»Utopischer dritter Frühling«

Jan Grossarth schreibt heute in einem an sich guten Artikel, dass die Biolandwirtschaft angesichts der jüngsten negativen Schlagzeilen über ihre “utopische Frühzeit” stolpere. Er behauptet, diese Frühzeit läge in den 1980er Jahren. Das trifft allerdings nicht zu. Als Frühzeit der Biolandwirtschaft in Deutschland kann bereits die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten. Mit dem völkischen Denken und der Lebensreformbewegung wurde die geistig-praktische Grundlage des Ökologismus und der Biolandwirtschaft geschaffen. Man experimentierte schon damals mit allerlei “naturnahen” Anbauformen. Bereits 1893 erfolgte zum Beispiel die Gründung der vegetarischen Obstbausiedlung Eden.
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wurde Mitte der 1920er Jahre von Rudolf Steiner begründet und später auch von einigen führenden Nazis  (Himmler, Hess, Darré) befürwortet, von anderen jedoch abgelehnt (Göring, Heydrich, Bormann) und schließlich 1941 verboten. Dieses Verbot hinderte Himmler jedoch nicht, weiter Versuche mit dieser Wirtschaftsweise durchführen zu lassen. Der völkische Unrat, mit welchem die Biolandwirtschaft in ihrer Frühzeit verbunden war, passte recht gut zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis.
Nach dem Krieg war damit allerdings erst einmal ganz Schluss. Es waren Fortschrittsoptimismus und Technikfetischismus angesagt. Das völkisch-organische Vokabular wurde in der Öffentlichkeit weitgehend durch ein technokratisches ersetzt. Doch bereits mit der Ölkrise in den 1970er Jahren blubbere jener Unrat wieder hoch und kontaminierte die aufkommende Ökobewegung. Viele alte Nazis fanden bei den Grünen und in Naturschutzverbänden ein neues Zuhause. So wurde zum Beispiel der ehemalige “Reichslandschaftsanwalt” Alwin Seifert zu einem gefeierten Pionier der bundesrepublikanischen Ökobewegung. Sein Buch Gärtnern, Ackern ohne Gift ist nach wie vor ein Klassiker und hat sicher auch die Grünen dazu inspiriert, eine Landwirtschaft ohne Gift (und Gentechnik) zu fordern.

Die “utopische Frühzeit” der hiesigen Biolandwirtschaft erweist sich daher als dritter Frühling einer schon ziemlich betagten Ideologie. Der völkisch-rassistische Charakter dieser Ideologie macht sie daher auch für Rechtsradikale attraktiv.

Das vepönte Sekret

Bei den Gruppen auf dem Hochland essen und schlafen Frauen und Kinder zusammen in einer Hütte, aber nicht mit ihren Männern, sondern mit ihren Schweinen. [...] Wenn ein Ferkel die Muttersau verloren hat, zögern die Frauen nicht, es zusammen mit einem menschlichen Baby zu säugen.
(Marvin Harris über “Naturvölker” in Neuguinea)

Milch als Viagra

Mahatma Gandhi war der Ansicht, dass alles Leid aus dem sinnlichen Begehren resultiere. Tierische Produkte, so schloss er im Einklang mit den meisten Vegetariern seiner Zeit, weckten animalische Gelüste und seien daher möglichst zu vermeiden. Wer Fleisch esse, falle auch anderen “tierischen” Lastern zum Opfer: der sexuellen Unzucht, dem Alkoholismus, der Trunksucht. Sobald jemand bei der Nahrungsaufnahme Genuss empfindet, “gewinnt”, so Gandhi wörtlich, “der Teufel” und der Körper wird zur “Brutstätte des Lasters.” 

Gandhi hielt Milch für ein Aphrodisiakum. Jahrelang hatte er versucht, ohne Milch auszukommen, da diese nicht zu einer strikt vegetarischen Diät passe (das Wort “Veganismus” gab es damals noch nicht). “Milch macht müde Männer munter”, lautet ein immer noch geläufiger Werbespruch. Der Subtext des Spruches bestätigt die von Gandhi vertretene Ansicht, dass Milch nicht etwa müde, sondern lüstern mache. 

Der bloße Gedanke an das weiße Sekret bringt auch die heutigen Veganer um Schlaf und Verstand. Sie verteufeln es, wo sie nur können, und steigern sich in die wüstesten Behauptungen hinein (“Milch besteht aus Eiter, Blut, Hormonen, Antibiotika”). Manche Aktivisten schwitzen bei diesem Thema aus jeder Pore ihre verdrückte Geilheit aus. Nichts scheint sie mehr anzuregen als die Vorstellung, an einer “artfremden” Zitze zu saugen.

Der Affekt gegen den Milchkonsum hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Dennoch finden die gesammelten Milchfieberfantasien in den Medien ein erstaunlich großes Echo. Als gäbe es irgendeinen stichhaltigen Einwand gegen den Genuss von Milchprodukten, außer dem naheliegenden, dass Menschen, die Milchprodukte nicht vertragen, sie auch nicht konsumieren sollten!

Evolutionäre Erfolgsgeschichte

Die Fähigkeit, Lactose (Milchzucker) nach Beendigung der Stillphase aufzuschließen, verdankt sich einer Mutation des Lactase-Gens, welche dafür sorgt, dass der Körper ein ganzes Leben lang jenes Aufschlüsselungs-Enzym (Lactase) in ausreichender Menge bildet. In Nord- und Mitteleuropa können ca. 90 % aller Menschen Milchzucker verdauen.

Diese Mutation hat sich in einer – an Evolutionsmaßstäben gemessen – rasenden Geschwindigkeit von etwa 7500 bis 8000 Jahren in Europa durchgesetzt. Der Prozess vollzog sich zur selben Zeit wie die Entwicklung der Milchviehwirtschaft. Offenbar waren die Selektionsvorteile der laktosetoleranten Milchviehhalter enorm groß. Wo ist bloß das Problem?

Artfremd und pervers

Der Fehler liegt einmal mehr in einem verqueren Naturbegriff, demzufolge das Übliche das Natürliche, das Unübliche aber das Perverse sei. In dieses Naturbild passen Darwin und die moderne Evolutionstheorie jedoch nicht hinein. Dieser zufolge treibt gerade das Unübliche und scheinbar Perverse den Evolutionsprozess voran.

Unter bestimmten Umständen bietet eine Anomalie wie zum Beispiel die Mutation des Lactase-Gens den entscheidenden Überlebensvorteil. Die “Mutanten” können sich häufiger fortpflanzen als die “Normalen”, sodass die “Mutanten” innerhalb einer Population schließlich zu den “Normalen” werden und die vormals “Normalen” aussterben. Dieses Spiel ereignet sich überall auf der Erde unentwegt und wird von modernen Wissenschaftlern selbstverständlich nicht moralisch bewertet.

Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht prinzipiell nicht möglich, bestimmte Prozesse als “Perversionen” darzustellen, weil gar kein normatives Maß zur Verfügung steht.* Es gibt zum Beispiel Schmetterlinge, die sich von Schweiß ernähren. Schweiß ist ein Sekret, genau wie Milch. Ist nun der Schmetterling pervers, weil er sich von einer Flüssigkeit ernährt, die doch eigentlich dem “Zweck” dient, den Körper des Transpirierenden zu kühlen? Ist er pervers, weil die meisten Schmetterlinge sich von Nektar ernähren? Milchdrüsen sind entwicklungsbiologisch betrachtet modifizierte Schweißdrüsen. Sind Säugetiere also allesamt pervers, weil sie diese Drüsen zur Aufzucht ihrer Jungen “zweckentfremdet” haben? In der Evolution ist es normal, dass Organe im Laufe der Zeit einen Funktionswandel erfahren.

Fazit

Das Naturverständnis, das den Affekt gegen den Milchkonsum grundiert, ist statisch. Bei vielen Veganern vernebelt die antiquierte und vom Christentum tradierte Naturvorstellung systematisch den Blick auf die Dinge. Veganer geben sich oft links und progressiv. Doch ihre Argumente gegen den Milchkonsum sind bisweilen genauso reaktionär wie die Argumente fundamentalistischer Christen gegen Homosexualität und alle Geschlechtsakte, die zum Vergnügen vollzogen werden.

Nimmt man die ideologische Brille ab, bleibt nicht viel übrig. Kühen die Kälber wegzunehmen, damit man erstere melken kann, erscheint dann nicht wie eine Sünde wider die Natur oder wider die Mutterschaft als solche. Man kann dann zwar immer noch herumgreinen, dass Kühe unter ihrem Kälberverlust angeblich mehr leiden als menschliche Kälber unter dem Verlust ihrer Smartphones. Aber man kann nicht mehr so tun, als hätte man damit irgendwelche Naturgesetze auf seiner Seite. 

Wer also weiter Milchprodukte genießt, muss keine Angst haben, irgendwann soviel Käse zu fabrizieren, wie es viele Veganer und Tierrechtler tun, wenn sie über Milch reden.

 

* Dass manche Biologen dazu neigen, die genetische Fitness oder die natürliche Selektion zu vergöttern, steht auf einem anderen Blatt. Es zeigt, dass auch nüchterne Zeitgenossen der Versuchung nicht widerstehen können, irgend etwas anzubeten.

 

 

Unideologischer Biolandbau?

Gegen meine Vorbehalte bezüglich des Biolandbaus wird oft eingewendet, dass es viele unideologische Biobauern gebe, die einfach nur einen speziellen Markt bedienen wollen. Das ist zweifellos richtig. Es ist vollkommen legitim, aus rein ökonomischem Interesse ein bestimmtes “Segment” zu bedienen, für das es gesellschaftliche Nachfrage und staatliche Förderungen gibt. Solche Biobauern sind mir persönlich auch viel sympathischer als die “Überzeugungstäter”.

Dies ändert aber gar nichts an den geistigen Grundlagen des Biolandbaus. Wer zum Beispiel Papst-Souvenirs verkauft, muss nicht selber gläubig sein. Auch ein Ungläubiger kann einen Laden betreiben, in dem es Papst-Aschenbecher oder Papst-Bembel gibt. Er braucht also nicht an die christlichen Religion, den Katholizismus und den “Stellvertreter Gottes auf Erden” zu glauben, um erfolgreich Papst-Devotionalien zu verkaufen. Dennoch wäre ihm ohne Katholizismus kein geschäftlicher Erfolg beschieden.

Vielleicht hätte es sogar ohne das Christentum mit seiner Vorstellung einer durch Gott zweckhaft gestalteten Natur niemals Biolandbau gegeben. Jedenfalls sind die Verbote, an welche sich die Biolandwirte halten müssen, meiner Ansicht nach nicht vernünftig zu begründen. Sie beruhen auf einer ideologischen Abneigung gegen das “Künstliche” und “Widernatürliche”.
Ob jeder einzelne Biobauer diese Abneigung teilt, spielt dabei keine Rolle.

There is no way to compromise!

Bio und Konventionell können nicht an einem Strang ziehen. Es ist völlig gleichgültig, ob sich die betreffenden Landwirte auf professioneller und persönlicher Ebene gut verstehen. Es geht nicht darum, wer menschlich okay ist und wer nicht. Es gibt hochanständige Biobauern, stinkstiefelige Konventionelle und umgekehrt. Das ist nicht der Punkt!

Biolandwirtschaft lebt bezüglich ihres Images parasitär vom schlechten Image der konventionellen. Es ist nicht möglich, das Image der Konventionellen zusammen mit den Bios zu verbessern. Das Image der Konventionellen kann sich nur verbessern, wenn sich das der Biolandwirtschaft verschlechtert. Biolandwirtschaft ist Teil jener Ideologie der “Naturnähe”, die eine moderne, hochtechnisierte und für alle denkbaren Lösungen offene Landwirtschaft grundsätzlich als Teufelswerk dastehen lässt.

Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen werden, solange jener Mythos, der konstitutiv für die Biolandwirtschaft ist, nicht durchbrochen werden kann. Man sieht es am aktuellen Fall der Herrmanndorfer Landwerkstätten. Der Betreiber erhält in überregionalen Zeitungen Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Alles bemüht sich, die Tatsache herunterzuspielen, dass die Biotierhaltung aus strukturellen Gründen in vielen Belangen nicht besser, sondern schlechter ist als die konventionelle. Dass man auf dem “Vorzeigebetrieb” offenbar nicht in der Lage ist, Tiere vernünftig zu halten, darf einfach nicht wahr sein. Nirgendwo wird die naheliegende Konsequenz gezogen, Fleisch vom konventionellen Erzeuger zu kaufen, die Konventionellen zu loben. Niemand kommt auf den Gedanken, dass der Nimbus der Biolandwirtschaft keine reale Grundlage haben könnte.

Und nun fordern Biolandwirte sogar, dass sich die Konventionellen hinter sie stellen sollen, weil einer ihrer Kollegen das Opfer jener Mentalität geworden ist, von der die Biolandwirte sonst so sehr profitieren (“Natur ist gut, Tiere sind gut, Mensch ist böse”). Nichts könnte für Konventionelle falscher sein, als diesem Aufruf zur Solidarität zu folgen, welche von den Verbänden der Biolandwirtschaft gegenüber den Konventionellen grundsätzlich verweigert wird. Es gilt zu begreifen, dass die mangelnde Solidarität der Bio-Verbände schlüssig und folgerichtig ist. Die Solidarität anständiger Biobauern mit ihren konventionellen Kollegen ist menschlich lobenswert, steht jedoch im Widerspruch zu dem, was die Biolandwirtschaft im Innersten ausmacht. 

Es kann natürlich sein, dass ich mich irre. Ich befürchte allerdings eher, dass nach langer Zeit und vielen Enttäuschungen auch der letzte Konventionelle meine Analyse teilen wird.