Unsinnsgrenze Precht

In einem ARD-Beitrag über sein neues Buch Tiere denken, sagt der Philosoph Richard David Precht:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine ‚Menschen‘  – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff ‚Tier‘ irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

In seinem Buch Noahs Erbe (1997) schreibt der Autor von der „Unsinnsgrenze zwischen Tier und Mensch“, die angeblich nur auf Mythen beruhe. Offenbar hat er seitdem nichts dazugelernt, denn er verbreitet in der modifizierten Neuauflage von Noahs Erbe (Tiere denken) offenbar haargenau denselben Unsinn wie damals.

Wer bestreitet, dass Menschen biologisch gesehen Tiere sind? 

Gäbe es in den Verlagen denkfähige Lektoren und in den Sendern denkfähige Journalisten, wäre diesen gewiss aufgefallen, dass – außer Verrückten – niemand Homo sapiens biologisch aus dem Tierreich ausschließt. Taxonomisch werden Blattlaus und Schimpanse zusammen mit Homo sapiens ordnungsgemäß ins Reich der Tiere und nicht ins Reich der Pflanzen eingeordnet.

Dass es zum Zwecke der biologischen Forschung Sinn hat, Schimpansen, Quallen, Blattläuse so zu klassifizieren, ist eine Trivialität. Selbstverständlich wäre es in diesem Zusammenhang Unsinn, eine absolute Grenze zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu postulieren. Unsinn wäre auch die Behauptung, der Mensch sei physikalisch gesehen kein Körper, hätte keine Ausdehnung, keine Masse, kein Gewicht. Menschen sind biologisch gesehen Tiere – das wusste schon Aristoteles. Was will uns Precht also sagen? Dass er nach langem Studium mit heißem Bemühen nun endlich auch entdeckt hat, was jedes Kind weiß? 

Man kann Lebewesen nach allen möglichen Aspekten klassifizieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Verdauungssystem. Da ähneln sich Schweine und Menschen weit mehr als Schimpansen und Menschen. Doch was folgt daraus? Haben Schweine nun ein Menschenrecht auf vegane Ernährungsberatung?

Philosophische Mogelpackung

Precht wechselt unvermittelt von der biologischen Sphäre zur rechtlichen, will Normen direkt aus der Taxonomie ableiten. Weil Affe und Mensch sich biologisch „ähneln“ oder genetisch „verwandt“ sind, sollen Affen Anwälte bekommen und Blattläuse nicht. „Wenn wir alle durch die Evolution verbunden sind, dann sollten wir auch moralisch verbunden sein“, schreibt der Tierrechtler Richard Ryder und formuliert damit Prechts Argument allgemeiner. Doch das ist offenbar ein Sein-Sollen-Fehlschluss. Wieso sollte die Evolution, ein blinder und subjektloser Prozess, moralisch von Belang sein?

Bemerkenswert ist nun der erste Satz des oben zitierten Statements:

Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Precht einigt sich hier mit sich selber auf eine handfeste Unsinnsgrenze. Schimpansen und Blattläuse sind nämlich keineswegs völlig verschiedene Dinge. Es sind beides Tiere und haben eine beträchtliche Anzahl von Genen gemeinsam. Durch Entdeckung der Hox-Gene sind alle Tiere noch einmal genetisch näher zusammengerückt. Wie kommt Precht dazu, hier eine vollkommene biologische Verschiedenheit zu postulieren?

Eng verbunden mit dem Menschen sind viele Tiere, auch wenn sie uns nicht ähnlich sehen. Kleiderläuse zum Beispiel sind in bestimmter Hinsicht mit dem Menschen als Kulturwesen sogar enger verbunden als Affen, denn sie evolvierten sich aus der Kopflaus, als die Menschen begannen, Kleider zu tragen. Parasiten sind generell sehr anhänglich. Und was wären wir ohne die Bakterien in unserem Darm?  Auch hier gilt: Man kann Lebewesen nach den unterschiedlichsten Kriterien klassifizieren und in Nähe oder Distanz zum Menschen bringen. Moral, Ethik und Recht springen aber aus solchen Klassifizierungen nicht von selber heraus.

Die wahre Unsinnsgrenze

Precht will in schlechter tierethischer Tradition bloß seine Lieblingstiere bevorzugen und kann nicht sinnvoll bestimmen, wo die Ähnlichkeit von Mensch, Tier und Pflanze denn nun aufhört. Wann ist die Ähnlichkeit gering genug, dass die Tiere keinen Anspruch mehr auf einen Pflichtverteidiger haben? Precht bezieht sich unbewusst auf die biologisch überholte Vorstellung einer großen Skala der Wesen, auf der Blattläuse unten und Schimpansen oben rangieren, weil letztere menschenähnlich sind. Eine Hierarchie nach Leidensfähigkeit oder eine Grenze zwischen höheren und niederen Lebewesen ist aber auf Basis empirischer Daten nicht möglich, wie u.a. die Zoologin Marian Stamp Dawkins immer wieder betont. Precht verlässt sich nur auf die Biologie, doch diese zeigt ihm die kalte Schulter.

Selbstverständlich ist die Unterscheidung von Mensch und Tier in moralischer und rechtlicher Hinsicht eminent sinnvoll. Precht setzt diesen fundamentalen Unterschied selbst voraus, indem er von Menschen verlangt, für Schimpansen den Anwalt zu spielen, und zwar in einem spezifisch menschlichen System, dem Rechtssystem. Von großen Menschenaffen verlangt er allerdings nicht, als Anwälte der Lemuren tätig zu werden – obwohl beide doch so eng miteinander verwandt sind. Er kann ja mal einem Schimpansen klarzumachen versuchen, wie unsinnig die Unterscheidung zwischen letzterem und Richard David Precht ist.

»Speziesismus«

»Speziesismus« bedeutet, dass Menschen andere Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminieren, also Lebewesen ungleich behandeln, bloß weil sie nicht zur Spezies Homo sapiens gehören. Der Begriff wurde Anfang der 1970er Jahre von dem britischen Psychologen Richard Ryder erfunden und vom australischen Bioethiker Peter Singer zur weltweit populären Kampfparole der »Tierbefreiungsbewegung« gemacht. Die Analogie zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus ist hierbei bewusst gewählt.

Grund und Kriterium

Die biologische Spezies war niemals der Grund, warum Menschen sich gegenüber ihresgleichen zur moralischen Rücksichtnahme, zum Tötungsverbot, zum Verbot von Diebstahl usw. verpflichtet haben. Dafür wurden in der Vergangenheit verschiedene Gründe angegeben, zum Beispiel die Gottebenbildlichkeit, die Vernunft, die Handlungsfähigkeit, die Moralfähigkeit.

»Mensch« ist nicht gleichbedeutend mit »Homo sapiens«, und ein Grund ist nicht dasselbe wie ein Kriterium. Wenn der Grund etwa die Handlungs- und Moralfähigkeit ist, braucht man ein Kriterium, das sich in der Praxis dazu eignet, diejenigen zu benennen, die den Schutz durch Moral und Recht genießen sollen. Dieses Kriterium kann die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Homo sapiens sein.

Alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens genießen den Schutz der Menschenrechte – unabhängig davon, ob jeder Einzelne konkret und aktuell diejenigen Eigenschaften tatsächlich hat, die Grund für die moralische Berücksichtigung und rechtlichen Schutz sind. Es genügt, dass Menschen – im Gegensatz zu anderen Lebewesen – im Allgemeinen und Normalfall diese Eigenschaften besitzen bzw. erwerben. »Mensch« bezeichnet hier die Mitglieder einer Moral- und Kommunikationsgemeinschaft. Hätten Kakerlaken jene Eigenschaften ebenfalls im Normalfall, würden auch sie mitsamt Larven, Komatösen, Behinderten einbezogen. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie uns genetisch ferner stehen als Schimpansen.

»Man schließt geistig Behinderte und Kinder aus der Rechtsgemeinschaft einfach deshalb nicht aus, weil eine aufgrund objektiver Kriterien praktikable klare Grenze zwischen möglicher und nicht möglicher Pflichtsubjektivität nicht gezogen werden kann. Um sich nicht beständig mit dem Rechtsunsicherheit schaffenden Problem auseinandersetzen zu müssen, Menschen möglicherweise ungerechtfertigt aus dem rechtlichen Verband auszuschließen oder nicht aufzunehmen, wird jeder Mensch uneingeschränkt als Rechtssubjekt betrachtet. Speziesistische Willkür liegt nicht vor, wenn Tieren die Rechtsfähigkeit nicht eingeräumt wird, weil diesen eben kraft ihrer Natur weder heute noch morgen Pflichten auferlegt werden können«, schreibt der Soziologe Franz Kromka.

Widersinn mit Methode

Der Speziesismus-Begriff ist selbstwidersprüchlich. Richard Ryder schreibt, Speziesismus sei »die Annahme, dass der Mensch allen anderen Arten von Tieren überlegen [superior] und damit berechtigt sei, sie zu seinem Vorteil auszubeuten.« Der Duden definiert den Begriff ähnlich als »Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln.«

Ryder und Co. gehen jedoch selber implizit davon aus, dass der Mensch dem Tier überlegen und sogar moralisch übergeordnet ist, denn sie fordern nur vom Menschen moralische Rücksichtnahme gegenüber Tieren. Damit diskriminieren sie aber Homo sapiens. Dieser macht biologisch gesehen das Gleiche wie andere Tiere. Die menschlichen Individuen sichern ihr Überleben und das ihrer Nachkommen, geben ihre Gene weiter wie alle anderen auch. Dabei nutzen sie – wie alle anderen auch – die Vorteile, welche ihnen durch die Evolution zugewachsen sind. Biologisch gesehen ist Homo sapiens anderen Tieren durch seine geistigen Fähigkeiten de facto überlegen. Vorwerfen kann man ihm das nur, wenn man mit zweierlei Maß misst.

Arten? Welche Arten?

Sehr beliebt ist auch die Behauptung, es gebe in der Realität gar keine Arten und deshalb zählten nur Individuen. Es gebe daher auch keinen Artenegoismus – weder beim Tier noch beim Menschen. Richard Ryder und der berühmte Soziobiologe Richard Dawkins argumentieren so. Hierbei tappen sie aber in die Reduktionismus-Falle. »Welches Prinzip erlaubt ihnen, die Ebene zu bestimmen, auf der die Elimination ihren Schlusspunkt gefunden hat«, fragt der Biologe Steven Rose Theoretiker wie Dawkins.

Wieso soll es also ausgerechnet Arten nicht geben, dafür aber Individuen. Man könnte in dieser Logik genauso gut sagen, es gebe keinen Richard Dawkins, sondern nur einen Zellverbund, der von Genen gesteuert werde. Und selbst von den Genen kann man behaupten, dass es sie »eigentlich« nicht gebe. Irgendwann landet man unweigerlich bei den Quarks. Über moralische Fragen braucht man sich dann nicht mehr zu unterhalten. Es sei denn, man erfindet den Quarksismus, die Diskriminierung der Quarks aufgrund ihrer Quarkszugehörigkeit. 

Rassismus, so die heute unter aufgeklärten Individuen verbreitete Ansicht, bestehe schon darin, überhaupt Menschenrassen zu postulieren. Im Gegensatz zu Religionen, Geschlechtern, politischen Anschauungen gebe es keine Menschenrassen. Wer also »Rasse« sage, sei bereits ein Rassist.

Man übertrage dies nun auf den Begriff der »Art«. Daraus, dass »Art« ein Oberbegriff in einem künstlichen System (Taxonomie) ist, wird geschlossen, dass Arten nicht existieren. Wer also Mensch sagt, wäre bereits ein Speziesist – ebenso wie jemand, der Spinne, Fisch oder Hund sagt. Speziesismus wäre überall und daher nirgends. Der Begriff taugt nur als suggestive Kampfparole, die gegen jeden geschwungen werden kann – einschließlich der Tierethiker, Tierrechtler und Veganer selbst.

Nun wollen Leute wie Peter Singer oder Tom Regan ja tatsächlich, dass der Begriff Mensch nicht mehr verwendet und stattdessen nur noch von Personen oder empfindungsfähigen Lebewesen gesprochen wird. Man freut sich schon, wenn bald alle Bücher umgeschrieben werden müssen. Dann heißt es nicht mehr „O Mensch, gib Acht“, sondern „O Person oder empfindungsfähiges Wesen, sei achtsam“. Schöne neue Welt.

»Anthropozentrismus«

In der Diskussion um Tierschutz und Tierrechte fehlt selten die wohlfeile Klage darüber, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt betrachte und sich eine besondere Stellung im Kosmos anmaße. Der Anthropozentrismus sei die Wurzel allen Übels und müsse überwunden werden, damit die Natur zu ihrem »Recht« kommen könne.

Eingebildeter Perspektivenwechsel

Leute, die so etwas behaupten, nennen sich gerne »Biozentristen« oder »Physiozentristen«. Erstere bilden sich ein, die Perspektive der belebten Natur einzunehmen, letztere glauben, die Stimme des gesamten Kosmos zu sein. Beide schwingen sich zu Interessensvertretern der außermenschlichen Welt auf. Doch egal, ob sie sich nun Tier-, Pflanzen-, Fluss- oder Planetenkostüme anziehen: Sie bleiben immer nur Menschen mit spezifisch menschlicher Wahrnehmung und Moral.

In Biozentrismus und Physiozentrismus offenbart sich »eine gesteigerte Anthropozentrik, die der Natur die menschlichen Vorstellungen unterlegt oder überstülpt“, bemerkt der Philosoph Lothar B. Schäfer. Das erinnert an Mister Bean, der sich selber ein Geschenk einpackt und beim späteren Auspacken überrascht über den Inhalt der Verpackung zeigt.

Was geht das schon den Kosmos an?

Wer hingegen ernsthaft versucht, eine außermenschliche Perspektive zu gewinnen, dem geht schon beim ersten Schritt die Ethik von der Fahne. Begibt man sich auf die Ebene des Tierreichs, sind dort nur sporadisch Verhaltensweisen erkennbar, die man mit viel Fantasie als Rumpfformen von Moral deuten könnte. Schon aus tierlicher Perspektive brauchten Menschen also nicht mehr moralisch zu sein, wenn unter Moral ein Kanon von Normen verstanden wird, nach denen Handlungen und Gedanken beurteilt werden.

Geht man nun weiter über das Pflanzenreich und die unbelebte Natur in die unendlichen Weiten des Universums, löst sich alles in reine Gleichgültigkeit auf. Aus kosmischer Perspektive ist es gänzlich einerlei, was auf der Erde mit irgendwelchen Wesen passiert. Dass sie entstehen, herumwuseln und vergehen, juckt das Universum kein bisschen.

Mit anderen Worten: Da mit dem Anthropozentrismus sogleich auch die Moral über Bord geht, ist es widersinnig, den Anthropozentrismus moralisch zu kritisieren. Er ist schlicht unhintergehbar, sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in ethischer Hinsicht. Selbst die sogenannte pathozentrische Ethik, die das Leiden aller (fühlenden) Lebewesen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt, ist aus dem Anthropozentrismus abgeleitet, da sie dem menschlichen Wunsch entspringt, alle leidfähigen Lebewesen moralisch zu berücksichtigen.

Man kann den Anthropozentrismus zwar nicht eliminieren, aber man kann prüfen, wie aufgeklärt Personen über genau diesen Tatbestand sind. Nicht nur die selbsternannten Biozentristen oder Physiozentristen sind diesbezüglich unaufgeklärt, sondern auch viele moderne Verhaltensbiologen, die wie im Wahn alle Tiere und Pflanzen unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie ähnlich sie dem Menschen sind. Kaum stochert der eine Affe anders mit dem Stock nach Termiten als sein Artgenosse in einer entfernten Population, haben beide schon »Kultur«. Diese manische Fixierung ist wissenschaftlich wenig fruchtbar und taugt vor allen zur ideologischen Herabsetzung des Menschen. »Das Tier wird als Naturgegenstand gerade nicht ernst genommen, sondern […] in menschliche Kleider gesteckt und wie im Fernsehfilm zum albernen Vorturnen gezwungen«, kritisiert der Philosoph Peter Janich.

Höher entwickelt oder nur zu heiß gebadet?

Aus dieser zu »bahnbrechenden Erkenntnissen« aufgeblasenen verhaltensbiologischen Mode ziehen Tierrechtler ihren Vorteil. Sie können sich auf die unaufgeklärt anthropozentrische Rede von »höher entwickelten Tieren« berufen und an die wissenschaftlich überholte Skala der Wesen (scala naturae) mit dem Menschen als Fluchtpunkt anknüpfen. Ganz weit oben rangieren – wen wundert’s? – unsere nächsten Verwandten. Im offenen Selbstwiderspruch kritisieren viele Tierrechtler den Anthropozentrismus und fordern zugleich Menschenrechte für Menschenaffen, weil diese uns gleichen. Tierrechtler leugnen vehement jegliche Sonderstellung des Menschen und berufen sich im nächsten Atemzug auf sie, indem sie nur vom Menschen verlangen, andere Tiere moralisch zu berücksichtigen

Die Rede von höher entwickelten Tieren führt jedoch in die Irre: »Der verzweigte Baum der Evolution hat nicht nur einen, sondern Millionen Kulminationspunkte – nämlich je einen in jeder auf der Erde lebenden Art«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stephen Budiansky. »Die Vorstellung, dass die Fische momentan auf Stufe 21 festsitzen und mit aller Macht versuchen, auf Stufe 22 aufzusteigen, ist in evolutionsgeschichtlicher Sicht barer Unsinn. Die Fische sind durch Jahrmillionen währende Evolution ihrer eigenen, sehr speziellen ökologischen Nische angepasst. Dazu mussten sie sich ebenso lange entwickeln wie wir. Keineswegs sind sie bloß Beispiele einer halb fertigen Evolution, deren Kulminationspunkt der Mensch (womöglich gar der nordische) wäre.«

Gottopozentrismus?

Das Muster des übersteigerten Anthropozentrismus schlechthin ist der Glaube an einen Gott – das meinen zumindest religionskritische Autoren. Bereits der antike Philosoph Xenophanes von Kolophon (570–475 v. Chr.) äußerte den Verdacht, dass die Gottesvorstellungen bloße Projektionen menschlicher Eigenschaften seien. Baruch de Spinoza (1632–1677) formuliert diesen Gedanken folgendermaßen: »Denn ich glaube, dass ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, dass ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund.«

Es ist grotesk, wenn heute christliche Ethiker in die Klage wider den Anthropozentrismus einstimmen, obwohl das Christentum mit seiner Fixierung auf Jesus ohne Anthropozentrismus gar nicht auskommt. Christus ist eben Gott und Mensch zugleich. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch überdies eindeutig als Sonderanfertigung beschrieben. Manche christliche Theologen opfern sogar den Heiland selbst, um sich dem Zeitgeist gemäß mit tierethischen und naturethischen Phrasen zu profilieren.

 

»Würde der Kreatur«

Offene Grenzen

Das Pendant zur Mitgeschöpflichkeit ist die Würde der Kreatur. Seit 1992 steht sie in der Schweizer Verfassung. In der Schweiz hat konsequenterweise bereits die Pflanzenwürde tiefe Wurzeln geschlagen. Denn es ist unmöglich, aufgrund empirischer Eigenschaften zwischen moralisch zu berücksichtigenden und nicht zu berücksichtigenden Lebewesen eine genaue Grenze zu ziehen. Die Pflanzen sind also notwendigerweise auch drin.

Doch damit nicht genug. Da Würde hier an den Kreatur-Status gekoppelt ist, wird die Fluss- oder Bergwürde schon bald das Schweizer Gemüt erheben. Kraxler werden dann wohl reihenweise von den Bergen abgeworfen, sobald sie ihre Karabiner zu tief in deren Würde verankern; Schwimmer werden von Seen ertränkt, sobald sie beim Baden in selbige urinieren. Die Schweizer können irgendwann keinen Schritt mehr tun, ohne bei irgend einer Kreaturwürde anzuecken. Da bleibt nur noch die Flucht in die Käselöcher – sofern die Emmentalerwürde nicht verletzt wird.

Konfusion mit Methode

»Die menschliche Würde ist abwägungs- und eingriffsresistent«, schreibt der Rechtswissenschaftler Wolfgang Löwer. »Sie ist Höchstwert, der keine Relativierung für heteronom gesetzte Zwecke erlaubt. Würde beruht auf der Autonomie zum selbst gewählten Lebensentwurf. Dass alles dieses auf die kreatürliche Würde nicht übertragbar sein dürfte, liegt auf der Hand. Es ist folglich etwas anderes gemeint als das Versprechen einer unantastbaren Würde, suggeriert aber sprachlich das Gegenteil.«

Aus der Menschenwürde ergeben sich zumindest dem Ideal nach strikte Verbotspflichten. So ist es zum Beispiel mit der Menschenwürde nicht vereinbar, Menschen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion zu züchten oder sie in medizinischen Versuchen zu töten.

Bei den diversen Ansätzen, die »Würde der Kreatur« zu definieren, ist weitgehend freies Phantasieren angesagt. Wenn nicht einmal klar ist, warum allen Kreaturen Würde zugeschrieben werden soll und welche normativen Konsequenzen dies hätte, ist nicht verwunderlich, dass manche Autoren vollständig den Überblick verlieren und wahllos mit Würde-Bonbons um sich werfen wie Karnevalsprinzen mit Kamelle.

Es gibt Metzger, die wollen sogar dem Fleisch seine Würde zurückgeben. Wenn aber das Fleisch, die Wurst, die Boulette eine Würde hat, wieso nicht auch das Gekröse? Warum nicht auch der Hunde-Kot auf der Straße? Wer den Haufen ordnungsgemäß entsorgt, gibt ihm seine Würde wieder, da das arme Häuflein nicht mehr mit Füßen getreten werden kann, oder was? Fazit: Inflationärer Gebrauch des Würdebegriffes verursacht Hirnflatulenz.

Raison oblige

Das Gewürge mit der Würde beginnt, sobald man sie von der Fähigkeit zur praktischen Vernunft abkoppelt. Ein Würdebegriff, der nicht mehr auf Vernunft bezogen ist, wird inflationär und willkürlich. Bei Immanuel Kant kommt Würde nur solchen Wesen zu, die prinzipiell fähig sind, zwischen Handlungsalternativen frei zu wählen und sich selber moralische Gesetze zu geben. Dies reflektiert § 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948): »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.«

Tierrechtler wie zum Beispiel Tom Regan versuchen aufgrund dessen, die Begriffe »Autonomie« und »Handlungsfähigkeit« so zu erweitern, dass sie wenigstens auf (einige) Tiere passen. Diese Erweiterung geht aber – wie alle tierethischen Begriffserweiterungen – zu sehr auf Kosten der Bedeutung. Das Tun von Tieren kann nicht als Handlung gelten, wenn man sie nicht auch dafür verantwortlich macht; Tiere sind nicht moralisch autonom, solange sie moralische Maximen grundsätzlich nicht verstehen, formulieren oder befolgen können.

Während beim Menschen nur wenige Individuen aufgrund kontingenter Ursachen (Unfall, Krankheit, Gendefekt) oder absichtlicher Schädigung durch Dritte ihre Vernunft- und Gewissensbegabung nicht oder nur eingeschränkt entfalten können, sind alle nichtmenschlichen »Kreaturen« diesbezüglich hoffnungslos unbegabt. Es ist daher sinnlos, ihnen Würde zuzugestehen.

Heiße Luft = Aufwind für Fanatiker

Ähnlich wie die »Mitgeschöpflichkeit« hat die »Würde der Kreatur« aufgrund ihres hohen Anteils an heißer Luft vor allem den Effekt, die Aufgeblasenheit derjenigen zu vergrößern, die sie im Munde führen. Darüber hinaus ermutigt derlei heuchlerisches Wortgeklingel die Fanatiker dazu, den Würdebegriff in Bezug nichtmenschliche Kreaturen ebenso strikt auszulegen wie in Bezug auf Menschen.

Es ist daher folgerichtig, dass die Tierrechtler immer frecher werden und für Tiere exakt denselben Würdeschutz fordern, wie er für Menschen gilt. Wenn Tiere aber denselben oder annährend denselben Würdeschutz genießen sollen wie Menschen, dieser aber nicht gewährleistet wird, ist es nur logisch, dass Tierrechtler auch Gewalt anwenden, um den vermeintlichen Anspruch der Tiere durchzusetzen. Menschen, die zu Nahrungszwecken gezüchtet werden, müssten schließlich auch mit Gewalt befreit werden, wenn andere Mittel versagen.

»Mitgeschöpf«

Die Schlagworte »Mitgeschöpf« und »Mitgeschöpflichkeit« erfreuen sich in der Debatte um Tierrechte und Tierschutz größter Beliebtheit. Das »Mitgeschöpf« ist Anfang 1987 ins deutsche Tierschutzgesetz eingewandert (§ 1, 1) und treibt dort seitdem sein Unwesen. Die juristischen Kommentare betonen, dass das deutsche Tierschutzgesetz im Zeichen der Mitgeschöpflichkeit stehe. Ob sie damit dem Tierschutz sowie den Menschen einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden.

Schaffe, schaffe, G’schöpfle baue … 

»Mitgeschöpf« ist eine Wortschöpfung des Pietismus; die »Mitgeschöpflichkeit« wurde vom Schweizer Theologen Fritz Blanke erfunden und meint so etwas wie »artübergreifende Menschlichkeit«. Das hört sich schön an, besagt aber nichts. Um es kurz zu machen: Theologisch betrachtet ist alles, was existiert, »Geschöpf« – mit Ausnahme von Gott selbst. Aus dem Geschaffensein als solchem folgt daher moralisch und rechtlich nicht das Geringste.

Warum sollten wir Tiere nur deshalb moralisch berücksichtigen, weil sie nicht Gott sind? Das trifft auf uns selber ebenso zu wie auf Pflanzen, Pilze, Steine, Schneeflocken oder Sternenstaub. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man der profanen Geschöpflichkeit feierlich die Silbe »Mit« voranstellt.

Wer ein Schwein als Mitgeschöpf bezeichnet, muss auch dessen Lungenwürmer als Mitgesch(r)öpfe bezeichnen. Entscheidet man sich, die Würmer zu töten, um das Schwein zu retten, etabliert man damit eine Hierarchie der Lebewesen, die sich aus der Tatsache ihres Geschaffenseins in keiner Weise ergibt. Das seitenlange Kleingedruckte macht den ganzen Mitgeschöpf-Vertrag zur Makulatur. Am Ende bleiben doch immer nur die paar Lieblinge des Menschen übrig. »Mitgeschöpflichkeit« ist also nichts weiter als eine Lizenz zum Heucheln.

Geschöpf ohne Gott?

Ganz zu schweigen von dem Tatbestand, dass man an einen Gott glauben muss, der alles geschaffen hat. Wer die Mitgeschöpflichkeit propagiert, müsste streng genommen erst einmal die Existenz eines Schöpfers rational beweisen oder zumindest plausibel machen, sodann zeigen, dass dem Schöpfer irgend etwas an seinen Geschöpfen gelegen ist.

Denn es spricht ja alles dagegen, dass Gott sich um’s Wohlergehen seiner Geschöpfe besonders sorgt. Ein allgütiger Gott hätte die Welt schließlich so schaffen können, dass zumindest unkompensiertes Leid darin nicht vorkäme, oder er hätte auch gleich eine Welt voller Wonneproppen basteln können. Hat er aber nicht. Außerdem müssten die Mitgeschöpfianer noch das Medium benennen, mittels dessen Gott den Geschöpfen seine Wünsche mitteilt. Derlei Mühe spart man sich heute gerne und geht lieber gleich zum gemütlichen Teil über: der willkürlichen Proklamation von diesem und jenem.

In ihrer Stellungnahme zum Tierschutzgesetz machen die Rechtsphilosophen Julian Nida-Rümelin und Dietmar von der Pfordten denn auch kurzen Prozess mit der Mitgeschöpflichkeit: »Einem wenig rationalen Dezisionismus in Normierungs- und Abwägungsfragen erscheint hier Tür und Tor geöffnet.« Mit anderen Worten: »Sechs, setzen!« Oder: Fuck ju, Mitgeschöpf! 

Absolution durch Evolution?

Warum ein derart religiös aufgeladener Begriff überhaupt für die Gesetzgebung eines Staates verbindlich sein soll, der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, steht in den Sternen bzw. in den juristischen Kommentaren zum Tierschutzgesetz. Im Kommentar von Kluge et. al. wird zur Begründung die haarsträubende Behauptung aufgestellt, Mitgeschöpflichkeit könne auch mit der Evolution und der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen begründet werden.

Evolution im modernen Sinne ist jedoch ein unbewusster, subjektloser Prozess. Aus der Tatsache, dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickelt haben, folgt ebenfalls moralisch und rechtlich nicht das Geringste – zumal bei dieser Interpretation die unbelebten Geschöpfe vollends unter den Tisch fallen. Hier werden stillschweigend wertfreie biologische Fachtermini moralisch interpretiert. »Genetische Verwandtschaft« bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die Hefepilze, mit welchen wir 40 % der Gene gemeinsam haben, als unsere Kinder betrachten müssen, die nach unserem Tode Anspruch auf einen Pflichterbteil von 40 % unserers Erbes hätten. Da überdies auch Pflanzen mit uns genetisch verwandt sind, müsste das Tierschutzgesetz auf diese ausgedehnt und damit ad absurdum geführt werden.

Der Versuch, die Mitgeschöpflichkeit pseudowissenschaftlich mit Hilfe der Evolution zu retten, kann nicht gelingen. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen und solche Nonsens-Begriffe aus der Gesetzgebung zu tilgen, werden ihnen dort Heiligenscheine verpasst.

Nonsens ist übrigens auch der beliebte Imperativ, die Schöpfung zu bewahren. Er ist theologisch schlicht Blasphemie, denn nur Gott selbst hat die Macht, seine Schöpfung zu zerstören. Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.