Die Allgegenwart der Tiere unter Bedingung ihrer Abwesenheit

Die Natur ist nicht im Tierschutzverein.

Horst Stern

 

Tierleid einmal anders

„Ich muss mir im Fernsehen unentwegt Tiere anschauen, herumlaufende Tiere … schrecklich“, klagte der greise Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2010 in einem ZDF-Interview. Er wollte damit gewiss nicht zum Ausdruck bringen, dass ihn seine Gattin dazu nötigt, jeden Tag Elefant, Tiger und Co. einzuschalten, sondern dass Tiere heute im Fernsehen omnipräsent sind.

Auch früher gab es Tiersendungen, gab es Unterhaltungsfilme mit Tieren als Hauptdarstellern (Lassie, Flipper, Daktari oder Fury). Doch gegen die Manie, die seit ein paar Jahren nicht nur im Fernsehen, sondern auch in den Printmedien, auf dem Buchmarkt, im Internet, in den Geisteswissenschaften grassiert, wirken Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek, Jacques Cousteau und Hans Hass wie Fossilien aus dem Zeitalter der dezenten Tierberichterstattung.

Schon damals wurde allerdings selten darauf verzichtet, während der Darstellung tierischer Lebensweise die menschliche zu kritisieren. Tierfilmer waren auch früher meist Leute, die ihre Objekte gegen menschlichen Kahlschlag in Schutz nehmen wollten. Geschützt werden sollten allerdings bedrohte Tierarten und –populationen, nicht Äffchen Coco, Brillenschlange Edgar oder Willy, der nette Schwertwal von nebenan.

Seit Jahrzehnten werden in einschlägigen Dokumentationen Menschen grundsätzlich als Buhmänner, Tiere hingegen als bedrohte und schutzbedürftige Wesen dargestellt. Irgendwann mussten die Leute ja dem Fehlschluss aufsitzen, Tiere seien allein schon deswegen gut, weil Menschen bisweilen böse mit ihnen umspringen. Dennoch war es für die meisten Zoologen und Tierfilmer der alten Garde selbstverständlich, ihre Schützlinge nicht zu vermenschlichen und sie moralisch nicht mit den Menschen gleichzustellen.

Tiere als edle Wilde

Heute ist es jedoch vor allem bei Hochgebildeten Mode, Tiere als edle Wilde zu betrachten, die sich nach ihrer Befreiung durch hominide Wohlstandsschnösel sehnen. Da das Proletariat als „historisches Subjekt“ wegen Untauglichkeit ausgemustert worden ist, müssen nun Tiere die bedrohte Traumwelt frustrierter Intellektueller retten. Animalische Genossen werden demonstrativ gehätschelt, während renitente Proleten zu ihrem eigenen Besten (also zur Strafe) nur noch vegane Pampe essen sollen.

Dass ein Literaturexperte wie Reich-Ranicki offen sein Desinteresse an der Tierwelt bekundet, gilt heute in den Feuilletons fast schon als Frevel. Dort führen inzwischen Literaturkritikerinnen wie Iris Radisch oder Philosophinnen wie Hilal Sezgin das tierrechtliche Wort. Kaum ein Tag vergeht mehr, an dem in den Medien nicht irgendein Literaturwissenschaftler, Musikkritiker, Philosoph, Pädagoge oder Theologe frei über die liebe Fauna und den bösen Homo sapiens phantasiert. *

Der Aberglaube, Tiere seien die besseren Menschen oder unsere Freunde, wurde von Wissenschaft und Philosophie kräftig gefördert. Zoologinnen und Verhaltensforscherinnen wie Jane Goodall oder Dian Fossey werden heute in dem Maße als Kämpferinnen der Tierbefreiung gefeiert, in welchem sie die Distanz zum Objekt verloren haben. Wer heute als Zoologe einen Bestseller landen will, kann gar nicht mehr anders, als seine Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass Tiere möglichst menschlich, Menschen aber möglichst animalisch dastehen.

Das grundsätzliche Problem dieser Darstellungen besteht aber darin, dass die Forscher Tieren Seelenzustände zuschreiben, „die keinem Menschen anders bekannt sein können als aus dem Zusammenleben der Menschen selbst“, wie der Philosoph Peter Janich betont. Dieses Problem wird jedoch von den betreffenden Wissenschaftlern selten reflektiert, deshalb erliegen viele der Versuchung, sich mit ihren Forschungsobjekten zu verwechseln.

Und so fordern heute angekleidete Professoren von ihren Studenten, die vermeintliche Tatsache anzuerkennen, dass wir im Grunde nichts als „nackte Affen“ seien. An dieser Vorstellung berauschen sich vor allem westliche Intellektuelle, die nicht immer nur als blutleere Kopfmenschen dastehen wollen, sondern gerne auch mal für wilde Tiere gehalten werden würden (Jerry Lewis’ Komödie Der verrückte Professor lässt grüßen). Dass ein afrikanischer Angehöriger der Unterschicht sich gerne „nackter Affe“ nennen ließe, darf hingegen bezweifelt werden. Wenn die Professoren ihre Studenten tatsächlich für Affen hielten, könnten sie sich jedenfalls jeden Appell sparen, irgendwelche Tatsachen anzuerkennen. Außerdem sollten sie die jungen Leute besser mit Bananen oder Kokosnüssen statt mit evolutionsbiologischen Theorien füttern.

Halbmensch oder Ganzaffe?

Das Buch „Der nackte Affe“ von Desmond Morris erschien 1968. Dieser Bestseller war eines der ersten Bücher, in denen der Mensch bezüglich seiner Handlungen konsequent „vertierlicht“ wurde. Etwa zur selben Zeit veröffentlichte Jane Goodall ihre Berichte über die „menschlichen“ Eigenschaften von Schimpansen. Goodall erforschte Primaten nicht im Labor oder durch heimliche Beobachtung von außen, sondern als eine Art WG-Mitglied der Affenbande von innen.

Es ist nun nicht so, dass diese Forschungen keine wertvollen Resultate geliefert hätten. Noch wertvoller wären die Ergebnisse allerdings ohne den Motivationsüberschuss gewesen, Homo sapiens partout vom Podest zu stoßen. Kaum stochert ein Schimpanse mal mit einem Zweig herum, heißt es gleich, dass „wir“ die Affen als Menschen akzeptieren müssten. Komischerweise will aber keiner die Konsequenz aus diesen Aussagen ziehen und den Affen Handlungsautonomie zuschreiben, d.h. die Tiere für ihr Tun verantwortlich machen. “Dasjenige also, wovon sich Menschen und Tiere unterscheiden, muß mehr in der Freiheit zu handeln als in dem Verstande liegen“, meinte schon Rousseau.

Wie groß und wirkmächtig der „Affe in uns“ ist; wie sehr unser evolutionäres Erbe unser Verhalten tatsächlich determiniert, weiß niemand genau. “Solange die Handlungen der Menschen nicht mit dem Taschenrechner vorausberechnet werden können, bleibt der Determinismus ein bloßes Gedankenspiel”, bemerkte der Philosoph Ludwig Siep einmal. Die Autoren rätseln derweil, ob wir uns mental noch im Urwald, in der Steinzeit oder doch schon im Dreißigjährigen Krieg befinden.

Das Elend hat viele Gesichter

Die neuen verhaltensbiologischen Forschungsergebnisse blieben von Geisteswissenschaftlern seinerzeit nicht unbemerkt. 1970 gab der britische Psychologe Richard Ryder ein Flugblatt heraus, in welchem er die Arroganz der menschlichen Spezies („Speziesismus“) im Umgang mit allen anderen Arten beklagte. Der australische Philosoph Peter Singer nahm die Gedanken Ryders auf und veröffentlichte 1975 sein berühmtes Buch „Animal Liberation“ („Befreiung der Tiere“). Viele weitere Autoren konnten sich nach und nach für den Tierbefreiungsgedanken erwärmen, so dass die Tierethik heute in der Philosophie ein veritables Boomgeschäft ist. Tiere und Kinder gehen eben immer! Tierethische Werke füllen in den Bibliotheken der Fakultäten schon ganze Regalwände. Wenn das so weitergeht, muss jede Universität bald eine Arche Noah auf dem Campus haben, damit jede speziesspezifische Tierethik dort Obdach finden kann.

Da Tiere auch in der Presse für Auflage sorgen, popularisieren Journalisten eifrig, was sie von Verhaltensforschern und Ethikern aus der Ferne vernommen haben. Dieses Halbwissen regnet als dicke Moralbrühe auf die halbgebildete Mittelschicht herab und lässt dort viele vegane Kohlköpfe sprießen. Doch weder Intellektuelle noch „Normalbürger“ haben überhaupt noch nennenswerten Kontakt mit Wild- oder Nutztieren, dafür aber umso mehr mit den zu Ersatzmenschen gezüchteten Schmusetieren. Unter diesen Voraussetzungen gedeiht eine Art Liebeswahn, der sich auf das unerreichbare Mitgeschöpf richtet. Ob die Auserkorenen diese Liebe erwidern, spielt dabei keine Rolle. Vermenschlichende Darstellungen in Zeichentrick- und Animationsfilmen tun ein Übriges, um das wahnhafte Tierbild des individualisierten Wohlstandsbürgers zu bestätigen.

Disney und die Folgen

Die gesamte Natur ist inzwischen erfolgreich disneyfiziert worden. Vor allem jüngere Menschen sind in zunehmendem Maße vom „Bambi-Syndrom“ befallen. „Die Natur erscheint aus dieser Sicht wie ein übergroßes Bambi, das einen aus unschuldigen Augen Hilfe suchend anschaut. Sein Kindchenschema wird offenbar der gesamten Natur übergestülpt“, schreibt der Soziologe Rainer Brämer dazu. Während Tierethiker sich immerhin noch um differenzierte Argumentationen bemühen, ist bei den Aktivisten jegliche Scheu gewichen, das Bambi-Syndrom zur moralischen Richtschnur ihres Handelns zu machen.

Die Konsequenzen liegen denn auch auf der Hand: Wenn die im Wolkenkuckucksheim entstandene Idealisierung des Tieres mit der Realität konfrontiert wird, sieht es für die Objekte der Idealisierung schlecht aus, und die Rache der enttäuschten Liebe wird sie treffen. Schon jetzt fordern manche Tierrechtler, alle Raubtiere abzuschaffen, weil Letztere friedliche Pflanzenfresser malträtieren und dezimieren. Wenn solche Tierrechtler erst merken, dass auch die Pflanzenfresser sich nicht an die menschliche Moral halten, müssen wohl auch diese ins Gras beißen. Hat man erst einmal alle Tiere abgeschafft, gibt es auch kein Tierleid mehr, und man kann dazu übergehen, das Leid der Quietsche-Entchen in Badewannen anzuprangern.

Schöne neue Ombudswelt

Bisher ist die groteske Selbstwidersprüchlichkeit der tierrechtlichen Vulgärmoral wegen Nebels in den Köpfen noch kaum bemerkt worden. Die bekannteste Tierrechtsorganisation PETA kann daher ungeniert auf ihrer Webseite behaupten, dass die „Gedankenwelt der Tiere“ nicht weniger ethisch sei als die der Menschen, und noch dazu fordern, dass Menschen sich beim Umgang mit Tieren gefälligst an die Goldene Regel zu halten hätten: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ PETA fordert also eine Norm, die nur unter Symmetriebedingungen sinnvoll ist. Trotzdem findet sich bei PETA an keiner Stelle der Appell an die lieben Tierchen, im Umgang mit den Menschen ihrerseits die Goldene Regel zu befolgen.

Und genau hier liegt der falsche Hase im Pfeffer. PETA und zahlreiche andere Tierrechtsorganisationen verkünden allen Ernstes die moralische Gleichstellung von Mensch und Tier, doch diese soll nur zu Lasten des Menschen gehen, während alle Tiere weiter so unmoralisch bleiben dürfen wie vorher. Der Pflichtenkatalog des Menschen soll dicker und dicker werden, doch der Katalog seiner Rechte soll schrumpfen und schrumpfen. Mehr Pflichten, mehr Rechte – so hieß bisher die Gerechtigkeitsdevise. Aber mit Gerechtigkeit darf man Tierrechtler nicht behelligen.

Tiere können offenbar gar nicht in die menschliche Moralgemeinschaft aufgenommen werden, sondern nur als Anhängsel von Menschen mitgeschleift werden, die sich zu deren Fürsprechern aufschwingen. Da alle Tiere strukturell unmündig sind, würde das moralische Universum rasch vor lauter Ombudsleuten aus allen Nähten platzen.

Dass Tiere nur verlieren können, wenn man sie nach moralischen Kriterien beurteilt, ist der wunde Punkt aller mitgeschöpflichen Gleichstellungsideologie. Machte man mit ihr Ernst, käme die latente Tierverachtung des Tierrechtsgedankens deutlich zum Vorschein, und man landete wieder da, wo man bei den mittelalterlichen Tierprozessen schon einmal war.

 

Anmerkungen

* So etwa jüngst der Philosoph Will Kymlicka in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. “Wir müssen uns fragen”, sagt er, “ob unsere heutige Gesellschaft die Möglichkeit hat, ihre Mitglieder zu ernähren, ohne Tiere zu töten. Und diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten.” Man müsste sich fragen, in welchem Paralleluniversum Kymlicka lebt, dass er allen Ernstes behauptet, die Menschen könnten sich ernähren, ohne Tiere zu töten. Zum Glück sind noch nicht alle Philosophen von der intellektuellen Zoophilie befallen. Hans Werner Ingensiep gibt – ebenfalls in der Süddeutschenkontra.