Der Mensch ist immer der Böse

Sanfter Riese macht den Affen

Auch Silberrücken haben Tücken.

Menschenaffen, so heißt es bei vielen Tierrechtlern, seien Personen. Deshalb solle man ihnen Grundrechte zugestehen. Grundrechte sind in staatlichen oder überstaatlichen Verfassungen festgeschriebene Menschenrechte.

Obwohl sie angeblich Personen sind, werden selbst erwachsene Menschenaffen jedoch nicht für ihre Taten verantwortlich gemacht. Der Gorilla, der jüngst im Zoo von Cincinnati ein kleines Kind durch’s Gehege geschleift hat, ist vernünftigerweise erschossen worden – allerdings nicht zur Strafe, sondern weil Gefahr in Verzug war. Moralische Appelle wären ebenso nutzlos gewesen wie die Androhung juristischer Konsequenzen. Das Tier war im Vollbesitz seiner geistigen Affenkräfte und trotzdem nicht schuld.

Es kommt leider ab und zu vor, dass Kinder in Zoogehege fallen oder klettern. Auch aufmerksamen Eltern entgeht manchmal etwas. Die Zoomitarbeiter haben verantwortungsbewusst und korrekt gehandelt. Darüber müsste eigentlich nicht viel geredet werden. Doch nun muss sich der Direktor gegen einen öffentlichen Proteststurm wehren, und die Eltern des Kindes werden bezichtigt, fährlässig gehandelt zu haben.

Irgend etwas stimmt da nicht. Gorillas werden von echten oder vermeintlichen Tierfreunden gerne als sanfte Riesen bezeichnet – als wäre die Sanftheit ein Verdienst des Tieres. Verhält sich ein Gorilla aber wie der im Zoo von Cincinnati, werden sofort Menschen dafür verantwortlich gemacht. Das Tier wird reflexartig zum Opfer erklärt.

Den Trick durchschauen

Viele vermeintliche Tierfreunde behandeln Tiere so wie Eltern ihre verzogenen Tyrannenkinder. Bei jedem Pups des vergötterten Lieblings geraten sie in Ekstase, an jeder Bosheit sind andere schuld.

Bei den Tierrechtlern wird dies zum Prinzip – und paradoxerweise mit dem Gleichheitspostulat verbunden. Weil Tiere und Menschen in relevanter Hinsicht gleich seien, müsse man mit zweierlei Maß messen, welches aber gar kein zweierlei Maß sei. So könnte man den tierrechtlichen Imperativ zusammenfassen.

Der Trick ist, die strukturelle Asymmetrie zwischen Mensch und Tier zugunsten des Tieres umzudrehen. Worin besteht diese Asymmetrie? Darin, dass Menschen die einzigen bisher identifizierten Moralsubjekte auf Erden sind. Sie machen einander für ihr Tun verantwortlich, rechnen sich – wie der Philosoph Peter Janich es formuliert – ihre Taten als Verschulden oder Verdienst zu.

Menschen betrachten einander als handelnde Subjekte, also als Wesen, die eben auch anders können.* Wer stolpert oder niest, wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. Denn das ist bloßes Verhalten. Wer jemanden aber absichtlich ins Gesicht niest oder die Treppe herunterwirft, handelt. Deshalb wird ihm seine Tat als Verschulden zugeschrieben. Er wird moralisch verurteilt und, sofern er kein Kind mehr ist, für letzteres gegebenenfalls juristisch belangt.

Einen Affen, der einen Artgenossen tötet, wird niemand moralisch oder juristisch zur Rechenschaft ziehen. Warum nicht? Tierrechtler betonen doch stets, dass Tiere gar nicht unflexibel in ihrem Verhalten seien, sondern ein breites Spektrum zur Verfügung hätten. Wie überaus wundersam jedoch, dass selbst die flexibelsten Exemplare exakt so konstruiert zu sein scheinen, dass die Tierrechtler sie für ihre guten Taten in den Himmel heben können, ohne sie für ihre Bosheiten in die Hölle schicken zu müssen!

In der Beziehungsfalle

Menschen haben in dieser Logik sowenig eine Chance wie Angeklagte in einem Schauprozess. Tiere erscheinen immer als die besseren Menschen, obwohl sie morden, quälen, plündern, vergewaltigen**. Tötet ein Bulle einen Bauern, wird ihm dies von Tierrechtlern als Akt des Widerstands gegen den „Sklavenhalter“ positiv zugeschrieben; erdrückt derselbe Bulle ein kleines Kind, ist er für Tierrechtler nur ein Tier, das nicht anders konnte.

Bienen gelten als fleißig. Wer den Tieren ihren Fleiß als Verdienst zuschreibt, muss ihnen auch ihre Faulheit als Verschulden zuschreiben. Drohnen kämen dann schlecht weg. Sie werden von den Arbeiterinnen aus dem Stock geschmissen, sobald sie ihre Funktion erfüllt haben. Das ist nun wieder nicht nett von den Bienenweibchen. Aber sie können ja nicht anders …

Kinder und geistig Behinderte, die einen Erwachsenen mit einem Revolver bedrohen, werden daran gehindert zu schießen. Schimpansenmännchen, die Schimpansenbabys im Beisein der Mütter fressen, während sie diese vergewaltigen, zeigen „arttypisches Verhalten“. Nach dem Willen der Tierrechtler sollen sie darauf ein Grundrecht haben  („Recht auf Freiheit“).

Der wildlebende Schimpanse Frodo, der 2002 ein menschliches Baby tötete, zeigte damit ebenfalls „arttypisches Verhalten“, wie Jane Goodall betont: „Because chimpanzees are hunters and […] their favourite prey is monkey infants, human beings are just one other kind of primate.“ Frodo lebte bis 2013. Er wurde selbstverständlich nie für seine Tat zur Rechenschaft gezogen.

Laut tierrechtlichem Credo dürfe der Mensch keine Privilegien beanspruchen, bloß weil er kognitiv überlegen ist. Er dürfte der Gleichheitslogik zufolge aber auch nicht benachteiligt werden, weil er kognitiv überlegen ist. Wer den Menschen benachteiligt, weil dieser moral- und rechtsfähig ist, diskriminiert ihn aufgrund einer spezifisch menschlichen Eigenschaft, das heißt, weil er Mensch ist. Das paradoxe Resultat lautet, dass der Mensch durch das Diskriminierungsverbot diskriminiert wird. 

Der Vorwurf der Ungleichbehandlung ergibt jedoch nur unter Symmetriebedingungen Sinn. Menschen können Tiere daher gar nicht diskriminieren, denn beide sind in moralischer Hinsicht fundamental ungleich. Ungleichbehandlung von in relevanter Hinsicht Ungleichen ist gerecht. Man kann dem Menschen nicht sinnvoll vorwerfen: „Du glaubst wohl, du hättest Sonderrechte, bloß weil du allein alle Pflichten hast, was?“ Das ist so ähnlich, wie wenn man sagte: „Du glaubst wohl, du bist der Stärkste, bloß weil du mehr Kraft als alle anderen hast. Schwächere sind genauso stark wie du, also lass dich gefälligst von ihnen verprügeln!“ 

Paradoxe Botschaften wie die der Tierrechtler dienen tyrannischen Herrschaftsinteressen. Wer versucht, jemandem den Pelz zu waschen, ohne ihn nass zu machen, reibt sich bei diesem Versuch auf. Tierrechts-Gurus können je nach Gusto bestimmen, wer bei diesem Versuch erfolgreicher ist und wer nicht. 

* Von der philosophischen Frage des Determinismus, also ob Menschen tatsächlich anders können, sehe ich hier einmal ab. Denn sie spielt ja auch für Tierrechtler keine Rolle. Andernfalls würden sie keine moralischen Forderungen stellen.

** Tiere tun selbstverständlich nichts dergleichen. Es handelt sich hierbei um Verhalten, dass von Weitem menschlichen Handlungen ähnelt, die man als »Vergewaltigung«, »Plündern« usw. bezeichnet.

Rechte und Schnitzel

Der Untertitel von Hilal Sezgins Jugendbuch Wieso? Weshalb? Vegan! enthält zwei Tatsachenbehauptungen: 1. Tiere haben Rechte und 2. Schnitzel sind schlecht für’s Klima.
Tiere haben jedoch keine Rechte und Schnitzel sind nicht schlecht fürs Klima.

Recht

ist ein staatlich gesichertes Normensystem, das die Handlungsfreiheit der Menschen begrenzt und sie zu gegenseitiger Rücksichtnahme verpflichtet.
Tiere sind nicht handlungsfähig und können daher die Interessen von Menschen nicht berücksichtigen. Sie können keine Normen befolgen und zu nichts verpflichtet werden. Dies gilt ohne Ausnahme für jedes einzelne Tier. Kein einziges Tier kann jemals Rechtssubjekt sein. Deshalb haben Tiere keine Rechte, sondern bleiben stets Objekte desselben.
Menschen haben alle Pflichten, deshalb auch alle Rechte. Tiere haben keine Pflichten, deshalb auch keine Rechte.

Menschen sind „von Natur aus“ (also üblicherweise) moral- und rechtsfähig. Sie schreiben einander ihre Taten als Verdienst oder Verschulden zu. Dass es sogenannte Nichtparadigmatische Fälle gibt, ändert nichts an der Sache. Wie Tibor R. Machan betont, haben Begriffe an den Rändern immer Unschärfen. Deshalb muss man nicht Affen zu Menschen erklären. Ein Baum bleibt für uns offenbar auch dann ein Baum, wenn er keine Äste mehr hat, morsch ist oder „verkrüppelt“ aussieht. Bäume müssen nicht deshalb zu Vogelscheuchen erklärt werden, weil manche Bäume diesen vielleicht ähneln.

Es gibt gute Gründe, Demente oder Schwerstbehinderte weiterhin als Menschen anzusehen, Schimpansen oder Schweine jedoch nicht. Letztere sind erkennbar andere Lebewesen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist so gewaltig, dass es eines ausgeprägten biologischen Tunnelblicks bedarf zu glauben, Menschen seien nichts als „nackte Affen“, „dritte Schimpansen“ oder ähnliches.

Mit moralischer und rechtlicher „Bevorzugung der eigenen Spezies“ (Speziesismus) hat das alles nichts zu tun. Die biologische Zugehörigkeit zur Art Homo sapiens ist nicht der Grund, Menschen Rechte zuzusprechen; sie ist nur ein pragmatisch höchst geeignetes Kriterium.

Der Versuch indes, Rechte für Tiere zu begründen, scheitert bei Sezgin und ihrer Gewährsfrau Martha Nussbaum besonders kläglich. Er besteht vor allem in der Aufzählung irgendwelcher vermeintlicher Fähigkeiten, von denen dann einfach gesagt wird, dass Tiere ein Recht hätten, sie auszuleben. Derlei Versuche, einen inneren Wert oder eine innere Würde aus beliebigen Eigenschaften zu destillieren, hängen – wie Norbert Hoerster sagen würde – begründungstheoretisch in der Luft.

Schnitzel

Schweinefleisch wird mit vergleichsweise wenig Kohlenstoff-Emissionen produziert. Reisanbau ist zum Beispiel viel klimaschädlicher. Der weltweite Methanausstoß durch Reisanbau beträgt etwa zwei Drittel der Metahnemission von Wiederkäuern. Würden die Menschen mehr Schweine- und Geflügelfleisch statt Wiederkäuerfleisch und Reis essen, könnte die Emission von Treibhausgasen drastisch gesenkt werden.

Ob das wünschenswert sein kann, ist eine andere Frage. Denn Wiederkäuer verwerten für Menschen gänzlich unverdauliche Nahrung. Schweine und Hühner sind wesentlich bessere Futterverwerter als Menschen, sodass die Nahrungskonkurrenz zum Menschen de facto nicht vorhanden ist. Die Produktion von Hochleistungsrassen in der Massentierhaltung ist klimafreundlicher als extensive Haltung von Rassen geringer Leistung.

Fazit

Die Wahrheit ist weitaus komplizierter als die einfachen Unwahrheiten, die Sezgin schon in der Überschrift präsentiert. Wäre Sezgin an Jugendlichen interessiert, würde sie berücksichtigen, dass sehr junge Menschen dazu neigen, in strikten Freund-Feind-Kategorien zu denken, weil sie moralisch noch nicht ausgereift sind.

Sezgin will Jugendliche aber auf ihren eigenen Infantilismus verpflichten, den sie auch mit noch soviel philosophischem Wortgeklingel nicht verbergen kann. Es ist ja in hohem Maße kindisch anzunehmen, dass die Übel der Welt beseitigt werden könnten, wenn Sezgins Lieblingstiere ein Recht auf Leben zugesprochen bekämen.

Aufklärerisch wäre es, den Jugendlichen mit einfachen Worten zu vermitteln, dass die Dinge so einfach nicht sind. Antiaufklärerisch ist es, die Jugendlichen um einer überwertigen Idee willen vorsätzlich dazu anzuleiten, sich selbst und anderen zu schaden.