Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Die Sonne hat nicht den Zweck, die Kohlköpfe wachsen zu lassen.
Gustave Flaubert

Rache der Natur?
Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet. Statt dessen ist es schick, von der „Rache der Natur“ zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.

„Die industrialisierte Landwirtschaft“, behauptet Greenpeace beispielsweise, „erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel.“ Geboten sei daher eine „naturnahe Landwirtschaft“, die „natürliche Kreisläufe“ nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die „industrialisierte Landwirtschaft“ sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen „dauerhaft“ verschleiert. Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die NGO scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte „naturnahe Landwirtschaft“ endlich als Sieger dasteht.

Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich „von der Natur entfernt“ habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.

Von Zwecken gezwickt

Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.

Dieser offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler. „Kuhmilch ist nicht für Menschen da“, lautet ein typischer Satz von Veganern. „Die Milch erfüllt […] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses“, heißt es auf der Website von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nicht gestellt. Wer diese Frage nun naiv mit „die Natur“ beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person.

Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass es der objektive Zweck der Milch sei, dies zu bewirken, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Kälbchen auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass deren Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch erfülle den ganz gezielten Zweck, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern.

Verneint man einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als laktoseintolerante Ökopäpste.

Zwei Naturbegriffe

Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, welche man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte. Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) die Naturerscheinungen haben. Er geht im wesentlichen auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.

Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techné (Kunst). Natürlich ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. Künstlich ist alles, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom „unbewegten Beweger“, der Ursache aller Ursachen, festgelegt. Die Entelechie des Haferkorns wäre es beispielsweise, zur ausgereiften Pflanze zu werden. Hafer wäre also ebenso wenig für menschliche Vegetarier da wie Kuhmilch für menschliche Mischköstler. Denn wer das Korn an der Entfaltung seiner Vollkommenheit hindert, indem er es zerquetscht und ins Müsli rührt, handelt naturwidrig.

Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen nicht im Hinblick auf deren Zweckmäßigkeit, sondern unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht. Galileo Galilei (1564-1641) und andere „entdeckten“ die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern „erzeugten“ sie mit Hilfe von ausgeklügelten technischen Experimenten und Geräten „künstlich“. Der Gegensatz von physis und techné wurde damit aufgehoben. Natur kann nämlich nur erkannt werden, indem man technisch in sie eingreift. Egal ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine oder „Artefakte“ – alles unterliegt denselben Naturgesetzen.

Natürliche Landwirtschaft?

Vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft ist die Rede von einer „natürlichen Landwirtschaft“ streng genommen sinnlos, denn wo alles Natur ist, kann es nichts Naturwidriges geben. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen, biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den „Ökosystemen“ ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und „Artenvielfalt“ ist nicht der objektive Zweck des Regenwalds.

Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. „Natürliche Landwirtschaft“ wäre in diesem Begriffsrahmen ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Kultur“ vom lateinischen cultura ab, was soviel bedeutet wie „Ackerbau“. Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.

Der Senftenberger See in der Lausitz. Ein »Naturparadies«, entstanden durch Braunkohletagebau.

Dummerweise verwechseln die Bürger heutzutage meist Agrarlandschaft mit unberührter Natur. So ist beispielsweise die Lüneburger Heide „ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten“, wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. „Die oftmals nur unbewusste, teilweise aber bewusst initiierte Assoziation von landwirtschaftlicher Natur mit unberührter Natur muss folglich als zentrale Konfliktquelle erkannt werden“, resümiert der Philosoph Christian Dürnberger. Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen gleicht dem Versuch, seinen Pelz zu waschen, ohne nass zu werden. Die falschen Assoziationen erschweren als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen agrarwirtschaftlicher Probleme.

Reine Natur und menschliche Aliens

Definiert man Natur als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus der Natur herausnehmen und schauen, was übrigbleibt. Dadurch wird es möglich, den Menschen moralisch gegen die Natur auszuspielen. Er kann wie eine Art bösartiger Alien dargestellt werden, der von außen in die unschuldige Natur eindringt und sie zerstört.

Da Menschen der finalen Naturbestimmung zufolge gar nicht anders als naturwidrig handeln können, ist es leicht, sie als per se schuldig zu bezeichnen (Erbsünde). Die Menschen können ihre Schuld jedoch klein halten, indem sie möglichst wenig gegen die Natur handeln. Wenn es eine natürliche Landwirtschaft in diesem Denksystem schon nicht gibt, so scheint es immerhin machbar zu sein, eine weniger künstliche und damit „naturnähere“ Landwirtschaft zu betreiben.

Das Bestreben, möglichst „naturnah“ zu leben, erzeugt eine Art Sog zum „Urzustand“, zu einer Natur ohne Menschen. Je rückständiger die Art und Weise der Naturbearbeitung wirkt, desto näher steht sie dem Ursprung, desto weniger sündhaft ist sie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je fortschrittlicher und „künstlicher“ die Naturbearbeitung wirkt, desto sündhafter erscheint sie. Die moderne Zivilisation überziehe demnach ihr Sündenkonto so sehr, dass letzteres nur durch einen universalen Crash bereinigt werden könne.

Zurück zur Natur!

Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole „Zurück zur Natur“ kennzeichnend, welche vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.

Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der „unberührten Natur“ (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden. „Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält“, schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur nicht etwas Bedrohliches ist, sondern ihrerseits durch den Menschen bedroht werde und deshalb geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.

Vom Totschlagargument zum Totschlag

Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die bei solchen Prozessen entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt (Unstatthafte Entfernung vom Ursprung), und als Patentlösung wird gefordert, irgend einen „ursprünglicheren“ Zustand wieder herzustellen.

Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der „Lebensreformbewegung“ huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer „naturgemäßen Lebensweise“. Hier entstand der Mythos, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und dass deren Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.

Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner Kollath (1892-1970) zur offiziellen Doktrin. Kollath, Erfinder der Vollwertkost, teilte die Wertigkeit der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher deren Wertigkeit. Kollaths Lehre halten weite Teile der Bevölkerung auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von „Steinzeitdiät“ und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.

Die Landwirtschaftpolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische „Fett- und Eiweißlücke“ der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um Autarkie zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als „Neuadel aus Blut und Boden“ (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. „Landwirt“ galt als Schimpfwort, „Bauer“ als Ehrentitel. Der „knorrige“, „erdverbundene“ und „naturnahe“ Bauer wurde gegen den „feigen“, „kriecherischen“ und „naturfernen“ jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.

Wir scheißen auf die Natur!

„Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der ‚reinen Natur’ entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.

Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders „naturnah“, bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der „Urproduktion“ gezählt wird und „Rohstoffe“ produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.

Landwirte können den agrarfernen Bürgern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Schweinchen, Kälbchen oder Hühnchen. Doch sobald die Bürger „Natur“ hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zuviel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie den Landwirten nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind.

Ein Weg aus der Falle wäre die Flucht nach vorn. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar durchaus im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, das heißt sie erfordert eine Menge technisches Know-How, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Man sollte es einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf „Naturverbundenheit“ und „Natürlichkeit“ zu unterlassen.*

 

* Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im September 2015 in der Zeitschrift Agrarmanager erschienen

Unsinnsgrenze Precht

In einem ARD-Beitrag über sein neues Buch Tiere denken, sagt der Philosoph Richard David Precht:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine ‚Menschen‘  – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff ‚Tier‘ irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

In seinem Buch Noahs Erbe (1997) schreibt der Autor von der „Unsinnsgrenze zwischen Tier und Mensch“, die angeblich nur auf Mythen beruhe. Offenbar hat er seitdem nichts dazugelernt, denn er verbreitet in der modifizierten Neuauflage von Noahs Erbe (Tiere denken) offenbar haargenau denselben Unsinn wie damals.

Wer bestreitet, dass Menschen biologisch gesehen Tiere sind? 

Gäbe es in den Verlagen denkfähige Lektoren und in den Sendern denkfähige Journalisten, wäre diesen gewiss aufgefallen, dass – außer Verrückten – niemand Homo sapiens biologisch aus dem Tierreich ausschließt. Taxonomisch werden Blattlaus und Schimpanse zusammen mit Homo sapiens ordnungsgemäß ins Reich der Tiere und nicht ins Reich der Pflanzen eingeordnet.

Dass es zum Zwecke der biologischen Forschung Sinn hat, Schimpansen, Quallen, Blattläuse so zu klassifizieren, ist eine Trivialität. Selbstverständlich wäre es in diesem Zusammenhang Unsinn, eine absolute Grenze zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu postulieren. Unsinn wäre auch die Behauptung, der Mensch sei physikalisch gesehen kein Körper, hätte keine Ausdehnung, keine Masse, kein Gewicht. Menschen sind biologisch gesehen Tiere – das wusste schon Aristoteles. Was will uns Precht also sagen? Dass er nach langem Studium mit heißem Bemühen nun endlich auch entdeckt hat, was jedes Kind weiß? 

Man kann Lebewesen nach allen möglichen Aspekten klassifizieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Verdauungssystem. Da ähneln sich Schweine und Menschen weit mehr als Schimpansen und Menschen. Doch was folgt daraus? Haben Schweine nun ein Menschenrecht auf vegane Ernährungsberatung?

Philosophische Mogelpackung

Precht wechselt unvermittelt von der biologischen Sphäre zur rechtlichen, will Normen direkt aus der Taxonomie ableiten. Weil Affe und Mensch sich biologisch „ähneln“ oder genetisch „verwandt“ sind, sollen Affen Anwälte bekommen und Blattläuse nicht. „Wenn wir alle durch die Evolution verbunden sind, dann sollten wir auch moralisch verbunden sein“, schreibt der Tierrechtler Richard Ryder und formuliert damit Prechts Argument allgemeiner. Doch das ist offenbar ein Sein-Sollen-Fehlschluss. Wieso sollte die Evolution, ein blinder und subjektloser Prozess, moralisch von Belang sein?

Bemerkenswert ist nun der erste Satz des oben zitierten Statements:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Precht einigt sich hier mit sich selber auf eine handfeste Unsinnsgrenze. Schimpansen und Blattläuse sind nämlich keineswegs völlig verschiedene Dinge. Es sind beides Tiere und haben eine beträchtliche Anzahl von Genen gemeinsam. Durch Entdeckung der Hox-Gene sind alle Tiere noch einmal genetisch näher zusammengerückt. Wie kommt Precht dazu, hier eine vollkommene biologische Verschiedenheit zu postulieren?

Eng verbunden mit dem Menschen sind viele Tiere, auch wenn sie uns nicht ähnlich sehen. Kleiderläuse zum Beispiel sind in bestimmter Hinsicht mit dem Menschen als Kulturwesen sogar enger verbunden als Affen, denn sie evolvierten sich aus der Kopflaus, als die Menschen begannen, Kleider zu tragen. Parasiten sind generell sehr anhänglich. Und was wären wir ohne die Bakterien in unserem Darm?  Auch hier gilt: Man kann Lebewesen nach den unterschiedlichsten Kriterien klassifizieren und in Nähe oder Distanz zum Menschen bringen. Moral, Ethik und Recht springen aber aus solchen Klassifizierungen nicht von selber heraus.

Die wahre Unsinnsgrenze

Precht will in schlechter tierethischer Tradition bloß seine Lieblingstiere bevorzugen und kann nicht sinnvoll bestimmen, wo die Ähnlichkeit von Mensch, Tier und Pflanze denn nun aufhört. Wann ist die Ähnlichkeit gering genug, dass die Tiere keinen Anspruch mehr auf einen Pflichtverteidiger haben? Precht bezieht sich unbewusst auf die biologisch überholte Vorstellung einer großen Skala der Wesen, auf der Blattläuse unten und Schimpansen oben rangieren, weil letztere menschenähnlich sind. Eine Hierarchie nach Leidensfähigkeit oder eine Grenze zwischen höheren und niederen Lebewesen ist aber auf Basis empirischer Daten nicht möglich, wie u.a. die Zoologin Marian Stamp Dawkins immer wieder betont. Precht verlässt sich nur auf die Biologie, doch diese zeigt ihm die kalte Schulter.

Selbstverständlich ist die Unterscheidung von Mensch und Tier in moralischer und rechtlicher Hinsicht eminent sinnvoll. Precht setzt diesen fundamentalen Unterschied selbst voraus, indem er von Menschen verlangt, für Schimpansen den Anwalt zu spielen, und zwar in einem spezifisch menschlichen System, dem Rechtssystem. Von großen Menschenaffen verlangt er allerdings nicht, als Anwälte der Lemuren tätig zu werden – obwohl beide doch so eng miteinander verwandt sind. Er kann ja mal einem Schimpansen klarzumachen versuchen, wie unsinnig die Unterscheidung zwischen letzterem und Richard David Precht ist.

Gott im Kochpott?

Die verzweifelte Frage aller Suchenden: Gott, wo bist du? Konnte jüngst geklärt werden. Wie die Erzdiözese Wien berichtet, hat man Gott zufällig in der Küche eines gewissen Karl-Heinz Steinmetz gefunden, der gleich nach seiner Erleuchtung einen Artikel mit der Überschrift Gott zwischen den Kochtöpfen – Ethik der Ernährung verfasste.

Aus den verkrusteten Herdplatten gebot Gott seinem Metz in die Tasten zu meißeln, dass der Mensch mit Hilfe von Fair Trade, Tierschutz und ökologischem Landbau einen gottgefälligen Weg einschlagen könne. Die nächsten Schritte zur Seligkeit seien dann unter anderem: „Der regelmäßige Besuch eines Wochenmarkts, der Kauf von Eiern aus Bodenhaltung“ sowie ein „paar Euro mehr für einen ehrlichen Winzer vor Ort.“

Das klingt zwar himmlisch einfach, doch auf Erden sind die Dinge teuflisch kompliziert: Ökologischer Landbau verschwendet weit mehr von Gottes schöner Fläche als der konventionelle. Im ökologischen Landbau werden oft stärkere Gifte eingesetzt, die Tiere haben oft einen schlechteren Gesundheitsstatus und krepieren häufiger. In der Bodenhaltung von Legehennen kann sich – im Gegensatz zur Haltung in ausgestalteten Käfigen – keine feste Rangordnung ausbilden, sodass es häufiger zu Rangordnungskämpfen mit teilweise schweren Verletzungen kommt.

Beim Fair Trade handelt es sich meist um glatten Betrug. Die Verbraucher stehen vorm Dickicht der Etiketten wie Moses vorm Dornbusch und grübeln verzweifelt, was den Besuch von Wochenmärkten gottgefälliger macht als den Besuch von Lichtspielhäusern oder Fußpflege-Studios. Auf der Suche nach einem Winzer vor Ort müssen sie länger pilgern als auf dem Jakobsweg, denn für 99 % der Weltbevölkerung dürfte selbst der Weg zu Gott erheblich kürzer sein.

Um all diese Gebote zu erfüllen, benötigen die Gläubigen daher neben einem überquellenden Zeitbudget auch ein überquellendes Bankkonto und ein überkandideltes Nervenkostüm. „Seien Sie kreativ und entdecken Sie den persönlichen Beitrag, den Sie im Alltag leisten möchten und auch können“, fordert Steinmetz, der eine Ausbildung in klassischer Homöopathie hat und die Venia legendi für das Fach Spiritualitätsforschung besitzt. Auf seiner Seite ArcAnime. Arche der Seele schreibt er unter anderem über „Rosenölsalbung“, „Wiederentdeckung der Bürste“ und „Zimtgeheimnisse in Bibel und Vatikan“.

Warum konnte er nur seine Zinnobergeheimnisse über ethische Ernährung nicht für sich behalten? Weil „die biblische Schöpfungsgeschichte […] den Menschen darauf hin[weist], dass er für die ganze Schöpfung – seine Mitmenschen, Tiere und Natur – eine gewisse Mitverantwortung hat.“ Die Frage, wie der Christenmensch für die gesamte Schöpfung auch nur den Hauch einer Verantwortung haben kann, wo doch der Schöpfer allmächtig ist, hat der Kochpott-Gott seinem Entdecker nicht beantwortet.

Fazit: „Gott kann besser als wir denken, alle Not zum besten lenken“, heißt es in einem Bachchoral. Im Omnibus des Lebens sollten die Reisenden dem Fahrer also nicht ins Lenkrad greifen – sonst überschlägt sich der Karren und landet mitten im Quatsch.

Auf dem Weg zum Agrarende

Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), am 29. September 2016

Landwirtschaft nur noch für’s Auge?

Landwirtschaft, die dem Zweck dient, alle Bürger mit erschwinglichen und zugleich hochwertigen Produkten zu versorgen, steht in Deutschland als solche zur Disposition. Wenn nicht noch Einschneidendes passiert, wird sie wohl Schritt für Schritt durch eine hoch subventionierte Mischung aus Agrarmuseum, Ökospielwiese und Streichelzoo ausgetauscht. Das sieht von Weitem schön aus, ist aber so wirtschaftlich und nachhaltig, wie wenn man Hochöfen mit Geldscheinen befeuert.

Da die Bürger einfach nicht machen, was sie in Umfragen behaupten zu tun – nämlich ökomoralisch unter tierethischen Klima-Gesichtspunkten einzukaufen –, werden sie nach der vielbeschworenen Agrarwende scharenweise zu preiswerter Importware greifen. Dies wird der sogenannten Zivilgesellschaft in Gestalt von Greenpeace, Heinrich-Böll-Stiftung, Hofreiter, Habeck, Hendricks und Co. sowie den öffentlich-rechtlichen Moralanstalten ein steter Dorn im Auge bleiben.

Futtermittelimport gilt ihr zum Beispiel als verwerflich, weil Futterhändler, wenn Sie Soja importieren – Achtung Ironie! – Dritte-Welt-Ländern wie den USA, Brasilien oder Argentinien die Fläche rauben. Das nennt sich virtueller Landraub. Und wenn zum Beispiel deutsche Schweinemäster künftig Jungtiere mit kupierten Schwänzen aus Dänemark beziehen, weil wir überstürzt ins Kupierverbot hineinstolpern, wird von Aktivisten sicher bald die Parole vom virtuellen Ringelschwanzraub ausgegeben.

Merke: Reiche Länder, die sich so schöne Dinge wie die Würde der Kreatur oder die Mitgeschöpflichkeit in ihre Verfassungen schreiben, die Agrarwenden ankurbeln und Tierhaltungswenden veranstalten, werden keine Moral,- sondern Importweltmeister. Oder es sie schotten sich vom Weltmarkt ab. Dann verwalten sie ihren selbstfabrizierten Mangel und drohen, zu Diktaturen zu werden.

Der pure Wahnsinn

Die hiesige Diskussion über Landwirtschaft und Ernährung ist hoffnungslos irrational. Es wird ihr auch künftig kaum Vernunft mehr einzublasen sein, denn sie steht unter einem unguten ideologischen Stern. Die verschiedenen Debatten treiben allesamt ganz von selbst auf ihren Fluchtpunkt zu: die Abschaffung der Landwirtschaft.

Die Idee, Landwirtschaft zu betreiben, meint der weltberühmte Biologe Jared Diamond, sei der schlimmste Fehler der Menschheitsgeschichte gewesen. Damit steht Diamond nicht allein, sondern spricht einen mehr oder weniger offen artikulierten Konsens aus: nämlich, dass der Mensch ein Schädling des Planeten, der Natur sei. Die Natur, verstanden als das, was ohne menschliches Wirken von selber existiert, gilt heute allgemein als Inbegriff des moralisch Guten. Die unbefleckte Natur ist nicht nur sauber, sondern rein wie die Jungfrau Maria.

Warum wohl fordern so viele Leute vehement eine ineffiziente Landwirtschaft ohne synthetischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, ohne Gentechnik selbstverständlich, gar ohne Viehhaltung? Weil die Leute das Gute wollen, und das Gute ist ihrer Meinung nach eben eine Welt mit möglichst wenig menschlichen Eingriffen in die Natur. Folgt man diesem Reinheitsgebot: Was wäre demnach der beste aller möglichen Weltzustände? Ein Weltzustand ohne Menschen. Logisch.

Da kaum jemand mehr Ahnung von Landwirtschaft hat, glauben die Leute, man könne die Weltbevölkerung allein mit unreifen Blütenträumen ernähren oder indem man den Weltverdauungsverkehr regelt. Wir brauchen doch die ganze Technik und Chemie nicht, denken sie. Und die armen Tiere müssen wir auch nicht essen. Wer braucht schon noch Erträge, wer braucht schon sichere Ernten? Niemand. Das Manna fällt vom Himmel, wenn wir nur der Naturgottheit das Opfer unseres eigenes Verstandes bringen. Außerdem essen wir sowieso zu viel und unser Tellerchen nicht leer. Und wenn wir das Tellerchen nicht leer essen, gibt es morgen kein schönes Klima.

Glorifikation des Mangels

Den Wenigsten dürfte allerdings bewusst sein, dass sie mit der puren Natur zugleich den puren Mangel glorifizieren. Denn Mangel ist der bestimmende Zustand der nicht vom Menschen modifizierten Natur. Nur der Mangel ermöglicht die Vielfalt. Artenvielfalt ist stets ein Indikator für Nährstoffmangel. Kein Wunder also, dass nährstoffarme Gebiete wie Regenwälder, Korallenriffe oder blütenreiche Wiesen als Naturparadiese verherrlicht werden.

Die Verklärung des Mangels drückt sich ökonomisch im allgegenwärtigen Malthusianismus aus, also jener zigfach widerlegten Theorie, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht mithalten könne. Diese Theorie ist die Krankheit, als deren Heilung sie sich ausgibt.

Zusammen mit der stets herbeiphantasierten Apokalypse entsteht die gefährlichste Mischung, die es überhaupt gibt. Der Historiker Timothy Snyder warnt: »Wenn sich am Horizont eine Apokalypse abzeichnet, scheint es sinnlos zu sein, auf wissenschaftliche Lösungen zu warten, dann muss natürlich gekämpft werden, dann kommt die Stunde der Blut-und-Boden-Demagogen.« Wenn nebenwirkungsblinde Theoretiker und Moralapostel das Ruder übernehmen, hat das letzte Stündlein des liberalen Rechtsstaats bald geschlagen.

Tierschutzlabels für die Katz

A propos arme Tiere: Dass die Viehhalter mit Tierwohl-Initiativen aus der Defensive herauskommen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Anti-Fleisch-Propaganda wird auch dann nicht aufhören, wenn wir ein milliardenschweres staatliches Tierschutzlabel haben. Die Folge ist nur, dass Menschen als minderwertig abgestempelt werden, die noch Standardware kaufen und produzieren. Dabei können sich bereits heute allein in Deutschland über sechs Millionen Menschen aus finanziellen Gründen nicht mehr ausreichend mit eiweißreicher Nahrung und tierischem Eiweiß versorgen, vier Millionen Menschen können ihre Wohnungen nicht mehr angemessen heizen.

Heutzutage setzen die von den Medien hofierten Tierrechtler den Maßstab. Tierrechtler wollen die Nutztierhaltung nicht verbessern, sondern komplett abschaffen. Die tierrechtliche Botschaft ist ebenso einfach wie scheinplausibel: Wir müssen keine Tiere essen, weil wir auch Pflanzen essen können. Wenn wir dennoch Tiere essen, sind wir Unmenschen, die nur um des Genusses willen moralisch hochwertige Mitgeschöpfe killen.

Verbesserte Haltungsbedingungen sind für Tierrechtler Theresienstadt, die Standardhaltung gilt als Eternal Treblinka. »Tieren auf dem Bauernhof mehr Raum, mehr natürliche Umwelt, mehr Gefährten zu geben, macht aus dem fundamentalen Unrecht kein Recht. Nur die völlige Abschaffung der Nutztierhaltung kann das wieder gutmachen«, schreibt der Philosoph Tom Regan. Er ist die Ikone der Tierbefreier, nicht irgend jemand: sondern hoch angesehener, berühmter Professor.

Während wir noch über den Ringelschwanz debattieren, sind im naturethischen Diskurs schon längst Pflanzenwürde und Ehrfurcht vor Ökosystemen, Flüssen, Wäldern und Meeren beschlossen worden. Tiere wurden bereits zu vollgültigen Staatsbürgern erklärt, mit Bürgerrechten und allem Drum und Dran.

Die Tierrechtsorganisationen und –autoren machen den öffentlichen Druck und berufen sich explizit aufs Tierschutzgesetz, das leider 1986 und 2002 entscheidend verunstaltet worden ist. 1986 kam das »Mitgeschöpf« hinein, dessen Leben und Wohlergehen zu schützen sei (§ 1, 1), 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Beides fatale Missgriffe – siehe hierzu den kritischen Artikel von Wolfgang Löwer ab S.31. Auch diesen Entscheidungen haben es die Landwirte zu verdanken, dass immer mehr selbsternannte Tierbefreier unangemeldet ihre Ställe »besuchen«.

Die populäre Tierrechtlerin Hilal Sezgin schreibt in ihrem neuen Buch »Wieso? Weshalb? Vegan!« zum Thema Tierwohl: »Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil es ganz lausige Lebensbedingungen sind, die man minimal verbessert, um sich dann so ein Siegel zu verdienen […] Es gibt sogar ein Siegel vom Deutschen Tierschutzbund, das angeblich dafür bürgt, dass es den Tieren dort etwas besser ergangen sei als in anderen Ställen – bis man sie tötete. Ich finde, keine Sorte Fleisch verdient ein Tierschutzlabel. Denn wenn ein Tier im Alter von wenigen Wochen oder Monaten auf einem Teller landet, wurde es offensichtlich nicht gut geschützt, sonst wäre es nicht tot.«

Tierschützer, die das menschliche Interesse an hochwertiger Nahrung noch mitberücksichtigen, haben in dieser Logik gar nichts mehr verloren, denn der Mensch ist nicht mehr Teil der Gleichung. Der soll ja zurück ins Glied und sich in der Nahrungskette gefälligst wieder hinten anstellen. Tierschützer, die zu eng mit der bösen Agrarindustrie zusammenarbeiten, werden als Kollaborateure wahrgenommen und bekommen weniger Spenden. Tierrechtler wirken einfach glaubwürdiger, weil sie konsequenter sind bzw. erscheinen.

Megaställe und Höfesterben

Die öffentlich-rechtlichen Sender werden nicht einfach aufhören, den Tierrechtlern ihr Horrorfilmmaterial abzunehmen. Auch in Tierwohl-Ställen lässt sich entsprechendes Material leicht finden bzw. fälschen. Glauben Sie, es werden keine Bürgerinitiativen mehr gegen Massentierhaltung gegründet, weil die Ställe statt für 40.000 nur noch Platz für 5000 Hühner bieten? Nein. Dann haben sie statt einer Bürgerinitiative acht Bürgerinitiativen gegen Tierfabriken am Hals.

Eine Mastanlage mit 40.000 Hühnern wird von den Aktivisten als »Megastall« bezeichnet. »Mega« bedeutet als Vorsatz für Maßeinheiten 10 hoch 6 also eine Million. Wenn 40.000 in der Wahrnehmung 40 Millionen entspricht, wissen Sie ja, wie viele Hühner es nach Adam Riese pro Betrieb geben darf: 40. Und diese Zahl entspricht ziemlich genau der Fernsehidylle naturnaher, bäuerlicher Landwirtschaft – mit anderen Worten, der verklärten Mangelwirtschaft. Es gibt bereits eine Bürgerinitiative gegen einen Biohof mit Auslauf für 250 Hühner. Dem Landwirt wird Geldgier und Massentierhaltung vorgeworfen.

Die Grünen und zahlreiche NGOs beklagen ebenso lautstark wie scheinheilig das sogenannte »Höfesterben«, obwohl sie es mit ihren Auflagen und der Förderung von Bioenergie selbst vorantreiben. Sie fordern kleine Einheiten, weil sie wissen, dass diese nicht einfach wiederkommen, wenn die großen Ställe verboten sind. »Dass die kleinen Ställe wieder rentabel werden, ist so unwahrscheinlich wie das Wiederauferstehen kleiner Tageszeitungen, des Bleisatzes samt Setzern und kleiner Druckereien«, schreibt der Agrarstatistiker Georg Keckl.

Und nun bitte ich Sie, hier einfach Eins und Eins zusammenzuzählen! Ein amtierender, grüner Landwirtschaftsminister, nämlich Robert Habeck, hat bereits öffentlich verkündet, dass es für den Konsum tierlicher Lebensmittel keine moralische Rechtfertigung mehr gebe. Zugleich ziehen er uns seine Parteifreunde gegen das »Höfesterben« zu Felde, in dem Wissen, dass die kleinen Höfe von Anno dazumal allenfalls noch als museale Spielzeughöfe zur Verschönerung der Landschaft taugen werden (das meinte ich vorhin mit »Agrarmuseum«). Die Schlussfolgerung ist glasklar: Am besten soll es in Deutschland nur noch Naturflächen geben. Der erste Schritt dazu ist, die Äcker im Dienste der vergotteten Biodiversität so verunkrauten und verschimmeln zu lassen, dass sie keine Erträge mehr liefern, und dies als Dienst am Gemeinwohl auszugeben.

Meine Damen und Herren! Sie haben es vielleicht noch nicht gemerkt oder wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber Sie sind bereits verurteilt. Sie brauchen sich nicht mehr zu rechtfertigen. Sie sind Objekte einer geschlossenen Ideologie, einer zirkulären Logik und Adressat von widersprüchlichen, paradoxen Forderungen der Kategorie »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«. In dieser Konstellation können sie nicht gewinnen. So lange Sie im Rechtfertigungsmodus bleiben, es recht machen wollen, werden Sie nicht aus der Defensive herauskommen. Schlimmer noch – Sie werden aufgerieben. Fassen Sie bitte ins Auge, dass das der Sinn der ganzen Veranstaltung ist.

Lass das mal den Toni machen?

Anton Hofreiter will Grundsätze über Maßstäbe stellen.

Anton Hofreiter hat ein Buch geschrieben. Ich habe bei Amazon nur einmal kurz in die Vorschau geguckt – und wurde nicht enttäuscht:

Beim Umgang mit Tieren darf es kein Diktat der Kosteneffizienz geben […]. Es gibt ein eigenes Tierschutzgesetz, das besagt, dass keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfe. Doch welchen Grund gibt es für das Kükenschreddern, als einen rein ökonomischen? Ist das ein vernünftiger Grund? Ganz klar nein. Es kann nicht sein, dass jedes Jahr 45 Millionen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, weil sie schlicht unrentabel sind. Das ist Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen. Und das müssen wir umkehren.

Dass rein ökonomische Gründe unvernünftige Gründe seien, ist eine bizarre Ansicht. Wer das ökonomische Prinzip anwendet, handelt rational, da Güter knapp sind. Effizienz ist der Quotient aus Ergebnis und Aufwand. Die Grünen berufen sich ständig selbst auf dieses Prinzip, zum Beispiel, wenn sie gegen die Verschwendung von Ressourcen oder Lebensmitteln protestieren.

Nicht nur bei der Konsumtion, sondern auch bei der Produktion von Lebensmitteln sollte nichts verschwendet werden. Bruderhähne zu päppeln ist jedoch pure Verschwendung. Auch die männlichen Geschwister von Bio-Legehennen werden nicht älter als einen Tag. Der Grund ist hier derselbe wie dort: Weil bei den Spezialrassen weniger Futter pro Ei und pro Kilo Fleisch verbraucht werden. Höbe man nun noch das unsinnige Tiermehlverbot auf, könnte man alle Eintagsküken ans Vieh verfüttern.

Im Übrigen ist „Kükenschreddern“ kein angemessener Begriff für die gängige Praxis in Deutschland. Die Eintagsküken werden vor ihrem Tod mit Kohlendioxid betäubt. Die vollständigen Kadaver werden dann u.a. an Zoos, Falknereien oder Heimtierhalter verkauft. Nur die nicht lebensfähigen Exemplare in Brütereien werden tatsächlich „geschreddert“.

Für das Oberverwaltungsgericht Münster ist die effiziente Eierproduktion jedenfalls sehr wohl ein vernünftiger Grund. Das juristische Informationsportal Rechtsindex referiert die Urteilsbegründung des Gerichts vom 20. Mai 2016 folgendermaßen:

Die Tötung der Küken sei daher Teil der Verfahren zur Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch. Die wirtschaftliche Gestaltung dieser Verfahren sei für die Brütereien als Erzeuger der Küken unvermeidbar. Hiervon seien auch die für den Tierschutz verantwortlichen staatlichen Stellen über Jahrzehnte hinweg unter Gel­tung des Tierschutzgesetzes einvernehmlich mit den Brütereien ausgegangen.

Das von Hofreiter als Diktat der Kosteneffizienz gebrandmarkte ökonomische Prinzip, welches bei der Eierproduktion angewendet wird, hat u.a. den gesellschaftlichen Nutzen, dass sich auch die wenig zahlungskräftige Bevölkerung hochwertige Nahrungsmittel leisten kann. Die Grünen sind aber eine Partei der Besserverdienenden. Diese kann selbstverständlich nicht dulden, dass jeder Prolet einfach Eier in die Pfanne schlägt, ohne sie zuvor von grünen Glucken teuer erbettelt zu haben. Deshalb bewirft Hofreiter das uneinsichtige Volk nun mit faulen Ethik-Eiern.

Maßstäbchen und Grundsätzchen 

Das ist Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen.

Wie kann ein Maßstab über einem Grundsatz stehen? Diese Frage hat sich Hofreiter offenbar nicht gestellt. Maßstab ist allerdings ein gutes Stichwort: Wäre nämlich Hofreiters Ethik maßstabsgerecht, müsste er dafür plädieren, seine innig geliebte Biohaltung sofort abzuschaffen. Denn in der Biohaltung haben die Tiere im Schnitt einen schlechteren Gesundheitsstatuts als in der konventionellen – und zwar aufgrund der Biovorschriften.

Bioschlachttiere haben mehr Würmer, Lungenentzündungen, Leberschäden. Bioschweine haben mehr Knochenbrüche und weit höhere Ferkelverluste als konventionelle. Sie leiden beträchtlich unter der schlechten Futterversorgung mit eiweißarmem Futter von stickstoffarmen Böden. Freigang von Hühnern ist im ökologischen Landbau vorgeschrieben und mit höherem Krankenstand und höheren Todeszahlen verbunden als Käfig- bzw. reine Stallhaltung.

Warum plädiert Hofreiter nicht dafür, den Hermannsdorfer Landwerkstätten – einem Bio-Vorzeigebetrieb mit bis zu 63 % Ferkelsterblichkeit pro Wurf – die Tierhaltung zu verbieten? Wie sieht es aus mit dem Kupierverbot bei Schweinen? Gibt es einen vernünftigen Grund, das Schwanzbeißen zu fördern (dieses kommt in jeder Haltungsform vor)? Gibt es einen vernünftigen Grund, mit der Ebermast auch das Penisbeißen zu fördern (ein natürliches Verhalten übrigens)? Gibt es einen vernünftigen Grund, die Tiere im Krankheitsfall nicht angemessen zu behandeln, sondern es erst mit homoöpathischen Mitteln zu versuchen (EU-Bioverordnung Art. 14 e 2)? Nein. Es sind rein ökonomische Gründe, nämlich die Angst, mit dem Verlust des Biostatus einen weit geringeren Preis für die Produkte zu erzielen.

Perversitäten 

Katze beim vorschriftsmäßigen Vögelschreddern. Vernünftiger Grund? Fehlanzeige!

Man sieht: Hofreiter hat gar nichts gegen Tierleid als solches. Er hat nur etwas gegen Ökonomie, Industrie und „pervertierte Systeme“. Doch was wurde durch die Praxis pervertiert, männliche Küken zu töten? Landwirtschaft und damit auch die Eierproduktion dienen dem Zweck, Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dieser Zweck ist weder durch Effizienz noch durch Industrie noch durch Eintagsküken pervertiert, also ins Gegenteil verkehrt oder verfälscht worden. Er wird heute besser erfüllt denn je.

Hofreiter und Die Grünen wollen dies nun ändern. Sie wollen die Landwirtschaft mit Hilfe einer wirren Naturethik zweckentfremden, indem sie zum Beispiel die Artenvielfalt über die Ertragseffizienz stellen. Dabei ist der größte Artenkiller nicht die Landwirtschaft, sondern die Natur selbst. Die Grünen pervertieren die Landwirtschaft, nicht die Eierproduzenten.

Die wörtliche Übersetzung von pervers lautet widernatürlich. Doch für ein Huhn ist es ganz natürlich, bereits als Ei oder Küken getötet zu werden. Ebenso wie es für Arten ganz natürlich ist, auszusterben. Die meisten Wildhühner leben in Kleingruppen von etwa zwanzig Hennen und einem Hahn. Was passiert mit den vielen überzähligen Junghähnen? Sie werden vertrieben und landen rasch in den Mägen der Beutegreifer. Wer natürliche Verhältnisse für Hühner will, muss genau das machen, was in freier Wildbahn auch geschieht: die überflüssigen Männchen aussieben. Der Ausdruck Perversion ist also fehl am Platz.

Hätte Hofreiter tatsächlich etwas dagegen, dass Tiere aus unvernünftigen Gründen gequält und getötet werden, müsste er sich zuerst für die Abschaffung fleischfressender Heimtiere einsetzen. Freilaufende Katzen schreddern Milliarden Vögel und Kleinsäuger, ohne sie vorher zu betäuben. „Vermutlich fallen jedes Jahr mindestens zehnmal mehr Felltiere und Vögel unserer Katzenliebe zum Opfer, als bei biomedizinischen Experimenten verwendet werden“, bemerkt der Psychologe Hal Herzog, führender Experte auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehungen. Katzen werden übrigens sehr gerne von ihren Besitzern mit Eintagsküken gefüttert. Diese munden Miezi ganz hervorragend. Hunde sind ebenfalls nicht zimperlich beim Jagen. Das alles geschieht nur, weil Menschen Heimtiere für ihren emotionalen Haushalt missbrauchen. Hier stehen irrationale Maßstäbe über ethischen Grundsätzen. Und das müssen wir umkehren.

Fazit

Bruderhahn Toni wird aufgrund seines halbherzigen Ethik-Gegackers bereits jetzt von TierrechtlerInnen wie Hilal Sezgin in den Orkus geschreddert, und das geschieht ihm ganz recht. Da Biohaltung keineswegs mehr Tierwohl bedeutet, bleibt in dieser Logik als Konsequenz nur noch die Abschaffung der Nutztierhaltung. Robert Habeck ist da viel cleverer: Er hat bereits für die Zeit nach dem Fleischverbot mental vorgesorgt. Habeck wird daher bestimmt mal der grüne Obergockel von Deutschland. 

Lass das mal den Toni machen? Lieber nicht.

 

»Utopischer dritter Frühling«

Jan Grossarth schreibt heute in einem an sich guten Artikel, dass die Biolandwirtschaft angesichts der jüngsten negativen Schlagzeilen über ihre „utopische Frühzeit“ stolpere. Er behauptet, diese Frühzeit läge in den 1980er Jahren. Das trifft allerdings nicht zu. Als Frühzeit der Biolandwirtschaft in Deutschland kann bereits die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten. Mit dem völkischen Denken und der Lebensreformbewegung wurde die geistig-praktische Grundlage des Ökologismus und der Biolandwirtschaft geschaffen. Man experimentierte schon damals mit allerlei „naturnahen“ Anbauformen. Bereits 1893 erfolgte zum Beispiel die Gründung der vegetarischen Obstbausiedlung Eden.
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wurde Mitte der 1920er Jahre von Rudolf Steiner begründet und später auch von einigen führenden Nazis  (Himmler, Hess, Darré) befürwortet, von anderen jedoch abgelehnt (Göring, Heydrich, Bormann) und schließlich 1941 verboten. Dieses Verbot hinderte Himmler jedoch nicht, weiter Versuche mit dieser Wirtschaftsweise durchführen zu lassen. Der völkische Unrat, mit welchem die Biolandwirtschaft in ihrer Frühzeit verbunden war, passte recht gut zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis.
Nach dem Krieg war damit allerdings erst einmal ganz Schluss. Es waren Fortschrittsoptimismus und Technikfetischismus angesagt. Das völkisch-organische Vokabular wurde in der Öffentlichkeit weitgehend durch ein technokratisches ersetzt. Doch bereits mit der Ölkrise in den 1970er Jahren blubbere jener Unrat wieder hoch und kontaminierte die aufkommende Ökobewegung. Viele alte Nazis fanden bei den Grünen und in Naturschutzverbänden ein neues Zuhause. So wurde zum Beispiel der ehemalige „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert zu einem gefeierten Pionier der bundesrepublikanischen Ökobewegung. Sein Buch Gärtnern, Ackern ohne Gift ist nach wie vor ein Klassiker und hat sicher auch die Grünen dazu inspiriert, eine Landwirtschaft ohne Gift (und Gentechnik) zu fordern.

Die „utopische Frühzeit“ der hiesigen Biolandwirtschaft erweist sich daher als dritter Frühling einer schon ziemlich betagten Ideologie. Der völkisch-rassistische Charakter dieser Ideologie macht sie daher auch für Rechtsradikale attraktiv.

Das vepönte Sekret

Bei den Gruppen auf dem Hochland essen und schlafen Frauen und Kinder zusammen in einer Hütte, aber nicht mit ihren Männern, sondern mit ihren Schweinen. […] Wenn ein Ferkel die Muttersau verloren hat, zögern die Frauen nicht, es zusammen mit einem menschlichen Baby zu säugen.
(Marvin Harris über „Naturvölker“ in Neuguinea)

Milch als Viagra

Mahatma Gandhi war der Ansicht, dass alles Leid aus dem sinnlichen Begehren resultiere. Tierische Produkte, so schloss er im Einklang mit den meisten Vegetariern seiner Zeit, weckten animalische Gelüste und seien daher möglichst zu vermeiden. Wer Fleisch esse, falle auch anderen „tierischen“ Lastern zum Opfer: der sexuellen Unzucht, dem Alkoholismus, der Trunksucht. Sobald jemand bei der Nahrungsaufnahme Genuss empfindet, „gewinnt“, so Gandhi wörtlich, „der Teufel“ und der Körper wird zur „Brutstätte des Lasters.“ 

Gandhi hielt Milch für ein Aphrodisiakum. Jahrelang hatte er versucht, ohne Milch auszukommen, da diese nicht zu einer strikt vegetarischen Diät passe (das Wort „Veganismus“ gab es damals noch nicht). „Milch macht müde Männer munter“, lautet ein immer noch geläufiger Werbespruch. Der Subtext des Spruches bestätigt die von Gandhi vertretene Ansicht, dass Milch nicht etwa müde, sondern lüstern mache. 

Der bloße Gedanke an das weiße Sekret bringt auch die heutigen Veganer um Schlaf und Verstand. Sie verteufeln es, wo sie nur können, und steigern sich in die wüstesten Behauptungen hinein („Milch besteht aus Eiter, Blut, Hormonen, Antibiotika“). Manche Aktivisten schwitzen bei diesem Thema aus jeder Pore ihre verdrückte Geilheit aus. Nichts scheint sie mehr anzuregen als die Vorstellung, an einer „artfremden“ Zitze zu saugen.

Der Affekt gegen den Milchkonsum hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Dennoch finden die gesammelten Milchfieberfantasien in den Medien ein erstaunlich großes Echo. Als gäbe es irgendeinen stichhaltigen Einwand gegen den Genuss von Milchprodukten, außer dem naheliegenden, dass Menschen, die Milchprodukte nicht vertragen, sie auch nicht konsumieren sollten!

Evolutionäre Erfolgsgeschichte

Die Fähigkeit, Lactose (Milchzucker) nach Beendigung der Stillphase aufzuschließen, verdankt sich einer Mutation des Lactase-Gens, welche dafür sorgt, dass der Körper ein ganzes Leben lang jenes Aufschlüsselungs-Enzym (Lactase) in ausreichender Menge bildet. In Nord- und Mitteleuropa können ca. 90 % aller Menschen Milchzucker verdauen.

Diese Mutation hat sich in einer – an Evolutionsmaßstäben gemessen – rasenden Geschwindigkeit von etwa 7500 bis 8000 Jahren in Europa durchgesetzt. Der Prozess vollzog sich zur selben Zeit wie die Entwicklung der Milchviehwirtschaft. Offenbar waren die Selektionsvorteile der laktosetoleranten Milchviehhalter enorm groß. Wo ist bloß das Problem?

Artfremd und pervers

Der Fehler liegt einmal mehr in einem verqueren Naturbegriff, demzufolge das Übliche das Natürliche, das Unübliche aber das Perverse sei. In dieses Naturbild passen Darwin und die moderne Evolutionstheorie jedoch nicht hinein. Dieser zufolge treibt gerade das Unübliche und scheinbar Perverse den Evolutionsprozess voran.

Unter bestimmten Umständen bietet eine Anomalie wie zum Beispiel die Mutation des Lactase-Gens den entscheidenden Überlebensvorteil. Die „Mutanten“ können sich häufiger fortpflanzen als die „Normalen“, sodass die „Mutanten“ innerhalb einer Population schließlich zu den „Normalen“ werden und die vormals „Normalen“ aussterben. Dieses Spiel ereignet sich überall auf der Erde unentwegt und wird von modernen Wissenschaftlern selbstverständlich nicht moralisch bewertet.

Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht prinzipiell nicht möglich, bestimmte Prozesse als „Perversionen“ darzustellen, weil gar kein normatives Maß zur Verfügung steht.* Es gibt zum Beispiel Schmetterlinge, die sich von Schweiß ernähren. Schweiß ist ein Sekret, genau wie Milch. Ist nun der Schmetterling pervers, weil er sich von einer Flüssigkeit ernährt, die doch eigentlich dem „Zweck“ dient, den Körper des Transpirierenden zu kühlen? Ist er pervers, weil die meisten Schmetterlinge sich von Nektar ernähren? Milchdrüsen sind entwicklungsbiologisch betrachtet modifizierte Schweißdrüsen. Sind Säugetiere also allesamt pervers, weil sie diese Drüsen zur Aufzucht ihrer Jungen „zweckentfremdet“ haben? In der Evolution ist es normal, dass Organe im Laufe der Zeit einen Funktionswandel erfahren.

Fazit

Das Naturverständnis, das den Affekt gegen den Milchkonsum grundiert, ist statisch. Bei vielen Veganern vernebelt die antiquierte und vom Christentum tradierte Naturvorstellung systematisch den Blick auf die Dinge. Veganer geben sich oft links und progressiv. Doch ihre Argumente gegen den Milchkonsum sind bisweilen genauso reaktionär wie die Argumente fundamentalistischer Christen gegen Homosexualität und alle Geschlechtsakte, die zum Vergnügen vollzogen werden.

Nimmt man die ideologische Brille ab, bleibt nicht viel übrig. Kühen die Kälber wegzunehmen, damit man erstere melken kann, erscheint dann nicht wie eine Sünde wider die Natur oder wider die Mutterschaft als solche. Man kann dann zwar immer noch herumgreinen, dass Kühe unter ihrem Kälberverlust angeblich mehr leiden als menschliche Kälber unter dem Verlust ihrer Smartphones. Aber man kann nicht mehr so tun, als hätte man damit irgendwelche Naturgesetze auf seiner Seite. 

Wer also weiter Milchprodukte genießt, muss keine Angst haben, irgendwann soviel Käse zu fabrizieren, wie es viele Veganer und Tierrechtler tun, wenn sie über Milch reden.

 

* Dass manche Biologen dazu neigen, die genetische Fitness oder die natürliche Selektion zu vergöttern, steht auf einem anderen Blatt. Es zeigt, dass auch nüchterne Zeitgenossen der Versuchung nicht widerstehen können, irgend etwas anzubeten.

 

 

Unideologischer Biolandbau?

Gegen meine Vorbehalte bezüglich des Biolandbaus wird oft eingewendet, dass es viele unideologische Biobauern gebe, die einfach nur einen speziellen Markt bedienen wollen. Das ist zweifellos richtig. Es ist vollkommen legitim, aus rein ökonomischem Interesse ein bestimmtes „Segment“ zu bedienen, für das es gesellschaftliche Nachfrage und staatliche Förderungen gibt. Solche Biobauern sind mir persönlich auch viel sympathischer als die „Überzeugungstäter“.

Dies ändert aber gar nichts an den geistigen Grundlagen des Biolandbaus. Wer zum Beispiel Papst-Souvenirs verkauft, muss nicht selber gläubig sein. Auch ein Ungläubiger kann einen Laden betreiben, in dem es Papst-Aschenbecher oder Papst-Bembel gibt. Er braucht also nicht an die christlichen Religion, den Katholizismus und den „Stellvertreter Gottes auf Erden“ zu glauben, um erfolgreich Papst-Devotionalien zu verkaufen. Dennoch wäre ihm ohne Katholizismus kein geschäftlicher Erfolg beschieden.

Vielleicht hätte es sogar ohne das Christentum mit seiner Vorstellung einer durch Gott zweckhaft gestalteten Natur niemals Biolandbau gegeben. Jedenfalls sind die Verbote, an welche sich die Biolandwirte halten müssen, meiner Ansicht nach nicht vernünftig zu begründen. Sie beruhen auf einer ideologischen Abneigung gegen das „Künstliche“ und „Widernatürliche“.
Ob jeder einzelne Biobauer diese Abneigung teilt, spielt dabei keine Rolle.

There is no way to compromise!

Bio und Konventionell können nicht an einem Strang ziehen. Es ist völlig gleichgültig, ob sich die betreffenden Landwirte auf professioneller und persönlicher Ebene gut verstehen. Es geht nicht darum, wer menschlich okay ist und wer nicht. Es gibt hochanständige Biobauern, stinkstiefelige Konventionelle und umgekehrt. Das ist nicht der Punkt!

Biolandwirtschaft lebt bezüglich ihres Images parasitär vom schlechten Image der konventionellen. Es ist nicht möglich, das Image der Konventionellen zusammen mit den Bios zu verbessern. Das Image der Konventionellen kann sich nur verbessern, wenn sich das der Biolandwirtschaft verschlechtert. Biolandwirtschaft ist Teil jener Ideologie der „Naturnähe“, die eine moderne, hochtechnisierte und für alle denkbaren Lösungen offene Landwirtschaft grundsätzlich als Teufelswerk dastehen lässt.

Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen werden, solange jener Mythos, der konstitutiv für die Biolandwirtschaft ist, nicht durchbrochen werden kann. Man sieht es am aktuellen Fall der Herrmanndorfer Landwerkstätten. Der Betreiber erhält in überregionalen Zeitungen Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Alles bemüht sich, die Tatsache herunterzuspielen, dass die Biotierhaltung aus strukturellen Gründen in vielen Belangen nicht besser, sondern schlechter ist als die konventionelle. Dass man auf dem „Vorzeigebetrieb“ offenbar nicht in der Lage ist, Tiere vernünftig zu halten, darf einfach nicht wahr sein. Nirgendwo wird die naheliegende Konsequenz gezogen, Fleisch vom konventionellen Erzeuger zu kaufen, die Konventionellen zu loben. Niemand kommt auf den Gedanken, dass der Nimbus der Biolandwirtschaft keine reale Grundlage haben könnte.

Und nun fordern Biolandwirte sogar, dass sich die Konventionellen hinter sie stellen sollen, weil einer ihrer Kollegen das Opfer jener Mentalität geworden ist, von der die Biolandwirte sonst so sehr profitieren („Natur ist gut, Tiere sind gut, Mensch ist böse“). Nichts könnte für Konventionelle falscher sein, als diesem Aufruf zur Solidarität zu folgen, welche von den Verbänden der Biolandwirtschaft gegenüber den Konventionellen grundsätzlich verweigert wird. Es gilt zu begreifen, dass die mangelnde Solidarität der Bio-Verbände schlüssig und folgerichtig ist. Die Solidarität anständiger Biobauern mit ihren konventionellen Kollegen ist menschlich lobenswert, steht jedoch im Widerspruch zu dem, was die Biolandwirtschaft im Innersten ausmacht. 

Es kann natürlich sein, dass ich mich irre. Ich befürchte allerdings eher, dass nach langer Zeit und vielen Enttäuschungen auch der letzte Konventionelle meine Analyse teilen wird.

Grüne Woche diffamieren!

Pünktlich zur Internationalen Grünen Woche in Berlin findet ein Aufmarsch diverser Tunichtgute und Einfaltspinsel statt, die Es satt haben. Das Es ist ein Popanz namens Agrarindustrie. Jeder stellt sich darunter etwas anderes vor, doch für alle Teilnehmer steht fest, dass Es die Inkarnation des Bösen sei. Dabei wird eine winzige Kleinigkeit vergessen: Allein jenem Es ist es zu verdanken, dass die Menschen soviel Freizeit haben, um gegen Es zu revoltieren, anstatt sich – wie in der guten alten Zeit –  in irgendwelchen Gehöften die Buckel krumm zu schuften. Die Kinder sind so verwöhnt, dass sie glauben, sie könnten jenes Es vernichten und zugleich ein angenehmes Leben führen. Was für ein Selbstbetrug!

Bock auf Tierbefreiungsblock?

Besondres bockig sind die Mitglieder des sogenannten Tierbefreiungsblocks. Diese marschieren zusammen mit Ökolandwirten, obwohl letztere an „Tierbefreiung“ (Abschaffung der Nutztiere) nicht das geringste Interesse haben dürften. Offenbar ist den marschierenden Ökolandwirten aber an einer Landwirtschaft kaum gelegen, welche die Menschen auch ernähren kann. Haben doch jüngst die Initiatoren der Wir-haben-es-satt-Demonstration vor dem Reichstag erkleckliche Fuder Mist ausgekippt. Motto: Agrarindustrie ist Mist.

So sieht die Landwirtschaft der Zukunft aus! Mist wird nicht als wertvoller Dünger verwendet, sondern wie Kamelle unters Volk gestreut. Und die Moral von der Geschicht: „Die Verbraucher müssen bereit sein, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben.“ Das ist ja mal ein emanzipatorisches Programm erster Güte! Darüber freuen sich die Verbraucher mit kleinem Geldbeutel ganz besonders. Prima Konzept: mehr Geld für Ware, die nicht besser ist, sondern bloß ineffizient produziert wird. Es gab mal eine Disko, die Teuer und Scheiße hieß. Das war wenigstens witzig.

Der Grüne-Woche-Frosch mit der Maske

Angesichts solcher Gaga-Aktionen nimmt es nicht wunder, dass sich die größten Gaganauten auf der Wir-haben-es-satt-Demo so wohl fühlen wie die Maden im Speck. Aus purem Übermut fordern die Tierbefreiungswesen dazu auf, die Grüne Woche zu demaskieren. Unter „Demaskieren“ verstehen diese Kinder allerdings, dem Gegner eine Maske zu entreißen, die sie selber aufhaben. Auf der Homepage sieht man es bildlich dargestellt: Kuh auf Wiese, Viehtransport, Schlachtung, abgepacktes Fleisch im Supermarkt. Ist es denn die Möglichkeit? Die Tiere werden gehalten, transportiert, geschlachtet, verkauft und gegessen! Doch die Grüne Woche vermittelt perfiderweise den Eindruck, dass Landwirtschaft nur dazu da ist, Kälbchen, Ferkelchen und Küken zu knuddeln. Danke, liebe Tierbefreier, für diese Demaskierung! Was kommt als nächstes? Den Weihnachtsmann demaskieren („Es ist Opa!“)?

Was die Befreiungsblockheads sonst noch schreiben, ist der übliche halbverdaute Phrasenbrei, den Tierbefreier eben bei jeder Gelegenheit wiederkäuen. Man dürfe die armen Tiere nicht nutzen, das sei „Diskriminierung“. Und schuld daran sei nur der Kapitalismus. Derlei Phrasen habe ich schon so oft aufgegriffen und besprochen, dass ich mich hier mit einer Kurzfassung begnüge. Wenn Tiere andere Tiere töten und nutzen dürfen, muss es das Tier namens Homo sapiens auch dürfen. Andernfalls würde es aufgrund seiner Artzugehörigkeit diskriminiert. Die Aktivisten können also nicht den Speziesismus beklagen und zugleich fordern, der Mensch solle andere Tiere nicht nutzen. Die Tierbefreier diskriminieren ihrerseits Tiere, indem sie ein paar Knuddelarten den anderen vorziehen – meist sogar mit dem expliziten Verweis, dass jene Arten („höhere Wirbeltiere“) so seien „wie wir“. Anthropozentrismus und Speziesismus in einem.

Was den Kapitalismus betrifft: Es wäre einmal interessant zu erfahren, wie die Aktivisten sich den Kommunismus oder irgend eine „freie Gesellschaft“ ohne effiziente Landwirtschaft vorstellen. Woher soll der Überfluss kommen, den Marx ja zur Bedingung einer neuen Gesellschaft gemacht hat? Aber solche Fragen zu beantworten, ohne noch mehr Phantasmagorien zu produzieren, ist natürlich zuviel verlangt von den Aktivisten. Die wollen nur ein bisschen Dissidenz spielen – die Suppe sollen schließlich andere auslöffeln. Und natürlich wollen diese Apostel niemanden diffamieren, nein, ganz gewiss nicht. Sie sind doch bloß gegen Ausbeutung von Tieren. Frage: Wenn sie dagegen sind, warum machen sie es dann? Dass sie nicht wissen, was sie tun, ist eine Ausrede, die nur für Tiere gilt – sofern sie nicht von Tierrechtlern zu mündigen Subjekten erklärt werden.

Kommet Zuhauf!

Wer weiter eine Landwirtschaft will, die in der Lage ist, die Menschen aller gesellschaftlichen Schichten mit hochwertigen und erschwinglichen Lebensmitteln zu versorgen, sollte sich am 16. Januar ab 9 Uhr 15 bei der Demonstration Wir machen Euch satt auf dem Berliner Washingtonplatz (direkt am Hauptbahnhof) einfinden! Es ist wichtig. So wichtig, wie kaum jemand ahnt. Streichelzoo-Landwirtschaft ist nur was für Narren.