BSE–Spätfolgen im TV

Nach Baywatch, A-Team und Dalli-Dalli wird nun ein weiterer TV-Kult neu aufgelegt: Liebling, ich habe die Hirne geschrumpft mit ihrem beliebten Hauptdarsteller Creutzfeldt-Jakob. Die Daily-Soap über bovine Schwammköpfe war Anfang des Jahrtausends ein echter Straßenfeger. Weil Journalisten ständig verwirrte Wiederkäuer vor die Kamera zerrten, mussten damals sogar zwei Minister ins Real-Life zurücktreten. Das Drama wirkte so lebensecht, dass die Leute noch heute um ihre Gehirne bangen, sobald die Buchstaben B und S hintereinander genannt werden. Verdi-Chef Bsirske kann ein Liedchen davon singen. 

Spongebov mit Prionen

Damit die Menschen nicht weiter die Realität mit der Wirklichkeit verwechselten, machte die Europäische Union irgendwas. Im Jahr 2001 verbot sie die Verfütterung von Tiermehl an das liebe Vieh. Seitdem sind Hühner und Schweine als Allesfresser not amused, weil sie statt mit hochwertigem Tiermehl nun mit Sojaschrot gefüttert werden. Dass die vielbeklagten EU-Importe von Sojafutter zugenommen haben, liegt zum großen Teil am Tiermehlverbot.

Mehl 4U

Dabei ist die Verfütterung von Tiermehl an sich völlig unbedenklich. Die tierischen Restkörper werden schließlich kräftig druckerhitzt, bevor sie als Futter dienen. “Die Anforderungen (133 Grad Celsius, 3 bar über 20 Min.) gewährleisten auch die Inaktivierung der äußerst hitzestabilen Erreger der BSE”, heißt es in dem Fachbuch Nutztiere in der Lebensmittelkette. Großbritannien pflegte damals allerdings das typisch britische Understatement und erhitzte die Tierkörper nur bei 95 Grad. Dass diese Praxis aber Ursache der BSE-Katastrophe gewesen sei, ist nicht besonders plausibel. Udo Pollmer und seine Mitautorinnen schreiben in ihrem Buch Wer hat das Rind zur Sau gemacht:

Auch auf dem Höhepunkt der Seuche lieferten die Briten ihr BSE-Pulver noch in alle Welt, Hunderttausende Tonnen gelangten nach Indonesien, Thailand, Frankreich, Russland, Schweden, Indien und Saudi-Arabien. Doch die erwarteten Massenausbrüche blieben aus. Besonders infektiös kann das britische Tiermehl also nicht gewesen sein.

Pollmer, Keckl, Alfs machen überdies in Kapitel 14 von Don’t Go Veggie darauf aufmerksam, dass wir Menschen Knochen, Innereien und andere Reste selbstverständlich weiterhin verzehren dürften. Der Mensch “kann aus Knochen Suppe kochen oder sich eine Leber mit Apfelscheiben und Zwiebeln braten. Aber die Verfütterung an Schweine ist verboten.” Auch werden Katzen und Hunde nach wie vor mit solchen Zutaten ernährt. Nur das Vieh wird daran gehindert, diese hochwertigen Bestandteile der Schlachtkörper zu genießen. 

Ein Fressen für’s Geseier

Vorsicht ist bei der Nahrungsaufnahme die Mutter der chinesischen Porzellankiste.

Da nun die EU erwägt, diese Tierdiskriminierung zu beenden und das Tiermehl als Futter wieder zuzulassen, kommt es zu einem kleinen Remake der damaligen Erfolgsserie. Die Medien werfen dem empörungswilligen Stimmvieh ein paar olle Kammellen vor, und dieses dreht erwartungsgemäß durch. Die ARD beispielsweise nimmt ihren Bildungsauftrag wieder besonders ernst, indem sie mit Bildern von mampfenden Rindern auf ihren Videobeitrag hinweisen. Dabei soll das Tiermehl nur für Hühner und Schweine zugelassen werden: Schweine sollen Hühnermehl und Hühner Schweinemehl fressen dürfen. Wiederkäuer gucken in die Röhre.

Auf Facebook tobte sich allerdings der aufgeklärte Bürger mit seinem Spezialwissen aus. Es sei pervers, widernatürlich und krank, “reine Pflanzenfresser” mit Tiermehl zu füttern, unsere Profitgier führe uns in den Abgrund, der Mensch sei doch das schlimmste Tier usw. usf. Das übliche Blabla eben. Zum Glück sind auf Facebook auch ein paar Landwirte und Landwirtschaftsjournalisten unterwegs, die in den Kommentaren Aufklärungsarbeit leisteten. Sie konnten eine Facebook-Epidemie wutbürgerlicher Hirnerweichung gerade noch im Keim ersticken.

Mir persönlich lag es sehr am Herzen, die Leute darüber in Kenntnis zu setzen, dass auch die lieben Wiederkäuer scharf auf tierisches Eiweiß sind und gerne kleine Tiere verspeisen. Wer es nicht glaubt, kann sich auf youtube u.a. dieses Video reinziehen. Komisch, die Leute sind doch sonst so youtube-gebildet. Ich habe das gezeigte Verhalten übrigens auch öfter selber beobachtet, als ich noch Rinder gehütet habe.

Fazit

Die erneute Zulassung von Tiermehl wäre ein Akt der Vernunft. Sie würde erstens der gigantischen Verschwendung wertvoller Teile des Schlachtkörpers Einhalt gebieten, zweitens bei Hühnern und Schweinen zu mehr Tierwohl führen. 

Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Landwirte und Agrarfachleute sich in die sozialen Netzwerken begeben und dort kommentieren. Wenn sie der Desinformation etwas entgegensetzen wollen, dann sollten sie es auf den Facebook-Seiten von Sendern oder Politikern tun, die öffentlich Unsinn verzapfen. Dies lesen nämlich viele Menschen, die noch mit Argumenten erreichbar sein könnten. 

 

Ungezogene Verbraucher

Quo vadis Qualität?

In der Podiumsdiskussion im Forum Moderne Landwirtschaft, an der ich teilgenommen habe, musste ich mehrfach ein lautes Lachen unterdrücken, weil einige Teilnehmer so angestrengt darüber rätselten, warum der Verbraucher nicht das kaufe, was die betreffenden Teilnehmer für qualitativ hochwertige Lebensmittel halten.

Dabei ist die Erklärung simpel: Das, was die Herren Müller, Stellpflug sowie Kaisers’-Chef Tuchlenski für hochwertige Lebensmittel halten, sind in Wirklichkeit keine besonders hochwertigen Lebensmittel. Im besten Falle sind sie mit den preiswerten gleichwertig. Deshalb kaufen Verbraucher eher die preiswerten Waren. Was sie in Umfragen antworten, spiegelt die gesellschaftliche Ideologie wider, nicht das, was sie wirklich tun. Nur der “kritische Verbraucher” nimmt das, was in Ökotest steht oder von Foodwatch, Greenpeace und Co. verbreitet wird, für bare Münze, und entscheidet sich oft für überteuerte Minderware. 

Arme Schweine!

Verbraucherschützer bei der Erziehungsarbeit

Ökoschwein vor der Zwangsbeglückung

Ich habe in der Runde mehrfach darauf hingewiesen, dass Produkte aus biologischem Anbau – bis auf die “Biodiversität” an Unkräutern – nicht besser sind als konventionell erzeugte, sondern in mancherlei Hinsicht sogar schlechter abschneiden. Den Herren war dies nicht bekannt, und sie empörten sich entsprechend. Ich legte dar, dass sich zum Beispiel Bioschweine oft in einem miserablen Gesundheitszustand befinden und es daher kein Wunder ist, dass Bioschweinehalter wieder auf konventionell umstellen.

Darauf konterte Herr Tuchlenski mit einem wohl von Kaisers-Tengelmann unterstützen Projekt, wo Schweine in Freilandhaltung “nur mit Äpfeln gefüttert” werden, wie Tuchlenski stolz betonte. Damit hatte er die Lacher des fachkundigen Publikums auf seiner Seite. Verbraucherschützer Müller und “Verbraucherschützer” Stellpflug sowie der Kaisers‘-Chef selbst fragen sich indes vielleicht noch heute, was es da zu lachen gab.

Lassen wir sie ahnungslos sterben. Zuviel Fachwissen ist ungesund. Hoffen wir kontrafaktisch, dass die Zahl der Würmer in den Äpfeln die Zahl der Spulwürmer übertrifft, die die Schweine in den Lungen haben. Dass Schweine Omnivore sind und tierisches Eiweiß benötigen, hat sich zu den Herren noch nicht herumgesprochen. Durch das unsinnige Tiermehlverbot sind die Schweine  – wie die Hühner – schon jetzt weitgehend zu Zwangsvegetariern gemacht worden. Da sie in der Biohaltung zusätzlich noch unter der Eiweißarmut des Biofutters leiden, kann niemand ernsthaft behaupten, es ginge Bioschweinen im Schnitt besser als Konvi-Schweinen.* Was können aber die Verbraucher für den Kinderglauben der Verbraucherschützer? 

Fazit

Die Lebensmittel werden von den deutschen Landwirten so effizient produziert, dass sie trotz exzellenter Qualität sehr preiswert sind. Die niedrigen Preise sind daher kein Signal für niedrige Qualität. Letzteres weiß jeder Verbraucher aus Erfahrung – nur der “kritische” nicht. Dass Red Bull keine Flügel verleiht, hält der “kritische Verbraucher” für dreisten Betrug und fragt erbittert: Wem kann ich denn noch trauen?

Die Verunsicherung der Verbraucher wird indes von denen herbeigeführt, die vorgeben, letztere zu schützen. Die selbsternannten Verbraucherschützer bedienen ein Segment von Disktintionswilligen, denen es nicht behagt, dass sich die “Proleten” hochwertige Nahrungsmittel wie Burger und Co. schmecken lassen. Deshalb muss eine Umerziehung schon bei den Kleinen stattfinden. In den Schulen wird ihnen eingehämmert, dass Burger minderwertige Nahrungsmittel seien, die Umwelt und Tiere vernichten. Statt dessen sollen die Kinder glauben, Gurken und Zucchini seien hochwertig, ökologisch korrekt und tierleidfrei. Verkehrte Welt!

Wer schützt die Kinder eigentlich vor den Verbraucherschützern?  

 

* Es gibt hervorragende Biolandwirte, die ihr Handwerk verstehen, und es gibt schlechte konventionelle Landwirte. Entscheidend für das Tierwohl ist in erster Linie das Können des Halters. Der Biolandwirt hat jedoch aufgrund vieler unsinniger Regelungen größere Hürden zu überwinden. Vieles kann daher auch der beste Biolandwirt nicht verhindern. Die höheren Ferkelverluste in der Schweinehaltung resultieren zum Beispiel daraus, dass Ferkelschutzkörbe nicht erlaubt sind. Dem Eiweißmangel des Futters ist ebenfalls schwer beizukommen usw.

 

Nur die Arten kommen in den Garten

Natura non facit Naturschutz

Jetzt kommt also die ultimative Naturschutz-Offensive 2020 von Umweltministerin Barbara Hendricks. Denn:

Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist leider ein Problem für die Natur.

Wenn mit Natur die Befindlichkeit von Frau Hendricks gemeint ist, mag das stimmen. Ansonsten ist der Natur die Landwirtschaft, die auf ihr betrieben wird, herzlich egal. Ihre bloße Faktizität macht sie erhaben. Sie ist cooler als der Pate.

Grünen-Sprecher Anton Hofreiter kann das aber nicht gelten lassen. Er meint daher ganz zu Recht, dass sie ein Artenkiller sei. Schließlich sind im Verlaufe der Evolution 99,99% aller Arten ausgestorben … Wie? … Hofreiter meint mit Artenkiller gar nicht die Natur, sondern die Landwirtschaft? Ist es zu fassen! Er will den kleinen Artenkiller beseitigen, weil er sich an den großen nicht rantraut. Typisch. Die Kleinen hängt man, den Großen kriecht man in den Hintern. 

 

Vertrauen in die Landwirtschaft

Immer wieder wird öffentlich behauptet, dass die Bürger wenig Vertrauen in die Landwirtschaft hätten. Doch das Vertrauen ist insgesamt anscheinend größer, als es in den Medien dargestellt wird. Irgendwie fehlt jedoch das Zutrauen der Leute, diese positive Bewertung auch offensiv gegen Kritiker zu verteidigen. Kommen ihnen die Veggies oder Ökos krumm, knicken sie meinem Eindruck nach sofort ein.

In jedem Fall scheint das Vertrauen der Bürger zu einer bestimmten Form der Landwirtschaft überhaupt nicht gestört zu sein. Wenn nämlich dem Wort „Landwirtschaft“ ein „Öko“ oder „Bio“ vorangestellt wird, legen auch kritische Bürger ihr Misstrauen schnell beiseite. Wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, werden Biobetrieben folgende Eigenschaften zugeschrieben:

[...] fortschrittlich, ökologisch, umweltfreundlich, qualitätsbewusst, eher aufs Allgemeinwohl bedacht, wichtig und ausgesuchte Qualität. Im Vergleich zu den Betrieben, die vermeintlich „wie alle“ Betriebe sind, gestaltet sich das „bio“-Image außerdem als ehrlicher und tierfreundlicher. Im Vergleich zu den Betrieben, die ein „traditionelles“ Image haben, zeichnet sich das „bio“-Image durch eine deutlich „bessere Zukunft“ aus.

Bio und Konvi sind keine Brüder

Wenn überhaupt, sind von einer Vertrauenskrise also diejenigen Betriebe betroffen, die nicht nach festgelegten (Bio-)Richtlinien wirtschaften und daher konventionell genannt werden. Dies sind in Deutschland etwa 92 % aller Betriebe. Die Begriffe „Ökolandwirt“ und „Konventioneller Landwirt“ gehören jedoch logisch nicht in dieselbe Kategorie. Ökolandwirte grenzen sich mithilfe charakteristischer Verbote von den anderen ab. Die anderen werden erst durch Ökolandwirte zu Konventionellen gemacht – genau wie die „Fleischesser“ erst durch Vegetarier zu solchen gemacht werden.

Mit dieser Abgrenzung und der damit verbunden Begriffswahl ist eine Wertung verbunden: Landwirte, die bezüglich der verwendeten Produktionsmittel und –verfahren prinzipiell völlig offen sind, erscheinen nun als diejenigen, welche in Konventionen verhaftet bleiben. Landwirte hingegen, deren Selbstverständnis auf strengen Konventionen (Ökovorschriften) beruht, erscheinen als unkonventionell und fortschrittlich.

Wird die nichtökologische Landwirtschaft als „herkömmlich“ bezeichnet, liegt die Assoziation nahe, dass sie von gestern ist. Der Nimbus der ökologischen Landwirtschaft beruht jedoch darauf, dass sie noch viel „herkömmlichere“ Verfahren anwendet. Moderne Praktiken wie Mineraldüngung, synthetischer Pflanzenschutz und Grüne Gentechnik sind im Ökolandbau verboten. Dessen Modernität besteht vor allem darin, dass er demonstrativ von vorgestern ist.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts (seit Liebig) bis heute wird von den Vertretern des Ökolandbaus als eine Art Irrweg angesehen bzw. müsste von ihnen als solcher angesehen werden, sofern sie des logischen Denkens fähig sind. Dass es sich dabei um eine beispiellose Erfolgsgeschichte handelt, kann nur verdeckt werden, indem man die pure Befürchtung, sie könne kein gutes Ende nehmen, als ausgemachte Tatsache hinstellt. Voraussetzung dafür ist wiederum eine apokalyptische und kulturpessimistische Weltanschauung, die alle auftretenden Probleme a priori als Zeichen des Niedergangs und nahenden Untergangs interpretiert, welcher nur durch radikale Abkehr vom Sündenpfad verhindert werden könne.

Konvis haben das Nachsehen

Durch die Bezeichnung „konventionell“ werden alle Landwirte, die sich nicht den Ökovorschriften fügen, strukturell in die Defensive gedrängt. Sie stehen heute als diejenigen da, die so weiter machen wollen wie bisher, obwohl eine Umkehr dringend erforderlich sei. Doch die Annahme, eine grundlegende Wende zum ökologischen Landbau sei dringend geboten, ergibt sich keineswegs aus einer sachlichen Interpretation der Fakten selbst, sondern ist Ausdruck von Denkmustern, die den Blick auf die Fakten präformieren bzw. trüben.

Diese Denkmuster sind es, die infrage gestellt werden müssen, denn sie sind dafür verantwortlich, dass das Image der konventionellen Landwirtschaft leidet und das Vertrauen in sie schwindet. Das Image der konventionellen Landwirtschaft ist um so schlechter, je besser sie ist. Wenn es den Leuten sehr gut geht, fangen sie an zu mäkeln. Es treten dann Gruppen auf den Plan, die jenen Überdruss für sich ausnutzen und den Leuten Flausen in die Köpfe setzen.

Apokalypse No!

Es ist abenteuerlich, eine Landwirtschaft, die auf synthetischen Pflanzenschutz und Kunstdünger verzichtet, zum Goldstandard zu erklären. Allein 20 % aller Ernteverluste gehen aufs Konto mangelhaften Pflanzenschutzes. Effiziente landwirtschaftliche Produktion ist auch in Zukunft unabdingbar. Die Produktivität muss weiter steigen, um auf begrenzten Flächen die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren. Synthetischer Pflanzenschutz und Mineraldüngung stellen sicher, dass die Erträge kaum schwanken und weiter steigen. Grüne Gentechnik kann erheblich dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Die Lebensmittel hatten hierzulande noch nie eine so gute Qualität wie heute und konnten noch nie mit weniger Risiko genossen werden als heute. Dies verdanken wir weder dem Biolandbau noch Foodwatch noch Greenpeace, sondern einer modernen Landwirtschaft, die nicht stolz auf ihre Unterlassungen ist. Daran zu erinnern und den apokalyptischen Schleier zu lüften, der die Kritik an moderner Landwirtschaft bestimmt, wäre ein erster Schritt, Vertrauen zurückzugewinnen.

Strohkopf-Rezension

Unser Buch Don’t Go Veggie ist nun auch vom Humanistischen Pressedienst der Giordano-Bruno-Stiftung mit einer Rezension bedacht worden. Darin meint der Politikwissenschaftler und Herausgeber des Jahrbuches für Extremismus- und Terrorismusforschung, Armin Pfahl-Traughber, die wahren Absichten von Udo Pollmer, Greorg Keckl und mir erkannt zu haben. Seiner Auffassung nach ist unsere Intention nicht aufklärerisch, sondern manipulativ.

Ans Bein gepinkelt?

Sein erster „Beweis“ hierzu ist, dass das Buch mit „Gehässigkeiten” und „Herabwürdigungen“ voll sei. In der Tat äußern wir uns bisweilen gnadenlos spöttisch über selbsternannte Moralapostel und die salbungsvollen Floskeln, mit denen viele Vegetarier, Veganer und Tierrechtler sich selber menschliche Spitzenqualität („Empathie“) bescheinigen. Warum unsere Wortwahl aber einer aufklärerischen Intention entgegenstehen soll, erklärt der Rezensent nicht. Eine ehrfurchtslose und bissige Ausdrucksweise kann man mögen oder nicht – sie steht als solche jedenfalls nicht im Widerspruch zu einer aufklärerischen Haltung.

Wer anderen eine Grube gräbt …

So ist zum Beispiel die Kapitelüberschrift „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“ zwar respektlos, aber doch treffend. Und ohne es zu bemerken stimmt der Rezensent darin sogar zu! Er meint nämlich, die Autoren hätten „einschlägige Manipulationstechniken“ verwendet, zum Beispiel das Strohmann-Argument. „Dabei“, so erläutert er, „schreibt man dem Andersdenkenden eine besonders absurde Auffassung zu, welche dann um so einfacher widerlegt werden kann.“

In besagtem Kapitel geht es darum, die praktischen Konsequenzen deutlich zu machen, die es hätte, wenn Menschenaffen (und nach ihnen auch weitere Tierarten) Grundrechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freizügigkeit zugestanden würden. Dies würde zu Lasten der Menschen in den Gebieten gehen, in denen diese Tiere leben.

Ursache hierfür ist u.a. das Ungleichgewicht, dass Affen zwar Grundrechte bekämen, aber keinerlei Pflichten gegenüber Menschen hätten. Wenn also ein Schimpanse ein Menschenbaby tötete, würde er nicht belangt. Tötete ein Mensch aber ein Affenbaby, käme er vor Gericht. Für Menschen in Afrika sind Affenbabys aber durchaus begehrte Nahrung – wie übrigens auch für die Affen selber. Was macht man, wenn Schimpansen Jungtiere ihrer eigenen Art verspeisen wollen? Was wäre mit deren Lebensrecht?

Wenn Schimpansen ein Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit haben, dann müssen sie voreinander geschützt werden. Dies wäre aber nur auf Kosten des Grundrechts auf “freie Entfaltung der Persönlichkeit” möglich, weil es zum arttypischen Verhalten von Schimpansen gehört, andere Schimpansen und Affen zu töten. Man sieht auch hier: Es kommt Nonsens heraus, wenn das Konzept “Recht” auf Tiere angewendet wird.

Der Sinn unseres Arguments ist es zu zeigen, dass man hierzulande viel fordern und schwatzen kann, weil es für uns keine Konsequenzen hat. Die praktische Verwirklichung jener Forderung wäre allerdings für viele Menschen vor Ort sehr unerfreulich. Daraus ergibt sich die Frage, ob es tatsächlich wünschenswert sein kann, ausgewählten Tierarten Grundrechte zuzugestehen.

Was antwortet aber der Rezensent darauf? „Die Bejahung von Grundrechten für Tiere erhebt indessen nur eine Minderheit von Tierethikern.“ Das Strohmann-Argument soll also darin bestehen, dass die Autoren sich „auf einzelne oder randständige Meinungen von Andersdenkenden“ bezogen hätten, die – siehe oben – eine „besonders absurde Auffassung“ vertreten.

Die Besprechung ist im Humanistischen Pressedienst erschienen, die wiederum eng mit der Giordano-Bruno-Stiftung verbunden ist. Man sollte doch erwarten, dass der Rezensent darüber informiert ist, welchen Humanismus-Begriff die Giordano-Bruno-Stiftung hat, und worin eine ihrer wichtigsten Forderungen besteht. Es ist nicht schwer zu erraten: Grundrechte für Menschenaffen. Michael Schmidt-Salomon fordert sie ebenso seit Jahren wie Volker Sommer, Colin Goldner, Dieter Birnbacher, Peter Singer, Paola Cavalieri sowie zahlreiche prominente und namhafte Persönlichkeiten. Das Great Ape Project ist international durchaus einflussreich und hat bereits Gesetzesänderungen bewirkt.

Der Rezensent übersieht also, dass er Singer, Schmidt-Salomon und viele andere kluge Köpfe kurzerhand zu Strohmännern erklärt, nur um Pollmer, Keckl und mir Manipulation nachsagen zu können. Damit ist er aber selber in die Grube gefallen, die er uns gegraben hat. Denn darauf, dass die Forderung nach Grundrechten für Menschenaffen „eine besonders absurde Auffassung“ (eben total Banane) ist, könnten wir uns mit dem Rezensenten sofort einigen. Für seine Behauptung aber, diese Forderung werde nur von (verwirrten?) Einzelnen erhoben, müsste er sich dann wohl vor der Giordano-Bruno-Stiftung rechtfertigen.

Spargelmanipulation?

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Rezension scheint in manipulativer Absicht geschrieben worden zu sein. Was der Autor selbst praktiziert, unterstellt er uns. So behauptet er, eine weitere Manipulationstechnik entdeckt zu haben, „die darin besteht, dass man einen einzelnen Aspekt durchaus zutreffend beschreibt und kommentiert, dann aber aus diesem Detail eine grundlegende Negierung ableitet.“

In Kapitel 27 von „Don’ Go Veggie“ wird am Beispiel des Spargels gezeigt, dass der Anbau von Pflanzen mit niedrigem kalorischen und Eiweiß-Ertrag Verschwendung von Fläche und Ressourcen ist. Denn die Nährstoffdichte von Pflanzen ist nun einmal im Schnitt bedeutend geringer als die von Fleisch. Wie wir darlegen, ist nicht nur der Spargel, sondern eine große Anzahl weiterer Pflanzen sehr nährstoffarm: Salat, Gurken, Zucchini, Auberginen, Tee, Kaffee, diverse Obstsorten usw. Wenn man jenen Ertrag in Rechnung stellt, ist die Fläche und Energie, die für den Anbau solcher Pflanzen verbraucht wird, größer als die Fläche und Energie, die zur Erzeugung mancher tierischer Produkte benötigt wird. Das alles hängt selbstverständlich von vielen weiteren Parametern wie zum Beispiel dem Klima und der Bodenbeschaffenheit ab. Im Allgäu wächst beispielsweise vor allem Gras. Gras können Menschen nicht verdauen. Also lässt man im Allgäu vernünftigerweise Kühe grasen, von deren Milchprodukten und Fleisch man sich dann ernährt. Das ist eigentlich nicht schwer zu verstehen.

Was Pfahl-Traughber nicht weiß: Futterpflanzen werden intensiver angebaut als Speisepflanzen. Sie geben also einen höheren Ertrag. Wenn man dazu noch weiß, dass beispielsweise Schweine einen viel effizienteren Stoffwechsel haben als Menschen, also wesentlich bessere Futterverwerter sind, kann man Eins und Eins zusammenzählen. Der hohe Nutzen der Viehhaltung springt dann ins Auge. Es ist effizienter, Schweine zu füttern, als Schweinefutter zu essen. Abgesehen davon, dass die Tiere den notwendigen Dünger liefern, um die Pflanzen gedeihen zu lassen. Wie viel Ertrag hätte man wohl ohne den organischen Dünger des Viehs? Und wie effizient wäre dann wohl eine rein pflanzliche Ernährung? So etwas Veganern zu erklären ist allerdings ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Rezensent schreibt: „Selbst wenn die jeweiligen Angaben so hoch wären, würde dies nicht gegen Vegetarismus sprechen. Denn Spargel ist weder das alleinige noch primäre Ersatznahrungsmittel für die Anhänger fleischfreien Essens.“ Aber eine Pflanze ist Spargel schon, oder? Welches Pflanzerl hätten’s also gern? Pfahl-Traughber verweist auf den hohen Eiweißgehalt von Pellkartoffeln. Sind Pellkartoffeln das primäre Ersatznahrungsmittel der Anhänger des fleischfreien Essens? Wohl kaum. Beliebte Ersatznahrungsmittel sind zum Beispiel Soja sowie verschiedene aus Weizenkleber zusammengepappte Produkte (z.B. Seitan). Welche Probleme der Genuss solcher Produkte auf gesundheitlicher und ökologischer Ebene mit sich bringt, wird im Buch ebenfalls erläutert.

Nicht mal über den Spargel weiß der Rezensent bescheid. Allein in der Bundesrepublik werden 25 300 Hektar für den Anbau von Spargel ver(sch)wendet! Laut Statistischem Bundesamt ist Spargel damit “weiterhin das bedeutendste Gemüse in Deutschland mit einem Anteil von 22 % an der gesamten Freilandfläche”. Weltweit findet eine gigantische Vergeudung wertvoller Ressocurcen für Null-Kalorien-Pflanzen statt.

Dass Vegetarier alle möglichen Pflanzen konsumieren, die kaum kalorischen Ertrag haben und – was viel wichtiger ist – kaum Eiweiß liefern, spricht sehr wohl gegen den Vegetarismus, sofern er die bessere Alternative zum Fleischkonsum sein will. Wer das Fleisch bewusst durch nährwertarme Pflanzen ersetzt, verschwendet vorsätzlich Ressourcen und schiebt dazu noch Kohldampf, was bekanntlich aggressiv macht.

Die Tatsache des Fleischverzichts allein besagt hier überhaupt nichts. Man könnte ebenso den Tulpenliebhaber gegen den Karoffelfreund ausspielen, sofern es möglich wäre, auf den Tulpenfeldern Speisekartoffeln anzubauen. Und ebenso kann man den Spargelfreund gegen den Schnitzelfreund ausspielen. Über den Pflanzenkonsum lässt sich daher dasselbe sagen wie der Rezensent über den Fleischkonsum: „ethische und gesundheitliche, ökologische und wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen.“ Kurz: Es wird von Vegetariern grundsätzlich mit zweierlei Maß gemessen. Dass Pflanzenkost die bessere Variante sei, steht a priori fest. Das ist pure Ideologie.

Die pauschale Behauptung, Vegetarismus führe zur Einsparung von Fläche und Energie, ist falsch. De facto ist das Gegenteil der Fall, wie man am Beispiel der Bundesrepublik auch belegen kann (die entsprechenden Statistiken stehen ebenfalls im Buch). Es gehört zu einer Art Aberglaube der vegetarischen Bewegung, dass „wir“ einfach diejenigen Pflanzen essen können, welche die Nutztiere fressen. Schaut man sich aber an, was bei den hiesigen Vegetariern und Veganern auf die Teller kommt, sieht man dort niemals Futterkartoffeln, Futtergerste, Obstschalen, Orangenschalen, Nussschalen, Heu, Grassilage, ganze Mais- und Getreidepflanzen, Rapsschrot, Schlempe usw. Statt dessen konsumieren sie mit besonderer Vorliebe jene ertragarmen sowie exotische Pflanzen, die importiert werden müssen. Denn Vegetarier und Veganer legen sehr viel wert darauf, schlank zu sein. Auch das wird im Buch genau dargelegt.

Hitler und Co.

Vollkommen befremdlich sind dann die folgenden Bemerkungen: „Man ahnt in diesem Kontext, was noch kommen muss: Denn auch Adolf Hitler aß kein Fleisch. Doch was besagt dies? Er trank auch keinen Alkohol und rauchte keine Zigaretten. Was ergibt sich aus dieser Einsicht? Hier soll derartigen Gedankengängen gar nicht weiter gefolgt werden.“

Derartigen Gedankengängen hätte der Antisemitismus-Experte Pfahl-Traughber aber besser folgen sollen. Dass sich fortschrittlichster Tierschutz, Vegetarismus und die ethische Aufwertung des Tieres mühelos in den Dienst der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie stellen ließen, scheint ihn nicht zu interessieren. Ebenso wenig nimmt er die Holocaust-Relativierungen und volksverhetzenden Kampagnen vieler Tierrechtler zur Kenntnis. Das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt allemal, dass Tierliebe und engagierter Tierschutz keineswegs für eine moralisch hohe Gesinnung sprechen (was ich hier und hier ausführlich erläutert habe). Letzteres wird aber von Vegetariern und Tierrechtlern immer wieder behauptet oder implizit unterstellt.

Im Buch sind dem Thema „Tierschutz und Nationalsozialismus“ übrigens mehrere Kapitel gewidmet. Dazu hätte der Rezensent als Fachmann ruhig etwas differenzierter Stellung nehmen dürfen. Aber wer wie Pfahl-Traughber naiv fragen muss, was das Keuschheitsgelübde Gandhis mit „der Frage des Vegetarismus“ zu tun habe, will gar nicht, dass man ihm auf die Sprünge hilft. Die Antwort gibt Gandhi in seinen Schriften selbst. Man muss sie nur lesen.

Vegetarismus war geschichtlich stets mit Keuschheit und Enthaltsamkeit von sinnlichen Freuden verbunden. Er ging immer mit Ablehnung von Alkohol, Rauchen, Sexualität, Maßlosigkeit, Triebbefriedigung einher. Hitler konnte an jene asketische Ideologie direkt anknüpfen. Vorstellungen von der „Verunreinigung des Blutes“ durch Fleischkonsum gab es schon bei Gustav von Struve (1805-1870), dem deutschen Pionier des Vegetarismus. Es gehörte nicht viel dazu, diese Vorstellungen antisemitisch zu interpretieren, da die Juden als besonders tierfeindlich galten. Laut Richard Wagner ist der Genuss von Fleisch ein verdammungswürdiges „semitisches Erbe“ der Menschheit. Mit welchen absurden Gedanken der Vegetarismus Gandhis und weiterer Ikonen der Bewegung noch verbunden war, zeigt das Buch.

Resümee

Zu behaupten, dass in den 75 Kapiteln Strohmänner aufgebaut werden, ist hanebüchen. Die Ahnungslosigkeit des Rezensenten in Bezug auf die zum Teil haarsträubenden Behauptungen, die den vegetarischen Wahn grundieren, kann eigentlich nur vorgetäuscht sein. Er verwechselt offenbar absichtlich, was logisch zu einer Sache gehört und was ideologisch dazu gehört.

Das ist genauso, als würde er behaupten, alle Kritik an den bizarren Dogmen und teilweise menschenfeindlichen Praktiken vieler Religionsgemeinschaften sei Strohmann-Kritik, weil sie nichts mit der prinzipiellen Frage zu tun habe, ob das Universum von einer bewussten Wesenheit geschaffen worden ist. Er könnte dann auch die Religionskritik der GBS mit der Behauptung abtun, diese hätte nichts mit der Religion als solcher zu tun. Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ zielte demnach vollkommen ins Leere. Ich bezweifele stark, dass Pfahl-Traughber diesen Standpunkt vertritt.

Der „ethische Veganismus“ ist argumentativ zirkulär und politisch totalitär. Er lässt kraft seiner eigenen Logik keinen Spielraum für bürgerliche Freiheitsrechte. Seine Anhänger tun alles, um ihren Einfluss zu vergrößern. Themen wie moderne Tierhaltung, Klimaschutz, Umweltschutz sind schon erfolgreich von dieser Ideologie besetzt worden. Sie bietet sich aufgrund ihrer geistigen Schlichtheit als Patentlösung für alle Lebensprobleme an. Welche negativen Folgen dies hat, kann man in Don’t Go Veggie lesen.

Artgerecht, selbstgerecht, ungerecht

In einem aktuellen Vortrag über Ethik und Ernährung erläutert der Philosoph Julian Nida-Rümelin etwa eine Stunde lang mit gedanklicher Klarheit und guten Argumenten, dass Menschen anderen Menschen in Fragen der persönlichen Lebensführung möglichst wenig reinreden sollten. Bezüglich der Ernährung macht er zu Recht auf den katastrophalen Zustand der Ernährungswissenschaft und die Sinnlosigkeit von Diäten aufmerksam. Ebenso wendet er sich gegen Versuche von Versicherungen, über Prämiensysteme die Menschen zu einem bestimmten Verhalten anzuhalten, das angeblich gesund ist. Seine Bemerkungen zu Puritanismus und Katholizismus sind ebenfalls erhellend.

Nida-Rümelin betont zu Beginn, es sei Aufgabe eines Philosophen, begriffliche Klarheit zu schaffen. Dies gelingt ihm etwa eine Stunde lang sehr überzeugend. Als es dann aber um die Frage des Fleischkonsums geht, vernachlässigt er plötzlich seine Aufgabe und verwendet unreflektierte Begriffe. Das Niveau des Vortrags sinkt rapide, und man gewinnt den Eindruck, dass Nida-Rümelin sich zu einseitig über das Thema informiert hat. Von Landwirtschaft und Tierhaltung scheint er tatsächlich wenig Kenntnis zu haben, kommt aber trotzdem zu sehr dezidierten Urteilen, die Anlass zur Sorge geben.

Ein Beispiel: Etwa ab 01:04:00 versucht Nida-Rümelin einen allgemeinen Konsens bezüglich der Tiernutzung zu formulieren. Er glaubt, alle könnten sich darauf einigen, dass “Fleischkonsum nur moralisch zulässig ist, wenn die Tiere, die dafür gehalten werden, artgerecht gehalten werden.” Auch “begeisterte Fleischesser” müssten zustimmen können, dass ihr Konsum nicht eine “grausame [Haltung], mit schrecklichen Verstümmelungen und permanenten Krankheiten und Antibiotikagaben jeden Tag und Anabolikagaben jeden Tag” zur Voraussetzung haben dürfe, da die Tiere empfindungsfähig sowie zum Teil “hochsensibel und hochintelligent” seien (Schweine).

Dass Pflanzen ebenfalls hochsensibel sind und auf Berührungen 100 bis 1000 mal empfindlicher reagieren als jedes Tier, scheint Nida-Rümelin nicht zu wissen. Und was das individuelle Schwein an Intelligenz aufbringt, toppen staatenbildende Insekten mit ihrer “sozialen Intelligenz” locker.

Wieso ist Intelligenz überhaupt ein Kriterium? Wie wärs denn mal mit Dummheit? Je dümmer das Tier, desto schutzwürdiger. Schließlich ist es doch besonders gemein, ein dummes Individuum auszunutzen. Dass die Ameise unsensibler sei als das Schwein, ist übrigens ein menschliches Vorurteil. Es kommt uns nur so vor, weil Schweine und Menschen nun einmal viel gemeinsam haben.

Ich kann hier gar nicht auf die vielen problematischen Prämissen eingehen, die in jenen kurzen Sätzen enthalten sind. Ich konzentriere mich daher im Folgenden auf den Begriff “artgerecht”. In der Tat sind Antibiotika-Gaben nicht artgerecht. Wie Hilal Sezgin so schön sagt, ist nur die Freiheit artgerecht, genauer gesagt: die freie Wildbahn. Dort sind Grausamkeit, permanente Krankheiten und Verstümmelungen an der Tagesordnung, auch Sterblichkeitsraten bis zu 99 % vor Erreichen der Geschlechtsreife gibt es in der artgerechten Wildnis.

Die Individuen wilder Arten unterliegen der natürlichen Selektion, die Individuen der Nutztierarten unterliegen der künstlichen Selektion. Der Mensch züchtet sie zu seinen Zwecken. “Artgerechte Haltung” ist ein Widerspruch in sich. Wie soll man aber über eine widersprüchliche Aussage einen gesellschaftlichen Konsens herstellen?

Der Fachbegriff, mit dem das Wohlergehen der Nutztiere erfasst wird, lautet “tiergerecht”. Es geht nämlich nicht darum, einer Art gerecht zu werden, sondern jedem einzelnen Individuum, das unter menschlicher Obhut gehalten wird. Das Wohl der Tiere wird daher in tiergerechter Haltung unter anderem mit Hilfe von Antibiotika gefördert. Antibiotika-Gaben zur Wachstumsförderung sind in Deutschland hingegen seit 2006 verboten.

Grausam wäre es, den Nutztieren Antibiotika zu verweigern, wie es zum Beispiel in der Biohaltung bisweilen geschieht. Denn dort gefährden Antibiotika-Gaben den Biostatus, so dass man die Tiere im Zweifelsfall eher krepieren lässt. Die höheren Sterblichkeitsraten und der stärkere Parasitenbefall in der Biohaltung sind tatsächlich deutlich “artgerechter” als in der konventionellen. Auch hat Biogeflügel in Freilandhaltung öfter das Vergnügen, artgerecht von Fuchs oder Habicht verputzt zu werden. Aber das dürfte Nida-Rümelin nicht gemeint haben.

Ob er wohl einer von denen ist, die sich Biohhühner für 50 Euro aufschwatzen lassen und glauben, sie hätten damit ein gutes Werk getan und zugleich ein qualitativ hochwertiges Produkt erworben? Ich befürchte es fast. Wer annimmt, dass Fleisch aus “artgerechter Haltung” teuer sein muss, sitzt schnell dem Fehlschluss auf, teures Fleisch müsse qualitativ besser sein als Billigfleisch. Doch das ist einfach Unsinn.

Gewiss sind bessere Haltungsbedingungen meist kostspieliger als schlechtere – das ist aber keineswegs immer der Fall. In der Biohaltung wird zum Beispiel deutlich mehr Futter pro Kilogramm Fleisch verwendet als in der konventionellen Haltung. Das Futter hat aber einen geringeren Eiweißgehalt, da es von den stickstoffarmen Bioböden stammt. Die Fütterung ist teuer, verschwendet Ressourcen und Fläche, erzeugt aber bei den Tieren, namentlich bei Schweinen, einen bedenklichen Eiweißmangel. Für die modernen Nutztierrassen bedeutet Biofutter chronische Unterversorgung. Die damit verbundenen höheren Todeszahlen der Biolhaltung können jedoch auf die Preise umgelegt werden, da Verbraucher wie Nida-Rümelin glauben, der höhere Preis ergebe sich aus “artgerechter Haltung”.

Im allgemeinen rechnen sich bessere Haltungsbedingungen eher in Betrieben mit großer Tierzahl als in Kleinbetrieben. Ein moderner Boxenlaufstall für Kühe ist sicher weit tiergerechter als ein kleiner Stall mit Anbindehaltung. Doch die Investition in einen Boxenlaufstall lohnt sich erst ab einer Tierzahl von mindestens 80. Die Betriebe werden auch deshalb immer größer, weil die Tierschutzauflagen immer strenger werden.

Nida-Rümelin unternimmt im Verlauf seines weiteren Vortrags keinen Versuch, den Begriff “artgerecht” näher zu bestimmen und scheint nicht einmal das Problem zu erkennen. Wenn er eine Tierhaltung fordert, die nicht auf durchgängigen Qualen und ständigen Schmerzen beruht, so braucht man darüber keinen breiten Konsens mehr herzustellen. Diese Tierhaltung ist in Deutschland längst die Regel. Denn jener Konsens ist im hervorragenden deutschen Tierschutzgesetz rechtlich verbindlich geworden. Ziemlich weltfremd erscheint hingegen die Vorstellung, man müsse den Nutztieren jede Unannehmlichkeit ersparen – und das ausgerechnet mit dem Verweis auf Artgerechtheit.

Wenn Nida-Rümelin über “Verstümmelungen” redet, meint er wahrscheinlich so etwas wie Schnäbelkürzen, Schwanzkupieren, Hornverödung, Kastration o.ä. Diese Maßnahmen dienen aber auch dem Ziel, Schmerzen und Unwohlsein zu verhindern. In der Biohaltung dürfen sich die Hühner mit ungekürzten Schnäbeln gegenseitig das Leben zur Hölle machen. In konventioneller Haltung können Schnäbel gekürzt bzw. behandelt werden, damit die Tiere einander nicht schlimm verletzen können. Die Verfahren werden dabei immer schonender. Auch in Schulen wird man nie ganz verhindern können, dass Kinder sich prügeln und einander Leid zufügen. Vom Verbot der Massenkinderhaltung in Lehrgebäuden habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Im Übrigen wären selbst schlimme Verstümmelungen sehr wohl “artgerecht”, eben deshalb, weil sie in der Wildnis oft vorkommen.

Wer aufgrund von Problemen wie Federpicken oder Schwanzbeißen soviel Platz fordert, dass die Tiere sich nur von Ferne guten Abend sagen und nicht in die Quere kommen können, fordert damit eine derart extensive Haltung, dass der organische Dünger knapp würde. Dies kann auch ein Nida-Rümelin nicht ernsthaft wollen, denn dann ginge es mit den Erträgen rasch in den Keller.

Man sieht: Nutztierhaltung kann grundsätzlich nichts anderes sein als ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des Menschen und denen des Tieres – und zwar auf Grundlage des Nutzens, den das Tier für den Menschen hat. Die Freiheit der Tiere muss eingeschränkt werden. Die Aufgabe besteht darin, sie so züchten, dass sie einerseits hohe Leistung bringen (denn alles andere wäre Verschwendung) und andererseits unter jener Einschränkung möglichst wenig leiden.

Ich finde es bedauerlich, dass ein so kluger, gebildeter und einflussreicher Mensch wie Julian Nida-Rümelin sich in Fragen der landwirtschaftlichen Produktion plötzlich einen Schritt weit dem Niveau des Bambi-Syndroms nähert. Dass manche Vorurteile selbst bei hochreflektierten Menschen nicht als solche erkannt werden, signalisiert, wie fest jene Vorstellungen bereits im allgemeinen Bewusstsein als “Wahrheiten” verankert sind.

Vielleicht sollte man Julian Nida-Rümelin zu Stallbesuchen in gut geführten modernen Betrieben einladen?

 

Who the fuck is Cecil?

Für NovoArgumente habe ich einen Kommentar zur weltweiten Empörung über jenen berüchtigten Großwildjäger geschrieben, der den angeblich beliebtesten Löwen Afrikas über den Haufen geschossen hat. Dazu gäbe es normalerweise nicht viel zu sagen. Falls es sich um Wilderei gehandelt haben sollte, wäre ein sauberes Gerichtsverfahren angebracht.

Empathisches Lynchen?

Man kann den Tod des Löwen bedauern und dies zum Anlass nehmen, über Sinn oder Unsinn der Großwildjagd als Touristenvergnügen zu diskutieren. Es steht auch jedem frei, reiche Hobbyjäger unsympathisch zu finden. Doch die mediale Hetze und die Gewalt gegen den Schützen sind unerträglich. Für jeden zivilisierten Menschen sollte es selbstverständlich sein, nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

Doch was macht PETA-Gründerin Ingrid Newkirk? Sie befürwortet öffentlich die Todesstrafe durch Erhängen für den Cecil-Jäger. Nur vierzehn Tage später wurde in der Berliner Zeitung ein wohlwollendes Porträt erneut hochgeladen, in dem Newkirk als eine hochmoralische Person dargestellt wird, die zwar ein bisschen verrückt, aber grundsätzlich im Recht sei.

Die mediale Entrüstung über den Tod eines Löwen zeigt wieder, wie wenig die Überhöhung des Tiers mit zivilisatorischem Fortschritt zu tun hat. Tierrechtler klagen ausgiebig über die Empathielosigkeit aller, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Doch wie empathielos muss man sein, um das menschliche Leid in Simbabwe vollkommen auszublenden? Gegen dieses Leid ist der unsanfte Tod eines betagten Löwen eine Petitesse.

Tiermord?

Wenn Newkirk die Todesstrafe für den Löwenjäger will, unterstellt sie, dass die Tötung des Tiers mit Mord gleichzusetzen ist. Vielleicht sollte sie dann ihre deutsche Kollegin zurückpfeifen, die in der BILD-Zeitung für ein Jagdverbot plädiert, weil sich die Bestände selbst regulieren.

Denn damit, dass sich Bestände selbst regulieren (Artenschutz), kann niemand widerspruchsfrei argumentieren, der Tieren ein individuelles Lebensrecht zugesteht. Nur wo ein Recht auf Leben besteht, kann überhaupt sinnvoll von Mord oder Totschlag geredet werden.

Die Behauptung der Tierrechtlerin entspricht exakt derjenigen eines zynischen Malthusianers, welcher behauptet, die menschlichen Bestände in Slums regulierten sich selber durch Hunger, Seuche und Verbrechen. Haben die Tierindividuen ein Lebensrecht, müssen sie vom Staat oder überstaatlichen Institutionen aktiv geschützt werden – und zwar nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor anderen Tieren, einschließlich der Artgenossen.

Wohlgemerkt: Nicht die Art als solche müsste geschützt werden, sondern jedes einzelne Individuum. Cecils Nachfolger Jericho müsste z.B. daran gehindert werden, die Jungen seines Vorgängers zu töten, und er müsste außerdem wegen Mordversuchs angeklagt werden. Das bedeutet Recht auf Leben in der Praxis. Alles andere ist nur Gerede.

Davon wollen Newkirk und Co. aber nichts wissen. Es ist bezeichnend, dass sich Tierrechts-Aktivisten bei derlei Widersprüchen nicht aufhalten, sondern einfach alles nehmen, was sie in die Hände bekommen, um andere mit Dreck zu bewerfen. Dass sie sich dabei auch noch besonders zivilisiert vorkommen, ist eine der vielen Selbsttäuschungen, denen sie erliegen.

 

Praktische Tierethik

 

Wussten Sie, dass Parasiten sich sogar besser in Menschen hineinversetzen können als Menschen in Parasiten? Bitte treffen Sie empathische Entscheidungen!
Den Tieren zuliebe
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Eine Aktion des Bündnisses Patenschaften für Plattwürmer (Spendenkonto eingeblendet)
Nächste Folge: Grottenschlecht – das triste Leben der Olme

Olm Johann Wolfgang fordert: “Mehr Licht!”

Aktionsbündnis Agrarende

Warnhinweis

Wer die »Volksinitiative gegen die Massentierhaltung« der »Fördergemeinschaft ökologischer Landbau« unterzeichnet, sollte sich auch über die Konsequenzen klar sein. Dies wäre nur ein erster Schritt zum generellen und flächendeckenden Verzicht auf »Massentierhaltung« (eine Definition sucht man da wie immer vergebens). In Verbindung mit einer Wende zum ökologischen Landbau bedeutet dies, dass es nicht mehr genügend Dünger geben wird, um Erträge zu erhalten, die eine ausreichende Versorgung der Menschen mit Ackerfrüchten sicherstellen.

Zu glauben, dass extensive Weidewirtschaft und Freilandhaltung genügend Dung für die Äcker liefert, ist hochgradig weltfremd. Was hier durchgeboxt werden soll, ist eine Mangelwirtschaft von Anno Dazumal. Die Biobauern wollen ihre effizientere Konkurrenz aus dem Markt drängen. Dem Verbraucher bliebe dann keine Wahl mehr: Er wäre gezwungen, auf Grundlage der Bio-Mangelwirtschaft Mondpreise für minderwertige Produkte zu bezahlen. Bis jetzt machen das nur die fehlgeleiteten »bewussten Verbraucher« aus den wohlhabenden Schichten freiwillig. Die Angehörigen der Unterschicht würden dagegen zu Zwangsvegetariern wie andere Arme auf dem Globus auch.

Die auf der Homepage abgebildeten Damen, die für bäuerliche Landwirtschaft demonstrieren, wären gewiss nicht bereit, sich als Arbeits- und Reproduktionskräfte für die von ihnen geforderte Wirtschaftsweise zur Verfügung zu stellen. Dann müssten sie nämlich 365 Tage im Jahr schuften und möglichst viele Nachkommen zeugen, die dann auch alle nur schuften müssten. Zum Demonstrieren fehlte dann Zeit und Energie.

Die Befürworter der bäuerlichen Landwirtschaft beschweren sich über Geruchsbelästigung durch Gülle. Sie scheinen zu glauben, dass es keinerlei Geruchsbelästigung mehr geben würde, wenn die Höfe wieder allesamt in den Dörfern stünden. Wenn die Agrarwendler den Misthaufen des Bauern direkt vor der Tür und dessen Jauchegrube direkt neben dem Swimming-Pool hätten, wären sie die Ersten, die sich beschweren. Wenn alle Kühe wieder durch die Dörfer zu den Weiden trotteten, würden die hochmoralischen Landlust-LeserInnen bestimmt gegen Scheiße auf Wegen, Straßen und in Vorgärten zu Felde ziehen.*

Besonders die Linken in diesem Lande sollten endlich begreifen, dass es sich bei der Agrarwende nicht um ein »linkes Projekt« handelt, auch wenn die Öko- und vegane Schundliteratur sich in linken Kreisen besonders gut verkauft. Wer wirklich weniger Nutztierindividuen will, ohne dabei die Landwirtschaft an die Wand zu fahren, sollte moderne Hochleistungsrassen und moderne Ställe befürworten. Wenn z.B. weltweit alle Schweine nach modernen Kriterien gehalten würden, könnte der Bestand um 44 % sinken. In der Biohaltung krepiert hingegen jedes 3. Ferkel, die Lebern der Bioschweine kann man wegen Parasitenbefall fast alle in die Tonne kloppen und die Viecher leiden stark unter Eiweißmangel.

Viel Spaß also bei eurer beknackten Agrarwende, ihr Hornochsen!

 

 

* Es ist kein Zufall, dass solche Forderungen stets von Menschen aufgestellt werden, die es nicht gewohnt sind, die Konsequenzen ihrer Postulate selber zu tragen. Die Moral dieser Leute besteht darin, sich auf Kosten anderer in Szene zu setzen, die die Suppe auslöffeln sollen. Auf Wolke 7 lässt sich die Quadratur des Kreises bequem fordern. Aber Vorsicht: Vielleicht fällt man irgendwann doch aus allen Wolken.