Der schizophrene Tierfreund

Wenn noch vor ein paar Jahrzehnten jemand von sich behauptete, ein Tierfreund zu sein, war in der Regel klar, dass diese Redeweise lediglich ein wohlwollendes Interesse an der Tierwelt als solcher oder die Vorliebe für bestimmte Tierarten signalisierte. Bis auf ein paar Verwirrte wäre niemand auf den Gedanken gekommen, diesen Begriff von Freundschaft mit dem gleichlautenden zu verwechseln, den Menschen für enge Beziehungen untereinander verwenden.

Wer ein “Freund” schneller Autos ist, wird seinen Porsche trotzdem nie zum Bier einladen; wer Blumen “liebt”, wird trotzdem seine Orchideen nicht heiraten; wer Pasta “geil” findet, wird trotzdem mit seinen Spaghetti keinen Beischlaf à la bolognese vollziehen. Normalerweise kann man im alltäglichen Geplauder ungefähr einschätzen, was mit den jeweiligen Ausdrücken im konkreten Zusammenhang gemeint ist (beim ernsthaften Argumentieren sollte man sich selbstverständlich um mehr Präzision bemühen). Ein Begriff hat bekanntlich viele Facetten. Man muss deswegen nicht gleich die Nerven verlieren.

Ersatzmoral für Ersatzmenschen

Da Tiere in der modernen Gesellschaft immer mehr den Status von “Ersatzmenschen” (Marvin Harris) haben und fast nur noch als Projektionsobjekte dienen, um emotionale Defizite auszugleichen, können sich die Verwirrten einbilden, besonders klaren Sinnes zu sein, wenn sie zwischen der Freundschaft der Menschen zueinander und deren Beziehung zu Tieren keinen Unterschied mehr machen. Diese Verwirrten nennen sich “Antispeziesisten” oder Tierrechtler und tyrannisieren heute jeden, der ihnen begegnet, mit ihren fixen Ideen.

So hat beispielsweise der “Tierrechtler und Verfasser ethisch-philosophischer Texte”, Armin Rohm, einen Artikel mit dem Titel Der omnivore Tierfreund verfasst. Dort vertritt er die Meinung, dass die Tierfreundschaft omnivorer Zeitgenossen nichts anderes sei als “moralische Schizophrenie”. Wer Fleisch konsumiert und gleichzeitig behauptet, ein Tierfreund zu sein, leidet für Rohm an einer Art moralischen Schwachsinnes. Pflanzenliebhaber, die Kohlköpfe essen, scheinen hingegen völlig okay zu sein. Rohm präsentiert vier Beispiele “moralischer Schizophrenie in der Praxis”, die vor allem eines offenbaren: dass der Autor nicht weiß, was Freundschaft ist (dazu später).

Gegenliebe und Wohlwollen

Freundschaft ist laut Aristoteles durch Gegenliebe und Wohlwollen gekennzeichnet. Doch leider trifft der Mensch bei wilden Tieren bestenfalls auf Gleichgültigkeit, sofern er nicht in ihr Beuteschema passt oder ihnen sonst in irgend einer Weise von Nutzen ist. Mückenweibchen saugen z.B. das Blut des Menschen, um ihre Eier zu ernähren. Sie zapfen ihn an und schwirren ab, ohne “Danke, Partner” zu rufen. Statt dessen hinterlassen sie Juckreiz und Malaria.

Was kaum noch einer zu wissen scheint: Viele Tiere sind die natürlichen Feinde des Homo sapiens. Schlangen töten z.B. jedes Jahr über 50 000 Menschen, besonders viele in Indien. Mahatma Gandhi meinte jedoch unverdrossen, das Verhältnis von Mensch und Tier solle eines “der gegenseitigen Hilfe” sein. Hilfe gibt’s bei solchen Begegnungen aber nur in Form von Hilferufen und in Gestalt medizinischen Personals. Dass eine Kobra jemals einer Oma über die Straße geholfen hätte, ist jedenfalls nicht überliefert.

Da können sich die Tierrechtler noch so sehr bei ihren Liebesobjekten anbiedern – wenn sie einem Kaffernbüffel in freier Wildbahn zu nahe kommen, nimmt dieser sie kurzerhand auf die Hörner. Wenn Armin einem Krokodil die Hand reicht, nimmt es gleich den ganzen Rohm. Das Rudelkuscheln mit der wild lebenden Fauna muss leider mangels Gegenliebe und Wohlwollen von Seiten der Tiere ersatzlos gestrichen werden. Wilde Tiere sind an der Freundschaft zum Menschen herzlich wenig interessiert. Weil es kein gegenseitiges Wohlwollen gibt, kann es auch keine Freundschaft geben.

Aristoteles meinte immerhin, dass so etwas wie Freundschaft zwischen dem Menschen und den von ihm domestizierten Tieren geben könne. Ich habe da meine Zweifel. Aber selbst wenn man die Beziehung zwischen Herr und Hund, Frauchen und Kätzchen, Bauer und Sau als “Freundschaft” bezeichnet, ist damit zugleich impliziert, dass diese nur ganz ausgewählten Arten und Exemplaren gilt. Oft ist jemand, der seine Katze verhätschelt, auf Nachbars Lumpi nicht gut zu sprechen. Die allgemeine Tierliebe endet also nicht selten bereits am eigenen Gartenzaun.

Moralische Schizophrenie?

Armin Rohm will von alldem nichts wissen, sondern setzt die ganze verlogene Fleischfresserbande kurzerhand auf die Anklagebank. Schon sein erstes Beispiel “moralischer Schizophrenie” geht allerdings in die Binsen. Erst, so klagt der Autor, liebkose der Fleischesser

seinen Hund (‘Mein bester Freund und Kamerad.’), dann unterschreibt er eine Petition gegen das Abschlachten der Delfine in Taiji (‘Diese Japaner, das sind doch gefühllose Unmenschen! Da kann ich doch nicht tatenlos zusehen’) [...] und dann … isst er ganz genüsslich ein Steak – die fleischgewordene Todesangst eines feige hingerichteten, unschuldigen Tierkindes.

Wie oben bereits dargestellt, kann jemand durchaus seinen eigenen Hund lieb haben, ohne zugleich die ganze Fauna zu umarmen – genau wie jemand seine Frau lieben kann, ohne gleich zum Don Giovanni zu werden, der behauptet: “Wer nur einer treu ist, begeht ein Unrecht an den anderen”. Das vom Autor beklagte Verhalten hat also weder mit psychischer noch mit moralischer Schizophrenie irgend etwas zu tun.

Rohm schiebt dem omnivoren Tierfreund mit den in Klammern gesetzten Bemerkungen bereits seine verquere Tierrechtler-Logik und seine Motive unter. In den betreffenden Beispielen befinden sich die fiktiven Omnivoren immer schon im Rechtfertigungsmodus. Offensichtlich kommt Rohm gar keine Konstellation mehr in den Sinn, in welcher er nicht der Ankläger ist, sondern sich selber für seine kruden Vorwürfe rechtfertigen muss.

Er übersieht deshalb auch, dass man am Wohl der Delfine als Spezies interessiert sein kann (Artenschutz), ohne in dem Wahn zu leben, jeder Tümmler der Meere habe ein Recht auf Leben. Wer schonende Fangmethoden fordert, muss nicht prinzipiell gegen die Tötung von Meeresbewohnern sein. Man kann ohne Selbstwiderspruch ein Interesse am Arterhalt großer Raubfische und Meeressäuger haben, damit der Ozean nicht von Humboldt-Kalmaren übervölkert wird (biologisch-ökologische Motive). Was hat das alles damit zu tun, dass man auch Schoßtiere zum eigenen Vergnügen erwerben und dieses Vergnügen für das Höchste der freundschaftlichen Gefühle halten kann?

Schizophren ist es wohl eher, wenn Veganer Hunde und Katzen halten. Diese Tiere verspeisen bekanntlich eine Menge anderer Mitgeschöpfe als Futter der Sorten “Rind”, “Lamm”, “Huhn” usf. Wer als veganer “Tierfreund” Katzen oder Hunde mit artgerechtem Futter versorgt, gibt seinen Lieblingen u.a. “die fleischgewordene Todesangst feige hingerichteter und unschuldiger Tierkinder” zu fressen. Manche Veganer versuchen ihre moralische Schizophrenie aufzulösen, indem sie Bello und Miezi mit veganer Kost zwangsernähren. Damit setzen sie sich aber dem berechtigten Vorwurf aus, schnöde Tierquäler zu sein, die das Wohl ihrer angeblich besten Freunde skrupellos der eigenen “Moral” und Rechthaberei opfern.

Bizarrer Rollentausch

Zu welch eigenartigen Ergebnissen man kommen kann, wenn man nicht begreift, dass Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruht, demonstriert der Autor mit folgendem Gedankengang. Für ihn sei “ein Freund jemand, der mich mag, mir vertraut, mich genau so akzeptiert, wie ich bin.” Ein Freund sei jemand, “der ehrlich zu mir ist, durchaus auch mal kritisch, mich aber nicht belehrt, bevormundet, beschämt, täuscht oder in meiner Freiheit einschränkt”. Ein Freund sei “jederzeit für mich da”, stehe ihm “gerade in schwierigen Zeiten zur Seite”, verteidige ihn “gegen Angriffe jeder Art”, wünsche ihm “von ganzem Herzen” nur das Beste und füge ihm “niemals willentlich Schaden” zu.

Damit, so könnte man meinen, liefert er eine solide Begründung, warum eine Freundschaftsbeziehung mit Tieren nicht möglich ist – weder mit dem eigenen Hund noch mit anderen Spezies. Es dürfte ja auch Rohm klar sein, dass Tiere nicht “kritisch” zu ihm sein können; dass sie nicht in der Lage sind, ihn zu entmündigen, weil sie selber gar nicht mündig sind; dass sie ihn ebenso wenig belehren können wie Steine oder Wollmäuse es vermögen. Welchen Sinn hätte es auch, diese Handlungen und Unterlassungen lobend zu erwähnen, wenn die betreffenden Objekte ohnehin dazu prinzipiell unfähig sind. Ich persönlich schätze beispielsweise an Steinen, dass sie nicht kläffen und nicht auf den Bürgersteig machen können. Doch ich bezeichne sie allenfalls ironisch als meine “stillen Freunde”.

Tiere können Menschen auch nicht gegen “Angriffe aller Art” verteidigen. Rohms Hund könnte sein Herrchen nicht gegen meine Argumente verteidigen; er könnte ihn nur gegen mich verteidigen, indem er mir in den Hintern bisse. Hunde verteidigen zwar ihre Besitzer oder deren Gut, dies aber oft gegen andere Tiere. Letztere betrachtet der Autor aber angeblich auch als seine Freunde. Und dass irgend ein Rindvieh in der Pampa ausgerechnet einem deutschen Tierrechtler nur das Beste wünschen und ihm niemals willentlich Schaden zufügen würde, wird selbst Rohm uns nicht ernsthaft weismachen wollen.

Er meint wohl etwas anderes: “Wenn ich prüfen will, ob ICH mich zu Recht als Tierfreund bezeichne, wechsle ich einfach die Perspektive und frage mich, inwiefern die Tiere, deren Freund zu sein ich behaupte, das wohl auch so sehen.” Demnach sei “sonnenklar, dass Handlungen wie einsperren, vergewaltigen, deportieren, ermorden, zerstückeln und essen aus Sicht der Tiere definitiv nicht als Freundschaftsbeweis durchgehen.”

Dies wäre jedoch nur “sonnenklar”, wenn die betreffenden Tiere Armin Rohm wären. Denn der Autor hat sich nicht etwa in konkrete Tiere hineinversetzt, sondern nur ein Tierkostüm angezogen und sich dabei eingebildet, “aus Sicht der Tiere” zu sprechen. Er unterstellt einfach, dass Tiere 1. eine Vorstellung von Freundschaft haben; dass sie 2. ein Interesse daran haben, mit Menschen befreundet zu sein, und dass 3. deren Vorstellung von Freundschaft so emphatisch ist, wie es vom Autor beschrieben wird. Dies ist aber nicht der Fall. Insofern läuft sein “Test” darauf hinaus zu ergründen, was wäre, wenn man sich selber für ein Tier hielte.

Auch ernsthafte Versuche, sich in Tiere hineinzuversetzen, sind übrigens zum Scheitern verurteilt. Man weiß nicht genau, was in den Viechern vorgeht. Man kann allerdings mit einigem Recht annehmen, dass sie meistens kein Interesse daran haben, verletzt oder gefressen zu werden (obwohl das nicht für alle Tiere gilt: Parasiten “wollen” zum Beispiel gefressen werden). Was dies jedoch mit Freundschaft zu tun hat, bleibt rätselhaft.

Zur Freundschaft gehören mindestens zwei. Wenn man herausfinden will, ob X mit Y befreundet ist, muss man beide fragen. Antwortet einer mit “nein”, besteht keine Freundschaft, ganz unabhängig davon, ob sich X als Freund von Y “bezeichnet”. Tiere können die Frage aber gar nicht beantworten und auch keine Freundschaftsanfrage bei Facebook erwidern.

Rohm schreibt noch viel über den Unterschied von Mitleid und Mitgefühl und dass man den Tieren auf “Augenhöhe” begegnen solle usw. Wer aber Tieren wirklich auf “Augenhöhe” begegnen will, sollte sich – siehe oben – vorsehen, dass diese Begegnung nicht ins Auge geht bzw. im Tiermagen endet.

Fazit

Rohm will im Dienste seiner Ideologie Omnivore ins Unrecht setzen, die bekunden, sie seien Tierfreunde. Über diese meint er mit einem Begriff von Freundschaft herfallen zu dürfen, der in Bezug auf Tiere unangemessen ist. Die Feststellung, dass sich Menschen nicht ohne Selbstwiderspruch als Tierfreunde im emphatischen Sinne von “Freundschaft” bezeichnen können, ist trivial wahr. Sie gilt aber für alle Menschen, einschließlich der Tierrechtler. Letztere wollen dies bloß nicht wahrhaben und lassen andere dafür büßen – unter anderem die Tiere selbst. 

Der Autor verhält sich gegenüber den Tieren wie ein abgewiesener Liebhaber, der nicht erkennt, dass das Objekt seiner Begierde nichts von ihm wissen will. Er gefällt sich in der Rolle des Anklägers, vor dem die Leute “um Absolution winseln”. Er benutzt Ausdrücke wie “deportieren”, “ermorden”, “vergewaltigen”, “zerstückeln”, “feige hingerichtetes Tierkind”. Diese maßlose und denunziatorische Terminologie ist auch typisch für Elaborate fanatischer Abtreibungsgegner oder anderer religiöser Fundamentalisten. Als Einführung in die vegane Gedankenwelt ist der Text daher gut geeignet. Motto: Die ihr eintretet, lasst jede Hoffnung auf Vernunft fahren!

 

 

 

Ernährung muss Privatsache bleiben!

Beinahe wehmütig liest man heute die Zeilen des Philosophen Kurt Bayertz aus dem Jahre 2004. Damals konnte Bayertz noch wie selbstverständlich schreiben:

Der weitaus größte Teil unserer Handlungen ist moralisch neutral. Ob ich zum Frühstück Tee oder Kaffee trinke, ob ich meine Einkäufe im Laden A oder B tätige, welche Produkte ich dort kaufe und welches Fernsehprogramm ich mir ansehe: Alles das hat normalerweise mit Moral (im engeren Sinne) nichts zu tun. Moral ist daher kein Korsett, das uns die Luft zum Atmen nimmt und unser Handeln auf unerträgliche Weise einschränkt. (Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein? München 2004, S.51)

Heute befindet man sich mit dieser Aussage beinahe schon in der Defensive, weil die Anzahl derer, die aus der Moral (wieder) ein Korsett machen wollen, anscheinend deutlich zunimmt. Die Frage etwa, ob man Kaffee oder Tee trinken soll, kann am Frühstückstisch Anlass zu heftigsten Konflikten geben. Es braucht z.B. nur jemand zu behaupten, der Genuss von Tee verursache mehr Umweltschäden als der von Kaffee, und schon hängt der Haussegen schief.

Der Trend geht eindeutig dahin, alle Handlungen moralisch zu deneutralisieren und damit Privatheit sowie Toleranz ganz abzuschaffen, anstatt an beiden Begriffen kritisch festzuhalten. Seit jeher werden vorzugsweise solche Handlungen bzw. Verhaltensweisen unter strenge moralische Kontrolle gebracht, die aus natürlichen Trieben resultieren. Wer Sexualität und Ernährung der Menschen zu kontrollieren vermag, hat zugleich eine sehr weitreichende Kontrolle über deren “Privatleben”. Da die Sexualität in unseren Breiten zumindest prima facie liberalisiert worden ist, wird die Art und Weise, wie Menschen ihren Hunger stillen, zunehmend Gegenstand moralischer (Selbst-)Zerfleischung. Essen, so heißt es überall, sei keine Privatsache.

Wie fadenscheinig mit dieser Behauptung Intoleranz und Herrschsucht als hohe moralische Gesinnung ausgegeben werden, sei an einem Beispiel demonstriert. Armin Rohm, der als “Tierrechtler und Verfasser ethisch-philosophischer Texte” vorgestellt wird, möchte in einem Artikel zeigen, dass Essen keine Sache der persönlichen Entscheidung sei. Zu diesem Zweck stellt er folgende These auf:

Wenn ich behaupte, dass die Wahl zwischen omnivorer und veganer Ernährung jedem selbst überlassen werden sollte, dann unterstelle ich dabei unausgesprochen, dass es sich dabei um zwei moralisch weitgehend gleichwertige Alternativen handelt. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe, während vegane Ernährung Leid, wo immer möglich, vermeidet. Die omnivore Ernährung erfordert also Opfer, und spätestens dann endet die persönliche Entscheidungsfreiheit.

Genau genommen handelt es sich hier um nur eine Alternative, nämlich die zwischen omnivorer und veganer Ernährung. Denn “Alternative” bedeutet die Möglichkeit, zwischen zwei Optionen oder Gegenständen entscheiden zu können. Doch diese sprachliche Ungereimtheit nimmt sich im Vergleich zur inhaltlichen harmlos aus. Vegane Ernährung, so will Rohm zeigen, sei moralisch prinzipiell höherwertig als omnivore Ernährung. Womit begründet er das? Nehmen wir zunächst nur folgende Aussage:

Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid

Dies ist inzwischen eine geläufige Phrase bei allen, die mit dem Veganismus sympathisieren. Doch wieso verursacht jemand, der Fleisch isst, unermessliches Leid? Welches unfassbar große Leid verursacht z.B. ein Jäger, der mit einem Blattschuss ein Wildtier erlegt und es anschließend verspeist? Wenn er das Tier gut getroffen hat, dürfte das durch den Jäger zugefügte Leid unfassbar klein, nämlich gleich null sein. Man könnte sogar argumentieren, dass der Schütze dem Tier künftiges Leid erspart. Denn Wildtiere haben ein sehr entbehrungsreiches Leben und sterben oft eines äußerst unangenehmen Todes.

Die Behauptung, dass jemand nur deswegen signifikant großes Leid verursacht, weil er Fleisch konsumiert, ist falsch. Leider scheint der Autor nicht viel von begrifflicher Präzision zu halten und ebenso assoziativ zu denken wie seine begeisterten Kommentatoren. Bei dem Wort “Fleischkonsum” läuft in seinem Kopf wohl automatisch ein Peta-Video mit schrecklichen Szenen aus der “Massentierhaltung”. Wenn er aber z.B. folgendes meint:

“Wer heutzutage Fleisch isst, das aus einer  bestimmten, tierquälerischen Haltungsform stammt …”,

sollte er das auch schreiben. So, wie er den Satz formuliert, handelt es sich aber um einen Allsatz des Typs “Alle Menschen sind sterblich”. Bei solchen Sätzen reicht ein einziges Gegenbeispiel, um sie zu falsifizieren, d.h. als unwahr zu verwerfen. Es ließen sich hier aber tausende Gegenbeispiele finden. Würde Rohm hingegen den Geltungsbereich seiner Aussage einschränken, müsste er differenziert argumentieren, und dann wäre seine platte Gegenüberstellung von tadelnswertem Fleischkonsum und lobenswertem Fleischverzicht dahin. Ich vermute, dass hier keine bewusste Absicht vorliegt, sondern dass der Autor einfach zu unreflektiert ist.

Ganz streng genommen kann man seine Behauptung übrigens gar nicht falsifizieren. Falsifizieren kann man nur Aussagen, in denen mindestens ein klares Kriterium zur Falsifikation enthalten ist. Doch dieses fehlt in dem betreffenden Satz. Was heißt “unermessliches Leid”? “Unermesslich” ist kein relationaler Begriff, und Leid kann man kaum sinnvoll quantifizieren. Der Autor versucht nicht einmal, den Leidbegriff näher zu bestimmen. Bei der Aussage Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid handelt es sich daher nur um einen Gemeinplatz, der im Hinblick auf die Intentionen des Autors wertlos ist. Denn man kann die Fleischesser durch beinahe jede Gruppe ersetzen, z.B. durch Eisenbahnfahrer, Autofahrer, Vielflieger, Veganer. Die Lektüre von tierrechtlichen Ergüssen verursacht jedenfalls unermessliches Leid bei allen, die ihren Verstand nicht verkehrt herum angezogen haben.

Im nächsten Halbsatz wird’s auch nicht besser:

… und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe

Dass “Ermordung” nicht der korrekte Ausdruck für die Tötung von Tieren ist, sondern bereits eine üble Unterstellung beinhaltet, lasse ich einmal beiseite. Auch hier haben wir es wieder mit einem Gemeinplatz zu tun, der ganz genauso auf x-beliebige Gruppen angewendet werden könnte, insbesondere auf Veganer: Wer Pflanzen isst, verursacht (“verantwortet”) immer die Tötung unschuldiger Geschöpfe. Pflanzen sind bekanntlich auch unschuldige Geschöpfe. Das scheint dem “Tierrechtler” ebenso entgangen zu sein wie die Tatsache, dass für die Produktion von pflanzlicher Nahrung “unermesslich” viele Tiere sterben müssen (siehe unten).

Bevor er sich über solche Spitzfindigkeiten Gedanken macht, flüchtet Rohm lieber zum nächsten Gemeinplatz:

…während vegane Ernährung Leid, wo immer möglich, vermeidet.

Eine Ernährung kann nichts “vermeiden”. Dieser weitere sprachliche Fauxpas macht den Vortrag des Autors noch trüber, als er ohnehin schon ist. Was will er uns eigentlich sagen, und was sagt er wirklich? Rohm meint wahrscheinlich: Das Leid, das durch omnivore Ernährung verursacht wird, ist größer als das Leid, das durch vegane Ernährung verursacht wird. Er sagt aber nur, dass das Leid bei omnivorer Ernährung “unermesslich” sei und bei veganer Ernährung vermieden werde, wo immer dies möglich sei. Bei genauem Hinsehen muss man jedoch feststellen, dass hier gar kein Gegensatz besteht. Man könnte nämlich mit einigem Recht folgendes behaupten: Auch wenn wir das Leid vermeiden, wo immer dies möglich ist, bleibt das gesamte Leid in der Welt dennoch “unermesslich”. Unter der (zutreffenden) Prämisse, dass Menschen um ihrer Selbsterhaltung willen auf die Nutzung und Tötung von Tieren angewiesen sind, vermeiden sie mittels strenger Tierschutzgesetze bereits heute (Tier-)Leid, wo immer dies möglich ist.

Um seine implizite These zu stützen, dass vegane Ernährung weniger Leid verursacht als omnivore, müsste Rohm einigermaßen exakt das Leidquantum benennen können, welches jeweils bei omnivorer und veganer Ernährung entstünde, und von diesem dann ebenso exakt das jeweilige Lustquantum subtrahieren. Dazu müsste er wiederum alle relevanten Umstände kennen. Dies ist jedoch unmöglich. Mit anderen Worten: Der Begriff des Leides bleibt ebenso schwammig wie der des Möglichen willkürlich. Ohne nähere Bestimmungen kann man obigem Halbsatz daher nichts Substantielles entnehmen.

Vielleicht klappts ja im nächsten Satz:

Die omnivore Ernährung erfordert also Opfer, und spätestens dann endet die persönliche Entscheidungsfreiheit.

Der Autor geht hier offenkundig davon aus, dass vegane Ernährung keine “Opfer” erfordert. Dies scheint ihm so selbstverständlich zu sein, dass er es nicht einmal explizit erwähnt. Eine Begründung für diese implizite Annahme liefert er jedenfalls nicht. Warum überdies aus der Tatsache, dass eine Handlung Opfer erfordert, das Ende der persönlichen Entscheidungsfreiheit folgt, bleibt ebenfalls ungeklärt. Auch hier verweigert sich der Autor jeder begrifflichen Reflexion. Er betreibt weder Philosophie noch Ethik, sondern lässt lediglich ein paar Phrasen auf Stelzen laufen.

Nimmt man nun beispielsweise die Anzahl der durch eine bestimmte Ernährungsweise erzeugten tierischen Todes-”Opfer”, ist keineswegs ausgemacht, dass Fleischesser immer schlechter dastehen als Veganer. Es könnte z.B. auch sein, dass ein veganer Obstliebhaber mehr tote Viecher zu verantworten hat als ein obstverschmähender Fleischesser. Denn Obst wird heute in Niederstammanlagen produziert. Dort stehen viele kleine Obstbäume in Beetpflanzungen. Die besonders zarten Wurzeln der Bäume würden von Myriaden Schermäusen vollständig abgenagt, wenn man die vermehrungsfreudigen Nager nicht regelmäßig mit Fallen, vergifteten Ködern und Giftgas ins Mäusejenseits beförderte. Die Anzahl der für den Bedarf des Obstliebhabers getöteten Nager könnte die Anzahl der für den obstverachtenden Fleischfreund getöteten Tiere bei weitem übersteigen. Wenn man nun auch noch die Todesart der betroffenen Tiere mit in die Rechnung aufnähme, würde es noch schlechter für den veganen Obstfreund aussehen. Denn die Mäuse sterben einen viel elenderen und langsameren Tod als fachgerecht geschlachtetes Vieh.

Letztlich kann niemand nur annähernd genau berechnen, wie viele Tiere bei bestimmten Ernährungsarten sterben müssen. Wenn aber z.B. Grasland in Ackerland umgebrochen wird, stirbt auf der fortan als Acker genutzten Fläche mit Sicherheit ein Mehrfaches an Tieren (“Ackerschädlingen”), als wenn man auf dem Gras weiter Rinder oder Schafe weiden ließe (siehe meinen Artikel zu diesem Thema). Wie dem auch sei, auf jeden Fall gälte (in den Worten Rohms): Wer Obst isst, verursacht unermessliches Leid und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe.

Die Waage neigt sich endgültig zu Gunsten der Omnivoren, wenn man bedenkt, dass vegane Landwirtschaft unermessliches menschliches Leid in Form von Hunger und Mangel erzeugen würde. Würden die veganen Moraltrompeter statt tierethischer Erbauungsliteratur nur ein wenig Bodenkunde studieren, wüssten sie das. Selbst wesentlich intelligentere Tierethiker als Rohm versäumen es, sich mit den Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion näher zu befassen. Nur deshalb können sie ihre tierrechtlichen Luftschlösser bauen.

Fazit: Rohm ist ein typischer veganer Dünnbrettbohrer, der mit ein paar “ethisch-philosophischen” Phrasen seiner Intoleranz freien Lauf lässt. Die säkularisierte Welt scheint sich immer mehr mit kleinen Großinquisitoren zu füllen, die jeden Menschen einer hochnotpeinlichen Befragung über seine Essgewohnheiten unterziehen wollen. Rohm ist diesbezüglich sehr eifrig, wie man in seinem Artikel Der omnivore Tierfreund nachlesen kann. Vegane Willkür ist aber nur der Anfang eines Krieges aller gegen alle. Prinzipiell kann jeder jeden in Ernährungsfragen der Unmoral bezichtigen, wie es ihm gerade in den Kram passt. Und dabei tun sich Leute wie Rohm besonders hervor, denen die Lust am Kujonieren aus jeder Zeile zu dringen scheint. Diesem Terror muss man sich widersetzen. Ernährung muss Privatsache bleiben!

Komma aufn Punkt

Landwirtschaft ist in unseren Breiten inzwischen ein Wort, mit dem die wenigsten Menschen noch Erfahrungen aus eigener Praxis verbinden können. Lediglich 1,6 % aller Erwerbstätigen (ca. 667 000 Personen) sind hierzulande im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt. Zugleich ist die Produktivität rasant gestiegen: Niemals wurden so viele Lebensmittel in so hoher Qualität von so wenigen Menschen produziert wie heute. Mithilfe des technischen Fortschritts konnte zudem der Plackerei weitgehend ein Ende gemacht werden, welche noch vor ein paar Jahrzehnten die Landwirtschaft prägte. Dank High-Tech kann heute eine zart gebaute Bäuerin allein einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen bewirtschaften; früher musste sich die ganze Familie für einen Betrieb mit 20 Kühen den Rücken krumm schuften.

Dass diese Zeiten vorbei sind, ist erfreulich. Doch es gibt auch eine Kehrseite: In einer Gesellschaft, wo fast niemand mehr den Tieren und Pflanzen durch eigenes Tun etwas abringen muss, gedeiht diesbezüglich der Aber- und Wunderglaube – zum Beispiel, dass es lila Kühe gebe oder auf Bauernhöfen zugehe wie im Tigerentenclub. Penetrant wird in den Medien ein idyllisches Bild der vormodernen Landwirtschaft mit dramatisierten Darstellungen der modernen Landwirtschaft kontrastiert. Kaum jemand ahnt noch, wie wichtig eine effiziente Agrarproduktion für die Gesellschaft ist und welche Freiräume sie geschaffen hat. Statt dessen wird munter an dem Ast gesägt, auf dem alle sitzen.

Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass nicht wenigen Agrarfachleuten regelmäßig der Kamm schwillt. Zwei von ihnen sind Catrin Hahn und Sabine Leopold – beides studierte Landwirtinnen und profilierte Agrarjournalistinnen. Seit einigen Jahren schreiben sie sich im Wirtschaftsmagazin Agrarmanager den Frust von der Seele: Die Glosse „Aufs Korn genommen“ erscheint regelmäßig auf der letzten Seite das Magazins. 32 dieser Glossen sind nun unter dem Titel „Komma aufn Punkt“ (, aufn .) in Buchform erschienen. „Eines Tages hatten wir einfach die Faxen dicke“, heißt es im Vorwort: „Herbeigeredete Ernährungsskandale, windige Gesundheitsversprechen, wild gewordene Tierretter, schamlose Geschäftsideen – Tag für Tag fanden sich neue Medieninhalte, die Agrarjournalisten wie uns Lachtränen in die Augen, Zornesfalten auf die Stirn oder die Schamröte ins Gesicht trieben.“

„Komma aufn Punkt“ ist eine Art Kompendium landwirtschafts- und wissenschaftsferner Gemeinplätze, die von den Autorinnen auf nonchalante Weise hinterfragt und mit trockenem Witz ad absurdum geführt werden. Die Glossen bereiten nicht nur Agrarfachleuten Vergnügen, sondern eignen sich ganz hervorragend dazu, die “landwirtschaftsfernen Schichten” über einige grundlegende Zusammenhänge und Irrtümer aufzuklären. Denn es wird in den Beiträgen auch eine Menge Wissen vermittelt.

Das übrigens auch sehr schick gestaltete Buch kann ich daher allen nur wärmstens empfehlen! Bestellen kann man es für 11 Euro plus Versand direkt hier komma_aufn_punkt@aol.de