Schaden Prognosen?

Manche mögen sich vielleicht fragen, warum man immer noch Leuten wie Christian Drosten glaubt, die nichts anderes produzieren als falsche Vorhersagen. Darauf antworte ich: Eben drum! Denn so weit ich sehe, schaden falsche Prognosen dem Ansehen von Personen dann nicht, wenn die Vorhersagen nur negativ und apokalyptisch genug sind. Sie können das Ansehen dieser Personen sogar beträchtlich erhöhen. Nur positive Prognosen mindern die Reputation von Personen, und zwar selbst dann, wenn sie richtig sind.

Dieser Fehler in der Matrix des menschlichen Geistes ist bemerkenswert, aber nun einmal ein Faktum. Es könnte am Ende doch ein evolutionärer Nachteil sein, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich die Zukunft auszumalen. Da sie zugleich ihr archaisches Angstsystem nicht unter Kontrolle haben, schaffen sie es vielleicht, sich aus purer Idiotie von der Erdplatte zu putzen.

Einladung zum Affentanz

Heute in meinem Postfach:

Wie man sieht, wird Unvoreingenommenheit hier groß geschrieben. Es „gilt gerade im Kontext der gegenwärtigen Krise“ wie auch in allen anderen Kontexten „einmal mehr“ das ewiggleiche Bla Bla über die Natur, von der der Mensch „existenziell abhängt“, obwohl er doch zugleich ein „Teil der Natur“ sein soll, demnach existenziell wenigstens zum Teil von sich selbst abhängen müsste. Dass es nur auf diesen Teil menschlicher Interdependenz ankommen könnte, ist im „Kontext“ offenbar nicht vorgesehen. Ich als „Teil der Natur“ weiß jedenfalls Besseres, als existenziell bei einem Zeit-Convent abzuhängen. Denn „einmal mehr“ steht hier das Ergebnis „ergebnisoffen“ von vornherein fest:

Die abscheuliche Massenhysterie, die sich „Corona-Krise“ nennt, in Wahrheit aber eine Endkrise des menschlichen Verstandes ist, wird mit den üblichen Wahnvorstellungen einer bevorstehenden Klimakatastrophe und „nachhaltiger Wirtschaft“ zu einem noch gewaltigeren Klumpen purer Ideologie zusammengeknetet. Auf die hochnotpeinliche Befragung der „Firmenvertreter“ seitens eingebundener NGOs darf man sich ebenfalls freuen. Ich weiß schon, was Unternehmen zu guten Unternehmen macht: solche, die alles gestehen, andere verpfeifen und sich nicht bei Investoren empfehlen, sondern bei Inquisitoren anbiedern.

Ich war auf zwei Zeit-Convents zum Thema „Agrar“. Beim ersten wurde ein Insektenmast-Versuch prämiert, beim zweiten eine Bruderhahn-Initiative, also zwei Varianten denkbar großer Energie- und Ressourcenverschwendung. Der Bauernverband gab gerührt seinen Segen; der anwesende Abgesandte verkündete ergriffen, dass Landwirte inzwischen gelernt hätten, Tiere als „empfindende Lebewesen“ zu betrachten. Bruderhähne zur Sonne, zur Freiheit! Ich nehme an, beim nächsten Convent wurde die Mast hochsensibler Pinguine in der Sahara und hochbegabter Quallen in der Wüste Gobi gepriesen.

Auf dem ersten Convent gab es wenigstens ausreichend kaltes Bier. Anders als betrunken konnte man vor allem das Geschwätz von Richard David Precht auch nicht ertragen. Doch selbst Bier gibt es „gerade im Kontext der gegenwärtigen Krise“ nicht mehr, denn der ganze Quark wird ja digital serviert. Und das auch noch auf intellektueller Sojabasis. Sorry nein, das lass ich sein. Wirklich existenziell ist bei allem nur die Frage, warum Konvent hier mit C geschrieben wird, aber Context, Clima und Crise nicht. Gerade in Zeiten selbiger. Denken Sie einmal darüber nach! Guten Abend.

Gott im Kochpott?

Die verzweifelte Frage aller Suchenden: Gott, wo bist du? Konnte jüngst geklärt werden. Wie die Erzdiözese Wien berichtet, hat man Gott zufällig in der Küche eines gewissen Karl-Heinz Steinmetz gefunden, der gleich nach seiner Erleuchtung einen Artikel mit der Überschrift Gott zwischen den Kochtöpfen – Ethik der Ernährung verfasste.

Aus den verkrusteten Herdplatten gebot Gott seinem Metz in die Tasten zu meißeln, dass der Mensch mit Hilfe von Fair Trade, Tierschutz und ökologischem Landbau einen gottgefälligen Weg einschlagen könne. Die nächsten Schritte zur Seligkeit seien dann unter anderem: „Der regelmäßige Besuch eines Wochenmarkts, der Kauf von Eiern aus Bodenhaltung“ sowie ein „paar Euro mehr für einen ehrlichen Winzer vor Ort.“

Das klingt zwar himmlisch einfach, doch auf Erden sind die Dinge teuflisch kompliziert: Ökologischer Landbau verschwendet weit mehr von Gottes schöner Fläche als der konventionelle. Im ökologischen Landbau werden oft stärkere Gifte eingesetzt, die Tiere haben oft einen schlechteren Gesundheitsstatus und krepieren häufiger. In der Bodenhaltung von Legehennen kann sich – im Gegensatz zur Haltung in ausgestalteten Käfigen – keine feste Rangordnung ausbilden, sodass es häufiger zu Rangordnungskämpfen mit teilweise schweren Verletzungen kommt.

Beim Fair Trade handelt es sich meist um glatten Betrug. Die Verbraucher stehen vorm Dickicht der Etiketten wie Moses vorm Dornbusch und grübeln verzweifelt, was den Besuch von Wochenmärkten gottgefälliger macht als den Besuch von Lichtspielhäusern oder Fußpflege-Studios. Auf der Suche nach einem Winzer vor Ort müssen sie länger pilgern als auf dem Jakobsweg, denn für 99 % der Weltbevölkerung dürfte selbst der Weg zu Gott erheblich kürzer sein.

Um all diese Gebote zu erfüllen, benötigen die Gläubigen daher neben einem überquellenden Zeitbudget auch ein überquellendes Bankkonto und ein überkandideltes Nervenkostüm. „Seien Sie kreativ und entdecken Sie den persönlichen Beitrag, den Sie im Alltag leisten möchten und auch können“, fordert Steinmetz, der eine Ausbildung in klassischer Homöopathie hat und die Venia legendi für das Fach Spiritualitätsforschung besitzt. Auf seiner Seite ArcAnime. Arche der Seele schreibt er unter anderem über „Rosenölsalbung“, „Wiederentdeckung der Bürste“ und „Zimtgeheimnisse in Bibel und Vatikan“.

Warum konnte er nur seine Zinnobergeheimnisse über ethische Ernährung nicht für sich behalten? Weil „die biblische Schöpfungsgeschichte […] den Menschen darauf hin[weist], dass er für die ganze Schöpfung – seine Mitmenschen, Tiere und Natur – eine gewisse Mitverantwortung hat.“ Die Frage, wie der Christenmensch für die gesamte Schöpfung auch nur den Hauch einer Verantwortung haben kann, wo doch der Schöpfer allmächtig ist, hat der Kochpott-Gott seinem Entdecker nicht beantwortet.

Fazit: „Gott kann besser als wir denken, alle Not zum besten lenken“, heißt es in einem Bachchoral. Im Omnibus des Lebens sollten die Reisenden dem Fahrer also nicht ins Lenkrad greifen – sonst überschlägt sich der Karren und landet mitten im Quatsch.

Auf dem Weg zum Agrarende

Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), am 29. September 2016

Landwirtschaft nur noch für’s Auge?

Landwirtschaft, die dem Zweck dient, alle Bürger mit erschwinglichen und zugleich hochwertigen Produkten zu versorgen, steht in Deutschland als solche zur Disposition. Wenn nicht noch Einschneidendes passiert, wird sie wohl Schritt für Schritt durch eine hoch subventionierte Mischung aus Agrarmuseum, Ökospielwiese und Streichelzoo ausgetauscht. Das sieht von Weitem schön aus, ist aber so wirtschaftlich und nachhaltig, wie wenn man Hochöfen mit Geldscheinen befeuert.

Da die Bürger einfach nicht machen, was sie in Umfragen behaupten zu tun – nämlich ökomoralisch unter tierethischen Klima-Gesichtspunkten einzukaufen –, werden sie nach der vielbeschworenen Agrarwende scharenweise zu preiswerter Importware greifen. Dies wird der sogenannten Zivilgesellschaft in Gestalt von Greenpeace, Heinrich-Böll-Stiftung, Hofreiter, Habeck, Hendricks und Co. sowie den öffentlich-rechtlichen Moralanstalten ein steter Dorn im Auge bleiben.

Futtermittelimport gilt ihr zum Beispiel als verwerflich, weil Futterhändler, wenn Sie Soja importieren – Achtung Ironie! – Dritte-Welt-Ländern wie den USA, Brasilien oder Argentinien die Fläche rauben. Das nennt sich virtueller Landraub. Und wenn zum Beispiel deutsche Schweinemäster künftig Jungtiere mit kupierten Schwänzen aus Dänemark beziehen, weil wir überstürzt ins Kupierverbot hineinstolpern, wird von Aktivisten sicher bald die Parole vom virtuellen Ringelschwanzraub ausgegeben.

Merke: Reiche Länder, die sich so schöne Dinge wie die Würde der Kreatur oder die Mitgeschöpflichkeit in ihre Verfassungen schreiben, die Agrarwenden ankurbeln und Tierhaltungswenden veranstalten, werden keine Moral,- sondern Importweltmeister. Oder es sie schotten sich vom Weltmarkt ab. Dann verwalten sie ihren selbstfabrizierten Mangel und drohen, zu Diktaturen zu werden.

Der pure Wahnsinn

Die hiesige Diskussion über Landwirtschaft und Ernährung ist hoffnungslos irrational. Es wird ihr auch künftig kaum Vernunft mehr einzublasen sein, denn sie steht unter einem unguten ideologischen Stern. Die verschiedenen Debatten treiben allesamt ganz von selbst auf ihren Fluchtpunkt zu: die Abschaffung der Landwirtschaft.

Die Idee, Landwirtschaft zu betreiben, meint der weltberühmte Biologe Jared Diamond, sei der schlimmste Fehler der Menschheitsgeschichte gewesen. Damit steht Diamond nicht allein, sondern spricht einen mehr oder weniger offen artikulierten Konsens aus: nämlich, dass der Mensch ein Schädling des Planeten, der Natur sei. Die Natur, verstanden als das, was ohne menschliches Wirken von selber existiert, gilt heute allgemein als Inbegriff des moralisch Guten. Die unbefleckte Natur ist nicht nur sauber, sondern rein wie die Jungfrau Maria.

Warum wohl fordern so viele Leute vehement eine ineffiziente Landwirtschaft ohne synthetischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, ohne Gentechnik selbstverständlich, gar ohne Viehhaltung? Weil die Leute das Gute wollen, und das Gute ist ihrer Meinung nach eben eine Welt mit möglichst wenig menschlichen Eingriffen in die Natur. Folgt man diesem Reinheitsgebot: Was wäre demnach der beste aller möglichen Weltzustände? Ein Weltzustand ohne Menschen. Logisch.

Da kaum jemand mehr Ahnung von Landwirtschaft hat, glauben die Leute, man könne die Weltbevölkerung allein mit bunten Blümchen auf Magerwiesen ernähren oder indem man den Weltverdauungsverkehr regelt. Wir brauchen doch die ganze Technik und Chemie nicht, denken sie. Und die armen Tiere müssen wir auch nicht essen. Wer braucht schon noch Erträge, wer braucht schon sichere Ernten? Niemand. Das Manna fällt vom Himmel, wenn wir nur der Naturgottheit das Opfer unseres eigenes Verstandes bringen. Außerdem essen wir sowieso zu viel und unsere Tellerchen nicht leer. Und wenn wir das Tellerchen nicht leer essen, gibt es morgen kein schönes Klima.

Glorifikation des Mangels

Den Wenigsten dürfte allerdings bewusst sein, dass sie mit der puren Natur zugleich den puren Mangel glorifizieren. Denn Mangel ist der bestimmende Zustand der nicht vom Menschen modifizierten Natur. Die Verklärung des Mangels drückt sich im allgegenwärtigen Malthusianismus aus, also jener Theorie, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht mithalten könne (Grenzen des Wachstums). Zusammen mit der stets herbeiphantasierten Apokalypse entsteht die gefährlichste Mischung, die es überhaupt gibt. In seinem Buch Black Earth warnt der Historiker Timothy Snyder: »Wenn sich am Horizont eine Apokalypse abzeichnet, scheint es sinnlos zu sein, auf wissenschaftliche Lösungen zu warten, dann muss natürlich gekämpft werden, dann kommt die Stunde der Blut-und-Boden-Demagogen.« Wenn nebenwirkungsblinde Theoretiker und Moralapostel das Ruder übernehmen, hat das letzte Stündlein des Rechtsstaats bald geschlagen.

Tierschutzlabels für die Katz

A propos arme Tiere: Dass die Viehhalter mit Tierwohl-Initiativen aus der Defensive herauskommen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Anti-Fleisch-Propaganda wird auch dann nicht aufhören, wenn wir ein milliardenschweres staatliches Tierschutzlabel haben. Die Folge ist nur, dass Menschen als minderwertig abgestempelt werden, die noch Standardware kaufen und produzieren. Dabei können sich bereits heute allein in Deutschland über sechs Millionen Menschen aus finanziellen Gründen nicht mehr ausreichend mit eiweißreicher Nahrung und tierischem Eiweiß versorgen, vier Millionen Menschen können ihre Wohnungen nicht mehr angemessen heizen.

Heutzutage setzen die von den Medien hofierten Tierrechtler den Maßstab. Tierrechtler wollen die Nutztierhaltung nicht verbessern, sondern komplett abschaffen. Die tierrechtliche Botschaft ist ebenso einfach wie scheinplausibel: Wir müssen keine Tiere essen, weil wir auch Pflanzen essen können. Wenn wir dennoch Tiere essen, sind wir Unmenschen, die nur um des Genusses willen moralisch hochwertige Mitgeschöpfe killen. Verbesserte Haltungsbedingungen sind für Tierrechtler Theresienstadt, die Standardhaltung gilt als Eternal Treblinka. »Tieren auf dem Bauernhof mehr Raum, mehr natürliche Umwelt, mehr Gefährten zu geben, macht aus dem fundamentalen Unrecht kein Recht. Nur die völlige Abschaffung der Nutztierhaltung kann das wieder gutmachen«, schreibt der Philosoph Tom Regan. Er ist die Ikone der Tierrechtler, nicht irgend jemand: sondern hoch angesehener, berühmter Professor. Während wir noch über den Ringelschwanz debattieren, ist in der Ethik schon längst von Pflanzenwürde, Ehrfurcht vor Ökosystemen, Flüssen, Wäldern und Meeren die Rede. In ihrem Buch Zoopolis erklärten Sue Donaldson und Will Kymicka Tiere zu vollgültigen Staatsbürgern, mit Bürgerrechten und allem Drum und Dran. Das Werk wurde in der akademischen Welt sehr positiv aufgenommen, obwohl es sich für den Laien lesen mag wie eine Satire von Jonathan Swift.

Die Tierrechtsorganisationen und –autoren machen den öffentlichen Druck und berufen sich explizit aufs Tierschutzgesetz, das leider 1986 und 2002 entscheidend verunstaltet worden ist. 1986 kam das »Mitgeschöpf« hinein, dessen Leben und Wohlergehen zu schützen sei (§ 1, 1), 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Beides fatale Missgriffe, die der Willkür von Tierrechts- und Umweltschutzorganisationen Tür und Tor öffnen. Auch diesen Entscheidungen haben es die Landwirte zu verdanken, dass immer mehr selbsternannte Tierbefreier unangemeldet ihre Ställe »besuchen«.

Die populäre Tierrechtlerin Hilal Sezgin schreibt in ihrem neuen Buch »Wieso? Weshalb? Vegan!« zum Thema Tierwohl: »Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil es ganz lausige Lebensbedingungen sind, die man minimal verbessert, um sich dann so ein Siegel zu verdienen […] Es gibt sogar ein Siegel vom Deutschen Tierschutzbund, das angeblich dafür bürgt, dass es den Tieren dort etwas besser ergangen sei als in anderen Ställen – bis man sie tötete. Ich finde, keine Sorte Fleisch verdient ein Tierschutzlabel. Denn wenn ein Tier im Alter von wenigen Wochen oder Monaten auf einem Teller landet, wurde es offensichtlich nicht gut geschützt, sonst wäre es nicht tot.«

Tierschützer, die das menschliche Interesse an hochwertiger Nahrung noch mitberücksichtigen, haben in dieser Logik gar nichts mehr verloren, denn der Mensch ist nicht mehr Teil der Gleichung. Der soll ja zurück ins Glied und sich in der Nahrungskette gefälligst wieder hinten anstellen. Tierschützer, die zu eng mit der bösen Agrarindustrie zusammenarbeiten, werden als Kollaborateure wahrgenommen und bekommen weniger Spenden.

 Höfesterben

Die Grünen und zahlreiche NGOs beklagen ebenso lautstark wie scheinheilig das sogenannte »Höfesterben«, obwohl sie es mit ihren Auflagen und der Förderung von Bioenergie selbst vorantreiben. Sie fordern kleine Einheiten, weil sie wissen, dass diese nicht einfach wiederkommen, wenn die großen Ställe verboten sind. »Dass die kleinen Ställe wieder rentabel werden, ist so unwahrscheinlich wie das Wiederauferstehen kleiner Tageszeitungen, des Bleisatzes samt Setzern und kleiner Druckereien«, schreibt der Agrarstatistiker Georg Keckl.

Und nun bitte ich Sie, hier einfach Eins und Eins zusammenzuzählen! Ein amtierender, grüner Landwirtschaftsminister, nämlich Robert Habeck, hat bereits öffentlich verkündet, dass es keine moralische Rechtfertigung mehr gebe, Tiere für die Fleischproduktion zu töten. Zugleich ziehen er uns seine Parteifreunde gegen das »Höfesterben« zu Felde, in dem Wissen, dass die kleinen Höfe von Anno dazumal allenfalls noch zur Verschönerung der Landschaft taugen werden (das meinte ich vorhin mit »Agrarmuseum«). Die Schlussfolgerung ist glasklar: Am besten soll es in Deutschland nur noch Naturflächen geben. Der erste Schritt dazu ist, die Äcker im Dienste der vergotteten Biodiversität so verunkrauten und verschimmeln zu lassen, dass sie keine Erträge mehr liefern, und dies als Dienst am Gemeinwohl auszugeben. Die von Umweltverbänden heilig gesprochenen Wildgänse und Wölfe erledigen dann den Rest.

Meine Damen und Herren! Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass es in der öffentlichen Debatte nicht darauf ankommt, was Sie meinen oder wollen. Ihr Wort hat keinerlei Gewicht. Sie haben es vielleicht noch nicht gemerkt, aber Sie sind bereits verurteilt. Sie brauchen sich nicht mehr zu rechtfertigen. Sie müssen den Verbrauchern auch nichts erklären, denn Mangel an Wissen ist nicht das Problem. Die Leute wissen bereits alles: Mensch böse, Natur gut. That’s it. Alle, die echte Landwirtschaft statt Spielzeuglandwirtschaft betreiben, sind Opfer einer geschlossenen Ideologie, einer zirkulären Logik und Adressat von widersprüchlichen Forderungen der Kategorie »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«. In dieser Konstellation können sie nicht gewinnen. So lange Sie im Rechtfertigungsmodus bleiben, werden Sie nicht aus der Defensive herauskommen. Schlimmer noch – Sie werden aufgerieben. Fassen Sie bitte ins Auge, dass das der Sinn der ganzen Veranstaltung ist.

Lass das mal den Toni machen?

Anton Hofreiter will Grundsätze über Maßstäbe stellen.

Anton Hofreiter hat ein Buch geschrieben. Ich habe bei Amazon nur einmal kurz in die Vorschau geguckt – und wurde nicht enttäuscht:

Beim Umgang mit Tieren darf es kein Diktat der Kosteneffizienz geben […]. Es gibt ein eigenes Tierschutzgesetz, das besagt, dass keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfe. Doch welchen Grund gibt es für das Kükenschreddern, als einen rein ökonomischen? Ist das ein vernünftiger Grund? Ganz klar nein. Es kann nicht sein, dass jedes Jahr 45 Millionen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, weil sie schlicht unrentabel sind. Das ist Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen. Und das müssen wir umkehren.

Dass rein ökonomische Gründe unvernünftige Gründe seien, ist eine bizarre Ansicht. Wer das ökonomische Prinzip anwendet, handelt rational, da Güter knapp sind. Effizienz ist der Quotient aus Ergebnis und Aufwand. Die Grünen berufen sich ständig selbst auf dieses Prinzip, zum Beispiel, wenn sie gegen die Verschwendung von Ressourcen oder Lebensmitteln protestieren.

Nicht nur bei der Konsumtion, sondern auch bei der Produktion von Lebensmitteln sollte nichts verschwendet werden. Bruderhähne zu päppeln ist jedoch pure Verschwendung. Auch die männlichen Geschwister von Bio-Legehennen werden nicht älter als einen Tag. Der Grund ist hier derselbe wie dort: Weil bei den Spezialrassen weniger Futter pro Ei und pro Kilo Fleisch verbraucht werden. Höbe man nun noch das unsinnige Tiermehlverbot auf, könnte man alle Eintagsküken ans Vieh verfüttern.

Im Übrigen ist „Kükenschreddern“ kein angemessener Begriff für die gängige Praxis in Deutschland. Die Eintagsküken werden vor ihrem Tod mit Kohlendioxid betäubt. Die vollständigen Kadaver werden dann u.a. an Zoos, Falknereien oder Heimtierhalter verkauft. Nur die nicht lebensfähigen Exemplare in Brütereien werden tatsächlich „geschreddert“.

Für das Oberverwaltungsgericht Münster ist die effiziente Eierproduktion jedenfalls sehr wohl ein vernünftiger Grund. Das juristische Informationsportal Rechtsindex referiert die Urteilsbegründung des Gerichts vom 20. Mai 2016 folgendermaßen:

Die Tötung der Küken sei daher Teil der Verfahren zur Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch. Die wirtschaftliche Gestaltung dieser Verfahren sei für die Brütereien als Erzeuger der Küken unvermeidbar. Hiervon seien auch die für den Tierschutz verantwortlichen staatlichen Stellen über Jahrzehnte hinweg unter Gel­tung des Tierschutzgesetzes einvernehmlich mit den Brütereien ausgegangen.

Das von Hofreiter als Diktat der Kosteneffizienz gebrandmarkte ökonomische Prinzip, welches bei der Eierproduktion angewendet wird, hat u.a. den gesellschaftlichen Nutzen, dass sich auch die wenig zahlungskräftige Bevölkerung hochwertige Nahrungsmittel leisten kann. Die Grünen sind aber eine Partei der Besserverdienenden. Diese kann selbstverständlich nicht dulden, dass jeder Prolet einfach Eier in die Pfanne schlägt, ohne sie zuvor von grünen Glucken teuer erbettelt zu haben. Deshalb bewirft Hofreiter das uneinsichtige Volk nun mit faulen Ethik-Eiern.

Maßstäbchen und Grundsätzchen 

Das ist Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen.

Wie kann ein Maßstab über einem Grundsatz stehen? Diese Frage hat sich Hofreiter offenbar nicht gestellt. Maßstab ist allerdings ein gutes Stichwort: Wäre nämlich Hofreiters Ethik maßstabsgerecht, müsste er dafür plädieren, seine innig geliebte Biohaltung sofort abzuschaffen. Denn in der Biohaltung haben die Tiere im Schnitt einen schlechteren Gesundheitsstatuts als in der konventionellen – und zwar aufgrund der Biovorschriften.

Bioschlachttiere haben mehr Würmer, Lungenentzündungen, Leberschäden. Bioschweine haben mehr Knochenbrüche und weit höhere Ferkelverluste als konventionelle. Sie leiden beträchtlich unter der schlechten Futterversorgung mit eiweißarmem Futter von stickstoffarmen Böden. Freigang von Hühnern ist im ökologischen Landbau vorgeschrieben und mit höherem Krankenstand und höheren Todeszahlen verbunden als Käfig- bzw. reine Stallhaltung.

Warum plädiert Hofreiter nicht dafür, den Hermannsdorfer Landwerkstätten – einem Bio-Vorzeigebetrieb mit bis zu 63 % Ferkelsterblichkeit pro Wurf – die Tierhaltung zu verbieten? Wie sieht es aus mit dem Kupierverbot bei Schweinen? Gibt es einen vernünftigen Grund, das Schwanzbeißen zu fördern (dieses kommt in jeder Haltungsform vor)? Gibt es einen vernünftigen Grund, mit der Ebermast auch das Penisbeißen zu fördern (ein natürliches Verhalten übrigens)? Gibt es einen vernünftigen Grund, die Tiere im Krankheitsfall nicht angemessen zu behandeln, sondern es erst mit homoöpathischen Mitteln zu versuchen (EU-Bioverordnung Art. 14 e 2)? Nein. Es sind rein ökonomische Gründe, nämlich die Angst, mit dem Verlust des Biostatus einen weit geringeren Preis für die Produkte zu erzielen.

Perversitäten 

Katze beim vorschriftsmäßigen Vögelschreddern. Vernünftiger Grund? Fehlanzeige!

Man sieht: Hofreiter hat gar nichts gegen Tierleid als solches. Er hat nur etwas gegen Ökonomie, Industrie und „pervertierte Systeme“. Doch was wurde durch die Praxis pervertiert, männliche Küken zu töten? Landwirtschaft und damit auch die Eierproduktion dienen dem Zweck, Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dieser Zweck ist weder durch Effizienz noch durch Industrie noch durch Eintagsküken pervertiert, also ins Gegenteil verkehrt oder verfälscht worden. Er wird heute besser erfüllt denn je.

Hofreiter und Die Grünen wollen dies nun ändern. Sie wollen die Landwirtschaft mit Hilfe einer wirren Naturethik zweckentfremden, indem sie zum Beispiel die Artenvielfalt über die Ertragseffizienz stellen. Dabei ist der größte Artenkiller nicht die Landwirtschaft, sondern die Natur selbst. Die Grünen pervertieren die Landwirtschaft, nicht die Eierproduzenten.

Die wörtliche Übersetzung von pervers lautet widernatürlich. Doch für ein Huhn ist es ganz natürlich, bereits als Ei oder Küken getötet zu werden. Ebenso wie es für Arten ganz natürlich ist, auszusterben. Die meisten Wildhühner leben in Kleingruppen von etwa zwanzig Hennen und einem Hahn. Was passiert mit den vielen überzähligen Junghähnen? Sie werden vertrieben und landen rasch in den Mägen der Beutegreifer. Wer natürliche Verhältnisse für Hühner will, muss genau das machen, was in freier Wildbahn auch geschieht: die überflüssigen Männchen aussieben. Der Ausdruck Perversion ist also fehl am Platz.

Hätte Hofreiter tatsächlich etwas dagegen, dass Tiere aus unvernünftigen Gründen gequält und getötet werden, müsste er sich zuerst für die Abschaffung fleischfressender Heimtiere einsetzen. Freilaufende Katzen schreddern Milliarden Vögel und Kleinsäuger, ohne sie vorher zu betäuben. „Vermutlich fallen jedes Jahr mindestens zehnmal mehr Felltiere und Vögel unserer Katzenliebe zum Opfer, als bei biomedizinischen Experimenten verwendet werden“, bemerkt der Psychologe Hal Herzog, führender Experte auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehungen. Katzen werden übrigens sehr gerne von ihren Besitzern mit Eintagsküken gefüttert. Diese munden Miezi ganz hervorragend. Hunde sind ebenfalls nicht zimperlich beim Jagen. Das alles geschieht nur, weil Menschen Heimtiere für ihren emotionalen Haushalt missbrauchen. Hier stehen irrationale Maßstäbe über ethischen Grundsätzen. Und das müssen wir umkehren.

Fazit

Bruderhahn Toni wird aufgrund seines halbherzigen Ethik-Gegackers bereits jetzt von TierrechtlerInnen wie Hilal Sezgin in den Orkus geschreddert, und das geschieht ihm ganz recht. Da Biohaltung keineswegs mehr Tierwohl bedeutet, bleibt in dieser Logik als Konsequenz nur noch die Abschaffung der Nutztierhaltung. Robert Habeck ist da viel cleverer: Er hat bereits für die Zeit nach dem Fleischverbot mental vorgesorgt. Habeck wird daher bestimmt mal der grüne Obergockel von Deutschland. 

Lass das mal den Toni machen? Lieber nicht.