BSE–Spätfolgen im TV

Nach Baywatch, A-Team und Dalli-Dalli wird nun ein weiterer TV-Kult neu aufgelegt: Liebling, ich habe die Hirne geschrumpft mit ihrem beliebten Hauptdarsteller Creutzfeldt-Jakob. Die Daily-Soap über bovine Schwammköpfe war Anfang des Jahrtausends ein echter Straßenfeger. Weil Journalisten ständig verwirrte Wiederkäuer vor die Kamera zerrten, mussten damals sogar zwei Minister ins Real-Life zurücktreten. Das Drama wirkte so lebensecht, dass die Leute noch heute um ihre Gehirne bangen, sobald die Buchstaben B und S hintereinander genannt werden. Verdi-Chef Bsirske kann ein Liedchen davon singen. 

Spongebov mit Prionen

Damit die Menschen nicht weiter die Realität mit der Wirklichkeit verwechselten, machte die Europäische Union irgendwas. Im Jahr 2001 verbot sie die Verfütterung von Tiermehl an das liebe Vieh. Seitdem sind Hühner und Schweine als Allesfresser not amused, weil sie statt mit hochwertigem Tiermehl nun mit Sojaschrot gefüttert werden. Dass die vielbeklagten EU-Importe von Sojafutter zugenommen haben, liegt zum großen Teil am Tiermehlverbot.

Mehl 4U

Dabei ist die Verfütterung von Tiermehl an sich völlig unbedenklich. Die tierischen Restkörper werden schließlich kräftig druckerhitzt, bevor sie als Futter dienen. „Die Anforderungen (133 Grad Celsius, 3 bar über 20 Min.) gewährleisten auch die Inaktivierung der äußerst hitzestabilen Erreger der BSE“, heißt es in dem Fachbuch Nutztiere in der Lebensmittelkette. Großbritannien pflegte damals allerdings das typisch britische Understatement und erhitzte die Tierkörper nur bei 95 Grad. Dass diese Praxis aber Ursache der BSE-Katastrophe gewesen sei, ist nicht besonders plausibel. Udo Pollmer und seine Mitautorinnen schreiben in ihrem Buch Wer hat das Rind zur Sau gemacht:

Auch auf dem Höhepunkt der Seuche lieferten die Briten ihr BSE-Pulver noch in alle Welt, Hunderttausende Tonnen gelangten nach Indonesien, Thailand, Frankreich, Russland, Schweden, Indien und Saudi-Arabien. Doch die erwarteten Massenausbrüche blieben aus. Besonders infektiös kann das britische Tiermehl also nicht gewesen sein.

Pollmer, Keckl, Alfs machen überdies in Kapitel 14 von Don’t Go Veggie darauf aufmerksam, dass wir Menschen Knochen, Innereien und andere Reste selbstverständlich weiterhin verzehren dürften. Der Mensch „kann aus Knochen Suppe kochen oder sich eine Leber mit Apfelscheiben und Zwiebeln braten. Aber die Verfütterung an Schweine ist verboten.“ Auch werden Katzen und Hunde nach wie vor mit solchen Zutaten ernährt. Nur das Vieh wird daran gehindert, diese hochwertigen Bestandteile der Schlachtkörper zu genießen. 

Ein Fressen für’s Geseier

Vorsicht ist bei der Nahrungsaufnahme die Mutter der chinesischen Porzellankiste.

Da nun die EU erwägt, diese Tierdiskriminierung zu beenden und das Tiermehl als Futter wieder zuzulassen, kommt es zu einem kleinen Remake der damaligen Erfolgsserie. Die Medien werfen dem empörungswilligen Stimmvieh ein paar olle Kammellen vor, und dieses dreht erwartungsgemäß durch. Die ARD beispielsweise nimmt ihren Bildungsauftrag wieder besonders ernst, indem sie mit Bildern von mampfenden Rindern auf ihren Videobeitrag hinweisen. Dabei soll das Tiermehl nur für Hühner und Schweine zugelassen werden: Schweine sollen Hühnermehl und Hühner Schweinemehl fressen dürfen. Wiederkäuer gucken in die Röhre.

Auf Facebook tobte sich allerdings der aufgeklärte Bürger mit seinem Spezialwissen aus. Es sei pervers, widernatürlich und krank, „reine Pflanzenfresser“ mit Tiermehl zu füttern, unsere Profitgier führe uns in den Abgrund, der Mensch sei doch das schlimmste Tier usw. usf. Zum Glück sind auf Facebook auch ein paar Landwirte und Landwirtschaftsjournalisten unterwegs, die in den Kommentaren Aufklärungsarbeit leisteten. Sie konnten eine Facebook-Epidemie wutbürgerlicher Hirnerweichung gerade noch im Keim ersticken.

Mir persönlich lag es sehr am Herzen, die Leute darüber in Kenntnis zu setzen, dass auch die lieben Wiederkäuer scharf auf tierisches Eiweiß sind und gerne kleine Tiere verspeisen. Wer es nicht glaubt, kann sich auf youtube u.a. dieses Video ansehen. Komisch, die Leute sind doch sonst so youtube-gebildet. Ich habe das gezeigte Verhalten übrigens auch öfter selber beobachtet, als ich noch Rinder gehütet habe.

Fazit

Die erneute Zulassung von Tiermehl wäre ein Akt der Vernunft. Sie würde erstens der gigantischen Verschwendung wertvoller Teile des Schlachtkörpers Einhalt gebieten, zweitens bei Hühnern und Schweinen zu mehr Tierwohl führen. 

Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Landwirte und Agrarfachleute sich in die sozialen Netzwerken begeben und dort kommentieren. Wenn sie der Desinformation etwas entgegensetzen wollen, dann sollten sie es auf den Facebook-Seiten von Sendern oder Politikern tun, die öffentlich Unsinn verzapfen. Dies lesen nämlich viele Menschen, die noch mit Argumenten erreichbar sein könnten. 

 

Ungezogene Verbraucher

Quo vadis Qualität?

In der Podiumsdiskussion im Forum Moderne Landwirtschaft, an der ich teilgenommen habe, musste ich mehrfach ein lautes Lachen unterdrücken, weil einige Teilnehmer so angestrengt darüber rätselten, warum der Verbraucher nicht das kaufe, was die betreffenden Teilnehmer für qualitativ hochwertige Lebensmittel halten.

Dabei ist die Erklärung simpel: Das, was die Herren Müller, Stellpflug sowie Kaisers‘-Chef Tuchlenski für hochwertige Lebensmittel halten, sind in Wirklichkeit keine besonders hochwertigen Lebensmittel. Im besten Falle sind sie mit den preiswerten gleichwertig. Deshalb kaufen Verbraucher eher die preiswerten Waren. Was sie in Umfragen antworten, spiegelt die gesellschaftliche Ideologie wider, nicht das, was sie wirklich tun. Nur der „kritische Verbraucher“ nimmt das, was in Ökotest steht oder von Foodwatch, Greenpeace und Co. verbreitet wird, für bare Münze, und entscheidet sich oft für überteuerte Minderware. 

Arme Schweine!

Verbraucherschützer bei der Erziehungsarbeit

Ökoschwein vor der Zwangsbeglückung

Ich habe in der Runde mehrfach darauf hingewiesen, dass Produkte aus biologischem Anbau – bis auf die „Biodiversität“ an Unkräutern – nicht besser sind als konventionell erzeugte, sondern in mancherlei Hinsicht sogar schlechter abschneiden. Den Herren war dies nicht bekannt, und sie empörten sich entsprechend. Ich legte dar, dass sich zum Beispiel Bioschweine oft in einem miserablen Gesundheitszustand befinden und es daher kein Wunder ist, dass Bioschweinehalter wieder auf konventionell umstellen.

Darauf konterte Herr Tuchlenski mit einem wohl von Kaisers-Tengelmann unterstützen Projekt, wo Schweine in Freilandhaltung „nur mit Äpfeln gefüttert“ werden, wie Tuchlenski stolz betonte. Damit hatte er die Lacher des fachkundigen Publikums auf seiner Seite. Verbraucherschützer Müller und „Verbraucherschützer“ Stellpflug sowie der Kaisers‚-Chef selbst fragen sich indes vielleicht noch heute, was es da zu lachen gab.

Lassen wir sie ahnungslos sterben. Zuviel Fachwissen ist ungesund. Hoffen wir kontrafaktisch, dass die Zahl der Würmer in den Äpfeln die Zahl der Spulwürmer übertrifft, die die Schweine in den Lungen haben. Dass Schweine Omnivore sind und tierisches Eiweiß benötigen, hat sich zu den Herren noch nicht herumgesprochen. Durch das unsinnige Tiermehlverbot sind die Schweine  – wie die Hühner – schon jetzt weitgehend zu Zwangsvegetariern gemacht worden. Da sie in der Biohaltung zusätzlich noch unter der Eiweißarmut des Biofutters leiden, kann niemand ernsthaft behaupten, es ginge Bioschweinen im Schnitt besser als Konvi-Schweinen.* Was können aber die Verbraucher für den Kinderglauben der Verbraucherschützer? 

Fazit

Die Lebensmittel werden von den deutschen Landwirten so effizient produziert, dass sie trotz exzellenter Qualität sehr preiswert sind. Die niedrigen Preise sind daher kein Signal für niedrige Qualität. Letzteres weiß jeder Verbraucher aus Erfahrung – nur der „kritische“ nicht. Dass Red Bull keine Flügel verleiht, hält der „kritische Verbraucher“ für dreisten Betrug und fragt erbittert: Wem kann ich denn noch trauen?

Die Verunsicherung der Verbraucher wird indes von denen herbeigeführt, die vorgeben, letztere zu schützen. Die selbsternannten Verbraucherschützer bedienen ein Segment von Disktintionswilligen, denen es nicht behagt, dass sich die „Proleten“ hochwertige Nahrungsmittel wie Burger und Co. schmecken lassen. Deshalb muss eine Umerziehung schon bei den Kleinen stattfinden. In den Schulen wird ihnen eingehämmert, dass Burger minderwertige Nahrungsmittel seien, die Umwelt und Tiere vernichten. Statt dessen sollen die Kinder glauben, Gurken und Zucchini seien hochwertig, ökologisch korrekt und tierleidfrei. Verkehrte Welt!

Wer schützt die Kinder eigentlich vor den Verbraucherschützern?  

 

* Es gibt hervorragende Biolandwirte, die ihr Handwerk verstehen, und es gibt schlechte konventionelle Landwirte. Entscheidend für das Tierwohl ist in erster Linie das Können des Halters. Der Biolandwirt hat jedoch aufgrund vieler unsinniger Regelungen größere Hürden zu überwinden. Vieles kann daher auch der beste Biolandwirt nicht verhindern. Die höheren Ferkelverluste in der Schweinehaltung resultieren zum Beispiel daraus, dass Ferkelschutzkörbe nicht erlaubt sind. Dem Eiweißmangel des Futters ist ebenfalls schwer beizukommen usw.

 

Nur die Arten kommen in den Garten

Natura non facit Naturschutz

Jetzt kommt also die ultimative Naturschutz-Offensive 2020 von Umweltministerin Barbara Hendricks. Denn:

Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist leider ein Problem für die Natur.

Wenn mit Natur die Befindlichkeit von Frau Hendricks gemeint ist, mag das stimmen. Ansonsten ist der Natur die Landwirtschaft, die auf ihr betrieben wird, herzlich egal. Ihre bloße Faktizität macht sie erhaben. Sie ist cooler als der Pate.

Grünen-Sprecher Anton Hofreiter kann das aber nicht gelten lassen. Er meint daher ganz zu Recht, dass sie ein Artenkiller sei. Schließlich sind im Verlaufe der Evolution 99,99% aller Arten ausgestorben … Wie? … Hofreiter meint mit Artenkiller gar nicht die Natur, sondern die Landwirtschaft? Ist es zu fassen! Er will den kleinen Artenkiller beseitigen, weil er sich an den großen nicht rantraut. Typisch. Die Kleinen hängt man, den Großen kriecht man in den Hintern. 

 

Vertrauen in die Landwirtschaft

Immer wieder wird öffentlich behauptet, dass die Bürger wenig Vertrauen in die Landwirtschaft hätten. Doch das Vertrauen ist insgesamt anscheinend größer, als es in den Medien dargestellt wird. Irgendwie fehlt jedoch das Zutrauen der Leute, diese positive Bewertung auch offensiv gegen Kritiker zu verteidigen. Kommen ihnen die Veggies oder Ökos krumm, knicken sie meinem Eindruck nach sofort ein.

In jedem Fall scheint das Vertrauen der Bürger zu einer bestimmten Form der Landwirtschaft überhaupt nicht gestört zu sein. Wenn nämlich dem Wort „Landwirtschaft“ ein „Öko“ oder „Bio“ vorangestellt wird, legen auch kritische Bürger ihr Misstrauen schnell beiseite. Wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, werden Biobetrieben folgende Eigenschaften zugeschrieben:

[…] fortschrittlich, ökologisch, umweltfreundlich, qualitätsbewusst, eher aufs Allgemeinwohl bedacht, wichtig und ausgesuchte Qualität. Im Vergleich zu den Betrieben, die vermeintlich „wie alle“ Betriebe sind, gestaltet sich das „bio“-Image außerdem als ehrlicher und tierfreundlicher. Im Vergleich zu den Betrieben, die ein „traditionelles“ Image haben, zeichnet sich das „bio“-Image durch eine deutlich „bessere Zukunft“ aus.

Bio und Konvi sind keine Brüder

Wenn überhaupt, sind von einer Vertrauenskrise also diejenigen Betriebe betroffen, die nicht nach festgelegten (Bio-)Richtlinien wirtschaften und daher konventionell genannt werden. Dies sind in Deutschland etwa 92 % aller Betriebe. Die Begriffe „Ökolandwirt“ und „Konventioneller Landwirt“ gehören jedoch logisch nicht in dieselbe Kategorie. Ökolandwirte grenzen sich mithilfe charakteristischer Verbote von den anderen ab. Die anderen werden erst durch Ökolandwirte zu Konventionellen gemacht – genau wie die „Fleischesser“ erst durch Vegetarier zu solchen gemacht werden.

Mit dieser Abgrenzung und der damit verbunden Begriffswahl ist eine Wertung verbunden: Landwirte, die bezüglich der verwendeten Produktionsmittel und –verfahren prinzipiell völlig offen sind, erscheinen nun als diejenigen, welche in Konventionen verhaftet bleiben. Landwirte hingegen, deren Selbstverständnis auf strengen Konventionen (Ökovorschriften) beruht, erscheinen als unkonventionell und fortschrittlich.

Wird die nichtökologische Landwirtschaft als „herkömmlich“ bezeichnet, liegt die Assoziation nahe, dass sie von gestern ist. Der Nimbus der ökologischen Landwirtschaft beruht jedoch darauf, dass sie noch viel „herkömmlichere“ Verfahren anwendet. Moderne Praktiken wie Mineraldüngung, synthetischer Pflanzenschutz und Grüne Gentechnik sind im Ökolandbau verboten. Dessen Modernität besteht vor allem darin, dass er demonstrativ von vorgestern ist.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts (seit Liebig) bis heute wird von den Vertretern des Ökolandbaus als eine Art Irrweg angesehen bzw. müsste von ihnen als solcher angesehen werden, sofern sie des logischen Denkens fähig sind. Dass es sich dabei um eine beispiellose Erfolgsgeschichte handelt, kann nur verdeckt werden, indem man die pure Befürchtung, sie könne kein gutes Ende nehmen, als ausgemachte Tatsache hinstellt. Voraussetzung dafür ist wiederum eine apokalyptische und kulturpessimistische Weltanschauung, die alle auftretenden Probleme a priori als Zeichen des Niedergangs und nahenden Untergangs interpretiert, welcher nur durch radikale Abkehr vom Sündenpfad verhindert werden könne.

Konvis haben das Nachsehen

Durch die Bezeichnung „konventionell“ werden alle Landwirte, die sich nicht den Ökovorschriften fügen, strukturell in die Defensive gedrängt. Sie stehen heute als diejenigen da, die so weiter machen wollen wie bisher, obwohl eine Umkehr dringend erforderlich sei. Doch die Annahme, eine grundlegende Wende zum ökologischen Landbau sei dringend geboten, ergibt sich keineswegs aus einer sachlichen Interpretation der Fakten selbst, sondern ist Ausdruck von Denkmustern, die den Blick auf die Fakten präformieren bzw. trüben.

Diese Denkmuster sind es, die infrage gestellt werden müssen, denn sie sind dafür verantwortlich, dass das Image der konventionellen Landwirtschaft leidet und das Vertrauen in sie schwindet. Das Image der konventionellen Landwirtschaft ist um so schlechter, je besser sie ist. Wenn es den Leuten sehr gut geht, fangen sie an zu mäkeln. Es treten dann Gruppen auf den Plan, die jenen Überdruss für sich ausnutzen und den Leuten Flausen in die Köpfe setzen.

Apokalypse No!

Es ist abenteuerlich, eine Landwirtschaft, die auf synthetischen Pflanzenschutz und Kunstdünger verzichtet, zum Goldstandard zu erklären. Allein 20 % aller Ernteverluste gehen aufs Konto mangelhaften Pflanzenschutzes. Effiziente landwirtschaftliche Produktion ist auch in Zukunft unabdingbar. Die Produktivität muss weiter steigen, um auf begrenzten Flächen die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren. Synthetischer Pflanzenschutz und Mineraldüngung stellen sicher, dass die Erträge kaum schwanken und weiter steigen. Grüne Gentechnik kann erheblich dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Die Lebensmittel hatten hierzulande noch nie eine so gute Qualität wie heute und konnten noch nie mit weniger Risiko genossen werden als heute. Dies verdanken wir weder dem Biolandbau noch Foodwatch noch Greenpeace, sondern einer modernen Landwirtschaft, die nicht stolz auf ihre Unterlassungen ist. Daran zu erinnern und den apokalyptischen Schleier zu lüften, der die Kritik an moderner Landwirtschaft bestimmt, wäre ein erster Schritt, Vertrauen zurückzugewinnen.

Artgerecht, selbstgerecht, ungerecht

In einem aktuellen Vortrag über Ethik und Ernährung erläutert der Philosoph Julian Nida-Rümelin etwa eine Stunde lang mit gedanklicher Klarheit und guten Argumenten, dass Menschen anderen Menschen in Fragen der persönlichen Lebensführung möglichst wenig reinreden sollten. Bezüglich der Ernährung macht er zu Recht auf den katastrophalen Zustand der Ernährungswissenschaft und die Sinnlosigkeit von Diäten aufmerksam. Ebenso wendet er sich gegen Versuche von Versicherungen, über Prämiensysteme die Menschen zu einem bestimmten Verhalten anzuhalten, das angeblich gesund ist. Seine Bemerkungen zu Puritanismus und Katholizismus sind ebenfalls erhellend.

Nida-Rümelin betont zu Beginn, es sei Aufgabe eines Philosophen, begriffliche Klarheit zu schaffen. Dies gelingt ihm etwa eine Stunde lang sehr überzeugend. Als es dann aber um die Frage des Fleischkonsums geht, vernachlässigt er plötzlich seine Aufgabe und verwendet unreflektierte Begriffe. Das Niveau des Vortrags sinkt rapide, und man gewinnt den Eindruck, dass Nida-Rümelin sich zu einseitig über das Thema informiert hat. Von Landwirtschaft und Tierhaltung scheint er tatsächlich wenig Kenntnis zu haben, kommt aber trotzdem zu sehr dezidierten Urteilen, die Anlass zur Sorge geben.

Ein Beispiel: Etwa ab 01:04:00 versucht Nida-Rümelin einen allgemeinen Konsens bezüglich der Tiernutzung zu formulieren. Er glaubt, alle könnten sich darauf einigen, dass „Fleischkonsum nur moralisch zulässig ist, wenn die Tiere, die dafür gehalten werden, artgerecht gehalten werden.“ Auch „begeisterte Fleischesser“ müssten zustimmen können, dass ihr Konsum nicht eine „grausame [Haltung], mit schrecklichen Verstümmelungen und permanenten Krankheiten und Antibiotikagaben jeden Tag und Anabolikagaben jeden Tag“ zur Voraussetzung haben dürfe, da die Tiere empfindungsfähig sowie zum Teil „hochsensibel und hochintelligent“ seien (Schweine).

Dass Pflanzen ebenfalls hochsensibel sind und auf Berührungen 100 bis 1000 mal empfindlicher reagieren als jedes Tier, scheint Nida-Rümelin nicht zu wissen. Und was das individuelle Schwein an Intelligenz aufbringt, toppen staatenbildende Insekten mit ihrer „sozialen Intelligenz“ locker.

Wieso ist Intelligenz überhaupt ein Kriterium? Wie wärs denn mal mit Dummheit? Je dümmer das Tier, desto schutzwürdiger. Schließlich ist es doch besonders gemein, ein dummes Individuum auszunutzen. Dass die Ameise unsensibler sei als das Schwein, ist übrigens ein menschliches Vorurteil. Es kommt uns nur so vor, weil Schweine und Menschen nun einmal viel gemeinsam haben.

Ich kann hier gar nicht auf die vielen problematischen Prämissen eingehen, die in jenen kurzen Sätzen enthalten sind. Ich konzentriere mich daher im Folgenden auf den Begriff „artgerecht“. In der Tat sind Antibiotika-Gaben nicht artgerecht. Wie Hilal Sezgin so schön sagt, ist nur die Freiheit artgerecht, genauer gesagt: die freie Wildbahn. Dort sind Grausamkeit, permanente Krankheiten und Verstümmelungen an der Tagesordnung, auch Sterblichkeitsraten bis zu 99 % vor Erreichen der Geschlechtsreife gibt es in der artgerechten Wildnis.

Die Individuen wilder Arten unterliegen der natürlichen Selektion, die Individuen der Nutztierarten unterliegen der künstlichen Selektion. Der Mensch züchtet sie zu seinen Zwecken. „Artgerechte Haltung“ ist ein Widerspruch in sich. Wie soll man aber über eine widersprüchliche Aussage einen gesellschaftlichen Konsens herstellen?

Der Fachbegriff, mit dem das Wohlergehen der Nutztiere erfasst wird, lautet „tiergerecht“. Es geht nämlich nicht darum, einer Art gerecht zu werden, sondern jedem einzelnen Individuum, das unter menschlicher Obhut gehalten wird. Das Wohl der Tiere wird daher in tiergerechter Haltung unter anderem mit Hilfe von Antibiotika gefördert. Antibiotika-Gaben zur Wachstumsförderung sind in Deutschland hingegen seit 2006 verboten.

Grausam wäre es, den Nutztieren Antibiotika zu verweigern, wie es zum Beispiel in der Biohaltung bisweilen geschieht. Denn dort gefährden Antibiotika-Gaben den Biostatus, so dass man die Tiere im Zweifelsfall eher krepieren lässt. Die höheren Sterblichkeitsraten und der stärkere Parasitenbefall in der Biohaltung sind tatsächlich deutlich „artgerechter“ als in der konventionellen. Auch hat Biogeflügel in Freilandhaltung öfter das Vergnügen, artgerecht von Fuchs oder Habicht verputzt zu werden. Aber das dürfte Nida-Rümelin nicht gemeint haben.

Ob er wohl einer von denen ist, die sich Biohhühner für 50 Euro aufschwatzen lassen und glauben, sie hätten damit ein gutes Werk getan und zugleich ein qualitativ hochwertiges Produkt erworben? Ich befürchte es fast. Wer annimmt, dass Fleisch aus „artgerechter Haltung“ teuer sein muss, sitzt schnell dem Fehlschluss auf, teures Fleisch müsse qualitativ besser sein als Billigfleisch. Doch das ist einfach Unsinn.

Gewiss sind bessere Haltungsbedingungen meist kostspieliger als schlechtere – das ist aber keineswegs immer der Fall. In der Biohaltung wird zum Beispiel deutlich mehr Futter pro Kilogramm Fleisch verwendet als in der konventionellen Haltung. Das Futter hat aber einen geringeren Eiweißgehalt, da es von den stickstoffarmen Bioböden stammt. Die Fütterung ist teuer, verschwendet Ressourcen und Fläche, erzeugt aber bei den Tieren, namentlich bei Schweinen, einen bedenklichen Eiweißmangel. Für die modernen Nutztierrassen bedeutet Biofutter chronische Unterversorgung. Die damit verbundenen höheren Todeszahlen der Biolhaltung können jedoch auf die Preise umgelegt werden, da Verbraucher wie Nida-Rümelin glauben, der höhere Preis ergebe sich aus „artgerechter Haltung“.

Im allgemeinen rechnen sich bessere Haltungsbedingungen eher in Betrieben mit großer Tierzahl als in Kleinbetrieben. Ein moderner Boxenlaufstall für Kühe ist sicher weit tiergerechter als ein kleiner Stall mit Anbindehaltung. Doch die Investition in einen Boxenlaufstall lohnt sich erst ab einer Tierzahl von mindestens 80. Die Betriebe werden auch deshalb immer größer, weil die Tierschutzauflagen immer strenger werden.

Nida-Rümelin unternimmt im Verlauf seines weiteren Vortrags keinen Versuch, den Begriff „artgerecht“ näher zu bestimmen und scheint nicht einmal das Problem zu erkennen. Wenn er eine Tierhaltung fordert, die nicht auf durchgängigen Qualen und ständigen Schmerzen beruht, so braucht man darüber keinen breiten Konsens mehr herzustellen. Diese Tierhaltung ist in Deutschland längst die Regel. Denn jener Konsens ist im hervorragenden deutschen Tierschutzgesetz rechtlich verbindlich geworden. Ziemlich weltfremd erscheint hingegen die Vorstellung, man müsse den Nutztieren jede Unannehmlichkeit ersparen – und das ausgerechnet mit dem Verweis auf Artgerechtheit.

Wenn Nida-Rümelin über „Verstümmelungen“ redet, meint er wahrscheinlich so etwas wie Schnäbelkürzen, Schwanzkupieren, Hornverödung, Kastration o.ä. Diese Maßnahmen dienen aber auch dem Ziel, Schmerzen und Unwohlsein zu verhindern. In der Biohaltung dürfen sich die Hühner mit ungekürzten Schnäbeln gegenseitig das Leben zur Hölle machen. In konventioneller Haltung können Schnäbel gekürzt bzw. behandelt werden, damit die Tiere einander nicht schlimm verletzen können. Die Verfahren werden dabei immer schonender. Auch in Schulen wird man nie ganz verhindern können, dass Kinder sich prügeln und einander Leid zufügen. Vom Verbot der Massenkinderhaltung in Lehrgebäuden habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Im Übrigen wären selbst schlimme Verstümmelungen sehr wohl „artgerecht“, eben deshalb, weil sie in der Wildnis oft vorkommen.

Wer aufgrund von Problemen wie Federpicken oder Schwanzbeißen soviel Platz fordert, dass die Tiere sich nur von Ferne guten Abend sagen und nicht in die Quere kommen können, fordert damit eine derart extensive Haltung, dass der organische Dünger knapp würde. Dies kann auch ein Nida-Rümelin nicht ernsthaft wollen, denn dann ginge es mit den Erträgen rasch in den Keller.

Man sieht: Nutztierhaltung kann grundsätzlich nichts anderes sein als ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des Menschen und denen des Tieres – und zwar auf Grundlage des Nutzens, den das Tier für den Menschen hat. Die Freiheit der Tiere muss eingeschränkt werden. Die Aufgabe besteht darin, sie so züchten, dass sie einerseits hohe Leistung bringen (denn alles andere wäre Verschwendung) und andererseits unter jener Einschränkung möglichst wenig leiden.

Ich finde es bedauerlich, dass ein so kluger, gebildeter und einflussreicher Mensch wie Julian Nida-Rümelin sich in Fragen der landwirtschaftlichen Produktion plötzlich einen Schritt weit dem Niveau des Bambi-Syndroms nähert. Dass manche Vorurteile selbst bei hochreflektierten Menschen nicht als solche erkannt werden, signalisiert, wie fest jene Vorstellungen bereits im allgemeinen Bewusstsein als „Wahrheiten“ verankert sind.

Vielleicht sollte man Julian Nida-Rümelin zu Stallbesuchen in gut geführten modernen Betrieben einladen?

 

Who the fuck is Cecil?

Für NovoArgumente habe ich einen Kommentar zur weltweiten Empörung über jenen berüchtigten Großwildjäger geschrieben, der den angeblich beliebtesten Löwen Afrikas über den Haufen geschossen hat. Dazu gäbe es normalerweise nicht viel zu sagen. Falls es sich um Wilderei gehandelt haben sollte, wäre ein sauberes Gerichtsverfahren angebracht.

Empathisches Lynchen?

Man kann den Tod des Löwen bedauern und dies zum Anlass nehmen, über Sinn oder Unsinn der Großwildjagd als Touristenvergnügen zu diskutieren. Es steht auch jedem frei, reiche Hobbyjäger unsympathisch zu finden. Doch die mediale Hetze und die Gewalt gegen den Schützen sind unerträglich. Für jeden zivilisierten Menschen sollte es selbstverständlich sein, nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

Doch was macht PETA-Gründerin Ingrid Newkirk? Sie befürwortet öffentlich die Todesstrafe durch Erhängen für den Cecil-Jäger. Nur vierzehn Tage später wurde in der Berliner Zeitung ein wohlwollendes Porträt erneut hochgeladen, in dem Newkirk als eine hochmoralische Person dargestellt wird, die zwar ein bisschen verrückt, aber grundsätzlich im Recht sei.

Die mediale Entrüstung über den Tod eines Löwen zeigt wieder, wie wenig die Überhöhung des Tiers mit zivilisatorischem Fortschritt zu tun hat. Tierrechtler klagen ausgiebig über die Empathielosigkeit aller, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Doch wie empathielos muss man sein, um das menschliche Leid in Simbabwe vollkommen auszublenden? Gegen dieses Leid ist der unsanfte Tod eines betagten Löwen eine Petitesse.

Tiermord?

Wenn Newkirk die Todesstrafe für den Löwenjäger will, unterstellt sie, dass die Tötung des Tiers mit Mord gleichzusetzen ist. Vielleicht sollte sie dann ihre deutsche Kollegin zurückpfeifen, die in der BILD-Zeitung für ein Jagdverbot plädiert, weil sich die Bestände selbst regulieren.

Denn damit, dass sich Bestände selbst regulieren (Artenschutz), kann niemand widerspruchsfrei argumentieren, der Tieren ein individuelles Lebensrecht zugesteht. Nur wo ein Recht auf Leben besteht, kann überhaupt sinnvoll von Mord oder Totschlag geredet werden.

Die Behauptung der Tierrechtlerin entspricht exakt derjenigen eines zynischen Malthusianers, welcher behauptet, die menschlichen Bestände in Slums regulierten sich selber durch Hunger, Seuche und Verbrechen. Haben die Tierindividuen ein Lebensrecht, müssen sie vom Staat oder überstaatlichen Institutionen aktiv geschützt werden – und zwar nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor anderen Tieren, einschließlich der Artgenossen.

Wohlgemerkt: Nicht die Art als solche müsste geschützt werden, sondern jedes einzelne Individuum. Cecils Nachfolger Jericho müsste z.B. daran gehindert werden, die Jungen seines Vorgängers zu töten, und er müsste außerdem wegen Mordversuchs angeklagt werden. Das bedeutet Recht auf Leben in der Praxis. Alles andere ist nur Gerede.

Davon wollen Newkirk und Co. aber nichts wissen. Es ist bezeichnend, dass sich Tierrechts-Aktivisten bei derlei Widersprüchen nicht aufhalten, sondern einfach alles nehmen, was sie in die Hände bekommen, um andere mit Dreck zu bewerfen. Dass sie sich dabei auch noch besonders zivilisiert vorkommen, ist eine der vielen Selbsttäuschungen, denen sie erliegen.

 

Praktische Tierethik

 

Wussten Sie, dass Parasiten sich sogar besser in Menschen hineinversetzen können als Menschen in Parasiten? Bitte treffen Sie empathische Entscheidungen!
Den Tieren zuliebe
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Eine Aktion des Bündnisses Patenschaften für Plattwürmer (Spendenkonto eingeblendet)
Nächste Folge: Grottenschlecht – das triste Leben der Olme

Olm Johann Wolfgang fordert: „Mehr Licht!“

Aktionsbündnis Agrarende

Warnhinweis

Wer die »Volksinitiative gegen die Massentierhaltung« der »Fördergemeinschaft ökologischer Landbau« unterzeichnet, sollte sich auch über die Konsequenzen klar sein. Dies wäre nur ein erster Schritt zum generellen und flächendeckenden Verzicht auf »Massentierhaltung« (eine Definition sucht man da wie immer vergebens). In Verbindung mit einer Wende zum ökologischen Landbau bedeutet dies, dass es nicht mehr genügend Dünger geben wird, um Erträge zu erhalten, die eine ausreichende Versorgung der Menschen mit Ackerfrüchten sicherstellen.

Zu glauben, dass extensive Weidewirtschaft und Freilandhaltung genügend Dung für die Äcker liefert, ist hochgradig weltfremd. Was hier durchgeboxt werden soll, ist eine Mangelwirtschaft von Anno Dazumal. Die Biobauern wollen ihre effizientere Konkurrenz aus dem Markt drängen. Dem Verbraucher bliebe dann keine Wahl mehr: Er wäre gezwungen, auf Grundlage der Bio-Mangelwirtschaft Mondpreise für minderwertige Produkte zu bezahlen. Bis jetzt machen das nur die fehlgeleiteten »bewussten Verbraucher« aus den wohlhabenden Schichten freiwillig. Die Angehörigen der Unterschicht würden dagegen zu Zwangsvegetariern wie andere Arme auf dem Globus auch.

Die auf der Homepage abgebildeten Damen, die für bäuerliche Landwirtschaft demonstrieren, wären gewiss nicht bereit, sich als Arbeits- und Reproduktionskräfte für die von ihnen geforderte Wirtschaftsweise zur Verfügung zu stellen. Dann müssten sie nämlich 365 Tage im Jahr schuften und möglichst viele Nachkommen zeugen, die dann auch alle nur schuften müssten. Zum Demonstrieren fehlte dann Zeit und Energie.

Die Befürworter der bäuerlichen Landwirtschaft beschweren sich über Geruchsbelästigung durch Gülle. Sie scheinen zu glauben, dass es keinerlei Geruchsbelästigung mehr geben würde, wenn die Höfe wieder allesamt in den Dörfern stünden. Wenn die Agrarwendler den Misthaufen des Bauern direkt vor der Tür und dessen Jauchegrube direkt neben dem Swimming-Pool hätten, wären sie die Ersten, die sich beschweren. Wenn alle Kühe wieder durch die Dörfer zu den Weiden trotteten, würden die hochmoralischen Landlust-LeserInnen bestimmt gegen Scheiße auf Wegen, Straßen und in Vorgärten zu Felde ziehen.*

Besonders die Linken in diesem Lande sollten endlich begreifen, dass es sich bei der Agrarwende nicht um ein »linkes Projekt« handelt, auch wenn die Öko- und vegane Schundliteratur sich in linken Kreisen besonders gut verkauft. Wer wirklich weniger Nutztierindividuen will, ohne dabei die Landwirtschaft an die Wand zu fahren, sollte moderne Hochleistungsrassen und moderne Ställe befürworten. Wenn z.B. weltweit alle Schweine nach modernen Kriterien gehalten würden, könnte der Bestand um 44 % sinken. In der Biohaltung krepiert hingegen jedes 3. Ferkel, die Lebern der Bioschweine kann man wegen Parasitenbefall fast alle in die Tonne kloppen und die Viecher leiden stark unter Eiweißmangel.

Viel Spaß also bei eurer beknackten Agrarwende, ihr Hornochsen!

 

 

* Es ist kein Zufall, dass solche Forderungen stets von Menschen aufgestellt werden, die es nicht gewohnt sind, die Konsequenzen ihrer Postulate selber zu tragen. Die Moral dieser Leute besteht darin, sich auf Kosten anderer in Szene zu setzen, die die Suppe auslöffeln sollen. Auf Wolke 7 lässt sich die Quadratur des Kreises bequem fordern. Aber Vorsicht: Vielleicht fällt man irgendwann doch aus allen Wolken.

Die Allgegenwart der Tiere unter Bedingung ihrer Abwesenheit

Die Natur ist nicht im Tierschutzverein.

Horst Stern

 

Tierleid einmal anders

„Ich muss mir im Fernsehen unentwegt Tiere anschauen, herumlaufende Tiere … schrecklich“, klagte der greise Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2010 in einem ZDF-Interview. Er wollte damit gewiss nicht zum Ausdruck bringen, dass ihn seine Gattin dazu nötigt, jeden Tag Elefant, Tiger und Co. einzuschalten, sondern dass Tiere heute im Fernsehen omnipräsent sind.

Auch früher gab es Tiersendungen, gab es Unterhaltungsfilme mit Tieren als Hauptdarstellern (Lassie, Flipper, Daktari oder Fury). Doch gegen die Manie, die seit ein paar Jahren nicht nur im Fernsehen, sondern auch in den Printmedien, auf dem Buchmarkt, im Internet, in den Geisteswissenschaften grassiert, wirken Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek, Jacques Cousteau und Hans Hass wie Fossilien aus dem Zeitalter der dezenten Tierberichterstattung.

Schon damals wurde allerdings selten darauf verzichtet, während der Darstellung tierischer Lebensweise die menschliche zu kritisieren. Tierfilmer waren auch früher meist Leute, die ihre Objekte gegen menschlichen Kahlschlag in Schutz nehmen wollten. Geschützt werden sollten allerdings bedrohte Tierarten und –populationen, nicht Äffchen Coco, Brillenschlange Edgar oder Willy, der nette Schwertwal von nebenan.

Seit Jahrzehnten werden in einschlägigen Dokumentationen Menschen grundsätzlich als Buhmänner, Tiere hingegen als bedrohte und schutzbedürftige Wesen dargestellt. Irgendwann mussten die Leute ja dem Fehlschluss aufsitzen, Tiere seien allein schon deswegen gut, weil Menschen bisweilen böse mit ihnen umspringen. Dennoch war es für die meisten Zoologen und Tierfilmer der alten Garde selbstverständlich, ihre Schützlinge nicht zu vermenschlichen und sie moralisch nicht mit den Menschen gleichzustellen.

Tiere als edle Wilde

Heute ist es jedoch vor allem bei Hochgebildeten Mode, Tiere als edle Wilde zu betrachten, die sich nach ihrer Befreiung durch hominide Wohlstandsschnösel sehnen. Da das Proletariat als „historisches Subjekt“ wegen Untauglichkeit ausgemustert worden ist, müssen nun Tiere die bedrohte Traumwelt frustrierter Intellektueller retten. Animalische Genossen werden demonstrativ gehätschelt, während renitente Proleten zu ihrem eigenen Besten (also zur Strafe) nur noch vegane Pampe essen sollen.

Dass ein Literaturexperte wie Reich-Ranicki offen sein Desinteresse an der Tierwelt bekundet, gilt heute in den Feuilletons fast schon als Frevel. Dort führen inzwischen Literaturkritikerinnen wie Iris Radisch oder Philosophinnen wie Hilal Sezgin das tierrechtliche Wort. Kaum ein Tag vergeht mehr, an dem in den Medien nicht irgendein Literaturwissenschaftler, Musikkritiker, Philosoph, Pädagoge oder Theologe frei über die liebe Fauna und den bösen Homo sapiens phantasiert. *

Der Aberglaube, Tiere seien die besseren Menschen oder unsere Freunde, wurde von Wissenschaft und Philosophie kräftig gefördert. Zoologinnen und Verhaltensforscherinnen wie Jane Goodall oder Dian Fossey werden heute in dem Maße als Kämpferinnen der Tierbefreiung gefeiert, in welchem sie die Distanz zum Objekt verloren haben. Wer heute als Zoologe einen Bestseller landen will, kann gar nicht mehr anders, als seine Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass Tiere möglichst menschlich, Menschen aber möglichst animalisch dastehen.

Das grundsätzliche Problem dieser Darstellungen besteht aber darin, dass die Forscher Tieren Seelenzustände zuschreiben, „die keinem Menschen anders bekannt sein können als aus dem Zusammenleben der Menschen selbst“, wie der Philosoph Peter Janich betont. Dieses Problem wird jedoch von den betreffenden Wissenschaftlern selten reflektiert, deshalb erliegen viele der Versuchung, sich mit ihren Forschungsobjekten zu verwechseln.

Und so fordern heute angekleidete Professoren von ihren Studenten, die vermeintliche Tatsache anzuerkennen, dass wir im Grunde nichts als „nackte Affen“ seien. An dieser Vorstellung berauschen sich vor allem westliche Intellektuelle, die nicht immer nur als blutleere Kopfmenschen dastehen wollen, sondern gerne auch mal für wilde Tiere gehalten werden würden (Jerry Lewis’ Komödie Der verrückte Professor lässt grüßen). Dass ein afrikanischer Angehöriger der Unterschicht sich gerne „nackter Affe“ nennen ließe, darf hingegen bezweifelt werden. Wenn die Professoren ihre Studenten tatsächlich für Affen hielten, könnten sie sich jedenfalls jeden Appell sparen, irgendwelche Tatsachen anzuerkennen. Außerdem sollten sie die jungen Leute besser mit Bananen oder Kokosnüssen statt mit evolutionsbiologischen Theorien füttern.

Halbmensch oder Ganzaffe?

Das Buch „Der nackte Affe“ von Desmond Morris erschien 1968. Dieser Bestseller war eines der ersten Bücher, in denen der Mensch bezüglich seiner Handlungen konsequent „vertierlicht“ wurde. Etwa zur selben Zeit veröffentlichte Jane Goodall ihre Berichte über die „menschlichen“ Eigenschaften von Schimpansen. Goodall erforschte Primaten nicht im Labor oder durch heimliche Beobachtung von außen, sondern als eine Art WG-Mitglied der Affenbande von innen.

Es ist nun nicht so, dass diese Forschungen keine wertvollen Resultate geliefert hätten. Noch wertvoller wären die Ergebnisse allerdings ohne den Motivationsüberschuss gewesen, Homo sapiens partout vom Podest zu stoßen. Kaum stochert ein Schimpanse mal mit einem Zweig herum, heißt es gleich, dass „wir“ die Affen als Menschen akzeptieren müssten. Komischerweise will aber keiner die Konsequenz aus diesen Aussagen ziehen und den Affen Handlungsautonomie zuschreiben, d.h. die Tiere für ihr Tun verantwortlich machen. „Dasjenige also, wovon sich Menschen und Tiere unterscheiden, muß mehr in der Freiheit zu handeln als in dem Verstande liegen“, meinte schon Rousseau.

Wie groß und wirkmächtig der „Affe in uns“ ist; wie sehr unser evolutionäres Erbe unser Verhalten tatsächlich determiniert, weiß niemand genau. „Solange die Handlungen der Menschen nicht mit dem Taschenrechner vorausberechnet werden können, bleibt der Determinismus ein bloßes Gedankenspiel“, bemerkte der Philosoph Ludwig Siep einmal. Die Autoren rätseln derweil, ob wir uns mental noch im Urwald, in der Steinzeit oder doch schon im Dreißigjährigen Krieg befinden.

Das Elend hat viele Gesichter

Die neuen verhaltensbiologischen Forschungsergebnisse blieben von Geisteswissenschaftlern seinerzeit nicht unbemerkt. 1970 gab der britische Psychologe Richard Ryder ein Flugblatt heraus, in welchem er die Arroganz der menschlichen Spezies („Speziesismus“) im Umgang mit allen anderen Arten beklagte. Der australische Philosoph Peter Singer nahm die Gedanken Ryders auf und veröffentlichte 1975 sein berühmtes Buch „Animal Liberation“ („Befreiung der Tiere“). Viele weitere Autoren konnten sich nach und nach für den Tierbefreiungsgedanken erwärmen, so dass die Tierethik heute in der Philosophie ein veritables Boomgeschäft ist. Tiere und Kinder gehen eben immer! Tierethische Werke füllen in den Bibliotheken der Fakultäten schon ganze Regalwände. Wenn das so weitergeht, muss jede Universität bald eine Arche Noah auf dem Campus haben, damit jede speziesspezifische Tierethik dort Obdach finden kann.

Da Tiere auch in der Presse für Auflage sorgen, popularisieren Journalisten eifrig, was sie von Verhaltensforschern und Ethikern aus der Ferne vernommen haben. Dieses Halbwissen regnet als dicke Moralbrühe auf die halbgebildete Mittelschicht herab und lässt dort viele vegane Kohlköpfe sprießen. Doch weder Intellektuelle noch „Normalbürger“ haben überhaupt noch nennenswerten Kontakt mit Wild- oder Nutztieren, dafür aber umso mehr mit den zu Ersatzmenschen gezüchteten Schmusetieren. Unter diesen Voraussetzungen gedeiht eine Art Liebeswahn, der sich auf das unerreichbare Mitgeschöpf richtet. Ob die Auserkorenen diese Liebe erwidern, spielt dabei keine Rolle. Vermenschlichende Darstellungen in Zeichentrick- und Animationsfilmen tun ein Übriges, um das wahnhafte Tierbild des individualisierten Wohlstandsbürgers zu bestätigen.

Disney und die Folgen

Die gesamte Natur ist inzwischen erfolgreich disneyfiziert worden. Vor allem jüngere Menschen sind in zunehmendem Maße vom „Bambi-Syndrom“ befallen. „Die Natur erscheint aus dieser Sicht wie ein übergroßes Bambi, das einen aus unschuldigen Augen Hilfe suchend anschaut. Sein Kindchenschema wird offenbar der gesamten Natur übergestülpt“, schreibt der Soziologe Rainer Brämer dazu. Während Tierethiker sich immerhin noch um differenzierte Argumentationen bemühen, ist bei den Aktivisten jegliche Scheu gewichen, das Bambi-Syndrom zur moralischen Richtschnur ihres Handelns zu machen.

Die Konsequenzen liegen denn auch auf der Hand: Wenn die im Wolkenkuckucksheim entstandene Idealisierung des Tieres mit der Realität konfrontiert wird, sieht es für die Objekte der Idealisierung schlecht aus, und die Rache der enttäuschten Liebe wird sie treffen. Schon jetzt fordern manche Tierrechtler, alle Raubtiere abzuschaffen, weil Letztere friedliche Pflanzenfresser malträtieren und dezimieren. Wenn solche Tierrechtler erst merken, dass auch die Pflanzenfresser sich nicht an die menschliche Moral halten, müssen wohl auch diese ins Gras beißen. Hat man erst einmal alle Tiere abgeschafft, gibt es auch kein Tierleid mehr, und man kann dazu übergehen, das Leid der Quietsche-Entchen in Badewannen anzuprangern.

Schöne neue Ombudswelt

Bisher ist die groteske Selbstwidersprüchlichkeit der tierrechtlichen Vulgärmoral wegen Nebels in den Köpfen noch kaum bemerkt worden. Die bekannteste Tierrechtsorganisation PETA kann daher ungeniert auf ihrer Webseite behaupten, dass die „Gedankenwelt der Tiere“ nicht weniger ethisch sei als die der Menschen, und noch dazu fordern, dass Menschen sich beim Umgang mit Tieren gefälligst an die Goldene Regel zu halten hätten: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ PETA fordert also eine Norm, die nur unter Symmetriebedingungen sinnvoll ist. Trotzdem findet sich bei PETA an keiner Stelle der Appell an die lieben Tierchen, im Umgang mit den Menschen ihrerseits die Goldene Regel zu befolgen.

Und genau hier liegt der falsche Hase im Pfeffer. PETA und zahlreiche andere Tierrechtsorganisationen verkünden allen Ernstes die moralische Gleichstellung von Mensch und Tier, doch diese soll nur zu Lasten des Menschen gehen, während alle Tiere weiter so unmoralisch bleiben dürfen wie vorher. Der Pflichtenkatalog des Menschen soll dicker und dicker werden, doch der Katalog seiner Rechte soll schrumpfen und schrumpfen. Mehr Pflichten, mehr Rechte – so hieß bisher die Gerechtigkeitsdevise. Aber mit Gerechtigkeit darf man Tierrechtler nicht behelligen.

Tiere können offenbar gar nicht in die menschliche Moralgemeinschaft aufgenommen werden, sondern nur als Anhängsel von Menschen mitgeschleift werden, die sich zu deren Fürsprechern aufschwingen. Da alle Tiere strukturell unmündig sind, würde das moralische Universum rasch vor lauter Ombudsleuten aus allen Nähten platzen.

Dass Tiere nur verlieren können, wenn man sie nach moralischen Kriterien beurteilt, ist der wunde Punkt aller mitgeschöpflichen Gleichstellungsideologie. Machte man mit ihr Ernst, käme die latente Tierverachtung des Tierrechtsgedankens deutlich zum Vorschein, und man landete wieder da, wo man bei den mittelalterlichen Tierprozessen schon einmal war.

 

Anmerkungen

* So etwa jüngst der Philosoph Will Kymlicka in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. „Wir müssen uns fragen“, sagt er, „ob unsere heutige Gesellschaft die Möglichkeit hat, ihre Mitglieder zu ernähren, ohne Tiere zu töten. Und diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten.“ Man müsste sich fragen, in welchem Paralleluniversum Kymlicka lebt, dass er allen Ernstes behauptet, die Menschen könnten sich ernähren, ohne Tiere zu töten. Zum Glück sind noch nicht alle Philosophen von der intellektuellen Zoophilie befallen. Hans Werner Ingensiep gibt – ebenfalls in der Süddeutschenkontra.