Die Gefühle haben Schweigepflicht

 

Die Tiere könnten ja eben die Saiteninstrumente, die Pflanzen die Flöteninstrumente der Empfindung sein.

Gustav Theodor Fechner

 

Stumpfe Pflanzen?
Ich habe soeben ein neueres Buch der renommierten Tierethikerin Ursula Wolf erstanden (2012). Ich schlage es mittendrin auf und lese in einer Fußnote: »Die angeblichen Belege für das Fühlen von Pflanzen können inzwischen als widerlegt gelten.« Als einzigen Beleg für diese Behauptung weist Frau Wolf auf ein Werk der Biologin Marian Stamp Dawkins aus dem Jahre 1982 (!) hin. Was bedeutet hier also »inzwischen«? Dass Frau Wolf sich seit 1982 nicht mehr mit dem Thema befasst hat? Jedenfalls ist inzwischen die Pflanzenneurobiologie groß in Mode. Urvater: Charles Darwin.

So widerlegt, wie Frau Wolf meint, scheint die von ihr kritisierte Auffassung wohl nicht zu sein. Im Gegenteil. Die Vorstellung, dass ohne Nerven keine Empfindung sei, ist nichts als ein Dogma, das von Aristoteles, Stoa, Scholastik übernommen und in neurophysiologische Terminologie gebracht wurde: Pflanzen seien demnach keine „richtigen“ Lebewesen, weil sie keine Sinne bzw. kein Herz hätten.

Die zitierte Marian Dawkins betont übrigens in ihren Werken ausdrücklich, dass Hierarchisierungen nach Leidensfähigkeit oder Grenzziehungen zwischen höheren und niederen Tieren auf der Basis empirischer Daten unmöglich ist. 


 
Obwohl Tierethiker auf Kritik oft wie Mimosen reagieren, 
 wollen sie nicht glauben, dass Pflanzen Gefühle haben. 

Zarte Pflänzchen
»Nein. Pflanzen sind viel empfindungsfähiger als wir und besitzen neben unseren mindestens fünfzehn weitere Sinne,« schreibt der italienische Pflanzenphysiologe Stefano Mancuso in seinem Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« (2015). 
Dass Pflanzen nichts fühlen können, weil sie keine Nerven und Muskeln haben, ist eine neurozentrische und damit anthropozentrische Vorstellung, welche Tierethikern nicht gestattet ist, die sich ständig über den Anthropozentrismus und »Speziesismus« anderer mokieren. Wenn es um Pflanzen geht, fallen Tierethiker regelmäßig in die Grube, die sie anderen graben – genau genommen fallen sie schon bei den wirbellosen Tieren in diese Grube.

Die Empfindungsfähigkeit wird an das Zentrale Nervensystem nur zu dem Zweck gebunden, fast alle Lebewesen aus der angeblich antispeziesistischen Ethik auszuschließen. Das geht so: Moralisch berücksichtigen muss man nur, was Interessen hat. Interessen hat nur, was empfinden kann. Empfinden kann nur, was ein Zentrales Nervensystem hat. Fertig. Alle anderen müssen leider in die Röhre gucken.

Wer Gefühle hat, bestimmen wir!
Diese Ethik nennt sich selber hochtrabend Sentientismus. Die Sensibilität der betreffenden Ethiker macht aber vor den eigenen Widersprüchen konsequent halt. Man leugnet einerseits mit großem Pathos die Kluft, die den Menschen qua praktischer Vernunft von allen anderen Lebewesen trennt. Es gebe nämlich nur graduelle Unterschiede zwischen den Lebewesen. Zugleich postuliert man selber eine solche Kluft, einen scharfen Schnitt zwischen Lebewesen mit Zentralem Nervensystem und Lebewesen ohne ein solches. Die einen haben Empfindungen, die anderen haben keine. Töpfchen, Kröpfchen.

Etwa 95 % aller Tierarten fallen als „niedere Tiere“ ebenso heraus wie alle Pflanzen und Pilze. Das alles nur, weil sie eine kontingente Eigenschaft nicht aufweisen – den Besitz eines Zentralen Nervensystems. Entscheidend für die Empfindungsfähigkeit ist aber nicht, ob ein Lebewesen Nerven hat, sondern ob es Strukturen besitzt, welche eine analoge Funktion übernehmen.

Das ist bei Wirbellosen und Pflanzen zweifellos der Fall. Vor hundert Jahren glaubte man nicht, dass Pflanzen Hormone produzieren können. Man wurde eines Besseren belehrt. Die Ethiker, welche sich um ihres moralischen Klapperatismus willen taub und blind stellen, werden ebenfalls eines Besseren belehrt werden. Selbst Einzeller setzen Stressmarker. Je feiner die Messmethoden, desto enger wird es für den Sentientismus.

Mancuso: »Überraschenderweise ähneln die heutigen Argumente häufig denen der Antike. Sie gründen weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als vielmehr auf dem ‚gesunden Menschenverstand‘ und zahllosen Vorurteilen, die unsere Kultur seit Jahrtausenden prägen«. Alles fühlt, meint der Biologe und Philosoph Andreas Weber: »Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.«

Evolutionärer Unsinn
Geradezu rührend ist die allgemein unter Tierethikern beliebte Behauptung, Schmerz oder eine analoge Empfindung würde bei Pflanzen keinen „evolutionären Sinn“ haben, da letztere nicht zum Ortswechsel fähig seien. Das Argument stammt – ohne den Rekurs auf Evolution – ebenfalls von Aristoteles, der meinte Schmerz habe bei Pflanzen keinen „Zweck“.

Evolution hat bekanntlich generell keinen Sinn. Pflanzen könnten also ganz ohne Sinn und Zweck schmerzempfindlich sein. Dass die Evolution alles Nutzlose heraussiebe, muss ja nicht stimmen. Schließlich hat die Evolution selbst Tierethiker und Veganer verschont. Es könnte ferner eine bisher unbekannte Funktion geben, die schmerzanaloge Empfindungen sinnvoll erscheinen ließe.

Fest steht, dass Pflanzen starke aversive Reaktionen zeigen, wenn sie angeknabbert werden, sie verwenden Strategien der Abwehr wie die Tiere. Sie senden elektrische Impulse an die Wurzeln etc. Sie scheinen also etwas gegen ihre Malträtierung zu haben – ganz genau wie die Wirbellosen.

Wer behaupten will, dass Wirbellose keinen Schmerz empfinden, sollte tunlichst nicht Pflanzen mit dem Argument ausschließen, dass sie zum Ortswechsel unfähig seien. Denn die meisten Wirbellosen sind zum Ortswechsel fähig. Sie fliehen behände, sobald sie sich in Gefahr wähnen. Mit diesem Argument läge es also sehr nahe, ihnen auch Schmerzempfinden zuzuschreiben.

Bei irgend einem Schlaumeier habe ich sogar gelesen, Insekten und Krabbeltiere lebten nur kurz, daher lohne sich der Schmerz bei ihnen sozusagen nicht. Das erreichbare Lebensalter entscheidet? Manche Spinnen und Insektenköniginnen können über zwanzig Jahre Jahre alt werden, Ratten nur zwei. Sind Ratten deswegen vielleicht nur ein Zehntel so schmerzempfindlich wie Ameisenköniginnen? Grönlandwale schaffen über 200, Grönlandhaie 500 Jahre. Es gibt Schwämme, die 10.000 Jahre alt werden. Manche Polypen sind sogar unsterblich. Der älteste Baum ist übrigens 9550 Jahre alt. Wo soll da der Zusammenhang sein, zumal Dauer auch noch relativ ist? Was uns lang oder kurz erscheint, besagt doch nichts über den „evolutionären Sinn“ des Schmerzes!

Wenn schon, denn schon!
Mitgefangen, mitgehangen. Die einzig kohärente Position wäre, alle Lebewesen als moralisch gleichwertig zu betrachten, wenn man nicht anthropozentrisch sein will. Das Unangenehme an dieser Position ist allerdings, dass sie ethisch ins Absurde führt. Aber diese Absurdität muss man – wie Albert Schweitzer – dann eben aushalten und sich konsequenterweise vom rationalen Diskurs verabschieden. 

Absurd ist diese Ethik unter anderem deshalb, weil sie das Subjekt ohne Not in ein unauflösliches Dilemma führt. Haben auch Pflanzen Empfindungen, ist es moralisch problematisch, sie zu verzehren. Wenn wir nicht verhungern wollen, müssen wir also dauernd unmoralisch handeln. Eine Moral aber, die verlangt, was wir nur um den Preis unserer Selbstaufgabe leisten könnten; die das Verhungern als ideale moralische Handlung ansehen muss, taugt nichts. Anstatt nun den ethischen Ansatz wegen Idiotie zu verwerfen, steigern sich namentlich die Veganer ausgiebig in ihn hinein.

Vegane Verrenkungen
Das Pflanzenargument ist gegen Veganer schlagend, zumal, wenn diese aus der Empfindungsfähigkeit von Lebewesen Rechte ableiten. Sind Pflanzen empfindungsfähig, begeht man ständiges Unrecht an ihnen, wenn man sie nutzt. Was sollen beliebige Rechte, wenn sie nicht vom Recht auf Leben gestützt werden? Haben Pflanzen ein Recht auf Leben, begehen Veganer wie Nichtveganer täglich tausend Morde. Ein offenkundiger Nonsens. Wer aufgrund der Empfindungsfähigkeit von Tieren deren Befreiung fordert, muss aus demselben Grund ebenfalls die Befreiung der Pflanzen fordern.

Selbst wenn man nicht mit Rechten, sondern mit der gleichen Berücksichtigung von Interessen argumentiert, wie etwa Peter Singer, kommt man in die ethische Bredouille. Dann steht das Interesse des Baumes gleichberechtigt neben dem Interesse der Ranke, die ihn langsam tötet, und gleichberechtigt neben dem Interesse des Trappers, der eine Hütte bauen will und Brennholz braucht. Da kann man die Interessen abwägen, bis man schwarz wird.

Aus der Not versucht man sich zu befreien, indem man eine Hierarchisierung der Lebewesen vornimmt, die aber – siehe oben – rettungslos anthropozentrisch und speziesitisch ist. Singer meint: „Pflanzen haben kein zentral organisiertes Nervensystem wie wir.“ Weil Pflanzen nicht sind wie wir, zählen sie nicht. Nein, wir sind gar nicht anthropozentrisch, aber nicht doch!

Als letztes Mittel wird folgendes Scheinargument verwendet: Selbst wenn Pflanzen empfindungsfähig sein sollten, sind sie dies 1. wahrscheinlich schwächer als Tiere und Menschen. Außerdem würden ja 2. bei allgemein praktiziertem Veganismus viel weniger Pflanzen genutzt, weil der Umweg über die tierische Veredelung wegfiele. Es würde also 3. auf jeden Fall weniger Leid entstehen, Veganismus sei moralisch geboten.

1. Dass eine Pflanze irgend etwas subjektiv schwächer empfindet, sofern sie denn etwas empfindet, weiß kein Mensch. Darüber lässt sich keine Aussage treffen.

2. Dass bei allgemeinem Veganismus weniger Pflanzen verbraucht werden würden, ist graue Theorie. Wahrscheinlicher ist, dass man viele Planeten zusätzlich brauchen würde, um dort die Pflanzen für den Kompost anzubauen, der zur Düngung notwendig wäre. Bevor diese Planeten entdeckt wären, wären hienieden fast alle Menschen verhungert. Dann würden tatsächlich weniger Pflanzen getötet. Schöne Aussichten!

3. Der Philosoph Hans Werner Ingensiep antwortet in seinem Buch Geschichte der Pflanzenseele darauf folgendermaßen: Man kann sich durchaus vorstellen, das Vieh nur synthetisch, ohne Rückgriff auf pflanzliche Kost zu ernähren. Unter diesen Umständen wäre plötzlich der Fleischkonsum moralisch geboten und der Pflanzenkonsum moralisch verwerflich, „weil Vegetarier (oder Bücherleser) dann – auf die Zahl und das Gewicht der Individuen bezogen – wesentlich mehr Leid in die Welt brächten als Fleischesser.“ 

Fazit

Es bleibt schwierig, vor allem für Tierethiker.