Die Gefühle haben Schweigepflicht


 
Obwohl Tierethiker auf Kritik oft wie Mimosen reagieren,
 wollen sie nicht glauben, dass Pflanzen Gefühle haben. 

Stumpfe Pflanzen?
Ich habe soeben ein neueres Buch der renommierten Tierethikerin Ursula Wolf erstanden (2012). Ich schlage es mittendrin auf und lese in einer Fußnote: »Die angeblichen Belege für das Fühlen von Pflanzen können inzwischen als widerlegt gelten.« Als einzigen Beleg für diese Behauptung weist Frau Wolf auf ein Werk der Biologin Marian Stamp Dawkins aus dem Jahre 1982 (!) hin. Was bedeutet hier also »inzwischen«? Dass Frau Wolf sich seit 1982 nicht mehr mit dem Thema befasst hat? Jedenfalls ist inzwischen die Pflanzenneurobiologie groß in Mode. Urvater: Charles Darwin. So widerlegt, wie Frau Wolf meint, scheint die von ihr kritisierte Auffassung wohl nicht zu sein.

Die zitierte Marian Dawkins betont übrigens in ihren Werken ausdrücklich, dass Hierarchisierungen nach Leidensfähigkeit oder Grenzziehungen zwischen höheren und niederen Tieren auf der Basis empirischer Daten unmöglich ist. Frau Wolf will aber den Lesern mit ihrer Bemerkung über die stumpfen Pflanzen weismachen, dass eine solche Hierarchisierung aufgrund biologischer Daten möglich sei. Marian Dawkins ist in dieser Sache also gar nicht ihr Buddy.

Zarte Pflänzchen
»Nein. Pflanzen sind viel empfindungsfähiger als wir und besitzen neben unseren mindestens fünfzehn weitere Sinne,« schreibt der italienische Pflanzenphysiologe Stefano Mancuso in seinem Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« (2015). 
Dass Pflanzen nichts fühlen können, weil sie keine Nerven und Muskeln haben, ist eine anthropozentrische Vorstellung, welche Tierethikern nicht gestattet ist, die sich ständig über den Anthropozentrismus und »Speziesismus« anderer mokieren. Wenn es um Pflanzen geht, fallen Tierethiker regelmäßig in die Grube, die sie anderen graben (genau genommen fallen sie schon bei den wirbellosen Tieren in diese Grube).

Mancuso: »Überraschenderweise ähneln die heutigen Argumente häufig denen der Antike. Sie gründen weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als vielmehr auf dem ‚gesunden Menschenverstand‘ und zahllosen Vorurteilen, die unsere Kultur seit Jahrtausenden prägen«. Alles fühlt, meint der Biologe und Philosoph Andreas Weber: »Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.« 

Wenn schon, denn schon!
Mitgefangen, mitgehangen. Die einzig kohärente Position ist daher, alle Lebewesen als moralisch vollkommen gleichwertig zu betrachten, wenn man nicht anthropozentrisch sein will. Das Unangenehme an dieser Position ist allerdings, dass sie ethisch ins Absurde führt und leider den Menschen zur Selbstabschaffung verdonnert. Aber diese Absurdität muss man – wie Albert Schweitzer – dann eben aushalten und sich konsequenterweise vom rationalen Diskurs verabschieden. 

Es wäre viel gewonnen, wenn die Tierethiker den Lesern wenigstens ihre end- und sinnlose Kasuistik ersparen könnten, bei der sie penibel Austern ins Töpfchen werfen und Mollusken ins Kröpfchen usw., bloß um den inhärenten Unfug ihres Treibens plausibel erscheinen zu lassen.

(O weh – jetzt muss ich ja das ganze Buch von Ursula Wolf lesen! Da habe ich mir ja wieder was eingebrockt.)