Strohkopf-Rezension

Unser Buch Don’t Go Veggie ist nun auch vom Humanistischen Pressedienst der Giordano-Bruno-Stiftung mit einer Rezension bedacht worden. Darin meint der Politikwissenschaftler und Herausgeber des Jahrbuches für Extremismus- und Terrorismusforschung, Armin Pfahl-Traughber, die wahren Absichten von Udo Pollmer, Greorg Keckl und mir erkannt zu haben. Seiner Auffassung nach ist unsere Intention nicht aufklärerisch, sondern manipulativ.

Ans Bein gepinkelt?

Sein erster „Beweis“ hierzu ist, dass das Buch mit „Gehässigkeiten” und „Herabwürdigungen“ voll sei. In der Tat äußern wir uns bisweilen gnadenlos spöttisch über selbsternannte Moralapostel und die salbungsvollen Floskeln, mit denen viele Vegetarier, Veganer und Tierrechtler sich selber menschliche Spitzenqualität („Empathie“) bescheinigen. Warum unsere Wortwahl aber einer aufklärerischen Intention entgegenstehen soll, erklärt der Rezensent nicht. Eine ehrfurchtslose und bissige Ausdrucksweise kann man mögen oder nicht – sie steht als solche jedenfalls nicht im Widerspruch zu einer aufklärerischen Haltung.

Wer anderen eine Grube gräbt …

So ist zum Beispiel die Kapitelüberschrift „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“ zwar respektlos, aber doch treffend. Und ohne es zu bemerken stimmt der Rezensent darin sogar zu! Er meint nämlich, die Autoren hätten „einschlägige Manipulationstechniken“ verwendet, zum Beispiel das Strohmann-Argument. „Dabei“, so erläutert er, „schreibt man dem Andersdenkenden eine besonders absurde Auffassung zu, welche dann um so einfacher widerlegt werden kann.“

In besagtem Kapitel geht es darum, die praktischen Konsequenzen deutlich zu machen, die es hätte, wenn Menschenaffen (und nach ihnen auch weitere Tierarten) Grundrechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freizügigkeit zugestanden würden. Dies würde zu Lasten der Menschen in den Gebieten gehen, in denen diese Tiere leben.

Ursache hierfür ist u.a. das Ungleichgewicht, dass Affen zwar Grundrechte bekämen, aber keinerlei Pflichten gegenüber Menschen hätten. Wenn also ein Schimpanse ein Menschenbaby tötete, würde er nicht belangt. Tötete ein Mensch aber ein Affenbaby, käme er vor Gericht. Für Menschen in Afrika sind Affenbabys aber durchaus begehrte Nahrung – wie übrigens auch für die Affen selber. Was macht man, wenn Schimpansen Jungtiere ihrer eigenen Art verspeisen wollen? Was wäre mit deren Lebensrecht?

Wenn Schimpansen ein Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit haben, dann müssen sie voreinander geschützt werden. Dies wäre aber nur auf Kosten des Grundrechts auf “freie Entfaltung der Persönlichkeit” möglich, weil es zum arttypischen Verhalten von Schimpansen gehört, andere Schimpansen und Affen zu töten. Man sieht auch hier: Es kommt Nonsens heraus, wenn das Konzept “Recht” auf Tiere angewendet wird.

Der Sinn unseres Arguments ist es zu zeigen, dass man hierzulande viel fordern und schwatzen kann, weil es für uns keine Konsequenzen hat. Die praktische Verwirklichung jener Forderung wäre allerdings für viele Menschen vor Ort sehr unerfreulich. Daraus ergibt sich die Frage, ob es tatsächlich wünschenswert sein kann, ausgewählten Tierarten Grundrechte zuzugestehen.

Was antwortet aber der Rezensent darauf? „Die Bejahung von Grundrechten für Tiere erhebt indessen nur eine Minderheit von Tierethikern.“ Das Strohmann-Argument soll also darin bestehen, dass die Autoren sich „auf einzelne oder randständige Meinungen von Andersdenkenden“ bezogen hätten, die – siehe oben – eine „besonders absurde Auffassung“ vertreten.

Die Besprechung ist im Humanistischen Pressedienst erschienen, die wiederum eng mit der Giordano-Bruno-Stiftung verbunden ist. Man sollte doch erwarten, dass der Rezensent darüber informiert ist, welchen Humanismus-Begriff die Giordano-Bruno-Stiftung hat, und worin eine ihrer wichtigsten Forderungen besteht. Es ist nicht schwer zu erraten: Grundrechte für Menschenaffen. Michael Schmidt-Salomon fordert sie ebenso seit Jahren wie Volker Sommer, Colin Goldner, Dieter Birnbacher, Peter Singer, Paola Cavalieri sowie zahlreiche prominente und namhafte Persönlichkeiten. Das Great Ape Project ist international durchaus einflussreich und hat bereits Gesetzesänderungen bewirkt.

Der Rezensent übersieht also, dass er Singer, Schmidt-Salomon und viele andere kluge Köpfe kurzerhand zu Strohmännern erklärt, nur um Pollmer, Keckl und mir Manipulation nachsagen zu können. Damit ist er aber selber in die Grube gefallen, die er uns gegraben hat. Denn darauf, dass die Forderung nach Grundrechten für Menschenaffen „eine besonders absurde Auffassung“ (eben total Banane) ist, könnten wir uns mit dem Rezensenten sofort einigen. Für seine Behauptung aber, diese Forderung werde nur von (verwirrten?) Einzelnen erhoben, müsste er sich dann wohl vor der Giordano-Bruno-Stiftung rechtfertigen.

Spargelmanipulation?

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Rezension scheint in manipulativer Absicht geschrieben worden zu sein. Was der Autor selbst praktiziert, unterstellt er uns. So behauptet er, eine weitere Manipulationstechnik entdeckt zu haben, „die darin besteht, dass man einen einzelnen Aspekt durchaus zutreffend beschreibt und kommentiert, dann aber aus diesem Detail eine grundlegende Negierung ableitet.“

In Kapitel 27 von „Don’ Go Veggie“ wird am Beispiel des Spargels gezeigt, dass der Anbau von Pflanzen mit niedrigem kalorischen und Eiweiß-Ertrag Verschwendung von Fläche und Ressourcen ist. Denn die Nährstoffdichte von Pflanzen ist nun einmal im Schnitt bedeutend geringer als die von Fleisch. Wie wir darlegen, ist nicht nur der Spargel, sondern eine große Anzahl weiterer Pflanzen sehr nährstoffarm: Salat, Gurken, Zucchini, Auberginen, Tee, Kaffee, diverse Obstsorten usw. Wenn man jenen Ertrag in Rechnung stellt, ist die Fläche und Energie, die für den Anbau solcher Pflanzen verbraucht wird, größer als die Fläche und Energie, die zur Erzeugung mancher tierischer Produkte benötigt wird. Das alles hängt selbstverständlich von vielen weiteren Parametern wie zum Beispiel dem Klima und der Bodenbeschaffenheit ab. Im Allgäu wächst beispielsweise vor allem Gras. Gras können Menschen nicht verdauen. Also lässt man im Allgäu vernünftigerweise Kühe grasen, von deren Milchprodukten und Fleisch man sich dann ernährt. Das ist eigentlich nicht schwer zu verstehen.

Was Pfahl-Traughber nicht weiß: Futterpflanzen werden intensiver angebaut als Speisepflanzen. Sie geben also einen höheren Ertrag. Wenn man dazu noch weiß, dass beispielsweise Schweine einen viel effizienteren Stoffwechsel haben als Menschen, also wesentlich bessere Futterverwerter sind, kann man Eins und Eins zusammenzählen. Der hohe Nutzen der Viehhaltung springt dann ins Auge. Es ist effizienter, Schweine zu füttern, als Schweinefutter zu essen. Abgesehen davon, dass die Tiere den notwendigen Dünger liefern, um die Pflanzen gedeihen zu lassen. Wie viel Ertrag hätte man wohl ohne den organischen Dünger des Viehs? Und wie effizient wäre dann wohl eine rein pflanzliche Ernährung? So etwas Veganern zu erklären ist allerdings ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Rezensent schreibt: „Selbst wenn die jeweiligen Angaben so hoch wären, würde dies nicht gegen Vegetarismus sprechen. Denn Spargel ist weder das alleinige noch primäre Ersatznahrungsmittel für die Anhänger fleischfreien Essens.“ Aber eine Pflanze ist Spargel schon, oder? Welches Pflanzerl hätten’s also gern? Pfahl-Traughber verweist auf den hohen Eiweißgehalt von Pellkartoffeln. Sind Pellkartoffeln das primäre Ersatznahrungsmittel der Anhänger des fleischfreien Essens? Wohl kaum. Beliebte Ersatznahrungsmittel sind zum Beispiel Soja sowie verschiedene aus Weizenkleber zusammengepappte Produkte (z.B. Seitan). Welche Probleme der Genuss solcher Produkte auf gesundheitlicher und ökologischer Ebene mit sich bringt, wird im Buch ebenfalls erläutert.

Nicht mal über den Spargel weiß der Rezensent bescheid. Allein in der Bundesrepublik werden 25 300 Hektar für den Anbau von Spargel ver(sch)wendet! Laut Statistischem Bundesamt ist Spargel damit “weiterhin das bedeutendste Gemüse in Deutschland mit einem Anteil von 22 % an der gesamten Freilandfläche”. Weltweit findet eine gigantische Vergeudung wertvoller Ressocurcen für Null-Kalorien-Pflanzen statt.

Dass Vegetarier alle möglichen Pflanzen konsumieren, die kaum kalorischen Ertrag haben und – was viel wichtiger ist – kaum Eiweiß liefern, spricht sehr wohl gegen den Vegetarismus, sofern er die bessere Alternative zum Fleischkonsum sein will. Wer das Fleisch bewusst durch nährwertarme Pflanzen ersetzt, verschwendet vorsätzlich Ressourcen und schiebt dazu noch Kohldampf, was bekanntlich aggressiv macht.

Die Tatsache des Fleischverzichts allein besagt hier überhaupt nichts. Man könnte ebenso den Tulpenliebhaber gegen den Karoffelfreund ausspielen, sofern es möglich wäre, auf den Tulpenfeldern Speisekartoffeln anzubauen. Und ebenso kann man den Spargelfreund gegen den Schnitzelfreund ausspielen. Über den Pflanzenkonsum lässt sich daher dasselbe sagen wie der Rezensent über den Fleischkonsum: „ethische und gesundheitliche, ökologische und wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen.“ Kurz: Es wird von Vegetariern grundsätzlich mit zweierlei Maß gemessen. Dass Pflanzenkost die bessere Variante sei, steht a priori fest. Das ist pure Ideologie.

Die pauschale Behauptung, Vegetarismus führe zur Einsparung von Fläche und Energie, ist falsch. De facto ist das Gegenteil der Fall, wie man am Beispiel der Bundesrepublik auch belegen kann (die entsprechenden Statistiken stehen ebenfalls im Buch). Es gehört zu einer Art Aberglaube der vegetarischen Bewegung, dass „wir“ einfach diejenigen Pflanzen essen können, welche die Nutztiere fressen. Schaut man sich aber an, was bei den hiesigen Vegetariern und Veganern auf die Teller kommt, sieht man dort niemals Futterkartoffeln, Futtergerste, Obstschalen, Orangenschalen, Nussschalen, Heu, Grassilage, ganze Mais- und Getreidepflanzen, Rapsschrot, Schlempe usw. Statt dessen konsumieren sie mit besonderer Vorliebe jene ertragarmen sowie exotische Pflanzen, die importiert werden müssen. Denn Vegetarier und Veganer legen sehr viel wert darauf, schlank zu sein. Auch das wird im Buch genau dargelegt.

Hitler und Co.

Vollkommen befremdlich sind dann die folgenden Bemerkungen: „Man ahnt in diesem Kontext, was noch kommen muss: Denn auch Adolf Hitler aß kein Fleisch. Doch was besagt dies? Er trank auch keinen Alkohol und rauchte keine Zigaretten. Was ergibt sich aus dieser Einsicht? Hier soll derartigen Gedankengängen gar nicht weiter gefolgt werden.“

Derartigen Gedankengängen hätte der Antisemitismus-Experte Pfahl-Traughber aber besser folgen sollen. Dass sich fortschrittlichster Tierschutz, Vegetarismus und die ethische Aufwertung des Tieres mühelos in den Dienst der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie stellen ließen, scheint ihn nicht zu interessieren. Ebenso wenig nimmt er die Holocaust-Relativierungen und volksverhetzenden Kampagnen vieler Tierrechtler zur Kenntnis. Das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt allemal, dass Tierliebe und engagierter Tierschutz keineswegs für eine moralisch hohe Gesinnung sprechen (was ich hier und hier ausführlich erläutert habe). Letzteres wird aber von Vegetariern und Tierrechtlern immer wieder behauptet oder implizit unterstellt.

Im Buch sind dem Thema „Tierschutz und Nationalsozialismus“ übrigens mehrere Kapitel gewidmet. Dazu hätte der Rezensent als Fachmann ruhig etwas differenzierter Stellung nehmen dürfen. Aber wer wie Pfahl-Traughber naiv fragen muss, was das Keuschheitsgelübde Gandhis mit „der Frage des Vegetarismus“ zu tun habe, will gar nicht, dass man ihm auf die Sprünge hilft. Die Antwort gibt Gandhi in seinen Schriften selbst. Man muss sie nur lesen.

Vegetarismus war geschichtlich stets mit Keuschheit und Enthaltsamkeit von sinnlichen Freuden verbunden. Er ging immer mit Ablehnung von Alkohol, Rauchen, Sexualität, Maßlosigkeit, Triebbefriedigung einher. Hitler konnte an jene asketische Ideologie direkt anknüpfen. Vorstellungen von der „Verunreinigung des Blutes“ durch Fleischkonsum gab es schon bei Gustav von Struve (1805-1870), dem deutschen Pionier des Vegetarismus. Es gehörte nicht viel dazu, diese Vorstellungen antisemitisch zu interpretieren, da die Juden als besonders tierfeindlich galten. Laut Richard Wagner ist der Genuss von Fleisch ein verdammungswürdiges „semitisches Erbe“ der Menschheit. Mit welchen absurden Gedanken der Vegetarismus Gandhis und weiterer Ikonen der Bewegung noch verbunden war, zeigt das Buch.

Resümee

Zu behaupten, dass in den 75 Kapiteln Strohmänner aufgebaut werden, ist hanebüchen. Die Ahnungslosigkeit des Rezensenten in Bezug auf die zum Teil haarsträubenden Behauptungen, die den vegetarischen Wahn grundieren, kann eigentlich nur vorgetäuscht sein. Er verwechselt offenbar absichtlich, was logisch zu einer Sache gehört und was ideologisch dazu gehört.

Das ist genauso, als würde er behaupten, alle Kritik an den bizarren Dogmen und teilweise menschenfeindlichen Praktiken vieler Religionsgemeinschaften sei Strohmann-Kritik, weil sie nichts mit der prinzipiellen Frage zu tun habe, ob das Universum von einer bewussten Wesenheit geschaffen worden ist. Er könnte dann auch die Religionskritik der GBS mit der Behauptung abtun, diese hätte nichts mit der Religion als solcher zu tun. Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ zielte demnach vollkommen ins Leere. Ich bezweifele stark, dass Pfahl-Traughber diesen Standpunkt vertritt.

Der „ethische Veganismus“ ist argumentativ zirkulär und politisch totalitär. Er lässt kraft seiner eigenen Logik keinen Spielraum für bürgerliche Freiheitsrechte. Seine Anhänger tun alles, um ihren Einfluss zu vergrößern. Themen wie moderne Tierhaltung, Klimaschutz, Umweltschutz sind schon erfolgreich von dieser Ideologie besetzt worden. Sie bietet sich aufgrund ihrer geistigen Schlichtheit als Patentlösung für alle Lebensprobleme an. Welche negativen Folgen dies hat, kann man in Don’t Go Veggie lesen.

Artgerecht, selbstgerecht, ungerecht

In einem aktuellen Vortrag über Ethik und Ernährung erläutert der Philosoph Julian Nida-Rümelin etwa eine Stunde lang mit gedanklicher Klarheit und guten Argumenten, dass Menschen anderen Menschen in Fragen der persönlichen Lebensführung möglichst wenig reinreden sollten. Bezüglich der Ernährung macht er zu Recht auf den katastrophalen Zustand der Ernährungswissenschaft und die Sinnlosigkeit von Diäten aufmerksam. Ebenso wendet er sich gegen Versuche von Versicherungen, über Prämiensysteme die Menschen zu einem bestimmten Verhalten anzuhalten, das angeblich gesund ist. Seine Bemerkungen zu Puritanismus und Katholizismus sind ebenfalls erhellend.

Nida-Rümelin betont zu Beginn, es sei Aufgabe eines Philosophen, begriffliche Klarheit zu schaffen. Dies gelingt ihm etwa eine Stunde lang sehr überzeugend. Als es dann aber um die Frage des Fleischkonsums geht, vernachlässigt er plötzlich seine Aufgabe und verwendet unreflektierte Begriffe. Das Niveau des Vortrags sinkt rapide, und man gewinnt den Eindruck, dass Nida-Rümelin sich zu einseitig über das Thema informiert hat. Von Landwirtschaft und Tierhaltung scheint er tatsächlich wenig Kenntnis zu haben, kommt aber trotzdem zu sehr dezidierten Urteilen, die Anlass zur Sorge geben.

Ein Beispiel: Etwa ab 01:04:00 versucht Nida-Rümelin einen allgemeinen Konsens bezüglich der Tiernutzung zu formulieren. Er glaubt, alle könnten sich darauf einigen, dass “Fleischkonsum nur moralisch zulässig ist, wenn die Tiere, die dafür gehalten werden, artgerecht gehalten werden.” Auch “begeisterte Fleischesser” müssten zustimmen können, dass ihr Konsum nicht eine “grausame [Haltung], mit schrecklichen Verstümmelungen und permanenten Krankheiten und Antibiotikagaben jeden Tag und Anabolikagaben jeden Tag” zur Voraussetzung haben dürfe, da die Tiere empfindungsfähig sowie zum Teil “hochsensibel und hochintelligent” seien (Schweine).

Dass Pflanzen ebenfalls hochsensibel sind und auf Berührungen 100 bis 1000 mal empfindlicher reagieren als jedes Tier, scheint Nida-Rümelin nicht zu wissen. Und was das individuelle Schwein an Intelligenz aufbringt, toppen staatenbildende Insekten mit ihrer “sozialen Intelligenz” locker.

Wieso ist Intelligenz überhaupt ein Kriterium? Wie wärs denn mal mit Dummheit? Je dümmer das Tier, desto schutzwürdiger. Schließlich ist es doch besonders gemein, ein dummes Individuum auszunutzen. Dass die Ameise unsensibler sei als das Schwein, ist übrigens ein menschliches Vorurteil. Es kommt uns nur so vor, weil Schweine und Menschen nun einmal viel gemeinsam haben.

Ich kann hier gar nicht auf die vielen problematischen Prämissen eingehen, die in jenen kurzen Sätzen enthalten sind. Ich konzentriere mich daher im Folgenden auf den Begriff “artgerecht”. In der Tat sind Antibiotika-Gaben nicht artgerecht. Wie Hilal Sezgin so schön sagt, ist nur die Freiheit artgerecht, genauer gesagt: die freie Wildbahn. Dort sind Grausamkeit, permanente Krankheiten und Verstümmelungen an der Tagesordnung, auch Sterblichkeitsraten bis zu 99 % vor Erreichen der Geschlechtsreife gibt es in der artgerechten Wildnis.

Die Individuen wilder Arten unterliegen der natürlichen Selektion, die Individuen der Nutztierarten unterliegen der künstlichen Selektion. Der Mensch züchtet sie zu seinen Zwecken. “Artgerechte Haltung” ist ein Widerspruch in sich. Wie soll man aber über eine widersprüchliche Aussage einen gesellschaftlichen Konsens herstellen?

Der Fachbegriff, mit dem das Wohlergehen der Nutztiere erfasst wird, lautet “tiergerecht”. Es geht nämlich nicht darum, einer Art gerecht zu werden, sondern jedem einzelnen Individuum, das unter menschlicher Obhut gehalten wird. Das Wohl der Tiere wird daher in tiergerechter Haltung unter anderem mit Hilfe von Antibiotika gefördert. Antibiotika-Gaben zur Wachstumsförderung sind in Deutschland hingegen seit 2006 verboten.

Grausam wäre es, den Nutztieren Antibiotika zu verweigern, wie es zum Beispiel in der Biohaltung bisweilen geschieht. Denn dort gefährden Antibiotika-Gaben den Biostatus, so dass man die Tiere im Zweifelsfall eher krepieren lässt. Die höheren Sterblichkeitsraten und der stärkere Parasitenbefall in der Biohaltung sind tatsächlich deutlich “artgerechter” als in der konventionellen. Auch hat Biogeflügel in Freilandhaltung öfter das Vergnügen, artgerecht von Fuchs oder Habicht verputzt zu werden. Aber das dürfte Nida-Rümelin nicht gemeint haben.

Ob er wohl einer von denen ist, die sich Biohhühner für 50 Euro aufschwatzen lassen und glauben, sie hätten damit ein gutes Werk getan und zugleich ein qualitativ hochwertiges Produkt erworben? Ich befürchte es fast. Wer annimmt, dass Fleisch aus “artgerechter Haltung” teuer sein muss, sitzt schnell dem Fehlschluss auf, teures Fleisch müsse qualitativ besser sein als Billigfleisch. Doch das ist einfach Unsinn.

Gewiss sind bessere Haltungsbedingungen meist kostspieliger als schlechtere – das ist aber keineswegs immer der Fall. In der Biohaltung wird zum Beispiel deutlich mehr Futter pro Kilogramm Fleisch verwendet als in der konventionellen Haltung. Das Futter hat aber einen geringeren Eiweißgehalt, da es von den stickstoffarmen Bioböden stammt. Die Fütterung ist teuer, verschwendet Ressourcen und Fläche, erzeugt aber bei den Tieren, namentlich bei Schweinen, einen bedenklichen Eiweißmangel. Für die modernen Nutztierrassen bedeutet Biofutter chronische Unterversorgung. Die damit verbundenen höheren Todeszahlen der Biolhaltung können jedoch auf die Preise umgelegt werden, da Verbraucher wie Nida-Rümelin glauben, der höhere Preis ergebe sich aus “artgerechter Haltung”.

Im allgemeinen rechnen sich bessere Haltungsbedingungen eher in Betrieben mit großer Tierzahl als in Kleinbetrieben. Ein moderner Boxenlaufstall für Kühe ist sicher weit tiergerechter als ein kleiner Stall mit Anbindehaltung. Doch die Investition in einen Boxenlaufstall lohnt sich erst ab einer Tierzahl von mindestens 80. Die Betriebe werden auch deshalb immer größer, weil die Tierschutzauflagen immer strenger werden.

Nida-Rümelin unternimmt im Verlauf seines weiteren Vortrags keinen Versuch, den Begriff “artgerecht” näher zu bestimmen und scheint nicht einmal das Problem zu erkennen. Wenn er eine Tierhaltung fordert, die nicht auf durchgängigen Qualen und ständigen Schmerzen beruht, so braucht man darüber keinen breiten Konsens mehr herzustellen. Diese Tierhaltung ist in Deutschland längst die Regel. Denn jener Konsens ist im hervorragenden deutschen Tierschutzgesetz rechtlich verbindlich geworden. Ziemlich weltfremd erscheint hingegen die Vorstellung, man müsse den Nutztieren jede Unannehmlichkeit ersparen – und das ausgerechnet mit dem Verweis auf Artgerechtheit.

Wenn Nida-Rümelin über “Verstümmelungen” redet, meint er wahrscheinlich so etwas wie Schnäbelkürzen, Schwanzkupieren, Hornverödung, Kastration o.ä. Diese Maßnahmen dienen aber auch dem Ziel, Schmerzen und Unwohlsein zu verhindern. In der Biohaltung dürfen sich die Hühner mit ungekürzten Schnäbeln gegenseitig das Leben zur Hölle machen. In konventioneller Haltung können Schnäbel gekürzt bzw. behandelt werden, damit die Tiere einander nicht schlimm verletzen können. Die Verfahren werden dabei immer schonender. Auch in Schulen wird man nie ganz verhindern können, dass Kinder sich prügeln und einander Leid zufügen. Vom Verbot der Massenkinderhaltung in Lehrgebäuden habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Im Übrigen wären selbst schlimme Verstümmelungen sehr wohl “artgerecht”, eben deshalb, weil sie in der Wildnis oft vorkommen.

Wer aufgrund von Problemen wie Federpicken oder Schwanzbeißen soviel Platz fordert, dass die Tiere sich nur von Ferne guten Abend sagen und nicht in die Quere kommen können, fordert damit eine derart extensive Haltung, dass der organische Dünger knapp würde. Dies kann auch ein Nida-Rümelin nicht ernsthaft wollen, denn dann ginge es mit den Erträgen rasch in den Keller.

Man sieht: Nutztierhaltung kann grundsätzlich nichts anderes sein als ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des Menschen und denen des Tieres – und zwar auf Grundlage des Nutzens, den das Tier für den Menschen hat. Die Freiheit der Tiere muss eingeschränkt werden. Die Aufgabe besteht darin, sie so züchten, dass sie einerseits hohe Leistung bringen (denn alles andere wäre Verschwendung) und andererseits unter jener Einschränkung möglichst wenig leiden.

Ich finde es bedauerlich, dass ein so kluger, gebildeter und einflussreicher Mensch wie Julian Nida-Rümelin sich in Fragen der landwirtschaftlichen Produktion plötzlich einen Schritt weit dem Niveau des Bambi-Syndroms nähert. Dass manche Vorurteile selbst bei hochreflektierten Menschen nicht als solche erkannt werden, signalisiert, wie fest jene Vorstellungen bereits im allgemeinen Bewusstsein als “Wahrheiten” verankert sind.

Vielleicht sollte man Julian Nida-Rümelin zu Stallbesuchen in gut geführten modernen Betrieben einladen?

 

Who the fuck is Cecil?

Für NovoArgumente habe ich einen Kommentar zur weltweiten Empörung über jenen berüchtigten Großwildjäger geschrieben, der den angeblich beliebtesten Löwen Afrikas über den Haufen geschossen hat. Dazu gäbe es normalerweise nicht viel zu sagen. Falls es sich um Wilderei gehandelt haben sollte, wäre ein sauberes Gerichtsverfahren angebracht.

Empathisches Lynchen?

Man kann den Tod des Löwen bedauern und dies zum Anlass nehmen, über Sinn oder Unsinn der Großwildjagd als Touristenvergnügen zu diskutieren. Es steht auch jedem frei, reiche Hobbyjäger unsympathisch zu finden. Doch die mediale Hetze und die Gewalt gegen den Schützen sind unerträglich. Für jeden zivilisierten Menschen sollte es selbstverständlich sein, nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

Doch was macht PETA-Gründerin Ingrid Newkirk? Sie befürwortet öffentlich die Todesstrafe durch Erhängen für den Cecil-Jäger. Nur vierzehn Tage später wurde in der Berliner Zeitung ein wohlwollendes Porträt erneut hochgeladen, in dem Newkirk als eine hochmoralische Person dargestellt wird, die zwar ein bisschen verrückt, aber grundsätzlich im Recht sei.

Die mediale Entrüstung über den Tod eines Löwen zeigt wieder, wie wenig die Überhöhung des Tiers mit zivilisatorischem Fortschritt zu tun hat. Tierrechtler klagen ausgiebig über die Empathielosigkeit aller, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Doch wie empathielos muss man sein, um das menschliche Leid in Simbabwe vollkommen auszublenden? Gegen dieses Leid ist der unsanfte Tod eines betagten Löwen eine Petitesse.

Tiermord?

Wenn Newkirk die Todesstrafe für den Löwenjäger will, unterstellt sie, dass die Tötung des Tiers mit Mord gleichzusetzen ist. Vielleicht sollte sie dann ihre deutsche Kollegin zurückpfeifen, die in der BILD-Zeitung für ein Jagdverbot plädiert, weil sich die Bestände selbst regulieren.

Denn damit, dass sich Bestände selbst regulieren (Artenschutz), kann niemand widerspruchsfrei argumentieren, der Tieren ein individuelles Lebensrecht zugesteht. Nur wo ein Recht auf Leben besteht, kann überhaupt sinnvoll von Mord oder Totschlag geredet werden.

Die Behauptung der Tierrechtlerin entspricht exakt derjenigen eines zynischen Malthusianers, welcher behauptet, die menschlichen Bestände in Slums regulierten sich selber durch Hunger, Seuche und Verbrechen. Haben die Tierindividuen ein Lebensrecht, müssen sie vom Staat oder überstaatlichen Institutionen aktiv geschützt werden – und zwar nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor anderen Tieren, einschließlich der Artgenossen.

Wohlgemerkt: Nicht die Art als solche müsste geschützt werden, sondern jedes einzelne Individuum. Cecils Nachfolger Jericho müsste z.B. daran gehindert werden, die Jungen seines Vorgängers zu töten, und er müsste außerdem wegen Mordversuchs angeklagt werden. Das bedeutet Recht auf Leben in der Praxis. Alles andere ist nur Gerede.

Davon wollen Newkirk und Co. aber nichts wissen. Es ist bezeichnend, dass sich Tierrechts-Aktivisten bei derlei Widersprüchen nicht aufhalten, sondern einfach alles nehmen, was sie in die Hände bekommen, um andere mit Dreck zu bewerfen. Dass sie sich dabei auch noch besonders zivilisiert vorkommen, ist eine der vielen Selbsttäuschungen, denen sie erliegen.