BSE–Spätfolgen im TV

Nach Baywatch, A-Team und Dalli-Dalli wird nun ein weiterer TV-Kult neu aufgelegt: Liebling, ich habe die Hirne geschrumpft mit ihrem beliebten Hauptdarsteller Creutzfeldt-Jakob. Die Daily-Soap über bovine Schwammköpfe war Anfang des Jahrtausends ein echter Straßenfeger. Weil Journalisten ständig verwirrte Wiederkäuer vor die Kamera zerrten, mussten damals sogar zwei Minister ins Real-Life zurücktreten. Das Drama wirkte so lebensecht, dass die Leute noch heute um ihre Gehirne bangen, sobald die Buchstaben B und S hintereinander genannt werden. Verdi-Chef Bsirske kann ein Liedchen davon singen. 

Spongebov mit Prionen

Damit die Menschen nicht weiter die Realität mit der Wirklichkeit verwechselten, machte die Europäische Union irgendwas. Im Jahr 2001 verbot sie die Verfütterung von Tiermehl an das liebe Vieh. Seitdem sind Hühner und Schweine als Allesfresser not amused, weil sie statt mit hochwertigem Tiermehl nun mit Sojaschrot gefüttert werden. Dass die vielbeklagten EU-Importe von Sojafutter zugenommen haben, liegt zum großen Teil am Tiermehlverbot.

Mehl 4U

Dabei ist die Verfütterung von Tiermehl an sich völlig unbedenklich. Die tierischen Restkörper werden schließlich kräftig druckerhitzt, bevor sie als Futter dienen. “Die Anforderungen (133 Grad Celsius, 3 bar über 20 Min.) gewährleisten auch die Inaktivierung der äußerst hitzestabilen Erreger der BSE”, heißt es in dem Fachbuch Nutztiere in der Lebensmittelkette. Großbritannien pflegte damals allerdings das typisch britische Understatement und erhitzte die Tierkörper nur bei 95 Grad. Dass diese Praxis aber Ursache der BSE-Katastrophe gewesen sei, ist nicht besonders plausibel. Udo Pollmer und seine Mitautorinnen schreiben in ihrem Buch Wer hat das Rind zur Sau gemacht:

Auch auf dem Höhepunkt der Seuche lieferten die Briten ihr BSE-Pulver noch in alle Welt, Hunderttausende Tonnen gelangten nach Indonesien, Thailand, Frankreich, Russland, Schweden, Indien und Saudi-Arabien. Doch die erwarteten Massenausbrüche blieben aus. Besonders infektiös kann das britische Tiermehl also nicht gewesen sein.

Pollmer, Keckl, Alfs machen überdies in Kapitel 14 von Don’t Go Veggie darauf aufmerksam, dass wir Menschen Knochen, Innereien und andere Reste selbstverständlich weiterhin verzehren dürften. Der Mensch “kann aus Knochen Suppe kochen oder sich eine Leber mit Apfelscheiben und Zwiebeln braten. Aber die Verfütterung an Schweine ist verboten.” Auch werden Katzen und Hunde nach wie vor mit solchen Zutaten ernährt. Nur das Vieh wird daran gehindert, diese hochwertigen Bestandteile der Schlachtkörper zu genießen. 

Ein Fressen für’s Geseier

Vorsicht ist bei der Nahrungsaufnahme die Mutter der chinesischen Porzellankiste.

Da nun die EU erwägt, diese Tierdiskriminierung zu beenden und das Tiermehl als Futter wieder zuzulassen, kommt es zu einem kleinen Remake der damaligen Erfolgsserie. Die Medien werfen dem empörungswilligen Stimmvieh ein paar olle Kammellen vor, und dieses dreht erwartungsgemäß durch. Die ARD beispielsweise nimmt ihren Bildungsauftrag wieder besonders ernst, indem sie mit Bildern von mampfenden Rindern auf ihren Videobeitrag hinweisen. Dabei soll das Tiermehl nur für Hühner und Schweine zugelassen werden: Schweine sollen Hühnermehl und Hühner Schweinemehl fressen dürfen. Wiederkäuer gucken in die Röhre.

Auf Facebook tobte sich allerdings der aufgeklärte Bürger mit seinem Spezialwissen aus. Es sei pervers, widernatürlich und krank, “reine Pflanzenfresser” mit Tiermehl zu füttern, unsere Profitgier führe uns in den Abgrund, der Mensch sei doch das schlimmste Tier usw. usf. Das übliche Blabla eben. Zum Glück sind auf Facebook auch ein paar Landwirte und Landwirtschaftsjournalisten unterwegs, die in den Kommentaren Aufklärungsarbeit leisteten. Sie konnten eine Facebook-Epidemie wutbürgerlicher Hirnerweichung gerade noch im Keim ersticken.

Mir persönlich lag es sehr am Herzen, die Leute darüber in Kenntnis zu setzen, dass auch die lieben Wiederkäuer scharf auf tierisches Eiweiß sind und gerne kleine Tiere verspeisen. Wer es nicht glaubt, kann sich auf youtube u.a. dieses Video reinziehen. Komisch, die Leute sind doch sonst so youtube-gebildet. Ich habe das gezeigte Verhalten übrigens auch öfter selber beobachtet, als ich noch Rinder gehütet habe.

Fazit

Die erneute Zulassung von Tiermehl wäre ein Akt der Vernunft. Sie würde erstens der gigantischen Verschwendung wertvoller Teile des Schlachtkörpers Einhalt gebieten, zweitens bei Hühnern und Schweinen zu mehr Tierwohl führen. 

Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Landwirte und Agrarfachleute sich in die sozialen Netzwerken begeben und dort kommentieren. Wenn sie der Desinformation etwas entgegensetzen wollen, dann sollten sie es auf den Facebook-Seiten von Sendern oder Politikern tun, die öffentlich Unsinn verzapfen. Dies lesen nämlich viele Menschen, die noch mit Argumenten erreichbar sein könnten. 

 

Ungezogene Verbraucher

Quo vadis Qualität?

In der Podiumsdiskussion im Forum Moderne Landwirtschaft, an der ich teilgenommen habe, musste ich mehrfach ein lautes Lachen unterdrücken, weil einige Teilnehmer so angestrengt darüber rätselten, warum der Verbraucher nicht das kaufe, was die betreffenden Teilnehmer für qualitativ hochwertige Lebensmittel halten.

Dabei ist die Erklärung simpel: Das, was die Herren Müller, Stellpflug sowie Kaisers’-Chef Tuchlenski für hochwertige Lebensmittel halten, sind in Wirklichkeit keine besonders hochwertigen Lebensmittel. Im besten Falle sind sie mit den preiswerten gleichwertig. Deshalb kaufen Verbraucher eher die preiswerten Waren. Was sie in Umfragen antworten, spiegelt die gesellschaftliche Ideologie wider, nicht das, was sie wirklich tun. Nur der “kritische Verbraucher” nimmt das, was in Ökotest steht oder von Foodwatch, Greenpeace und Co. verbreitet wird, für bare Münze, und entscheidet sich oft für überteuerte Minderware. 

Arme Schweine!

Verbraucherschützer bei der Erziehungsarbeit

Ökoschwein vor der Zwangsbeglückung

Ich habe in der Runde mehrfach darauf hingewiesen, dass Produkte aus biologischem Anbau – bis auf die “Biodiversität” an Unkräutern – nicht besser sind als konventionell erzeugte, sondern in mancherlei Hinsicht sogar schlechter abschneiden. Den Herren war dies nicht bekannt, und sie empörten sich entsprechend. Ich legte dar, dass sich zum Beispiel Bioschweine oft in einem miserablen Gesundheitszustand befinden und es daher kein Wunder ist, dass Bioschweinehalter wieder auf konventionell umstellen.

Darauf konterte Herr Tuchlenski mit einem wohl von Kaisers-Tengelmann unterstützen Projekt, wo Schweine in Freilandhaltung “nur mit Äpfeln gefüttert” werden, wie Tuchlenski stolz betonte. Damit hatte er die Lacher des fachkundigen Publikums auf seiner Seite. Verbraucherschützer Müller und “Verbraucherschützer” Stellpflug sowie der Kaisers‘-Chef selbst fragen sich indes vielleicht noch heute, was es da zu lachen gab.

Lassen wir sie ahnungslos sterben. Zuviel Fachwissen ist ungesund. Hoffen wir kontrafaktisch, dass die Zahl der Würmer in den Äpfeln die Zahl der Spulwürmer übertrifft, die die Schweine in den Lungen haben. Dass Schweine Omnivore sind und tierisches Eiweiß benötigen, hat sich zu den Herren noch nicht herumgesprochen. Durch das unsinnige Tiermehlverbot sind die Schweine  – wie die Hühner – schon jetzt weitgehend zu Zwangsvegetariern gemacht worden. Da sie in der Biohaltung zusätzlich noch unter der Eiweißarmut des Biofutters leiden, kann niemand ernsthaft behaupten, es ginge Bioschweinen im Schnitt besser als Konvi-Schweinen.* Was können aber die Verbraucher für den Kinderglauben der Verbraucherschützer? 

Fazit

Die Lebensmittel werden von den deutschen Landwirten so effizient produziert, dass sie trotz exzellenter Qualität sehr preiswert sind. Die niedrigen Preise sind daher kein Signal für niedrige Qualität. Letzteres weiß jeder Verbraucher aus Erfahrung – nur der “kritische” nicht. Dass Red Bull keine Flügel verleiht, hält der “kritische Verbraucher” für dreisten Betrug und fragt erbittert: Wem kann ich denn noch trauen?

Die Verunsicherung der Verbraucher wird indes von denen herbeigeführt, die vorgeben, letztere zu schützen. Die selbsternannten Verbraucherschützer bedienen ein Segment von Disktintionswilligen, denen es nicht behagt, dass sich die “Proleten” hochwertige Nahrungsmittel wie Burger und Co. schmecken lassen. Deshalb muss eine Umerziehung schon bei den Kleinen stattfinden. In den Schulen wird ihnen eingehämmert, dass Burger minderwertige Nahrungsmittel seien, die Umwelt und Tiere vernichten. Statt dessen sollen die Kinder glauben, Gurken und Zucchini seien hochwertig, ökologisch korrekt und tierleidfrei. Verkehrte Welt!

Wer schützt die Kinder eigentlich vor den Verbraucherschützern?  

 

* Es gibt hervorragende Biolandwirte, die ihr Handwerk verstehen, und es gibt schlechte konventionelle Landwirte. Entscheidend für das Tierwohl ist in erster Linie das Können des Halters. Der Biolandwirt hat jedoch aufgrund vieler unsinniger Regelungen größere Hürden zu überwinden. Vieles kann daher auch der beste Biolandwirt nicht verhindern. Die höheren Ferkelverluste in der Schweinehaltung resultieren zum Beispiel daraus, dass Ferkelschutzkörbe nicht erlaubt sind. Dem Eiweißmangel des Futters ist ebenfalls schwer beizukommen usw.

 

Nur die Arten kommen in den Garten

Natura non facit Naturschutz

Jetzt kommt also die ultimative Naturschutz-Offensive 2020 von Umweltministerin Barbara Hendricks. Denn:

Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist leider ein Problem für die Natur.

Wenn mit Natur die Befindlichkeit von Frau Hendricks gemeint ist, mag das stimmen. Ansonsten ist der Natur die Landwirtschaft, die auf ihr betrieben wird, herzlich egal. Ihre bloße Faktizität macht sie erhaben. Sie ist cooler als der Pate.

Grünen-Sprecher Anton Hofreiter kann das aber nicht gelten lassen. Er meint daher ganz zu Recht, dass sie ein Artenkiller sei. Schließlich sind im Verlaufe der Evolution 99,99% aller Arten ausgestorben … Wie? … Hofreiter meint mit Artenkiller gar nicht die Natur, sondern die Landwirtschaft? Ist es zu fassen! Er will den kleinen Artenkiller beseitigen, weil er sich an den großen nicht rantraut. Typisch. Die Kleinen hängt man, den Großen kriecht man in den Hintern. 

 

Vertrauen in die Landwirtschaft

Immer wieder wird öffentlich behauptet, dass die Bürger wenig Vertrauen in die Landwirtschaft hätten. Doch das Vertrauen ist insgesamt anscheinend größer, als es in den Medien dargestellt wird. Irgendwie fehlt jedoch das Zutrauen der Leute, diese positive Bewertung auch offensiv gegen Kritiker zu verteidigen. Kommen ihnen die Veggies oder Ökos krumm, knicken sie meinem Eindruck nach sofort ein.

In jedem Fall scheint das Vertrauen der Bürger zu einer bestimmten Form der Landwirtschaft überhaupt nicht gestört zu sein. Wenn nämlich dem Wort „Landwirtschaft“ ein „Öko“ oder „Bio“ vorangestellt wird, legen auch kritische Bürger ihr Misstrauen schnell beiseite. Wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, werden Biobetrieben folgende Eigenschaften zugeschrieben:

[...] fortschrittlich, ökologisch, umweltfreundlich, qualitätsbewusst, eher aufs Allgemeinwohl bedacht, wichtig und ausgesuchte Qualität. Im Vergleich zu den Betrieben, die vermeintlich „wie alle“ Betriebe sind, gestaltet sich das „bio“-Image außerdem als ehrlicher und tierfreundlicher. Im Vergleich zu den Betrieben, die ein „traditionelles“ Image haben, zeichnet sich das „bio“-Image durch eine deutlich „bessere Zukunft“ aus.

Bio und Konvi sind keine Brüder

Wenn überhaupt, sind von einer Vertrauenskrise also diejenigen Betriebe betroffen, die nicht nach festgelegten (Bio-)Richtlinien wirtschaften und daher konventionell genannt werden. Dies sind in Deutschland etwa 92 % aller Betriebe. Die Begriffe „Ökolandwirt“ und „Konventioneller Landwirt“ gehören jedoch logisch nicht in dieselbe Kategorie. Ökolandwirte grenzen sich mithilfe charakteristischer Verbote von den anderen ab. Die anderen werden erst durch Ökolandwirte zu Konventionellen gemacht – genau wie die „Fleischesser“ erst durch Vegetarier zu solchen gemacht werden.

Mit dieser Abgrenzung und der damit verbunden Begriffswahl ist eine Wertung verbunden: Landwirte, die bezüglich der verwendeten Produktionsmittel und –verfahren prinzipiell völlig offen sind, erscheinen nun als diejenigen, welche in Konventionen verhaftet bleiben. Landwirte hingegen, deren Selbstverständnis auf strengen Konventionen (Ökovorschriften) beruht, erscheinen als unkonventionell und fortschrittlich.

Wird die nichtökologische Landwirtschaft als „herkömmlich“ bezeichnet, liegt die Assoziation nahe, dass sie von gestern ist. Der Nimbus der ökologischen Landwirtschaft beruht jedoch darauf, dass sie noch viel „herkömmlichere“ Verfahren anwendet. Moderne Praktiken wie Mineraldüngung, synthetischer Pflanzenschutz und Grüne Gentechnik sind im Ökolandbau verboten. Dessen Modernität besteht vor allem darin, dass er demonstrativ von vorgestern ist.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts (seit Liebig) bis heute wird von den Vertretern des Ökolandbaus als eine Art Irrweg angesehen bzw. müsste von ihnen als solcher angesehen werden, sofern sie des logischen Denkens fähig sind. Dass es sich dabei um eine beispiellose Erfolgsgeschichte handelt, kann nur verdeckt werden, indem man die pure Befürchtung, sie könne kein gutes Ende nehmen, als ausgemachte Tatsache hinstellt. Voraussetzung dafür ist wiederum eine apokalyptische und kulturpessimistische Weltanschauung, die alle auftretenden Probleme a priori als Zeichen des Niedergangs und nahenden Untergangs interpretiert, welcher nur durch radikale Abkehr vom Sündenpfad verhindert werden könne.

Konvis haben das Nachsehen

Durch die Bezeichnung „konventionell“ werden alle Landwirte, die sich nicht den Ökovorschriften fügen, strukturell in die Defensive gedrängt. Sie stehen heute als diejenigen da, die so weiter machen wollen wie bisher, obwohl eine Umkehr dringend erforderlich sei. Doch die Annahme, eine grundlegende Wende zum ökologischen Landbau sei dringend geboten, ergibt sich keineswegs aus einer sachlichen Interpretation der Fakten selbst, sondern ist Ausdruck von Denkmustern, die den Blick auf die Fakten präformieren bzw. trüben.

Diese Denkmuster sind es, die infrage gestellt werden müssen, denn sie sind dafür verantwortlich, dass das Image der konventionellen Landwirtschaft leidet und das Vertrauen in sie schwindet. Das Image der konventionellen Landwirtschaft ist um so schlechter, je besser sie ist. Wenn es den Leuten sehr gut geht, fangen sie an zu mäkeln. Es treten dann Gruppen auf den Plan, die jenen Überdruss für sich ausnutzen und den Leuten Flausen in die Köpfe setzen.

Apokalypse No!

Es ist abenteuerlich, eine Landwirtschaft, die auf synthetischen Pflanzenschutz und Kunstdünger verzichtet, zum Goldstandard zu erklären. Allein 20 % aller Ernteverluste gehen aufs Konto mangelhaften Pflanzenschutzes. Effiziente landwirtschaftliche Produktion ist auch in Zukunft unabdingbar. Die Produktivität muss weiter steigen, um auf begrenzten Flächen die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren. Synthetischer Pflanzenschutz und Mineraldüngung stellen sicher, dass die Erträge kaum schwanken und weiter steigen. Grüne Gentechnik kann erheblich dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Die Lebensmittel hatten hierzulande noch nie eine so gute Qualität wie heute und konnten noch nie mit weniger Risiko genossen werden als heute. Dies verdanken wir weder dem Biolandbau noch Foodwatch noch Greenpeace, sondern einer modernen Landwirtschaft, die nicht stolz auf ihre Unterlassungen ist. Daran zu erinnern und den apokalyptischen Schleier zu lüften, der die Kritik an moderner Landwirtschaft bestimmt, wäre ein erster Schritt, Vertrauen zurückzugewinnen.