Stoppt das Milchschnitten-Bashing!

„Ich will keine Werbelüge mehr sein“, verkündet der als Milchschnitte verkleidete Mann in der Fußgängerzone von Frankfurt. „Ist ja gut“, würde man denken, und an dem offenkundig Gestörten schnell vorbeigehen. Doch dieser Mann will nicht gestört sein, sondern gehört werden. Er ist nämlich Mitglied einer Organisation namens Foodwatch, die sich als „Essensretter“ versteht und alle Konsumenten davor bewahren will, falsche Ernährungsentscheidungen zu treffen. Wer eine Milchschnitte kauft, so glauben die Milchschnitten-Gegner, ist das Opfer übler Täuschung.

Mal sehen: Ferrero wirbt für die Milchschnitte folgendermaßen: „Schmeckt leicht. Belastet nicht. Ideal für zwischendurch.“ Das ist eine durchaus zutreffende Beschreibung des Produkts. Mein Selbstversuch hat ergeben, dass ich das Zeug sehr lecker finde und stets ein ganzes 5er-Pack auf einmal zu verputze. Es frisst sich weg wie nix („schmeckt leicht“); es belastet mich weder psychisch noch physisch. Ich werde durch meinen ständigen Milchschnitten-Abusus nicht einmal dick.

Laut Foodwatch soll ich dennoch ein ahnungsloses Opfer der bösen Lebensmittelindustrie sein. Die investigativen Aktivisten haben nämlich in mühevoller Kleinarbeit herausgefunden, dass die Milchschnitte viel Zucker und Fett enthält und sogar eine „kleine Torte“ sei. Das ist ja empörend! Zehntausende Internet-User haben das Naschwerk zum „Windbeutel des Jahres“ gewählt. Die schändlich getäuschten Verbraucher dachten offensichtlich, die Milchschnitte sei ein kleiner Bratling und bestünde zu 100% aus Grünkern.

Gelogen hat Ferrero allerdings nirgendwo. Die Werbung suggeriert lediglich, dass es sich bei der Milchschnitte um ein kalorienarmes, leicht verdauliches Produkt handele. Das wundert mich überhaupt nicht, denn die Produzenten von Süßwaren möchten eben auch die riesige Zielgruppe der vom Schlankheits- und Verdauungswahn Besessenen erreichen. Deshalb sieht man in der Werbung für Süßwaren oft dünne junge Frauen durchs Bild hopsen, die keine Probleme mit der Verdauung haben. Oder eben Spitzensportler. Ist doch kein Drama. Eine Schokoladenfirma nennt sich bekanntlich seit Jahrzehnten „Ritter Sport“. Schokolade ist nun einmal nahrhaft, gesund und bekömmlich. Regelmäßiger Schokoladenkonsum senkt das Herzinfarktrisiko.

Als nächstes laufen bestimmt zwei Foodwatschenmänner als lila Kuh verkleidet durch die Gassen und verkünden „Ich will keine Werbelüge mehr sein!“ Lila Kühe, man höre und staune, gibt es gar nicht! Diese Art von „Aufklärung“ ist alberner als die Muppets-Show. Gegen das, was Foodwatch den lieben langen Tag zu suggerieren pflegt, sind die durchschaubaren kleinen Tricks der Werbung vollkommen harmlos.

Die Ernährungsbewussten sind selber schuld, dass Firmen sich heute nicht mehr trauen, einfach auf den Genussfaktor ihres Produktes zu setzen. Alles muss heute „unbelastet“ sein, weil die übersättigten Wohlstandsbürger in dem Luxuswahn leben, durch die Lebensmittelindustrie vergiftet zu werden. „Was kann man überhaupt noch guten Gewissens essen?“, fragen sie ständig. Wenn es nach denen ginge, hieße die Antwort: staubtrockene Luft und lufttrockenen Staub.

Was jetzt zu tun ist

Erst, seit ich Vater geworden bin, weiß ich, wie wichtig verantwortliches Handeln ist. Was kommt auf den Teller? Was kommt in Frage? Wie erzähle ich es meinen Kindern? Und wenn ja, wie vielen?

Als Vater kommt man da schon mal ins Grübeln. Man beginnt, in Zusammenhängen zu denken. Deswegen habe ich ein Buch geschrieben. Ich widme es meiner Frau und meinen Kindern, ohne die es nicht möglich gewesen wäre. Meine Familie lehrte mich, Verantwortung zu spüren und auf andere abzuwälzen. Früher war ich ein Egoist, heute bin ich ein Mensch, der über andere bestimmt.

Wir müssen mehr aufmerken und zuhören. Ein feines Gespür für die Mitgeschöpfe tut Not. Ernährungsbewusste Ernährung. Auch Schweine sind Wesen. Wir dürfen sie nicht mästen. Sie sind dick genug! Der Kinder wegen. Unserer Kinder.
Weniger ist manchmal mehr. Weniger Überfluss, weniger Unterhalt, weniger Unwucht. Dafür mehr Bereitschaft, mehr Unterfangen, mehr Unverzagen. Das fängt im Kleinen an und hört im Großen auf. Bewusst bewirken – darauf kommt es an. Jeder kann was tun. Der Kinder wegen. Unserer Kinder.

Wir brauchen eine neue Ethik. Eine Ethik des Stillen, eine Ethik der Liebe, wo der Mensch  im Mittelpunkt steht. Der Kinder wegen. Der Rinder wegen. Der Inder wegen. Lasst es uns versuchen! Der von wegen. Unserer von wegen.