Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Die Sonne hat nicht den Zweck, die Kohlköpfe wachsen zu lassen.
Gustave Flaubert

Rache der Natur?
Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet. Statt dessen ist es schick, von der „Rache der Natur“ zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.

„Die industrialisierte Landwirtschaft“, behauptet Greenpeace beispielsweise, „erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel.“ Geboten sei daher eine „naturnahe Landwirtschaft“, die „natürliche Kreisläufe“ nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die „industrialisierte Landwirtschaft“ sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen „dauerhaft“ verschleiert. Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die NGO scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte „naturnahe Landwirtschaft“ endlich als Sieger dasteht.

Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich „von der Natur entfernt“ habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.

Von Zwecken gezwickt

Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.

Dieser offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler. „Kuhmilch ist nicht für Menschen da“, lautet ein typischer Satz von Veganern. „Die Milch erfüllt […] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses“, heißt es auf der Website von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nicht gestellt. Wer diese Frage nun naiv mit „die Natur“ beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person.

Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass es der objektive Zweck der Milch sei, dies zu bewirken, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Kälbchen auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass deren Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch erfülle den ganz gezielten Zweck, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern.

Verneint man einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als laktoseintolerante Ökopäpste.

Zwei Naturbegriffe

Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, welche man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte. Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) die Naturerscheinungen haben. Er geht im wesentlichen auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.

Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techné (Kunst). Natürlich ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. Künstlich ist alles, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom „unbewegten Beweger“, der Ursache aller Ursachen, festgelegt. Die Entelechie des Haferkorns wäre es beispielsweise, zur ausgereiften Pflanze zu werden. Hafer wäre also ebenso wenig für menschliche Vegetarier da wie Kuhmilch für menschliche Mischköstler. Denn wer das Korn an der Entfaltung seiner Vollkommenheit hindert, indem er es zerquetscht und ins Müsli rührt, handelt naturwidrig.

Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen nicht im Hinblick auf deren Zweckmäßigkeit, sondern unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht. Galileo Galilei (1564-1641) und andere „entdeckten“ die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern „erzeugten“ sie mit Hilfe von ausgeklügelten technischen Experimenten und Geräten „künstlich“. Der Gegensatz von physis und techné wurde damit aufgehoben. Natur kann nämlich nur erkannt werden, indem man technisch in sie eingreift. Egal ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine oder „Artefakte“ – alles unterliegt denselben Naturgesetzen.

Natürliche Landwirtschaft?

Vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft ist die Rede von einer „natürlichen Landwirtschaft“ streng genommen sinnlos, denn wo alles Natur ist, kann es nichts Naturwidriges geben. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen, biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den „Ökosystemen“ ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und „Artenvielfalt“ ist nicht der objektive Zweck des Regenwalds.

Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. „Natürliche Landwirtschaft“ wäre in diesem Begriffsrahmen ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Kultur“ vom lateinischen cultura ab, was soviel bedeutet wie „Ackerbau“. Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.

Der Senftenberger See in der Lausitz. Ein »Naturparadies«, entstanden durch Braunkohletagebau.

Dummerweise verwechseln die Bürger heutzutage meist Agrarlandschaft mit unberührter Natur. So ist beispielsweise die Lüneburger Heide „ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten“, wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. „Die oftmals nur unbewusste, teilweise aber bewusst initiierte Assoziation von landwirtschaftlicher Natur mit unberührter Natur muss folglich als zentrale Konfliktquelle erkannt werden“, resümiert der Philosoph Christian Dürnberger. Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen gleicht dem Versuch, seinen Pelz zu waschen, ohne nass zu werden. Die falschen Assoziationen erschweren als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen agrarwirtschaftlicher Probleme.

Reine Natur und menschliche Aliens

Definiert man Natur als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus der Natur herausnehmen und schauen, was übrigbleibt. Dadurch wird es möglich, den Menschen moralisch gegen die Natur auszuspielen. Er kann wie eine Art bösartiger Alien dargestellt werden, der von außen in die unschuldige Natur eindringt und sie zerstört.

Da Menschen der finalen Naturbestimmung zufolge gar nicht anders als naturwidrig handeln können, ist es leicht, sie als per se schuldig zu bezeichnen (Erbsünde). Die Menschen können ihre Schuld jedoch klein halten, indem sie möglichst wenig gegen die Natur handeln. Wenn es eine natürliche Landwirtschaft in diesem Denksystem schon nicht gibt, so scheint es immerhin machbar zu sein, eine weniger künstliche und damit „naturnähere“ Landwirtschaft zu betreiben.

Das Bestreben, möglichst „naturnah“ zu leben, erzeugt eine Art Sog zum „Urzustand“, zu einer Natur ohne Menschen. Je rückständiger die Art und Weise der Naturbearbeitung wirkt, desto näher steht sie dem Ursprung, desto weniger sündhaft ist sie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je fortschrittlicher und „künstlicher“ die Naturbearbeitung wirkt, desto sündhafter erscheint sie. Die moderne Zivilisation überziehe demnach ihr Sündenkonto so sehr, dass letzteres nur durch einen universalen Crash bereinigt werden könne.

Zurück zur Natur!

Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole „Zurück zur Natur“ kennzeichnend, welche vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.

Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der „unberührten Natur“ (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden. „Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält“, schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur nicht etwas Bedrohliches ist, sondern ihrerseits durch den Menschen bedroht werde und deshalb geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.

Vom Totschlagargument zum Totschlag

Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die bei solchen Prozessen entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt (Unstatthafte Entfernung vom Ursprung), und als Patentlösung wird gefordert, irgend einen „ursprünglicheren“ Zustand wieder herzustellen.

Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der „Lebensreformbewegung“ huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer „naturgemäßen Lebensweise“. Hier entstand der Mythos, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und dass deren Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.

Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner Kollath (1892-1970) zur offiziellen Doktrin. Kollath, Erfinder der Vollwertkost, teilte die Wertigkeit der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher deren Wertigkeit. Kollaths Lehre halten weite Teile der Bevölkerung auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von „Steinzeitdiät“ und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.

Die Landwirtschaftpolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische „Fett- und Eiweißlücke“ der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um Autarkie zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als „Neuadel aus Blut und Boden“ (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. „Landwirt“ galt als Schimpfwort, „Bauer“ als Ehrentitel. Der „knorrige“, „erdverbundene“ und „naturnahe“ Bauer wurde gegen den „feigen“, „kriecherischen“ und „naturfernen“ jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.

Wir scheißen auf die Natur!

„Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der ‚reinen Natur’ entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.

Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders „naturnah“, bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der „Urproduktion“ gezählt wird und „Rohstoffe“ produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.

Landwirte können den agrarfernen Bürgern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Schweinchen, Kälbchen oder Hühnchen. Doch sobald die Bürger „Natur“ hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zuviel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie den Landwirten nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind.

Ein Weg aus der Falle wäre die Flucht nach vorn. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar durchaus im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, das heißt sie erfordert eine Menge technisches Know-How, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Man sollte es einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf „Naturverbundenheit“ und „Natürlichkeit“ zu unterlassen.*

 

* Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im September 2015 in der Zeitschrift Agrarmanager erschienen

»Utopischer dritter Frühling«

Jan Grossarth schreibt heute in einem an sich guten Artikel, dass die Biolandwirtschaft angesichts der jüngsten negativen Schlagzeilen über ihre „utopische Frühzeit“ stolpere. Er behauptet, diese Frühzeit läge in den 1980er Jahren. Das trifft allerdings nicht zu. Als Frühzeit der Biolandwirtschaft in Deutschland kann bereits die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten. Mit dem völkischen Denken und der Lebensreformbewegung wurde die geistig-praktische Grundlage des Ökologismus und der Biolandwirtschaft geschaffen. Man experimentierte schon damals mit allerlei „naturnahen“ Anbauformen. Bereits 1893 erfolgte zum Beispiel die Gründung der vegetarischen Obstbausiedlung Eden.
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wurde Mitte der 1920er Jahre von Rudolf Steiner begründet und später auch von einigen führenden Nazis  (Himmler, Hess, Darré) befürwortet, von anderen jedoch abgelehnt (Göring, Heydrich, Bormann) und schließlich 1941 verboten. Dieses Verbot hinderte Himmler jedoch nicht, weiter Versuche mit dieser Wirtschaftsweise durchführen zu lassen. Der völkische Unrat, mit welchem die Biolandwirtschaft in ihrer Frühzeit verbunden war, passte recht gut zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis.
Nach dem Krieg war damit allerdings erst einmal ganz Schluss. Es waren Fortschrittsoptimismus und Technikfetischismus angesagt. Das völkisch-organische Vokabular wurde in der Öffentlichkeit weitgehend durch ein technokratisches ersetzt. Doch bereits mit der Ölkrise in den 1970er Jahren blubbere jener Unrat wieder hoch und kontaminierte die aufkommende Ökobewegung. Viele alte Nazis fanden bei den Grünen und in Naturschutzverbänden ein neues Zuhause. So wurde zum Beispiel der ehemalige „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert zu einem gefeierten Pionier der bundesrepublikanischen Ökobewegung. Sein Buch Gärtnern, Ackern ohne Gift ist nach wie vor ein Klassiker und hat sicher auch die Grünen dazu inspiriert, eine Landwirtschaft ohne Gift (und Gentechnik) zu fordern.

Die „utopische Frühzeit“ der hiesigen Biolandwirtschaft erweist sich daher als dritter Frühling einer schon ziemlich betagten Ideologie. Der völkisch-rassistische Charakter dieser Ideologie macht sie daher auch für Rechtsradikale attraktiv.

Das vepönte Sekret

Bei den Gruppen auf dem Hochland essen und schlafen Frauen und Kinder zusammen in einer Hütte, aber nicht mit ihren Männern, sondern mit ihren Schweinen. […] Wenn ein Ferkel die Muttersau verloren hat, zögern die Frauen nicht, es zusammen mit einem menschlichen Baby zu säugen.
(Marvin Harris über „Naturvölker“ in Neuguinea)

Milch als Viagra

Mahatma Gandhi war der Ansicht, dass alles Leid aus dem sinnlichen Begehren resultiere. Tierische Produkte, so schloss er im Einklang mit den meisten Vegetariern seiner Zeit, weckten animalische Gelüste und seien daher möglichst zu vermeiden. Wer Fleisch esse, falle auch anderen „tierischen“ Lastern zum Opfer: der sexuellen Unzucht, dem Alkoholismus, der Trunksucht. Sobald jemand bei der Nahrungsaufnahme Genuss empfindet, „gewinnt“, so Gandhi wörtlich, „der Teufel“ und der Körper wird zur „Brutstätte des Lasters.“ 

Gandhi hielt Milch für ein Aphrodisiakum. Jahrelang hatte er versucht, ohne Milch auszukommen, da diese nicht zu einer strikt vegetarischen Diät passe (das Wort „Veganismus“ gab es damals noch nicht). „Milch macht müde Männer munter“, lautet ein immer noch geläufiger Werbespruch. Der Subtext des Spruches bestätigt die von Gandhi vertretene Ansicht, dass Milch nicht etwa müde, sondern lüstern mache. 

Der bloße Gedanke an das weiße Sekret bringt auch die heutigen Veganer um Schlaf und Verstand. Sie verteufeln es, wo sie nur können, und steigern sich in die wüstesten Behauptungen hinein („Milch besteht aus Eiter, Blut, Hormonen, Antibiotika“). Manche Aktivisten schwitzen bei diesem Thema aus jeder Pore ihre verdrückte Geilheit aus. Nichts scheint sie mehr anzuregen als die Vorstellung, an einer „artfremden“ Zitze zu saugen.

Der Affekt gegen den Milchkonsum hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Dennoch finden die gesammelten Milchfieberfantasien in den Medien ein erstaunlich großes Echo. Als gäbe es irgendeinen stichhaltigen Einwand gegen den Genuss von Milchprodukten, außer dem naheliegenden, dass Menschen, die Milchprodukte nicht vertragen, sie auch nicht konsumieren sollten!

Evolutionäre Erfolgsgeschichte

Die Fähigkeit, Lactose (Milchzucker) nach Beendigung der Stillphase aufzuschließen, verdankt sich einer Mutation des Lactase-Gens, welche dafür sorgt, dass der Körper ein ganzes Leben lang jenes Aufschlüsselungs-Enzym (Lactase) in ausreichender Menge bildet. In Nord- und Mitteleuropa können ca. 90 % aller Menschen Milchzucker verdauen.

Diese Mutation hat sich in einer – an Evolutionsmaßstäben gemessen – rasenden Geschwindigkeit von etwa 7500 bis 8000 Jahren in Europa durchgesetzt. Der Prozess vollzog sich zur selben Zeit wie die Entwicklung der Milchviehwirtschaft. Offenbar waren die Selektionsvorteile der laktosetoleranten Milchviehhalter enorm groß. Wo ist bloß das Problem?

Artfremd und pervers

Der Fehler liegt einmal mehr in einem verqueren Naturbegriff, demzufolge das Übliche das Natürliche, das Unübliche aber das Perverse sei. In dieses Naturbild passen Darwin und die moderne Evolutionstheorie jedoch nicht hinein. Dieser zufolge treibt gerade das Unübliche und scheinbar Perverse den Evolutionsprozess voran.

Unter bestimmten Umständen bietet eine Anomalie wie zum Beispiel die Mutation des Lactase-Gens den entscheidenden Überlebensvorteil. Die „Mutanten“ können sich häufiger fortpflanzen als die „Normalen“, sodass die „Mutanten“ innerhalb einer Population schließlich zu den „Normalen“ werden und die vormals „Normalen“ aussterben. Dieses Spiel ereignet sich überall auf der Erde unentwegt und wird von modernen Wissenschaftlern selbstverständlich nicht moralisch bewertet.

Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht prinzipiell nicht möglich, bestimmte Prozesse als „Perversionen“ darzustellen, weil gar kein normatives Maß zur Verfügung steht.* Es gibt zum Beispiel Schmetterlinge, die sich von Schweiß ernähren. Schweiß ist ein Sekret, genau wie Milch. Ist nun der Schmetterling pervers, weil er sich von einer Flüssigkeit ernährt, die doch eigentlich dem „Zweck“ dient, den Körper des Transpirierenden zu kühlen? Ist er pervers, weil die meisten Schmetterlinge sich von Nektar ernähren? Milchdrüsen sind entwicklungsbiologisch betrachtet modifizierte Schweißdrüsen. Sind Säugetiere also allesamt pervers, weil sie diese Drüsen zur Aufzucht ihrer Jungen „zweckentfremdet“ haben? In der Evolution ist es normal, dass Organe im Laufe der Zeit einen Funktionswandel erfahren.

Fazit

Das Naturverständnis, das den Affekt gegen den Milchkonsum grundiert, ist statisch. Bei vielen Veganern vernebelt die antiquierte und vom Christentum tradierte Naturvorstellung systematisch den Blick auf die Dinge. Veganer geben sich oft links und progressiv. Doch ihre Argumente gegen den Milchkonsum sind bisweilen genauso reaktionär wie die Argumente fundamentalistischer Christen gegen Homosexualität und alle Geschlechtsakte, die zum Vergnügen vollzogen werden.

Nimmt man die ideologische Brille ab, bleibt nicht viel übrig. Kühen die Kälber wegzunehmen, damit man erstere melken kann, erscheint dann nicht wie eine Sünde wider die Natur oder wider die Mutterschaft als solche. Man kann dann zwar immer noch herumgreinen, dass Kühe unter ihrem Kälberverlust angeblich mehr leiden als menschliche Kälber unter dem Verlust ihrer Smartphones. Aber man kann nicht mehr so tun, als hätte man damit irgendwelche Naturgesetze auf seiner Seite. 

Wer also weiter Milchprodukte genießt, muss keine Angst haben, irgendwann soviel Käse zu fabrizieren, wie es viele Veganer und Tierrechtler tun, wenn sie über Milch reden.

 

* Dass manche Biologen dazu neigen, die genetische Fitness oder die natürliche Selektion zu vergöttern, steht auf einem anderen Blatt. Es zeigt, dass auch nüchterne Zeitgenossen der Versuchung nicht widerstehen können, irgend etwas anzubeten.

 

 

Unideologischer Biolandbau?

Gegen meine Vorbehalte bezüglich des Biolandbaus wird oft eingewendet, dass es viele unideologische Biobauern gebe, die einfach nur einen speziellen Markt bedienen wollen. Das ist zweifellos richtig. Es ist vollkommen legitim, aus rein ökonomischem Interesse ein bestimmtes „Segment“ zu bedienen, für das es gesellschaftliche Nachfrage und staatliche Förderungen gibt. Solche Biobauern sind mir persönlich auch viel sympathischer als die „Überzeugungstäter“.

Dies ändert aber gar nichts an den geistigen Grundlagen des Biolandbaus. Wer zum Beispiel Papst-Souvenirs verkauft, muss nicht selber gläubig sein. Auch ein Ungläubiger kann einen Laden betreiben, in dem es Papst-Aschenbecher oder Papst-Bembel gibt. Er braucht also nicht an die christlichen Religion, den Katholizismus und den „Stellvertreter Gottes auf Erden“ zu glauben, um erfolgreich Papst-Devotionalien zu verkaufen. Dennoch wäre ihm ohne Katholizismus kein geschäftlicher Erfolg beschieden.

Vielleicht hätte es sogar ohne das Christentum mit seiner Vorstellung einer durch Gott zweckhaft gestalteten Natur niemals Biolandbau gegeben. Jedenfalls sind die Verbote, an welche sich die Biolandwirte halten müssen, meiner Ansicht nach nicht vernünftig zu begründen. Sie beruhen auf einer ideologischen Abneigung gegen das „Künstliche“ und „Widernatürliche“.
Ob jeder einzelne Biobauer diese Abneigung teilt, spielt dabei keine Rolle.

There is no way to compromise!

Bio und Konventionell können nicht an einem Strang ziehen. Es ist völlig gleichgültig, ob sich die betreffenden Landwirte auf professioneller und persönlicher Ebene gut verstehen. Es geht nicht darum, wer menschlich okay ist und wer nicht. Es gibt hochanständige Biobauern, stinkstiefelige Konventionelle und umgekehrt. Das ist nicht der Punkt!

Biolandwirtschaft lebt bezüglich ihres Images parasitär vom schlechten Image der konventionellen. Es ist nicht möglich, das Image der Konventionellen zusammen mit den Bios zu verbessern. Das Image der Konventionellen kann sich nur verbessern, wenn sich das der Biolandwirtschaft verschlechtert. Biolandwirtschaft ist Teil jener Ideologie der „Naturnähe“, die eine moderne, hochtechnisierte und für alle denkbaren Lösungen offene Landwirtschaft grundsätzlich als Teufelswerk dastehen lässt.

Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen werden, solange jener Mythos, der konstitutiv für die Biolandwirtschaft ist, nicht durchbrochen werden kann. Man sieht es am aktuellen Fall der Herrmanndorfer Landwerkstätten. Der Betreiber erhält in überregionalen Zeitungen Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Alles bemüht sich, die Tatsache herunterzuspielen, dass die Biotierhaltung aus strukturellen Gründen in vielen Belangen nicht besser, sondern schlechter ist als die konventionelle. Dass man auf dem „Vorzeigebetrieb“ offenbar nicht in der Lage ist, Tiere vernünftig zu halten, darf einfach nicht wahr sein. Nirgendwo wird die naheliegende Konsequenz gezogen, Fleisch vom konventionellen Erzeuger zu kaufen, die Konventionellen zu loben. Niemand kommt auf den Gedanken, dass der Nimbus der Biolandwirtschaft keine reale Grundlage haben könnte.

Und nun fordern Biolandwirte sogar, dass sich die Konventionellen hinter sie stellen sollen, weil einer ihrer Kollegen das Opfer jener Mentalität geworden ist, von der die Biolandwirte sonst so sehr profitieren („Natur ist gut, Tiere sind gut, Mensch ist böse“). Nichts könnte für Konventionelle falscher sein, als diesem Aufruf zur Solidarität zu folgen, welche von den Verbänden der Biolandwirtschaft gegenüber den Konventionellen grundsätzlich verweigert wird. Es gilt zu begreifen, dass die mangelnde Solidarität der Bio-Verbände schlüssig und folgerichtig ist. Die Solidarität anständiger Biobauern mit ihren konventionellen Kollegen ist menschlich lobenswert, steht jedoch im Widerspruch zu dem, was die Biolandwirtschaft im Innersten ausmacht. 

Es kann natürlich sein, dass ich mich irre. Ich befürchte allerdings eher, dass nach langer Zeit und vielen Enttäuschungen auch der letzte Konventionelle meine Analyse teilen wird.

Vertrauen in die Landwirtschaft

Immer wieder wird öffentlich behauptet, dass die Bürger wenig Vertrauen in die Landwirtschaft hätten. Doch das Vertrauen ist insgesamt anscheinend größer, als es in den Medien dargestellt wird. Irgendwie fehlt jedoch das Zutrauen der Leute, diese positive Bewertung auch offensiv gegen Kritiker zu verteidigen. Kommen ihnen die Veggies oder Ökos krumm, knicken sie meinem Eindruck nach sofort ein.

In jedem Fall scheint das Vertrauen der Bürger zu einer bestimmten Form der Landwirtschaft überhaupt nicht gestört zu sein. Wenn nämlich dem Wort „Landwirtschaft“ ein „Öko“ oder „Bio“ vorangestellt wird, legen auch kritische Bürger ihr Misstrauen schnell beiseite. Wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, werden Biobetrieben folgende Eigenschaften zugeschrieben:

[…] fortschrittlich, ökologisch, umweltfreundlich, qualitätsbewusst, eher aufs Allgemeinwohl bedacht, wichtig und ausgesuchte Qualität. Im Vergleich zu den Betrieben, die vermeintlich „wie alle“ Betriebe sind, gestaltet sich das „bio“-Image außerdem als ehrlicher und tierfreundlicher. Im Vergleich zu den Betrieben, die ein „traditionelles“ Image haben, zeichnet sich das „bio“-Image durch eine deutlich „bessere Zukunft“ aus.

Bio und Konvi sind keine Brüder

Wenn überhaupt, sind von einer Vertrauenskrise also diejenigen Betriebe betroffen, die nicht nach festgelegten (Bio-)Richtlinien wirtschaften und daher konventionell genannt werden. Dies sind in Deutschland etwa 92 % aller Betriebe. Die Begriffe „Ökolandwirt“ und „Konventioneller Landwirt“ gehören jedoch logisch nicht in dieselbe Kategorie. Ökolandwirte grenzen sich mithilfe charakteristischer Verbote von den anderen ab. Die anderen werden erst durch Ökolandwirte zu Konventionellen gemacht – genau wie die „Fleischesser“ erst durch Vegetarier zu solchen gemacht werden.

Mit dieser Abgrenzung und der damit verbunden Begriffswahl ist eine Wertung verbunden: Landwirte, die bezüglich der verwendeten Produktionsmittel und –verfahren prinzipiell völlig offen sind, erscheinen nun als diejenigen, welche in Konventionen verhaftet bleiben. Landwirte hingegen, deren Selbstverständnis auf strengen Konventionen (Ökovorschriften) beruht, erscheinen als unkonventionell und fortschrittlich.

Wird die nichtökologische Landwirtschaft als „herkömmlich“ bezeichnet, liegt die Assoziation nahe, dass sie von gestern ist. Der Nimbus der ökologischen Landwirtschaft beruht jedoch darauf, dass sie noch viel „herkömmlichere“ Verfahren anwendet. Moderne Praktiken wie Mineraldüngung, synthetischer Pflanzenschutz und Grüne Gentechnik sind im Ökolandbau verboten. Dessen Modernität besteht vor allem darin, dass er demonstrativ von vorgestern ist.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts (seit Liebig) bis heute wird von den Vertretern des Ökolandbaus als eine Art Irrweg angesehen bzw. müsste von ihnen als solcher angesehen werden, sofern sie des logischen Denkens fähig sind. Dass es sich dabei um eine beispiellose Erfolgsgeschichte handelt, kann nur verdeckt werden, indem man die pure Befürchtung, sie könne kein gutes Ende nehmen, als ausgemachte Tatsache hinstellt. Voraussetzung dafür ist wiederum eine apokalyptische und kulturpessimistische Weltanschauung, die alle auftretenden Probleme a priori als Zeichen des Niedergangs und nahenden Untergangs interpretiert, welcher nur durch radikale Abkehr vom Sündenpfad verhindert werden könne.

Konvis haben das Nachsehen

Durch die Bezeichnung „konventionell“ werden alle Landwirte, die sich nicht den Ökovorschriften fügen, strukturell in die Defensive gedrängt. Sie stehen heute als diejenigen da, die so weiter machen wollen wie bisher, obwohl eine Umkehr dringend erforderlich sei. Doch die Annahme, eine grundlegende Wende zum ökologischen Landbau sei dringend geboten, ergibt sich keineswegs aus einer sachlichen Interpretation der Fakten selbst, sondern ist Ausdruck von Denkmustern, die den Blick auf die Fakten präformieren bzw. trüben.

Diese Denkmuster sind es, die infrage gestellt werden müssen, denn sie sind dafür verantwortlich, dass das Image der konventionellen Landwirtschaft leidet und das Vertrauen in sie schwindet. Das Image der konventionellen Landwirtschaft ist um so schlechter, je besser sie ist. Wenn es den Leuten sehr gut geht, fangen sie an zu mäkeln. Es treten dann Gruppen auf den Plan, die jenen Überdruss für sich ausnutzen und den Leuten Flausen in die Köpfe setzen.

Apokalypse No!

Es ist abenteuerlich, eine Landwirtschaft, die auf synthetischen Pflanzenschutz und Kunstdünger verzichtet, zum Goldstandard zu erklären. Allein 20 % aller Ernteverluste gehen aufs Konto mangelhaften Pflanzenschutzes. Effiziente landwirtschaftliche Produktion ist auch in Zukunft unabdingbar. Die Produktivität muss weiter steigen, um auf begrenzten Flächen die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren. Synthetischer Pflanzenschutz und Mineraldüngung stellen sicher, dass die Erträge kaum schwanken und weiter steigen. Grüne Gentechnik kann erheblich dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Die Lebensmittel hatten hierzulande noch nie eine so gute Qualität wie heute und konnten noch nie mit weniger Risiko genossen werden als heute. Dies verdanken wir weder dem Biolandbau noch Foodwatch noch Greenpeace, sondern einer modernen Landwirtschaft, die nicht stolz auf ihre Unterlassungen ist. Daran zu erinnern und den apokalyptischen Schleier zu lüften, der die Kritik an moderner Landwirtschaft bestimmt, wäre ein erster Schritt, Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Allgegenwart der Tiere unter Bedingung ihrer Abwesenheit

Die Natur ist nicht im Tierschutzverein.

Horst Stern

 

Tierleid einmal anders

„Ich muss mir im Fernsehen unentwegt Tiere anschauen, herumlaufende Tiere … schrecklich“, klagte der greise Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2010 in einem ZDF-Interview. Er wollte damit gewiss nicht zum Ausdruck bringen, dass ihn seine Gattin dazu nötigt, jeden Tag Elefant, Tiger und Co. einzuschalten, sondern dass Tiere heute im Fernsehen omnipräsent sind.

Auch früher gab es Tiersendungen, gab es Unterhaltungsfilme mit Tieren als Hauptdarstellern (Lassie, Flipper, Daktari oder Fury). Doch gegen die Manie, die seit ein paar Jahren nicht nur im Fernsehen, sondern auch in den Printmedien, auf dem Buchmarkt, im Internet, in den Geisteswissenschaften grassiert, wirken Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek, Jacques Cousteau und Hans Hass wie Fossilien aus dem Zeitalter der dezenten Tierberichterstattung.

Schon damals wurde allerdings selten darauf verzichtet, während der Darstellung tierischer Lebensweise die menschliche zu kritisieren. Tierfilmer waren auch früher meist Leute, die ihre Objekte gegen menschlichen Kahlschlag in Schutz nehmen wollten. Geschützt werden sollten allerdings bedrohte Tierarten und –populationen, nicht Äffchen Coco, Brillenschlange Edgar oder Willy, der nette Schwertwal von nebenan.

Seit Jahrzehnten werden in einschlägigen Dokumentationen Menschen grundsätzlich als Buhmänner, Tiere hingegen als bedrohte und schutzbedürftige Wesen dargestellt. Irgendwann mussten die Leute ja dem Fehlschluss aufsitzen, Tiere seien allein schon deswegen gut, weil Menschen bisweilen böse mit ihnen umspringen. Dennoch war es für die meisten Zoologen und Tierfilmer der alten Garde selbstverständlich, ihre Schützlinge nicht zu vermenschlichen und sie moralisch nicht mit den Menschen gleichzustellen.

Tiere als edle Wilde

Heute ist es jedoch vor allem bei Hochgebildeten Mode, Tiere als edle Wilde zu betrachten, die sich nach ihrer Befreiung durch hominide Wohlstandsschnösel sehnen. Da das Proletariat als „historisches Subjekt“ wegen Untauglichkeit ausgemustert worden ist, müssen nun Tiere die bedrohte Traumwelt frustrierter Intellektueller retten. Animalische Genossen werden demonstrativ gehätschelt, während renitente Proleten zu ihrem eigenen Besten (also zur Strafe) nur noch vegane Pampe essen sollen.

Dass ein Literaturexperte wie Reich-Ranicki offen sein Desinteresse an der Tierwelt bekundet, gilt heute in den Feuilletons fast schon als Frevel. Dort führen inzwischen Literaturkritikerinnen wie Iris Radisch oder Philosophinnen wie Hilal Sezgin das tierrechtliche Wort. Kaum ein Tag vergeht mehr, an dem in den Medien nicht irgendein Literaturwissenschaftler, Musikkritiker, Philosoph, Pädagoge oder Theologe frei über die liebe Fauna und den bösen Homo sapiens phantasiert. *

Der Aberglaube, Tiere seien die besseren Menschen oder unsere Freunde, wurde von Wissenschaft und Philosophie kräftig gefördert. Zoologinnen und Verhaltensforscherinnen wie Jane Goodall oder Dian Fossey werden heute in dem Maße als Kämpferinnen der Tierbefreiung gefeiert, in welchem sie die Distanz zum Objekt verloren haben. Wer heute als Zoologe einen Bestseller landen will, kann gar nicht mehr anders, als seine Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass Tiere möglichst menschlich, Menschen aber möglichst animalisch dastehen.

Das grundsätzliche Problem dieser Darstellungen besteht aber darin, dass die Forscher Tieren Seelenzustände zuschreiben, „die keinem Menschen anders bekannt sein können als aus dem Zusammenleben der Menschen selbst“, wie der Philosoph Peter Janich betont. Dieses Problem wird jedoch von den betreffenden Wissenschaftlern selten reflektiert, deshalb erliegen viele der Versuchung, sich mit ihren Forschungsobjekten zu verwechseln.

Und so fordern heute angekleidete Professoren von ihren Studenten, die vermeintliche Tatsache anzuerkennen, dass wir im Grunde nichts als „nackte Affen“ seien. An dieser Vorstellung berauschen sich vor allem westliche Intellektuelle, die nicht immer nur als blutleere Kopfmenschen dastehen wollen, sondern gerne auch mal für wilde Tiere gehalten werden würden (Jerry Lewis’ Komödie Der verrückte Professor lässt grüßen). Dass ein afrikanischer Angehöriger der Unterschicht sich gerne „nackter Affe“ nennen ließe, darf hingegen bezweifelt werden. Wenn die Professoren ihre Studenten tatsächlich für Affen hielten, könnten sie sich jedenfalls jeden Appell sparen, irgendwelche Tatsachen anzuerkennen. Außerdem sollten sie die jungen Leute besser mit Bananen oder Kokosnüssen statt mit evolutionsbiologischen Theorien füttern.

Halbmensch oder Ganzaffe?

Das Buch „Der nackte Affe“ von Desmond Morris erschien 1968. Dieser Bestseller war eines der ersten Bücher, in denen der Mensch bezüglich seiner Handlungen konsequent „vertierlicht“ wurde. Etwa zur selben Zeit veröffentlichte Jane Goodall ihre Berichte über die „menschlichen“ Eigenschaften von Schimpansen. Goodall erforschte Primaten nicht im Labor oder durch heimliche Beobachtung von außen, sondern als eine Art WG-Mitglied der Affenbande von innen.

Es ist nun nicht so, dass diese Forschungen keine wertvollen Resultate geliefert hätten. Noch wertvoller wären die Ergebnisse allerdings ohne den Motivationsüberschuss gewesen, Homo sapiens partout vom Podest zu stoßen. Kaum stochert ein Schimpanse mal mit einem Zweig herum, heißt es gleich, dass „wir“ die Affen als Menschen akzeptieren müssten. Komischerweise will aber keiner die Konsequenz aus diesen Aussagen ziehen und den Affen Handlungsautonomie zuschreiben, d.h. die Tiere für ihr Tun verantwortlich machen. „Dasjenige also, wovon sich Menschen und Tiere unterscheiden, muß mehr in der Freiheit zu handeln als in dem Verstande liegen“, meinte schon Rousseau.

Wie groß und wirkmächtig der „Affe in uns“ ist; wie sehr unser evolutionäres Erbe unser Verhalten tatsächlich determiniert, weiß niemand genau. „Solange die Handlungen der Menschen nicht mit dem Taschenrechner vorausberechnet werden können, bleibt der Determinismus ein bloßes Gedankenspiel“, bemerkte der Philosoph Ludwig Siep einmal. Die Autoren rätseln derweil, ob wir uns mental noch im Urwald, in der Steinzeit oder doch schon im Dreißigjährigen Krieg befinden.

Das Elend hat viele Gesichter

Die neuen verhaltensbiologischen Forschungsergebnisse blieben von Geisteswissenschaftlern seinerzeit nicht unbemerkt. 1970 gab der britische Psychologe Richard Ryder ein Flugblatt heraus, in welchem er die Arroganz der menschlichen Spezies („Speziesismus“) im Umgang mit allen anderen Arten beklagte. Der australische Philosoph Peter Singer nahm die Gedanken Ryders auf und veröffentlichte 1975 sein berühmtes Buch „Animal Liberation“ („Befreiung der Tiere“). Viele weitere Autoren konnten sich nach und nach für den Tierbefreiungsgedanken erwärmen, so dass die Tierethik heute in der Philosophie ein veritables Boomgeschäft ist. Tiere und Kinder gehen eben immer! Tierethische Werke füllen in den Bibliotheken der Fakultäten schon ganze Regalwände. Wenn das so weitergeht, muss jede Universität bald eine Arche Noah auf dem Campus haben, damit jede speziesspezifische Tierethik dort Obdach finden kann.

Da Tiere auch in der Presse für Auflage sorgen, popularisieren Journalisten eifrig, was sie von Verhaltensforschern und Ethikern aus der Ferne vernommen haben. Dieses Halbwissen regnet als dicke Moralbrühe auf die halbgebildete Mittelschicht herab und lässt dort viele vegane Kohlköpfe sprießen. Doch weder Intellektuelle noch „Normalbürger“ haben überhaupt noch nennenswerten Kontakt mit Wild- oder Nutztieren, dafür aber umso mehr mit den zu Ersatzmenschen gezüchteten Schmusetieren. Unter diesen Voraussetzungen gedeiht eine Art Liebeswahn, der sich auf das unerreichbare Mitgeschöpf richtet. Ob die Auserkorenen diese Liebe erwidern, spielt dabei keine Rolle. Vermenschlichende Darstellungen in Zeichentrick- und Animationsfilmen tun ein Übriges, um das wahnhafte Tierbild des individualisierten Wohlstandsbürgers zu bestätigen.

Disney und die Folgen

Die gesamte Natur ist inzwischen erfolgreich disneyfiziert worden. Vor allem jüngere Menschen sind in zunehmendem Maße vom „Bambi-Syndrom“ befallen. „Die Natur erscheint aus dieser Sicht wie ein übergroßes Bambi, das einen aus unschuldigen Augen Hilfe suchend anschaut. Sein Kindchenschema wird offenbar der gesamten Natur übergestülpt“, schreibt der Soziologe Rainer Brämer dazu. Während Tierethiker sich immerhin noch um differenzierte Argumentationen bemühen, ist bei den Aktivisten jegliche Scheu gewichen, das Bambi-Syndrom zur moralischen Richtschnur ihres Handelns zu machen.

Die Konsequenzen liegen denn auch auf der Hand: Wenn die im Wolkenkuckucksheim entstandene Idealisierung des Tieres mit der Realität konfrontiert wird, sieht es für die Objekte der Idealisierung schlecht aus, und die Rache der enttäuschten Liebe wird sie treffen. Schon jetzt fordern manche Tierrechtler, alle Raubtiere abzuschaffen, weil Letztere friedliche Pflanzenfresser malträtieren und dezimieren. Wenn solche Tierrechtler erst merken, dass auch die Pflanzenfresser sich nicht an die menschliche Moral halten, müssen wohl auch diese ins Gras beißen. Hat man erst einmal alle Tiere abgeschafft, gibt es auch kein Tierleid mehr, und man kann dazu übergehen, das Leid der Quietsche-Entchen in Badewannen anzuprangern.

Schöne neue Ombudswelt

Bisher ist die groteske Selbstwidersprüchlichkeit der tierrechtlichen Vulgärmoral wegen Nebels in den Köpfen noch kaum bemerkt worden. Die bekannteste Tierrechtsorganisation PETA kann daher ungeniert auf ihrer Webseite behaupten, dass die „Gedankenwelt der Tiere“ nicht weniger ethisch sei als die der Menschen, und noch dazu fordern, dass Menschen sich beim Umgang mit Tieren gefälligst an die Goldene Regel zu halten hätten: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ PETA fordert also eine Norm, die nur unter Symmetriebedingungen sinnvoll ist. Trotzdem findet sich bei PETA an keiner Stelle der Appell an die lieben Tierchen, im Umgang mit den Menschen ihrerseits die Goldene Regel zu befolgen.

Und genau hier liegt der falsche Hase im Pfeffer. PETA und zahlreiche andere Tierrechtsorganisationen verkünden allen Ernstes die moralische Gleichstellung von Mensch und Tier, doch diese soll nur zu Lasten des Menschen gehen, während alle Tiere weiter so unmoralisch bleiben dürfen wie vorher. Der Pflichtenkatalog des Menschen soll dicker und dicker werden, doch der Katalog seiner Rechte soll schrumpfen und schrumpfen. Mehr Pflichten, mehr Rechte – so hieß bisher die Gerechtigkeitsdevise. Aber mit Gerechtigkeit darf man Tierrechtler nicht behelligen.

Tiere können offenbar gar nicht in die menschliche Moralgemeinschaft aufgenommen werden, sondern nur als Anhängsel von Menschen mitgeschleift werden, die sich zu deren Fürsprechern aufschwingen. Da alle Tiere strukturell unmündig sind, würde das moralische Universum rasch vor lauter Ombudsleuten aus allen Nähten platzen.

Dass Tiere nur verlieren können, wenn man sie nach moralischen Kriterien beurteilt, ist der wunde Punkt aller mitgeschöpflichen Gleichstellungsideologie. Machte man mit ihr Ernst, käme die latente Tierverachtung des Tierrechtsgedankens deutlich zum Vorschein, und man landete wieder da, wo man bei den mittelalterlichen Tierprozessen schon einmal war.

 

Anmerkungen

* So etwa jüngst der Philosoph Will Kymlicka in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. „Wir müssen uns fragen“, sagt er, „ob unsere heutige Gesellschaft die Möglichkeit hat, ihre Mitglieder zu ernähren, ohne Tiere zu töten. Und diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten.“ Man müsste sich fragen, in welchem Paralleluniversum Kymlicka lebt, dass er allen Ernstes behauptet, die Menschen könnten sich ernähren, ohne Tiere zu töten. Zum Glück sind noch nicht alle Philosophen von der intellektuellen Zoophilie befallen. Hans Werner Ingensiep gibt – ebenfalls in der Süddeutschenkontra.

Komma aufn Punkt

Landwirtschaft ist in unseren Breiten inzwischen ein Wort, mit dem die wenigsten Menschen noch Erfahrungen aus eigener Praxis verbinden können. Lediglich 1,6 % aller Erwerbstätigen (ca. 667 000 Personen) sind hierzulande im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt. Zugleich ist die Produktivität rasant gestiegen: Niemals wurden so viele Lebensmittel in so hoher Qualität von so wenigen Menschen produziert wie heute. Mithilfe des technischen Fortschritts konnte zudem der Plackerei weitgehend ein Ende gemacht werden, welche noch vor ein paar Jahrzehnten die Landwirtschaft prägte. Dank High-Tech kann heute eine zart gebaute Bäuerin allein einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen bewirtschaften; früher musste sich die ganze Familie für einen Betrieb mit 20 Kühen den Rücken krumm schuften.

Dass diese Zeiten vorbei sind, ist erfreulich. Doch es gibt auch eine Kehrseite: In einer Gesellschaft, wo fast niemand mehr den Tieren und Pflanzen durch eigenes Tun etwas abringen muss, gedeiht diesbezüglich der Aber- und Wunderglaube – zum Beispiel, dass es lila Kühe gebe oder auf Bauernhöfen zugehe wie im Tigerentenclub. Penetrant wird in den Medien ein idyllisches Bild der vormodernen Landwirtschaft mit dramatisierten Darstellungen der modernen Landwirtschaft kontrastiert. Kaum jemand ahnt noch, wie wichtig eine effiziente Agrarproduktion für die Gesellschaft ist und welche Freiräume sie geschaffen hat. Statt dessen wird munter an dem Ast gesägt, auf dem alle sitzen.

Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass nicht wenigen Agrarfachleuten regelmäßig der Kamm schwillt. Zwei von ihnen sind Catrin Hahn und Sabine Leopold – beides studierte Landwirtinnen und profilierte Agrarjournalistinnen. Seit einigen Jahren schreiben sie sich im Wirtschaftsmagazin Agrarmanager den Frust von der Seele: Die Glosse „Aufs Korn genommen“ erscheint regelmäßig auf der letzten Seite das Magazins. 32 dieser Glossen sind nun unter dem Titel „Komma aufn Punkt“ (, aufn .) in Buchform erschienen. „Eines Tages hatten wir einfach die Faxen dicke“, heißt es im Vorwort: „Herbeigeredete Ernährungsskandale, windige Gesundheitsversprechen, wild gewordene Tierretter, schamlose Geschäftsideen – Tag für Tag fanden sich neue Medieninhalte, die Agrarjournalisten wie uns Lachtränen in die Augen, Zornesfalten auf die Stirn oder die Schamröte ins Gesicht trieben.“

„Komma aufn Punkt“ ist eine Art Kompendium landwirtschafts- und wissenschaftsferner Gemeinplätze, die von den Autorinnen auf nonchalante Weise hinterfragt und mit trockenem Witz ad absurdum geführt werden. Die Glossen bereiten nicht nur Agrarfachleuten Vergnügen, sondern eignen sich ganz hervorragend dazu, die „landwirtschaftsfernen Schichten“ über einige grundlegende Zusammenhänge und Irrtümer aufzuklären. Denn es wird in den Beiträgen auch eine Menge Wissen vermittelt.

Das übrigens auch sehr schick gestaltete Buch kann ich daher allen nur wärmstens empfehlen! Bestellen kann man es für 11 Euro plus Versand direkt hier komma_aufn_punkt@aol.de

 

Das Wir in Dir!

Peer Steinbrück hat sich seinen neuen Wahlkampf-Slogan bei einer Zeitarbeitsfirma geliehen. „Das Wir entscheidet“, behauptet er und appelliert damit an einen „fatalen Gemeinsinn“, wie Alan Posener zu Recht kritisiert.

Ich nehme die jüngste Steinbrück-Kapriole zum Anlass, einen kleinen Exkurs zum Gemeinsinn zu veröffentlichen, den ich vor einer Weile verfasst habe und der unverwendet in meinem Dokumenten-Ordner liegt:

Alle für Einen, Einer für Alle? 

Da kapitalistische Gesellschaften apersonal sind und den Egoismus der atomisierten Individuen voraussetzen, gibt es zahlreiche Bestrebungen, diese „kalte“ Funktionalität mit Wärme zu umkleiden oder ganz abzuschaffen. Der Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) unterschied in diesem Zusammenhang zwischen den Begriffen „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“. Die Gemeinschaft stehe für personale und natürliche Beziehungen zwischen Menschen; die Gesellschaft sei hingegen geprägt durch funktionale Beziehungen prinzipiell voneinander getrennter Individuen.

Dahinter ist die Unterscheidung zwischen dem Allgemeinwillen (Volonté générale) und dem Willen aller (Volonté des tous) erkennbar, die der Philosoph Jean-Jacques Rosseau (1712-1778) in seinem Werk über den „Gesellschaftsvertrag“ getroffen hat. Während der Wille aller bloß die Summe der Partikularinteressen sei, sei der Allgemeinwille unfehlbar und heilig, weil er das Allgemeinwohl – das wahre Interesse eines Volkes – repräsentiere. Diese Konzeption ist, je nach Gewichtung ihrer Komponenten, sowohl für Demokratien also auch für Diktaturen attraktiv, impliziert sie doch, dass eine ausgewählte Gruppe von „Weisen“ definiert, was das Allgemeinwohl ist.

In den Diktaturen des Ostblocks, die sich selber als Demokratien bezeichneten, hatte z. B. das Politbüro der Kommunistischen Partei die Funktion der „Weisen“ und das Parlament pro forma die Funktion einer Volksversammlung. Die „Weisen“ waren nicht einfach Ratgeber der Volksversammlung, sondern legten verbindlich fest, was als Allgemeinwohl zu gelten habe, während das Parlament bloß der akklamatorischen Fassade diente („Die Partei hat immer recht“).

Im Nationalsozialismus war eine demokratische Fassade nicht erforderlich. Der Gemeinsinn wurde statt dessen mit dem (Herrschafts-)Willen des Führers gleichgesetzt und die Gemeinschaft als personale Beziehung eines ganzen Volkes zum Führer definiert („Volksgemeinschaft“). Alle unpersönlichen gesellschaftlichen Funktionsbeziehungen, wie etwa die zwischen Unternehmer und Arbeiter, wurden zu persönlichen Gemeinschaftsbeziehungen erklärt („Gefolgschaft“ statt „Belegschaft“) und ermöglichten die direkte Beherrschung aller Bürger. Der heißen Liebe zum Führer entsprach die eiskalte Funktionalität bei der Vernichtung der Juden und anderer „Schädlinge“.

Die Folgen des sich selbst überhöhenden Allgemeinwillens sind im 20. Jahrhundert schmerzhaft deutlich geworden. Der aufgeblähte Gemeinsinn erweist sich stets als sein Gegenteil, nämlich als verallgemeinertes Partikularinteresse einer sehr kleinen Gruppe.

Gegen diese Übergriffigkeit des Gemeinsinns scheint die liberale Theorie einen wirksamen Schutz zu bieten, da sie davon ausgeht, dass der Egoismus aller Individuen auch ohne einen verbindlich formulierten Allgemeinwillen letztlich zum Allgemeinwohl führe („unsichtbare Hand“). Diese Theorie wurde besonders im Hauptwerk des schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723-1790) über den „Wohlstand der Nationen“ entwickelt.

Trotz unabweisbarer Vorteile hat auch der Liberalismus einige Tücken und blinde Flecke. So ist etwa sein Verhältnis zum Privateigentum insofern gestört, als er es gemäß seiner Logik zum persönlichen Verdienst des Eigentümers verklären muss. Eigentumslose sind daher im liberalen Gedankensystem tendenziell Unpersonen, deren Freiheit zu Recht eingeschränkt werde, weil sie an ihrem Zustand selber schuld seien. Die heutige Hetze gegen Empfänger von Arbeitslosengeld II wäre ein typisches Beispiel.

Sogar der liberale englische Philosoph John Stuart Mill (1806-1873), der dem Privateigentum kritisch gegenübersteht, lässt es aus dem einzigen Grund gelten, dass niemand um die Frucht seiner Arbeit gebracht werden dürfe. Ein Argument, das angesichts der gigantischen Vermögen, die heute von Generation zu Generation vererbt werden, recht schwach wirkt. Das persönliche Verdienst vieler Eigentümer besteht lediglich darin, aus dem Schoß einer reichen Mutter gekrochen zu sein und ansonsten Däumchen zu drehen.

Der Liberalismus verzichtet zwar weitgehend auf eine positive Bestimmung des Gemeinwillens, doch letzterer schleicht sich durch die Hintertür wieder ein. Indem der Liberalismus nicht nur mit dem Egoismus rechnet, sondern ihn fordert und fördert, hält er zwar einerseits den Wettbewerb in Gang, der ein wirkmächtiger Motor des technischen Fortschritts ist. Dies hat aber den lästigen Effekt, dass in der egoistischen Ellenbogengesellschaft das Recht der (ökonomisch) Strärkeren gilt, also stets diejenigen begünstigt werden, die ohnehin schon mehr haben als die anderen. Dieses „Mehr“ wurde aber nicht, wie es die liberale Ideologie behauptet, durch den Fleiß der Tüchtigen erwirtschaftet, sondern durch den Raub der Mächtigen angeeignet. Dies hat Karl Marx – meiner Ansicht nach noch immer sehr überzeugend – im „Kapital“ dargelegt (ursprüngliche Akkumulation). Da der Goldesel in einer solchen Gesellschaft immer auf den größten Geldhaufen scheißt, kann eine kleine Gruppe immer mächtiger werden und ihr egoistisches Machtinteresse als Allgemeinwohl definieren. Das „Wir“-Gefühl, das Steinbrück beschwört, ist daher im Grunde bloß Firmenideologie und Corporate Identity, also das Gegenteil einer Gemeinschaft freier Individuen.

Ein modernes Beispiel wäre die sogenannte Riester-Rente. Hierbei wurde die gesetzliche Rentenversicherung zu einem guten Teil der oligarchisch strukturierten Versicherungsbranche und dem Kapitalmarkt zum Fraß vorgeworfen wurde. Es gab genügend Experten, die sich nicht zu schade waren, mit Hilfe fragwürdiger Horrorprognosen („Überalterung der Gesellschaft“) einen Notstand und damit „dringenden Handlungsbedarf“ zu suggerieren. Nun sitzen die Bürger auf ihren wertlosen Rentenverträgen und trauern Norbert Blüm hinterher.

Dass der freie Wettbewerb nicht so frei ist, wie er vorgibt, und durch eigene Schwerkraft zu oligarchischen und monopolistischen Strukturen tendiert, ist nicht nur Sozialisten und Kommunisten aufgefallen, sondern auch Liberalen, wie z. B. Walter Eucken (1891-1950). Der bekannteste Vertreter des Ordoliberalismus forderte staatliche Rahmenbedingungen, eine verbindliche Wirtschaftsordnung, um einen fairen Wettbewerb aller Beteiligten zu garantieren. Der Ordoliberalismus erwies sich zwar als unpraktikabel, hatte aber großen Einfluss auf die Gestaltung der sozialen Marktwirtschaft durch die Politik Ludwig Erhards.

Es muss also auch im liberalen Weltgebäude ständig ausgebessert, herumgewerkelt und -gezimmert werden, damit es den Bürgern nicht über dem Kopf zusammenpurzelt. Die „unsichtbare Hand“ kann nämlich erbarmungslos zuschlagen. Sich selbst überlassen erzeugt der Laissez-faire-Liberalismus, den Smith und Mill strikt ablehnten, große ökonomische Ungleichheit, der mit juristischer Gleichheit nur schwer beizukommen ist. Böse Zungen, wie die von Karl Marx, behaupten sogar, dass juristische Gleichheit im Kapitalismus Voraussetzung ökonomischer Ungleichheit sei.

Fazit: Die Frage, ob mehr Gemeinsinn oder mehr Egoismus opportun ist, kann nicht abstrakt beantwortet werden, sondern entscheidet sich in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und im Zusammenhang mit einer konkreten Fragestellung. Das Steinbrück-Wir kann man aber auf jeden Fall getrost vergessen.

 

 

Perfektes Timing

Pünktlich zur Eröffnung meines WordPress-Weblogs fehlen mir die Worte. Um eine solche Punktlandung zu schaffen, bedurfte es der gemeinsamen Anstrengung aller vorhandenen geistigen Kräfte. Zwar konnten diese nicht gebündelt werden, sondern wirkten in verschiedene Richtungen. Aber immerhin sind sie vorhanden.
Wann sie wieder auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten werden, entnehmen Sie bitte Ihrem Faltblatt. Noch hapert es vor allem beim Brandschutz.

Lesen Sie daher zunächst zwei ältere Beiträge aus meinem alten Weblog. Wir informieren Sie rechtzeitig über Anschlüsse.
Herzlichst

Ihre Gedankenweberei