Tödliches Lebensrecht – Nachtrag

Peilungsprobleme

Ich habe indirekt ein paar Reaktionen von Tierrechtlern und Veganern auf meinen Artikel mitbekommen. Sie reagieren wie üblich mit Geschichten von zwangsgeschwängerten Kühen oder gefolterten Schweinen und bekunden dann, dass es doch um diese Tiere gehe, wenn vom Lebensrecht die Rede sei.

Dass es Veganern und Tierrechtlern vor allem darum geht, die Nutztierhaltung abzuschaffen, ist jedoch alles andere als ein Geheimnis. Der Mensch hat insgesamt vierzehn Arten domestiziert. Die Tierrechtler könnten also einfach diese paar Arten aufzählen und das animalische Lebensrecht entsprechend eingrenzen. Dann würden aber die Willkür und das zirkuläre Denken, welche den veganen Ungeist beflügeln, noch deutlicher zutage treten.

Ko(s)mische Gründe

Es ist so: Tierrechtler haben irgendwie das Gefühl, man müsse aufgrund von diversen Missständen die Nutztierhaltung (“Tierausbeutung”) ganz abschaffen und die “Tiere befreien”. Dieses Gefühl reicht ihnen auch schon als Begründung aus, denn ihre Gefühle sind für sie nun einmal der ganze Kosmos. Wer widerspricht, verstößt gegen kosmische Gesetze.

Dummerweise kann man sich denjenigen, die nach rationaler Begründung fragen, nicht ganz entziehen. Man hält den Nebel im eigenen Kopf schließlich für das Licht der Aufklärung. Deshalb muss man sich eben notgedrungen etwas einfallen lassen, zum Beispiel das negative Lebensrecht für Tiere. Es dient hauptsächlich dem Zweck, Nutztierhalter anzuprangern und die damit verbundene Heuchelei zu verdecken.

Mit Hilfe des negativen Lebensrechts, so meinen Tierrechtler, kann man wunderbar im Schweinekostüm gegen den menschlichen Tiermord protestieren, ohne im Kitzkostüm gegen den Bambimord von Wölfen protestieren zu müssen. Man kann sogar aktiv die Ansiedlung von Wölfen, Bären oder Luchsen fordern, obwohl diese sich als Massenmörder von Rehlein, Hirschlein, Lämmlein, Zicklein, Kälbchen betätigen. Typischer Fall von denkste.

Lebensrecht als Transportmittel

Das Recht auf Leben ist nämlich – wie Schopenhauer sagen würde – kein Fiaker, aus dem man aussteigen kann, wann es einem beliebt. Um den Nutztieren durch deren weitgehende Abschaffung zu ihrem Lebensrecht zu verhelfen, musste man nolens volens auch den Wildtieren das Lebensrecht zusprechen. Da negatives Lebensrecht in der Wildnis aber wirkungslos ist, wären die Tierrechtler nun einmal verpflichtet, das Leben der Tiere aktiv zu schützen – und zwar das jedes einzelnen Individuums. Die Pointe am Lebensrecht ist ja dessen Unverrechenbarkeit. Das Lebensrecht des Frischlings gegen das des Wolfswelpen aufzurechnen, wäre dann unzulässig.*

Tierrechtler können generell schlecht zwischen ihrer wahren Motivation und einem rationalem Grund unterscheiden. Eine rationale Begründung, Tieren Lebensrecht zuzugestehen, kann nicht sein, dass es Nutztiere gibt, die man gerne abschaffen würde. Die tierrechtlichen Begründungen sind denn auch, dass Tiere Interessen haben oder dass ihr Leben ein subjektiver Wert für sie selber sei etc. Dies träfe aber für Nutz- und Wildtiere gleichermaßen zu. Sie müssen strikt gleich behandelt werden, da ihnen aus identischen Gründen Recht auf Leben zugestanden wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass Wildtiere fast durchweg ein gefährdeteres Leben führen als Nutztiere. Entgegen den manipulativen Darstellungen von Tierrechtlern haben Wildtiere in der Regel eine sehr kleine Chance, das übliche Schlachtalter vieler Nutztierarten zu erreichen. Die “Kindersterblichkeit” in der Wildnis ist zum Beispiel um ein Mehrfaches höher als in der Nutztierhaltung.

Haben nun Tiere ein Recht auf Leben und gilt obige Bedingung, müssen Wildtiere viel intensiver geschützt werden als Nutztiere, damit das Recht wirksam sein kann. Aufs negative Lebensrecht darf man sich hier eben gerade nicht herausreden, wie ich in meinem ersten Artikel zum Thema gezeigt habe.

Es gibt auch Tierrechtler, die eine Befriedung der Tierwelt durch den Menschen fordern (policing nature). Dies wollen sie zum Beispiel durch Abschaffung der Raubtiere bewerkstelligen. Es ist gewiss kein Zufall, dass die großspurigen Forderungen nach einem Lebensrecht für Tiere oft mit Forderungen nach weitreichenden Tierabschaffungsmaßnahmen verbunden sind. Tiere stören nämlich bei der Verwirklichung ihrer Rechte bloß.

Fazit

Tierrechtler und Veganer nehmen die verwendeten Begriffe nicht als solche ernst, sondern malträtieren sie wie ein tyrannischer Gutsherr seine Mägde und Knechte. Die Gewalt, die sie Begriffen und Sprache – also dem Denken – antun, spiegelt sich in ihrer tyrannischen Art, Diskussionen zu führen. Diese verlaufen fast immer nach dem Muster missglückter Beziehungsgespräche:

ierrechtler behauptet x.
ritiker widerlegt es.
T antwortet: Ich meinte doch y.
K fragt: Warum behauptest du dann x?
T antwortet: Weil ich y meine, habe ich doch gesagt!

Es ist eigentlich egal, anhand welcher konkreten Fragen sich immer wieder erweist, wie zirkulär das tierrechtliche Denksystem ist. Die Botschaft ist immer nur: Ich ich ich. Und diese Leute haben die Stirn, von anderen einen ergebnisoffenen Diskurs zu fordern! Der Diskurs ist bei diesen Leuten so offen wie ein zugekniffener Hintern.

 

* Selbst wenn man das Recht auf Leben als Prima-facie-Recht versteht, kommt man bei Tieren damit nicht weit. Prima-facie Rechte sind Rechte, die gelten, solange ihnen nichts entgegensteht (pro tanto). Das Recht auf Leben kann zum Beispiel unter bestimmten Umständen aufgehoben werden (Notwehr, Todesstrafe, Krieg).
Im Tierreich wäre ein Prima-facie-Recht auf Leben ebenso unwirksam wie ein negatives Lebensrecht. Denn im Tierreich gilt das Recht des Stärkeren, Gewitzteren usw. Das Recht auf Leben wäre absurderweise in diesem Fall der “Widerruf” zur weitgehend kriegerischen und gewalttätigen Praxis. Das funzt also auch nicht.

 

Was Tiere wollen

Suhlt das Schwein im Glück?

In der Tierethik sind Ansätze, in denen gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen gefordert werden (Peter Singer), etwas in den Hintergrund gerückt. Zu deutlich wird hier Leben gegen Leben aufgerechnet, zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden. Die dankenswerte Klarheit, mit der Peter Singer die praktischen Konsequenzen seiner Ethik benennt, ist vielen Scheinheiligen ein Dorn im Auge. 

Man folgt lieber dem von Tom Regan eingeschlagenen Holzweg, den inneren Wert der Tierindividuen zu betonen. Das Recht auf Leben für Tiere wird zum Beispiel damit begründet, dass das eigene Leben angeblich ein subjektiver Wert für jedes Lebewesen sei. Gemeint sind dann aber meist nur “fühlende Lebewesen”, also diejenigen, die dem Menschen am meisten ähneln. 

Aus dieser These werden weitreichende Behauptungen abgeleitet. Hilal Sezgin etwa belehrt die jugendliche Leserschaft ihres neuen Buches, dass Tiere glücklich sein wollen, dass sie an der frischen Luft sein wollen, dass sie Kontakt mit Artgenossen haben wollen und vieles andere mehr. Sie beruft sich hierbei in erster Linie auf den “Befähigungsansatz” (Capability approach) der Philosophin Martha Nussbaum.

Capability to köttel

Nussbaum hat eine Gerechtigkeitstheorie entwickelt, wonach es elementare Grundbefähigungen gebe, die Voraussetzung für ein “gutes Leben” (Leben in Würde) seien. Dazu gehöre, dass Menschen ein Leben normaler Dauer führen, Nahrung aufnehmen, gesund sein, sich bewegen, Sex haben, denken können und vieles mehr. Nussbaum überträgt ihren Ansatz in dem Buch Die Grenzen der Gerechtigkeit auf Tiere. Diesen müsse ebenfalls die Chance auf ein “gelingendes” oder “gutes Leben” gewährt werden. Sie sollten “als das, was sie sind, gedeihen.”

Grundvoraussetzungen dafür seien ausreichend Nahrung, Gesundheit, körperliche Aktivität, Abwesenheit von Schmerz und Grausamkeit, positive Erlebnisse, Kontakt mit Artgenossen und dergleichen mehr. Weil “empfindungsfähige” Tiere angeblich nach Glück streben, hätten sie Anspruch auf Leben, Gesundheit, Sexualität, Spiel, Spaß, Kommunikation und und und. Es genügt laut Nussbaum, eine der aufgezählten Fähigkeiten zu besitzen, um einem Geschöpf eine Art dignity (Würde) zuzusprechen. Ob die Fähigkeit herumzulaufen oder die Fähigkeit zum Spiel oder die Fähigkeit zu denken – alle gelten gleich viel, sind nicht hierarchisch konzipiert.

Vielleicht habe da etwas missverstanden, aber nach dieser Logik müsste ein Gorilla, der “genüsslich” seinen eigenen Kot mampft, bereits dadurch Würde haben. Karnickel, die morgens freudig ihre Köttel als Frühstückskorinthen mümmeln, verdienten allein deswegen unsere ganze Achtung. Denn artgemäße Ernährung gehört doch wohl zu den Grundbefähigungen gelingenden Gorilla- und Kaninchenlebens.

Würde in Köttelform würde mir nicht schmecken. Frau Nussbaum begründet leider an keiner Stelle, warum jene zahlreichen Fähigkeiten Würde generieren und deshalb unverrechenbare Rechtsgüter werden sollen. Sie erläutert zwar, warum sie die traditionellen Würdekonzepte zu rationalistisch findet, aber ihr eigenes Angebot ist eben doch zu emotional, also beliebig. Diese Denkweise ähnelt ein wenig der Auffassung antiautoritärer Eltern, die glauben, ihre tyrannischen Gören hätten auf alles, was sie wollen, genau deswegen auch ein Recht. 

Außerdem könnte man durchaus auf die wohlbegründete Idee kommen, dass die Fähigkeit, Tiere zu nutzen und zu verzehren, Grundvoraussetzung des guten Lebens von Menschen sei. Aber diese Fähigkeit steht nicht auf der Liste.

Von hinten durch die Brust ins Auge

Bei Hilal Sezgin sieht die Begründung des animalischen Lebensrechts ungefähr so aus: Für Tiere ist ihr Leben ein subjektiver Wert. Tiere wollen glücklich sein. Glücklich sind sie, wenn sie arttypische Verhaltensweisen ausleben können. Schweine seien glücklich, wenn sie suhlten, Hühner wenn sie scharrten usw. usf. Woher Sezgin all das weiß, steht jedoch in den Sternen. Sie betont nämlich gegen Peter Singer ausdrücklich, dass Glück nur subjektiv, aus der Innensicht bemessen werden könne.

Die Innensicht eines anderen Individuums steht aber niemandem zur Verfügung. Das Kunststück, objektiv von außen das Glück der Tiere aus deren Innensicht zu bemessen, brächte außer Sezgin allenfalls noch Münchhausen fertig. Sezgin behauptet aus ihrer äußeren Innensicht heraus zum Beispiel, dass Tiere Freundschaften schließen und einander physisch nahe sein wollen (für Einzelgänger sicher eine neue Information).

Peter Janich hat aber mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass alle Seelenzustände, die wir Tieren zuschreiben, “keinem Menschen anders bekannt sein können als aus dem Zusammenleben der Menschen selbst.” Durch unsere Kommunikation (Sprache) vermitteln wir einander unsere Seelenzustände und konstruieren sie zugleich mit.

Zuschreibungen der Art, wie Sezgin sie macht, können nichts anderes sein als metaphorische Zuschreibungen. Wer einmal damit anfängt, sie für bare Münze zu nehmen, kommt aus der Nummer nicht mehr heraus.* In dem Bestseller Das geheime Leben der Bäume schildert Peter Wohlleben sehr anschaulich, dass Bäume Freunde finden, indem sie ihre Wurzeln miteinander verbinden. Was nun? **

Es nützt hier nichts, Analogieschlüsse zu machen und von der Ähnlichkeit des eigenen Nervenkostüms auf die innere Befindlichkeit eines Schweins oder Huhns zu schließen. Das alles ist nicht deren Innenperspektive. Sezgins vollmundige Behauptung “Tiere wollen das Leben genießen, indem sie sich bewegen“, ist daher unbegründet. Woher weiß sie, dass die Tiere ihr Glück in Bewegungseinheiten messen? Vielleicht messen sie es ja in Broteinheiten.

Sezgin kann ihren eigenen Prämissen zufolge nicht mal wissen, ob ein verhaltensgestörtes Tier in Gefangenschaft seinen Zustand nicht subjektiv dem Hunger und Parasitenbefall in der Wildnis vorzöge. Sie weiß ferner nicht, ob nicht jedes Tierindividuum sein Glück unterschiedlich bemisst? Woher will sie wissen, dass zum Beispiel alle Schweine identische Glücksvorstellungen haben, bloß weil sie Schweine sind? Sie kann ja nicht in die Individuen hineinsehen. 

Arttypisches Verrecken

Das arttypische Verhalten der Tiere besteht zu einem guten Teil darin, andere nicht nur am Gedeihen, sondern gleich ganz am Leben zu hindern. Wie unverrechenbar soll aber das arttypische Verhalten von Löwenpaschas sein, die Kinder ihrer Vorgänger zu killen? Schließlich rauben sie den männlichen Jungtieren damit deren unverrechenbare Fähigkeit, ihrerseits später Löwenjunge zu killen. Wie unverrechenbar ist die Fähigkeit der Erdmännchen-Frauchen, den Nachwuchs von Konkurrentinnen zu töten und zu fressen? Haben Tiere ein Recht auf den Infantizid? Macht das ihre Würde aus? Sollen wir sie dafür achten?

Orcas spielen in Freiheit nicht mit Bällen, sondern mit Robbenbabys, und fressen sie dann auf. Man könnte meinen, es mache den Schwertwalen großen Spaß, Pinguine auszusaugen wie Wassereis. Katzen spielen mit Mäusen und fühlen sich vielleicht großartig dabei.

Der Kontakt mit Artgenossen endet im Tierreich nicht selten tödlich, sexuelle Betätigung schwächt viele Tiere bis zur absoluten Erschöpfung. Die sexuelle Betätigung des Lachses ist das Laichen. Danach stirbt er. Sagt er sich nach endlosen Strapazen: “Es ist vollbracht! Damit ich werden kann, was ich bin, fehlt nur noch, dass ein Bär mich packt und verspeist, damit er gedeiht als das, was er ist”? 

Lachs wird das, was er ist, damit der Bär gedeihen kann, als das was er ist.

Wünscht sich der Hirsch, alle Hirschkühe zu begatten? Solche Fragen sind sinnlos, weil der Hirsch sich offenkundig nicht frei entschließen kann, dieses Jahr mal auf die stupide Popperei zu verzichten. Ob es für den Hirschen zum guten Leben oder Glück gehört, sich sexuell zu betätigen? Vielleicht ist der Hirsch ja glücklich, wenn man ihn durch Kastration daran hindert.

Überhaupt: Wieso sollten handlungsunfähige Lebewesen sich noch zusätzlich Tätigkeiten wünschen oder zum Ziel setzen, die sie ohnehin nicht unterlassen können? Sie machen eben, was sie machen. Es gibt einen Unterschied zwischen bloßem Wollen und Wollen mit Vorsatz. Auch Tierrechtler schreiben den Tieren Vorsatz de facto nicht zu, lassen die Leser darüber aber gerne im Unklaren. Immer wieder betonen Tierrechtler, dass ihre Lieblinge im Gegensatz zu Menschen nicht anders können. Daraus leiten sie ab, dass nur die Menschen gegenüber Tieren zur Rücksichtnahme verpflichtet sind, während die Viecher weiter auf jede Rücksichtnahme pfeifen dürfen. Könnten die Tiere anders, wären sie für ihr Tun verantwortlich. Und diese Konsequenz meiden Tierrechtler wie der Teufel das Weihwasser.

Tieren fehlt offensichtlich die Dimension höherstufiger Wünsche und Ziele. Hätten Sie diese jedoch, würden sie sich vielleicht wünschen, bestimmte Strebungen unterdrücken zu können – wie etwa ein Suchtkranker, der den Wunsch oder das Ziel hat, den Konsum des Suchtmittels zu unterlassen. Ob sie einen subjektiven Lebenswillen haben, ist sehr fraglich. Denn Tiere können nicht aus freiem Entschluss ihr Leben beenden, warum sollten sie es also vorsätzlich wollen?

Hirsch hat keinen Bock.

Die Forderung, Tiere sollten als “das gedeihen, was sie sind”, beruht zudem auf aristotelischem Aberglauben. Als ob es der vom unbewegten Beweger vorgegebene Zweck des Frischlings wäre, sich zur Bache oder zum Keiler zu vervollkommnen. Junge Wildschweine sind objektiv vor allem Nahrung für andere Tiere. Die meisten werden gefressen, von Krankheiten dahingerafft, von Kleinlebewesen zersetzt. Mit jener veraltet dogmatischen Argumentation ist es ein Leichtes zu sagen: Hausschweine haben ein Recht darauf, auf unseren Tellern zu landen. Denn sie gedeihen als das, was sie sind: Nahrung für uns. Exakt dies ist ja die aristotelische Lehre: Pflanzen sind für Tiere da, und beide sind wiederum für den Menschen da. 

Fazit

Die vermeintlich subjektive Innensicht der anderen Wesen, aus welcher viele Tierrechtler heute deren Glücksvorstellungen meinen erschauen zu können, erweist sich als Projektion ihrer eigenen Befindlichkeiten. Subjektive Befindlichkeiten sind aber unverbindlich. Damit kann man keinerlei objektive oder intersubjektive Geltung beanspruchen – und schon gar nicht derart drastische Forderungen wie einen universalen Fleischverzicht begründen.

Eine Ethik darauf zu gründen, dass manche Tiere einen immer so niedlich anschauen, ist keineswegs so human, wie Tierrechtler sich einbilden. Letztere prangern die vermeintliche Kälte des Rationalismus an und ersetzen diese durch die Hitze blindwütigen Eiferns. 

 

Anmerkungen

* Daniel Dennett sagt, dass das “Verhalten” von Dingen und Lebewesen gut prognostizierbar sei, wenn man es intentional interpretiere. Daraus zu schließen, dass es auch intentional ist, wäre jedoch ein Fehler. Setzt man nun wie Sezgin Beschreibung mit Zuschreibung gleich, ist nicht plausibel, warum sie die meisten Lebewesen aus ihrer Ethik ausschließt. Sie begründet letztere ja damit, dass die betreffenden Lebewesen subjektiv etwas wollen und deshalb sogar Zwecke an sich seien. Pflanzliches Leben kann aber ebenso sinnvoll als intentional beschrieben werden wie das von Insekten, Spinnentieren, Würmern etc. Sezgin müsste ihnen daher ihr Verhalten ebenso zuschreiben wie sie es bei ihren Lieblingstieren tut. Peter Singer hat offenbar inzwischen kapiert, dass Tierrechtler nicht vor der moralischen Berücksichtigung von Insekten ausweichen können. (Zum Unterschied von Zuschreiben und Beschreiben siehe das oben verlinkte Buch von Peter Janich).

** Welche geradezu hirnerweichenden Konsequenzen es hat, wenn man die aus Disneyfilmen gewonnene eigene Innensicht mit der Innensicht von Tieren verwechselt, führt Sezgin in ihrem Jugendbuch selbst vor. Sie macht dort ausgiebig Reklame für den Hof Butenland , einen “Gnadenhof”, auf dem ein paar Tiere herumlaufen, für die Leichtgläubige spenden und erblassen sollen. Sezgin schwärmt den Jugendlichen vom niedlichen Ochsen Mattis vor, der ein so inniges Verhältnis zu seiner Mutter habe. Wie schön es doch wäre, wenn alle Tiere so leben könnten!

Mattis ist jedoch kastriert. Sein Recht auf Sexualität ist ihm genommen worden. Hätte man ihn nicht kastriert, hätte er längst seine Mutter besprungen, anstatt an ihren Zitzen zu nuckeln. Er hätte auch Hilal Sezgin besprungen, wenn sie sich vor ihm gebückt hätte, denn Bullen springen auf alles, was die Form eines gebogenen Tores hat (Torbogenreflex).

Auf Gnadenhöfen werden Tiere gnadenlos vermenschlicht. Wer sich etwa den Nachruf des Hofes Butenland auf den kleinen Hahn Flauschi durchliest, muss als normaler Mensch den Eindruck gewinnen, nach Strich und Faden vergackeiert zu werden. So etwas können erwachsene Menschen doch unmöglich ernst meinen! Flauschi wurde von einem Greifvogel gepackt. So what? Wäre das nicht passiert, hätte Flauschi sich im Laufe seines Lebens viele kleinere Vögel gepackt und wie der unkastrierte Mattis seine Mutter besprungen. Immerhin konnte der Greif mit Hilfe des Flauschfleisches gedeihen als das, was er ist.

Betreiber von Gnadenhöfen stehen mit einem Bein in der Klapsmühle und mit dem anderen im Knast. Irrsinn und Geschäftssinn greifen hier ineinander. Gnadenhofbetreiber sind auf Spenden und Erbschaften angewiesen, was sie zu zwielichtigen Praktiken verführt. Viele Gnadenhöfe müssen aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen das Tierschutzgesetz geschlossen werden. Die Tiere haben es eben nicht gut dort. Sie sind Opfer von Menschen, die wie Sezgin in dem Wahn leben, Tiere seien “wie wir”.

 

Tödliches Lebensrecht

Katze bricht Recht und Genick einer Ratte

Die Natur ist so wunderschön und jedes Tier hat schließlich auch ein Recht zu leben.
Heinrich Himmler

 

Positiv und negativ

Tierrechtler betonen mit großer Emphase, dass Tiere ein Recht auf Leben hätten. Was bedeutet Recht auf Leben?

Recht auf Leben ist im engen Sinn ein subjektives Abwehrrecht, das alle Menschen (Rechtsträger) vor Verletzungen ihres Lebens durch den Staat (Adressat) schützt. Der Staat hat darüber hinaus auch die Pflicht, das Leben der Menschen bei unmittelbarer Gefahr aktiv zu schützen (Anspruchsrecht). Deshalb gibt es zum Beispiel die Polizei und das Strafrecht. Recht auf Leben ist in erster Linie negativ konzipiert – der Staat darf das Leben nicht nehmen – und in zweiter Linie positiv: der Staat muss es schützen (Anspruchsrecht).

Wie schon bei oberflächlicher Betrachtung deutlich werden dürfte, ist es unmöglich, Tieren das vollständige Lebensrecht zu gewähren. Man müsste zum Beispiel Tiere vor anderen Tieren aktiv schützen. Schützte man das Zebra gegen den Löwen, verletzte man das Lebensrecht des Löwen.

Schützte man das Leben von Kaninchen oder Mäusen, müssten die Füchse verhungern. Außerdem würden diese Tiere sich so explosionsartig vermehren, dass irgendwann die Bestände einbrächen und die meisten Tiere verendeten (wie dies etwa in Feldmauspopulationen immer der Fall ist). Ferner müssten die Tiere gesundheitlich versorgt werden. Päppelte man allein alle Individuen der Ratten-, Mäuse und Karnickelpopulationen, würde es schnell ganz eng auf dem Planeten.

Wie sehr das Lebensrecht des Menschen durch das der Tiere gefährdet wäre, kann jeder erahnen, der sich zum Beispiel vorstellt, dass Schadnager nicht getötet werden dürften. Die Ernten würden schon auf dem Feld weggefressen. Homo sapiens sapiens würde sich im tatkräftigen Bemühen, das Leben der Tiere zu sichern, zielsicher selbst abschaffen. Auch wenn man nur die Wirbeltiere zu Rechtsträgern machte, würde die Wirksamkeit dieses Rechtes durch dessen Wirksamkeit vereitelt. 

Tierrechtler machen eigentlich nichts anderes, als zu überlegen, wie man den grotesken Konsequenzen ihrer Forderungen ausweichen kann, ohne auf jene Forderungen verzichten zu müssen. Da die Forderung nach einem positiven Lebensrecht für Tiere abwegig ist, proklamieren Tierrechtler das negative Lebensrecht. Das Leben der Tiere müsse nicht geschützt werden, dürfe aber von Menschen nicht genommen werden. So können Tierrechtler mit großer Geste das Lebensrecht für Tiere beschwören und dennoch Tiere getrost verrecken lassen.

Lebensrecht ohne Wirksamkeit?

Im Begriff des Rechts ist dessen Wirksamkeit enthalten. Recht ist ein System wirksamer Normen, deren Erfüllung staatlich gewährleistet wird. Ein Recht für Kreise auf ihre Quadrierung gibt es nicht, weil dieses Recht niemals wirksam werden kann. Man kann zwar ein entsprechendes Gesetz in die Verfassung schreiben, doch wie soll man die Bürger dazu motivieren, den Quadratstatus von Kreisen zu achten? Ähnliches gilt für die Forderung nach einem Lebensrecht für Tiere. 

Auch der Begriff negatives Lebensrecht ergibt überhaupt nur Sinn, wenn er in einer Rechtsordnung wirksam werden kann. Um in einer Rechtsordnung wirksam werden zu können, bedarf es einer Gemeinschaft von Rechtssubjekten, die motiviert sind, die entsprechenden Gesetze einzuhalten. Mit anderen Worten: Es bedarf einer Gemeinschaft von Lebewesen, die von von sich aus die Interessen anderer berücksichtigen können und wollen. 

In der Bundesrepublik halten sich zum Beispiel fast alle Menschen freiwillig ans Verbot, andere Menschen zu töten. Sie sehen nämlich ein, dass es für sie persönlich von Vorteil ist, wenn möglichst alle sich daran halten. Die Polizei muss nur in seltenen Fällen schützend eingreifen. Ferner sind die meisten Menschen gesundheitlich nicht unmittelbar mit dem Tod bedroht. Nur deshalb kann das Lebensrecht in erster Linie negativ und erst in zweiter Linie positiv bestimmt werden.

In einem vom Bürgerkrieg erschütterten Land wie Syrien sieht das schon ganz anders aus. Was nützt den Menschen dort ihr Lebensrecht, wenn keiner es schützt? Wo die Rechtsordnung zerfällt und nur noch das Recht der Stärkeren zählt, ist das negative Lebensrecht bedeutungslos. Deutschland dürfte keinen bedrohten Syrer aufnehmen, wenn für syrische Flüchtlinge nur das negative Lebensrecht gälte. Die Flüchtlinge dürften nicht vor dem Ertrinken gerettet, die lebensbedrohlich Verletzten nicht behandelt werden. 

Nun beklagen wir alle die Zustände in Syrien und machen dafür diverse Personen bzw. Personengruppen verantwortlich – Präsident Assad oder den Islamischen Staat zum Beispiel. Wir gehen also davon aus, dass sie anders könnten. Wir gehen von handlungsfähigen Subjekten aus. Selbst Assad wird prinzipiell zugetraut, einen Rechtsstaat herstellen zu können. Sonst würde man sein Handeln nicht verurteilen. 

Das animalische Gesetz der Straße

Es leuchtet ein, dass in einer Gruppe von Lebewesen, deren Mitglieder prinzipiell gar nicht anders können, als einander ans Leben zu gehen; in der es obendrein keinerlei Gesundheitssystem gibt, negatives Lebensrecht noch weniger Sinn hat als in Syrien. Es gäbe fast keine andere Aufgabe, als ununterbrochen das Leben der Mitglieder aktiv zu schützen. Menschen wären auf ewig zum militärischen UNO-Dauereinsatz für die Tiere verpflichtet. 

Deshalb lehnt es zum Beispiel Hilal Sezgin ab, ein aktives Lebensrecht für Tiere zu postulieren (wenn ich das richtig verstanden habe). In ihrem neuen Buch schreibt sie, dass Menschen nicht das Recht hätten, einen Frischling zu erschießen, denn: “Es ist sein gutes Recht weiterzuleben und zu versuchen, stark und gesund aufzuwachsen.” Das klingt sehr generös. Doch was bedeutet dies de facto?

Die Chancen des Frischlings, sein Recht zu bekommen, stehen sehr schlecht. Weniger als 10 % der Wildschwein-Jungtiere erreichen das vierte Lebensjahr. Etwa die Hälfte stirbt in den ersten Wochen. Kaum ein Wildschwein schafft es, ganz erwachsen (ausgewachsen) zu werden. Sechs bis sieben Jahre ist das selten erreichte Maximum. Das Durchschnittsalter von Wildschweinen liegt deutlich unter dem von Zuchtsauen. In Gefangenschaft können sie bei guter Versorgung und Pflege zwanzig Jahre alt werden. 

Warum sind die Verluste wohl so hoch? Weil die Tiere bis zu ihrem Tod ein glückliches Leben haben? Oder weil sie Mangel und Not leiden, von Infektionen und Parasiten geschwächt sind und schließlich von Beutegreifern ohne Betäubung verspeist werden? Was nützt den Tieren hier ein negatives Lebensrecht?

Wer ein Lebensrecht für Tiere fordert und keine Probleme damit hat, dass sie fast alle schon als Kleinkinder sterben, dehnt jenen Begriff bis zur Unkenntlichkeit aus. Sezgin rührt keinen Finger für den Frischling, meint also cum grano salis: “Du hast keine Chance, also nutze sie”. 

Fazit

Recht auf Leben für Tiere kann weder als positives noch als negatives wirksam werden. Das Konzept ist daher in Bezug auf Tiere unbrauchbar. Wesentlich sinnvoller ist hingegen das klassische Konzept des Artenschutzes. Es ist nicht mit den Problem konfrontiert, Tiere als individuelle Rechtsträger behandeln und schützen zu müssen. Artenschutz hat auch ein klares Ziel, nämlich Erhaltung bestimmter Arten, und damit auch ein Kriterium, wie dieses Konzept an der Erfahrung scheitern kann (Aussterben einer geschützten Art).

Konzepte wie Recht auf Leben für Tiere setzen aufgrund ihrer Hypertrophie deren Befürworter dem Verdacht aus, mit ihren Forderungen andere Zwecke zu verfolgen als behauptet. Es ist sehr wohlfeil, Rechte zu verteilen wie Kamelle, ohne ein Kriterium zu nennen, inwiefern dieses Recht auch wirksam werden kann. Theoretisch könnten zum Beispiel die Wildschweine trotz ihres individuellen Lebensrechts kollektiv aussterben. Da sagen dann die Tierrechtler: Pech gehabt. Chance vertan.

Der eigentliche Zweck des tierrechtlichen Aktivismus ist es meinem Eindruck nach, den Menschen seiner fundamentalen Rechte zu berauben. Tierrechtler wollen einfach das Sagen haben. Wer Machtgelüste hat, versteckt sich gerne hinter “unschuldigen Kreaturen”, damit die Leute die Machtlüsternen mit ihren Knuddeltieren verwechseln und ihnen aus der Hand fressen.

 

Der Mensch ist immer der Böse

Sanfter Riese macht den Affen

Auch Silberrücken haben Tücken.

Menschenaffen, so heißt es bei vielen Tierrechtlern, seien Personen. Deshalb solle man ihnen Grundrechte zugestehen. Grundrechte sind in staatlichen oder überstaatlichen Verfassungen festgeschriebene Menschenrechte.

Obwohl sie angeblich Personen sind, werden selbst erwachsene Menschenaffen jedoch nicht für ihre Taten verantwortlich gemacht. Der Gorilla, der jüngst im Zoo von Cincinnati ein kleines Kind durch’s Gehege geschleift hat, ist vernünftigerweise erschossen worden – allerdings nicht zur Strafe, sondern weil Gefahr in Verzug war. Moralische Appelle wären ebenso nutzlos gewesen wie die Androhung juristischer Konsequenzen. Das Tier war im Vollbesitz seiner geistigen Affenkräfte und trotzdem nicht schuld.

Es kommt leider ab und zu vor, dass Kinder in Zoogehege fallen oder klettern. Auch aufmerksamen Eltern entgeht manchmal etwas. Die Zoomitarbeiter haben verantwortungsbewusst und korrekt gehandelt. Darüber müsste eigentlich nicht viel geredet werden. Doch nun muss sich der Direktor gegen einen öffentlichen Proteststurm wehren, und die Eltern des Kindes werden bezichtigt, fährlässig gehandelt zu haben.

Irgend etwas stimmt da nicht. Gorillas werden von echten oder vermeintlichen Tierfreunden gerne als sanfte Riesen bezeichnet – als wäre die Sanftheit ein Verdienst des Tieres. Verhält sich ein Gorilla aber wie der im Zoo von Cincinnati, werden sofort Menschen dafür verantwortlich gemacht. Das Tier wird reflexartig zum Opfer erklärt.

Den Trick durchschauen

Viele vermeintliche Tierfreunde behandeln Tiere so wie Eltern ihre verzogenen Tyrannenkinder. Bei jedem Pups des vergötterten Lieblings geraten sie in Ekstase, an jeder Bosheit sind andere schuld.

Bei den Tierrechtlern wird dies zum Prinzip – und paradoxerweise mit dem Gleichheitspostulat verbunden. Weil Tiere und Menschen in relevanter Hinsicht gleich seien, müsse man mit zweierlei Maß messen, welches aber gar kein zweierlei Maß sei. So könnte man den tierrechtlichen Imperativ zusammenfassen.

Der Trick ist, die strukturelle Asymmetrie zwischen Mensch und Tier zugunsten des Tieres umzudrehen. Worin besteht diese Asymmetrie? Darin, dass Menschen die einzigen bisher identifizierten Moralsubjekte (moral agents) auf Erden sind. Sie machen einander für ihr Tun verantwortlich, rechnen sich – wie der Philosoph Peter Janich es formuliert – ihre Taten als Verschulden oder Verdienst zu.

Menschen betrachten einander als handelnde Subjekte, also als Wesen, die eben auch anders können.* Wer stolpert oder niest, wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. Denn das ist bloßes Verhalten. Wer jemanden aber absichtlich ins Gesicht niest oder die Treppe herunterwirft, handelt. Deshalb wird ihm seine Tat als Verschulden zugeschrieben. Er wird moralisch verurteilt und, sofern er kein Kind mehr ist, für letzteres gegebenenfalls juristisch belangt.

Einen Affen, der einen Artgenossen tötet, wird niemand moralisch oder juristisch zur Rechenschaft ziehen. Warum nicht? Tierrechtler betonen doch stets, dass Tiere gar nicht unflexibel in ihrem Verhalten seien, sondern ein breites Spektrum zur Verfügung hätten. Wie überaus wundersam jedoch, dass selbst die flexibelsten Exemplare exakt so konstruiert zu sein scheinen, dass die Tierrechtler sie für ihre guten Taten in den Himmel heben können, ohne sie für ihre Bosheiten in die Hölle schicken zu müssen!

In der Beziehungsfalle

Menschen haben in dieser Logik sowenig eine Chance wie Angeklagte in einem Schauprozess. Tiere erscheinen immer als die besseren Menschen, obwohl sie morden, quälen, plündern, vergewaltigen. Tötet ein Bulle einen Bauern, wird ihm dies von Tierrechtlern als Akt des Widerstands gegen den „Sklavenhalter“ positiv zugeschrieben; erdrückt derselbe Bulle ein kleines Kind, ist er für Tierrechtler nur ein Tier, das nicht anders konnte.

Bienen gelten als fleißig. Wer den Tieren ihren Fleiß als Verdienst zuschreibt, muss ihnen auch ihre Faulheit als Verschulden zuschreiben. Drohnen kämen dann schlecht weg. Sie werden von den Arbeiterinnen sofort aus dem Stock geschmissen, sobald sie ihre Funktion erfüllt haben. Da sie allein nicht lebensfähig sind, sterben sie alle schnell. Das ist nun wieder nicht nett von den Bienenweibchen. Aber sie können ja nicht anders …

Kinder und geistig Behinderte, die einen Erwachsenen mit einem Revolver bedrohen, werden daran gehindert zu schießen. Schimpansenmännchen, die Schimpansenbabys im Beisein der Mütter fressen, während sie diese vergewaltigen, zeigen „arttypisches Verhalten“. Nach dem Willen der Tierrechtler sollen sie darauf ein Grundrecht haben  („Recht auf Freiheit“).

Der wildlebende Schimpanse Frodo, der 2002 ein menschliches Baby tötete, zeigte damit ebenfalls “arttypisches Verhalten”, wie Jane Goodall betont: “Because chimpanzees are hunters and [...] their favourite prey is monkey infants, human beings are just one other kind of primate.” Frodo lebte bis 2013. Er wurde selbstverständlich nie für seine Tat zur Rechenschaft gezogen.

Laut tierrechtlichem Credo dürfe der Mensch keine Privilegien beanspruchen, bloß weil er kognitiv überlegen ist. Er dürfte der Gleichheitslogik zufolge aber auch nicht benachteiligt werden, weil er kognitiv überlegen ist. Wer den Menschen benachteiligt, weil dieser moral- und rechtsfähig ist, diskriminiert ihn aufgrund einer spezifisch menschlichen Eigenschaft, das heißt, weil er Mensch ist. Das paradoxe Resultat lautet, dass der Mensch durch das Diskriminierungsverbot diskriminiert wird. 

Der Vorwurf der Ungleichbehandlung ergibt jedoch nur unter Symmetriebedingungen Sinn. Menschen können Tiere daher gar nicht diskriminieren, denn beide sind in moralischer Hinsicht fundamental ungleich. Ungleichbehandlung von in relevanter Hinsicht Ungleichen ist gerecht. Man kann dem Menschen nicht sinnvoll vorwerfen: „Du glaubst wohl, du hättest Sonderrechte, bloß weil du allein alle Pflichten hast, was?“ Das ist so ähnlich, wie wenn man sagte: „Du glaubst wohl, du bist der Stärkste, bloß weil du mehr Kraft als alle anderen hast. Schwächere sind genauso stark wie du, also lass dich gefälligst von ihnen verprügeln!“ 

Paradoxe Botschaften wie die der Tierrechtler dienen tyrannischen Herrschaftsinteressen. Wer versucht, jemandem den Pelz zu waschen, ohne ihn nass zu machen, reibt sich bei diesem Versuch auf. Tierrechts-Gurus können je nach Gusto bestimmen, wer bei diesem Versuch erfolgreicher ist und wer nicht. 

* Von der philosophischen Frage des Determinismus, also ob Menschen tatsächlich anders können, sehe ich hier einmal ab. Denn sie spielt ja auch für Tierrechtler keine Rolle. Andernfalls würden sie keine moralischen Forderungen stellen.

Welthunger im veganen Zwangsdienst

Die Fleischproduktion, so behaupten Veganer mit Verve, sei schuld am Welthunger. „Wertvolle Nahrung“ lande in den Futtertrögen der Reichen, während 795 Millionen Menschen noch immer hungerten. Diese Anklage macht bei agrarisch Unwissenden stets großen Eindruck, sodass ihnen die Schnitzel in den Gierhälsen steckenbleiben. Dass universal praktizierter Veganismus die Lösung wäre, versteht sich dann natürlich von selbst. *Ironie aus*

Doch auch ohne jede agrarwissenschaftliche Kenntnis genügen die Kenntnisnahme der Daten sowie einfaches Nachdenken, um darauf zu kommen, dass obige These wohl ein bisschen schlicht ist:

1961 gab es etwas mehr als 3 Milliarden Menschen auf der Erde, von denen etwa 1,2 Milliarden hungerten (1950 hungerte noch jeder Zweite). 2015 gab es 7,35 Milliarden Menschen, von denen 795 Millionen hungerten. Heute werden also deutlich über 4 Milliarden Menschen mehr satt als 1961. Im selben Zeitraum ist die globale Fleischproduktion von 71 auf 318 Millionen Tonnen Schlachtgewicht gewachsen. Die Fleischproduktion hat sich mehr als vervierfacht. Tendenz steigend.


Von 1961 bis 2015 gab es also weltweit: erstens einen sehr starken Anstieg der Fleischproduktion, zweitens eine sehr starke Abnahme der hungernden Bevölkerung in Bezug auf die Gesamtbevölkerungszahl, drittens eine starke Abnahme der hungernden Bevölkerung in absoluten Zahlen. Der Welthunger hat im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so drastisch abgenommen, dass heute 2,6 Milliarden Menschen hungern würden, wenn die Relation noch dieselbe wäre wie 1961.

Luftnummern statt Fakten 

Wie kommt man von diesen Zahlen zu der Behauptung, dass ausgerechnet die Fleischproduktion den Welthunger verursache? Ganz einfach, indem man gänzlich realitätsferne Theorien für bare Münze nimmt und als handfeste Fakten ausgibt. Man addiert die weltweiten Bruttonährstoffmengen und verteilt dann die Früchte dieser Rechenarbeit unter den geistig Armen. Hilal Sezgin füttert in ihrem neu erschienenen Jugendbuch sogleich den deutschen Nachwuchs damit : „Würden wir alles Getreide direkt selbst verzehren, statt es zu Tierfutter zu verarbeiten, könnten noch 4 Milliarden Menschen mehr ernährt werden.“

Derlei Studien sind jedoch wissenschaftlich nicht gehaltvoll. Sie werden gemacht, weil es eine starke Nachfrage danach gibt. Würden wir Holz und Kohle essen, könnten vielleicht 100 Milliarden Menschen mehr satt werden. Denn in Holz und Kohle sind viele Kalorien drin. Aber Vorsicht: nicht den Bibern das Frühstück wegessen! Hilal Sezgin verdirbt sich unterdessen den Magen an ihrem täglichen Einheitsgetreidebrei aus Massenertragspflanzen, die Leute bekommen von der getreidebasierten Kost ohne tierisches Eiweiß die schönsten Mangelerkrankungen, und alles wird gut. Dünger braucht auch kein Mensch. Wofür denn auch? Kann man doch selber essen!

Realitätscheck längst bestanden

Während in der Wirklichkeit längst eindrucksvoll unter Beweis gestellt worden ist, dass mit hoher Fleischproduktion und intensiver Landwirtschaft viele Milliarden Menschen mehr satt werden als noch vor ein paar Jahrzehnten, sind Versuche, die vegetarischen Fieberphantasien in die Praxis umzusetzen, bisher katastrophal gescheitert. Als man vor hundert Jahren in Deutschland aufgrund abstrakt korrekter Berechnungen meinte, die Menschen sollten statt Schweinen lieber Getreide essen, verhungerten in der Folge 800.000 Menschen (Schweinemord).

Veganer scheinen unter Welthungerhilfe zu verstehen, den Welthunger tatkräftig zu fördern. Was würde wohl passieren, wenn diese Knallköpfe tatsächlich den Welternährungsverkehr regelten? Das könnte schon bald geschehen. Der amtierende Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck, verkündet bereits, dass die Tötung von Nutztieren nicht mehr zu rechtfertigen sei. Im grünen Milieu und bei der sogenannten Bildungselite ist das bereits als feststehende Wahrheit anerkannt. 

Wie viele Milliarden Menschen müssten sterben, bis auch der letzte Naivling begriffe, wie menschenverachtend die Tierrechts-Ideologie ist und wie wenig Anlass besteht, deren Vertreter für respektable Personen zu halten? Der Welthunger wird ganz anderes besiegt werden, wenn Tierrechtler und Veganer dies nicht verhindern.

Rechte und Schnitzel

Der Untertitel von Hilal Sezgins Jugendbuch Wieso? Weshalb? Vegan! enthält zwei Tatsachenbehauptungen: 1. Tiere haben Rechte und 2. Schnitzel sind schlecht für’s Klima.
Tiere haben jedoch keine Rechte und Schnitzel sind nicht schlecht fürs Klima.

Recht

ist ein staatlich gesichertes Normensystem, das die Handlungsfreiheit der Menschen begrenzt und sie zu gegenseitiger Rücksichtnahme verpflichtet.
Tiere sind nicht handlungsfähig und können daher die Interessen von Menschen nicht berücksichtigen. Sie können keine Normen befolgen und zu nichts verpflichtet werden. Dies gilt ohne Ausnahme für jedes einzelne Tier. Kein einziges Tier kann jemals Rechtssubjekt sein. Deshalb haben Tiere keine Rechte, sondern bleiben stets Objekte desselben.
Menschen haben alle Pflichten, deshalb auch alle Rechte. Tiere haben keine Pflichten, deshalb auch keine Rechte.

Menschen sind „von Natur aus“ (also üblicherweise) moral- und rechtsfähig. Sie schreiben einander ihre Taten als Verdienst oder Verschulden zu. Dass es ganz wenige menschliche Grenzfälle gibt, ändert nichts an der Sache. Wie Tibor R. Machan zu Recht betont, haben Begriffe an den Rändern immer Unschärfen. Deshalb muss man nicht Affen zu Menschen erklären. Ein Baum bleibt für uns offenbar auch dann ein Baum, wenn er keine Äste mehr hat, morsch ist oder „verkrüppelt“ aussieht. Bäume müssen nicht deshalb zu Vogelscheuchen erklärt werden, weil manche Bäume diesen vielleicht ähneln.

Es gibt gute Gründe, Demente oder Schwerstbehinderte weiterhin als Menschen anzusehen, Schimpansen oder Schweine jedoch nicht. Letztere sind erkennbar andere Lebewesen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist so gewaltig, dass es eines ausgeprägten biologischen Tunnelblicks bedarf zu glauben, Menschen seien nichts als „nackte Affen“, „dritte Schimpansen“ oder ähnliches.

Mit moralischer und rechtlicher „Bevorzugung der eigenen Spezies“ (Speziesismus) hat das alles nichts zu tun. Die biologische Zugehörigkeit zur Art Homo sapiens sapiens ist nicht der Grund, Menschen Rechte zuzusprechen; sie ist nur ein pragmatisch höchst geeignetes Kriterium.

Der Versuch indes, Rechte für Tiere zu begründen, scheitert bei Sezgin und ihrer Gewährsfrau Martha Nussbaum besonders kläglich. Er besteht vor allem in der Aufzählung irgendwelcher vermeintlicher Fähigkeiten, von denen dann einfach gesagt wird, dass Tiere ein Recht hätten, sie auszuleben. Derlei Versuche, einen inneren Wert oder eine innere Würde aus beliebigen Eigenschaften zu destillieren, hängen – wie Norbert Hoerster sagen würde – begründungstheoretisch in der Luft.

Schnitzel

(Schweinefleisch) wird mit vergleichsweise wenig Kohlenstoff-Emissionen produziert. Reisanbau ist zum Beispiel viel klimaschädlicher. Der weltweite Methanausstoß durch Reisanbau beträgt etwa zwei Drittel der Metahnemission von Wiederkäuern. Würden die Menschen mehr Schweine- und Geflügelfleisch statt Wiederkäuerfleisch und Reis essen, könnte die Emission von Treibhausgasen drastisch gesenkt werden.

Ob das wünschenswert sein kann, ist eine andere Frage. Denn Wiederkäuer verwerten für Menschen gänzlich unverdauliche Nahrung, während Schweine und Geflügel zum Teil in Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen. Da diese Tiere aber wesentlich bessere Futterverwerter sind als Menschen, fällt diese Nahrungskonkurrenz nicht so stark ins Gewicht, wie Veganer und Fleischkritiker gerne behaupten. Die Produktion von Hochleistungsrassen in der Massentierhaltung ist klimafreundlicher als extensive Haltung von Rassen geringer Leistung.

Fazit

Die Wahrheit ist weitaus komplizierter als die einfachen Unwahrheiten, die Sezgin schon in der Überschrift präsentiert. Wäre Sezgin an Jugendlichen interessiert, würde sie berücksichtigen, dass sehr junge Menschen dazu neigen, in strikten Freund-Feind-Kategorien zu denken, weil sie moralisch noch nicht ausgereift sind.

Sezgin will Jugendliche aber auf ihren eigenen Infantilismus verpflichten, den sie auch mit noch soviel philosophischem Wortgeklingel nicht verbergen kann. Es ist ja in hohem Maße kindisch anzunehmen, dass die Übel der Welt beseitigt werden könnten, wenn Sezgins Lieblingstiere ein Recht auf Leben zugesprochen bekämen.

Aufklärerisch wäre es, den Jugendlichen mit einfachen Worten zu vermitteln, dass die Dinge so einfach nicht sind. Antiaufklärerisch ist es, die Jugendlichen um einer überwertigen Idee willen vorsätzlich dazu anzuleiten, sich selbst und anderen zu schaden.