leider immer weniger Bürger. Ebenfalls gerät immer mehr in Vergessenheit, dass Verletzungen und Krankheiten sehr übel aussehen können – zumal, wenn sie in ungünstigem Licht aufgenommen wurden. Ihre Plakate helfen, diesen alten Wissensschatz zu heben und der jungen Generation weiterzugeben.

Bedanken möchten wir uns auch für Ihre ausdrückliche Würdigung, dass wir die Legalität der gezeigten Zustände sicherstellen möchten. In der Tat sind wir im Einklang mit dem Tierschutzgesetz entschieden der Ansicht, dass kranke oder verletzte Tiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen, sondern einen Anspruch auf medizinische Versorgung auch dann haben, wenn letztere keine wundersame Spontanheilung bewirkt, als hätte Jesus persönlich seine Hand aufgelegt. Wir sind überdies der Meinung, dass Tiere nicht gleich abgeschafft werden sollten, weil sie krank werden oder einander verletzen können.

Liebe Künstlergruppe! Wir sind sehr interessiert an kreativem Input von außen und würden uns freuen, wenn wir in Zukunft eng mit Ihnen zusammenarbeiten dürften. Es wäre ganz wunderbar, wenn Sie uns bei der Konzeption, Produktion und Verbreitung ähnlich aufklärerischer Kampagnen helfen könnten. Denn es gibt bis zum Jüngsten Tag noch viel zu tun!

Wir stellen uns folgende Plakataktionen vor:

1. Schlimme Fotos aus dem Pschyrembel mit der Zeile: »Skandal! Menschenrechtler setzen sich dafür ein, dass diese Zustände legal bleiben!«

2. Schlimme Fotos von Wolfsrissen: Lämmer, Fohlen, Kälber entweder skelettiert oder mit herausquellendem Gedärm.

Artgemäß ist nur die Freiheit!

Dazu die Zeile: »Naturschützer setzen sich dafür ein, dass diese Zustände Normalität werden!«

Appetit auf ein leckeres Lammsteak? Zu spät!

3. Schlimme Fotos von Gnadenhöfen, Lebenshöfen oder aus der Heimtierhaltung könnten das Bild abrunden und zur umfassenden Tierschutz-Bildung der Bevölkerung beitragen. Vielleicht schauen Sie sich einfach mal heimlich auf dem Hof Butenland oder bei Hilal Sezgin um. Wenn Sie dort wider Erwarten nichts Geeignetes finden, nehmen Sie einfach andere Bilder von irgendwo. Es interessiert niemanden, wo die Bilder wirklich gemacht worden sind. Hauptsache schön schrecklich! Aber das brauchen wir Ihnen ja nicht zu sagen. 

Das sind nur erste Ideen unsererseits. Wir sind sicher, das Ihnen noch viel kreativere Lösungen einfallen. Fotografieren Sie sich doch mal gegenseitig nach einer durchzechten Siegesfeier wider die „Tierausbeuter“! Da sehen Sie bestimmt auch ganz schön elend aus. Dann schreiben Sie dazu: Unendliches Leid – apokalyptische Zustände bei(m) Dies irae! und plakatieren das in ganz Deutschland. Gewiss wird die Mehrheit der Betrachter aus Mitleid für Ihre Abschaffung plädieren.

Wie wäre es? Möchten Sie uns unterstützen? Es soll Ihr finanzieller Schaden nicht sein. Und niemand braucht zu erfahren, dass das Geld von uns stammt. Wir übernehmen im Falle des Falles auch gerne die Anwalts- und Prozesskosten gegen die Wall-AG.

Bitte melden Sie sich! Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst

Ihre CDU

Sag nein zur Milch?

… selbst die ältesten Freundschaften zersintern zu Grus, die zivilisatorische Immunabwehr löchrig und fragil, und alles nur wegen eines verdammten Glases Milch.  (Martin Knepper)

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Als Folie dient mir eine Grafik der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch, die in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Wissenschaft und Skeptizismus“ zur Diskussion gestellt wurde. Diese Grafik hat den Titel Sag nein zu Milch. Die Organisation gibt Folgendes als Begründung für ihre Verzichtsforderung an:

1. Es gibt 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland. Stimmt. Na und?

2. Eine Kuh gibt etwa 8000 Liter Milch pro Jahr. Die Grafik zeigt, dass die Milchleistung der Kühe früher geringer war. Stimmt. Na und?

3. 27 % werden in Anbindehaltung gehalten, 62 % werden „im Laufstall mit Gülle“ gehalten. Kommt hin. Laufställe sind jedoch wesentlich besser als Anbindeställe. Je mehr moderne Ställe, desto weniger Anbindehaltung. In den „goldenen Zeiten“, als die Kühe noch weniger Milch gaben, standen viel mehr Kühe in Anbindehaltung. Vor allem Kleinbauern und Biobauern betreiben heute noch diese Haltungsform. Es gibt übrigens auch Anbindehaltung „mit Gülle“. Das scheint die Leute von Animal Rights Watch nicht zu interessieren. Sie nutzen das Reizwort „Gülle“ bloß, um ihre eigene Jauche unters Volk zu streuen.

4. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Kühe jedes Jahr künstlich befruchtet und sind fast ununterbrochen schwanger, damit sie permanent Milch geben können. Milchkühe werden ca. 8 Wochen vor dem Kalben trockengestellt, geben also keineswegs permanent Milch. Was daran schlimm sein soll, dass die Tiere „dauerschwanger“ sind, wird nicht mitgeteilt. Bekanntlich werden Wildrinder auch jedes Jahr vom Bullen gedeckt und sind dann neun Monate des Jahres trächtig. Der Bulle deckt sie sofort wieder, sobald sie wieder bullig sind, sodass in der Natur der zeitliche Abstand zwischen zwei Kalbungen kürzer ist als in der Milchviehhaltung. Dass Rinder geil darauf sind, vom Bullen gedeckt statt künstlich besamt zu werden, kann man allenfalls vermuten. Der Bulle ist nicht gerade ein einfühlsamer Lover und kopuliert auch mit Motorrädern (Motto: Love the one you’re with). Von Romantik keine Spur.

5. Die Kälber werden direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Weibl. Nachkommen werden evtl. zu neuen Milchkühen herangezogen. Die männlichen werden für Kalb- oder Rindfleisch leiden und sterben. Je eher das Kalb von der Mutter getrennt wird, desto besser (siehe z.B. hier Min. 1:25 bis 2:25). Eine Bindung wird gar nicht erst aufgebaut, und das Kalb hat deutlich höhere Überlebenschancen. Neugeborene haben noch kein funktionierendes Immunsystem und können sich rasch am Kot der Mutter infizieren. Im Kälberiglu sind sie an der frischen Luft, die Umgebung ist deutlich weniger mit Keimen belastet. Der Bewegungsdrang der Kleinen hält sich anfangs ohnehin in engen Grenzen. Sind die Kälber mit Kolostralmilch gestärkt und haben sie ein stabiles Immunsystem ausgebildet, kommen sie in Gruppenhaltung. Die männlichen Kälber werden in die Mast gegeben. Dass sie dort auch leiden, ist sicher richtig. Dass sie dort nur leiden, ist Unsinn. Am nachhaltigsten wird das Leid eines Tieres durch seine Nichtexistenz vermieden. Dumm nur, dass es nichts davon hat. Tierrechtler wollen Tiere „retten“, indem sie sie daran hindern zu existieren. Ganz schön beknackt!

6. Milchkühe hätten eine „natürliche Lebenserwartung“ von 30 Jahren, behauptet die Grafik. Lebenswartung ist jedoch „die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt“ (Wikipedia). Menschen haben keine Lebenserwartung von 122 Jahren, bloß weil es mal ein Mensch geschafft hat, so alt zu werden. Die im Durchschnitt zu erwartende Lebenspanne von Wildrindern liegt weit unter dem durchschnittlichen Schlachtalter von Milchkühen (5,3 Jahre). Die Kälbersterblichkeit ist bei Wildrindern wesentlich höher, ebenso die Häufigkeit von Erkrankungen. Mehr zu diesem Thema in diesem hervorragenden Facebook-Kommentar der Agraringenieurin Sabine Leopold.

Eine Milchkuh ist überdies ein domestiziertes Tier, das der künstlichen Selektion unterliegt. Es gibt daher keine natürliche Lebenserwartung für Milchkühe, sondern nur eine maximale Lebensdauer in menschlicher Obhut. 30 Jahre sind allerdings weit übertrieben. Demnächst wird noch behauptet, in der Natur seien Rinder unsterblich und könnten nur durch menschliche Hand ins Jenseits befördert werden.

7. Es gebe laut Grafik ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Milchkonsum. Das ist ein schöner Quatsch von Verschwörungstheoretikern. Nichts dergleichen kann nachgewiesen werden.

8. Eine Kuh belastet das Klima genauso stark wie ein moderner Personenwagen, der pro Jahr 18.000 Kilometer zurücklegt. Träumt weiter! Eine Kuh emittiert den Kohlenstoff, den ihre Futterpflanzen kurz zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Ein PKW emittiert den Kohlenstoff von fossilen Brennstoffen, die Abermillionen Jahre lang nicht Teil des Kohlenstoff-Kreislaufs waren.

Es ist keineswegs sicher, ob es überhaupt einen nennenswerten Beitrag der domestizierten Wiederkäuer zur Methan-Konzentration in der Atmosphäre gibt – im Vergleich zu den zahllosen wilden Pflanzenfressern, die durch sie „ersetzt“ worden sind (mehr Vieh, weniger Wild). Selbst in Bezug auf die letzten Jahrzehnte ist unklar (S.6), ob die Methan-Emission durch Wiederkäuer zugenommen hat. Und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass intensive Beweidung mit einem extrem hohen Viehbesatz einen sehr positiven Klimaeffekt hat.

9. Ein offenbar berühmter Kinderarzt wird zitiert: „Es gibt keinen Grund, jemals in Ihrem Leben Kuhmilch zu trinken. Sie ist für Kälber gedacht und nicht für Menschen.“ Einem Kinderarzt, der nichts von moderner Biologie versteht und glaubt, irgend etwas in der außermenschlichen Natur sei für irgend etwas anderes „gedacht“, sollte man nicht mal die Puppen der eigenen Kinder anvertrauen. Warum sein Statement hochtrabender Blödsinn ist, habe ich hier erläutert.

10. So. Und jetzt will ich erstmal zehn Jahre lang keinen Stuss mehr über Milch hören und lesen!

Unsinnsgrenze Precht

In einem ARD-Beitrag über sein neues Buch Tiere denken, sagt der Philosoph Richard David Precht:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine ‚Menschen‘  – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff ‚Tier‘ irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

In seinem Buch Noahs Erbe (1997) schreibt der Autor von der „Unsinnsgrenze zwischen Tier und Mensch“, die angeblich nur auf Mythen beruhe. Offenbar hat er seitdem nichts dazugelernt, denn er verbreitet in der modifizierten Neuauflage von Noahs Erbe (Tiere denken) offenbar haargenau denselben Unsinn wie damals.

Wer bestreitet, dass Menschen biologisch gesehen Tiere sind? 

Gäbe es in den Verlagen denkfähige Lektoren und in den Sendern denkfähige Journalisten, wäre diesen gewiss aufgefallen, dass – außer Verrückten – niemand Homo sapiens biologisch aus dem Tierreich ausschließt. Taxonomisch werden Blattlaus und Schimpanse zusammen mit Homo sapiens ordnungsgemäß ins Reich der Tiere und nicht ins Reich der Pflanzen eingeordnet.

Dass es zum Zwecke der biologischen Forschung Sinn hat, Schimpansen, Quallen, Blattläuse so zu klassifizieren, ist eine Trivialität. Selbstverständlich wäre es in diesem Zusammenhang Unsinn, eine absolute Grenze zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu postulieren. Unsinn wäre auch die Behauptung, der Mensch sei physikalisch gesehen kein Körper, hätte keine Ausdehnung, keine Masse, kein Gewicht. Menschen sind biologisch gesehen Tiere – das wusste schon Aristoteles. Was will uns Precht also sagen? Dass er nach langem Studium mit heißem Bemühen nun endlich auch entdeckt hat, was jedes Kind weiß? 

Man kann Lebewesen nach allen möglichen Aspekten klassifizieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Verdauungssystem. Da ähneln sich Schweine und Menschen weit mehr als Schimpansen und Menschen. Doch was folgt daraus? Haben Schweine nun ein Menschenrecht auf vegane Ernährungsberatung?

Philosophische Mogelpackung

Precht wechselt unvermittelt von der biologischen Sphäre zur rechtlichen, will Normen direkt aus der Taxonomie ableiten. Weil Affe und Mensch sich biologisch „ähneln“ oder genetisch „verwandt“ sind, sollen Affen Anwälte bekommen und Blattläuse nicht. „Wenn wir alle durch die Evolution verbunden sind, dann sollten wir auch moralisch verbunden sein“, schreibt der Tierrechtler Richard Ryder und formuliert damit Prechts Argument allgemeiner. Doch das ist offenbar ein Sein-Sollen-Fehlschluss. Wieso sollte die Evolution, ein blinder und subjektloser Prozess, moralisch von Belang sein?

Bemerkenswert ist nun der erste Satz des oben zitierten Statements:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Precht einigt sich hier mit sich selber auf eine handfeste Unsinnsgrenze. Schimpansen und Blattläuse sind nämlich keineswegs völlig verschiedene Dinge. Es sind beides Tiere und haben eine beträchtliche Anzahl von Genen gemeinsam. Durch Entdeckung der Hox-Gene sind alle Tiere noch einmal genetisch näher zusammengerückt. Wie kommt Precht dazu, hier eine vollkommene biologische Verschiedenheit zu postulieren?

Eng verbunden mit dem Menschen sind viele Tiere, auch wenn sie uns nicht ähnlich sehen. Kleiderläuse zum Beispiel sind in bestimmter Hinsicht mit dem Menschen als Kulturwesen sogar enger verbunden als Affen, denn sie evolvierten sich aus der Kopflaus, als die Menschen begannen, Kleider zu tragen. Parasiten sind generell sehr anhänglich. Und was wären wir ohne die Bakterien in unserem Darm?  Auch hier gilt: Man kann Lebewesen nach den unterschiedlichsten Kriterien klassifizieren und in Nähe oder Distanz zum Menschen bringen. Moral, Ethik und Recht springen aber aus solchen Klassifizierungen nicht von selber heraus.

Die wahre Unsinnsgrenze

Precht will in schlechter tierethischer Tradition bloß seine Lieblingstiere bevorzugen und kann nicht sinnvoll bestimmen, wo die Ähnlichkeit von Mensch, Tier und Pflanze denn nun aufhört. Wann ist die Ähnlichkeit gering genug, dass die Tiere keinen Anspruch mehr auf einen Pflichtverteidiger haben? Precht bezieht sich unbewusst auf die biologisch überholte Vorstellung einer großen Skala der Wesen, auf der Blattläuse unten und Schimpansen oben rangieren, weil letztere menschenähnlich sind. Eine Hierarchie nach Leidensfähigkeit oder eine Grenze zwischen höheren und niederen Lebewesen ist aber auf Basis empirischer Daten nicht möglich, wie u.a. die Zoologin Marian Stamp Dawkins immer wieder betont. Precht verlässt sich nur auf die Biologie, doch diese zeigt ihm die kalte Schulter.

Selbstverständlich ist die Unterscheidung von Mensch und Tier in moralischer und rechtlicher Hinsicht eminent sinnvoll. Precht setzt diesen fundamentalen Unterschied selbst voraus, indem er von Menschen verlangt, für Schimpansen den Anwalt zu spielen, und zwar in einem spezifisch menschlichen System, dem Rechtssystem. Von großen Menschenaffen verlangt er allerdings nicht, als Anwälte der Lemuren tätig zu werden – obwohl beide doch so eng miteinander verwandt sind. Er kann ja mal einem Schimpansen klarzumachen versuchen, wie unsinnig die Unterscheidung zwischen letzterem und Richard David Precht ist.

»Speziesismus«

»Speziesismus« bedeutet, dass Menschen andere Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminieren, also Lebewesen ungleich behandeln, bloß weil sie nicht zur Spezies Homo sapiens gehören. Der Begriff wurde Anfang der 1970er Jahre von dem britischen Psychologen Richard Ryder erfunden und vom australischen Bioethiker Peter Singer zur weltweit populären Kampfparole der »Tierbefreiungsbewegung« gemacht. Die Analogie zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus ist hierbei bewusst gewählt.

Grund und Kriterium

Die biologische Spezies war niemals der Grund, warum Menschen sich gegenüber ihresgleichen zur moralischen Rücksichtnahme, zum Tötungsverbot, zum Verbot von Diebstahl usw. verpflichtet haben. Dafür wurden in der Vergangenheit verschiedene Gründe angegeben, zum Beispiel die Gottebenbildlichkeit, die Vernunft, die Handlungsfähigkeit, die Moralfähigkeit.

»Mensch« ist nicht gleichbedeutend mit »Homo sapiens«, und ein Grund ist nicht dasselbe wie ein Kriterium. Wenn der Grund etwa die Handlungs- und Moralfähigkeit ist, braucht man ein Kriterium, das sich in der Praxis dazu eignet, diejenigen zu benennen, die den Schutz durch Moral und Recht genießen sollen. Dieses Kriterium kann die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Homo sapiens sein.

Alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens genießen den Schutz der Menschenrechte – unabhängig davon, ob jeder Einzelne konkret und aktuell diejenigen Eigenschaften tatsächlich hat, die Grund für die moralische Berücksichtigung und rechtlichen Schutz sind. Es genügt, dass Menschen – im Gegensatz zu anderen Lebewesen – im Allgemeinen und Normalfall diese Eigenschaften besitzen bzw. erwerben. »Mensch« bezeichnet hier die Mitglieder einer Moral- und Kommunikationsgemeinschaft. Hätten Kakerlaken jene Eigenschaften ebenfalls im Normalfall, würden auch sie mitsamt Larven, Komatösen, Behinderten einbezogen. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie uns genetisch ferner stehen als Schimpansen.

»Man schließt geistig Behinderte und Kinder aus der Rechtsgemeinschaft einfach deshalb nicht aus, weil eine aufgrund objektiver Kriterien praktikable klare Grenze zwischen möglicher und nicht möglicher Pflichtsubjektivität nicht gezogen werden kann. Um sich nicht beständig mit dem Rechtsunsicherheit schaffenden Problem auseinandersetzen zu müssen, Menschen möglicherweise ungerechtfertigt aus dem rechtlichen Verband auszuschließen oder nicht aufzunehmen, wird jeder Mensch uneingeschränkt als Rechtssubjekt betrachtet. Speziesistische Willkür liegt nicht vor, wenn Tieren die Rechtsfähigkeit nicht eingeräumt wird, weil diesen eben kraft ihrer Natur weder heute noch morgen Pflichten auferlegt werden können«, schreibt der Soziologe Franz Kromka.

Widersinn mit Methode

Der Speziesismus-Begriff ist selbstwidersprüchlich. Richard Ryder schreibt, Speziesismus sei »die Annahme, dass der Mensch allen anderen Arten von Tieren überlegen [superior] und damit berechtigt sei, sie zu seinem Vorteil auszubeuten.« Der Duden definiert den Begriff ähnlich als »Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln.«

Ryder und Co. gehen jedoch selber implizit davon aus, dass der Mensch dem Tier überlegen und sogar moralisch übergeordnet ist, denn sie fordern nur vom Menschen moralische Rücksichtnahme gegenüber Tieren. Damit diskriminieren sie aber Homo sapiens. Dieser macht biologisch gesehen das Gleiche wie andere Tiere. Die menschlichen Individuen sichern ihr Überleben und das ihrer Nachkommen, geben ihre Gene weiter wie alle anderen auch. Dabei nutzen sie – wie alle anderen auch – die Vorteile, welche ihnen durch die Evolution zugewachsen sind. Biologisch gesehen ist Homo sapiens anderen Tieren durch seine geistigen Fähigkeiten de facto überlegen. Vorwerfen kann man ihm das nur, wenn man mit zweierlei Maß misst.

Arten? Welche Arten?

Sehr beliebt ist auch die Behauptung, es gebe in der Realität gar keine Arten und deshalb zählten nur Individuen. Es gebe daher auch keinen Artenegoismus – weder beim Tier noch beim Menschen. Richard Ryder und der berühmte Soziobiologe Richard Dawkins argumentieren so. Hierbei tappen sie aber in die Reduktionismus-Falle. »Welches Prinzip erlaubt ihnen, die Ebene zu bestimmen, auf der die Elimination ihren Schlusspunkt gefunden hat«, fragt der Biologe Steven Rose Theoretiker wie Dawkins.

Wieso soll es also ausgerechnet Arten nicht geben, dafür aber Individuen. Man könnte in dieser Logik genauso gut sagen, es gebe keinen Richard Dawkins, sondern nur einen Zellverbund, der von Genen gesteuert werde. Und selbst von den Genen kann man behaupten, dass es sie »eigentlich« nicht gebe. Irgendwann landet man unweigerlich bei den Quarks. Über moralische Fragen braucht man sich dann nicht mehr zu unterhalten. Es sei denn, man erfindet den Quarksismus, die Diskriminierung der Quarks aufgrund ihrer Quarkszugehörigkeit. 

Rassismus, so die heute unter aufgeklärten Individuen verbreitete Ansicht, bestehe schon darin, überhaupt Menschenrassen zu postulieren. Im Gegensatz zu Religionen, Geschlechtern, politischen Anschauungen gebe es keine Menschenrassen. Wer also »Rasse« sage, sei bereits ein Rassist.

Man übertrage dies nun auf den Begriff der »Art«. Daraus, dass »Art« ein Oberbegriff in einem künstlichen System (Taxonomie) ist, wird geschlossen, dass Arten nicht existieren. Wer also Mensch sagt, wäre bereits ein Speziesist – ebenso wie jemand, der Spinne, Fisch oder Hund sagt. Speziesismus wäre überall und daher nirgends. Der Begriff taugt nur als suggestive Kampfparole, die gegen jeden geschwungen werden kann – einschließlich der Tierethiker, Tierrechtler und Veganer selbst.

Nun wollen Leute wie Peter Singer oder Tom Regan ja tatsächlich, dass der Begriff Mensch nicht mehr verwendet und stattdessen nur noch von Personen oder empfindungsfähigen Lebewesen gesprochen wird. Man freut sich schon, wenn bald alle Bücher umgeschrieben werden müssen. Dann heißt es nicht mehr „O Mensch, gib Acht“, sondern „O Person oder empfindungsfähiges Wesen, sei achtsam“. Schöne neue Welt.

»Anthropozentrismus«

In der Diskussion um Tierschutz und Tierrechte fehlt selten die wohlfeile Klage darüber, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt betrachte und sich eine besondere Stellung im Kosmos anmaße. Der Anthropozentrismus sei die Wurzel allen Übels und müsse überwunden werden, damit die Natur zu ihrem »Recht« kommen könne.

Eingebildeter Perspektivenwechsel

Leute, die so etwas behaupten, nennen sich gerne »Biozentristen« oder »Physiozentristen«. Erstere bilden sich ein, die Perspektive der belebten Natur einzunehmen, letztere glauben, die Stimme des gesamten Kosmos zu sein. Beide schwingen sich zu Interessensvertretern der außermenschlichen Welt auf. Doch egal, ob sie sich nun Tier-, Pflanzen-, Fluss- oder Planetenkostüme anziehen: Sie bleiben immer nur Menschen mit spezifisch menschlicher Wahrnehmung und Moral.

In Biozentrismus und Physiozentrismus offenbart sich »eine gesteigerte Anthropozentrik, die der Natur die menschlichen Vorstellungen unterlegt oder überstülpt“, bemerkt der Philosoph Lothar B. Schäfer. Das erinnert an Mister Bean, der sich selber ein Geschenk einpackt und beim späteren Auspacken überrascht über den Inhalt der Verpackung zeigt.

Was geht das schon den Kosmos an?

Wer hingegen ernsthaft versucht, eine außermenschliche Perspektive zu gewinnen, dem geht schon beim ersten Schritt die Ethik von der Fahne. Begibt man sich auf die Ebene des Tierreichs, sind dort nur sporadisch Verhaltensweisen erkennbar, die man mit viel Fantasie als Rumpfformen von Moral deuten könnte. Schon aus tierlicher Perspektive brauchten Menschen also nicht mehr moralisch zu sein, wenn unter Moral ein Kanon von Normen verstanden wird, nach denen Handlungen und Gedanken beurteilt werden.

Geht man nun weiter über das Pflanzenreich und die unbelebte Natur in die unendlichen Weiten des Universums, löst sich alles in reine Gleichgültigkeit auf. Aus kosmischer Perspektive ist es gänzlich einerlei, was auf der Erde mit irgendwelchen Wesen passiert. Dass sie entstehen, herumwuseln und vergehen, juckt das Universum kein bisschen.

Mit anderen Worten: Da mit dem Anthropozentrismus sogleich auch die Moral über Bord geht, ist es widersinnig, den Anthropozentrismus moralisch zu kritisieren. Er ist schlicht unhintergehbar, sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in ethischer Hinsicht. Selbst die sogenannte pathozentrische Ethik, die das Leiden aller (fühlenden) Lebewesen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt, ist aus dem Anthropozentrismus abgeleitet, da sie dem menschlichen Wunsch entspringt, alle leidfähigen Lebewesen moralisch zu berücksichtigen.

Man kann den Anthropozentrismus zwar nicht eliminieren, aber man kann prüfen, wie aufgeklärt Personen über genau diesen Tatbestand sind. Nicht nur die selbsternannten Biozentristen oder Physiozentristen sind diesbezüglich unaufgeklärt, sondern auch viele moderne Verhaltensbiologen, die wie im Wahn alle Tiere und Pflanzen unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie ähnlich sie dem Menschen sind. Kaum stochert der eine Affe anders mit dem Stock nach Termiten als sein Artgenosse in einer entfernten Population, haben beide schon »Kultur«. Diese manische Fixierung ist wissenschaftlich wenig fruchtbar und taugt vor allen zur ideologischen Herabsetzung des Menschen. »Das Tier wird als Naturgegenstand gerade nicht ernst genommen, sondern […] in menschliche Kleider gesteckt und wie im Fernsehfilm zum albernen Vorturnen gezwungen«, kritisiert der Philosoph Peter Janich.

Höher entwickelt oder nur zu heiß gebadet?

Aus dieser zu »bahnbrechenden Erkenntnissen« aufgeblasenen verhaltensbiologischen Mode ziehen Tierrechtler ihren Vorteil. Sie können sich auf die unaufgeklärt anthropozentrische Rede von »höher entwickelten Tieren« berufen und an die wissenschaftlich überholte Skala der Wesen (scala naturae) mit dem Menschen als Fluchtpunkt anknüpfen. Ganz weit oben rangieren – wen wundert’s? – unsere nächsten Verwandten. Im offenen Selbstwiderspruch kritisieren viele Tierrechtler den Anthropozentrismus und fordern zugleich Menschenrechte für Menschenaffen, weil diese uns gleichen. Tierrechtler leugnen vehement jegliche Sonderstellung des Menschen und berufen sich im nächsten Atemzug auf sie, indem sie nur vom Menschen verlangen, andere Tiere moralisch zu berücksichtigen

Die Rede von höher entwickelten Tieren führt jedoch in die Irre: »Der verzweigte Baum der Evolution hat nicht nur einen, sondern Millionen Kulminationspunkte – nämlich je einen in jeder auf der Erde lebenden Art«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stephen Budiansky. »Die Vorstellung, dass die Fische momentan auf Stufe 21 festsitzen und mit aller Macht versuchen, auf Stufe 22 aufzusteigen, ist in evolutionsgeschichtlicher Sicht barer Unsinn. Die Fische sind durch Jahrmillionen währende Evolution ihrer eigenen, sehr speziellen ökologischen Nische angepasst. Dazu mussten sie sich ebenso lange entwickeln wie wir. Keineswegs sind sie bloß Beispiele einer halb fertigen Evolution, deren Kulminationspunkt der Mensch (womöglich gar der nordische) wäre.«

Gottopozentrismus?

Das Muster des übersteigerten Anthropozentrismus schlechthin ist der Glaube an einen Gott – das meinen zumindest religionskritische Autoren. Bereits der antike Philosoph Xenophanes von Kolophon (570–475 v. Chr.) äußerte den Verdacht, dass die Gottesvorstellungen bloße Projektionen menschlicher Eigenschaften seien. Baruch de Spinoza (1632–1677) formuliert diesen Gedanken folgendermaßen: »Denn ich glaube, dass ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, dass ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund.«

Es ist grotesk, wenn heute christliche Ethiker in die Klage wider den Anthropozentrismus einstimmen, obwohl das Christentum mit seiner Fixierung auf Jesus ohne Anthropozentrismus gar nicht auskommt. Christus ist eben Gott und Mensch zugleich. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch überdies eindeutig als Sonderanfertigung beschrieben. Manche christliche Theologen opfern sogar den Heiland selbst, um sich dem Zeitgeist gemäß mit tierethischen und naturethischen Phrasen zu profilieren.

 

»Würde der Kreatur«

Offene Grenzen

Das Pendant zur Mitgeschöpflichkeit ist die Würde der Kreatur. Seit 1992 steht sie in der Schweizer Verfassung. In der Schweiz hat konsequenterweise bereits die Pflanzenwürde tiefe Wurzeln geschlagen. Denn es ist unmöglich, aufgrund empirischer Eigenschaften zwischen moralisch zu berücksichtigenden und nicht zu berücksichtigenden Lebewesen eine genaue Grenze zu ziehen. Die Pflanzen sind also notwendigerweise auch drin.

Doch damit nicht genug. Da Würde hier an den Kreatur-Status gekoppelt ist, wird die Fluss- oder Bergwürde schon bald das Schweizer Gemüt erheben. Kraxler werden dann wohl reihenweise von den Bergen abgeworfen, sobald sie ihre Karabiner zu tief in deren Würde verankern; Schwimmer werden von Seen ertränkt, sobald sie beim Baden in selbige urinieren. Die Schweizer können irgendwann keinen Schritt mehr tun, ohne bei irgend einer Kreaturwürde anzuecken. Da bleibt nur noch die Flucht in die Käselöcher – sofern die Emmentalerwürde nicht verletzt wird.

Konfusion mit Methode

»Die menschliche Würde ist abwägungs- und eingriffsresistent«, schreibt der Rechtswissenschaftler Wolfgang Löwer. »Sie ist Höchstwert, der keine Relativierung für heteronom gesetzte Zwecke erlaubt. Würde beruht auf der Autonomie zum selbst gewählten Lebensentwurf. Dass alles dieses auf die kreatürliche Würde nicht übertragbar sein dürfte, liegt auf der Hand. Es ist folglich etwas anderes gemeint als das Versprechen einer unantastbaren Würde, suggeriert aber sprachlich das Gegenteil.«

Aus der Menschenwürde ergeben sich zumindest dem Ideal nach strikte Verbotspflichten. So ist es zum Beispiel mit der Menschenwürde nicht vereinbar, Menschen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion zu züchten oder sie in medizinischen Versuchen zu töten.

Bei den diversen Ansätzen, die »Würde der Kreatur« zu definieren, ist weitgehend freies Phantasieren angesagt. Wenn nicht einmal klar ist, warum allen Kreaturen Würde zugeschrieben werden soll und welche normativen Konsequenzen dies hätte, ist nicht verwunderlich, dass manche Autoren vollständig den Überblick verlieren und wahllos mit Würde-Bonbons um sich werfen wie Karnevalsprinzen mit Kamelle.

Es gibt Metzger, die wollen sogar dem Fleisch seine Würde zurückgeben. Wenn aber das Fleisch, die Wurst, die Boulette eine Würde hat, wieso nicht auch das Gekröse? Warum nicht auch der Hunde-Kot auf der Straße? Wer den Haufen ordnungsgemäß entsorgt, gibt ihm seine Würde wieder, da das arme Häuflein nicht mehr mit Füßen getreten werden kann, oder was? Fazit: Inflationärer Gebrauch des Würdebegriffes verursacht Hirnflatulenz.

Raison oblige

Das Gewürge mit der Würde beginnt, sobald man sie von der Fähigkeit zur praktischen Vernunft abkoppelt. Ein Würdebegriff, der nicht mehr auf Vernunft bezogen ist, wird inflationär und willkürlich. Bei Immanuel Kant kommt Würde nur solchen Wesen zu, die prinzipiell fähig sind, zwischen Handlungsalternativen frei zu wählen und sich selber moralische Gesetze zu geben. Dies reflektiert § 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948): »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.«

Tierrechtler wie zum Beispiel Tom Regan versuchen aufgrund dessen, die Begriffe »Autonomie« und »Handlungsfähigkeit« so zu erweitern, dass sie wenigstens auf (einige) Tiere passen. Diese Erweiterung geht aber – wie alle tierethischen Begriffserweiterungen – zu sehr auf Kosten der Bedeutung. Das Tun von Tieren kann nicht als Handlung gelten, wenn man sie nicht auch dafür verantwortlich macht; Tiere sind nicht moralisch autonom, solange sie moralische Maximen grundsätzlich nicht verstehen, formulieren oder befolgen können.

Während beim Menschen nur wenige Individuen aufgrund kontingenter Ursachen (Unfall, Krankheit, Gendefekt) oder absichtlicher Schädigung durch Dritte ihre Vernunft- und Gewissensbegabung nicht oder nur eingeschränkt entfalten können, sind alle nichtmenschlichen »Kreaturen« diesbezüglich hoffnungslos unbegabt. Es ist daher sinnlos, ihnen Würde zuzugestehen.

Heiße Luft = Aufwind für Fanatiker

Ähnlich wie die »Mitgeschöpflichkeit« hat die »Würde der Kreatur« aufgrund ihres hohen Anteils an heißer Luft vor allem den Effekt, die Aufgeblasenheit derjenigen zu vergrößern, die sie im Munde führen. Darüber hinaus ermutigt derlei heuchlerisches Wortgeklingel die Fanatiker dazu, den Würdebegriff in Bezug nichtmenschliche Kreaturen ebenso strikt auszulegen wie in Bezug auf Menschen.

Es ist daher folgerichtig, dass die Tierrechtler immer frecher werden und für Tiere exakt denselben Würdeschutz fordern, wie er für Menschen gilt. Wenn Tiere aber denselben oder annährend denselben Würdeschutz genießen sollen wie Menschen, dieser aber nicht gewährleistet wird, ist es nur logisch, dass Tierrechtler auch Gewalt anwenden, um den vermeintlichen Anspruch der Tiere durchzusetzen. Menschen, die zu Nahrungszwecken gezüchtet werden, müssten schließlich auch mit Gewalt befreit werden, wenn andere Mittel versagen.

»Mitgeschöpf«

Die Schlagworte »Mitgeschöpf« und »Mitgeschöpflichkeit« erfreuen sich in der Debatte um Tierrechte und Tierschutz größter Beliebtheit. Das »Mitgeschöpf« ist Anfang 1987 ins deutsche Tierschutzgesetz eingewandert (§ 1, 1) und treibt dort seitdem sein Unwesen. Die juristischen Kommentare betonen, dass das deutsche Tierschutzgesetz im Zeichen der Mitgeschöpflichkeit stehe. Ob sie damit dem Tierschutz sowie den Menschen einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden.

Schaffe, schaffe, G’schöpfle baue … 

»Mitgeschöpf« ist eine Wortschöpfung des Pietismus; die »Mitgeschöpflichkeit« wurde vom Schweizer Theologen Fritz Blanke erfunden und meint so etwas wie »artübergreifende Menschlichkeit«. Das hört sich schön an, besagt aber nichts. Um es kurz zu machen: Theologisch betrachtet ist alles, was existiert, »Geschöpf« – mit Ausnahme von Gott selbst. Aus dem Geschaffensein als solchem folgt daher moralisch und rechtlich nicht das Geringste.

Warum sollten wir Tiere nur deshalb moralisch berücksichtigen, weil sie nicht Gott sind? Das trifft auf uns selber ebenso zu wie auf Pflanzen, Pilze, Steine, Schneeflocken oder Sternenstaub. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man der profanen Geschöpflichkeit feierlich die Silbe »Mit« voranstellt.

Wer ein Schwein als Mitgeschöpf bezeichnet, muss auch dessen Lungenwürmer als Mitgesch(r)öpfe bezeichnen. Entscheidet man sich, die Würmer zu töten, um das Schwein zu retten, etabliert man damit eine Hierarchie der Lebewesen, die sich aus der Tatsache ihres Geschaffenseins in keiner Weise ergibt. Das seitenlange Kleingedruckte macht den ganzen Mitgeschöpf-Vertrag zur Makulatur. Am Ende bleiben doch immer nur die paar Lieblinge des Menschen übrig. »Mitgeschöpflichkeit« ist also nichts weiter als eine Lizenz zum Heucheln.

Geschöpf ohne Gott?

Ganz zu schweigen von dem Tatbestand, dass man an einen Gott glauben muss, der alles geschaffen hat. Wer die Mitgeschöpflichkeit propagiert, müsste streng genommen erst einmal die Existenz eines Schöpfers rational beweisen oder zumindest plausibel machen, sodann zeigen, dass dem Schöpfer irgend etwas an seinen Geschöpfen gelegen ist.

Denn es spricht ja alles dagegen, dass Gott sich um’s Wohlergehen seiner Geschöpfe besonders sorgt. Ein allgütiger Gott hätte die Welt schließlich so schaffen können, dass zumindest unkompensiertes Leid darin nicht vorkäme, oder er hätte auch gleich eine Welt voller Wonneproppen basteln können. Hat er aber nicht. Außerdem müssten die Mitgeschöpfianer noch das Medium benennen, mittels dessen Gott den Geschöpfen seine Wünsche mitteilt. Derlei Mühe spart man sich heute gerne und geht lieber gleich zum gemütlichen Teil über: der willkürlichen Proklamation von diesem und jenem.

In ihrer Stellungnahme zum Tierschutzgesetz machen die Rechtsphilosophen Julian Nida-Rümelin und Dietmar von der Pfordten denn auch kurzen Prozess mit der Mitgeschöpflichkeit: »Einem wenig rationalen Dezisionismus in Normierungs- und Abwägungsfragen erscheint hier Tür und Tor geöffnet.« Mit anderen Worten: »Sechs, setzen!« Oder: Fuck ju, Mitgeschöpf! 

Absolution durch Evolution?

Warum ein derart religiös aufgeladener Begriff überhaupt für die Gesetzgebung eines Staates verbindlich sein soll, der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, steht in den Sternen bzw. in den juristischen Kommentaren zum Tierschutzgesetz. Im Kommentar von Kluge et. al. wird zur Begründung die haarsträubende Behauptung aufgestellt, Mitgeschöpflichkeit könne auch mit der Evolution und der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen begründet werden.

Evolution im modernen Sinne ist jedoch ein unbewusster, subjektloser Prozess. Aus der Tatsache, dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickelt haben, folgt ebenfalls moralisch und rechtlich nicht das Geringste – zumal bei dieser Interpretation die unbelebten Geschöpfe vollends unter den Tisch fallen. Hier werden stillschweigend wertfreie biologische Fachtermini moralisch interpretiert. »Genetische Verwandtschaft« bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die Hefepilze, mit welchen wir 40 % der Gene gemeinsam haben, als unsere Kinder betrachten müssen, die nach unserem Tode Anspruch auf einen Pflichterbteil von 40 % unserers Erbes hätten. Da überdies auch Pflanzen mit uns genetisch verwandt sind, müsste das Tierschutzgesetz auf diese ausgedehnt und damit ad absurdum geführt werden.

Der Versuch, die Mitgeschöpflichkeit pseudowissenschaftlich mit Hilfe der Evolution zu retten, kann nicht gelingen. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen und solche Nonsens-Begriffe aus der Gesetzgebung zu tilgen, werden ihnen dort Heiligenscheine verpasst.

Nonsens ist übrigens auch der beliebte Imperativ, die Schöpfung zu bewahren. Er ist theologisch schlicht Blasphemie, denn nur Gott selbst hat die Macht, seine Schöpfung zu zerstören. Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.