Wieso? Weshalb? Vegan!

Hilal Sezgin hat ein Jugendbuch zum Thema Veganismus und Tierrechte geschrieben. Der Verlag preist es bereits jetzt als das „neue Standardwerk für junge Veganer“. Diese Prophezeiung könnte sich bewahrheiten. Leider.

Bereits auf den ersten Seiten rückt die Autorin der Jugend mit einschlägigen Signalwörtern über Tierhaltung zuleibe. Sklaverei, Kidnapping, Mord, Hinrichtung. Kleinere Kaliber taugen nicht als Munition im Befreiungskampf. Es soll schließlich niemand auf Toleranzgedanken kommen. Jegliche Bemühungen, die Nutztierhaltung zu verbessern, seien prinzipiell Augenwischerei, Tierschutzlabels allesamt Betrug am Kunden. Fleischproduktion müsse verboten werden.

Warum? Darum. Das ist Sezgins ganze Ethik. Schlüssig begründet wird im Buch nirgends etwas, obwohl viel philosophisches Wortgeklingel darin vorkommt. Statt dessen wird dogmatisch behauptet, falsch interpretiert und manipuliert. Von Wahrheit ist im Buch verdächtig oft die Rede. Wer bezweifelt, dass Tiere das wollen, was Frau Sezgin will, verleugnet „die Wahrheit“ und „lässt sie nicht an sich heran“.

Tiere dürfe man nicht töten, weil sie ein Recht auf die Chance hätten, „aufzuwachsen und ein glückliches Leben zu führen.“ Tiere strebten wie Menschen nach Glück. Dieses Glück bestünde unter anderem im Ausleben „arttypischer Verhaltensweisen“. Tiere seien glücklich, wenn sie sich bewegen, Liebe machen, spielen, an der frischen Luft sein können und vieles andere mehr. Das weiß Sezgin alles ganz genau.

Sie behauptet allerdings zugleich, dass „ Glück nicht objektiv, von außen bemessen werden kann, sondern nur aus der Innensicht.“ Doch woher nehmen, wenn nicht phantasieren? Niemand verfügt über die Innensicht eines anderen. Tiere sind zudem nicht der menschlichen Sprache mächtig und können Menschen daher diesbezüglich nicht informieren. Sezgin kann daher unmöglich wissen, wie die Tiere jeweils ihr Glück bemäßen, wenn sie es denn erstrebten. Ob ein Schwein lieber kastriertes Hausschwein oder unkastriertes Wildschwein wäre – darüber müsste sie schweigen.

Das arttypische Verhalten vieler Tiere besteht überdies auch darin, gewohnheitsmäßig den eigenen Nachwuchs zu killen. Sie müssten daher ein Recht auf die Chance haben, ihren Artgenossen jede Chance zu nehmen, anderen Artgenossen jede Chance zu nehmen. Doch den Infantizid meint Sezgin selbstverständlich nicht. Sie meint mit arttypischem Verhalten immer nur artiges Verhalten.

Sehr unartig ist die Autorin bei ihren Manipulationsversuchen. Schon auf den ersten Seiten präsentiert sie eine Grafik, die vorgeblich das übliche Schlachtalter diverser Nutztierarten mit deren „natürlicher Lebenserwartung“ kontrastiert. Zum Beispiel: Schlachtalter Schwein: 6 bis 7 Monate, „natürliche Lebenserwartung“: 15 bis 20 Jahre.

Letzteres ist aber nicht die Lebenserwartung (ein Durchschnittswert), sondern der Maximal-Wert, den domestizierte Arten und deren Wildformen in menschlicher Obhut erreichen. Es gibt keine „natürliche Lebenserwartung“ von Tieren, die der künstlichen Selektion unterliegen. Vergleicht man daher korrekterweise die Durchschnittswerte von Haus- und Wildform, werden Wildschweine nicht so alt wie Zuchtsauen (3 bis 5 Jahre), Wildhühner kaum älter als Masthähnchen, Wildrinder nicht so alt wie Milchkühe usw.

Außerdem hätte sie als Philosophin an dieser Stelle klären müssen, wie sinnvoll es ist, die menschliche Zeitvorstellung auf Tiere zu übertragen. Sie kann ja – siehe oben – gar nicht wissen, ob Tiere ihr Glück in Zeitquanten „bemessen“.

Mit Fakten und deren seriöser Interpretation steht Sezgin generell auf Kriegsfuß. Jedes Weltproblem wird gnadenlos vor den veganen Karren gespannt. Das Ganze Werk ist obsessiv monokausal und überspannt.