Wer wird de Handetasche?

Die Casting-Shows der Privatsender haben immerhin eines für sich: Jeder halbwegs Zurechnungsfähige weiß, dass es dabei um alles Mögliche geht, nur nicht um das Wohl der Kandidaten. Diese wiederum sind dumm oder fehlgeleitet genug, sich öffentlich das Fell über die Ohren ziehen zu lassen, weil man ihnen etwas von einer „großen Karrierechance“ erzählt hat. Die Gewinner freuen sich über ihre Knebelverträge und verschwinden – bis auf wenige Ausnahmen – spätestens nach ein, zwei Jahren wieder in der Versenkung.

Casting-Shows sind derart bildungs- kunst- und ästhetikfern, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehens auf die gloriose Idee kamen, ihren Bildungsauftrag mit Hilfe solcher Formate ad absurdum zu führen. Im Bereich der klassischen Musik, namentlich der Oper, kommt das Fernsehen ohnehin nicht mehr ohne Blödelei aus. Man traut dem heutigen Publikum nicht zu, einem klassischen Werk konzentriert zu folgen, und deshalb muss das Werk von vornherein depotenziert und als „Event“ dargeboten werden. Ohne kulturindustrielle Knallchargen, die zum „Näherbringen“ engagiert werden, geht anscheinend gar nichts mehr. Adornos Satz „Musik im Fernsehen ist Brimborium“ wird von den verantwortlichen Kulturredakteuren heute offensichtlich nicht mehr als Kritik, sondern als Aufforderung verstanden, solange keine Ruhe zu geben, bis der Kretinismus der Privatsender endgültig unterboten ist.

Der Sender Arte darf sich rühmen, diesem Ziel einen guten Schritt nähergekommen zu sein: In einer siebenteiligen Casting-Show mit dem Titel Open Opera wird die B-Besetzung der diesjährigen Seefestspiele Wannsee ausgewählt. Irgend jemand aus dem Sender konnte den Programmverantwortlichen einreden, dass – frei nach Loriot – die Verbindung von klassischer Musik mit dem Castingshow-Gedanken unter Einbeziehung der Seefestspiele ein großer Coup zur Gewinnung ferner Schichten sei.

Im Gegensatz zu den über 30 000 Bewerbern von „DSDS“ mussten die Bewerber für „Open Opera“ mühsam aus allen Winkeln der Welt zusammengekratzt werden. Nicht einmal 500 Gestalten ließen sich überreden; eine Handvoll von ihnen wurde, nach welchen Kriterien auch immer, ausgewählt. Es kann ja wirklich nur die pure Verzweiflung, Verblendung oder Unbedarftheit sein, die jemanden dazu verleitet, bei einem derartigen Grotten-Trash mitzuwirken. Von einem millionenschweren Plattenvertrag, wie ihn seinerzeit die pseudotenorale Witzfigur Paul Potts unterzeichnet hatte, können die Kandidaten bei „Open Opera“ jedenfalls nur träumen. Sie geraten schon ins Schwärmen, weil das kalte Büffet beim Empfang nichts kostet. Ob sie außer einer „großen Karrierechance“, billigem Sekt und trockenen Brötchen sonstige Vergütungen erhalten, bleibt im Dunkeln. Wahrscheinlich müssen sie das Geld selber mitbringen. In unseriösen Stellenanzeigen heißt es schließlich auch immer: „Große Karrierechance – bis zu 5000 Euro monatlich verdienen.“ Zuvor muss man aber gegen eine Gebühr von 1000 Euro eine sinnlose Schulung mitmachen, die zu nichts qualifiziert, und steht danach wieder auf der Straße.

Etwas vergleichbar Sinnloses veranstaltet die dreiköpfige Jury bei Open Opera. Sie befindet sich in einem unterakustischen Raum im Berliner Radialsystem. Die Kandidaten tragen Headset-Mikrophone und wirken wie die Probanden in einem Experiment von Dr. Seltsam. Regisseur und Dirigent lassen sich nicht blicken. Insgesamt ein durchaus merkwürdiges Setting. Ist man vielleicht doch bei „Verstehen Sie Spaß“ gelandet? Dafür spricht, dass die Teilnehmer am ersten Tag einen Popsong zum Besten geben müssen, obwohl sie das nicht im mindesten für die vier Hauptpartien der Oper „Carmen“ qualifiziert. Alles Verarschung? Ja.

Wer sich fragt, warum man für eine Zweitbesetzung ein aufwendiges öffentliches Casting veranstaltet, während die Erstbesetzung im stillen Kämmerlein ermittelt wurde, befindet sich auf der richtigen Spur. Die Antwort ist simpel: weil es bei dieser Veranstaltung überhaupt nicht um die Sänger geht! Es kräht nämlich tatsächlich kein Hahn danach, wer hinterher auf der Bühne herumkräht, denn die wirklichen Stars von Open Opera sind die Mitglieder der Jury. Man hat sogar ein Bruce-Darnell-Double namens David Lee Brewer aufgetrieben. Er sagt statt „De Handetasche“ lieber „de Undekiefer“ oder „Du hasde eine schööne Kööper“. Ein Bassbariton aus Bayern (Franz Hawlata) sitzt großkariert auf der Couch und macht insgesamt keinen besonders hellen Eindruck – ganz im Gegensatz zur blonden Haarpracht des weiblichen Jury-Mitglieds: Die Sopranistin Annick Massis hat zwar die strenge Aura einer Chefsekretärin, ist aber als Casting-Domina ein Totalausfall.
Die drei Koryphäen geben wertvolle Tipps für „de Undekiefer“ oder „de Kehlkopf“ und sind mit beeindruckender Konsequenz von den schlechtesten Sängern am meisten begeistert. David Lee Brewer nennt manche von ihnen „genial“, aber wohl nur wegen de schööne Kööper, und kann sein Desinteresse an weiblichen Kandidaten kaum verbergen. Franz Hawlata findet alles toll und scheint nicht so recht zu wissen, wo er sich befindet. Frau Massis … nun ja, ist auch anwesend.

In einer Folge gibt sich Kammersänger Bernd Weikl die Ehre und klärt die Escamillo-Anwärter darüber auf, dass man in der Oper nicht wie ein Breitmaulfrosch, sondern wie ein Karpfen singen müsse. Er selbst hatte in seiner langen Karriere ausreichend Gelegenheit, wie ein Karpfen zu singen -, warum sollten junge Leute von dieser Kunst nicht profitieren? Die Teilnehmer sind nach der ichthyologischen Unterweisung hochmotiviert und schreien wie vom Killer-Karpfen gebissen.

Da die Gewinner vorwiegend nach fischwirtschaftlichen Kriterien ermittelt werden, ist es kein Wunder, dass die erwählten „Stimmen von Morgen“ leider überhaupt nicht für die entsprechenden Partien geeignet sind. Die Inszenierung läuft ja bereits mit A- und B-Besetzung, während das Casting noch im Fernsehen gezeigt wird. Wo bleibt denn da die Spannung? Typisch Arte!

Als naiver Betrachter fragt man sich vollkommen zu recht, was dieser ganze Zinnober eigentlich soll. Wem bringt das was? Antwort: Niemandem*. Leute, die gerne Casting-Shows ansehen, halten sich lieber an die prolligen Originale, wo einem nicht schon vorher verraten wird, wer als Sieger feststeht; Sänger, die auf eine große Chance hoffen, bekommen nach dem Ende der Seefestspiele wahrscheinlich nicht einmal einen feuchten Händedruck; Annick Massis, Franz Hawlata und David Lee Brewer werden nach dem Casting vielleicht etwas reicher, aber nicht populärer sein als vorher, denn Arte hat sich beim Schielen nach Quote gehörig verschielt. Das lässt immerhin hoffen: Dieser als „Kultur“ daherkommende Scheiß schlägt noch den bräsigsten Zuschauer in die Flucht.

Und wir sehen betroffen – die Oper tot und alle Ärsche offen!

* Wenn man einmal von dem wirklichen Zweck absieht, dem Veranstalter, der Casting-Agentur und ein paar anderen Figuren die Taschen zu füllen.