Ob Mücke, ob Maus – alles muss raus!

Immer wieder staune ich, wie wenig es den Vegetariern bewusst zu sein scheint, dass ihre Moral auf sachlich vollkommen falschen Prämissen beruht. Vegetarier leben offenbar munter nach der Schillerschen Devise “Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod.” Sie scheinen z. B. davon auszugehen, dass für den Konsum von “reiner” Pflanzenkost (Peace Food) keine oder auch nur weniger Tiere getötet werden müssen als für den Konsum von Fleisch. Diese Annahme ist vollkommen irrig. Um Getreide, Obst und Gemüse ernten und lagern zu können, müssen Milliarden und Abermilliarden Tiere getötet werden. In den Getreidelagern der Welt findet z. B. ständig ein knallharter Kampf gegen tierische Schädlinge statt. Die FAO schätzt den weltweiten Verlust durch solche Schädlinge bei Getreide auf mindestens 30 %.

Da Menschen auch Naturwesen (Tiere) sind, haben sie eben auch natürliche Feinde und Konkurrenten. Um die Ernten zu erhalten, müssen riesige Heere von Ratten, Mäusen, Wühlmäusen, Käfern, Motten, Vögeln, Wildschweinen und vieler anderer Spezies vernichtet werden, und zwar nicht auf die feine Art. Der Agrarstatistiker Georg Keckl schreibt:

Wer nicht willens ist, regelmäßig Tiere zu töten, der fördert eine Welt voll Hunger, Not und Ungerechtigkeit. Völlig gleichgültig, ob er Vegetarier ist oder nicht.

Mehr noch: Wenn man weltweit die Tierproduktion einstellte, würden möglicherweise weit mehr Tiere getötet als zuvor. Viele Vegetarier wissen nicht einmal, dass auf nahezu zwei Dritteln der weltweit genutzten landwirtschaftlichen Fläche nichts anderes möglich ist als Weidewirtschaft. Nimmt man die Nutztiere weg, hat man gar nichts (zu beißen). Nehmen wir aber einmal an, man könnte auf dieser Fläche Getreide für die vegetarische Welternährung anbauen. Dies hätte den Tod einer Menge Ackerschädlinge zusätzlich zur Folge, und zwar in gigantischen Dimensionen. Man hätte also die Wahl, ob man lieber eine Kuh oder tausende Wühlmäuse, Hamster, Millionen Käfer und andere Insekten opfert.

Egal, welche Gesamtrechnungen aufgestellt werden – am Ende weiß niemand genau, wie viele Tiere mehr oder weniger bei einer bestimmten Produktionsweise die Löffel abgäben. Das bedeutet aber, dass hinter alle diesbezüglichen Berechunungen große Fragezeichen gesetzt werden müssen, und zwar insbesondere hinter die der Vegetarier. Deren Milchmädchenrechungen beruhen darauf, dass der Fleischkonsum a priori als Ursache globalen Übels feststeht, das zu Beweisende also bereits vorausgesetzt wird (petitio principii).Trauriges Beispiel hierfür ist der von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebene “Fleischatlas”, der sich liest wie Grimms Märchen in Grün.

Angesichts oben dargestellter Tatsachen gerät die vegetarische Ethik bereits gewaltig ins Schwurbeln, und die tierethische Verwaltungsmaschinereie kommt ächzend auf Betriebstemperatur. Denn wenn der Fleischverzicht zu einer Vergrößerung des beklagten Tierleids führt, kann man die tolle Ethik natürlich vergessen. Die Fachdezernate knobeln daher aus, welche Tiere moralisch berücksichtigt werden sollen und welche nicht. Ist die Kuh mehr wert als die Maus? Ist die Maus mehr wert als die Ameise? Man kann ganze Regale mit Doktorarbeiten zu diesen Fragen füllen. Den wenigsten Vegetariern ist bewusst, dass sie nur ganz wenige Tierarten (Wirbeltiere und ein paar Zerquetschte) in ihre Moral einbeziehen und 95 % der Arten (Wirbellose) nicht berücksichtigen.

Wer jedoch als Vegetarier eine Tierart einer anderen vorzieht, betreibt das, was er den Fleischessern dauernd vorhält, nämlich “Speziesismus” – Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit. “Die Tiere empfinden offenbar gerade so gut wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Elend”, schreibt Darwin, und die Tierethiker stimmen begeistert zu. Laut Darwinistischer Lehre gibt es im Bereich der Lebewesen streng genommen kein Höher oder Tiefer (außer im genealogischen Sinne). Wer Ameisen für niedere Wesen hält, hat nicht die geringste Ahnung von diesen Wunderwerken der Natur. Bei der Behauptung, Insekten könnten kein Leid empfinden, ist erkennbar der Wunsch Vater des Gedankens. Wie praktisch! Dann fällt nicht auf, was für eine Mogelpackung der propagierte “Antispeziesismus” ist.

Was machen wir denn nun bloß mit den ganzen Viechern? Wenn man z.B. in einer vegetarischen Weltlandwirtschaft den Reisanbau ausweitet, werden Myriaden Anophelesmücken zusätzlich auf dem Planeten herumschwirren. Sie werden die Menschen stechen und mit Malaria infizieren. Wie viele Millionen Malariatote zusätzlich ist einem denn der Vegetarismus wert? Und wie viele Milliarden toter Mücken, um die Malariatoten zu verhindern? Anopheles-Männchen sind im Gegensatz zu ihren Gattinnen echte Nützlinge und tragen sogar Pollen von Blüte zu Blüte. Ist das nicht ungerecht, sie für das schändliche Treiben der Mückenweiber mitzuvernichten. Aber ohne Weibchen gäbe es auch keine Männchen mehr. Was tun? Fragen Sie den freundlichen Tierethik-Coach von nebenan.

Der Vegetarismus ist recht eigentlich eine moderne Form des Manichäismus, wo das Lichtreich und das Reich der Finsternis sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die Vegetarier spielen die Rolle der Auserwählten (Electi), welche sich nicht selber mit Schuld aus dem Reich der Finsternis beladen dürfen und deshalb von den niedrigeren Hörern (Auditori) gefüttert werden. Vegetarier sollten also den Fleischproduzenten dankbar sein, dass diese sich die Hände schmutzig machen, damit jene ihre Hände in Unschuld waschen können.